Die 50+ schönsten Stadtgeschichten -  - E-Book

Die 50+ schönsten Stadtgeschichten E-Book

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Beschreibung

Zuerst lernen wir zu sehen, zu fühlen, zu beobachten, zu tasten und, im Übergang auf neue Abenteuer, setzen wir den ersten Schritt im Leben. Alles, was uns dabei begegnet, sind die Natur, Menschen und Tiere, die eines mit uns gemein haben - die Entwicklung eines wundervollen, spannenden und zahlreich gesegneten Lebens. Autorinnen und Autoren in diesem Buch erzählen Geschichten, ob erfunden, erlebt, nachgelebt, sie erzählen sie, um einen Wert in ihrem Leben abzubilden. Für diese interessante Zusammenarbeit möchte ich mich ganz herzlich bedanken. Den Autorinnen und Autoren wünsche ich weiterhin den Mut, sich selbst zu verändern, um auch anderen Menschen eine Veränderung zu ermöglichen.

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Wer das Glück sucht, wird fündig.

Begib Dich auf deine wundervolle Reise.

Inhaltsverzeichnis

Julia Hoch: Teichoskopie

Slavica Klimkowsky: Samstagnacht

Petra Seidel: Beijing – Alte Liebe neu erweckt

Sam Winters: Hoffnung, Mut und Freiheit – New York

Annerose Scheidig: Gemeinsam einsam

Li Anna: In Sehnsucht getrieben

Andrea Weihs: Der sonderbare Künstler

Sabine Brandl: Gasthaus zur Post

Nadine Buch: Die Brötchen-Frage

Diana Busch: Neuanfang in Stuttgart

Siegrif Völlger: Eine 500-er Packungsstadt

Andrea Kerstinger: Verflucht seist du

Walter Bosch: Weil Wien nicht nur Wien ist, ist Wien ANDERS

Gisela Witte: Im Park

Fyona A. Hallé: Ungeschliffen

Maria Reuber: Bücherjagd durch Köln

Norbert Schäfer: Dixieland

Jonas Kelabassi: Marty

Marjan Asgari: Hinter Glashausspiegeln

Leo Büchner: Mein letztes Stadtfest

Roswita Zatlokal: Zwei Mädchen vom Land

Jonas Kissel: Die Getäuschten

Sybille Lengauer: Subkutan (Warszawa)

Kaia Rose: Der schwarze Tod

Gabriele Müller: Das Krokodil

Sabine Gelsing: Grauzonen

Anke Elsner: Vorfreude ist die schönste Freude

Franziska Bauer: Niemand ist sich selbst genug

Jo Lenz: Zwei Treppen

Marcel Zischg: Wette und Brüstung

Thyra Thorn: Caramba hombres

Inga Kess: Weilburg, die Stadt der Nassauer

Eusebius van den Boom: Der Uhrmachergehilfe

Claire Walka: Die Welt gehört Euch

Ulrike Ritter: Die alte Dame

Gerald Jatzek: Feierabend

Jochen Stüsser-Simpson: Hochbahnfahren und Erkenntnistheorie

Michael Krause-Blassl: Lebensflüsse

Olaf Lahayne: Schleichfahrt

Aimée M. Ziegler-Kraska: :Düsseldorf, my love

Christine Kayser: Im Zoo von Prag

Jessica Pietschmann: Seelenort

Marina Sandmeier: Nur ein Treffen in Hamburg

Diana Mathioudakis: Eine von ihnen

Kristina Plenter: Die Eilmeldung

Gisela Böcker: Die Bücherzelle

Agga Kastell: Anna macht sich Mut

Susanne Ulrike Maria Albrecht: Christian Roßtäuscher – Ein Künstlerschicksal

Erhard Schümmelfeder: Hinter dem Bahndamm

Reni Ina von Stieglitz: Grauhofers wilde Welt – Geburtstag feiert er nur einmal im Jahr

Dirk Morenweiser – Die Stadt im Sand

Dieses Buch widme ich

Julia Welik – mein Anker im Leben

Ulrike Kühn – für das wundervolle Teamsein, Erfahrungen und die gemeinsame Zeit

Franziska Bauer – eine wundervolle, lebensfrohe Autorin, Korrektorin

Vorwort

Zuerst lernen wir zu sehen, zu fühlen, zu beobachten, zu tasten und, im Übergang auf neue Abenteuer, setzen wir den ersten Schritt im Leben. Alles, was uns dabei begegnet, sind die Natur, Menschen und Tiere, die eines mit uns gemein haben – die Entwicklung eines wundervollen, spannenden und zahlreich gesegneten Lebens.

Autor*innen in diesem Buch erzählen Geschichten, ob erfunden, erlebt, nachgelebt, sie erzählen sie, um einen Wert in ihrem Leben abzubilden.

Für diese interessante Zusammenarbeit möchte ich mich ganz herzlich bedanken. Den Autor*innen wünsche ich weiterhin den Mut, sich selbst zu verändern, um auch anderen Menschen eine Veränderung zu ermöglichen.

Herzlichst,

Jakob Welik

Julia HochTeichoskopie

Ein Stück.

Der Vorhang, seiden, fein und feucht, zieht nach oben weg.

Urbanes Rauschen, Rumpeln, Scheuern unterlegen den einsetzenden letzten Akt des Tages.

Das Bühnenbild: ein spiegelnder Teich, überspannt mit ausgreifenden, organischen Fasern an der Traverse, Auslaufen ins Nichts.

Der Teich ufert an einen löchrigen Teppich aus lanzettlichen Schiffchen, die gestrandet, gesammelt, auf einem Schwarz, auf einem Dunkel schweben. Ein weidenes Trauerspiel, ein Spiel, dem das Auge kaum trauen kann, eine Weide mit zahllos gefallenen Hinterbliebenen. Die Schiffchen liegen auf der Schwelle, oder eben nicht, präsentieren kontrastierend einen Transitort.

Verbinden ein Oben und ein Unten, einen Alles-Ort und einen Nicht-Ort, Leben und keines mehr.

An der Traverse hängen letzte Zeugen des Herbstes, des Sommers, des Frühlings. In Strichen, in Kreisen, an Adern, die im Frühling, im Sommer lebensdurstig pumpten. Ihnen wurde eine Dimension genommen, geradezu geklaut, sie zeigen sich kraftlos und passiv und lethargisch.

Auftritt, Anflug. Eine kehlige, metallische Stimme aus dem Off zerschneidet das urbane Scheuern.

Hoch und hell und kriekend. Von rechts nach links verhallend. Ein Botenbericht von vergangenen Ereignissen. Der Herold ruft.

Der Teich betreibt Wellen, immer kleiner, immer feiner, immer dünner, immer weicher. Fünf Nebendarsteller ziehen heran und formen einen Kreis. Hell und dunkel gleiten sie über den silbergrauen Spiegel, zerschneiden das Bild, verwischen die Kohlezeichnung und bilden ein neues. In Wogen. Es branden hell gekrönte, breite Berge an das Ufer, bewegen ein oder zwei Schiffchen, türmen dieses eine oder beide auf die anderen Schwellenden und … nichts. Die Darsteller sind abgetaucht, verschwunden. Heute waren sie nur Statisten.

Die Kronen tuscheln, nuscheln, zischeln. Eine unverständliche Teichoskopie, ein Erzählen über nahe Geschehnisse. Vielleicht vom alten Moor oder den jungen. Vielleicht von Räuberbanden.

Sie werden es wissen.

Die Protagonistin bespielt die Bühne überall, sie inszeniert, sie intendiert. Sie zeichnet mit Kohle, sie versilbert den Himmel. Sie definiert, sie kontrastiert, sie rebelliert, schafft, schlägt, prägt. Sie stellt alles auf den Kopf, auf dem Teich, im Kopf. Hier, da, dort, zugleich. Sie überspannt, durchzieht, sie durchläuft und untergräbt.

Das Publikum kann es nicht fassen, greift Gelerntes und Erfahrenes, verknüpft, gelangt jedoch nicht an, ans Ufer der unklaren Konturen, treibt auf dem Teich, hinweg, dem nicht erfassbaren Hintergrund des Schauspiels entgegen. Das Ziel ist unklar, ein Ankommen ungewiss. Vielleicht landen die Treibenden im Rauschen, im Abrieb, im Rumpeln, geraten unter die Räder. Doch auch dort sind sie dann immer noch mit der Protagonistin verbunden, an unsichtbaren Fäden, denn ihr Stück, das bleibt. Voller Jammer und Schauder, bereinigend von Affekten. Kathartisch.

So wird auch der nächste Tag mit einem Akt beginnen. Mit einem neuen, einem ersten. Vielleicht mit anderem Ensemble, vielleicht anders inszeniert, aber von Grund auf präsent.

Protagonistin und Intendantin: Mutter Natur.

Slavica KlimkowskySamstagnacht

Den Film kenne ich auswendig, jede Szene, jedes noch so kleine Detail sehe ich vor meinem geistigen Auge, wenn ich Nacht für Nacht, unter sternlosem Himmel, in meinem Schlafsack auf einer Berliner Parkbank, wach liege. „Franky und Johnny“ ist eine Geschichte über die Einsamkeit in großen Städten.

Die DVD habe ich damals nicht bewusst ausgesucht, mehr so im Vorbeigehen danach gegriffen und mit dem CD- und DVD-Stapel zur Kasse marschiert und einfach bezahlt.

Irgendwann habe ich mir den Film angeschaut, dann nochmal und nochmal, jede Woche, aber nur Sonntag bis Freitag. Samstags bin ich ausgegangen, meistens in die Disko, in der ich auch Annika kennengelernt habe.

Annika kannte den Film nicht, also haben wir ihn gemeinsam angesehen. Der Film hat ihr nicht besonders gefallen, aber meine Wohnung fand sie toll. Nach gerade mal sechs Wochen, ich habe noch nicht angefangen darüber nachzudenken, sprach sie es aus: „Wir könnten zusammenziehen“ und „Deine Wohnung ist groß genug“. Kurz darauf zog sie bei mir ein.

Das ist jetzt Vergangenheit – die Wohnung und Annika.

Im Film wird er von Al Pacino gespielt und sie von Michelle Pfeiffer. Einen Tag nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis lernt Johnny sie kennen, im Restaurant, in dem er als Koch anfängt, arbeitet sie als Bedienung. Während der Zeit im Knast hat ihn seine Frau verlassen und lebt mittlerweile mit ihrem Neuen zusammen, seine Kinder sind ihm fremd geworden und wollen nichts von ihm wissen.

Sie heißt Franky, ist eine einsame Kellnerin mit schmerzenden Beinen, die zurückgezogen lebt und genug von schlechten Beziehungen und Misshandlungen hat. In ihrer Freizeit geht sie kegeln und schaut sich Videofilme an. Auf gar keinen Fall will sie das Risiko einer erneuten Enttäuschung eingehen, was ich nachvollziehen kann. Aber sie hat auch Angst vor der Zeit, die vergeht, Angst vor dem Leben, vor der Einsamkeit, vor dem Misserfolg, selbst vor dieser Angst hat sie Angst. Ganz schön viel Angst. Ich fange erst jetzt an, das zu begreifen.

Johnny ist unwiderstehlich hartnäckig und ihr ständig auf den Fersen, was wiederum nicht schwer ist. Das Lokal ist so klein, dass sie ihm nicht aus dem Weg gehen kann.

Johnny ist das Gegenteil von mir, ich glaube nicht, dass ich das durchgezogen hätte, ihr nachlaufen. Beim ersten Nein von ihr hätte ich schon aufgegeben. Er aber gibt nicht auf.

Irgendwann finden sie zueinander und beschließen, einander zu vertrauen. Die entscheidende Szene spielt sich weit nach der Spätschicht ab, in einer Samstagnacht, in der einsamsten Nacht der Woche, in der jeder auf der Suche ist, weil er jemanden braucht und eine Illusion zum Überleben wichtig wird. So war ich auch, bevor ich Annika traf.

Diesen Film liebe ich wegen dieser Geschichte, die es in unzähligen Variationen gibt auf dieser Welt, weil es überall Menschen gibt, die in der Masse jemanden suchen, die gern ein wenig Nähe und Vertrautheit hätten, gleichzeitig aber Angst haben, in ihrem Leben einen Schritt ohne Netz und doppelten Boden zu wagen, sich zu entblättern und zu präsentieren. Ich weiß es, weil ich zu denen gehöre. Hätte Annika damals nicht den ersten Schritt gemacht, ich hätte ihn nicht gewagt.

Die Szene, in der Al Pacino Michelle Pfeiffer bittet, den Bademantel zu öffnen, weil er, wie er sagt, den Körper der Frau, die er liebt, anschauen möchte, ist die beste. Sie macht es, öffnet den Bademantel ganz kurz, kann nicht länger als ein paar Sekunden seinen durchdringenden Blick ertragen, der viel mehr zu sehen scheint als nur ihren Körper.

Dabei spielt im Radio Clair de Lune von Debussy und verbindet alles – die Einsamkeit, die Hoffnung und das Versprechen.

Debussy haben wir in der Schule durchgenommen, unsere Musiklehrerin hat ihn „verehrt", so hat sie es selbst gesagt, und spielte uns was mit „Wind“ oder „Meer“ von ihm vor und sagte: Habt ihr das gehört? Ganz deutlich ... Also, beim besten Willen, ich habe es nicht gehört, weder den Wind noch das Meer. Es lag bestimmt nicht an meinen Ohren.

Annika musste ich nie bitten, den Bademantel zu öffnen, sie lief gern nackt durch die Wohnung und genoss meinen Blick auf ihrem Körper.

Am Ende beschließt Franky doch, allein zu bleiben, weil sie sich in ihrem bisherigen Leben am besten auskennt und sicher fühlt. Worauf Johnny beim Radio anruft und den Moderator bittet, die Musik nochmal zu spielen, und sagt, dass ihn bei dieser Musik eine Frau so nah an sich gelassen hat, sich aber im nächsten Augenblick zurückgezogen und auf den Weg gemacht, alles zu vergessen.

Am Sonntagmorgen sind sie immer noch zusammen.

Nach zwei gemeinsamen Jahren, kurz nachdem ich meine Arbeit verloren hatte, zog Annika aus. Es dauerte nicht mehr lange bis zur Zwangsräumung.

In dieser urbanen Film-Geschichte gibt es keine Versprechen, aber die Absicht, es miteinander zu versuchen. Sie verrät ihm, wie alt sie wirklich ist und erlaubt ihm, ein paar seiner Sachen in ihre Wohnung zu bringen.

Jeder, der das in irgendeiner der möglichen Variation erlebt hat, weiß, dass das nicht wenig ist.

Petra SeidelBeijing – Alte Liebe neu erweckt

Ich war gerade auf dem Weg nach Hause, als das Telefon klingelte. Mein Chef hatte einen neuen Auftrag für mich. Ich sollte nach Peking reisen und einen Kunden beraten. Mein Herz sprang Trampolin vor Freude. Endlich konnte ich den öden Alltag hinter mir lassen und eine Zeitreise in die Stadt machen, in der ich nach dem Abitur meine ersten selbstständigen Schritte gemacht und die verrücktesten und wildesten Erfahrungen gesammelt hatte.

Eine Woche später sitze ich im Flieger und befinde mich im Anflug auf die Metropole. Mit großer Spannung erwarte ich die Landung und schaue aus dem Fenster. Unter mir erspähe ich einen riesigen leuchtenden Tiefseekraken, dessen flackernde Arme sich auf beeindruckende Weise immer tiefer und weiter in die Landschaft fressen. Während ich, immer noch fasziniert von diesem Lichterspiel, gedankenverloren nach dem Sicherheitsgurt greife, setzt das Flugzeug zur Landung an.

Auf dem Flughafen, einem riesigen Konstrukt der Moderne, imposant und eindrucksvoll, fühle ich mich schnell ein wenig verloren. „Wie klein und provinziell der älteste deutsche Flughafen gegen dieses Bauwerk ist“, denke ich und irre durch die zahlreichen langen Flure. Dabei folge ich der Menge wie ein Lemming. Der Pekinger Airport ist der zweitgrößte Passagierflughafen der Welt und ich bin nun ein Teil dieser täglich abgewickelten Flut an Reisenden. Alles wirkt wie ein riesiger Organismus, bei dem jeder Schritt geplant und gelenkt zu sein scheint.

Plötzlich stehe ich vor dem Gepäckband. Mein Blick schweift über meine Mitreisenden und bleibt an den langen schwarzen Haaren einer jungen Frau hängen, deren helle Haut mich fasziniert. Fast hätte ich meinen schwarzen Koffer an mir vorüberziehen lassen. Ich reiße mich aus meinen Gedanken, springe unvermittelt zum Gepäckband und ergreife kurzerhand das entschwinden wollende Gepäckstück. Schilder leiten mir den Weg zum Zoll. Ein Poltern und schnelle Schritte hinter mir lassen mich aufschrecken. Ich sehe mich schon mit Handschellen abgeführt, erhöhe meine Schrittfrequenz und drehe mich dann doch unversehens um. Meine Augen können keine Gefahr ausmachen, sie suchen, aber es sind keine Uniformierten in Sicht. Ich atme durch und blicke in das Gesicht einer erschöpften Chinesin, welche einen großen Koffer hinter sich herzieht und sich sichtlich bemüht, Geschwindigkeit aufzubauen. Sie winkt. Ich drehe mich um, kann aber niemanden ausmachen, dem ihr Winken gelten könnte. Gerade will ich meinen Gang fortsetzen, als sie plötzlich vor mir steht. Ihre dunkelbraunen Augen strahlen mich an. Jetzt erst erkenne ich sie als die Frau vom Fließband. Sie zeigt auf meinen Koffer. Ich frage mich noch, ob sie vom Zoll sei und meine Schlüpfer untersuchen wolle, als mir klar wird, dass es sich um eine Kofferverwechslung handeln muss. Dankbar lächle ich zurück. Wir wechseln die Koffer und gehen erst still und leise und dann laut schnatternd wie zwei alte Bekannte zur U-Bahn. Sie spricht hervorragendes Deutsch. Nur das r und manchmal die Satzmelodie bereiten ihr an einigen Stellen Probleme. Sie erzählt von ihren alten Eltern, die sie besuchen wolle und die vor Aufregung und Vorfreude schon an die 200 Jiaozi gemacht haben. Wieder lachen wir und ich habe das Gefühl, ich würde sie ewig kennen.

„Sanyuanqiao“, ertönt es aus dem Lautsprecher. Sie nimmt ihren Koffer, strahlt mich wieder mit ihrem zauberhaften Lächeln an, dreht sich um und verschwindet in der Menge. Die U-Bahn-Türen schließen sich und ich bin wieder allein. Würde ich sie jemals wiedersehen? Ich hätte sie um ihre Telefonnummer oder wenigstens nach ihrem Namen fragen sollen, grüble ich. Oder wäre das alles zu plump gewesen. Sie sah zauberhaft aus in ihrem fröhlichen Sommerkleid, welches ihre schmale Taille und ihre kleinen Brüste so schön zur Geltung brachte. Der Lautsprecher reißt mich aus meinen Gedanken „Dongzhimen“.

Ich gehe durch eine Stadt, die mir fremd ist. Mein Hotel ist in dem Viertel, in dem ich früher auch gewohnt hatte, und trotzdem erkenne ich nichts wieder. Die Stadt wirkt wie neu. Nichts erinnert mehr an die Stadt, die mir für ein aufregendes Studienjahr Heimat gewährt hatte. Wo sind nur die Viertel mit ihren gemütlich-urtümlichen Hutongs geblieben, in denen das Leben auf der Straße stattfand? Wo sind die zahlreichen Fahrradfahrer hin, die sich einst wie Schlangen durch die Straßen wanden? Nachdenklich schlendere ich durch die Straßen. Dabei stoße ich immer wieder auf die dicken breiten Arme des Kraken, die sich durch Wohn- und Gewerbegebiete fressen und durch ihre Breite eher Grenzen schaffen, als dass sie verbinden.

Plötzlich eröffnet sich vor mir ein riesiger Platz, der Tian’anmen-Platz, der Platz des himmlischen Friedens. Doch in diesem Fall verheißt der Name nicht das zu Erwartende, denn die gewalttätige Niederschlagung der Studentenproteste im Juni 1989 ist bis heute nicht vergessen. Dieser Platz ist die Schaltzentrale, ja das Gehirn der Stadt, falls nicht gar des ganzen Landes. Im Westen steht die Große Halle des Volkes. Hier finden die Parteitage der KPCh und die jährlichen Treffen des Nationalen Volkskongresses statt, im Osten sind das Chinesische Nationalmuseum und die Nationalbibliothek, im Süden das Mausoleum des Vorsitzenden Mao und der Eingang zum Kaiserpalast (Verbotene Stadt) und in der Mitte ragt das Denkmal für die Helden des Volkes 40 Meter in die Höhe. Daher verwundert es nicht, dass sich hier heute wie damals die Touristen mit Fotoapparaten tummeln. Während man früher aus den zahlreichen Lautsprechern Parolen und Propagandamusik zu hören bekam, sind diese heute still. Alles wirkt friedlich, und doch ist die Anwesenheit von einigen Dutzend bewaffneten und uniformierten Killerbakterien, deren Aufgabe wohl der Schutz der Schaltzentrale des Organismus ist, nicht zu übersehen. Ich werfe noch einen letzten Blick über den Platz, als ich in weiter Ferne ein im Wind flatterndes Kleid erblicke. Wie elektrisiert merke ich einen warmen Strahl der Hoffnung und Freude meinen Körper durchfließen. Das Kleid kenne ich, dieser leichte weiße Stoff, die roten Blumen, das wird doch nicht … Ich spüre eine Leichtigkeit, der auch meine Beine nicht widerstehen können. Sie setzen sich in Bewegung, als wenn jemand anders einen Startknopf betätigt hätte. Wie ferngesteuert gehe ich ihr entgegen – meinen Kopf nicht abwendend. Plötzlich erscheint ein Mann, seine Arme öffnen sich. Sie lacht ihn an und springt seinen Armen entgegen. Die Leichtigkeit mutiert augenblicklich in ein unbändiges Gefühl der Schwere und Leere. Er dreht sich mit ihr im Kreis, ihr Kleid umspielt ihre Beine. Sie küssen sich. Ich bleibe stehen, will meinen Augen nicht trauen und entdecke das kurze Haar der jungen Frau. Erleichterung.

Ich wende mich ab und denke an meine wilden Studientage zurück, als das Küssen auf der Straße in China noch als Tabu galt und man sich in Parks und dunkle Ecken zurückzog, um sich näher zu kommen und verstohlen Händchen zu halten. Ob ich sie jemals wiedersehen werde, geht es mir durch den Kopf.

Auf dem Weg zu meinem Hotel komme ich am Nachtmarkt vorbei. Während es den alten Seidenmarkt mit seinen Straßenständen nicht mehr zu geben scheint, hat sich dieser Markt zu einem Abbild des alten China, wie wir es aus Literatur und Filmen zu kennen glauben, entwickelt. Rote Lampions zieren den Weg. Ich betrete den Markt durch ein großes Tor. Hungrige Menschenmengen schieben und drängeln sich durch schmale Gänge. Exotische Gerüche dringen zu meiner Nase vor, während sich vor meinen Augen unzählige Essensstände auftun. Seepferdchen, Skorpion und Oktopus am Spieß sind nur einige der verheißungsvoll dargebotenen Gaumenfreuden, die ihren Weg eher auf Fotos als in die Münder der staunenden Besucher finden. Dem alten Stil nachempfundene Gemäuer und Wohnhäuser erwecken den Eindruck, als wäre man wirklich in eine frühere Zeit versetzt, in der es keine gläsernen und verspiegelten Hochhäuser gab. Verstärkt wird dieser Eindruck durch das Spiel einer Pekingoper, welche in einer Ecke des Marktes aufgeführt wird. Auch wenn dies alles nur eine hauptsächlich für touristische Zwecke entworfene Scheinwelt ist, so erinnere ich mich wieder an die Faszination, die das alte China schon als Kind auf mich ausgeübt hat. Aufgebaut wurde dieses Bild durch das Sehen zahlreicher Kung-Fu-Filme und chinesischer Geistergeschichten. Leider ist von dem alten China nicht mehr viel geblieben. Peking steht jetzt da wie jede andere große Stadt auf der Welt. Die gleichen Hochhäuser, Autos, Straßenschilder und Ladenketten prägen das Bild. Einzig die wenigen historisch erhaltenen Kulturgüter unterscheiden heutige Großstädte voneinander, schießt es mir durch den Kopf. Viele alt anmutende Tempel und Gemäuer in China sind allerdings Nachbauten. Nicht umsonst ist China das Land, in dem das Kopieren zur Meisterschaft gebracht wurde und seit jeher große gesellschaftliche Anerkennung findet. Obwohl ich das hektische Treiben und die olfaktorische Vielfalt sehr genieße, beschließe ich, zum Hotel zurückzugehen, mich auszuruhen und die Unterlagen noch einmal durchzugehen, damit ich für den morgigen wichtigen Geschäftstermin vorbereitet bin.

Die Leuchtreklame eines Kiosks weckt meine Aufmerksamkeit. Ich trete ein und gehe ziellos und ein bisschen gedankenverloren durch die Gänge. Ein Tsingtao, das ist es. Ich greife mir ein Bier, wende mich um und bin in Gedanken schon an der Kasse, als ich gegen etwas stoße und es einen lauten Knall gibt. Ich erschrecke, schaue auf den Boden und sehe, dass die Bierflasche gerade in tausend Teile zerbrochen ist und deren Inhalt sich langsam aber genüsslich über den gesamten Boden zu ergießen scheint. Wut bricht in mir hervor. Ich hebe meinen Kopf, hole Luft und will gerade zum Schimpfen ansetzen, als ich mich erneut in den mir gegenüberstehenden dunkelbraunen Augen verliere. Mein Herz setzt aus, die Luft, die eben noch so einfach in die Lunge hineinging, kommt nicht mehr heraus. Ich scheine zu ersticken. Die Zeit steht still. Ich ringe nach Worten. Doch bevor ich zu sprechen ansetzen kann, sprudeln die Worte freudig und offen aus ihr heraus.

„Was für eine schöne Überraschung, dich wiederzusehen!“

„Ja“, antworte ich erleichtert. „Was für ein Zufall, zweimal an einem Tag und das in Beijing. Eigentlich ist das ein Ding der Unmöglichkeit.“

Sie lacht und flüstert leise: „Vielleicht ist es auch Schicksal.“ Dabei guckt sie mir wieder mit ihrem zauberhaften Lächeln kurz und tief in die Augen und wendet sich dann ein bisschen verschämt weg. Ich spüre mein Herz springen und merke, wie sich meine Mundwinkel nach oben verschieben. Erleichterung macht sich breit. Wir schauen uns noch einmal an und wissen genau, dass dieser Augenblick einzigartig ist und unser weiteres Leben prägen wird. Gemeinsam ziehen wir plappernd und lachend durch die Straßen. Wir haben uns viel zu erzählen. Die Nacht wird zum Tag. Wir gehen bis zum Houhai-See, kapern uns dort eines der unzähligen Boote und rudern auf die Mitte des Sees. Der Vollmond spiegelt sich im Wasser. Wir folgen diesem Lichtpfad. Leichter Nebel bildet sich über der Wasseroberfläche. Eine mystische Atmosphäre macht sich über dem See breit. Sie singt ein chinesisches Lied und ich komme mir vor wie der Protagonist einer chinesischen Geistergeschichte und doch bin ich ganz im Hier und Jetzt. Arm in Arm liegen wir im Boot und die am Dach befestigten roten Lampions wehen im Wind.

Alte Erinnerungen in neuem Gewand. So mag ich auch das neue Beijing, denke ich. Dabei drücke ich sie fester an mich heran und beschließe, sie nie mehr loszulassen.

Sam WintersHoffnung, Mut und Freiheit – New York

„Es ist sieben Uhr und hier sind die Verkehrsnachrichten.“

Was, sieben Uhr? Scheiße! Das ist ja mal wieder so typisch für mich. Da bekomme ich endlich die Chance, mich zu beweisen, und was mache ich? Logo, ich verpenn erst einmal so richtig.

Fast sieben Jahre hatte Annabel alles getan, um ihrem Stiefvater und dessen Partner in der gemeinsamen Kanzlei zu beweisen, dass Sie eine gute Anwältin war. Sie wollte es allein schaffen, ohne die Hilfe anderer, und nun war es soweit. Sie gaben Anna die Möglichkeit, eine Mandantin in einem Zivilprozess zu vertreten – und das in New York, ihrer Traumstadt. Es war ihr bewusst, dass sie diese Chance nur bekam, weil sie eine Frau war und durchaus vorzeigbar. Obwohl ihr Spiegelbild gerade etwas anderes sagte. Mit tiefen Augenringen, einem Besen auf den Kopf und mit verlaufener Schminke stand Annabel erschöpft vor dem Spiegel und versuchte krampfhaft, ihr Äußeres in den Griff zu bekommen. Sie hatte jetzt noch genau 20 Minuten, bis das Taxi sie abholen und zum Flughafen bringen würde, sodass Anna sich in ihren ersten Rechtsstreit stürzen konnte. Es war der Kanzlei nicht wirklich wichtig, diesen zu gewinnen, in erster Linie ging es nur darum, dass die Mandantin in die Medien kam.

Elisabeth Wagner war eine Schauspielerin Mitte fünfzig, einsam und jagte ihrer besten Zeit hinterher. Aufmerksamkeit war ihr wichtiger als Gerechtigkeit, weshalb sie sich einen Grund suchte, diese auch zu bekommen. Alles in Anna sträubte sich dagegen, diesen Fall zu übernehmen, denn es hatte nichts mit dem zu tun, weshalb sie überhaupt Anwältin geworden war. Der Grund dieses Prozesses war einfach lächerlich, aber in Amerika leider keine Seltenheit.

Bei dem letzten Besuch von Frau Wagner in New York war sie in einem noblen Restaurant zum Dinner eingeladen worden. Dort verlor ein armer Kellner mit seinem Tablett das Gleichgewicht. Frischer Kaffee ergoss sich daraufhin über Frau Wagner. Das war sicher ein wenig schmerzbehaftet und auch ärgerlich, das stand außer Frage, aber gleich eine Klage wegen Schmerzensgeld und Schadenersatz? Das war Annabel doch zu viel des Guten. Nichtsdestotrotz wollte Anna diese Chance nutzen.

Innerhalb von Minuten schlüpfte sie in ihre Businesskleidung, nahm ihren Koffer und rannte zum Taxi. In zwei Stunden ging ihr Flug, da würde sie dann Gelegenheit haben, sich zu sammeln, etwas zurechtzumachen und sich auf ihre Mandantin vorzubereiten, die schon in New York auf sie wartete. Die Zeit während des Fluges verging viel zu schnell. Annabel kam es nur wie ein Wimpernschlag vor, doch waren es acht Stunden.

Noch immer müde, suchte sie am Gepäckband ihren Koffer, halb verschlafen schnappte sie ihn sich und machte sich auf den Weg zum Parkplatz, dort wartete schon der Wagen der Mandantin auf sie. Erst einmal blieb Anna draußen wie angewurzelt stehen. Der Lärm der Menschen und die Menge der Autos erschlugen sie. Was für Anna Leben ausstrahlte, war für viele nur das Gefühl von Hektik und Stress. Im Hotel angekommen, rannte Annabel gedankenverloren in einen jungen Mann.

Super, Anna, du schaffst es nicht einmal, ganz normal in ein Hotel einzuchecken. Das kann ja noch ein ganz toller Trip werden.

„Entschuldigen Sie, ich war in Gedanken. Alles okay?“, kam leise über ihre Lippen, als sie in seine tief dunklen Augen blickte.

„Kommt darauf an. Was ist denn, falls nicht?“, brummte dieser mit einem Lächeln, das Anna die Sprache verschlug.

„Mr Jones, Ihr Meeting beginnt in Kürze.“ Der Concierge zeigte auf eine geschlossene Türe.

Immer noch perplex von der Antwort des Mannes, bekam Anna nur am Rande mit, dass man ihr etwas reichte.

„Mrs Haider, hier ist Ihr Zimmerschlüssel. Ihr Zimmer befindet sich im 3. Stock. Wir wünschen Ihnen einen schönen Aufenthalt.“ Lächelnd hielt der ältere Mann Anna die Schlüsselkarte hin.

Dankbar für diese Unterbrechung nahm Anna die Karte, bedankte sich und ging, noch immer geschockt von dieser Begegnung, zum Aufzug.

Was für eine plumpe Anmache, aber diese Augen wollten sie nicht mehr loslassen. Jetzt beruhig dich wieder. Ist ja nicht so, als wolle er dich gleich heiraten. Es war nur ein kleiner Flirt, mehr nicht.

Annabel wollte nur noch schnell auf ihr Zimmer und wenigstens ein paar Minuten den Ausblick auf diese lebendige Stadt genießen. Ihre Hoffnungen, all die Möglichkeiten, welche diese Stadt zu bieten hatte, all das, was sich Annabel immer gewünscht hatte, hoffte sie hier zu finden. Leider hatte sie nicht wirklich Zeit, die Stadt auf sich wirken zu lassen, denn das erste Meeting mit Frau Wagner stand an und kurz darauf ein Treffen mit dem Kellner und seinem Anwalt. Soweit Anna bekannt war, sollte der gegnerische Anwalt ein gerissener Hund sein. Man hatte sie schon im Vorfeld gewarnt. Nur gut, dass Annabel keine Angst vor Männern mit großem Ego hatte. Ganz im Gegenteil, solche Herausforderungen hatten ihr schon immer Spaß gemacht. Es war eine Art von Machtspielen, die meistens die Herren verloren. Dadurch hatte sie schon des Öfteren gute Kandidaten für eine feste Beziehung verjagt. Kaum ein Mann, den sie kannte, hatte genug Mut oder Ausdauer, um es mit ihr aufzunehmen. Früher oder später gaben sie alle auf und gingen. Das galt beruflich wie privat.

Mit den Papieren und ihrem Laptop in der Hand machte sie sich auf zum Hotel der Mandantin. Annabel wusste, dass es in dieser Stadt schwer war, ein Taxi zu bekommen, dennoch hatte sie es sich leichter vorgestellt. Zu allem Überfluss begann es auch noch zu regnen und Anna fiel ihre Mappe zu Boden. Als hätte das Schicksal es geplant, kam just in diesem Moment Mr Jones aus dem Hotel.

„So trifft man sich wieder.“ Ein Lächeln umspielte seine Lippen.

Das kann jetzt wohl echt nicht wahr sein. Was macht dieser Typ wieder hier?

„Ja, wollten Sie eventuell noch Popcorn, während Sie mir zusehen, wie ich meine Arbeit zerstöre?“ Annabels Augen verengten sich, und ihre Lippen pressten sich zu zwei dünnen Linien zusammen.

„Popcorn wäre nicht schlecht. Bitte mit Salz und Butter. Danke.“ Ein ansteckendes Lachen folgte dem flotten Spruch.

Annabel konnte sich ein Schmunzeln nicht verkneifen. Oh, ein Mann mit Humor. Sei froh, dass ich keine Zeit habe, sonst würden wir mal sehen, wer hier wem Popcorn macht.

Als Annabel ihre Papiere wieder aufgehoben hatte, hielt auch endlich ein Taxi. Bei der Mandantin angekommen, wartete schon das nächste Hindernis auf sie. Eine Horde Reporter stand vor dem Hotel, sie wollten unbedingt ein Foto von Frau Wagner.

Bitte nicht jetzt auch noch das. Woher wissen die das? Ja, es wird ganz einfach. Dass ich nicht lache!

Annabel kämpfte sich zum Hoteleingang durch, nahm den Aufzug und stellte erst einmal Frau Wagner zur Rede.

„Reicht es Ihnen nicht, den armen Tropf vor Gericht so fertigzumachen? Müssen Sie das auch noch vor der ganzen Welt machen? Es war ein Versehen und kein tätlicher Angriff.“ Der Mandantin blieb zunächst der Mund offenstehen, man sah, dass sie nach den passenden Worten suchte.

„Mein liebes Kind, wenn Sie nicht gewillt sind, mich in dieser Sache zu vertreten, dann kann ich gerne Ihren Stiefvater anrufen. Er wird es bestimmt verstehen und mir jemanden schicken, der mehr Schneid hat als Sie.“

Diese Frau wusste genau, wie sie Annabel treffen konnte. Nichts wäre schlimmer gewesen, als ihren Stiefvater rechtbehalten zu lassen. Anna atmete tief durch und versuchte sich zu beruhigen. „Ich möchte Sie nur darum bitten, dem Mann auch eine gewisse Privatsphäre zuzugestehen.“

Die nächste Stunde verbrachte Annabel damit, Schadensbegrenzung zu betreiben und versuchte, Frau Wagner dennoch in eine etwas versöhnlichere Richtung zu schieben. Nun stand das Treffen mit dem in Annabels Augen wirklichen Opfer und dessen Anwalt an. Schlimmer als die letzten vierzehn Stunden wird es schon nicht werden.

Dennoch beschlich Anna ein mulmiges Gefühl, als sie mit ihrer Mandantin vor der Kanzlei des gegnerischen Anwalts hielten und sie das große Namensschild sah. Na klasse. Steils, Jones und Blake. Vom Regen in die Traufe.

„Können wir, Annabel? Das erledigt sich nicht von selbst.“ Missbilligend schaute Frau Wagner Anna in die Augen.

Annabel sah man ihre Wut in keiner Weise an. Mit einem Lächeln stieg sie aus dem Wagen und schritt voran.

„Guten Tag. Wir haben einen Termin bei Mr Jones. Mrs Wagner und Haider.“

„Ich werde Sie bei Mr Jones anmelden. Darf ich Ihnen etwas bringen, solange Sie warten?“, erwiderte die junge Frau am Empfang mit einem Lächeln.

„Nein, danke.“

Frau Wagner setzte sich ungeduldig. „Ja, bringen Sie mir ein Wasser, aber mit Zitrone.“ Ganz die Diva.

Etwas eingeschüchtert, aber dennoch mutig, schaute sich Annabel um. Die Eingangshalle strotzte nur so vor Testosteron.

Das kann nur ein Albtraum sein. Hat sich denn jetzt alles gegen mich verschworen? Anna spürte, wie ihr die Röte ins Gesicht stieg, als Rick Jones auf sie zu kam. Mit einem Siegerlächeln reichte Rick ihr die Hand. Er hatte schon bei ihrem ersten Zusammentreffen gemerkt, welche Wirkung er auf Annabel hatte.

„Guten Tag, Mrs Haider, schön, Sie kennenzulernen. Rick Jones.“

Anna setzte ihr charmantestes Lächeln auf, gab ihm ihre Hand und hielt sie etwas länger fest als nötig.

„Die Freude ist ganz meinerseits. Ich hoffe, Sie haben das Popcorn nicht vergessen.“

„Jetzt, da Sie es erwähnen.“

Ja, das wird lustig. Runde drei, und diese wird an mich gehen, mein Lieber.

Rick führte Annabel und Frau Wagner in einen sehr extravaganten Konferenzraum, in dem sein Mandant wartete.

„Ich dachte, diese Räumlichkeiten sind für Ihre Mandantin angemessen, Mrs Haider“, raunte Rick in einem sehr spöttischen Ton, der Anna nicht entging.

„Ich denke, bevor wir uns jetzt über Ihren schlechten Geschmack bei Design und Möbeln unterhalten, sollten wir uns erst einmal über den Prozess beraten. Ach, und ich werde anfangen, Sie hören zu und unterbrechen mich nicht. Danach können Sie mich dann als Dankeschön zum Essen einladen“, antwortete Annabel mit einem kecken Lächeln.

Eins zu null für mich, du eingebildeter Rechtsverdreher.

„Gut, dann bin ich mal gespannt, ob Ihr Vorschlag ein Abendessen wert ist.“

Rick sowie Mrs Wagner und Annabel setzten sich an den Tisch zu Jason. Annabel hatte ihre Hausaufgaben gemacht.

Sie wusste, dass Jason nur als Kellner arbeitete, um sich sein Studium finanzieren zu können, da er seit längerer Zeit wegen Streitigkeiten keinen Kontakt mehr zu seinen Eltern hatte. Diese arbeiteten in der Filmbranche. Das Angebot von Annabel war einfach. Der Kellner und sein Anwalt sorgten dafür, dass Mrs Wagner eine feste Rolle in einer Sitcom bekam und sie verzichtete dafür auf einen kostspieligen Prozess.

Rick hob die Arme. „Sie haben gewonnen, Mrs Haider. Meine Sekretärin wird die Papiere dazu fertig machen, und damit Sie diese nicht wieder auf die Straße schmeißen, bringe ich sie zum Essen mit. Wann darf ich Sie abholen?“

Annabel musste lauthals loslachen.