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«Seit jenen Novembertagen 1976 lebe ich nun mit meiner Familie hier draußen in Grünheide unter den sehr merkwürdigen Bedingungen, die sich ein krankhaftes Gehirn ausgedacht haben mag. Der Zweck dieser Übung ist sicherlich nicht, irgendwelche Ermittlungen gegen mich durchzuführen, denn was über mich zu wissen ist oder was man brauchen möchte, um gegen mich vorzugehen, da bedarf es keiner weiteren neuen Erkenntnisse, sondern der Sinn der Sache ist ganz offensichtlich, mir die DDR zu verekeln, mich hier rauszuekeln und rauszutreiben, man will mich loswerden. Man will, daß ich auch den Weg der anderen gehe, es vorziehe, meine Zelte abzubrechen und mein Heil im Westen zu suchen. Und das geschieht nun schon seit über achtzehn Monaten und jährt sich im November und ein Ende ist nicht abzusehen.»
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Seitenzahl: 216
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Robert Havemann
Herausgegeben von Manfred Wilke
Ein deutscher Kommunist
Rückblicke und Perspektiven aus der Isolation
Ihr Verlagsname
Mit einem Nachwort von Lucio Lombardo Radice
«Seit jenen Novembertagen 1976 lebe ich nun mit meiner Familie hier draußen in Grünheide unter den sehr merkwürdigen Bedingungen, die sich ein krankhaftes Gehirn ausgedacht haben mag. Der Zweck dieser Übung ist sicherlich nicht, irgendwelche Ermittlungen gegen mich durchzuführen, denn was über mich zu wissen ist oder was man brauchen möchte, um gegen mich vorzugehen, da bedarf es keiner weiteren neuen Erkenntnisse, sondern der Sinn der Sache ist ganz offensichtlich, mir die DDR zu verekeln, mich hier rauszuekeln und rauszutreiben, man will mich loswerden. Man will, daß ich auch den Weg der anderen gehe, es vorziehe, meine Zelte abzubrechen und mein Heil im Westen zu suchen. Und das geschieht nun schon seit über achtzehn Monaten und jährt sich im November und ein Ende ist nicht abzusehen.»
Robert Havemann (1910–1982) war Chemiker, Kommunist, Widerstandskämpfer gegen den Nationalsozialismus und Regimekritiker in der DDR.
Seit November 1976 wird Robert Havemann als ein politisch Aussätziger in Quarantäne gehalten. Mit diesen Maßnahmen der Staatsorgane der DDR soll der «reale Sozialismus» in diesem Land vor den Ansichten und der öffentlichen Kritik des Kommunisten Robert Havemann geschützt werden. Sein Beispiel soll keine Schule machen. Wen treffen all diese Maßnahmen?
Einen Mann,
der 1932 Mitglied der KPD wurde
der 1943 vom «Volksgerichtshof» unter Vorsitz von Roland Freisler wegen «Hochverrats» zum Tode verurteilt wurde
der 1945 von der Sowjetarmee aus der Todeszelle befreit wurde
dem 1950 in Westberlin als Chemiker wegen seiner Agitation gegen die amerikanische Wasserstoffbombe Berufsverbot erteilt wurde
der von 1950 bis 1964 als ordentlicher Professor für physikalische Chemie und Direktor des Physikalisch-chemischen Instituts an der Humboldt-Universität lehrte
der von 1950 bis 1963 Mitglied der Volkskammer war
der seit seiner berühmten Vorlesung «Naturwissenschaftliche Aspekte philosophischer Probleme» im Wintersemester 1963/64, die als «Dialektik ohne Dogma?» weltbekannt wurde, «im Streit» mit seinen «realsozialistischen» Genossen im Politbüro der SED lebt.
Am 26.11.1976 verhängte das Kreisgericht Fürstenwalde über Robert Havemann einen Hausarrest, den er auf seinem Grundstück in Grünheide «absitzen» muß. Der Hausarrest wurde unbefristet ausgesprochen. Die Straße, an der sein Grundstück liegt, wurde abgesperrt, und eine Wachmannschaft des «Ministeriums für Staatssicherheit» der DDR überwacht seitdem rund um die Uhr nicht nur ihn, sondern die ganze Familie Havemann. Ob Ehefrau Katja zum Bäcker geht, Tochter Franzi mit Kindern spielen will, die «Stasi» ist immer dabei. – Allerdings wurde Havemann gestattet, mit «Eskorte» nach Berlin zu fahren, dort besucht er u.a. die Ärzte, bei denen er in Behandlung ist, und seine engsten Anverwandten. Hierauf hat er nach den Buchstaben des Urteils von Fürstenwalde, das er bis zum heutigen Tag nicht schriftlich ausgehändigt bekam, keinen Anspruch, sondern es handelt sich um «reine Großmut» der zuständigen Organe bei der Urteilsvollstreckung.
Alle Versuche Robert Havemanns, auf die einfache Frage: Was darf ich eigentlich, und was darf ich nicht? eine ebenso eindeutige Antwort zu erhalten, wurden immer mit der gleichen stereotypen Antwort abgewiesen: Sie dürfen sich auf Ihrem Grundstück aufhalten. Allenfalls ließ man sich noch zu dem Nachsatz herab, bei weitergehenden Wünschen dürfe er sich an die zuständigen Organe wenden, die darüber entscheiden würden. «Ein Ende ist nicht abzusehen.»
Der mit diesem Buch vorgelegte Text mußte gesprochen, konnte nicht geschrieben werden. Es ist ein Dialog, aber eben kein Gespräch. Ich habe Robert Havemann Fragen zukommen lassen; er hat sie beantwortet – offen, direkt, ohne die Stringenz der schriftlichen Ausarbeitung, aber mit der Unmittelbarkeit des Betroffenen. Das Buch erscheint auch als Protest gegen eine Situation, in der mit Robert Havemann nicht gesprochen werden kann, gegen die Quarantäne, die erreichen soll, daß Robert Havemann aus dem öffentlichen Bewußtsein verschwindet, daß er vergessen wird.
Berlin, 26.7.1978
Manfred Wilke
1978 überraschte das Buch in der DDR das Ministerium für Staatssicherheit, das seit 1976 den Hausarrest von Havemann überwachte. Erst durch die Ankündigung des Rowohlt Verlages erfuhr die Staatssicherheit von seiner Existenz. In der Bundesrepublik führte Havemanns Feststellung zu Irritationen, der Untergang des SED-Staates bedürfe nur noch weniger Anstöße von außen. Ihm wurde Wunschdenken unterstellt, verursacht durch die Isolation von der Wirklichkeit des geteilten Deutschland. Ziel des Buches war es, seinen Hausarrest zu beenden – das gelang. Der Minister für Staatssicherheit, Erich Mielke, wollte wissen, wer dieser Herausgeber war. Schon im Mai 1978 verfasste das MfS eine Einschätzung meiner Person: «Die vorliegenden Informationen lassen erkennen, dass Wilke als Mitorganisator und als Inspirator des politischen Untergrundes und seinen Erscheinungsformen in der DDR auftritt und gleichzeitig versucht feindliche Absichten gegen die DDR in der BRD und im kapitalistischen Ausland zu koordinieren und zu intensivieren.» Dies war gewiss zu viel der Ehre. Das MfS hatte aber sehr wohl registriert, dass ich im Rowohlt Verlag 1975 mit Rudi Dutschke den Band «Die Sowjetunion, Solschenizyn und die westliche Linke» herausgegeben hatte, an dem sich auch Havemann mit einem Beitrag beteiligt hatte. Trotz Publikationsverbots in der DDR erhob er weiter seine Stimme, er verstand das als «Einmischung in die eigenen Angelegenheiten!» 1989 kam das von ihm vorausgesehene Ende der DDR, das er leider nicht mehr erleben durfte.
Berlin, 2017
Manfred Wilke
«Ich denke ja gar nicht daran, die DDR zu verlassen, wo man wirklich auf Schritt und Tritt beobachten kann, wie das Regime allen Kredit verliert …»
Robert Havemann hat im Wintersemester 1963/64 an der Humboldt-Universität in Berlin eine Vorlesung gehalten, die zum Anlaß genommen wurde, ihn 1964 aus der Partei auszuschließen – ihn dann ab 1965 mit Berufsverbot aus dem akademischen Leben zu entfernen. Begründet wurde dieses Berufsverbot mit einem Interview, das Havemann seinerzeit dem «Spiegel» gegeben hatte und in dem er für die Wiederzulassung der KPD in der Bundesrepublik bestimmte Verhaltenstaktiken der westdeutschen Kommunisten empfahl. Im folgenden Kapitel beantwortet Robert Havemann meine Fragen nach diesen Ereignissen – er geht auf seine Freundschaft zu Wolf Biermann ein und beschreibt die peinlichen Umstände seiner Halbgefangenschaft im eigenen Haus.
Die Fragen
Wie kam es zu der Vorlesung im Wintersemester 1963/64, und was wollten Sie damit erreichen?
Rechneten Sie mit Ihrem 1964 erfolgten Parteiausschluß, und wie hat er Sie getroffen?
Wie erfolgte und vollzog sich Ihr Berufsverbot?
Begründet wurde Ihr Berufsverbot 1965 mit einem Artikel, den Sie als Plädoyer zur Neugründung einer Kommunistischen Partei in der Bundesrepublik im «Spiegel» veröffentlicht hatten. Formal hat sich die DKP bei ihrer Gründung 1968 genau an Ihren Vorschlag gehalten. Hat sich irgendwann einmal ein Spitzenfunktionär der DKP für Ihre gute Idee von 1965 bedankt?
Biermann und Havemann – diese Namen standen von 1964 bis 1976 für sozialistische Opposition in der DDR. Seit über einem Jahr fehlt Ihnen Wolf Biermann, was bedeutet er Ihnen?
Biermann-Ausbürgerung, Verhaftung von Fuchs, Kunert, Pannach u.a., Isolierung, Kontaktverbot mit dem Westen, Besuch von Lombardo Radice im März 1977 (erstmals besucht ein ZK-Mitglied einer westlichen kommunistischen Partei einen osteuropäischen «Dissidenten»), Charta 77 in Prag – was empfand Robert Havemann bei all diesen Ereignissen?
Wie sahen Ihre Kontakte zur DDR-Bevölkerung, früheren Kollegen und insbesondere der DDR-Jugend in der Zeit von 1965 bis 1976 aus? Hatten Sie z.B. einen umfangreichen Briefwechsel?
Ich war ja von Anfang an daran beteiligt, eine neue, bessere, eine sozialistische Universität zu schaffen. Auch als meine Kritik an bestimmten Erscheinungen immer schärfer wurde, auch an der Politik der Partei außerhalb der Universität überhaupt, auch dann noch war innerhalb der Universität und innerhalb der Grundorganisation der SED, zu der ich gehörte, all mein Streben darauf gerichtet, die Politik der DDR positiv zu beeinflussen und weiterzuführen, um sie aus ihrer Sackgasse herauszubekommen. Ich hatte eine sehr feste Position innerhalb der Grundorganisation der Chemiker. Meine Genossen waren fast ausnahmslos meine Freunde und ich ihr Freund. Wir hatten ein offenes Verhältnis zueinander ohne irgendwelche Hemmungen vor schärfster Kritik, auch an meiner Person. Wir lebten zusammen in einer Gemeinschaft, die ich immer als ganz hervorragend empfunden habe. Mit vielen dieser Leute, dieser jungen Kommunisten und Wissenschaftler verbindet mich noch heute eine sehr freundschaftliche Beziehung, obwohl wir uns nur sehr selten sehen können, im Interesse ihrer Existenz. Meine Vorlesung diente im Grunde dem Ziel, der Partei zu helfen, sie war nicht gehalten worden, um ihr Schwierigkeiten zu machen.
Ich hatte mich häufig mit Kurt Hager darüber unterhalten, für wie ungenügend ich den philosophisch-ideologischen marxistischen Unterricht in dem sogenannten gesellschaftswissenschaftlichen Grundstudium halte, überhaupt, was für eine verballhornte und oberflächliche Form des dialektischen Materialismus an der Universität vertreten wird. Ich habe ihm oft gesagt: «Ich will mal ein Buch schreiben, in dem der dialektische Materialismus auf der Höhe der Zeit dargestellt wird, soweit mir das eben gelingen kann.» Und so hatte ich schon mindestens seit 1960, wenn nicht schon früher, jedes Jahr meine Vorlesungen gehalten unter dem Titel «Naturwissenschaftliche Aspekte philosophischer Probleme». Ich hatte im ersten Jahr vielleicht fünf bis zehn Hörer, aber ich hielt durch. Das war natürlich eine Vorlesung ganz anderen Inhalts als die, die ich 1964 hielt. Sie beschäftigte sich zwar mit ähnlichen Problemen, war aber sehr viel mehr auf rein naturwissenschaftliche Fragen beschränkt. Das ging nun so von Jahr zu Jahr. Immer wieder meldete ich die Vorlesungen an, die Zahl meiner Hörer wuchs immer ein wenig mehr. Schließlich, im Wintersemester 1962/63, wurde meine Vorlesung sogar offizieller Bestandteil des gesellschaftswissenschaftlichen Grundstudiums. Damals hatte ich ungefähr zweihundert Hörer. Aber das waren Hörer, die mußten kommen. Immerhin, sie kamen.
Schon in den Jahren 1957 bis 1959 hatte ich häufiger erheblichen Streit mit der Partei, hauptsächlich mit den Philosophen, die die Niederlage, die sie 1956 erlitten hatten, nicht verwinden konnten. Mehrmals wurden vom philosophischen Institut der Humboldt-Universität Diskussionen organisiert, die letzten Endes nur die Aufgabe hatten, mich zu desavouieren und mich als Revisionisten zu brandmarken. Aber mir machten diese Streitgespräche großen Spaß, und es war wirklich ein Vergnügen, mit diesen Leuten, die ihren Marxismus nicht ordentlich studiert hatten, zu streiten. Ich kann mich noch an eine Diskussion erinnern, wo schließlich einer der Hauptdrahtzieher dieser ideologischen Streitereien, der Genosse Gerhard Zweiling, plötzlich vor die Versammlung hintrat und erklärte, daß irgendein hohes Gremium beim Staatssekretariat für Hochschulwesen erklärt hätte, daß meine Meinung parteifeindlich und staatsfeindlich wäre und es deswegen gar nicht zulässig sei, sich überhaupt mit mir zu unterhalten. Daraufhin wollte man mir nicht das Wort zur Erwiderung geben. Aber zufällig war ein Mann da, den sie eigentlich als ihren Zeugen, einen naturwissenschaftlichen Kronzeugen, vorgesehen hatten, nämlich der Genosse Segal, ein physiologischer Chemiker. Dieser trat seine Wortmeldung, als er an der Reihe war, an mich ab, so daß ich dann kurzerhand erklären konnte, daß ich unter diesen Umständen, wenn tatsächlich ein solcher Beschluß vorläge, es selbst aus Parteidisziplin vorzöge, die Diskussion nun abzubrechen. Mit mir zusammen zogen etwa die Hälfte der Anwesenden aus dem Versammlungslokal aus. Das empfanden die anderen natürlich als eine furchtbare Beleidigung, und es gab einen entsetzlichen Krach. Trotzdem kamen sie damit in keiner Weise zu einem Ziel.
Auch in der Parteiorganisation der Humboldt-Universität selbst gab es ständig Versuche, mir Schwierigkeiten zu machen. Es wurden Parteiversammlungen veranstaltet, in denen ich verurteilt und zur Rechenschaft gezogen wurde. Den Höhepunkt bildete schließlich eine Hochschulkonferenz, auf der ich zwischen zwei Feuer geriet: Einerseits waren da die Radikalinskis von der Humboldt-Universität und die dortigen Parteileute und Professoren und andererseits einige Leute im Zentralkomitee, die offenbar an diesem Streit weniger interessiert waren. Die letzteren hatten mich aufgefordert, zu einem ganz bestimmten Thema zu sprechen, und zwar genau zehn Minuten lang, und mich auf diese Sachen überhaupt nicht einzulassen. Nachdem ich mein Thema, das ich schriftlich formuliert hatte, so langweilig wie möglich abgelesen hatte, gab es einen Riesentumult. Die Leute verlangten, ich sollte öffentlich in der Versammlung Stellung zu den Angriffen gegen mich beziehen. Ich zog dann gegen die andern ganz furchtbar vom Leder, was zur Folge hatte, daß ein Beschluß gefaßt wurde, mich wegen parteiunwürdigen Verhaltens zu kritisieren oder zu verurteilen. Während ich da noch als Aussätziger in der Masse der Delegierten saß – es war eine große Versammlung –, schickte die anwesende sowjetische Delegation, die sich im Präsidium befand, einen Mann, den ich schon kannte, den Philosophen Jan Vogeler, den Sohn des Malers Heinrich Vogeler, der fließend Deutsch und Russisch spricht, zu mir und ließ mir im Auftrage des Leiters der Delegation, ich habe leider den Namen dieses Mannes vergessen, einen Gruß bestellen, und ich sollte mich gar nicht beunruhigen, das wären alles völlig nebensächliche Dinge, es würden für mich daraus keine Folgen entstehen. Ich hatte damals offenbar in der Sowjetunion oder zumindest bei gewissen Kreisen der sowjetischen Partei starke Rückendeckung in meinem Streit mit der SED.
Im Laufe der Jahre trat ich auch auf verschiedenen Konferenzen von Philosophen und Naturwissenschaftlern in der DDR, in Leipzig und der ČSSR auf, hielt dort Vorträge zum Thema Spontaneität und Bewußtheit, wobei ich mich für die Spontaneität einsetzte. Ich erklärte, daß überhaupt keine menschliche Aktivität ohne Spontaneität möglich ist. In Prag, wo damals mein guter Freund Arnost Kolman Direktor des Philosophischen Instituts der Akademie der Wissenschaften war, nahm ich auch an einer großen Philosophen-Konferenz teil. Ich unterbreitete den Anwesenden meine Ansichten über Zufälligkeit und Notwendigkeit, die aus der Quantenmechanik entwickelt waren und im wesentlichen das exemplifizierten, was man in der Dialektik der Natur bei Engels lesen und aus den Zitaten entnehmen kann, die Engels aus der Wissenschaft der Logik von Hegel herausgeschrieben hat. So ging es Jahre in einer positiven Weise voran.
Mein offener Streit, der immer stärker werdende Streit mit den Kathederphilosophen der DDR, machte meine Vorlesungen interessant, machte mich auch ihnen gegenüber militant. Dadurch wuchsen die Hörerzahlen so rapide an. Ich hielt regelmäßig meine Vorlesung. 1963 wurde eine neue Vorlesungsreihe für Studenten über Philosophie und Naturwissenschaften offiziell eingerichtet, und es gab keinen Dozenten dafür. Man verfiel auf mich, und ich hatte zwei junge «Ge-Wi» (Gesellschaftswissenschaften)-Assistenten, die bei den Vorlesungen anwesend waren. Mit ihnen hatte ich mich befreundet, und sie staunten nicht schlecht, als sie hörten, was ich den staunenden Studenten alles vorsetzte, aber das alles vollzog sich, ohne daß man es richtig merkte.
Die ersten Vorlesungen habe ich noch in dem ziemlich kleinen Hörsaal des Physikalisch-chemischen Instituts in der Bunsenstraße gehalten. Aber dann wurde mir von der Universität mitgeteilt, so ginge es nicht, das Gestühl würde vor Überbelastung einbrechen, weil die Leute zu zweit immer auf einem Sitz saßen und auf den Gängen überall rumstanden. Also zogen wir um und bekamen dann eine ungünstige Vorlesungszeit – nämlich freitags um 14.00 Uhr – angewiesen für den großen Hörsaal des Chemischen Instituts, in den also sieben- bis achthundert Leute hineingehen. Aber das war natürlich eine Fehlrechnung. Gerade die Tatsache, daß diese Zeit frei war, bewirkte, daß von allen Seiten die Leute hinkamen. Es kamen auch Leute mit der Eisenbahn angereist und konnten auf diese Weise an der Vorlesung teilnehmen, was wahrscheinlich sehr schwer für sie gewesen wäre, wenn die Vorlesung vormittags angesetzt worden wäre. Da ich die Vorlesungen auch ganz ungestört durchführen konnte und irgendwelche Einwendungen von der Partei nicht erfolgten, waren sich viele Leute nicht im klaren darüber, ob das nicht tatsächlich vielleicht eine Initiative wäre, die ganz offiziell von der SED ausgeht. Das Ganze hing auch damit zusammen, daß ich mit dem Parteisekretär der Humboldt-Universität, Werner Tschoppe, befreundet war, der vollständig auf meiner Seite stand und nach oben hin immer so tat, als ob er überhaupt nichts bemerkt hätte, was ich mal wieder irgendwo gesagt hatte. Viele meiner Äußerungen und Bemerkungen wurden natürlich in der Universität unter den Studenten kolportiert, oft übertrieben oder verzerrt, und so konnte sich der Parteisekretär immer herausreden, daß es wahrscheinlich gar nicht so schlimm wäre und der Genosse Havemann vielleicht manchmal nicht so exakt mit seinen Formulierungen wäre, aber es nicht schlecht meinte.
Ich habe auch immer wieder zu aktuellen politischen Ereignissen Stellung genommen in der damaligen Zeit, zur Kuba-Krise und zum chinesischen Angriff gegen Indien. Es gab deswegen sogar diplomatische Demarchen von seiten der Chinesen gegen meinen Vortrag, aber im wesentlichen war ich immer durch die Partei gedeckt, bis zu dem berühmten Leipziger Vortrag von 1962, der auch in dem Buch «Dialektik ohne Dogma?»[*] abgedruckt ist. Der Vortrag wurde mit aller Entschiedenheit abgelehnt, man hatte auch vorher versucht, mich im Zentralkomitee überhaupt davon abzuhalten, einen solchen Vortrag zu halten. Ich hatte davon schon vorher ganz offen gesprochen. Der Vortrag fand statt, der Beifall von den anwesenden Naturwissenschaflern, die zahlenmäßig eine sehr starke Gruppe bildeten, war überwältigend. Um so eisiger war das Schweigen der Philosophen und ihre Wut, die sich dann in einer Reihe von unglaublichen Angriffen gegen mich austobte. «Agent des ausländischen Geheimdienstes» war eine schnell herbeizitierte Floskel, «Verräter» natürlich usw. Das Gebell von diesen ideologischen Wachhunden machte mich natürlich in keiner Weise unsicher, im Gegenteil, es freute mich. Herr Harig, ein alter Leipziger Professor, hatte die Aufgabe, den Bericht über diese Konferenz herauszugeben und weigerte sich natürlich, meinen Beitrag abzudrucken. Aber ich ließ ihn vervielfältigen und verschickte ihn in hundert oder mehr Exemplaren in alle Himmelsrichtungen, in die DDR und ins Ausland. Ich bekam zahlreiche außerordentlich freundliche Zuschriften von vielen Leuten, teilweise auch von solchen, bei denen ich es gar nicht erwartet hätte. Diese Antworten und Zuschriften vereinigte ich wieder zu Auszügen, das wurde noch mal vervielfältigt und noch einmal all den Leuten vorgehalten, die sich am meisten über mich aufgeregt hatten.
So begann schließlich das Jahr 1963, in dem ich die letzten großen Vorlesungen hielt, die den endgültigen Bruch mit der Partei herbeiführten; sie wurden offiziell angekündigt im Vorlesungsverzeichnis der Humboldt-Universität, also ganz reguläre freie Vorlesungen mit dem Thema «Naturwissenschaftliche Aspekte philosophischer Probleme».
Meine letzte Vorlesung wurde sogar von der DEFA gefilmt. Das Foto, das auf dem Buch «Dialektik ohne Dogma?» abgebildet ist, ist ein Foto von dieser letzten Vorlesung, die übrigens in dem Buch nicht abgedruckt ist.
Die letzte Vorlesung heißt «Über die Ungleichheit der Menschen» und wurde später von den «Frankfurter Heften» veröffentlicht. In Übersetzungen, die im Ausland erschienen sind, ist sie auch enthalten. Der Anlaß zu der Filmaufnahme war – das war aber eher ein Vorwand –, daß eine Gruppe von Dokumentarfilmleuten den sogenannten Chemikerball, der sehr bekannt war an der Universität, aufnehmen wollte. Der Chemikerball sollte einige Tage später stattfinden. Die Filmleute hatten sich das so überlegt: Sie wollten gern ihren Film beginnen lassen mit einer großen Vorlesung, in der der Professor noch ein paar Worte zum Schluß sagt und alle rausgehen. Nachdem der Chemikerball abgelaufen war mit all seinen Turbulenzen, sollte das letzte Bild dieses Dokumentarfilmes darin bestehen, daß man sieht, wie die Studenten wieder alle in den Hörsaal hineinströmten, um sich wieder der Wissenschaft zuzuwenden. Zu diesem Zweck sollten meine Hörer, weil sie ja wirklich die zahlreichsten und stürmischsten Hörer waren, gefilmt werden.
Dazu passierte dann folgendes: Nachdem alle Lampen aufgestellt waren und der Raum für die Filmaufnahmen verdunkelt worden war und die Filmkamera und Mikrofone postiert usw., wurden die Anwesenden, dicht im Hörsaal gedrängt zusammensitzende Leute, aufgefordert – auch von mir –, noch einmal ganz diszipliniert den Hörsaal zu verlassen, um dann, möglichst ohne sich zu streiten, wieder hereinzukommen. Das sollte gefilmt werden, es wurde ihnen erklärt, warum usw., und sie haben es tatsächlich gemacht. Sie sind alle, bis der Hörsaal ganz leer war, hinausgegangen – draußen war ja das große Treppenhaus, wo sie sich dann wahrscheinlich bis auf die Straße hinunter aufgestellt haben –, dann wurde ein Signal gegeben, und sie durften alle hereinkommen, da wurde das Hereinkommen, das Hereinströmen in wüstem, schnellem Strom gefilmt. Anschließend wurde dann der Beginn der Vorlesung gefilmt, aber zu meiner Verwunderung nicht bloß der Beginn, sondern die ganze Vorlesung, und zum Schluß, als unter großem Beifall die Vorlesung zu Ende war, wurde wieder das Herausströmen der Hörer gefilmt. Was ganz natürlich wirkte.
Aber inzwischen waren die Drähte, die Telefondrähte zwischen Universität und Staatssicherheit in Weißglut geraten. Kaum hatten die Leute ihre Filmkamera zugemacht, da kam schon die Stasi und beschlagnahmte die Filmrollen, die Leute wurden alle zu Verhören abgeholt, es war eine Katastrophe erster Klasse. Sie mußten sich mit großer Mühe wieder rausreden, diese netten Menschen, die diesen Film aufgenommen haben. Der Film soll noch existieren, soll tatsächlich in irgendeinem Giftschrank, ich weiß nicht bei welcher Behörde, wahrscheinlich bei der Stasi oder auch bei der DEFA, schmoren. Die nächste Vorlesung für das nächste Semester mit dem gleichen Thema war schon im Vorlesungsverzeichnis abgedruckt. Aber inzwischen wurde ich fristlos entlassen, und so konnte ich die Vorlesung nicht halten. Bis zum letzten Moment war das alles vollständig legal und vollkommen normal, den Universitätsnormen entsprechend.
Eigentlich rechnete ich im Frühjahr 1964 nicht mehr mit meinem Parteiausschluß. Meine Vorlesungen waren zwar auf einem Plenum des ZK kurz nach Beendigung des Winterhalbjahrs, des Studienjahres 1963/1964, scharf verurteilt und anschließend waren in verschiedenen Parteiversammlungen schwere Vorwürfe gegen mich erhoben worden, nicht von Mitgliedern meiner Grundorganisation, sondern eben von Mitgliedern der Bezirksleitung und des Zentralkomitees. Auch hatte eine Aktivtagung der Humboldt-Universitätspartei stattgefunden, wo eine ganze Reihe von schärfsten Angriffen gegen mich geführt wurde, insbesondere eine über fünfstündige Rede von Kurt Hager, der mit meinen revisionistischen Ansichten abrechnete. Aber ich hatte bei den Chemikern fast sämtliche Mitglieder meiner Grundorganisation der Partei hinter mir. Sie verteidigten mich und bestritten die gegen mich erhobenen Vorwürfe. Es gab eine Versammlung mit Kurt Hager, bei der nicht ich, sondern junge Studenten und Assistenten Kurt Hager klipp und klar bewiesen, daß alle Behauptungen, die er bezüglich meiner Ansichten aufgestellt hatte, einfach nicht wahr waren, nicht zutrafen und deswegen gar nicht diskutiert werden könnten. Mir schien es so, als ob der Versuch der Partei, mich mit den normalen Mitteln der Parteiverfahren und der Parteikritik auszuschließen, ziemlich aussichtslos war. Darum war ich auch überrascht, als ich plötzlich noch während einer Sitzung bei der Akademie der Wissenschaften aufgefordert wurde, sofort zur Universitätsparteileitung in die Universität zu kommen.
Ich ließ die Leute ruhig warten und blieb bis zum Schluß meiner Sitzung in der Akademie. Als ich in die Universität kam, traf ich alle Mitglieder der Universitätsparteileitung an, zwanzig bis fünfundzwanzig Leute etwa, die sich schon ziemlich gelangweilt hatten, aber eisern auf mich warten mußten. Was war geschehen? Ohne mein Wissen war in einer Hamburger Zeitung ein sogenanntes Interview mit mir erschienen, mit direkten Fragen und meinen angeblichen Antworten. Ein gewisser Karl-Heinz Neß hatte es im «Hamburger Echo» veröffentlicht, der mich einige Tage vorher in meinem Institut besucht hatte und sich nicht als Journalist, sondern als interessierter Zuhörer meiner Vorlesung mit mir über einige Fragen unterhalten wollte. Dieses Interview, von dem ich immer noch nicht weiß, ob es nicht vielleicht doch im Auftrag der Partei durchgeführt worden war, wurde zum Anlaß genommen, um meinen sofortigen Ausschluß aus der Partei zu beschließen. Alle Mitglieder der Parteileitung bis auf eines, nämlich Professor Wolfgang Heise, stimmten für meinen Parteiausschluß. Ich wurde zunächst mal dort, ohne Befragung meiner Grundorganisation und ohne, daß ein Parteiverfahren gegen mich eröffnet worden war, widerrechtlich und gegen die Statuten aus der Partei ausgeschlossen. Wenig später wurde ich auf ebenso formlose und widerrechtliche Weise fristlos aus meiner Stellung als Direktor des Physikalisch-chemischen Instituts und als Professor an der Humboldt-Universität entlassen. Allerdings wurde dieser Beschluß, der völlig übereilt und unüberlegt erfolgt war, dann doch noch in der Hinsicht revidiert, als man den Schein eines ordnungsgemäßen Disziplinarverfahrens für notwendig hielt, das dann natürlich zum gleichen Ergebnis kam.
Nach meinem Ausschluß aus der Partei ging eine unglaubliche Gehirnwäsche aller Mitglieder in der chemischen Grundorganisation los. In stundenlangen «Einzelgesprächen» wurden sie, einer nach dem anderen, durchgeknetet und weichgemacht. Manche kamen dann auch zu mir – manche wagten das nicht mehr –, um sich über die fiesen Methoden zu beklagen, die bei ihnen angewendet worden waren. Man drohte mit Auflösung der ganzen Grundorganisation. Es war ein ungeheurer Kraftakt der Parteiidioten gegen die friedlichen Wirkungen, die ich da hinterlassen hatte.
Immer wieder wurde für den Parteiausschluß dieses idiotische Interview als Begründung angeführt. Die Partei hatte eben nicht den Mut, mir gegenüber die wahren Gründe für ihre Empörung zu äußern. Sie riskierte es nicht, einfach zu sagen: «Weil du in deinen Vorlesungen dies und das gesagt hast, schließen wir dich aus!» Sie mußte fadenscheinige, unwahre und lächerliche Argumente heranzitieren, um ihre schmähliche Handlungsweise zu rechtfertigen. Durch ihr Verfahren, durch die Art und Weise wie sie meinen Ausschluß und auch meine fristlose Entlassung aus der Humboldt-Universität durchführte, dokumentierte sie das schlechte Gewissen, das sie hatte, weil sie nicht den Mut gehabt hatte, mir die Wahrheit zu sagen.
Das ist überhaupt typisch für dieses System: Es hat nicht den Mut zu erklären, was es will, was es getan hat, und was es tut. Deswegen bekommt man auch für keine der Willkürhandlungen und -entscheidungen irgendeine schriftliche Mitteilung. Das geht mir bis heute so. Selbst das Kreisgericht in Fürstenwalde, das dieses idiotische Urteil über meinen Hausarrest gefällt hat, hat es nicht gewagt, mir ein Schriftstück über diese Verurteilung auszuhändigen. Ich durfte einmal, nachdem das Urteil rechtskräftig, wie sie es nennen, geworden war, einen Blick darauf werfen. Es wurde aber dann sofort wieder weggenommen. Keiner der Anwesenden hatte je einen Brief in der Angelegenheit geschrieben, der Herr Staatsanwalt war oft bei mir, aber niemals mit irgendeiner Art von Papier. Es gibt keine schriftliche Dokumentation über das Unrecht, das sie mir zugefügt haben. Das ist ganz einfach so, weil sie sich schämen würden, wenn die Weltöffentlichkeit, überhaupt die Öffentlichkeit, oder irgend jemand handgreifliche Beweise für ihre unglaublichen Handlungen in die Hände bekäme.
