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In "Die Akkumulation des Kapitals" analysiert Rosa Luxemburg die Dynamiken des kapitalistischen Wirtschaftssystems und dessen Impakte auf die globale Wirtschaft. Sie argumentiert, dass die wahre Natur des Kapitalismus nicht in der Schaffung von Wohlstand, sondern in der Umverteilung und Aneignung von Ressourcen liegt. Luxemburgs literarischer Stil ist analytisch und scharf, geprägt von einer tiefen ökonomischen und politischen Einsicht. Dies macht das Buch zu einem grundlegenden Werk im Kontext marxistischer Theorie und bietet eine kritische Perspektive auf die Funktionsweise des Kapitals und seine Auswirkungen auf soziale Strukturen. Rosa Luxemburg, eine der bedeutendsten Theoretikerinnen des Sozialismus, argumentierte leidenschaftlich für die Rechte der Arbeiter und stellte die Grundfesten des Kapitalismus in Frage. Ihre Erfahrungen als Aktivistin und Denkerin in einer Zeit massiver sozialer Umwälzungen und politischer Repression prägten ihre Ansichten über die Notwendigkeit des revolutionären Wandels und der Kritikkultur. Ihr Werk ist sowohl ein Produkt ihrer Zeit als auch ein zeitloser Beitrag zur politischen Ökonomie. "Die Akkumulation des Kapitals" ist ein unverzichtbares Werk für alle, die sich mit den Mechanismen des Kapitalismus auseinandersetzen möchten. Es bietet tiefgreifende Einsichten und theoretische Grundlagen, die nicht nur Historikern und Ökonomen, sondern auch politischen Aktivisten und sozial Interessierten von Bedeutung sind. Leser, die an der Verbindung zwischen Wirtschaft und Gesellschaft interessiert sind, finden in Luxemburgs Argumentation eine eindrucksvolle und herausfordernde Stimme. In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen: - Eine prägnante Einführung verortet die zeitlose Anziehungskraft und Themen des Werkes. - Die Synopsis skizziert die Haupthandlung und hebt wichtige Entwicklungen hervor, ohne entscheidende Wendungen zu verraten. - Ein ausführlicher historischer Kontext versetzt Sie in die Ereignisse und Einflüsse der Epoche, die das Schreiben geprägt haben. - Eine Autorenbiografie beleuchtet wichtige Stationen im Leben des Autors und vermittelt die persönlichen Einsichten hinter dem Text. - Eine gründliche Analyse seziert Symbole, Motive und Charakterentwicklungen, um tiefere Bedeutungen offenzulegen. - Reflexionsfragen laden Sie dazu ein, sich persönlich mit den Botschaften des Werkes auseinanderzusetzen und sie mit dem modernen Leben in Verbindung zu bringen. - Sorgfältig ausgewählte unvergessliche Zitate heben Momente literarischer Brillanz hervor. - Interaktive Fußnoten erklären ungewöhnliche Referenzen, historische Anspielungen und veraltete Ausdrücke für eine mühelose, besser informierte Lektüre.
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Veröffentlichungsjahr: 2023
Kapitalismus lebt vom Überschreiten seiner Grenzen. Diese zugespitzte Beobachtung bildet den gedanklichen Auftakt von Rosa Luxemburgs Die Akkumulation des Kapitals, einem Werk, das die dynamische Logik der kapitalistischen Expansion ins Zentrum rückt. 1913, am Vorabend der großen Erschütterungen des 20. Jahrhunderts, verfasst, verfolgt das Buch die Spur jener Kräfte, die Produktion, Handel und Politik ineinander verschränken. Luxemburg fragt, wie Mehrwert nicht nur hergestellt, sondern auch realisiert und wieder in Bewegung gesetzt wird – und warum dabei stets neue Räume, Märkte und soziale Verhältnisse in den Sog der Akkumulation geraten. So entsteht eine ökonomische Analyse mit eminent politischer Reichweite.
Als Klassiker gilt dieses Buch, weil es theoretische Strenge mit historischer Weite verbindet. Luxemburg führt die abstrakten Rechenwerke der politischen Ökonomie nicht in den Elfenbeinturm, sondern in die Welt der Eroberungen, Kredite, Verträge und Krisen. Ihre Argumente haben Debatten über Imperialismus, Entwicklung und globale Vernetzung geprägt und bleiben Referenzpunkte, wenn nach den Grenzen kapitalistischer Dynamik gefragt wird. Zugleich beeindruckt die stilistische Kraft: scharf in der Kritik, klar in der Darstellung, entschlossen in der Folgerung. Der Text steht damit in einer Tradition, die ökonomische Theorie als Gesellschaftsanalyse begreift – zugänglich genug, um zu überzeugen, und präzise genug, um zu bestehen.
Die Autorin, Rosa Luxemburg (1871–1919), war eine führende marxistische Theoretikerin und Aktivistin der internationalen Arbeiterbewegung. Die Akkumulation des Kapitals erschien 1913 in deutscher Sprache; der Untertitel lautet Ein Beitrag zur ökonomischen Erklärung des Imperialismus. Luxemburg knüpft an Karl Marx’ Analyse an und setzt dort ein, wo die Frage der Reproduktion des Gesamtkapitals, der Zirkulation und der Realisierung des Mehrwerts virulent wird. Der Publikationskontext ist von intensiven Kontroversen über Reform, Revolution und die Ursachen des weltweiten Vordringens kapitalistischer Produktionsweisen geprägt – ein Umfeld, in dem ökonomische Argumente unmittelbare politische Bedeutung hatten.
Im Kern fragt das Buch, wie kapitalistische Gesellschaften über die einfache Wiederholung hinauswachsen können. Es untersucht, was geschieht, wenn Produktionskapazitäten schneller expandieren als die kaufkräftige Nachfrage im engen Rahmen der kapitalistischen Klassenverhältnisse. Luxemburg verfolgt diese Problemstellung vom Modell der gesellschaftlichen Reproduktion bis in die Sphäre internationaler Beziehungen. Sie zeigt, dass Akkumulation stets an konkrete Institutionen, Machtverhältnisse und historische Konstellationen gebunden ist. Ohne vorzugreifen, lässt sich sagen: Das Werk entfaltet eine Erklärung, die ökonomische Prozesse, staatliche Politik und die Integration bislang nichtkapitalistischer Bereiche miteinander verschränkt.
Ihre Methode ist doppelt: eine textgenaue Auseinandersetzung mit Marx’ Reproduktionsschemata und eine dichte historische Illustration. Luxemburg prüft, wie abstrakte Modelle die Bewegung des Gesamtkapitals abbilden, und fragt zugleich, wo sie an Grenzen stoßen. Dann wechselt sie in den empirischen Modus und verfolgt die Expansion des Kapitals in Kolonialpolitik, Handel, Kredit und Fiskalwesen. Dieser Wechsel zwischen Theorie und Geschichte macht das Buch zu einem Lehrstück materialistischer Analyse: Theorie gewinnt Konkretion, Geschichte erhält Struktur. Der Ertrag ist ein Zusammenhangsdenken, das Einzelereignisse nicht isoliert, sondern als Ausdruck systemischer Logiken deutet.
Das zentrale Spannungsfeld entfaltet sich im Verhältnis von Produktion und Realisation. Luxemburg zeigt, dass die kapitalistische Produktion zur Ausdehnung drängt, während die Realisierung des produzierten Mehrwerts im rein kapitalistischen Binnenraum an Schranken stößt. Daraus resultiert eine Dynamik der Auslagerung und Einverleibung: Nichtkapitalistische Milieus werden zu Absatz-, Rohstoff- und Investitionsfeldern, wodurch die Akkumulation fortgesetzt werden kann. Diese These ist streitbar und bewusst zugespitzt; sie lädt dazu ein, gängige Annahmen über selbstgenügsame Märkte zu prüfen und die politischen Konsequenzen ökonomischer Expansion genauer zu betrachten.
Kompositorisch führt das Buch von der Theorie zur Geschichte. Zunächst rekonstruiert Luxemburg die Reproduktionsschemata und das Verhältnis von Kapitalabteilungen, Konsum und Investition. Daran schließt sie eine weiträumige Analyse historischer Prozesse an, in denen Kreditwesen, Staatshaushalt, Rüstung und koloniale Durchdringung ineinander greifen. Diese Struktur erlaubt es, die systematische Argumentation in ihrer praktischen Bewegung zu verfolgen. Wer dem Gedankengang folgt, sieht, wie Formeln zu historischen Kräften werden: Die abstrakte Logik der Akkumulation erscheint als Impuls, der Institutionen formt, Konflikte schürt und ganze Regionen in neue Abhängigkeiten versetzt.
Die zeitgenössische Rezeption war kontrovers und machte das Buch sofort zu einem Prüfstein marxistischer Theorie. Kritische Einwände zielten auf Luxemburgs Lesart von Marx und die Konsequenzen ihrer Akkumulationsdiagnose. Gerade diese Auseinandersetzungen trugen zur kanonischen Stellung des Werks bei: In Debatten wird Theorie geschärft. Luxemburg selbst verteidigte ihre Kernargumente später in einer Antikritik und präzisierte dabei methodische Punkte. Dass das Buch Widerspruch provozierte, spricht für seine analytische Energie – es zwingt zur Stellungnahme und stellt scheinbar selbstverständliche Prämissen erneut zur Disposition.
Literarisch überzeugt der Text durch argumentative Ökonomie und polemische Eleganz. Luxemburg schreibt ohne ornamental zu sein; sie spart nicht an Beispielen, verliert sich aber nicht in Details. Ihre Sätze bewegen sich zwischen Lehrtext und Intervention, zwischen Beweisführung und politischer Ansprache. So entsteht eine Sprache, die Fachkundige ernst nimmt und zugleich ein breiteres Publikum gewinnen kann. Der Ton bleibt sachlich, doch nie distanziert von der Welt, die er untersucht. Diese Verbindung aus Klarheit, Dichte und Engagement erklärt, warum das Werk auch als Lektüreerfahrung nachhaltigen Eindruck hinterlässt.
Wirkungsgeschichtlich hat Die Akkumulation des Kapitals Debatten über Imperialismus, Entwicklung und globale Arbeitsteilung befeuert. Spätere Theoriebildungen, von der Dependenz- bis zur Weltsystemanalyse, griffen Motive auf, die Luxemburg prägnant formuliert: die Außenräume des Kapitals, die Rolle staatlicher Politik in Marktprozessen, die Verknüpfung von Kredit, Militär und Handel. Auch innerhalb der marxistischen Diskussion blieb das Buch ein Bezugspunkt, wenn es um Krisen, Realisation und die Bedingungen anhaltender Expansion ging. Diese lange Nachwirkung ist ein Indiz für theoretische Tragfähigkeit und für die Anschlussfähigkeit des Ansatzes über Epochen und Schulen hinweg.
Für heutige Leserinnen und Leser öffnet das Werk einen analytischen Blick auf Phänomene der Gegenwart: globale Lieferketten, Finanzverflechtungen, die Erschließung neuer Sektoren und Räume, staatliche Anreize und fiskalische Instrumente, mit denen Akkumulation stabilisiert wird. Luxemburgs Fragestellungen helfen, die politische Ökonomie der Globalisierung zu fassen, ohne in Schlagworte zu verfallen. Indem sie ökonomische Kategorien mit Macht- und Herrschaftsverhältnissen verbindet, liefert sie Werkzeuge, um Krisen, Ungleichheiten und Konflikte nicht als Zufälle, sondern als systemische Resultate zu verstehen – und damit als Gegenstände bewusster Auseinandersetzung.
Die Akkumulation des Kapitals bleibt aktuell, weil es die Bewegungsgesetze einer Wirtschaftsweise freilegt, die weiterhin den Alltag der Weltgesellschaft formt. Zeitlos ist die intellektuelle Haltung: Präzision in der Argumentation, Mut zur großen Verbindungslinie, Beharren auf der Einheit von Theorie und historischer Erfahrung. Das Buch ermutigt dazu, ökonomische Fragen politisch zu denken und komplexe Entwicklungen in ihren Bedingungen zu untersuchen. Wer hier einsteigt, gewinnt keine fertigen Antworten, wohl aber einen Kompass. Darin liegt die bleibende Qualität dieses Klassikers – und der Grund, ihn heute erneut aufmerksam zu lesen.
Rosa Luxemburgs Die Akkumulation des Kapitals, 1913 erschienen, untersucht die ökonomischen Triebkräfte imperialistischer Expansion. Ausgangspunkt ist die Frage, wie kapitalistische Akkumulation dauerhaft möglich ist: Wo und wie kann der in der Produktion erzeugte Mehrwert realisiert werden? Luxemburg greift auf die marxistische Wert- und Reproduktionstheorie zurück, erweitert sie aber um eine systematische Verbindung zur Weltmarktdynamik. Ihr Ziel ist, die inneren Grenzen kapitalistischer Verwertung offenzulegen und deren politische Konsequenzen zu bestimmen. Der Text steht zugleich im Kontext sozialistischer Debatten ihrer Zeit und richtet sich gegen Interpretationen, die Krisen und Imperialismus als bloße Politikfehler statt als Strukturproblem begreifen.
Zu Beginn rekonstruiert Luxemburg die Entwicklung zentraler volkswirtschaftlicher Theorien zur Reproduktion, von der klassischen Ökonomie bis zu Marx. Im Zentrum steht die Analyse der Reproduktionsschemata in einer geschlossenen kapitalistischen Ökonomie, die zwischen einfacher und erweiterter Reproduktion unterscheiden. Während die einfache Reproduktion die bloße Wiederherstellung der Produktionsbedingungen beschreibt, wirft die erweiterte Reproduktion die Frage auf, wer die zusätzlichen Warenmengen abnimmt. Luxemburg zeigt, dass die formale Logik dieser Schemata zwar Kreisläufe skizziert, aber die gesellschaftlichen Bedingungen der Nachfrage und ihre Grenzen nur unzureichend erfasst werden.
Darauf aufbauend formuliert sie ihre Hauptthese: Eine ausschließlich kapitalistische Binnenökonomie kann den stetig wachsenden Mehrwert nicht vollständig realisieren. Für beständige Akkumulation bedarf es Käufern und Produktionssphären außerhalb des reifen Kapitalismus. Nichtkapitalistische Milieus – ländliche Haushalte, Handwerk, Kolonialökonomien – fungieren als Absatz- und Investitionsfelder. Diese Räume ermöglichen die Umwandlung von Waren in Geld und setzen neue Investitionsketten in Gang. Die Ausweitung des Kapitalismus vollzieht sich somit als beständiges Vordringen in und Umformen nichtkapitalistischer Bereiche, wobei deren Eigenlogiken schrittweise untergraben oder zerstört werden.
Luxemburg untersucht die Instrumente, durch die dieser Prozess vermittelt wird. Besonders betont sie Kredit, Staatsverschuldung und den Export von Kapital. Internationale Anleihen, Eisenbahn- und Infrastrukturprojekte oder Rüstungsausgaben schaffen Absatzmöglichkeiten und binden nichtkapitalistische Regionen an monetäre Märkte. Das Finanzsystem wirkt als Hebel, mit dem zukünftige Zahlungsströme politisch und militärisch abgesichert werden. In dieser Sicht treten Zins- und Schuldbeziehungen nicht als neutraler Tausch auf, sondern als Mittel, ökonomische Abhängigkeiten zu erzeugen und neue Konsum- und Produktionsbedürfnisse zu erzwingen, die wiederum die Akkumulation speisen.
In einem weiteren Schritt ordnet Luxemburg Kolonialpolitik und Militarismus als politische Formen dieser Expansion ein. Sie beschreibt, wie koloniale Gewalt, Landenteignungen, Steuerpflicht und die erzwungene Geldwirtschaft nichtkapitalistische Ökonomien erschließen. Die sogenannte ursprüngliche Akkumulation erscheint dabei nicht als einmaliger Auftakt, sondern als fortgesetzte Praxis an den Rändern des Systems. Verwaltung, Recht und Armee wirken zusammen, um lokale Produktionsweisen in Geldbeziehungen zu überführen. Zugleich verweist Luxemburg auf den sozialen Preis: Zerstörung traditioneller Existenzen, Prekarisierung und die Herstellung neuer Abhängigkeitsverhältnisse, die langfristige Konflikte nähren.
Theoretisch grenzt sich Luxemburg von konkurrierenden Erklärungen ab. Gegen disproportionalitätstheoretische Ansätze, die Krisen auf fehlerhafte Sektoraufteilungen zurückführen, insistiert sie auf einer strukturellen Beschränkung der Realisierung in einem abgeschlossenen System. Revisionistische Lesarten, die eine harmonische Entwicklung erwarten, weist sie zurück, weil sie den Zwang zur Expansion unterschätzen. Ebenso kritisiert sie Interpretationen, die die Reproduktionsschemata rein formal behandeln und die gesellschaftlichen Bedingungen der Nachfrage ausblenden. Durch diese Auseinandersetzung markiert sie den Ort ihres Beitrags: Akkumulation erklärt sich für sie nur im Zusammenhang von Klassenverhältnissen, Weltmarkt und Staatsmacht.
Anhand historischer Fallstudien zeigt Luxemburg, wie kapitalistische Produktions- und Zirkulationsformen in agrarische, handwerkliche oder koloniale Strukturen eindringen. Sie schildert Prozesse der Monetarisierung des Alltags, die Verdrängung subsistenter Produktion durch marktorientierte Landwirtschaft und die Rolle von Infrastruktur als Katalysator. Diese Beispiele dienen nicht der detailreichen Chronik, sondern illustrieren das Muster: Der Kapitalismus erweitert seine Verwertungsbasis, indem er andere Wirtschaftsformen transformiert, gleichzeitig aber die Voraussetzungen seiner eigenen Expansion schrumpfen lässt, weil die Zahl nichtkapitalistischer Partner abnimmt. Daraus entsteht eine grundlegende Spannung im globalen Entwicklungsprozess.
Die Krisendynamik entsteht in Luxemburgs Darstellung aus der Kollision von Expansionsdrang und endlichen nichtkapitalistischen Reserven. Militarismus erscheint als ökonomischer Sektor, der Nachfrage bündelt, und als politisches Mittel, um Zugriff auf Märkte und Rohstoffe zu sichern. Staaten konkurrieren um Einflusszonen; internationale Kredite, Zollregime und koloniale Projekte werden zu Instrumenten dieser Rivalität. Damit ist Imperialismus nicht bloß eine Außenpolitikoption, sondern Ausdruck einer ökonomischen Notwendigkeit. In dieser Konstellation verdichten sich zyklische Krisen, geopolitische Spannungen und soziale Konflikte zu einer Tendenz, die den historischen Horizont des Systems begrenzt.
Im Schlussgedanken entwirft Luxemburg die Konsequenz ihrer Analyse: Wenn Akkumulation auf nichtkapitalistische Umwelten angewiesen ist, wird ihr Fortschritt widersprüchlich, weil das eigene Wachstum die Bedingungen seiner Fortsetzung untergräbt. Zugleich eröffnet der Prozess gesellschaftliche Gegenkräfte, die aus Ausbeutung, Enteignung und Kriegserfahrungen erwachsen. Die Akkumulation des Kapitals bleibt damit ein Schlüsseltext, der ökonomische Mechanik, Weltpolitik und soziale Kämpfe verbindet. Unabhängig von späterer Kritik und Modifikationen prägt das Werk Debatten über Imperialismus, Entwicklung und Krisen bis heute, indem es die strukturellen Grenzen kapitalistischer Expansion und ihre politischen Folgen sichtbar macht.
Als Rosa Luxemburg ihr Werk Die Akkumulation des Kapitals 1913 veröffentlichte, prägte das spätwilhelminische Deutschland den Rahmen: ein hochindustrialisiertes Kaiserreich unter autoritärer Monarchie, mit expandierender Schwerindustrie, erstarkenden Kartellen und einem dicht organisierten Partei- und Gewerkschaftswesen. Europa wurde von Großmächten und Kolonialreichen dominiert, die aufeinanderprallenden Interessen im Weltmaßstab aussetzten. Die internationale Goldstandardordnung strukturierte Handel und Kapitalflüsse, während militärische Aufrüstung und Flottenbau sichtbare Zeichen der Machtpolitik waren. In diesem Umfeld entstand ein intensiver Streit um die Ursachen imperialistischer Expansion und um die Stabilität des Kapitalismus, der Luxemburgs ökonomische Überlegungen antrieb und ihr Buch zu einer Intervention in die Zeitdebatten machte.
Luxemburg, 1871 im damaligen Russischen Kaiserreich geboren und in der polnischen und deutschen Arbeiterbewegung aktiv, hatte in Zürich Ökonomie studiert und sich früh durch scharfe Analysen hervorgetan. Ihre Erfahrungen mit multinationalen Imperien, ungleicher Entwicklung und politischer Repression prägten den Blick auf globale Zusammenhänge. In Deutschland schloss sie sich der SPD an, arbeitete in der internationalen sozialistischen Bewegung und publizierte zu Fragen von Reform und Revolution. Diese intellektuelle Biografie, verbunden mit empirischer Neugier und theoretischer Strenge, kulminierte in dem Versuch, die Dynamik kapitalistischer Akkumulation jenseits nationaler Grenzen systematisch zu erklären.
Die Akkumulation des Kapitals zielte auf eine Lücke in der marxistischen Theorie: Wie wird der Mehrwert im Ganzen realisiert und was treibt die Expansion in die Welt hinaus? Luxemburg griff auf Marx’ Reproduktionsschemata zurück, stellte jedoch die These auf, dass kapitalistische Akkumulation dauerhaft auf nichtkapitalistische Milieus angewiesen sei. Dieses Argument richtete sich zugleich gegen zeitgenössische Deutungen, die in Binnenwachstum, Kredit und Organisation die Stabilität des Systems sahen. Ihr Buch erschien am Vorabend des Weltkriegs und quer zur herrschenden ökonomischen Orthodoxie, wodurch es in die politisierte Atmosphäre der Vorkriegsjahre hineinwirkte.
Die globale Kolonialexpansion des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts bildete den historischen Resonanzraum der Studie. Auf die Aufteilung Afrikas folgten Konflikte wie die Marokkokrisen 1905–1906 und 1911, der Burenkrieg sowie die skandalisierten Gewaltregime im Kongo-Freistaat, worauf 1908 die belgische Annexion folgte. Im deutschen Kolonialreich markierten die Kriegsverbrechen gegen Herero und Nama 1904–1908 den brutalen Charakter der Eroberung. Diese Ereignisse lieferten Anschauungsmaterial für Luxemburgs These, dass kapitalistische Expansion häufig mit militärischer Gewalt, Zwang und staatlicher Macht kulminiert, um neue Absatzmärkte, Rohstoffe und Investitionsfelder zu sichern.
Ökonomisch lag hinter Europa eine Phase tiefgreifenden Strukturwandels. Nach der langen Depression seit 1873 folgte beschleunigtes Wachstum in der zweiten industriellen Revolution: Chemie, Elektroindustrie und Stahl setzten Produktivitätsmaßstäbe, während Kartelle und Trusts die Konkurrenz verdichteten. Der Goldstandard organisierte internationale Zahlungen, und Finanzmärkte vernetzten Kapitalbewegungen. Die Finanzkrise von 1907 zeigte jedoch die Anfälligkeit des Systems und verknüpfte amerikanische, britische und kontinentale Verwerfungen. In dieser Gemengelage sah Luxemburg die Grenzen rein binnenwirtschaftlicher Erklärungen und rückte globale Ungleichgewichte sowie die Rolle außerkapitalistischer Sektoren in den Mittelpunkt.
Die Expansion ins Weltmarktsystem lief über Infrastruktur und Institutionen: Eisenbahnen, Häfen und Telegrafie erschlossen Regionen, koloniale Rechtssysteme sicherten Eigentumstitel, Konzessionen und Monopole. Bauernökonomien wurden über Steuern, Zwangsanbau oder Schuldenregime in Geldwirtschaften gezwungen; neue Exportkulturen wie Baumwolle, Kaffee oder Kautschuk banden Peripherien an Industriezonen. Kapitalexport finanzierte Minen, Plantagen und Schienenwege, deren Renditen in die Metropolen flossen. Für Luxemburg illustrierten solche Prozesse, wie die Realisierung von Mehrwert und die Fortsetzung der Akkumulation durch die Inkorporation nichtkapitalistischer Räume vorangetrieben wurden, und warum Konflikte an den Rändern des Systems eskalierten.
Im Inneren des Deutschen Kaiserreichs verbanden sich wirtschaftliche Dynamik und autoritäre Politik. Unter Wilhelm II. forcierten Flottengesetze und Weltpolitik den Aufstieg zur Seemacht; die fiskalische und militärische Prioritätensetzung verschärfte soziale Gegensätze. Gleichzeitig wuchs die SPD zur stärksten Reichstagsfraktion heran, gestützt auf eine breit verankerte Arbeiterkultur, Gewerkschaften und Genossenschaften. Trotz der Aufhebung der Sozialistengesetze 1890 blieb das politische System auf kaiserliche Exekutivmacht zugeschnitten. Diese Spannungen zwischen Massenpolitik und monarchischer Ordnung bildeten den Hintergrund, vor dem Luxemburg die Verbindung von ökonomischer Akkumulation, Staatsmacht und imperialen Zielen diskutierte.
Innerhalb der Arbeiterbewegung prägte die Revisionismusdebatte die Jahre um 1900. Eduard Bernstein plädierte für eine schrittweise Reformstrategie, gestützt auf die Beobachtung stabiler Kartelle, Kredit und demokratischer Fortschritte. Luxemburg hielt dem in Reform oder Revolution entgegen, dass Akkumulationszwänge Krisen und Klassenkonflikte nicht aufheben. In Die Akkumulation des Kapitals verschob sie den Fokus über nationale Reformperspektiven hinaus auf die globale Ebene: die Suche nach Märkten und Ressourcen, die politische Beherrschung der Peripherie und die Rolle des Staates. Sie verband so Ökonomie- und Imperialismuskritik mit einer strategischen Debatte über Ziel und Weg der Sozialdemokratie.
Zeitgenössische Theoretiker boten konkurrierende Erklärungen. Rudolf Hilferding analysierte 1910 in Finanzkapital die Verschmelzung von Banken und Industrie und leitete daraus imperialistische Tendenzen ab. Otto Bauer, an Marx’ Reproduktionsschemata orientiert, widersprach Luxemburgs Schluss, der Kapitalismus sei auf nichtkapitalistische Sphären angewiesen. Auch Vertreter disproportionaler Krisentheorien wie Michail Tugan-Baranowski betonten innerkapitalistische Ursachen. Diese Auseinandersetzungen reflektierten unterschiedliche Lesarten von Marx und verschiedene Gewichtungen von Markt, Kredit, Staat und Weltwirtschaft. Luxemburgs Buch trat in dieses dichte Feld und provozierte präzise Einwände wie breite politische Resonanz.
Die Revolution von 1905 im Russischen Kaiserreich wirkte als Katalysator für Luxemburgs strategische Überlegungen. Aus den Massenstreiks leitete sie die Bedeutung spontaner Bewegungen und politischer Generalstreiks ab. Obwohl Die Akkumulation des Kapitals ein ökonomisches Werk ist, verbindet es die Analyse von Expansionszwängen mit der Erfahrung, dass an den Peripherien des europäischen Kapitalismus soziale Sprengkraft entsteht. Die Verknüpfung politischer und ökonomischer Dynamiken, die Luxemburg aus den ostmitteleuropäischen Umbrüchen ableitete, schärfte ihren Blick für die Einheit von Staatsgewalt, Klassenkampf und imperialer Durchdringung als zusammenhängende historische Prozesse.
Luxemburgs frühere Studien zum industriellen Wandel in Kongresspolen zeigten, wie Modernisierung ungleich verläuft und regionale Ökonomien in den Weltmarkt integriert werden. Die Kombination aus ausländischem Kapital, Eisenbahnausbau und Zollpolitik veränderte Produktionsstrukturen und soziale Beziehungen. Solche Befunde stützten ihre Auffassung, dass kapitalistische Entwicklung nicht linear und autonom innerhalb eines Landes abläuft, sondern in Netzen von Zentralen und Peripherien. In Die Akkumulation des Kapitals übertrug sie dieses Verständnis auf eine umfassendere Theorie, in der unterschiedliche Wirtschaftsformen miteinander ringen und der Kapitalismus seine Grenzen durch Eroberung und Umwälzung des Nichtkapitalistischen hinauszuschieben sucht.
Koloniale Herrschaft entwickelte sich häufig über Mechanismen ökonomischer Zwangsintegration: Kopf- und Hüttensteuern zwangen Haushalte zur Lohnarbeit, Konzessionsgesellschaften erhielten weitgehende Rechte, und Strafregime sicherten Abgabepflichten. In Teilen Afrikas und Asiens wurden Arbeitskräfte für Plantagen, Minen und Infrastruktur rekrutiert, häufig unter Gewalt. Die deutschen Kriege in Südwestafrika oder die brutalen Extraktionspraktiken im Kongo wurden europaweit diskutiert. Luxemburg sah darin keine Fehlentwicklungen, sondern Ausdruck eines Systems, das zur Realisierung von Mehrwert und zur Sicherung von Profiten politische und militärische Mittel mobilisiert und damit die Grenze zwischen Wirtschaft und Gewalt systematisch verwischt.
Gleichzeitig veränderte sich der Alltag in den europäischen Metropolen. Rasche Urbanisierung, Mietskasernen und Fabrikarbeit prägten die Lebenswelt; Bismarcks Sozialversicherungen schufen erste Netze gegen Krankheit und Unfälle, ohne die Klassenhierarchien grundlegend zu verändern. Konsumkulturen entstanden, doch Löhne, Arbeitszeiten und Wohnverhältnisse blieben umkämpft. Gewerkschaften und Genossenschaften organisierten Gegenmacht und Solidarität. Diese sozialen Realitäten bildeten den Binnenhorizont, vor dem Luxemburgs Debatten um Reproduktion, Nachfrage und Akkumulation standen: Sie fragte, in welchem Verhältnis steigende Produktivität, Arbeiterkonsum und Profite zueinander stehen und wie die Ausdehnung in außerkapitalistische Räume damit verknüpft ist.
Technologische und finanzielle Innovationen beschleunigten die weltweite Integration. Dampfschiffe, Eisenbahnen und Telegrafie verkürzten Distanzen; Buchhaltung, Statistik und Kreditinstrumente professionalisierten Unternehmensführung und Staatsverwaltung. Börsen in London, Berlin, Paris und New York kanalisierten Kapitalströme, während Zentralbanken Goldbewegungen ausglichen. Diese Infrastrukturen ermöglichten nicht nur Handel, sondern auch die rasche Verlagerung von Investitionen in Bergbau, Plantagen und Eisenbahnen in Übersee. Luxemburg nutzte solche Entwicklungen als empirische Folie: Die Verdichtung transnationaler Verflechtungen, so ihre Diagnose, erhöhe die Tendenz, Krisen und Konflikte zu internationalisieren und politische Macht als Akzelerator wirtschaftlicher Expansion einzusetzen.
Die Zweite Internationale bot eine Arena für diese Auseinandersetzungen. Auf dem Stuttgarter Kongress 1907 stritten Delegierte über Militarismus und Kolonialpolitik; die verabschiedeten Resolutionen verurteilten imperialistische Projekte und riefen zur internationalen Gegenwehr auf. 1912, in Basel, bekräftigte die Internationale angesichts wachsender Kriegsgefahr den Willen zur antimilitaristischen Aktion. Luxemburg agierte in diesem Umfeld als profilierte Rednerin und Theoretikerin. Die Akkumulation des Kapitals war daher nicht nur ein Buch für Ökonomen, sondern ein Beitrag zur strategischen Orientierung der Arbeiterbewegung zwischen Reformpolitik, Massenaktion und internationaler Solidarität.
Die Jahre unmittelbar vor 1914 waren von Krisensymptomen und Machtproben geprägt. Die Balkankriege 1912–1913 verschoben das Kräfteverhältnis in Südosteuropa; die deutsch-britische Flottenrivalität und die Bündnissysteme verengten diplomatische Spielräume. Wirtschaftlich wirkten Nachwehen der Krise von 1907 fort, und nationale Rüstungsprogramme banden Ressourcen. Luxemburg sah im Zusammenspiel von Akkumulationsdruck, Staatsinteressen und imperialen Rivalitäten eine Dynamik, die auf militärische Konfrontation zulief. Ihr Buch las sich damit als Warnung: Die ökonomische Logik der Expansion könne in der politischen Logik des Krieges enden, wenn nicht internationale Arbeiterbewegungen gegensteuern.
Die Rezeption ihres Werkes spiegelte die Spannbreite der damaligen Theorie. Kritiker bemängelten ihre Interpretation der Reproduktionsschemata und den Schluss, der Kapitalismus brauche zwingend nichtkapitalistische Umwelten; Befürworter hoben den empirischen Reichtum und die Verbindung von Ökonomie und Politik hervor. Spätere marxistische Analysen wie Nikolai Bucharins Imperialismus und Weltwirtschaft (1915) oder Wladimir Lenins Schrift über den Imperialismus (1916) boten alternative Modelle, die Monopolbildung, Kapitalexport und Staatssysteme betonten. Luxemburgs Ansatz blieb dennoch Referenzpunkt, weil er die Frage nach der Realisierung des Mehrwerts mit kolonialer Gewalt und globaler Ungleichheit verknüpfte und damit politische Konsequenzen zog. Das Buch kommentierte seine Zeit, indem es die scheinbaren Sachzwänge von Markt und Fortschritt als historisch gewordene, umkämpfte Machtverhältnisse entlarvte.
Rosa Luxemburg (1871–1919) war eine marxistische Theoretikerin, Ökonomin und politische Publizistin, deren Wirken die europäische Arbeiterbewegung an der Wende zum 20. Jahrhundert nachhaltig prägte. In einer Epoche rascher Industrialisierung, imperialistischer Konkurrenz und kriegspolitischer Zuspitzungen verband sie analytische Schärfe mit organisatorischer Erfahrung. Ihr Einsatz für Internationalismus, demokratische Sozialismuskonzepte und die Selbsttätigkeit der Massen machte sie zu einer der markantesten Stimmen der Zweiten Internationale. Als Mitbegründerin der deutschen Kommunistischen Partei und Kritikerin sowohl des Reformismus wie autoritärer Tendenzen wurde sie 1919 in Berlin ermordet. Ihr Name steht seither für kontrovers diskutierte, aber anhaltend wirksame Impulse kritischer Gesellschaftstheorie.
Aufgewachsen im damals vom Zarenreich beherrschten Teil Polens, suchte Luxemburg früh den Weg in das westeuropäische Bildungs- und Debattenmilieu. Ab 1889 studierte sie an der Universität Zürich Philosophie, Rechts- und Staatswissenschaften sowie Nationalökonomie. 1898 promovierte sie dort mit der Arbeit Die industrielle Entwicklung Polens, die ökonomische Strukturen und Abhängigkeiten des Landes untersuchte. Geprägt von den Schriften von Karl Marx und Friedrich Engels und den Auseinandersetzungen innerhalb der Zweiten Internationale, verband sie theoretische Strenge mit polemischer Klarheit. 1898 siedelte sie nach Deutschland über und fand in der sozialdemokratischen Presse sowie in Parteikreisen öffentliche Foren für Analyse, Agitation und Bildungsarbeit.
Bereits in den frühen 1890er-Jahren war Luxemburg Mitbegründerin der Sozialdemokratie des Königreichs Polen und Litauens (SDKPiL), die konsequent internationalistisch argumentierte. Nach ihrem Wechsel in das deutsche Umfeld trat sie der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands bei und wurde eine prominente Stimme gegen den Revisionismus. In Sozialreform oder Revolution? (1899) kritisierte sie Eduard Bernsteins Reformkurs, indem sie die Bedeutung von Klassenkampf und politischer Strategie betonte. Als Redakteurin und Vortragsrednerin schärfte sie ihr Profil in innerparteilichen Debatten. Ihre publizistische Arbeit zielte darauf, ökonomische Analysen mit Fragen der Organisation, der Demokratie und der politischen Taktik zu verbinden.
Die Revolution von 1905 im Zarenreich prägte Luxemburgs Verständnis kollektiver Aktion. Aus Erfahrungen aus Polen und Russland entwickelte sie die Theorie des politischen Massenstreiks als dynamischer Prozess, der Bewusstsein und Organisation zugleich formt. In Massenstreik, Partei und Gewerkschaften (1906) argumentierte sie für die kreative Wechselwirkung zwischen spontanen Bewegungen und politischer Führung. Ab 1907 lehrte sie an der Parteischule der SPD in Berlin, vor allem politische Ökonomie, und vermittelte dort analytische Werkzeuge für eine kritische Praxis. Ihre Positionen stießen auf Zustimmung und Widerspruch; sie setzten jedoch Maßstäbe für Debatten über Strategie, Demokratie und die Rolle gewerkschaftlicher Strukturen.
Mit Die Akkumulation des Kapitals (1913) legte Luxemburg ihr umfangreichstes ökonomisches Werk vor. Darin analysierte sie Expansionszwänge kapitalistischer Ökonomie, verband imperialistische Politik mit inneren Widersprüchen der Akkumulation und suchte die Grenzen reiner Binnenmärkte zu bestimmen. Das Buch löste kontroverse Reaktionen innerhalb marxistischer Theorie aus; Kritiker wie Nikolai Bucharin widersprachen ihrer Argumentation. Luxemburg verteidigte ihre Position in späteren Texten, unter anderem in einer Antikritik. Unabhängig von der Zustimmung bleibt das Werk ein Meilenstein, weil es ökonomische Theorie mit weltpolitischen Entwicklungen der Vorkriegszeit verknüpfte und die Diskussion über Kapitalismus, Peripherien und Expansion neu akzentuierte.
Zu Beginn des Ersten Weltkriegs wandte sich Luxemburg entschieden gegen die Burgfriedenspolitik der SPD-Mehrheit und plädierte für antimilitaristische, internationalistische Positionen. Wegen ihrer Agitation mehrfach inhaftiert, veröffentlichte sie 1916 unter dem Pseudonym Junius Die Krise der Sozialdemokratie, eine scharfe Analyse von Krieg, Imperialismus und politischer Verantwortung. Mit Gleichgesinnten begründete sie die Spartakusgruppe, aus der 1918 der Spartakusbund hervorging. In Zur russischen Revolution formulierte sie zugleich grundsätzliche Vorbehalte gegenüber autoritären Entwicklungen, ohne die revolutionäre Dynamik zu negieren. Ihre Lehrmanuskripte zur politischen Ökonomie wurden später als Einführung in die Nationalökonomie ediert. Teile dieser Texte zirkulierten zunächst illegal und wurden nach Kriegsende breiter rezipiert.
Am Ende des Krieges beteiligte sich Luxemburg an der deutschen Revolution und war Mitbegründerin der Kommunistischen Partei Deutschlands. Im Januar 1919 wurde sie nach der Niederschlagung revolutionärer Erhebungen in Berlin ermordet. Postum prägten Briefe aus dem Gefängnis das Bild einer Autorin, die analytische Strenge mit literarischer Sensibilität verband. Ihr oft zitierter Satz „Freiheit ist immer die Freiheit der Andersdenkenden“ steht für ihr demokratisches Grundverständnis. In Forschung und politischer Öffentlichkeit bleibt ihr Werk Gegenstand kontroverser, anhaltender Rezeption: als Beitrag zu marxistischer Theorie, zur Diskussion über Demokratie und zur Analyse imperialistischer und kapitalistischer Dynamiken.
Zu den unvergänglichen Verdiensten Marxens um die theoretische Nationalökonomie gehört seine Stellung des Problems der Reproduktion des gesellschaftlichen Gesamtkapitals. Bezeichnenderweise begegnen wir in der Geschichte der Nationalökonomie nur zwei Versuchen einer exakten Darstellung des Problems: an ihrer Schwelle, bei dem Vater der Physiokratenschule, Quesnay[1], und an ihrem Ausgang, bei Karl Marx. In der Zwischenzeit hört das Problem nicht auf, die bürgerliche Nationalökonomie zu quälen, doch hat sie es nie bewußt und nie in seiner reinen Form, losgelöst von verwandten und durchkreuzenden Nebenproblemen, auch nur zu stellen, geschweige zu lösen gewußt. Bei der fundamentalen Bedeutung dieses Problems jedoch kann man bis zu einem gewissen Grad an der Hand dieser Versuche die Schicksale der wissenschaftlichen Ökonomie überhaupt verfolgen.
Worin besteht das Problem der Reproduktion des Gesamtkapitals?
Reproduktion ist wörtlich genommen einfach Wiederproduktion, Wiederholung, Erneuerung des Produktionsprozesses, und es mag auf den ersten Blick nicht abzusehen sein, worin sich der Begriff der Reproduktion von dem allgemeinverständlichen der Produktion eigentlich unterscheiden und wozu hierfür ein neuer, befremdender Ausdruck nötig sein soll. Allein gerade in der Wiederholung, in der ständigen Wiederkehr des Produktionsprozesses liegt ein wichtiges Moment für sich. Zunächst ist die regelmäßige Wiederholung der Produktion die allgemeine Voraussetzung und Grundlage der regelmäßigen Konsumtion und damit die Vorbedingung der Kulturexistenz der menschlichen Gesellschaft unter allen ihren geschichtlichen Formen. In diesem Sinne enthält der Begriff der Reproduktion ein kulturgeschichtliches Moment. Die Produktion kann nicht wiederaufgenommen werden, die Reproduktion kann nicht stattfinden, wenn nicht bestimmte Vorbedingungen: Werkzeuge, Rohstoffe, Arbeitskräfte, als Ergebnis der vorhergegangenen Produktionsperiode gegeben sind. Auf den primitivsten Stufen der Kulturentwicklung aber, bei den Anfängen in der Beherrschung der äußeren Natur, ist diese Möglichkeit der Wiederaufnahme der Produktion jedesmal noch mehr oder weniger vom Zufall abhängig. Solange hauptsächlich Jagd oder Fischfang die Grundlage der Existenz der Gesellschaft bilden, ist die Regelmäßigkeit in der Wiederholung der Produktion häufig unterbrochen durch Perioden des allgemeinen Hungerns. Bei manchen primitiven Völkern haben die Erfordernisse der Reproduktion als eines regelmäßig wiederkehrenden Prozesses schon sehr früh einen traditionellen und gesellschaftlich bindenden Ausdruck in bestimmten Zeremonien religiösen Charakters gefunden. So ist nach den gründlichen Forschungen von Spencer und Gillen der Totemkult[2] der Australneger im Grunde genommen nichts anderes als die zur religiösen Zeremonie erstarrte Überlieferung gewisser seit undenklichen Zeiten regelmäßig wiederholter Maßnahmen der gesellschaftlichen Gruppen zur Beschaffung und Erhaltung ihrer tierischen und pflanzlichen Nahrung. Doch erst der Hackbau, die Zähmung der Haustiere und die Viehzucht zu Ernährungszwecken ermöglichten den regelmäßigen Kreislauf von Konsumtion und Produktion, der das Merkmal der Reproduktion bildet. Insofern erscheint also der Begriff der Reproduktion selbst als etwas mehr denn bloße Wiederholung: Er umschließt bereits eine gewisse Höhe in der Beherrschung der äußeren Natur durch die Gesellschaft oder, ökonomisch ausgedrückt, eine gewisse Höhe der Produktivität der Arbeit.
Andererseits ist der Produktionsprozeß selbst auf allen gesellschaftlichen Entwicklungsstufen eine Einheit von zwei verschiedenen, wenn auch eng miteinander verknüpften Momenten: der technischen und der gesellschaftlichen Bedingungen, d.h. der bestimmten Gestaltung des Verhältnisses der Menschen zur Natur und der Verhältnisse der Menschen untereinander. Die Reproduktion hängt gleichermaßen von beiden ab. Inwiefern sie an die Bedingungen der menschlichen Arbeitstechnik gebunden und selbst erst das Ergebnis einer gewissen Höhe in der Produktivität der Arbeit ist, haben wir soeben angedeutet. Aber nicht minder bestimmend sind die jeweiligen gesellschaftlichen Formen der Produktion. In einer primitiven kommunistischen Agrargemeinde wird die Reproduktion, wie der ganze Plan des Wirtschaftslebens, von der Gesamtheit der Arbeitenden und ihren demokratischen Organen bestimmt: Der Entschluß zur Wiederaufnahme der Arbeit, ihre Organisation, die Sorge für nötige Vorbedingungen - Rohstoffe, Werkzeuge, Arbeitskräfte -, endlich die Bestimmung des Umfangs und der Einteilung der Reproduktion sind das Ergebnis des planmäßigen Zusammenwirkens der Gesamtheit in den Grenzen der Gemeinde. In einer Sklavenwirtschaft oder auf einem Fronhof wird die Reproduktion auf Grund persönlicher Herrschaftsverhältnisse erzwungen und in allen Details geregelt, wobei die Schranke für ihren Umfang jeweilig das Verfügungsrecht des herrschenden Zentrums über einen größeren oder geringeren Kreis fremder Arbeitskräfte bildet. In der kapitalistisch produzierenden Gesellschaft gestaltet sich die Reproduktion ganz eigentümlich, was schon der Augenschein in gewissen auffälligen Momenten lehrt. In jeder anderen geschichtlich bekannten Gesellschaft wird die Reproduktion regelmäßig aufgenommen, sofern nur die Vorbedingungen: vorhandene Produktionsmittel und Arbeitskräfte, dies ermöglichen. Nur äußere Einwirkungen: ein verheerender Krieg oder eine große Pest, die eine Entvölkerung und damit massenhafte Vernichtung der Arbeitskräfte und der vorrätigen Produktionsmittel herbeiführen, pflegen zu verursachen, daß auf ganzen großen Strecken früheren Kulturlebens die Reproduktion für längere oder kürzere Perioden nicht aufgenommen oder nur zum geringen Teil aufgenommen wird. Ähnliche Erscheinungen können teilweise bei despotischer Bestimmung über den Plan der Produktion hervorgerufen werden. Wenn der Wille eines Pharao im alten Ägypten Tausende von Fellachen für Jahrzehnte an den Bau von Pyramiden fesselte oder wenn im neuen Ägypten Ismael Pascha 20.000 Fellachen für den Bau des Suezkanals als Fronknechte abkommandierte oder wenn der Kaiser Shih-huang-ti[3], der Begründer der Dynastie Ch'in, 200 Jahre vor der christlichen Ära 400.000 Menschen vor Hunger und Erschöpfung umkommen ließ und eine ganze Generation aufrieb, um die Große Mauer an der Nordgrenze Chinas auszubauen - so war in allen solchen Fällen die Folge, daß gewaltige Strecken Bauernlandes unbestellt blieben, das regelmäßige Wirtschaftsleben hier für lange Perioden unterbrochen wurde. Aber diese Unterbrechungen der Reproduktion hatten in jedem solchen Falle ganz sichtbare, klare Ursachen in der einseitigen Bestimmung über den Reproduktionsplan im ganzen durch das Herrschaftsverhältnis. In den kapitalistisch produzierenden Gesellschaften sehen wir anderes. In gewissen Perioden sehen wir, daß sowohl alle erforderlichen materiellen Produktionsmittel wie Arbeitskräfte zur Aufnahme der Reproduktion vorhanden sind, daß andererseits die Konsumtionsbedürfnisse der Gesellschaft unbefriedigt bleiben und daß trotzdem die Reproduktion teils ganz unterbrochen ist, teil nur in verkümmertem Umfange vonstatten geht. Hier sind aber keine despotischen Eingriffe in den Wirtschaftsplan für die Schwierigkeiten des Reproduktionsprozesses verantwortlich. Die Aufnahme der Reproduktion ist hier vielmehr außer von allen technischen Bedingungen noch von der rein gesellschaftlichen Bedingung abhängig, daß nur diejenigen Produkte hergestellt werden, die sichere Aussicht haben, realisiert, gegen Geld ausgetauscht zu werden, und nicht nur überhaupt realisiert, sondern mit einem Profit von bestimmter, landesüblicher Höhe. Profit als Endzweck und bestimmendes Moment beherrscht hier also nicht bloß die Produktion, sondern auch die Reproduktion, d.h. nicht bloß das Wie und Was des jeweiligen Arbeitsprozesses und der Verteilung der Produkte, sondern auch die Frage, ob, in welchem Umfange und in welcher Richtung der Arbeitsprozeß immer wieder von neuem aufgenommen wird, nachdem eine Arbeitsperiode ihren Abschluß gefunden hat. "Hat die Produktion kapitalistische Form, so die Reproduktion[1q]."(1)
Infolge solcher rein historisch-gesellschaftlichen Momente also gestaltet sich der Reproduktionsprozeß der kapitalistischen Gesellschaft im ganzen zu einem eigenartigen, sehr verwickelten Problem. Schon das äußere Charakteristikum des kapitalistischen Reproduktionsprozesses zeigt seine spezifische geschichtliche Eigentümlichkeit: Er umfaßt nicht nur die Produktion, sondern auch die Zirkulation (Austauschprozeß), er ist die Einheit beider.
Vor allem ist die kapitalistische Produktion eine solche zahlloser Privatproduzenten ohne jede planmäßige Regelung und der Austausch der einzige gesellschaftliche Zusammenhang zwischen ihnen. Die Reproduktion findet hier als Anhaltspunkt für die Bestimmung der gesellschaftlichen Bedürfnisse immer nur die Erfahrungen der vorhergehenden Arbeitsperiode vor. Allein diese Erfahrungen sind Privaterfahrungen einzelner Produzenten, die nicht einen zusammenfassenden gesellchaftlichen Ausdruck finden. Ferner sind es immer nicht positive und direkte Erfahrungen über die Bedürfnisse der Gesellschaft, sondern indirekte und negative, die aus der jeweiligen Bewegung der Preise einen Rückschluß über das Zuviel oder Zuwenig der hergestellten Produktenmasse im Verhältnis zur zahlungsfähigen Nachfrage erlauben. Die Reproduktion wird aber immer wieder unter Benutzung dieser Erfahrungen über die vergangene Produktionsperiode von einzelnen Privatproduzenten in Angriff genommen. Daraus kann sich in der folgenden Periode ebenfalls nur wiederum ein Zuviel oder Zuwenig ergeben, wobei einzelne Produktionszweige ihre eigenen Wege gehen und in dem einen sich ein Zuviel herausstellen kann, dagegen in einem anderen ein Zuwenig. Bei der gegenseitigen technischen Abhängigkeit jedoch fast aller einzelnen Produktionszweige zieht ein Zuviel oder Zuwenig einiger größerer führender Produktionszweige auch die gleiche Erscheinung in den meisten übrigen Produktionszweigen nach sich. So ergibt sich von Zeit zu Zeit abwechselnd ein allgemeiner Überfluß oder ein allgemeiner Mangel an Produkten im Verhältnis zur Nachfrage der Gesellschaft. Daraus folgt schon, daß die Reproduktion in der kapitalistischen Gesellschaft eine eigentümliche, von allen anderen geschichtlichen Produktionsformen verschiedene Gestalt annimmt. Erstens macht jeder Produktionszweig eine in gewissen Grenzen unabhängige Bewegung durch, die von Zeit zu Zeit zu kürzeren oder längeren Unterbrechungen in der Reproduktion führt. Zweitens summieren sich die Abweichungen der Reproduktion in den einzelnen Zweigen von dem gesellschaftlichen Bedürfnis periodisch zu einer allgemeinen Inkongruenz, worauf eine allgemeine Unterbrechung der Reproduktion folgt. Die kapitalistische Reproduktion bietet somit eine ganz eigentümliche Figur. Während die Reproduktion unter jeder anderen Wirtschaftsform - abgesehen von äußeren, gewaltsamen Eingriffen - als ein ununterbrochener gleichmäßiger Kreislaut verläuft, kann die kapitalistische Reproduktion - um einen bekannten Ausdruck Sismondis anzuwenden - nur als eine fortlaufende Reihe einzelner Spiralen dargestellt werden, deren Windungen anfänglich klein, dann immer größer, zum Schluß ganz groß sind, worauf ein Zusammenschrumpfen folgt und die nächste Spirale wieder mit kleinen Windungen beginnt, um dieselbe Figur bis zur Unterbrechung durchzumachen.
Der periodische Wechsel der größten Ausdehnung der Reproduktion und ihres Zusammenschrumpfens bis zur teilweisen Unterbrechung, d.h. das, was man als den periodischen Zyklus der matten Konjunktur, Hochkonjunktur und Krise bezeichnet, ist die auffälligste Eigentümlichkeit der kapitalistischen Reproduktion.
Es ist jedoch sehr wichtig von vornherein festzustellen, daß der periodische Wechsel der Konjunkturen und die Krise zwar wesentliche Momente der Reproduktion, aber nicht das Problem der kapitalistischen Reproduktion an sich, nicht das eigentliche Problem darstellen. Periodischer Konjunkturwechsel und Krise sind die spezifische Form der Bewegung bei der kapitalistischen Wirtschaftsweise, sie sind aber nicht die Bewegung selbst. Um das Problem der kapitalistischen Reproduktion in reiner Gestalt darzustellen, müssen wir vielmehr gerade von jenem periodischen Konjunkturwechsel und von Krisen absehen. So befremdend dies erscheinen mag, so ist es eine ganz rationelle Methode, ja die einzige wissenschaftlich gangbare Methode der Untersuchung. Um das Problem des Wertes rein darzustellen und zu lösen, müssen wir von den Schwankungen der Preise absehen. Die vulgärökonomische Auffassung sucht stets das Wertproblem durch Hinweise auf die Schwankungen der Nachfrage und des Angebots zu lösen. Die klassische Ökonomie von Smith bis Marx hat die Sache umgekehrt angefaßt, indem sie erklärte: Schwankungen im gegenseitigen Verhältnis der Nachfrage und des Angebots können nur Abweichungen des Preises vom Wert, nicht aber den Wert selbst erklären. Um herauszufinden, was der Wert der Waren ist, müssen wir das Problem unter der Voraussetzung packen, daß sich Nachfrage und Angebot die Waage halten, d.h. der Preis und der Wert der Waren [sich] decken. Das wissenschaftliche Wertproblem beginnt also gerade dort, wo die Wirkung der Nachfrage und des Angebots aufhört. Genau dasselbe gilt für das Problem der Reproduktion des kapitalistischen Gesamtkapitals. Der periodische Wechsel der Konjunkturen und die Krisen bewirken, daß die kapitalistische Reproduktion als Regel um die zahlungsfähigen Gesamtbedürfnisse der Gesellschaft schwankt, sich bald von ihnen nach oben entfernt, bald unter sie bis zur nahezu völligen Unterbrechung sinkt. Nimmt man jedoch eine längere Periode, einen ganzen Zyklus mit wechselnden Konjunkturen, so wiegen sich Hochkonjunktur und Krise, d.h. die höchste Überspannung der Reproduktion mit ihrem Tiefstand und ihrer Unterbrechung, auf, und im Durchschnitt des ganzen Zyklus bekommen wir eine gewisse mittlere Größe der Reproduktion. Dieser Durchschnitt ist nicht bloß ein theoretisches Gedankenbild, sondern auch ein realer, objektiver Tatbestand. Denn trotz des scharfen Auf und Ab der Konjunkturen, trotz Krisen werden die Bedürfnisse der Gesellschaft schlecht oder recht befriedigt, die Reproduktion geht weiter ihren verschlungenen Gang, und die Produktivkräfte entwickeln sich immer mehr. Wie kommt dies nun zustande, wenn wir von Krise und Konjunkturwechsel absehen? - Hier beginnt die eigentliche Frage und der Versuch, das Reproduktionsproblem durch den Hinweis auf die Periodizität der Krisen zu lösen, ist im Grunde genommen ebenso vulgärökonomisch wie der Versuch, das Wertproblem durch Schwankungen von Nachfrage und Angebot zu lösen. Trotzdem worden wir weiter sehen, daß die Nationalökonomie beständig diese Neigung verriet, das Problem der Reproduktion, kaum daß sie es halbwegs bewußt aufgestellt oder wenigstens geahnt hatte, unversehens in das Krisenproblem zu verwandeln und sich so die Lösung selbst zu versperren. Wenn wir im folgenden von kapitalistischer Reproduktion sprechen, so ist darunter stets jener Durchschnitt zu verstehen, der sich als die mittlere Resultante des Konjunkturwechsels innerhalb eines Zyklus ergibt.
Die kapitalistische Gesamtproduktion wird durch eine schrankenlose. und beständig schwankende Anzahl von Privatproduzenten bewerkstelligt, die unabhängig voneinander, ohne jede gesellschaftliche Kontrolle außer der Beobachtung der Preisschwankungen und ohne jeden gesellschaftlichen Zusammenhang außer dem Warenaustausch produzieren. Wie kommt aus diesen zahllosen. unzusammenhängenden Bewegungen die tatsächliche Gesamtproduktion heraus? Wird die Frage so gestellt - und dies ist die erste allgemeine Form, unter der sich das Problem unmittelbar bietet, so wird dabei übersehen, daß die Privatproduzenten in diesem Fall keine einfachen Warenproduzenten, sondern kapitalistische Produzenten sind und daß auch die Gesamtproduktion der Gesellschaft keine Produktion zur Befriedigung der Konsumbedürfnisse schlechthin, auch keine einfache Warenproduktion, sondern kapitalistische Produktion ist. Sehen wir zu, welche Veränderungen im Problem dies mit sich bringt.
Der Produzent, der nicht bloß Waren, sondern Kapital produziert, muß vor allem Mehrwert erzeugen. Mehrwert ist das Endziel und das bewegende Motiv des kapitalistischen Produzenten. Die hergestellten Waren müssen ihm, nachdem sie realisiert werden, nicht nur alle seine Auslagen, sondern darüber hinaus eine Wertgröße eintragen, der keine Auslage auf seiner Seite entspricht, die reiner Überschuß ist. Vom Standpunkte dieser Mehrwerterzeugung zerfällt das vom Kapitalisten vorgeschossene Kapital. ohne daß er es weiß und entgegen den Flausen, die er sich und der Welt über stehendes und umlaufendes Kapital vormacht, in einen Teil, der seine Auslagen für Produktionsmittel: Arbeitsräume, Roh- und Hilfsstoffe, Instrumente, darstellt, und einen anderen Teil, der in Arbeitslöhnen verausgabt wird. Den ersteren, der seine Wertgröße durch Gebrauch im Arbeitsprozeß unverändert auf das Produkt überträgt, nennt Marx den konstanten, den letzteren, der durch Aneignung unbezahlter Lohnarbeit zum Wertzuwachs, zur Erzeugung von Mehrwert führt, den variablen Kapitalteil. Von diesem Standpunkt entspricht die Wertzusammensetzung jeder kapitalistisch hergestellten Ware normalerweise der Formel c + v + m, wobei c den ausgelegten konstanten Kapitalwert, d.h. den auf die Ware übertragenen Wertteil der gebrauchten toten Produktionsmittel darstellt, v den ausgelegten variablen, d.h. in Löhnen verausgabten Kapitalteil bedeutet, endlich m den Mehrwert, d.h. den aus dem unbezahlten Teil der Lohnarbeit herrührenden Wertzuwachs repräsentiert. Alle drei Wertteile stecken zusammen in der konkreten Gestalt der hergestellten Ware - jedes einzelnen Exemplars wie der gesamten Warenmasse als Einheit betrachtet, ob es sich um Baumwollgewebe oder Ballettdarbietungen, gußeiserne Röhren oder liberale Zeitungen handelt. Die Herstellung der Waren ist nicht Zweck für den kapitalistischen Produzenten, sondern bloß Mittel zur Aneignung des Mehrwerts. Solange aber der Mehrwert in der Warengestalt steckt, ist er für den Kapitalisten unbrauchbar. Er muß, nachdem er hergestellt, realisiert, in seine reine Wertgestalt, d.h. in Geld, verwandelt werden. Damit dies geschieht und der Mehrwert in Geldgestalt vom Kapitalisten angeeignet wird, müssen auch seine gesamten Kapitalauslagen die Warenform abstreifen und in Geldform zu ihm zurückkehren. Erst wenn dies gelungen. wenn die gesamte Warenmasse also nach ihrem Wert gegen Geld veräußert ist, ist der Zweck der Produktion erreicht. Die Formel c + v + m bezieht sich dann genau so, wie früher auf die Wertzusammensetzung der Waren, jetzt auf die quantitative Zusammensetzung des aus dem Warenverkauf gelösten Geldes: Ein Teil davon (c) erstattet dem Kapitalisten seine Auslagen an verbrauchten Produktionsmitteln, ein anderer (v) seine Auslagen an Arbeitslöhnen. der letzte (m) bildet den erwarteten Überschuß, den "Reingewinn" des Kapitalisten in bar.(2) Diese Verwandlung des Kapitals aus ursprünglicher Gestalt, die den Ausgangspunkt jeder kapitalistischen Produktion darstellt, in tote und lebendige Produktionsmittel (d.h. Rohstoffe, Instrumente und Arbeitskraft), aus diesen durch lebendigen Arbeitsprozeß in Waren und endlich aus Waren durch den Austauschprozeß wieder in Geld, und zwar in mehr Geld als im Anfangsstadium, dieser Umschlag des Kapitals ist jedoch nicht nur zur Produktion und Aneignung von Mehrwert nötig. Zweck und treibendes Motiv der kapitalistischen Produktion ist nicht Mehrwert schlechthin, in beliebiger Menge, in einmaliger Aneignung, sondern Mehrwert schrankenlos, in unaufhörlichem Wachstum. in einer immer größeren Menge. Dies kann aber immer wieder nur durch dasselbe Zaubermittel: durch kapitalistische Produktion, d.h. durch Aneignung unbezahlter Lohnarbeit im Prozeß der Warenherstellung und durch Realisierung der so hergestellten Waren, erreicht werden. Produktion immer von neuem, Reproduktion als regelmäßige Erscheinung erhält damit in der kapitalistischen Gesellschaft ein ganz neues Motiv, das unter jeder anderen Produktionsform unbekannt ist. Unter jeder historisch bekannten Wirtschaftsweise sonst sind das bestimmende Moment der Reproduktion - die unaufhörlichen Konsumtionsbedürfnisse der Gesellschaft, mögen dies demokratisch bestimmte Konsumtionsbedürfnisse der Gesamtheit der Arbeitenden in einer agrarkommunistischen Markgenossenschaft sein oder despotisch bestimmte Bedürfnisse einer antagonistischen Klassengesellschaft, einer Sklavenwirtschaft, eines Fronhofs u.dgl. Bei der kapitalistischen Produktionsweise existiert für den einzelnen Privatproduzenten - und nur solche kommen hier in Betracht - die Rücksicht auf Konsumtionsbedürfnisse der Gesellschaft als Motiv zur Produktion gar nicht. Für ihn existiert nur die zahlungsfähige Nachfrage, und diese auch nur als ein unumgängliches Mittel zur Realisierung des Mehrwerts. Die Herstellung von Produkten für den Konsum, die das zahlungsfähige Bedürfnis der Gesellschaft befriedigen, ist deshalb zwar ein Gebot der Notwendigkeit für den Einzelkapitalisten, aber ebensosehr ein Umweg vom Standpunkte des eigentlichen Beweggrunds: der Aneignung des Mehrwerts. Und dieses Motiv ist es auch, das dazu treibt, immer wieder die Reproduktion aufzunehmen. Die Mehrwertproduktion ist es, die in der kapitalistischen Gesellschaft die Reproduktion der Lebensbedürfnisse im ganzen zum Perpetuum mobile macht. Die Reproduktion ihrerseits, deren Ausgangspunkt kapitalistisch immer wieder das Kapital, und zwar in seiner reinen Wertform, in Geldform, bildet, kann offenbar nur dann in Angriff genommen werden, wenn die Produkte der vorhergegangenen Periode, die Waren, in ihre Geldform verwandelt, realisiert worden sind. Als erste Bedingung der Reproduktion erscheint also für den kapitalistischen Produzenten die gelungene Realisierung der in der vorhergegangenen Produktionsperiode hergestellten Waren.
Jetzt gelangen wir zu einem zweiten wichtigen Umstand. Die Bestimmung des Umfangs der Reproduktion liegt - bei der privaten Wirtschaftsweise - im Belieben und Gutdünken des Einzelkapitalisten. Sein treibendes Motiv ist aber Mehrwertaneignung, und zwar möglichst rasch progressierende Mehrwertaneignung. Eine Beschleunigung in der Mehrwertaneignung ist jedoch nur möglich durch Erweiterung der kapitalistischen Produktion, die den Mehrwert schafft. Der Großbetrieb hat bei der Mehrwerterzeugung in jeder Hinsicht Vorteile gegenüber dem Kleinbetrieb. Die kapitalistische Produktionsweise erzeugt also nicht bloß ein ständiges Motiv zur Reproduktion überhaupt, sondern auch ein Motiv zur ständigen Erweiterung der Reproduktion, zur Wiederaufnahme der Produktion in größerem Umfang als bisher.
Nicht genug. Die kapitalistische Produktionsweise schafft nicht bloß im Mehrwerthunger des Kapitalisten die treibende Kraft zur rastlosen Erweiterung der Reproduktion, sondern sie verwandelt diese Erweiterung geradezu in ein Zwangsgesetz, in eine wirtschaftliche Existenzbedingung für den Einzelkapitalisten. Unter der Herrschaft der Konkurrenz besteht die wichtigste Waffe des Einzelkapitalisten im Kampf um den Platz auf dem Absatzmarkt in der Billigkeit der Waren. Alle dauernden Methoden zur Herabsetzung der Herstellungskosten der Waren - die nicht durch Herabdrückung der Löhne oder Verlängerung der Arbeitszeit eine Extrasteigerung des Mehrwerts erzielen und selbst auf mancherlei Hindernisse stoßen können - laufen aber auf eine Erweiterung der Produktion hinaus. Ob es sich um Ersparnisse an Baulichkeiten und Werkzeugen handelt oder um Anwendung leistungsfähigerer Produktionsmittel oder um weitgehende Ersetzung der Handarbeit durch Maschinen oder um rapide Ausnutzung einer günstigen Marktkonjunktur zur Anschaffung billiger Rohstoffe - in allen Fällen hat der Großbetrieb Vorteile vor dem Klein- und Mittelbetrieb.
Diese Vorteile wachsen in sehr weiten Grenzen zusammen mit der Ausdehnung des Betriebes. Die Konkurrenz selbst zwingt deshalb jede Vergrößerung eines Teils der kapitalistischen Betriebe den anderen als Existenzbedingung auf. So ergibt sich eine unaufhörliche Tendenz zur Ausdehnung der Reproduktion, die sich unaufhörlich mechanisch, wellenartig über die ganze Oberfläche der Privatproduktion verbreitet.
Für den Einzelkapitalisten äußert sich die Erweiterung der Reproduktion darin, daß er einen Teil des angeeigneten Mehrwerts zum Kapital schlägt, akkumuliert. Akkumulation, Verwandlung des Mehrwerts in tätiges Kapital, ist der kapitalistische Ausdruck der erweiterten Reproduktion.
Die erweiterte Reproduktion ist keine Erfindung des Kapitals. Sie bildet vielmehr seit jeher die Regel in jeder historischen Gesellschaftsform, die wirtschaftlichen und kulturellen Fortschritt aufweist. Die einfache Reproduktion - die bloße ständige Wiederholung des Produktionsprozesses im früheren Umfang - ist zwar möglich und kann auf langen Zeitstrecken der gesellschaftlichen Entwicklung beobachtet werden. So z.B. in den uraltertümlichen agrarkommunistischen Dorfgemeinden, in denen der Zuwachs der Bevölkerung nicht durch eine allmähliche Erweiterung der Produktion, sondern durch periodische Ausscheidung des Nachwuchses und Gründung von ebenso winzigen, sich selbst genügenden Filialgemeinden berücksichtigt wird. Ebenso bieten die alten kleinen Handwerksbetriebe in Indien oder China das Beispiel einer von Generation auf Generation vererbten traditionellen Wiederholung der Produktion in denselben Formen und demselben Umfang. Doch ist in allen solchen Fällen die einfache Reproduktion Grundlage und sicheres Zeichen des allgemeinen wirtschaftlichen und kulturellen Stillstands. Alle entscheidenden Produktionsfortschritte und Kulturdenkmäler, wie die großen Wasserwerke des Orients, die ägyptischen Pyramiden, die römischen Heerstraßen, die griechischen Künste und Wissenschaften, die Entwicklung des Handwerks und der Städte im Mittelalter, wären unmöglich ohne erweiterte Reproduktion, denn nur eine stufenweise Ausdehnung der Produktion über die unmittelbaren Bedürfnisse hinaus und das ständige Wachstum der Bevölkerung wie ihrer Bedürfnisse bilden zugleich die wirtschaftliche Grundlage und den sozialen Antrieb zu entscheidenden Kulturfortschritten. Namentlich der Austausch und mit ihm die Entstehung der Klassengesellschaft und ihre historischen Fortschritte bis zur kapitalistischen Wirtschaftsform wären undenkbar ohne erweiterte Reproduktion. In der kapitalistischen Gesellschaft jedoch kommen der erweiterten Reproduktion einige neue Charaktere zu. Zunächst wird sie hier, wie bereits angeführt, zum Zwangsgesetz für den Einzelkapitalisten. Einfache Reproduktion, selbst Rückgang in der Reproduktion sind zwar auch bei der kapitalistischen Produktionsweise nicht ausgeschlossen, sie bilden vielmehr periodische Erscheinungen der Krisen nach der ebenso periodischen Überspannung der erweiterten Reproduktion in der Hochkonjunktur. Doch geht die allgemeine Bewegung der Reproduktion - über die periodischen Schwankungen des zyklischen Konjunkturwechsels hinweg - in der Richtung einer unaufhörlichen Erweiterung. Für den Einzelkapitalisten bedeutet die Unmöglichkeit, mit dieser allgemeinen Bewegung Schritt zu halten, das Ausscheiden aus dem Konkurrenzkampf, den wirtschaftlichen Tod.
Ferner kommt noch anderes hinzu. Bei jeder rein oder vorwiegend naturalwirtschaftlichen Produktionsweise - in einer agrarkommunistischen Dorfgemeinde Indiens oder in einer römischen Villa mit Sklavenarbeit oder im feudalen Fronhof des Mittelalters - bezieht sich Begriff und Zweck der erweiterten Reproduktion nur auf die Produktenmenge, auf die Masse der hergestellten Konsumgegenstände. Die Konsumtion als Zweck beherrscht den Umfang und Charakter sowohl des Arbeitsprozesses im einzelnen wie der Reproduktion im allgemeinen. Anders unter der kapitalistischen Wirtschaftsweise. Die kapitalistische Produktion ist nicht eine solche zu Konsumtionszwecken, sondern eine Wertproduktion. Die Wertverhältnisse beherrschen den gesamten Produktions- wie Reproduktionsprozeß. Kapitalistische Produktion ist nicht Produktion von Konsumgegenständen, auch nicht von Waren schlechthin, sondern von Mehrwert. Erweiterte Reproduktion bedeutet also kapitalistisch: Ausdehnung der Mehrwertproduktion. Die Mehrwertproduktion geht zwar in der Form der Warenproduktion, in letzter Linie also Produktion von Konsumgegenständen, vor sich. Allein in der Reproduktion werden diese zwei Gesichtspunkte durch Verschiebungen in der Produktivität der Arbeit immer wieder getrennt. Dieselbe Kapitalgröße und Mehrwertgröße wird sich durch Steigerung der Produktivität fortschreitend in einer größeren Menge Konsumgegenstände darstellen. Die Produktionserweiterung im Sinne der Herstellung einer größeren Masse von Gebrauchswerten braucht also an sich noch nicht erweiterte Reproduktion im kapitalistischen Sinne zu sein. Umgekehrt kann das Kapital ohne Änderung in der Produktivität der Arbeit in gewissen Schranken durch Steigerung der Ausbeutungsstufe - zum Beispiel durch Herabdrückung der Löhne - einen größeren Mehrwert herausschlagen. ohne eine größere Produktenmenge herzustellen. Aber in diesem wie in jenem Fall werden gleichermaßen die Elemente der erweiterten Reproduktion im kapitalistischen Sinne hergestellt. Denn diese Elemente sind: Mehrwert sowohl als Wertgröße wie als Summe von sachlichen Produktionsmitteln. Die Erweiterung der Mehrwertproduktion wird, als Regel betrachtet, durch Vergrößerung des Kapitals bewirkt, diese aber durch Hinzuschlagen eines Teils des angeeigneten Mehrwerts zum Kapital. Dabei ist es gleichgültig, ob der kapitalistische Mehrwert zur Erweiterung der alten Unternehmung oder als selbständiger Ableger zu Neugründungen verwendet wird. Die erweiterte Reproduktion im kapitalistischen Sinne bekommt also den spezifischen Ausdruck des Kapitalwachstums durch progressive Kapitalisierung des Mehrwerts oder, wie Marx dies rennt, Kapitalakkumulation. Die allgemeine Formel der erweiterten Reproduktion unter der Herrschaft des Kapitals stellt sich also folgendermaßen dar:
(c + v) + m/x + m'
wobei m/x den kapitalisierten Teil des in der früheren Produktionsperiode angeeigneten Mehrwerts darstellt, m' den neuen, aus dem gewachsenen Kapital erzeugten Mehrwert. Dieser neue Mehrwert wird zu einem Teil wieder kapitalisiert. Der ständige Fluß dieser abwechselnden Mehrwertaneignung und Mehrwertkapitalisierung, die sich wechselseitig bedingen, bildet den Prozeß der erweiterten Reproduktion im kapitalistischen Sinne.
Allein hier sind wir erst bei der allgemeinen, abstrakten Formel der Reproduktion. Betrachten wir näher die konkreten Bedingungen, die zur Verwirklichung dieser Formel erforderlich sind.
Der angeeignete Mehrwert stellt sich, nachdem er auf dem Markt glücklich die Warenform abgestreift hat, als eine bestimmte Geldsumme dar. In dieser Form hat er die absolute Wertgestalt, in der er seine Laufbahn als Kapital beginnen kann. Aber in dieser Gestalt steht er zugleich erst an der Schwelle seiner Laufbahn. Mit Geld kann man keinen Mehrwert schaffen
Damit der zur Akkumulation bestimmte Teil des Mehrwerts auch wirklich kapitalisiert wird, muß er die konkrete Gestalt annehmen, die ihn erst befähigt, als produktives, d.h. neuen Mehrwert heckendes Kapital zu wirken. Dazu ist es notwendig, daß er, genau wie das Originalkapital, in zwei Teile zerfällt, in einen konstanten, in toten Produktionsmitteln und einen variablen, in Arbeitslöhnen dargestellten Teil. Erst dann wird er, nach dem Vorbild des alten Kapitals, in die Formel c + v + m gebracht werden können.
Dazu genügt aber nicht der gute Wille des Kapitalisten zu akkumulieren, auch nicht seine "Sparsamkeit" und "Enthaltsamkeit", womit er den größeren Teil seines Mehrwerts zur Produktion verwendet, statt ihn in persönlichem Luxus ganz zu verjubeln. Dazu ist vielmehr erforderlich, daß er auf dem Warenmarkt die konkreten Gestalten vorfindet, die er seinem neuen Kapitalzuwachs zu geben gedenkt, also erstens gerade die sachlichen Produktionsmittel - Rohstoffe, Maschinen usw. -, deren er zu der von ihm geplanten und gewählten Produktionsart bedarf, um dem konstanten Kapitalteil die produktive Form zu geben. Zweitens aber muß auch die als variabler Teil bestimmte Kapitalportion die Verwandlung vornehmen können, und hierfür ist zweierlei notwendig: vor allem, daß sich auf dem Arbeitsmarkt die zuschüssigen Arbeitskräfte in genügender Anzahl vorfinden. deren es gerade bedarf, um den neuen Kapitalzuwachs in Bewegung zu setzen, und ferner, daß - da die Arbeiter nicht von Geld leben können - auf dem Warenmarkt auch die zuschüssigen Lebensmittel sich vorfinden, gegen die die neu zu beschäftigenden Arbeiter den vom Kapitalisten erhaltenen variablen Kapitalteil auszutauschen in der Lage sind.
Sind alle diese Vorbedingungen vorhanden, dann kann der Kapitalist seinen kapitalisierten Mehrwert in Bewegung setzen, ihn als prozessierendes Kapital neuen Mehrwert erzeugen lassen. Damit ist die Aufgabe noch nicht endgültig gelöst. Das neue Kapital mitsamt dem erzeugten Mehrwert steckt vorerst noch in Gestalt einer neuen zuschüssigen Warenmasse irgendeiner Gattung. In dieser Gestalt ist das neue Kapital nur noch erst vorgeschossen und der von ihm erzeugte Mehrwert erst in seiner für den Kapitalisten unbrauchbaren Form. Damit das neue Kapital seinen Lebenszweck erfüllt, muß es seine Warengestalt abstreifen und mitsamt dem von ihm erzeugten Mehrwert in reiner Wertform, als Geld, in die Hand des Kapitalisten zurückkehren. Gelingt das nicht, dann sind neues Kapital und Mehrwert ganz oder teilweise verloren, die Kapitalisierung des Mehrwerts ist fehlgeschlagen, die Akkumulation hat nicht stattgefunden. Damit die Akkumulation tatsächlich vollzogen wird, ist also unbedingt erforderlich, daß die von dem neuen Kapital erzeugte zuschüssige Warenmenge auf dem Markt einen Platz für sich erobert, um realisiert werden zu können.
So sehen wir, daß die erweiterte Reproduktion unter kapitalistischen Bedingungen, d.h. als Kapitalakkumulation, an eine ganze Reihe eigentümlicher Bedingungen geknüpft ist. Fassen wir sie genau ins Auge. Erste Bedingung: Die Produktion muß Mehrwert erzeugen, denn der Mehrwert ist die elementare Form, unter der der Produktionszuwachs kapitalistisch allein möglich ist. Diese Bedingung muß im Produktionsprozeß selbst, im Verhältnis zwischen Kapitalist und Arbeiter, in der Warenproduktion eingehalten werden. Zweite Bedingung: Damit der Mehrwert, der zur Erweiterung der Reproduktion bestimmt ist, angeeignet wird, muß er, nachdem die erste Bedingung eingehalten, erst realisiert, in Geldform gebracht werden. Diese Bedingung führt uns auf den Warenmarkt, wo die Chancen des Austausches über die weiteren Schicksale des Mehrwerts, also auch der künftigen Reproduktion, entscheiden. Dritte Bedingung: Vorausgesetzt, daß die Realisierung des Mehrwerts gelungen und ein Teil des realisierten Mehrwerts zum Kapital zwecks Akkumulation geschlagen worden ist, muß das neue Kapital erst die produktive Gestalt, d.h. die Gestalt von toten Produktionsmitteln und Arbeitskräften annehmen, ferner muß der gegen Arbeitskräfte ausgetauschte Kapitalteil die Gestalt von Lebensmitteln für die Arbeiter annehmen. Diese Bedingung führt uns wieder auf den Warenmarkt und auf den Arbeitsmarkt. Ist hier das Nötige gefunden, hat erweiterte Reproduktion der Waren stattgefunden, dann tritt die vierte Bedingung hinzu: Die zuschüssige Warenmenge, die das neue Kapital samt neuem Mehrwert darstellt, muß realisiert, in Geld umgewandelt werden. Erst wenn dies gelungen, hat die erweiterte Reproduktion im kapitalistischen Sinne stattgefunden. Diese letzte Bedingung führt uns wieder auf den Warenmarkt.
So spielt die kapitalistische Reproduktion wie die Produktion fortwährend zwischen der Produktionsstätte und dem Warenmarkt, zwischen dem Privatkontor und Fabrikraum, zu denen "Unbefugten der Zutritt streng verboten" und wo des Einzelkapitalisten souveräner Wille höchstes Gesetz ist, und dem Warenmarkt, dem niemand Gesetze vorschreibt und wo kein Wille und keine Vernunft sich geltend machen. Aber gerade in der Willkür und Anarchie, die auf dem Warenmarkt herrschen, macht sich dem Einzelkapitalisten seine Abhängigkeit von der Gesellschaft, von der Gesamtheit der produzierenden und konsumierenden Einzelglieder fühlbar. Zur Erweiterung seiner Reproduktion braucht er zuschüssige Produktionsmittel und Arbeitskräfte nebst Lebensmitteln für diese, aber das Vorhandensein solcher hängt von Momenten, Umständen, Vorgängen ab, die hinter seinem Rücken, ganz unabhängig von ihm sich vollziehen. Um seine vergrößerte Produktenmasse realisieren zu können, braucht er einen erweiterten Absatzmarkt, aber die tatsächliche Erweiterung der Nachfrage im allgemeinen wie insbesondere nach seiner Warengattung ist eine Sache, der gegenüber er völlig machtlos ist.
Die aufgezählten Bedingungen, die alle den immanenten Widerspruch zwischen privater Produktion und Konsumtion und gesellschaftlichem Zusammenhang beider zum Ausdruck bringen, sind keine neuen Momente, die erst bei der Reproduktion auftreten. Es sind die allgemeinen Widersprüche der kapitalistischen Produktion. Sie bieten sich jedoch als besondere Schwierigkeiten des Reproduktionsprozesses dar, und zwar aus folgenden Gründen: Unter dem Gesichtswinkel der Reproduktion, namentlich der erweiterten Reproduktion, erscheint die kapitalistische Produktionsweise nicht bloß in ihren allgemeinen Grundcharakteren, sondern auch in einem bestimmten Bewegungsrhythmus als ein Prozeß in seinem Fortgang, wobei das spezifische Ineinandergreifen der einzelnen Zahnräder seiner Produktionsperioden zum Vorschein kommt. Unter diesem Gesichtswinkel lautet also die Frage nicht in ihrer Allgemeinheit: Wie vermag jeder Einzelkapitalist die Produktionsmittel und Arbeitskräfte vorzufinden, die er braucht, und die Waren auf dem Markt abzusetzen, die er hat produzieren lassen, obwohl es gar keine gesellschaftliche Kontrolle und Planmäßigkeit gibt, die Produktion und Nachfrage miteinander in Einklang bringen würde. Die Antwort auf diese Frage lautet: Einerseits sorgen der Drang der Einzelkapitale nach Mehrwert und die Konkurrenz unter ihnen wie auch die automatischen Wirkungen der kapitalistischen Ausbeutung und der kapitalistischen Konkurrenz dafür, daß sowohl jegliche Waren, also auch Produktionsmittel hergestellt werden wie daß eine wachsende Klasse proletarisierter Arbeiter im allgemeinen zur Verfügung des Kapitals stehen. Andererseits äußert sich die Planlosigkeit dieser Zusammenhänge darin, daß das Klappen von Nachfrage und Angebot auf allen Gebieten nur durch ständige Abweichungen von ihrer Übereinstimmung, durch Preisschwankungen stündlich und durch Konjunkturschwankungen und Krisen periodisch, durchgesetzt wird.
(1) K. Marx. Das Kapital. Bd. I, 4. Auf., 1890, S. 529. [Karl Marx: Das Kapital, Erster Band. In: Karl Marx/Friedrich Engels: Werke, Bd. 23, S. 591.
(2) In dieser Darstellung nehmen wir Mehrwert als identisch mit Profit an, was ja für die Gesamtproduktion, auf die es weiter allein ankommt, zutrifft. Auch sehen wir von der Spaltung des Mehrwerts in seine Einzelteile: Unternehmensgewinn, Kapitalzins, Rente, ab, da sie für das Problem der Reproduktion zunächst belanglos ist.
Bis jetzt haben wir die Reproduktion vom Standpunkt des Einzelkapitalisten betrachtet, der typischer Vertreter, Agent der Reproduktion ist, die ja durch lauter einzelne privatkapitalistische Unternehmungen ins Werk gesetzt wird. Diese Betrachtung hat uns schon genug Schwierigkeiten des Problems gezeigt. Die Schwierigkeiten wachsen aber und verwickeln sich außerordentlich, sobald wir uns von der Betrachtung des Einzelkapitalisten zur Gesamtheit der Kapitalisten wenden.
Schon ein oberflächlicher Blick zeigt, daß die kapitalistische Reproduktion als gesellschaftliches Ganzes nicht einfach als die mechanische Summe der einzelnen privatkapitalistischen Reproduktionen aufgefaßt werden darf. Wir haben z.B. gesehen, daß eine der Grundvoraussetzungen für die erweiterte Reproduktion des Einzelkapitalisten eine entsprechende Erweiterung seiner Absatzmöglichkeit auf dem Warenmarkt ist. Nun mag diese Erweiterung dem einzelnen Kapitalisten nicht durch absolute Ausdehnung der Absatzschranken im ganzen, sondern durch Konkurrenzkampf auf Kosten anderer Einzelkapitalisten gelingen, so daß dem einen zugute kommt, was ein anderer oder mehrere andere vom Markt verdrängte Kapitalisten als Verlust buchen. Dieser Vorgang wird dem einen Kapitalisten an erweiterter Reproduktion einbringen, was er anderen als Defizit in der Reproduktion aufzwingt. Der eine Kapitalist wird erweiterte Reproduktion, andere werden nicht einmal die einfache bewerkstelligen können, und die kapitalistische Gesellschaft im ganzen wird nur eine lokale Verschiebung. nicht aber eine quantitative Veränderung in der Reproduktion verzeichnen. Ebenso kann die erweiterte Reproduktion des einen Kapitalisten mit Produktionsmitteln und Arbeitskräften ins Werk gesetzt werden, die durch den Bankrott, also gänzliches oder teilweises Aufgeben der Reproduktion bei anderen Kapitalisten, freigesetzt worden sind.
Diese alltäglichen Vorgänge beweisen, daß die Reproduktion des gesellschaftlichen Gesamtkapitals etwas anderes ist als die ins unermeßliche gesteigerte Reproduktion des Einzelkapitalisten, daß sich die Reproduktionsvorgänge der einzelnen Kapitale vielmehr unaufhörlich kreuzen und in ihrer Wirkung jeden Moment gegenseitig in größerem oder geringerem Grade aufheben können. Bevor wir also den Mechanismus und die Gesetze der kapitalistischen Gesamtreproduktion untersuchen, ist es notwendig, die Frage zu stellen, was wir uns denn unter der Reproduktion des Gesamtkapitals vorstellen sollen und ob es überhaupt möglich ist, aus dem Wust der zahllosen Bewegungen der Einzelkapitale, die sich alle Augenblicke nach unkontrollierbaren und unberechenbaren Regeln verändern und teils parallel nebeneinander verlaufen, sich teils kreuzen und aufheben, so etwas wie eine Gesamtreproduktion zu konstruieren. Gibt es denn überhaupt ein Gesamtkapital der Gesellschaft, und was stellt dieser Begriff allenfalls in der realen Wirklichkeit dar? Das ist die erste Frage, die sich die wissenschaftliche Erforschung der Reproduktionsgesetze stellen muß[2q]. Der Vater der Physiokratenschule, Quesnay, der mit der klassischen Unerschrockenheit und Einfachheit in der ersten Morgenröte der Nationalökonomie wie der bürgerlichen Wirtschaftsordnung an das Problem herantrat, nahm die Existenz des Gesamtkapitals als einer realen agierenden Größe ohne weiteres als selbstverständlich an. Sein berühmtes und von niemand bis Marx enträtseltes "Tableau économique[4]
