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"Dialektik ohne Dogma? Naturwissenschaft und Weltanschauung" enthält insgesamt elf Lektionen von Havemanns Vorlesungsreihe, ergänzt durch die Protokolle von drei Seminaren und Havemanns programmatische Rede "Hat Philosophie den modernen Naturwissenschaften bei der Lösung ihrer Probleme geholfen?" auf der Tagung "Die fortschrittlichen Traditionen in der deutschen Naturwissenschaft des 19. und 20. Jahrhunderts", Leipzig, September 1962.
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Seitenzahl: 309
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Robert Havemann
Dialektik ohne Dogma?
Naturwissenschaft und Weltanschauung
Ihr Verlagsname
Hat Philosophie den modernen Naturwissenschaften bei der Lösung ihrer Probleme geholfen?
Naturwissenschaftliche Aspekte philosophischer Probleme
Hat Philosophie den modernen Naturwissenschaften bei der Lösung ihrer Probleme geholfen?
Naturwissenschaftliche Aspekte philosophischer Probleme
Robert Havemann, geboren am 11. März 1910 in München, studierte 1929 bis 1933 Chemie in München und Berlin, promovierte zum Dr. phil. mit einer physikalisch-chemischen Arbeit, die er am Kaiser-Wilhelm-Institut für physikalische Chemie und Elektrochemie in Berlin-Dahlem ausführte. 1933 wurde er von den Nazis aus dem Institut entfernt. Später fand er eine Assistentenstelle an der Universität in Berlin. Er trat 1932 der KPD bei, betätigte sich nach 1933 in der illegalen Widerstandsgruppe «Neu beginnen». Während des Krieges begründete er mit seinem Freund Dr. Georg Groscurth die Widerstandsgruppe «Europäische Union». 1943 habilitierte er sich an der Universität Berlin, wurde aber im selben Jahr vom Volksgerichtshof unter Freisler zum Tode verurteilt. Er erhielt befristeten und bis Kriegsende immer wieder verlängerten Vollstreckungsaufschub, da er in einem im Zuchthaus Brandenburg eingerichteten Laboratorium Forschungsarbeiten für das Heereswaffenamt auszuführen hatte. Im Zuchthaus gab er – im Besitze eines geheimen Radios – eine illegale Zeitung heraus. 1945 wurde er Leiter der Kaiser-Wilhelm-lnstitute in Berlin-Dahlem, 1950 aber zum zweitenmal aus demselben Institut wegen eines Artikels gegen die amerikanische Wasserstoffbombe fristlos entlassen. Havemann war seit 1949 Mitglied der Volkskammer der DDR (bis 1963), 1950 bis 1964 Direktor des Physikalisch-chemischen Instituts der Humboldt-Universität und Ordinarius für physikalische Chemie. Er wurde 1959 mit dem Nationalpreis der DDR ausgezeichnet, war korrespondierendes Mitglied der Deutschen Akademie der Wissenschaften und arbeitete im Forschungszentrum Adlershof der Akademie als Leiter der Arbeitsstelle für Photochemie. Veröffentlichungen: ein Lehrbuch (Thermodynamik) und über hundert wissenschaftliche Publikationen.
Philosophische Probleme haben viele Aspekte. Ich will mich hauptsächlich mit den naturwissenschaftlichen befassen, obwohl es unvermeidlich sein wird, daß ich dabei auch zu Fragen gelangen werde, die vielleicht nicht in das Ressort eines Naturwissenschaftlers gehören. Ich halte diese Vorlesung schon seit vielen Jahren; allerdings sage ich in jedem Jahr etwas Neues. Das liegt wohl im Wesen der Naturwissenschaft, die mehr daran interessiert ist, neue Dinge kennenzulernen, als immer nur zu wiederholen, was man schon weiß. Ich kann wohl mit Recht annehmen, daß das jetzt so große Interesse für diese Vorlesung damit zusammenhängt, daß ich vor einiger Zeit in Leipzig einen Vortrag gehalten habe, in dem ich mich mit der Frage befaßte, ob Philosophie in irgendeiner Form den modernen Naturwissenschaften bei der Lösung ihrer Probleme geholfen hat. Ich habe damals diese Frage im wesentlichen verneint. Das soll aber nicht heißen – das habe ich auch in Leipzig deutlich gesagt –, daß ich die Philosophie für prinzipiell unfähig halte, den Einzelwissenschaften zu helfen. Im Gegenteil, ich glaube, daß Philosophie eine außerordentliche Bedeutung bei der Lösung theoretischer Fragen auch der Naturwissenschaften hat. Trotzdem ist bei einigen Lesern des Manuskriptes meines Vortrages und besonders bei den Lesern gewisser Auszüge, die veröffentlicht worden sind – allerdings sehr beschränkte Auszüge, die auch nicht von mir gemacht worden waren –, teilweise ein falscher Eindruck entstanden, der Eindruck nämlich, als ob ich nicht nur die Philosophie im allgemeinen für ungeeignet hielte, irgendeine Hilfestellung bei der Lösung theoretischer Probleme der Naturwissenschaften zu leisten, sondern daß ich insbesondere den dialektischen Materialismus als eine ganz ungeeignete Philosophie in dieser Frage ansehe. Zur Charakterisierung dieses falschen Eindrucks möchte ich aus einem Brief zitieren, den ich von Max Born hierzu erhalten habe. Er schreibt mir: «Für einen Außenstehenden ist es natürlich schwer verständlich, daß Sie alle wesentlichen Züge des dialektischen Materialismus ablehnen und sich doch zu ihm bekennen.» Ich möchte in der Vorlesung klarlegen, daß Max Born hier einem allerdings sehr verständlichen Mißverständnis unterliegt. Der Grund hierfür ist, daß in weiten Kreisen der Naturwissenschaftler und überhaupt in der weiten Welt für dialektischen Materialismus etwas gehalten wird, was gar kein dialektischer Materialismus ist. Die Schuld für diese falsche Vorstellung von dem Wesen des dialektischen Materialismus tragen allerdings nicht die Naturwissenschaftler, sondern gerade diejenigen, die man als die «offiziellen» Vertreter des dialektischen Materialismus bezeichnen muß. Ich habe mich in meinem Leipziger Vortrag deshalb auch gar nicht gegen den dialektischen Materialismus gewandt, sondern im Gegenteil gerade dafür eingesetzt, daß er zu voller Wirkung gebracht wird. Ich halte ihn für die höchstentwickelte Form der Philosophie unserer Zeit. Notwendig ist nur klarzustellen, worin das Wesen dieser Philosophie besteht und wie es zu den zeitweiligen Entstellungen und Verzerrungen dieser Philosophie kommen konnte.
Ich möchte in diesem Zusammenhang ein Wort von Friedrich Engels zitieren, das mir für den ganzen Gegenstand außerordentlich wichtig erscheint. Er schreibt in seinem Buch «Dialektik der Natur»: «Die Naturforscher glauben sich von der Philosophie zu befreien, indem sie sie ignorieren oder über sie schimpfen. Da sie aber ohne Denken nicht vorankommen, und zum Denken Denkbestimmungen nötig haben, diese Kategorien aber unbesehen aus dem von den Resten längst vergangener Philosophien beherrschten gemeinen Bewußtsein der sog. Gebildeten oder aus dem bißchen auf der Universität zwangsmäßig gehörter Philosophie oder aus unkritischer und unsystematischer Lektüre philosophischer Schriftsteller aller Art nehmen, so stehen sie nicht minder in der Knechtschaft der Philosophie, meist aber leider der schlechtesten und die, die am meisten auf die Philosophie schimpfen, sind Sklaven gerade der schlechtesten, vulgarisierten Reste der schlechtesten Philosophen.»[*] Leider wird unser Denken eben stets von Denkgewohnheiten beherrscht, die aus vielen Vorurteilen zusammengesetzt sind, wobei wir oft viele dieser Vorurteile noch dazu für evidente Wahrheiten halten. Gerade bei der Lösung der Probleme, die heute herangereift sind, bereiten diese alten Denkgewohnheiten die Hauptschwierigkeit. Andererseits möchte ich hier aber einen zweiten Satz von Engels zitieren, der sich direkt an den eben zitierten anschließt. Es heißt da: «Die Naturforscher mögen sich stellen, wie sie wollen, sie werden von der Philosophie beherrscht. Es fragt sich nur, ob sie von einer schlechten Modephilosophie beherrscht werden wollen oder von einer Form des theoretischen Denkens, die auf der Bekanntschaft mit der Geschichte des Denkens und deren Errungenschaften beruht. Die Naturforscher fristen der Philosophie noch ein Scheinleben, indem sie sich mit den Abfällen der alten Metaphysik behelfen. Erst wenn Natur- und Geschichtswissenschaft die Dialektik in sich aufgenommen, wird all der philosophische Kram – außer der reinen Lehre vom Denken – überflüssig, verschwindet in der positiven Wissenschaft.»[*] Diese Worte von Engels werden oft als positivistisch angesehen, wenn man nämlich unter Positivismus die Einstellung versteht, daß Philosophie überflüssig und bedeutungslos sei, daß alles auf unsere positiven Kenntnisse von der Wirklichkeit allein ankommt, daß alle darüber hinausgehenden Verallgemeinerungen weder wissenschaftliche Beweiskraft hätten noch für die weitere Entwicklung der Wissenschaft wichtig seien. Diese positivistische Interpretation kann aber nicht in Einklang gebracht werden mit Engels’ Darlegung über die Bedeutung, die das Bewußtwerden des dialektischen Denkens in den Köpfen der Menschen für ihre schöpferische Tätigkeit hat. Denn das Bewußtwerden der Dialektik bedeutet ja u.a. gerade die Befreiung unseres Denkens von der Beschränktheit des «Fach-Denkens».
Ich werde in diesen Vorlesungen einige Beispiele darlegen, wie man durch dialektisches Denken zum tieferen Zusammenhang und zum Wesen der Erscheinungen vordringt. Daß das eine materialistische Dialektik, eine moderne, der Naturwissenschaft entsprechende sein wird, liegt einfach an der Entwicklungsstufe unserer Gesellschaft. Zwar ist der Materialismus so alt wie die Philosophie, aber er wurde im Laufe der geschichtlichen Entwicklung des menschlichen Denkens vorübergehend durch den Idealismus negiert. Die ursprüngliche naive Philosophie der Alten, der Vorsokratiker und der ionischen Naturphilosophen, war im wesentlichen materialistisch. Je weiter wir in der Geschichte der Philosophie zurückgehen, um so mehr finden wir eine Einheit zwischen allen Wissenschaften und der Philosophie, sogar eine Identität der Philosophie mit allen Wissenschaften, und diese Einheit war zugleich naiver, ursprünglicher Materialismus. Engels sagt: «Die antike Philosophie war ursprünglicher, naturwüchsiger Materialismus. Als solcher war sie unfähig, mit dem Verhältnis des Denkens zur Materie ins reine zu kommen. Die Notwendigkeit aber, hierüber klarzuwerden, führte zur Lehre von einer vom Körper trennbaren Seele, endlich zum Monotheismus. Der alte Materialismus wurde also negiert durch den Idealismus.»[*] Der Idealismus ging – philolophisch gesehen – hervor aus der Unlösbarkeit des Problems des Verhältnisses von Sein und Bewußtsein. Inzwischen aber hat sich die Welt dank der phantastischen Entwicklung der modernen Wissenschaft vollständig verändert. Der Aspekt, den die Welt von heute bietet, ist ein gänzlich anderer geworden. Die Seiten, die die Wirklichkeit heute unseren Blicken darbietet, sind unvereinbar mit einer idealistischen Spaltung des Weltbildes. Sie erfordern gebieterisch die Herstellung einer neuen Einheit. Wie Engels sagt, ein neuer Materialismus muß entstehen, der seinerseits den Idealismus negiert: «Dieses, die Negation der Negation, ist nicht die bloße Wiedereinsetzung des alten (Materialismus), sondern fügt zu den bleibenden Grundlagen desselben noch den ganzen Gedankeninhalt einer zweitausendjährigen Geschichte selbst. Er ist überhaupt keine Philosophie mehr, sondern eine einfache Weltanschauung, die sich nicht in einer aparten Wissenschaftswissenschaft, sondern in den wirklichen Wissenschaften zu bewähren und zu betätigen hat. Die Philosophie ist hier also ‹aufgehoben›, d.h. sowohl überwunden als aufbewahrt; überwunden ihrer Form, aufbewahrt ihrem wirklichen Inhalt nach.»[*]
