Die Ahnenfrau - E.W. Schreiber - E-Book

Die Ahnenfrau E-Book

E. W. Schreiber

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Beschreibung

Wenn du die Wahl hättest, dich für ein Leben als Frau zu entscheiden, die du in Wahrheit bist, oder für eines, das der vorherrschenden Gesellschaft angepasst ist, welches würdest du wählen, wenn du wüsstest, das beide dir alles abverlangen? Und was würdest du tun, wenn du wüsstest, dass es nur eine richtige Wahl für dich gibt, um frei zu sein? Sue, in einem streng katholisch-patriarchal geführten Kinderheim aufgewachsen, hat nur wenig Ahnung von sich selbst. Zu viele Verluste und zu wenig Erinnerungen werfen die junge Frau in eine schwere Identitätskrise. Alles was sie weiß ist, Mutter eines kleinen Jungen zu sein, den sie über alle Maßen liebt und dem sie ein besseres Leben wünscht. Als ihr der smarte Geschäftsmann und Millionär Stean begegnet, der sich Hals über Kopf in sie verliebt und ihr ein neues sicheres Leben in Aussicht stellt, wenn sie ihn nach Ozeanien, auf einen Inselstaat im Pazifik, in dem das Matriarchat herrscht, begleitet, erkennt Sue ihre Chance. Dort lernt sie Shia, die Tochter der Heilerin kennen und lieben, die sie in ihr Volk einführt und ihr dessen Gebräuche lehrt, die allen Normen des Patriarchats entgegenstehen. Sue muss sich ihrer wahren Identität, ihrer verlorengegangenen Würde und Weiblichkeit stellen, die sie als unwiederbringlich, als längst verloren erachtet hat, und alles aufgeben was sie zu sein glaubt. So muss sich Sue ins Nichts begeben, um sich aus dem Nichts heraus neu zu erschaffen. Denn nur so wird es ihr gelingen, die für sie richtige Wahl zwischen Liebe und Sicherheit treffen zu können. Oder könnte es gar beides für sie geben?

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Seitenzahl: 360

Veröffentlichungsjahr: 2019

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E.W. Schreiber

Die Ahnenfrau

ein spirituell-lesbischer Liebesroman

 

 

 

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Impressum neobooks

Kapitel 1

DIE AHNENFRAU

E. W. Schreiber

Sues Atem ging schwer. Wie sollte sie sich entscheiden? Seit mehr als einem Jahr lag sie mit dem Gedanken schwanger zu gehen. Weit fort. Fort von ihrem Zuhause. Fort aus Österreich, fort von Klagenfurt. Sie wollte nicht flüchten. Dazu gab es keinen Grund. Mit ihrem zehn Monate alten Sohn Lee im Arm lag sie ausgestreckt in ihrer Hängematte, ihr Blick auf den weitläufigen Europapark gerichtet, der sich in seinem üppigen Grün zum Wörthersee hin streckte, überlegte sie angestrengt wie sie sich nun endlich entscheiden wollte. Ihr Herz schrie nach der Ferne, nach Weite und dem Geschmack nach Freiheit. Aber ihre Vernunft schlug zu hohe Wellen. Noch. Sie war zu jung um jetzt schon aufzugeben, zu begierig nach dem Leben, nach der Liebe, die sie verloren hatte, kurz nachdem sie mit Lee schwanger geworden war. Nie im Leben hätte sie gedacht, dass ihr eine solche Chance geboten werden würde wie die, die sie von Stean erhalten hatte. Seit über einem Jahr schon lag er ihr damit in den Ohren, ihm nach Polynesien und Mikronesien zu folgen. Es wäre ihre Chance, sagte er. Sie könnte ganz neu beginnen. Ein Leben fernab aller Normen und Richtlinien, wie sie es kannte, zu führen. „Komm schon, du hast alles was du brauchst und das Zeug dazu, eine der ersten Spitzengreaderinnen weltweit zu sein“, hatte er gesagt und dass ihr untrügerischer Blick ihm viel Geld einbringen könnte. Sue erinnerte sich an Steans souveränen Gesichtsausdruck, während er zärtlich triumphierend seinen Arm um ihre Schultern legte. „Du, Lee und ich, wir drei könnten eine Familie sein, wir könnten zusammen sein, die Welt sehen, von der du so gut wie noch gar nichts gesehen hast, könntest dich finanziell in absoluter Sicherheit wiegen, dir ein Standbein schaffen, das dich endlich auch finanziell von allen Belastungen befreit. Du weißt, Sue, du hast ein gewichtiges Wort mitzureden in meinem Konzern, seit Sizilien.“ Er zog sie sanft an sich. „Und zudem, zudem liebe ich dich! Es gibt in ganz Europa keine Frau, die so perfekt zu mir passt wie du!“ Sue hörte nur Sizilien, Palermo, Catania. Diese Orte schwappten wie wilde Wellen an ihre Seele, wenn sie nur ihre Namen hörte. Zu oft schon war sie dort gewesen. Gemeinsam mit Aaron, ihrem verstorbenen Freund und Vater ihres Sohnes. Sizilien. Sie schwelgte in Erinnerung zurück an jene Orte, an die heißen Sommernächte, die salzigen Küsse auf ihrer braungebrannten Haut. Sizilien. Ein Land des Abschieds und ein Land, der nach Aarons plötzlichem Tod einen Neubeginn ankündigte. Ein Neubeginn durch Stean, der sie, ohne es zu wissen, genau an die gleichen Strände und Hotels geführt hatte, in denen sie ihre ausgedehnten Urlaube mit Aaron verbracht hatte.

Wie erstarrt war sie, als sie plötzlich vor der Cala Rossa Küste stand, die sich vor ihr ins weite Meer erstreckte. Wie oft schon war sie mit Aaron die rote Felsenküste entlang mit dem Kajak gepaddelt. Sue wusste wie sie schmeckte, die Küste, sie hatte sie gekostet, das Salz auf ihren Lippen. Und wie sie schmeckte würde sie niemals vergessen. Sie wusste wie es sich anfühlte, die steilen Klippen nach oben zu klettern, nur um im Anschluss mit einem wagemutigen Kopfsprung ins Meer abzutauchen. Sue kannte nicht nur die rote, sondern auch die weiße Küste, ein Insidertipp Einheimischer, mit denen sie durch Aarons Verwandtschaft eng und liebevoll verbunden war. Kein Tourist hatte diesen aus reinem weißen Ton bestehenden Küstenabschnitt je zu Gesicht bekommen. Er war Tabu. Zudem gab es in all den Jahren, in denen sie mit Aaron in Sizilien ihre Urlaube verbracht hatte, kaum Tourismus. Aber auch das hatte sich schnell geändernt, nachdem, was sie mittlerweile so in hiesigen Tourismusbüros in den Auslagen an Angeboten hängen sah.

Sue erinnerte sich an die schönen Zeiten, die sie mit Aaron dort verbracht hatte, und als Aaron nicht mehr war und Stean wie aus heiterem Himmel kurz nach Aarons Tod in ihr Leben getreten war, legte sich Sizilien wie eine Göttin erneut um ihre Seele. Stean hatte ihr die Insel aus einer anderen Perspektive gezeigt. Dort, wo sie früher nächtens im sanften Mondlicht die Tavernen der hiesigen Fischer besuchte, in denen sie kulinarischen Genüssen frönte, hatte ihr Stean mit seinem Business, das ihn mit den Fischern vor Ort verband, noch einmal mehr und tiefer das sizilianische Herz dargelegt. Sie glaubte bereits alles über dieses wundervolle Land zu wissen. Doch mit Stean, der seinen Finger in ihre Wunde des Verlustes legte, schwemmte das sizilianische Salz des Meeres neue Möglichkeiten in ihr Leben. Es war erstaunlich, wie sehr sie verbunden war mit diesem Land. Sue dachte, sie würde es nie mehr wiedersehen. Und dann kam Stean, bisher immer noch ihr bester Freund und Vertrauter, der sie eines besseren belehrte. „Du kannst vor der Vergangenheit nicht davonlaufen“, hatte er zu Sue gesagt, „und wenn es die Möglichkeit für dich gibt mich nach Sizilien zu begleiten, sofern du das auch möchtest, dann nimm die Chance wahr und verabschiede dich gebührend von dieser wundervollen Insel.“ Das hatte sie getan, gemeinsam mit ihrem damals gerade mal zwei Monate alten Sohn. Dass Stean sie genau an jene Plätze führte und seine Geschäftskontakte gerade dort hatte, an denen sie in Erinnerung so sehr hing, hatte sie, aber auch Stean selbst, nicht wissen können, und sie in großes Erstaunen versetzt. Irgendwo, so dachte sie damals, muss es noch einen Gott geben, der das hier gerade regelt, für mich. Es waren zu viele Zufälle zusammengekommen, um noch an Zufälle zu glauben. Der Weg hatte sie zu Stean geführt und Stean hatte sie zurück an ihre schönsten Erinnerungsorte geleitet, um sich zu verabschieden, aber auch, um neu zu beginnen.

Sie war hineingerutscht in Steans Business, als sie mit Lee, ihrem Sohn, in einer direkt am Meer gelegenen Fischfabrik, die im Obergeschoss jenes Restaurant führte, in dem sie so oft mit Aaron gespeist hatte, Thunfische in verschiedensten Größen erblickte und den Fischern bei ihrer Arbeit zusah. Steans Aufgabe war es, die Fleischqualität der Thunfische zu bestimmen und die beste Qualität an seine Kunden in Übersee zu verschiffen. Zu jenem Zeitpunkt gab es in ganz Europa niemanden, der Thunfische auf ihren Fettgehalt und ihre genaue Klasse bestimmen konnte. Thunfisch war Thunfisch, ganz gleich, welcher Klasse der Fisch auch angehörte. Die Kunst des Greadens erlernte Stean in Polynesien. So lernte Sue das Greaden von Thunfischen, indem sie die Farbe und den Fettgehalt des Fleisches bestimmte und Stean dabei zusah und ihn in der Farbbestimmung beriet. „Männer“, erklärte Stean einmal, „hätten große Probleme mit der Unterscheidung von Rot- und Brauntönen.“ Vor allem im pazifischen Raum wären viele der Männer farbenblind. Frauen hatten in dieser Domäne nichts verloren, weder in Europa noch in anderen Kontinenten, daher wäre Sue, sofern es sie interessierte, mit einer interessanten Tätigkeit als erste Frau und enorm hohem Gehalt seine Idealbesetzung. Es war neues Terrain für sie. Spannend, aber vor allem aufregend. Stean hatte sich auf den „humanen Fischfang am Haken“ und nicht den Massen- und Netzfischfang spezialisiert. Sein riesiges Businessnetzwerk spannte sich um die ganze Welt. Seine Kunden allesamt High-Society-Restaurants und Spitzenköche, mit Anspruch auf Eins-A-Spitzenqualität. Das Gold des Meeres, das sich nur wenige leisten konnten. Thunfische aus dem Mittelmeer waren in Übersee heiß begehrt und umgekehrt.

Stean war ein begnadeter Networker und Geschäftsmann, der den Handel untereinander möglich machte. Die enorme Ähnlichkeit zu Aarons Tätigkeit, der ebenso wie Stean begnadeter Networker und Geschäftsmann war, verblüffte Sue. Aaron hatte im Gegensatz zu Stean im oberen Management in der Erdölbranche zu tun gehabt und diese Tatsache erschreckte sie doch einigermaßen. Denn für beide Männer spielte Geld keine Rolle mehr. Sue war irgendwie mit beiden Männern, die sich, wie sich später herausstellte, in ihrer Kindheit gut gekannt hatten, schicksalhaft verbunden, und sich gegen das Schicksal aufzulehnen, so erkannte Sue sehr schnell, konnte nur in die Hose gehen.

So lag sie in ihrer Hängematte auf ihrem kleinen Balkon in ihrer winzigen Wohnung, in der sie mit ihrem kleinen Sohn lebte und grübelte darüber wie sie sich zum Wohle ihres Kindes, aber auch zu ihrem Wohle, entscheiden sollte. Stean hatte ihr vor wenigen Wochen, nachdem er aus Mikronesien zurückgekehrt war, ein Ultimatum gestellt. Er wollte Lee adoptieren und nach einem längeren Aufenthalt in Mikronesien Sue auf Fidschi heiraten. Danach könnten sie in New York in seiner soeben neu erworbenen Immobilie dauerhaft sesshaft werden. Sue wusste wie viele Frauen sich ein solches Märchen für sich wünschen würden, für sie aber war Stean bereits der zweite Millionär und nichts, was er ihr mit Geld anbieten konnte, vermochte sie mehr zu beeindrucken. Geld und Macht, was für eine Farce. Aaron hatte durch diese Komponente sein Leben gelassen und sie selbst beinahe mit in den Tod gerissen. Alles, was Sue beeindrucken konnte, war das Leben, die Liebe, die sich allerdings stets für Geld und Macht zu verflüchtigen schien und den Wunsch nach wahrer Hingabe an das Leben selbst. So erzählte Stean Sue von Mikronesien, einem matriarchal geführten Inselstaat, in den er zurückzukehren gedachte. Auch erklärte er Sue, dass er in Mikronesien als Mann nicht als geschäftstüchtig angesehen werden würde, und Sue ihm bei seinen Geschäften vor Ort eine wichtige Partnerin wäre. Nicht zuletzt erzählte er von Pedro, seinem Freund, und von den Frauen dort, die diesen zum Gouverneur des Inselstaates bestellt hatten, um mit den Amerikanern auf patriarchaler Weise verhandeln zu können. Sue grinste in sich hinein, als sie daran dachte, dass Makaken-Äffchen es nicht anders hielten mit ihrem männlichen Oberhaupt. Die Weibchen hatten die Macht und suchten sich das sozialste Männchen aus, um die Führung zu übernehmen. Im Hintergrund aber musste das Männchen den Weibchen gehorchen. Das Männchen war nur der Oberste aller Männchen und jedes Weibchen lag in ihrem Rang ober ihm. Sollte das Männchen versagen, indem es gewalttätig wurde, wurde es von den Weibchen zu Tode gebissen. Was für eine Vorstellung. Sue drückte Lee fester an sich. Sie hatte nur ihn. Nach Aarons Tod war ihr niemand mehr geblieben. Ihre Eltern starben, als sie noch ein Kind war und dem Kinderheim, in dem sie aufgewachsen war, weinte sie keine Träne nach. Sie war allein mit Lee und wünschte sich nichts sehnlicher als ein neues Leben. Eine Wiedergeburt sollte es sein und mit Mikronesien im Hintergrund, auch wenn ihr noch gar nicht bewusst war, was gelebtes Matriarchat für sie bedeuten könnte, könnte sie ein Abenteuer erleben. Abends, nachdem sie ihr Kind liebevoll gebadet, gefüttert und schlafen gelegt hatte, legte sie sich müde in ihr Einzelbett. Aarons Bild hing noch immer an der Wand. Sie hatte es geschossen kurz bevor er sich entschieden hatte, seinem Leben ein Ende zu setzen. Müde sah er aus, abgekämpft und der Welt völlig entrückt. Thema eines ihrer letzten Gespräche, die sie miteinander geführt hatten, war die Unmöglichkeit für ihn sich noch länger in den Spiegel blicken zu können. Er, Aaron, der seit er denken konnte an nichts anderem interessiert gewesen war als an Zoologie, musste sich nach dem Willen seiner patriarchalen Familienstruktur richten und Jura studieren. Es brach ihm das Herz. Und nun könnte er sich nicht mehr im Spiegel betrachten, weil er für all das Geld, all die Macht, die er firmenintern bereits als Generaldirektor-Stellvertreter in Österreich und zukünftiger Generaldirektor Italiens hatte, seine Seele verkauft hatte. Wofür? Er war immer ein Naturliebhaber gewesen. Und jetzt? Jetzt musste er die größte Scheiße verkaufen, die ihm je untergekommen wäre. Alles was er liebte verkauft, verhökert an den Meistbietenden. Das war schwer zu ertragen. Die ganze Sache war ihm um die Ohren geflogen, hatte ihn letzten Endes erschlagen.

Sue betrachtete den gebrochenen Aaron und Vater ihres Kindes, das er nicht haben wollte. Sein immenser Drogenkonsum und die dazukommende bipolare Störung hatten ihm den Rest gegeben. Sie hatte eine Therapie gemacht, nach Aarons Tod, und sich schleunigst auf die Geburt ihres Kindes vorbereiten müssen. Es blieb ihr nicht all zu viel Zeit, seinen Tod und den Wahnsinn, der in ihrer Beziehung gelegen war, ausgiebig zu betrauern. Sie hatte Verantwortung zu übernehmen, nicht nur für sich selbst, sondern auch für ein Kind, das ihrem Leben nach all dem Tod und der Verwüstung, die Aaron in ihr verursacht hatte, in ihr Leben getreten war. Das Leben bahnte sich einen neuen Weg. Und der Tod musste eben warten. So auch die Trauer. Noch in derselben Nacht traten ihr Tränen in die Augen. Wie sollte es weitergehen? Sie war durcheinander. Zerstört. Und doch fühlte sie tief in sich ein Gefühl von Klarheit. Intuitiv erfasste sie die Bedeutung ihrer momentanen Lebenssituation, dass es eine Chance war und dass es ein inneres Rufen gab, das sie fortzog. Doch welchem Weg sollte sie folgen, welcher sollte ihre Bestimmung sein? Diese Antworten vermochte sie sich nicht zu geben. Kurz bevor Sue einschlief, bat sie den Himmel um Führung, um einen Traum, um irgendetwas, das sie dabei unterstützte die richtige Entscheidung zu treffen. Und noch mitten in der Nacht wachte sie schweißgebadet auf. Ihr Blick richtete sich verschlafen auf die mit einem Schmiedeeisengitter verzierte Balkontür, in deren Mitte eine Frau zu stehen schien. Ihr Blick war der aus einer anderen Welt. Sue rieb sich die Augen, irgendetwas sagte ihr, dass sie nicht schlief, sondern dass diese Frau inmitten des Gitters real war, eine Erscheinung. Sue starrte verloren auf die Frau und ihre eigentümliche Frisur, die zu einem lockeren Dutt hochgesteckt war. Dann änderte sich das Alter der Frau. Von jung bis ganz alt. Ihr Zeigefinger lockte und gab Sue zu erkennen, dass sie ihr folgen sollte. Alsdann wie im Zeitraffer löste sie sich aus ihrer Form und verschwand. Sue wusste nichts anzufangen mit dieser Erscheinung, oder war es doch nur ein Traum gewesen? Am Morgen erwachte sie mit einem untrüglichen Gefühl mit Stean gehen zu müssen. Irgendetwas war heute Nacht geschehen, denn Sue fühlte sich, als wäre ihre Intuition, die sie so lange Zeit im Kinderheim und auch später am Leben erhalten und die sie als verloren geglaubt hatte, zurückgekehrt. Nun spürte sie eine klare unmissverständliche Botschaft in ihrem Innersten, die sie dazu veranlasste diesem Ruf ins Matriarchat zu folgen. Sie würde dann ja sehen, ob sie mit Stean wirklich zusammen bleiben und heiraten wollte, oder aber, ob sie wieder zurückkehren würde. Ihre Entscheidung war getroffen.

Kein Verstand, der sie noch Lügen strafte oder sonst irgendwie negativ beeinflussen konnte, störte in den nächsten Wochen die Vorbereitungen, die sie und Stean für ihren ausgedehnten Trip trafen. „Du wirst nicht all zu viel an Klamotten benötigen, Sue“, lächelte Stean, der ihr dabei zusah wie sie fein säuberlich ihre Koffer und Kisten zusammenpackte. Der kleine Hausstand, den sich Sue nach Aarons Tod wieder zusammentragen konnte, verschwand schön langsam in den New-York-Kisten, den Rest, den sie nicht verschiffen konnte, übergab sie einer Hilfsorganisation. Viel war es nicht, was sie ihr eigen nennen konnte, aber wie Stean schon sagte, sie brauchte nicht so viel. Stean gefiel Sues Selbstbestimmtheit, ihre Genügsamkeit. Zumal er ja wusste, dass Sue, als sie mit Aaron zusammen war, stets ihr eigenes Geld verdient hatte. Abhängigkeit war Sue ein Graus, selbst wenn sie sich das Arbeiten hätte sparen können, aufgrund finanzieller Absicherung und Reichtum seitens des Mannes. Nach Aarons Tod hatte Sue alles verloren. Er lebte auf großem Fuß, keinen Groschen hatte er sich zur Seite gelegt und als es um den Nachlass ging war nichts mehr vorhanden gewesen. Langjährige Lebensgemeinschaften wurden im Erbrecht nicht berücksichtigt und so nahm sich Aarons Familie den letzten Rest, der noch übrig geblieben war, und setzte Sue förmlich auf die Straße. Nichts Neues für Sue. Wie oft schon war sie allein und verlassen dagestanden, niemand, der sich um sie kümmerte, keiner mehr da, dem es wichtig gewesen wäre, ob sie im Leben erfolgreich wurde oder strauchelte. Ihre Kindheit war hart und grausam gewesen. Als Mädchen in einem patriarchal geführten, christlichen Land hatte sie es schwer gegen den katholischen Fanatismus, der im Heim praktiziert wurde, anzugehen. Mit vierzehn Jahren war sie dann ausgezogen und mit siebzehn Jahren ließ sie sich von den staatlichen Behörden für volljährig erklären, packte ihre sieben Sachen und verschwand mit Aaron nach Wien. Eigentlich war es eine Flucht gewesen, damals. Eine Flucht vor ihr, Lea und vor sich selbst. Lea. Sie war gerade dabei ihre wenigen Fotos, die sie besaß, in einer Mappe zu ordnen, als sie auf Leas Bildnis stieß. Wie sehr hatte sie sich in diese Frau verliebt. Aber was nicht sein durfte, wurde vehement verdrängt. Sie fühlte sich als Sünderin, als eine von Gott verstoßene, eine, die ihm nicht gefällig war, und zur Strafe, so wie sie meinte, hatte er ihr Lea geschickt. „Lea“, zärtlich nahm sie ihr Bild an sich und drückte es an ihr Herz. Sieben Jahre waren es nun her, seit sie Lea das letzte Mal gesehen hatte. Dazwischen lagen eine sehr anstrengende, sehr verletzende, heterosexuelle Beziehung und die Geburt ihres Kindes. Und nun, nun ging sie fort. Wahrscheinlich für immer. Gemeinsam mit Stean.

„Irgendwie wiederholt sich alles in meinem Leben“, überlegte Sue, während sie sich noch einmal umschaute und ihr kleines Zimmer mit den Augen auf Überbleibsel hin durchsuchte, die sie noch nicht verpackt hatte. Lee hatte sie für ein paar Stunden zu Steans liebevollen Eltern in Obhut gegeben. Wie sehr wünschten sie, Sue würde ihren Stean ehelichen und ihnen Lee als Enkelkind schenken. Aber Sue ging das alles ein wenig zu schnell. Sie mochte Stean, ja sie liebte ihn sogar, aber sie liebte ihn wie einen Bruder, nicht wie einen Geliebten. Und Stean, ja er war ein fürsorglicher liebevoller Mann, der sie noch nie zu irgendeiner Handlung gezwungen hatte, die sie nicht ausführen wollte. Ihr Freiheitsdrang war ihm wichtig. Würde sie ihn verlieren, so wäre sie nicht mehr die Sue, in die er sich verliebt hatte. Unkompliziert, natürlich.

Kapitel 2

Der Tag der Abreise kam und Sue bestieg mit Lee auf ihrem Arm und Stean die Boing 747, die sie über Frankfurt nach Tokio bringen sollte. Von dort ging es weiter nach Guam, einer Pazifikinsel vor der Küste Japans, die die Amerikaner im Zweiten Weltkrieg den Japanern abspenstig gemacht hatten und nunmehr die halbe Insel als Waffen- und Fliegerstützpunkt nutzten. Dieser Teil der Insel war Sperrgebiet. Vergeblich versuchten die Guamesen aus Guam ein zweites Hawaii zu machen, was allerdings nicht so recht gelingen wollte. Die Hotelanlagen waren protzig und teuer, aber das war auch schon alles was an Hawaii erinnerte. Guam war eben keine Vulkaninsel, zwar wunderschön, aber nicht ein derartiges Juwel wie Hawaii. Vietnamveteranen hatten sich zuhauf in Guam niedergelassen und sich ein schönes Plätzchen Land gekauft, um dort ihren Lebensabend zu genießen. In den kleinen dazugehörigen Buchten schaukelten kleinere oder größere Segelboote, die zum Fischfang genutzt wurden. Südseeflair wollte und konnte sich nicht einstellen, zu dominant waren der amerikanische Standard und die Hektik, die in Guam vorherrschend waren. Zudem war die Soldatenpräsenz zu hoch, um einem Pazifiktraum frönen zu können. Stean hatte Sue und Lee im Hilton einquartiert und kam oft erst spät abends in ihr Apartment zurück. Die hiesige Fischfabrik musste auf Vordermann gebracht werden. Das beanspruchte sehr viel Zeit, aber auch Nerven. Die Guamesen waren laut Stean kein all zu fleißiges Volk. Die Leute erschienen oft gar nicht zur Arbeit und auch sonst ließ die Moral der Insulaner zu wünschen übrig.

Kasai, ein japanischer Jungunternehmer, der den Weltkonzern seines Vaters vor kurzem übernommen hatte, war ein Lichtblick. Er hatte in Amerika Wirtschaft und Jura studiert und führte nun das Familienunternehmen, das mehrere tausend Arbeiter und Angestellte zählte, zur Freude seines herrischen Vaters mit geschickter Hand. Lange Nächte verbrachte er mit Sue und Lee auf der Hotelterrasse und erzählte ihr von seiner Kindheit, seiner untertänigen Mutter und seinem despotischen Vater. „Mein Vater führte die Geschicke unserer Firma mit eiserner Faust und so wie er die Firma führte, so führte er auch mich.“ Mit Tränen in den Augen saß er da, goss sich immer wieder Champagner nach, während er sehnsüchtig über den weiten Ozean blickte. „Körperliche Züchtigung gehörte bei meinem Vater zum Kindererziehungsprogramm, weißt du? Manchmal, wenn er mich im Keller unseres Anwesens an die beschlagene Tür festband, nur um mich dort eine Nacht und einen Tag lang im Dunkeln alleine hängen zu lassen, glaubte ich in einem anderen Leben zu sein. Eines, das mich an Sklavenhandel erinnerte, verstehst du?“ Sue legte ihren Arm um seine Schultern und trotz ihres gebrochenen Englisch fühlten sie beide eine unbestimmte Zusammengehörigkeit, ein Verständnis für den anderen. Sie brauchten nicht viele Worte, um sich auf Herzensebene zu verstehen. Immer tiefer wurde ihre gegenseitige Zuneigung und Empathie, die sie einander wissen ließen, wie sehr sie einander schätzten und wie glücklich sie beide waren den anderen im eigenen Leben zu wissen. Dann gab es Nächte, in denen er Lee auf seinen Schoß nahm, ihn liebevoll in den Schlaf wiegte und davon schwärmte eine Frau wie Sue und einen Sohn wie Lee mit nach Hause zu bringen. Sie hätten ein luxuriöses Leben vor sich, mit allen Freiheiten einer europäischen Frau. Er, Kasai, würde sie beide auf Händen tragen, sie lieben, achten und ehren, und die Fehler des Vaters niemals wiederholen. Zudem würde sein Vater umkommen vor Stolz, dass sein Sohn eine Europäerin an Land ziehen konnte, was er selbst nie geschafft hatte. Sue dachte sich nichts weiter bei Kasais Schwärmereien und ließ es zu, dass sich ihre Freundschaft immer mehr vertiefte.

Das Alleinsein mit Lee machte Sue nichts aus. Ganz im Gegenteil. Sie genoss die Ruhe und die Stille um sich, wenn sie mit ihrem Sohn die weitläufigen Sandstrände aufsuchte oder abends, wenn Stean noch immer nicht zu Hause war, im weitläufigen Pool ihre Runden zu schwimmen. Sie reflektierte ihr Leben und wie sie es in Österreich verbracht hatte. Ihren Alltag mit Aaron und die Zeit, in der er nicht mehr war. Ihr größtes Glück lag in seinem Bettchen und schlief selig. Wie groß und bedingungslos die Liebe zwischen Mutter und Kind war, erfasste sie an jedem Tag, zu jeder Stunde, wann immer sie sich bewusst machte, welch ein Geschenk es war, Lee in ihrem Leben zu wissen. Mit Lee hatte ihr Leben wieder Sinn bekommen. Lee bedeutete Leben und das Leben war willkommen in Sues Gegenwart.

Eines Nachts, Lee schlief tief und fest in seinem Bettchen, kam Kasai mit einem Glas Champagner bestückt, an den Poolrand, der direkt an Sues Zimmer angrenzte. Es war Vollmond und die gedämpften Lichter der Hotelanlage bildeten sanfte Lichtkegel, die Sue im Pool schwimmend wie kleine Glühwürmchen umtanzten. „Weißt du eigentlich wie schön du bist?“ Kasais Blick verriet tiefe Zärtlichkeit, während sein Timbre in der Stimme um einen Hauch tiefer wurde. „Wieso hat dich Stean noch nicht geheiratet?“ Sue stieg aus dem lauen Wasser und umhüllte sich mit einem Handtuch, das ihr Kasai reichte. Ihr dunkelblondes gelocktes Haar fiel sanft über ihre durchtrainierten Schultern. Als sie sich zu Kasai an den Poolrand gesellte, spürte sie Kasais Verlangen. „Kasai“, sagte Sue und nahm dankbar das Glas Champagner entgegen, das ihr Kasai lächelnd reichte. „Kasai, du weißt, dass ich sehr viel Zeit brauche, um mich wieder zu fangen. Es ist zu viel geschehen in meinem Leben und ich möchte keinen Mann heiraten, den ich nicht aus ganzem Herzen liebe, verstehst du das?“ Kasais Lächeln wurde breiter. „Das heißt du bist noch frei? Du kannst lernen mich zu lieben und du wirst das Leben lieben, das ich dir bieten werde, was auch immer du dir wünschst, ich werde es dir geben.“ Oh, was für Worte, was für ein wundervoller, kluger Mann dieser Kasai doch war, gerade mal dreißig Jahre jung, gebildet, gepflegt, aber vor allem liebevoll und mitfühlend, und … und das war wohl eine seiner größten Qualitäten, er nahm sich Zeit für sie und Lee. Sie waren ihm wichtig, wichtiger als alles andere, wichtiger als Geld, wichtiger als sein Vater. Und was besonders hervorstach, er liebte sie tatsächlich. „Komm mit mir nach Osaka, lerne mein Leben kennen, lerne meine Familie kennen, du weißt, Lee ist mir wie mein eigener Sohn ans Herz gewachsen, in so kurzer Zeit nur. Wir drei sind Seelenverwandte und vielleicht, ja, vielleicht ...“ Kasais Worte schwelgten in sanftem Reigen. „Vielleicht lernst du mich zu lieben. Nicht nur als deinen Freund und Vertrauten, sondern auch als deinen Geliebten, als den Vater deines Sohnes, der ein Imperium erben wird, wenn er das möchte. Was sagst du?“ Kasais Worte hallten in Sue nach. Sie fühlte seine Nähe, seine seelische Präsenz, aber sie fühlte Mitleid, kein Begehren, sie spürte Zuneigung, aber keine romantische Liebe. Sie und ihr Sohn wären ein Leben lang, wie auch bei Stean, finanziell abgesichert. Ein Leben im Reichtum zu leben kannte sie bereits. Wieder brachen Gedanken über sie herein, die sie lockten und herausforderten. Was sollte sie wählen. Sollte sie die Liebe oder die Sicherheit wählen? Beides gemeinsam schien es für sie nicht zu geben. Also musste sie sich wohl oder übel endlich entscheiden. Es war ihr wichtig, vor allem für ihren Sohn, ein behütetes und sorgenfreies Leben in Reichweite zu stellen, eines, in dem er die Chance hatte, sich selbst zu verwirklichen. Ein Leben, das sich lohnte zu leben. Sue wünschte sich für ihr Kind ein Leben ohne Gewalt, eines, das frei war von traumatischen Ereignissen. Kurzum, ein Leben voller Liebe und schöner Beziehungen. Kasai war mit Sicherheit eine große Nummer in seinem Land, mit Bestimmtheit ein sehr begehrter Junggeselle. Ein Mann, dem Sue vertrauen konnte. Jemand, der den Anspruch westlicher Frauen kannte und stillen konnte. Und Stean, ja, Stean war nie da, wie sollte sie sich jemals richtig in ihn verlieben können, wenn sie ihn nur selten zu Gesicht bekam. Kasais sanfte Berührung ließ Sue in die Gegenwart zurückschnellen. „Ich verstehe, dass du noch etwas Zeit brauchst.“ Kasai zwinkerte aufmunternd und erhob sich grinsend. Dann raufte er sein schwarzes kokett geschnittenes Haar. „Was hältst du davon morgen in See zu stechen?“ Seine Stimme klang aufgeregt. „Stean und ich haben ein Boot im Hafen. Zudem ist heute Nacht Besuch aus Mikronesien eingetrudelt. Pedro ist gekommen, um die weitere Vorgehensweise mit Stean zu besprechen, und er hat eine seiner Töchter mitgebracht. Sie ist in meinem Alter, also nur vier Jahre älter als du. Ihr könntet euch ein wenig austauschen. Frauengespräche führen.“ Er grinste über beide Ohren. „Was sagst du? Stean und auch Pedro baten mich, dich kurzerhand noch zu fragen ob du möchtest, und na ja, du würdest mal etwas Aufregendes erleben.“ Spontan sagte sie zu. Sie freute sich auf den Bootsausflug morgen. Und für Lee würde es auch ein Erlebnis werden. Zudem würde sie endlich Pedro kennenlernen, den Mann, von dem sie schon so viel Positives gehört hatte.

Als sie sich zwei Stunden später noch einmal in ihrem Bett umdrehte, musste sie lächeln. Ja, sie wollte Pedro ebenso kennenlernen, Pedro, den Makaken-Mann.

Kapitel 3

Früh morgens weckte sie Stean zärtlich mit einem Kuss auf ihre Wange. „Guten Morgen, meine Schöne, ich hoffe du hast gut geschlafen. Der junge Mann hier“, Stean grinste Lee schelmisch an und Lee gluckste glücklich in Steans Dreitagebart, den er sich hat stehen lassen, hinein, „hatte es schon furchtbar eilig heute Morgen. Wir begrüßten den Tag mit ausgiebigem Plantschen im Pool, nicht wahr, mein kleiner Racker?“ Stean knuddelte Lee und fuhr ihm lachend über seinen weißblonden Haarschopf. „Ich habe uns Frühstück kommen lassen. Speck und Eier, so wie du es magst.“

Himmel, war das eine Einladung. Den Tag mit solch fröhlichen Gesichtern rund um sich zu beginnen, konnte Sue nicht fröhlicher stimmen. Schnell rollte sie sich aus ihrem Laken und nackt wie Gott sie schuf lief sie auf die marmorsteinerne Terrasse und hechtete mit einem gekonnten Kopfsprung in das kühle Nass. Sue spürte Steans aufgeregten und glücklichen Blick in ihrem Nacken, als sie wieder auftauchte und wieder zu ihm zurückschwamm. „Meine kleine Aphrodite“, schwärmte Stean und zog Sue mit starker Hand aus dem Pool. „Jetzt aber nichts wie ran an den Speck“, gluckste er, während Sue sich gekonnt ein Seidentuch um ihren schlanken Körper knotete und sich zu Tisch setzte. „Der kleine Mann hier darf auch probieren“, lachte Stean und schob Lee ein Stückchen gebratenen Speck zu. Lees kleine Hände langten ordentlich zu. Er sah spitzbübisch aus, mit den Fetträndern um seinem Mündchen, und während er keck aus seinem Hochsitz guckte, strampelte er freudig mit seinen Beinchen. „Er hat heute zum ersten Mal Daddy zu mir gesagt.“ Stean wirkte überglücklich. „Ja, hast du? Wirklich?“ Sue stupste Lee mit dem Finger auf die Nase. „Du hast Daddy gesagt? Ja, das ist ja schön.“ Ihre Stimme erhöhte sich merklich um einige Lagen, um besondere Freude und Glück zu demonstrieren. Und Stean beobachtete Sues Reaktion mit zufriedenem Gesichtsausdruck. „Ja, mein kleiner Lee hat Daddy gesagt. Das war richtig schön, nicht wahr, Lee? Ich bin dein Daddy. Jaaa, der bin ich!“ Was für ein Bild. Sues Herz überschlug sich fast vor Freude über diesen gelungenen Morgen. Konnte es etwas Schöneres geben, als ihren kleinen Sohn so glücklich zu sehen, so gewollt und so dermaßen von Stean angenommen? Die beiden mochten sich wirklich. Aber auch Kasai war für Lee zu einer wichtigen männlichen Bezugsperson geworden. Die letzten zwei Monate in Guam hatten sie sehr viel Zeit mit Kasai verbracht, sehr viel mehr Zeit als mit Stean. Und langsam, aber sicher, würde die Sache mit den beiden etwas kompliziert werden. Doch Sue wollte sich den anbrechenden, so wundervoll begonnenen Tag nicht mit Sorgen, die sich ihren Weg in ihr Innerstes bahnten, verderben. Also packte sie nach dem herzerwärmenden Frühstück alles Notwendige für den Bootstrip zusammen, auch Windeln und die wichtigsten Utensilien für Lee durften da nicht fehlen, zog sich einen Bikini an, schlüpfte in eine luftige Bermuda und zog sich ein Spaghettitop über, dann konnte es losgehen. Sie freute sich sehr auf diesen Tag.

Seit sie mit Aaron und den Fischern in Sizilien aufs offene Meer gefahren waren, gab es keine Möglichkeit mehr für sie, dieses nasse Element auf hoher See zu genießen.

Der Unterschied zwischen Mittelmeer und Pazifik machte sich schnell anhand der Boote, wie Kasai so nett formulierte, bemerkbar. Sue stand der Mund offen, als sie das Hafenbecken erreichten und Stean einen Skipper anwies die Leinen zu lösen. Er selbst würde heute das Steuer übernehmen. Stean war ein begnadeter Segler gewesen und hatte sportliche Regatten bestritten. Aber die Leinen, die hier gelöst wurden, waren nicht die Leinen eines kleinen Bootes. Nein. Es waren dicke Taue einer riesigen, dreißig Meter langen Motorjacht. Wie wunderschön sie war. Noch nie hatte Sue ein solch anmutiges luxeriöses Schiff bestiegen. Ja, sie hatte schon viel gesehen und sehr viel mehr an schönen luxuriösen Dingen genießen dürfen, doch dieser Tag würde wohl ein Highlight in ihrem Leben werden. Das wusste sie.

Die Sonne brannte heiß auf ihre Haut. Kasai kam mit einem Zwinkern auf sie zu und nahm sie in den Arm. Stean war in der Zwischenzeit wieder zum Parkplatz am Rande des Hafens zurückgeschlendert, um Pedro und seine Tochter abzuholen. „Na du?“ Kasai drückte Sue einen sanften Kuss aufs Ohr, während Lee, der auf Sues Arm hockte, ihn von der Seite aus auf die Wange tätschelte. „Hast du gut geschlafen? Du siehst ...“ Er machte eine kurze Pause, löste sich aus der Umarmung und trat einen Schritt zurück. „Du siehst wunderschön aus.“ Eine ausladende Armbewegung bekräftigte seine Worte. Sue bedankte sich und lächelte. „Sag mal, Kasai, wolltest du mich auf den Arm nehmen, wegen des Bootes?“ „Was meinst du?“ Kasai fragte sichtlich unschuldig und wischte sich dabei den Schweiß von der Stirn. Es war wirklich verdammt heiß heute. „Na ja, das Boot, die Bootsfahrt, ich meine ...“ Sue zog belustigt fragend ihre Brauen hoch. „Du sprachst von einem Boot, aber das hier? Das ist doch kein Boot. Ich meine, ein Boot ist das hier!“ Sue zeigte auf ein kleines Schinakel aus Holz, ein kleines aber feines, etwa fünf Meter langes handbemaltes Fischerboot. Kasai schüttelte verständnislos den Kopf. „Was, du meintest ich nehme dich auf ein solches mit?“

Seine Stimme verriet Verwunderung. „Das ist doch kein Boot, Sue, das ist ein Kutter, ein Arbeitsgerät für einzelne Fischer. Aber doch kein Boot.“ Scheinbar hatten Kasai und sie grundsätzlich andere Vorstellungen von Größe. „Das hier ist unser Boot, Sue.“ Er zeigte auf die bereits vorbereitete Luxusjacht, mit der sie in Kürze in See stechen würden. „Aber das ist doch kein Boot!“ Sue lachte überschwänglich. „Kasai, das ist ne super, riesige, traumhafte Luxusjacht! Ein Schiff ist das, kein Boot!“ „Oh, nein, nein.“ Kasai winkte ab. „Dann hast du noch nie ein richtiges Schiff gesehen. Oder eine richtige Luxusjacht. So wie die von den russischen Ölmultis.“ „Ja, du lieber Himmel.“ Sue stand der Mund weit offen. Kasai zeigte eindeutig, dass er wusste wovon er sprach und dass die obere Klasse der Millionäre immer noch kleine Fische waren, im Gegensatz zu den Milliardären und den der russischen Oligarchen in dieser Welt. „In Osaka haben wir richtige Schiffe“, fuhr Kasai unbeeindruckt fort, als wäre es das normalste auf der Welt. „Du brauchst mich nur zu begleiten, Sue.“ Kasai klärte Sue schulterzuckend auf. Das gabs doch gar nicht. Besaß Kasai Oligarchenstatus? Himmel. In welche Welt war sie hier hineingeraten. Sie dachte, sie kannte Kasai, auch seinen weltlich-materiellen Status. Er hat nie viel davon erzählt, sich nie etwas aus seinem Reichtum gemacht. Über Geld redete er nicht. Dass er es hatte, war klar, sonnenklar, zudem sah man es ihm nie an, so locker und leger wie er sich kleidete. Aber dass er zu einer der reichsten Familien im asiatischen Raum gehörte, das hatte er ihr verschwiegen. „Nun gut“, lachte Sue und Lee suchte mit seinen großen braunen Augen den Hafen nach weiteren Sehenswürdigkeiten ab. „Boo“, rief er begeistert und zeigte auf Kasais und Steans Jacht. „Nein, kein Boot, Lee“, verbesserte ihn Sue kopfschüttelnd. „Ein Schiff. Eine riiiesengroße Jacht ist das, Lee, kein Boot.“ Kasai drehte die Augen über und grinste, nahm den Kleinen auf den Arm und widersprach Sue. „Ja, mein kleiner Lee, das ist ein Boot. Und jetzt gehen wir Boot fahren. Okay?“

Sue stand unter Kulturschock. Das musste sie erst verarbeiten. Wie kann man so was ein Boot nennen? Aber egal. Sie freute sich wie verrückt, den Tag auf dieser Superjacht verbringen zu dürfen. Es war ein Privileg und sie schätzte es sehr, dass Kasai kein großes Ding daraus machte, wie unterschiedlich sie Reichtum einschätzten. Ihre Gedanken schwappten wie die Wellen, die an die Hafenmauer platschten, an Aaron zurück. Wie sehr hatte sie ihn davon abzuhalten versucht, den ihm angebotenen Ferrari als Dienstauto zu verwenden. Auf dem Boden sollte er bleiben. Nicht abheben. Vergeblich. Aaron war erst sechsundzwanzig als er starb, viel zu jung, um mit einem solch enormen sozialen Aufstieg richtig umgehen zu können. Der Reichtum, der ihm und ihr angeboten wurde, hatte ihr Angst gemacht und Aaron beflügelte das Gefühl, seinem Vater endlich beweisen zu können, dass er es geschafft hatte. Sue aber fühlte sich als Verlierer. Denn sie hatte Aaron bereits verloren. Der Aaron und wie sie ihn kennengelernt hatte, war nicht mehr der Aaron von früher. Der Ferrari fahrende Aaron war ein anderer Mensch, ein Mann ohne Skrupel, ein Mann mit Machtanspruch und der Geilheit im Nacken sich alles kaufen zu können, auch die Frauen.

Kapitel 4

Ihr Blick richtete sich augenblicklich wieder dem Steg zu, auf dem ein vergnügter Stean mit einem großen, gesetzten, bärtigen Mann des Weges daherkam. Erst als sie näher kamen, bemerkte Sue die imposante Erscheinung von Pedro und welch prachtvolle Präsenz er ausstrahlte. Er kam ihr nicht wie ein Makake vor. Viel mehr wie ein liebevoller, kuscheliger, gesetzter Brummbär in den Fünfzigern. Pedro war ein Riese. Sue schätzte ihn auf mindestens ein Meter neunzig, mit einem Gewicht von sicher hundertfünfzig Kilo. Oh Mann. Seine gütigen braunen Augen leuchteten regelrecht, als er auf Sue zuschritt und sie mit Handschlag und alsdann mit einer innigen Umarmung begrüßte. „Willkommen, Kleiner Kuckuck“, sagte er und Stean machte Platz, um diese Vertrautheit, in die Pedro Sue mitnahm, nicht zu stören. „Wie bist du schön!“, sagte er mit fester, tiefer Stimme. Dann machte Pedro Platz und eine helle, freundliche Stimme übernahm.

„So schön wie die Sonne am Firmament! Ich bin Natashia, Kalinas Tochter.“ „Und die meine“, pochte Pedro. „Natürlich auch die deine“, schmunzelte die auffällig dunkle Schönheit. Sue konnte sich nicht erinnern jemals Menschen begegnet zu sein, die ihr Herz in solcher Geschwindigkeit schon im Ansatz erobert hatten. Alles ging so schnell und doch hatte sie das Gefühl, die Begrüßung wie in Zeitlupe zu erleben. Was war das doch für eine eigenartige neue Energie, die sie hier umfing. Sues Blick richtete sich geradewegs auf Natashia. Sie war schön. So unglaublich schön, auf natürliche Weise.

Was sagte sie? Sue wäre so schön wie die Sonne am Firmament. Oh Mann, das war vielleicht eine Begrüßung. Es war keine Zeit, um zu zweifeln, keine Zeit, um sich die Frage zu stellen, ob die beiden ihr nur Honig ums Maul schmieren wollten, ob sie es ehrlich meinten oder ob es ganz einfach nur ihre Art war, freundlich zu sein. Und doch blitzten kurze Zweifel in Sues Gehirnwindungen auf, die sie nicht verleugnen konnte, würde sie danach gefragt werden. „Alles gut, Kleiner Kuckuck, und keine Angst!“, flüsterte Natashia, als sie Sue und den kleinen Lee in ihre sanften Arme nahm. Da war es wieder. Dieses Kleiner Kuckuck. Warum nannten die beiden sie so? Sue hatte keine Ahnung. Irgendwann, wenn sie Gelegenheit dazu haben würde, würde sie danach fragen. Aber jetzt war es Zeit an Bord zu gehen.

„Wie heißt dieses wundervolle Schiff?“ Sue wollte es wissen. Stean schmunzelte und wollte zur Antwort ansetzen, als Natashia wie eine Königin heranschritt. Sue blieb wie berauscht von der überwältigenden Präsenz und Schönheit dieser Frau stehen. Ihr geschmeidiger Gang ließ ihre wohlgeformten Hüften durch den seidenen Stoff ihres Kleides hervorblinzeln, während ihr schwarzes gelocktes Haar sanft unter der Meeresbrise hin und her wogte. Ihr war, als würde der Wind selbst den Körper dieser Frau soeben formen. „Ihr Name ist die Göttin“, antwortete Natashia geheimnisvoll. Natashias sinnlicher Blick suchte aufgeregt den von Sue und hielt ihn fest. Zu fest. Sue verspürte ein heißes inneres Ziehen und Kribbeln in der Magengegend. Selbst ihr Atem ging schwerer, als müsse sie erst Luft holen, um zu begreifen, wer hier vor ihr stand. „Wer um alles in der Welt bist du?“, schien sie sich zu fragen und, als ob sie keinen Gedanken auch nur heimlich ganz für sich denken konnte, ohne dass diese Schönheit davon wusste, wurde sie von Natashia sanft ins Innere der Jacht gezogen. „Du wirst Gelegenheit bekommen, das noch genau heraus zu finden, nicht wahr?“, hauchte diese sinnlich. „Dieses Schiff ... Ihr Name ist die Göttin“, wiederholte Natashia und kam Sues Gesicht unendlich nahe. „Eine Göttin für die Göttin“, bestätigte sie nochmal und legte dann sogleich ihren Finger auf Sues Lippen, um ihr Stillschweigen zu bedeuten.

„Kleiner Kuckuck, Göttin, wo um alles in der Welt bin ich hier denn nur gelandet?“ Sues Eindrücke überschlugen sich. Diese unendlich sanften Gesten, diese unbestechliche Sinnlichkeit dieser Frau betörten sie.

Am zweiten Bootsdeck kuschelte sich Lee in Sues Arme und betrachtete glucksend und fröhlich das Meer, das sanft an den Schiffsrumpf schwappte.

Stean setzte sich neben die beiden und grinste. „Na, hab ich dir zu viel versprochen? Es sind ganz besondere Menschen, Sue, die du hier kennenlernst. Zudem ...“ Er machte eine Pause und tat als würde er überlegen. „Sie nennen dich Kleiner Kuckuck oder die Göttin oder die Frau, die aus der Sonne kommt. Sie erwarten dich schon lange, Sue. Ich weiß nicht genau warum, aber Pedro erklärte mir, dass er Natashia mitnehmen musste, weil es die Alten so bestimmten und es für das Volk von enormer Wichtigkeit sei. Du darfst nur von einer der Ihren abgeholt werden. Pedro sagte, du seist sehr wichtig. Soviel zum Protokoll!“ Stean grinste. „Frauensache eben. Wir Männer haben in diesem Metier nichts verloren.“

Der Motor setzte ein und Kasai lenkte die Jacht gekonnt aus dem Hafen hinaus aufs offene Meer. Sue war von der ersten Begegnung mit Pedro und seiner Tochter noch wie benebelt. „Ich fühle mich wie benommen, Stean.“ Sue spürte wie ihr das Blut in den Kopf stieg. „Sie ist schön, nicht wahr?“ Sue nickte, getraute sich aber nichts zu sagen. „Das ist völlig okay. Das meinte ich immer, wenn ich sagte, keine europäische Frau könnte mich so sehr in ihren Bann ziehen wie du, denn auch du hast diese Schönheit an dir. Innen wie außen. Du bist irgendwie wie sie. Bist ihnen sehr ähnlich.“ Sue verstand kein Wort von dem, was Stean ihr hier zu erklären versuchte. Stattdessen hielten ihre Blicke vergeblich nach Natashia Ausschau. „Du suchst sie, nicht wahr?“ Steans Frage holte sie in die Gegenwart zurück. „Ihre Ausstrahlung ist es, die du so spürst, sie lockt einen. Ihr zieht euch an, ihr habt dieselbe Ausstrahlung“, sagte er zärtlich. „Hm“, machte Sue. „Ja, irgendwie magisch, oder?“ „War das jetzt eine Frage oder eine Feststellung?“, ertönte die helle, sanfte Stimme Natashias, die soeben auf das obere Deck stieg. Ihre dunklen Augen strahlten Sue an, fingen sie ein, fixierten sie und ließen nicht los, bis sie sich an Sues Seite setzte. Ihr Kleid, das sie sich mit den Händen sanft zwischen ihren braungebrannten Oberschenkeln zusammenhielt, wehte im Wind. „Ich geh dann mal mit Lee nach unten nach dem rechten sehen, in Ordnung? Man kann nie früh genug damit anfangen, zu lernen was ein wahrer Kapitän zu tun hat, nicht wahr, kleiner Mann?“ Mit Lee auf dem Arm verließ Stean gut gelaunt das Oberdeck.

Sue war nervös. Was war nur los mit ihr? Diese starken Gefühle, die sie spürte, nahmen ihr beinahe den Atem. Was geschah hier gerade und weshalb fühlte sie sich so verloren und doch so dermaßen angekommen? Sie hatte keine Ahnung. „Du möchtest wissen, weshalb du Kleiner Kuckuck genannt wirst?“ Natashias langes Haar wehte im Wind und umschmeichelte immer wieder Sues Gesicht. Sue starrte nervös in die andere Richtung, um ja nicht erkannt, ertappt zu werden, dass ihr diese Frau mehr als nur gefiel. Da war mehr. Von Anfang an war da etwas, das sie noch nie zuvor in solcher Intensität gefühlt hatte. „Nur nicht blamieren, Sue“, sagte sie sich im Stillen. „Mach dich nicht lächerlich, du kennst diese Frau doch gar nicht und zudem ... Frauen lieben keine Frauen.“