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1972, bei der vorerst letzten Mondlandung der NASA, machen die Astronauten eine atemberaubende Entdeckung. Unbemerkt vom Rest der Welt stoßen sie auf eine kleine Mondkapsel unbekannter Bauart. Die Landefähre ist unglaublich alt, und scheint bereits vor Jahrtausenden auf dem Erdtrabanten gestrandet zu sein. Ihr Alter wird nach ersten Schätzungen auf eine Zeit von vor über 10.000 Jahren datiert. Die NASA Wissenschaftler stehen Kopf. Alle Anzeichen deuten darauf hin, dass bereits vor Jahrtausenden eine technologisch hoch entwickelte Kultur auf der Erde existiert hat. Die Entdeckung des sagenumwobenen Atlantis scheint plötzlich unmittelbar bevorzustehen. Ein kleines Team von Wissenschaftlern versucht, den Ursprung der Kapsel auf der Erde zu lokalisieren. Doch die Anzeichen für Sabotage häufen sich. Als eine der führenden Archäologinnen entführt wird, wird ihr Ex-Verlobter und Historiker Jan Seibling ins Team geholt, um bei der Aufklärung ihres Verschwindens zu helfen. Doch kurz nachdem die Wissenschaftler ihren ersten Durchbruch erzielen können, wird die Ausgrabung überfallen, und das Ausgrabungsteam brutal ermordet. Aus der anfänglich geheimen Operation wird ein erbarmungsloser Wettlauf gegen die Zeit. Werden die Wissenschaftler mit der Hilfe von Jan Seibling in der Lage sein, Atlantis noch vor ihrem unbekannten, aber tödlichen Gegner zu finden, oder werden sie selbst das Schicksal ihrer Kollegen erleiden?
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Seitenzahl: 567
Veröffentlichungsjahr: 2016
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Kai Kistenbruegger
Die Akte Plato
Das wahre Erbe von Atlantis
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Inhaltsverzeichnis
Titel
1) Mond, 07. Dezember 1972
2) Deutschland, München, 03. Juli 2007
3) Portugal, Terras do Sado, 03. Juli 2007
4) Deutschland, München, 03. Juli 2007
5) Deutschland, München, 03. Juli 2007
6) Deutschland, München, 03. Juli 2007
7) Über dem europäischen Festland, 03. Juli 2007
8) Portugal, Terras do Sado, 03. Juli 2007
9) Portugal, Terras do Sado, 03. Juli 2007
10) Portugal, Terras do Sado, 03. Juli 2007
11) Portugal, Terras do Sado, 03. Juli 2007
12) Portugal, Terras do Sado, 03. Juli 2007
13) Portugal, Terras do Sado, 04. Juli 2007
14) Portugal, Terras do Sado, 04. Juli 2007
15) Portugal, Terras do Sado, 04. Juli 2007
16) Portugal, Terras do Sado, 04. Juli 2007
17) Portugal, Terras do Sado, 04. Juli 2007
18) Portugal, Terras do Sado, 04. Juli 2007
19) Portugal, Terras do Sado, 04. Juli 2007
20) Portugal, Terras do Sado, 04. Juli 2007
21) Portugal, Terras do Sado, 04. Juli 2007
22) Portugal, Terras do Sado, 04. Juli 2007
23) Portugal, Terras do Sado, 09. Juli 2007
24) Portugal, Terras do Sado, 09. Juli 2007
25) Portugal, Terras do Sado, 11. Juli 2007
26) Portugal, Terras do Sado, 11. Juli 2007
27) Portugal, Terras do Sado, 11. Juli 2007
28) Deutschland, München, 03. August 2006
29) Portugal, Terras do Sado, 11. Juli 2007
30) Portugal, Terras do Sado, 11. Juli 2007
31) Portugal, Terras do Sado, 11. Juli 2007
32) Portugal, Terras do Sado, 11. Juli 2007
33) Portugal, Terras do Sado, 11. Juli 2007
34) Deutschland, München, 30. Juni 1918
35) Portugal, Terras do Sado, 11. Juli 2007
36) Portugal, Terras do Sado, 11. Juli 2007
37) Portugal, Terras do Sado, 11. Juli 2007
38) Portugal, Terras do Sado, 11. Juli 2007
39) Deutschland, Berlin, 07. Dezember 1934
40) Deutschland, Berlin, 07. Dezember 1934
41) Portugal, Terras do Sado, 11. Juli 2007
42) Portugal, Terras do Sado, 11. Juli 2007
43) Portugal, Terras do Sado, 11. Juli 2007
44) Portugal, Terras do Sado, 11. Juli 2007
45) Deutschland, Berlin, 01. April 1944
46) Portugal, Terras do Sado, 12. Juli 2007
47) Portugal, Terras do Sado, 14. Juli 2007
48) Portugal, Terras do Sado, 14. Juli 2007
49) Deutschland, München, 03. September 1975
50) Portugal, Terras do Sado, 14. Juli 2007
51) Portugal, Terras do Sado, 14. Juli 2007
52) Portugal, Terras do Sado, 17. Juli 2007
53) Portugal, Terras do Sado, 18. Juli 2007
54) Portugal, Terras do Sado, 19. Juli 2007
55) Portugal, Terras do Sado, 19. Juli 2007
56) Portugal, Terras do Sado 19. Juli 2007
57) Portugal, Terras do Sado 19. Juli 2007
58) Ägypten, 60 km nordwestlich von Luxor, 20. Juli 2007
59) Ägypten, 60 km nordwestlich von Luxor, 21. Juli 2007
60) Ägypten, 60 km nordwestlich von Luxor, 21. Juli 2007
61) Ägypten, 60 km nordwestlich von Luxor, 21. Juli 2007
62) Ägypten, 60 km nordwestlich von Luxor, 21. Juli 2007
63) Ägypten, 60 km nordwestlich von Luxor, 21. Juli 2007
64) Ägypten, 60 km nordwestlich von Luxor, 21. Juli 2007
65) Ägypten, 60 km nordwestlich von Luxor, 21. Juli 2007
66) Deutschland, München, 10. August 2007
67) Epilog
68) In eigener Sache
Impressum neobooks
Es war warm und stickig im Raumanzug, trotz des integrierten Klimasystems, als ob ihm der Anzug selbst die Luft abschnüren würde. Vielleicht war es aber auch nur der Moment, der ihm den Atem raubte. Sein Blick fiel auf eine weiße, ebene Landschaft, nur von ein paar kleineren Erhebungen und Kratern durchbrochen. Der Boden sah aus wie von einer feinen Schicht Staub bedeckt, einladend wie ein weißer Sandstrand in der warmen Südsee. Mit dem kleinen, aber feinen Unterschied, dass weit und breit kein Meer zu sehen war und auch der nächste Cocktail Tausende Kilometer entfernt auf Jacks Rückkehr wartete. Vorsichtig setzte er seinen rechten Fuß auf die nächste Sprosse der Leiter. „Ich betrete jetzt die Oberfläche.“ Ein kurzes statisches Rauschen, dann ein Knacken. „Okay. Passt auf euch auf.“ Die Antwort von Ron, dem Piloten der Kommandokapsel.
Ein weiterer Schritt und Jack hatte die Enge der Landefähre endgültig verlassen. Ein seltsames Gefühl ergriff von seinem Körper Besitz. Atemlosigkeit. Oder nein, Ehrfurcht. Das war es. Er wollte etwas sagen, etwas Bedeutendes, Monumentales, das diesen Moment in seiner Brillanz für immer als einen der großen Momente der Menschheit festhalten würde, aber sein Kopf war wie leer gefegt. Es fehlten ihm schlicht und einfach die Worte, diesen Augenblick zu beschreiben. Er wandelte auf Gottes Spuren, Auge in Auge mit der Unendlichkeit der Schöpfung. Jedes Wort musste sich zwangsläufig in dieser Situation als unzureichend erweisen und würde augenblicklich vor der Vollkommenheit des Augenblicks verblassen.
Überwältigt ließ er seinen Blick schweifen. Sein Fußabdruck war deutlich im Mondstaub zu erkennen. Unauslöschlich. Auch späteren Generationen würde er als Beweis seiner Schritte auf dem Mond dienen. Ohne Atmosphäre verfügte der Mond über keine Witterung, die seine Spuren verwischen würde. Ein Monument für die Ewigkeit. Jack musste grinsen. So musste sich Unsterblichkeit anfühlen.
Er wagte nicht daran zu denken, dass er beinahe nie die Gelegenheit erhalten hätte, diesen Traum leibhaftig zu erleben. Ein Traum, den er bereits als kleiner Junge in sternenklaren Nächten geträumt hatte; in jenen aufregenden Stunden, als er, tief berührt durch die Lektüre von Jules Vernes, in seiner blühenden Phantasie der Realität Jahre zuvor kam.
Drei Jahre war es jetzt her, dass jemand anderes seinen Lebenstraum verwirklicht hatte. Die ersten Schritte eines Menschen auf dem Mond. Die Schritte von Neil Armstrong. Ein Name, bei dem in seinen Ohren immer eine Symphonie von Heldenmut und Freiheit mitschwang.
Inzwischen regierte der Rotstift und nicht mehr die Entdeckerlust der Menschheit die Raumfahrt. Die nächste Mondmission, seine Mission, war bereits aus Kostengründen gestrichen worden. Glücklicherweise hatten die Wissenschaftler der NASA darauf bestanden, dass zumindest ein Wissenschaftsastronaut an der vorerst letzten Mondlandung teilnehmen sollte. Und Jack hatte das unendliche Glück, auf Druck der Wissenschaftler dieser Mission zugeteilt zu werden. Eine Gelegenheit, die nur sehr wenigen Menschen in ihrem Leben zuteilwerden würde.
Eine funkverzerrte Stimme durchbrach seine Gedanken. „Wir sollten jetzt mit dem Aufbau beginnen.“ Jack drehte sich langsam um. Gene, sein Freund und Kommandant der Mission, war schon dabei, das Lunar Roving Vehicle aus der Verankerung zu lösen und wedelte fordernd mit seinen Handschuh bewehrten Händen. Jack seufzte und machte sich an die Arbeit.
Mit vereinten Kräften war das Mondauto etwa 20 Minuten später aufgebaut und einsatzbereit. Drei Tage würden Jack und Gene auf dem Mond Experimente durchführen und Gesteinsproben sammeln. Nicht viel Zeit, um den gesamten Mond zu erforschen. Das Gebiet war deswegen bereits vorab von mehreren Sonden kartographisch erfasst worden. Leider zeugte die Auflösung der Bilder nicht unbedingt von gleichbleibend guter Qualität; weder Jack noch Gene wussten, was sie auf dieser Mission erwarten würde. Ein Risiko, dem sich jeder Entdecker gegenüber sah. Aber war es nicht die Unsicherheit, die Unwissenheit, die den Nervenkitzel ausmachte? Wie auch immer, den ersten Tag würden sie dafür verwenden, die Geräte für ihre Experimente aufzubauen und erste Proben zu sammeln. Für Entdeckerromantik blieb später noch Zeit.
„Was meinst du, sollten wir eine erste Ausfahrt wagen?“, belehrte Gene ihn jedoch eines Besseren. Jack konnte Genes Gesicht hinter dem dunklen Visier kaum erkennen, aber er konnte sich das neckische Augenzwinkern lebhaft vorstellen. Er musste grinsen. „Du glaubst doch nicht, dass ich mir das entgehen lassen würde? Wie oft im Leben wird dir schließlich die Gelegenheit geboten, auf dem Mond Auto zu fahren?“
Schnell war das Auto allerdings nicht. 13 km/h war selbst mit viel Phantasie keine atemberaubende Geschwindigkeit, aber Jack genoss das unbeschreibliche Gefühl, das ihm beim Anblick des schwarzen Himmels überkam. Tausende Sterne erleuchteten ihren Weg, in einer Intensität, die er auf der Erde noch nie hatte beobachten können. Die Mondoberfläche selbst war nicht sonderlich aufregend, Mondstaub bis zum Horizont, in welche Richtung er auch blickte. Die Sonne illuminierte den Sand mit einer Kraft, die manchmal in den Augen schmerzte, obwohl das Visier den Strahlen bereits einen Teil ihrer Stärke nahm. Es kam Jack vor, als ob jedes einzelne Sandkorn, angesprochen durch die Intensität der Sonne, sich dem Heer der gleißenden Lichter anschloss, um seinerseits auf die Einzigartigkeit dieses Momentes hinzuweisen.
Gene nahm direkten Kurs auf den nächsten Krater. Jack würde diesen ersten Ausflug dazu nutzen, ein paar Bodenproben zu sammeln, um sie später genaueren Untersuchungen zu unterziehen. Sie hatten keine Zeit zu verschwenden. Ihre Anwesenheit auf dem Mond war zeitlich begrenzt. Letztendlich mussten sie die Zeit gut einteilen, um das millionenschwere Projekt zu einem erfolgreichen Abschluss zu führen. Schließlich war das Hauptziel dieser Mondlandung nicht ihr Vergnügen, sondern vielmehr wissenschaftliche Experimente, die ihnen einen Eindruck über die Geschichte und den Ursprung des Erdtrabanten vermitteln sollten.
Es war wirklich unglaublich, wie leicht Jack das Laufen fiel, trotz des schweren Anzugs. Er machte ein paar übermütige Sprünge. Gene und das Mondauto waren ein kleines Stück zurückgeblieben. Jack lief zum Rande des Kraters. Hinter ihm breitete sich das Meer der Heiterkeit aus, ein großer Krater, der jetzt wahrscheinlich schon älter war, als die Menschheit es jemals werden würde.
Mit einem Seufzer, der aus dem tiefsten Inneren seiner Seele hervorzudringen schien, wollte Jack sich gerade umdrehen und zum Mondauto zurückkehren, als etwas seine Aufmerksamkeit auf sich lenkte. Eine optische Täuschung? Jack war sich nicht sicher, aber irgendetwas hatte das stete Licht, das sich konstant über die Mondoberfläche ausbreitete, seltsam gebrochen. Langsam näherte er sich der Stelle und bückte sich. Doch es handelte sich wiederum um Sand, allerdings mit einer merkwürdig glasartigen Struktur. Vielleicht von Interesse. Jack zog einen seiner Probenbehälter aus der Halterung und verschloss ein paar Proben luftdicht für eine spätere Untersuchung.
„Hast du was entdeckt?“, fragte Gene über Funk. Doch Jack hörte nicht mehr hin. Als er sich aufrichtete, fiel sein Blick vom Rande des Kraters in die darunter liegende Tiefebene. In einem unendlich kurzen Augenblick verlor er sich völlig in dem Anblick, der sich ihm eröffnete. Wie erstarrt blieb er am Rande des Kraters stehen, unfähig sich zu rühren, oder einen weiteren klaren Gedanken zu fassen. Genes besorgte Stimme verlor sich in dem lauten Rauschen unzähliger Stimmen in seinem Verstand, die verzweifelt nach einer Erklärung für das suchten, was seine Augen zu sehen glaubten.
„Jack? Alles in Ordnung?“
„Jack?“
Es dauerte eine Weile, bis Gene unbeholfen bis zu ihm herangehüpft war.
„Hey, Kumpel, ist alles in Ordnung mit dir?“, fragte Gene schwer atmend, als er Jack eine Hand auf die Schulter legte.
Statt zu antworten, deutete Jack wortlos den Abhang des Kraters hinunter. In diesem Moment erschien es ihm, als wären ihm sämtliche Worte abhandengekommen. Keine Sprache der Welt hätte ausgereicht, das zu beschreiben, was Jack in diesem Moment fühlte. Also blieb er einfach regungslos stehen und ließ den Anblick für sich selbst sprechen. Jack konnte über Funk hören, wie Gene scharf einatmete. „Was zum Teufel ist das?“, stammelte er. Seine Hand rutschte Jack von der Schulter und blieb kraftlos an seiner Seite hängen.
Sie standen lange nebeneinander, ohne ein Wort zu sagen. Zwei Männer, die sich verzweifelt bemühten, das Gesehene mit ihrem bisherigen Weltbild in Einklang zu bringen. Erst als über Funk zum wiederholten Male der Status angefordert wurde, räusperte sich Gene, in dem schwachen Versuch, sich selbst wieder zur Besinnung rufen. Seine Stimme klang verloren und schwach, als er leise flüsterte: „Leute, das werdet ihr nicht glauben!“
Ein lautes Klingeln ließ Jan aus dem Schlaf hochschrecken. Instinktiv suchte seine Hand nach dem Wecker auf dem kleinen Nachtisch neben dem Bett. Erst nach einigen Sekunden und einigen vergeblichen Versuchen, das nervige Klingeln mit wiederholten Anschlägen auf den Wecker zu beenden, realisierte sein noch völlig übermüdetes Gehirn, dass das störende Geräusch von seinem Telefon stammte. Nur mühsam öffnete er ein verschlafenes Auge. 6:25 zeigte das blinkende Display seines Radioweckers. In fünf Minuten hätte er sowieso aufstehen müssen, aber jede einzelne Minute Schlaf war Jan so früh am Morgen heilig wie einem Gottesgläubigen der Gang zur Kirche.
Schlecht gelaunt und einige unverständliche Worte brummelnd, schlurfte Jan in Richtung Telefon. Bildete er sich das nur ein, oder hatte das Klingeln eine geradezu nervige Dringlichkeit angenommen?
„Ja?“, krächzte Jan unfreundlich in den Telefonhörer. Um diese Uhrzeit konnte er nicht den Ehrgeiz aufbringen, auch nur annäherungsweise wie ein zivilisiertes Lebewesen zu klingen.
„Professor Seibling!?“, parierte eine Jan unbekannte Stimme fragend. Nun ja, eigentlich ähnelte der Tonfall eher einer Feststellung als einer Frage.
„Wer spricht denn da?“, fragte Jan irritiert und unterdrückte nur mühsam ein Gähnen.
„Ich freue mich, Sie zu Hause anzutreffen“, fuhr die Stimme unbeirrt fort. „Wir haben einen Auftrag für Sie! Wir würden Sie gerne treffen, um Weiteres zu besprechen. In etwa einer Stunde wird Sie ein Fahrer abholen. Bitte halten Sie sich bereit.“
Eine kurze Pause, dann ergänzte die Stimme mit an Arroganz grenzender Selbstsicherheit: „Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass das Telefon nicht das geeignete Medium ist, über mein Anliegen im Detail zu sprechen. Sie werden alles Notwendige von meinem Fahrer erfahren. Ich weiß, Sie kennen mich nicht, aber ich kann Ihnen versprechen, dass Sie dieses Treffen nicht bereuen werden.“
Der Mann am Telefon wirkte nicht so, als würde er Einwände erwarten. Etwas verunsichert durch diese Haltung und immer noch etwas gereizt von der frühen Störung, wollte Jan zu einer unfreundlichen Erwiderung ansetzen, aber das Tuten in der Leitung deutete darauf hin, dass die unbekannte Person auf der anderen Seite bereits aufgelegt hatte. Ohne seine Antwort abzuwarten.
Perplex kratzte sich Jan am Kopf. Wenn der Unbekannte glaubte, er würde auf einen so billigen Scherz hereinfallen, dann hatte er nicht mit der frühmorgendlichen Pfiffigkeit von Dr. Jan Seibling gerechnet. An jedem anderen Tag hätte er es sich nicht nehmen lassen, mitzuspielen, aber heute hatte er partout keine Zeit für solche Sperenzchen. Bereits um neun Uhr hatte er die nächste Vorlesung. Als Professor wollte er seine Studenten nicht warten lassen. Immerhin erwartete Jan im Gegenzug auch von seinen Studenten Pünktlichkeit; was er sie in regelmäßigen Abständen auch spüren ließ. Er zuckte mit den Schultern, den Anruf hatte er in diesem Moment bereits vergessen.
So langsam setzte auch sein klarer Verstand ein und ließ die dunklen Träume der Nacht im neuen Licht des beginnenden Morgens erscheinen. Er hatte wieder von Alissa geträumt, wie so oft in den letzten Monaten. Ihr Gesicht verblasste bereits in den schummrigen Nebeln eines durch die Realität verdrängten Traumes; den bitteren Geschmack der Demütigung konnte er allerdings immer noch auf seiner Zunge schmecken. Der Traum war immer der Gleiche: Sie schien zu schweben, direkt vor ihm in der Luft. Er war unfähig, sie zu berühren oder einzuholen. Ihr Gesichtsausdruck verriet Mitleid und ihr Lächeln war spöttisch, als sie wie so viele Nächte zuvor die Worte sprach, die seine Welt zerrüttet hatten: „Es ist vorbei.“ Er rannte hinter ihr her, versuchte, sie in seinem Leben zu halten. Mit jedem Schritt spürte er, wie die Verzweiflung ihm die Kehle abschnürte, während ihre höhnischen Worte in seinen Ohren widerhallten und die Demütigung sein Herz vergiftete. Meistens wachte er auf, wenn ihr Bild am Horizont seines Traumes verschwamm und er erschöpft auf die Steine sank, die sein schlafender Verstand ihm in den Weg gelegt hatte.
Mit einem resignierten Kopfschütteln brachte Jan sich in die Wirklichkeit zurück und verdrängte die Verzweiflung der Nacht, erneut. Zum Glück hatte er seine Arbeit, die ihm gerade in der letzten Zeit viel Halt gegeben hatte. Seine Berufung zum Inhaber für den Lehrstuhl für die Geschichte der Naturwissenschaften und Technik war eine große Ehre, vor allem, weil Jan mit seinen 35 Jahren außergewöhnlich jung für einen solchen Titel war. Jan hatte sein Leben lang hart auf dieses Ziel hingearbeitet, und seine Hingabe an seinen Beruf war es auch, die ihm seine hervorragende Reputation eingebracht hatte. Zugegebenermaßen hatte er allerdings auch viel Freude daran, zu unterrichten und zu forschen, und seine Vorlesungen hielt er, im Gegensatz zu vielen seiner Kollegen, immer noch selbst.
Mit der Hand an seinen Bartstoppeln und einem Seufzer auf den Lippen machte sich Jan auf den Weg ins Badezimmer.
Erst als es schellte, fiel ihm der Anruf wieder ein. Fassungslos starrte er in Richtung Eingangstür, als würde er allein durch pure Willensanstrengung jenen ungebetenen Gast, der impertinent auf der anderen Seite der Tür seine Klingel traktierte, zum Verschwinden bringen können. Aber das Klingeln schrillte hartnäckig in seinen Ohren und vernichtete jede Hoffnung darauf, die unerwünschte Störung ignorieren zu können.
Mit einem sehnsüchtigen Blick auf die schwarze Flüssigkeit setzte Jan seinen dampfenden Kaffeebecher ab und schlurfte zur Tür. Auf seiner Fußmatte stand ein etwas untersetzter Mann im schwarzen Anzug, mit einer altertümlich wirkenden Chauffeurmütze auf dem Kopf. „Dr. Jan Seibling?“, fragte er ernst. Scheinbar die Standardfrage an diesem viel zu frühen Morgen. Jan verfluchte innerlich das unscheinbare „Willkommen“ auf dem Fußabtreter. Nichts war ihm in diesem Moment unwillkommener als dieser ungebetene Gast.
Der mutmaßliche Chauffeur musterte ihn kritisch, als würde er, trotz des Namensschildes über der Klingel, auf dem in deutlichen Großbuchstaben der Name SEIBLING eingraviert war, jemand anderes in der Wohnung vermuten. Jan zog die Tür bis auf einen kleinen Spalt zu, um sie jederzeit wieder zuschlagen zu können, sollte ihm nicht gefallen, was der Unbekannte von sich gab, oder sich die kuriose Situation in eine bedrohliche verwandeln.
„Ich wurde geschickt, um Sie abzuholen. Wir sollten uns beeilen; wir werden bereits erwartet.“ Ein eindringlicher Blick begleitete diese Worte.
Jan schüttelte energisch den Kopf. „Sie glauben doch nicht, dass ich zu einer mir völlig fremden Personen ins Auto steige!? Wer sind Sie überhaupt? Und wer schickt Sie?“, konterte Jan aus der relativen Sicherheit seiner halb geöffneten Tür heraus.
Mit ernstem Blick vollführte der Fremde eine kurze Verbeugung. „Sie können mich Max nennen. Ich bin leider nicht autorisiert, Sie bereits jetzt über mehr als das Ziel unserer Reise in Kenntnis zu setzen. Alles, was ich Ihnen geben kann, ist dieser Brief.“ Mit diesen Worten zog er einen geschlossenen Umschlag aus der Innentasche seines Anzugs und überreichte ihn mit geradezu feierlicher Miene, als würde er Jan den großen Preis der Samstagabend-Lotterie überreichen.
Jan stutzte kurz, nahm den Brief aber an sich. Sah offiziell aus. Auf der rechten oberen Seite prangte statt einer Briefmarke der Deutsche Bundesadler, ebenso wie auf dem roten Siegel, das den Umschlag verschloss. Ein Siegel! Jan hatte noch nie irgendein Schriftstück in den Händen gehalten, das mit einem Siegel verschlossen worden war.
Inzwischen neugierig geworden, öffnete Jan das Schreiben mit einem misstrauischen Blick auf Max und überflog die wenigen Zeilen, die der Anrede folgten.
Wir bitten um Ihre Expertise und Mitarbeit in einer dringenden internationalen Angelegenheit. Wir möchten uns für die Art der Kontaktaufnahme entschuldigen, aber wir wurden sehr kurzfristig vom amerikanischen Außenministerium gebeten, an Sie heranzutreten. Die Situation ist sehr brisant und wir möchten Sie dazu anhalten, Stillschweigen über diesen Brief zu bewahren, sollten Sie sich gegen eine Zusammenarbeit entscheiden. Aus diesem Grund sind wir leider auch gezwungen, Ihnen nur die nötigsten Informationen zukommen zu lassen, solange wir uns Ihrer Mitarbeit nicht versichern können. Falls Sie sich jedoch dazu entschließen, sich unser Angebot anzuhören, wird der Überbringer dieser Nachricht Sie in die Außenstelle der amerikanischen Botschaft in München bringen. Dort werden Sie weitere Informationen erhalten.
Unterschrieben war die Nachricht vom deutschen Außenminister persönlich. Verunsichert blickte Jan auf und stellte überrascht fest, dass Max lächelte: „Ich hoffe, Sie haben bereits gepackt?“
Susanna tupfte sich mit einem erschöpften Seufzen den Schweiß von der Stirn. An diesem Tag setzte ihr die Hitze besonders zu, obwohl sie seit dem ersten Spatenstich auf dieser Ausgrabungsstelle ausreichend Gelegenheit gehabt hätte, sich an den glühenden Sand zu gewöhnen, der die gesamte Ebene wie eine alles erstickende Bettdecke überzog. Sie warf einen kurzen Blick auf ihre Armbanduhr. Es war noch früh, gerade erst neun Uhr. Trotzdem herrschte bereits eine Temperatur vor, die das heimatliche England selbst in seinen heißesten Sommern bisher nicht erreicht hatte. Der Staub brannte in ihren Augen, die ohnehin mit dem grellen Licht der heißen Sonne zu kämpfen hatten. Sie ließ für einen Moment die Schaufel ruhen, um einen Blick über die Ausgrabungsstätte zu werfen und um einen dringend benötigten Schluck Wasser zu trinken. Das Wasser war warm wie alles andere auch, aber in ihrer ausgedörrten Kehle fühlte es sich wie der Himmel auf Erden an.
Die ganze Ebene war von einem emsigen Treiben erfüllt. Bis zum Mittag beabsichtigten sie, einen großen Teil des Tagespensums geschafft zu haben. Am Anfang hatten sie noch versucht, auch über Mittag weiterzuarbeiten, aber die Hitze wurde schnell unerträglich, sobald die Sonne ihren Höchststand am Himmel überschritten hatte. Inzwischen hatten sie sich dem Lebensrhythmus der einheimischen Bevölkerung in dem kleinen Örtchen hinter der nächsten Hügelkette angepasst. Der heiße Nachmittag blieb der Siesta vorbehalten, und erst abends konnten sie ihre Arbeit wieder aufnehmen, sobald die Kühle der Nacht sich mit stetiger Brise angekündigte.
Die verlorenen Nachmittagsstunden waren wahrscheinlich auch ein Grund, warum ihre Suche an diesem Ausgrabungsort noch keine nennenswerten Erfolge hervorgebracht hatte. Bis auf ein paar zerbrochene Vasen und die kümmerlichen Überreste einiger Mauern konnten sie auf ihrer Habenseite keine interessanten Funde verbuchen. Susanna fragte sich bereits, ob sich die ganze Mühe überhaupt lohnen würde. Vermutlich jagten sie einem Gespenst hinterher, einer fixen Idee, die eher von Wunschglauben als von wissenschaftlichen Fakten getrieben wurde. Es grenzte beinahe an Wahnsinn, hier tatsächlich noch irgendwelche spektakulären Entdeckungen zu erwarten. Dafür war viel zu viel Zeit vergangen, eine halbe Ewigkeit, zumindest nach den Maßstäben der vergleichsweise kurzen Zeitperiode, seitdem der erste Mensch am Horizont der Geschichte aufgetaucht war. Auch wenn sie mit ihren eigenen Augen die Bilder gesehen hatte, konnte sie immer noch nicht glauben, was ein solcher Fund letztendlich für die Geschichtsschreibung bedeuten würde, nein, sie wagte es vielmehr nicht, sich die Konsequenzen dieser Entdeckung auszumalen. Stand es ihnen tatsächlich zu, all jene Glaubensgrundsätze über den Haufen zu werfen, die seit Jahrhunderten die Eckpfeiler des menschlichen Selbstverständnisses darstellten?
Bislang drohte allerdings keine Gefahr, sämtliche Geschichtsbücher neu drucken zu müssen. Innerhalb der letzten drei Monate hatte sie hier vor Ort noch keine Beweise gesehen, die ihre Theorie untermauern und die Bilder bestätigen würden. Mit jedem Tag, der in unabänderlicher Gleichförmigkeit verstrich, wuchsen ihre Zweifel an der ganzen Geschichte. Zwei, vielleicht drei Tage noch, dann würde sie die Ausgrabung abbrechen, bevor die Kosten sämtliche auf Vernunft basierten Grenzen sprengten.
Unbewusst wischte sie sich ihre Hand an ihrer kurzen Khakihose ab. Wie sehr sehnte sie sich nach einer Dusche! Doch auch wenn ihr dieser Luxus zurzeit verwehrt blieb, wäre es ihr niemals im Traum eingefallen, sich deswegen zu beschweren. Susanna liebte ihren Job; gegen keine Dusche der Welt würde sie ihre Arbeit eintauschen wollen. Wenn ihr Blick auf die entfernten Berge fiel und über den leicht flimmernden Sand schweifte, dann erfüllte sie eine innere Zufriedenheit, die wahrscheinlich nur wenigen Menschen in ihren Berufen zuteilwurde. Es war dieses unbeschreibliche Gefühl, Spatenstich für Spatenstich der Erde neue Fundstücke abzuringen, das dieses karge Leben lebenswert machte. Inzwischen war sie es gewohnt, außerhalb jeglicher Zivilisation nur mit dem Nötigsten auszukommen. Der Verzicht war ein Teil ihres Jobs, auf den sie sich einzustellen bereit war.
Susanna widmete sich wieder dem Loch vor sich, das sie mit der Schaufel ausgehoben hatte. Sie folgte mit ihrer Grabung dem Verlauf einer Mauer, auf die sie vor knapp einer Woche gestoßen waren. Mit einem Finger strich sie die Mauer entlang; die leicht raue Oberfläche kitzelte unter ihrer Fingerkuppe. Sie konnte nicht genau sagen, was es war, aber irgendetwas war an der Mauer ungewöhnlich. Sie war alt, vermutlich sogar sehr alt, aber dafür erstaunlich gut erhalten. Sie zeigte beinahe keine Spuren von Verwitterung, wie sie es erwartet hätte. Es wirkte, als hätten Jahrtausende von Sandstürmen und Regengüssen der Mauer nichts anhaben können. So eine Bauwerkskunst hatte sie in einer Gesteinsschicht dieses Alters bisher noch nicht gesehen. Genau genommen konnte sie sich noch nicht einmal daran erinnern, überhaupt jemals etwas Vergleichbares entdeckt zu haben. Sie runzelte ihre Stirn, wie immer, wenn sie angestrengt nachdachte. Vielleicht sollte sie die Flinte doch noch nicht ins Korn werfen. Diese Mauer wirkte vielversprechend und konnte, archäologisch betrachtet, ein erster Schritt auf dem langen Weg zu einer atemberaubenden Entdeckung sein.
Sie richtete sich auf, als sie jemanden ihren Namen rufen hörte. „Dr. Pullman, Dr. Pullman!“ Sie sah Pedro, einen der Ausgrabungshelfer, auf sich zu rennen. Er trug, wie viele von ihnen, ein Tuch lose um den Kopf gebunden. Er musste es beim Rennen festhalten, damit er es nicht unterwegs verlor. „Sie sollten sich das ansehen, in Parzelle B3 haben wir etwas gefunden!“ Pedro schrie diese Worte bereits zu ihr herüber, obwohl er noch knapp fünfzig Meter von ihr entfernt war. Pedro war Student der Archäologie, allerdings bereits im siebten Semester. Inzwischen hatte er ein erkleckliches Maß an Erfahrung auf zahlreichen Exkursionen sammeln können; zumindest genug Erfahrung, um nicht bei jedem kleinen, ausgegrabenen Splitter in helle Aufregung zu verfallen. Susanna hatte Pedro jedenfalls noch nie so aufgeregt gesehen, was an sich bereits ein Anzeichen dafür war, dass Pedro sie nicht zu einem kleinen Schwätzchen einladen wollte. Ihr Magen zog sich plötzlich fast schmerzhaft zusammen. Sollte der lang ersehnte Zeitpunkt endlich gekommen sein?
Susanna musste sich sehr zurückhalten, um nicht ebenfalls zur Parzelle B3 zu laufen, und um wenigstens den Anschein von Würde bewahren zu können. Nur mühsam verlangsamte sie ihre Schritte, obwohl fast jede Faser in ihrem Körper vor Anspannung schmerzte. Auch in Pedros Gesicht blieb die Aufregung nicht folgenlos, rote Flecken breiteten sich quer über seine Wangen aus. Mit seinen aufgerissenen Augen und den krampfhaft zusammengebissenen Lippen wirkte er noch jünger als ohnehin schon. Er erinnerte Susanna irgendwie an einen kleinen Jungen, kurz vor der Bescherung an Weihnachten. Feine Schweißperlen bildeten sich auf seiner Stirn, als er sie eilends vorantrieb.
„Unglaublich“, murmelte er. „Unglaublich. Das müssen Sie mit eigenen Augen sehen.“
Erst als sie die ersten Ausläufer der Grabungsparzelle erreichten, verlangsamte Pedro seinen Schritt. Mit einer hektischen Kopfbewegung nickte er sprachlos in Richtung des ausgehobenen Loches. Eine kleinere Gruppe Ausgrabungshelfer hatte sich am Fuße der Grube versammelt und versperrte ihren Blick auf die aktuelle Grabungsstelle. Wie Hühner scharrten sie sich an der Leiter zusammen und gackerten so aufgeregt untereinander, dass es Susanna schwer fiel, herauszuhören, wovon sie eigentlich redeten. Viele von ihnen waren Freiwillige oder junge Studenten, die das erste Mal aktiv an einer Ausgrabung teilnahmen. Jeder noch so kleine Fund hielt das Feuer ihrer Entdeckerlust am Brennen und wurde in der Regel so ekstatisch gefeiert wie die spektakuläre Entdeckung eines ungeöffneten, reich verzierten Grabes eines unbekannten ägyptischen Pharaos.
Vielleicht handelte es sich auch in diesem Fall nur um einen falschen Alarm, doch Susanna würde ihnen deswegen keinen Vorwurf machen. Selbst kleine Funde hielten die Motivation der Gruppe aufrecht, insbesondere, da Susanna ihnen bewusst vorenthalten hatte, was das eigentliche Ziel ihrer Exkavation war. Ihr Grabungsteam war immer noch der Meinung, sich auf der Suche nach altrömischen Ruinen zu befinden. Susanna hatte kurz mit dem Gedanken gespielt, sie alle einzuweihen und mit ihnen die unfassbare Wahrheit zu teilen. Allerdings war sie sich noch nicht einmal sicher, ob sie selbst an die Dinge glaubte, nach denen sie hier suchte. Wie hätte sie einer Schar von unerfahrenen Ausgrabungshelfern überzeugend darlegen sollen, dass sie nichts Geringeres versuchten, als die Geschichte neu zu schreiben, wenn ihr selbst die Vorstellungskraft fehlte, daran zu glauben?
Insofern war ihr die Entscheidung leicht gefallen. Je weniger von der ganzen Sache wussten, desto besser. Ein Medienrummel war das letzte, was Susanna in dieser Situation hätte gebrauchen können. Allerdings hatte sich auch noch niemand beschwert, zu wenig über das Ziel ihrer Bemühungen zu wissen. Alle verrichteten ohne zu murren zuverlässig ihren Dienst und gaben sich mit den wenigen Erklärungen, die Susanna ihnen gab, zufrieden.
Nachdem Susanna die kleine Holzleiter hinunter geklettert war, die in die Grube führte, machte ihr die aufgeregte Meute Platz, damit sie sich selbst ein Bild von der Entdeckung machen konnte. Als erstes fielen ihr die Stufen ins Auge, die irgendwer vor langer Zeit in den blanken Stein gehauen haben musste. Die Steintreppe bohrte sich tief in den Felsen und formte zwischen den Felswänden einen beinahe beengend wirkenden Schacht. Sie folgte dem Verlauf der Stufen ein paar weitere Schritte; die angespannten Blicke der anderen brannten in ihrem Nacken.
Nach zwei Metern endete die Treppe in einem Berg Sand, der ihr weiteres Vorkommen verhinderte. Pedro und seine Helfer hatten bereits begonnen, ihn beiseite zu schaffen, ohne jedoch ihre Arbeit zu Ende zu bringen. In der Ecke hatten sie etwas freigelegt, das Susanna aus der Entfernung noch nicht erkennen konnte. Langsam kroch sie auf allen Vieren in die lang gezogene Öffnung, die sich durch die Felswände an den Seiten der Steinstufen bildete, um einen genaueren Blick auf das werfen zu können, was offensichtlich Pedros Aufregung ausgelöst hatte. Sie brauchte keine weitere Sekunde, um zu verstehen, auf was Pedro gestoßen war. Ungläubig streckte sie ihren Finger aus, um zu erfühlen, was sie ihren Augen nicht glauben wollte. Gold. Zwar bedeckte eine leicht grünliche Patina das Edelmetall, aber die ließ sich mit einem leichten Reiben des Fingers problemlos entfernen. Mit beiden Händen begann Susanna, den Sand beiseite zu schieben. Zutage trat eine Art Scharnier, leicht golden glänzend. Das Scharnier schien von massiven Metallbolzen durchzogen zu sein, die oben und unten an einer dicken Metallplatte angebracht waren. Das Gold diente vermutlich nur der Beschichtung; ein komplettes Scharnier aus Gold wäre nicht in der Lage gewesen, eine massive Tür zu tragen. Dafür war das Edelmetall viel zu weich. Dennoch hatte Susanna mit der üppigen Goldlegierung bereits jetzt ein kleines Vermögen vor Augen, obwohl bislang nur ein kleiner Teil freigelegt worden war; vom archäologischen Wert ganz zu schweigen.
Susanna drehte sich um und blickte Pedro ungläubig in die Augen. „Ist dir klar, was wir hier gefunden haben?“, fragte sie, überwältigt vom Augenblick. Pedros Miene blieb unbewegt, aber das Blitzen in seinen Augen verriet, dass er sehr genau wusste, was er vor sich hatte. Sie waren einer großen Sache auf der Spur. Susanna wusste, dass sie ihren Ausgrabungshelfern ab dem heutigen Tag ein paar weitere Erklärungen schuldig bleiben würde. „Meine Kenntnisse könnten mich trügen“, erwiderte Pedro mit einem verschwörerischen Grinsen, „aber wenn ich nicht falsch liege, haben wir etwas gefunden, das es eigentlich nicht geben dürfte.“
Jan wurde von Max durch einen Nebeneingang in die amerikanische Botschaft eingeschleust. Doch auch auf diesem Wege konnten sie nicht die strengen Sicherheitsmaßnahmen umgehen, die das Gebäude nahezu hermetisch abriegelten. Obwohl Max Anwesenheit sich durchaus günstig auf die Dauer der Sicherheitsuntersuchung auszuwirken schien, wurde Jan mit akribischer Sorgfalt von einem Mann im schwarzen Anzug abgetastet. Eine kleine Ausbuchtung auf der linken Seite seines Jacketts verriet die Anwesenheit einer Waffe; und die Haltung des Mannes zeigte den sicheren Stand eines Menschen, der in dem Umgang mit Problemen militärisch geschult war. Beim Anblick des Wachpostens konnte Jan immer noch nicht fassen, dass er tatsächlich dieser merkwürdigen Einladung gefolgt war. Seine Neugier war sicherlich in vielerlei Hinsicht eine seiner Stärken, leider öfters auch ein Fluch. Ob es sich in diesem Fall um das erste oder um das letztere handelte, vermochte Jan noch nicht zu sagen. Aber um ehrlich zu sein; er hätte es sich wahrscheinlich nie verziehen, die Einladung auszuschlagen, ohne mehr über die Hintergründe des Anrufs und die Mitteilung des Außenministers zu erfahren.
Nachdem sie die Kontrollen passiert hatten, führte Max Jan an einer Reihe von Büros vorbei. Die Büros waren ausnahmslos in hektische Betriebsamkeit getaucht und untermalten den anhaltenden Geräuschpegel der Gespräche mit dem Klappern von Computertastaturen und dem Klingeln von Telefonen. Doch keine der anwesenden Personen nahm von Jan oder seinem Begleiter Notiz. Unbemerkt gelangten sie bis zum Ende des Korridors.
Die Tür, auf die Max letztendlich deutete, war verschlossen. Im Gegensatz zu den anderen Räumen drang kein Laut zu ihnen auf den Flur. Wortlos geleitete er Jan in das dahinter liegende Zimmer. „Bitte warten Sie hier, Professor Seibling. Man wird sich sofort mit Ihnen beschäftigen!“, verkündete Max mit einem kurzen Nicken und zog die Tür hinter sich zu. Jan blieb allein und irritiert zurück.
Das Zimmer war leer, abgesehen von einem großen gläsernen Würfel, in dessen Mitte sich ein Tisch und sechs Metallstühle befanden. An der Vorderseite befand sich eine große, durchsichtige Tür, die weder Griff noch Scharniere zu besitzen schien. Offensichtlich war sie nur über die Eingabe einer Ziffernfolge in ein Nummernfeld zu öffnen, das fest verschraubt am Ende eines Metallfußes vor der Tür thronte. Merkwürdig. Durch zwei große Fenster fiel Licht auf den Glaskasten und tauchte den Raum in eine Welt glitzernder Farben und Lichteffekte. Die Fenster selbst zeigten in einen unbelebten Innenhof, in dem nichts anderes zu sehen war als ein paar Müllcontainer und ein traurig aussehender, verkrüppelter Baum.
Bevor Jan sich näher mit der merkwürdigen Apparatur am Zugang zum Glaswürfel beschäftigen konnte, betraten zwei weitere Personen den Raum. Den linken Mann erkannte er sofort: Der deutsche Außenminister, Ferdinand Bauer, zeigte sich wie bei allen öffentlichen Auftritten in einem grauen, eng geschnittenen Anzug, der immer eine Nummer zu klein zu sein schien. Sein graues Haar hielt er nur mit ausreichend Gel in Form.
Der andere Mann hingegen war Jan unbekannt. Er trug einen schwarzen Anzug mit Krawatte und erzeugte auf den ersten Blick den Eindruck, als ob Begriffe wie Humor und Freundlichkeit nicht zu seinem Sprachschatz gehören würden. Als er die ersten, durch einen starken amerikanischen Akzent getragenen Worte an Jan richtete, verstärkte sich dieser Eindruck sogar noch. Jedes seiner Worte betonte er in einer eher getragenen und ernst anmutenden Art und Weise, als würde er jeden Satz sorgsam abwägen, bevor er ihn aussprach. Seine Augen musterten Jan kritisch. Jan fühlte sich schlagartig an die erste Stunde mit seiner strengen Mathematiklehrerin in der 7. Klasse erinnert, in der er sich wie jetzt einer abschätzigen, fordernden und kalten Begutachtung hatte stellen müssen. Dieser Blick deckte die eigenen Unzulänglichkeiten schonungslos auf und ließ jeden nackt und schutzlos zurück.
„Guten Tag, Professor Seibling. Ich bin sicher, Sie warten bereits auf eine Erklärung, für diese...“, er machte eine gespielt schwammige Bewegung mit der linken Hand, als ob er nach dem richtigen Wort suchen würde, „ ...sagen wir, Zusammenkunft. Mein Name ist Dr. Patterson, Dr. Brian Patterson.“
Er reichte Jan die Hand und zeigte mit der anderen auf den deutschen Außenminister. „Herr Bauer war so freundlich, uns bei der Kontaktaufnahme zu unterstützen.“ Jan schüttelte auch Ferdinand Bauer die Hand, doch auch aus Bauers Gesichtsausdruck wurde er nicht schlau. Der Außenminister wirkte ebenso fehl am Platze wie Jan sich fühlte.
„Bitte folgen Sie mir in unseren Kubus, damit wir ungestört besprechen können, warum Sie eigentlich hier sind.“
Mit einem kurzen Schritt trat Patterson zum Ziffernblock und gab mit einer geübten Handbewegung eine Nummer ein, worauf sich die Glastür mit einem leisen Zischen öffnete. Auf den Stühlen im Inneren des Würfels saß es sich hart und unbequem. Erst in diesem Moment dämmerte es Jan, dass dieser Würfel keinem anderen Zweck diente, als Gespräche nach außen abzuschirmen; ein Verhörzimmer, das Unterhaltungen absolute Diskretion garantierte. Allein die Wände maßen mehrere Zentimeter im Durchmesser, und bis auf das spärliche Mobiliar gab es keine Möglichkeiten, Wanzen oder ähnliche Abhöreinrichtungen versteckt anzubringen. Die dicke, durchsichtige Tür stellte den einzigen Zugang zum Kubus dar. Seitdem sie verschlossen war, war auch der geschäftig wirkende Geräuschpegel vom Flur verstummt. Eine unangenehme Stille erfüllte den beängstigend eng wirkenden Raum. Verunsichert rutschte Jan auf dem harten Stuhl nach hinten. Wenn er nichts mehr von dem geschäftigen Treiben im Gang vor diesem Zimmer hören konnte, würde ihn auch keiner mehr hören. Kein Laut würde nach außen dringen. Kein Mucks, kein Schrei.
Jan lächelte verlegen, als ihm bewusst wurde, wie albern diese Sorge war. Vor ihm saß kein anderer als der deutsche Außenminister, ein ranghohes Regierungsmitglied eines demokratischen, zivilisierten Staates. So merkwürdig diese ganze Situation auch anmuten mochte, ihm drohte mit Sicherheit keine Gefahr. Jan zwang sich, Patterson und Bauer in die Augen zu blicken und sich seine Verunsicherung nicht anmerken zu lassen.
„Sie sitzen wegen Ihrer Beziehung zu Dr. Alissa Bracke hier“, kam Patterson ohne Umschweife zur Sache, nachdem er ein paar Sekunden quälende Stille hatte verstreichen lassen. Jan musste sich verkneifen, bei der Erwähnung des Namens scharf einzuatmen. Dennoch konnte er nicht vermeiden, dass er sichtlich zusammenzuckte.
„Alissa?“, formten seine Lippen lautlos. Es ging um seine Alissa? Als hätte Patterson auf einen Knopf gedrückt, der die selbst errichteten Sperren seiner Erinnerung lösten, stürmten Bilder und Gedanken wie eine Flutwelle auf ihn ein: Der Augenblick, als er Alissa das letzte Mal gesehen hatte. Ihre dunklen Augen, die ihn forschend, fast durchdringend ansahen, als sie die verhängnisvollen Worte sprach: „Jan, ich denke, die Sache mit uns hat keinen Sinn mehr. Unsere Ziele im Leben sind einfach zu unterschiedlich.“ Er erinnerte sich an den Schmerz, die Fassungslosigkeit und seine Tränen. Viele Tränen. Dunkel tauchten die Bilder seiner Flucht durch die Kneipen Münchens vor seinem inneren Auge auf. Als er am nächsten Tag nach Hause gekommen war, war Alissa bereits ausgezogen. Das war mittlerweile ein Jahr her und schmerzte dennoch wie am ersten Tag. Seit jenem letzten Gespräch hatte er Alissa weder gesehen, noch etwas von ihr gehört. Nach neun gemeinsamen Jahren hatte sie ihn fallen gelassen wie eine heiße Kartoffel.
Im Bruchteil einer Sekunde eroberte der Schmerz wieder die Oberhand über sein Denken. Der Schmerz, den er in den letzten Monaten nur mühsam unter Kontrolle gehalten hatte und der jede einsame Nacht sein geplagtes Herz quälte. „Was ist mit Alissa?“, presste er nur unter Anstrengung zwischen seinen Zähnen hervor, überwältigt von der Intensität der Erinnerungen, mit irritiertem Blick auf Patterson. Es war jedoch Bauer, der antwortete: „Dr. Bracke wird vermisst.“
„Wie, vermisst?“ Jan fühlte sich wie in einem schlechten Film mit absurder Handlung. Nur hätte er in diesem Fall die Fernbedienung nehmen und auf einen anderen Kanal schalten können, anstatt sich einer Situation stellen zu müssen, die keinerlei Regeln zu folgen schien. „Ich meine, was soll das heißen?“, fügte er nervös stammelnd hinzu. Er fühlte sich, als müsste er sich vor Gericht einer Anklage stellen, deren Wortlaut ihm nicht bekannt war. „Ich weiß nicht, wie ich Ihnen helfen soll. Alissa und ich leben schon seit fast einem Jahr getrennt. Seitdem habe ich nichts von ihr gesehen oder gehört.“
Er atmete tief ein, um seiner aufschäumenden Emotionen Herr zu werden. Obwohl viel Zeit verstrichen war, hatte Patterson ihn an einem wunden Punkt getroffen. Seine wenigen Worte hatten ausgereicht, um Jan in ein Gefühlschaos zu stürzen, dem er sich nicht gewachsen fühlte. Angst, Sorge, Verärgerung, Trauer; ein Potpourri der Emotionen schlug schlagartig wie eine Flutwelle über seinem überforderten Verstand zusammen. „Was erwarten Sie von mir?“, flüsterte er überwältigt, bevor er verstummte. Ein schwaches Lächeln sollte Selbstvertrauen ausstrahlen, verkümmerte jedoch in einer verzerrten Maske.
In Pattersons durchdringendem Blick blitzte kaum verhohlene Missbilligung auf, als würde er in Jan lesen können wie in einem seichten Liebesroman; ein Blick, der Jans mühselig errichtete Fassade durchdrang und direkt bis zum Grunde seiner verletzten Seele vorstieß.
„Nun, die Frage ist sicherlich berechtigt. Uns ist natürlich bekannt, dass Sie und Dr. Bracke schon lange nicht mehr partnerschaftlich liiert sind.“
„Allerdings waren Sie mit Dr. Bracke mehr als neun Jahre zusammen, wenn unsere Informationen richtig sind“, mischte sich überraschend Bauer in das Gespräch ein. „Darum liegt die Vermutung nahe, dass Sie zumindest ansatzweise in Dr. Brackes Forschungsgebiet bewandert sind.“
„Moment, Moment!“ Jan hob abwehrend die Hände. Das Gefühl, von seinen Gastgebern wie von einem Schwerlasttransport überrollt zu werden, wurde beinahe unerträglich. Jan behagte es nicht, derart in die Enge getrieben zu werden, insbesondere, wenn er noch nicht einmal genau wusste, worum es eigentlich ging. Von den anfänglich widersprüchlichen Gefühlen, die in seinem Innersten um Vorherrschaft kämpften, schlug sich eine Emotion zur Oberfläche durch: Verärgerung. Verärgerung darüber, dieser Einladung gefolgt zu sein. Verärgerung über die Art und Weise, wie die beiden Herren ihn vorführten, ohne ihm auch nur den Ansatz einer Erklärung zu liefern. Verärgerung darüber, vor Fremden seine rückblickend mehr als schmerzhafte Beziehung zu Alissa offenlegen zu müssen.
„Ich frage Sie noch einmal: Was erwarten Sie von mir? Sie rufen mich frühmorgens an, zerren mich hierher, ohne mir irgendwelche Informationen über den Grund Ihrer Einladung zu geben, und besitzen anschließend noch die Unverfrorenheit, mit mir über mein Privatleben diskutieren zu wollen!? Es tut mir leid, meine Herren, aber so kommen wir nicht auf einen grünen Zweig. Sie haben zwei Möglichkeiten: Sie sagen mir, was sie tatsächlich von mir wollen, oder wir gehen getrennte Wege.“
Er machte Anstalten, vom Tisch aufzustehen, aber Patterson gab ihm mit einer kurzen Bewegung seiner Hand zu verstehen, sitzen zu bleiben. Er kniff dabei verärgert die Augen zusammen, als hätte Jan ihn soeben geohrfeigt. „Nun gut“, knurrte er missgünstig. „Ich habe mir bereits gedacht, dass wir Sie nicht ohne weitere Informationen abspeisen können. Und wie sagt man so schön? Manus manum lavat! Eine Hand wäscht die andere!“
Er stand auf und drückte auf einen kleinen Knopf, der auf der Unterseite der Tischplatte eingelassen war. Die Tür des Glaswürfels öffnete sich lautlos. „Mr. Bauer? Würden Sie mich und Professor Seibling bitte für einen Moment entschuldigen?“ Sein Tonfall klang schroff und wirkte nicht gerade, als würde er einen Widerspruch zulassen, geschweige denn erwarten.
Bauer schien jedoch seinen Platz in diesem Theaterstück genau zu kennen. Wortlos stand er auf und verließ mit einem kurzen Nicken den Glaswürfel. Sobald er den Kubus verlassen hatte, drückte Patterson erneut den kleinen Knopf. Bauer blieb hinter den dicken Glaswänden zurück, ausgeschlossen von allem, was Patterson zu sagen beabsichtigte.
„Entschuldigen Sie“, erklärte Patterson kurz angebunden, sobald die Glastür sich mit leisem Zischen hinter dem Außenminister schloss, „Mr. Bauer war so freundlich, dieses Treffen zu arrangieren, ist jedoch auch nicht über alle Umstände unserer Zusammenkunft informiert.“ Er räusperte sich vernehmlich; eine einstudiert wirkende Geste. „Ich arbeite nicht für das amerikanische Außenministerium, wie Mr. Bauer vermutet. Tatsächlich arbeite ich für die National Aeronautics and Space Administration.“
„Die NASA?“, warf Jan ungläubig ein.
Patterson nickte kaum merklich. „Die NASA ist nur eine Institution neben mehreren Ministerien, die sich mit diesem Projekt beschäftigen“, fuhr er fort, „allerdings ist die NASA in diesem Fall die treibende Kraft, wenn ich das so formulieren darf.“
Er faltete seine Hände und legte sie auf den Tisch vor sich. „Ich will nicht lange um den heißen Brei herumreden. Sehen Sie, Dr. Bracke hat die letzten drei Jahre für mich gearbeitet. Deswegen betrifft mich ihr Verschwinden sozusagen persönlich. Ich sehe es als meine Verantwortung, alles zu tun, was notwendig ist, um ihr Verschwinden aufzuklären.“
Jan zuckte innerlich zusammen. Drei Jahre? Das würde bedeuten, dass Alissa schon während ihrer Beziehung für Patterson gearbeitet hätte. Wieder ein Punkt auf der Liste 'Was ich nicht von meiner Verlobten wusste'. Unbewusst schüttelte Jan den Kopf. Das konnte nicht sein. Unmöglich!
„Ich kann Ihnen leider nicht ganz folgen“, warf er irritiert ein. „Alissa ist Archäologin. Ich kann mich irren, aber Archäologie und Weltraumforschung sind zwei völlig unterschiedliche Forschungsgebiete, oder nicht? Beim besten Willen kann ich mir nicht vorstellen, dass die NASA sich um die Mitarbeit einer Archäologin bemüht. Tut mir leid, dass kaufe ich Ihnen nicht ab. Wenn es stimmt, was Sie sagen, hat Alissa zwei Jahre während unserer Beziehung für Sie gearbeitet, ohne dass ich davon irgendetwas mitbekommen hätte!“
Mitleidig starrte Patterson Jan für einen kurzen Augenblick an, bevor er nach unten griff und eine Aktentasche unter dem Tisch hervorzog. Er hatte sie bereits bei seinem Eintreten bei sich getragen, allerdings hatte Jan kaum darauf geachtet. „Auf Dr. Bracke sind wir vor etwa drei Jahren aufmerksam geworden“, erklärte er emotionslos, „durch ihre Publikationen über frühe Hochkulturen im europäischen Raum.“ Er fing an, in seiner Aktentasche zu kramen. Nach einer Weile zog er einen Stapel Dokumente hervor und schob sie in Jans Richtung. „Ehrlich gesagt, hat es mich nicht sehr viel Überredungskunst gekostet, sie für unser Projekt zu gewinnen.“ Er nickte aufmunternd. „Das oberste Dokument sollte zumindest erklären, warum sie nichts von unserer Zusammenarbeit mit Dr. Bracke wissen.“
Jan rückte seinen Stuhl näher an den Tisch heran und griff mit einem skeptischen Blick nach dem Stapel. 'NON DISCLOSURE AGREEMENT' prangte in dicken Buchstaben auf dem Kopf des ersten Dokuments. Jan überflog die Zeilen nur flüchtig, erkannte allerdings sofort, worum es sich handelte. Ein Geheimhaltungsvertrag, unterschrieben von Alissa. Ihre Unterschrift hätte er unter Tausenden erkannt. Viele Informationen enthielt der Vertrag nicht, im Großen und Ganzen verpflichtete sich Alissa darin, über ihre Arbeit Stillschweigen zu bewahren. Die Androhung von Repressalien im Falle einer Verletzung der Vertragsklauseln war jedoch umso ausführlicher gehalten. Sie reichte von schier unbezahlbaren Summen bis zur Aufgabe wesentlicher Grundrechte in Bezug auf Meinungsfreiheit und Selbstbestimmungsrecht. Kurz gesagt: Ein zeitlich nicht unwesentlicher Gefängnisaufenthalt.
Jan blickte verunsichert auf. Er spürte, wie sein soeben neu gewonnenes Selbstvertrauen wieder zu versiegen drohte. „Nehmen wir an, ich glaube Ihnen, dann beantworten Sie mir doch bitte diese Frage: Was ist mit Alissa passiert?“
„Nun, wir wissen es nicht. Und an diesem Punkt kommen Sie ins Spiel. Die letzte Nachricht von Dr. Bracke lässt nicht vermuten, dass sie in Problemen steckte. Sie war mit ihrem Kollegen Dr. Gregory Boyd auf dem Weg von einer Ausgrabung zu einem vorab vereinbarten Treffpunkt mit mir, bevor sie verschwand. Sie sind nie dort angekommen. Wir haben keine Ahnung, wo sie sich jetzt befindet.“
Patterson machte eine kleine dramatische Pause, um die Worte sacken zu lassen. „Sie waren mit Dr. Bracke neun Jahre zusammen. Ich nehme an, niemand kennt sie besser als Sie.“ Erneut hielt er inne. Überraschenderweise wirkte er in diesem Moment verunsichert, was überhaupt nicht zu dem Eindruck passen wollte, den Jan bislang von ihm erhalten hatte. „Ich weiß, um was ich Sie jetzt bitten möchte, ist ungewöhnlich, allerdings sehe ich im Moment leider keinen anderen Ausweg. Sehen Sie, ich vermute, Dr. Bracke hat vor ihrem Verschwinden etwas Wichtiges entdeckt. Vielleicht ist sie sogar deswegen verschwunden.“ Er zuckte mit den Schultern. „Fakt ist, wir wissen es nicht. Deswegen möchten wir Sie um Ihre Mitarbeit bitten. Wir brauchen jemanden, der ihre Unterlagen sichtet; jemanden, der sie gut kennt. Vielleicht sehen Sie etwas, das uns entgangen ist. Wenn es jemandem gelingt, ihre letzten Schritte nachzuvollziehen, dann sind sicherlich Sie das.“
Für einen kurzen Augenblick flackerte eine Emotion über Pattersons versteinert wirkende Miene. Jan war sich nicht sicher, was er soeben zu sehen bekommen hatte. Verzweiflung?
„Vielleicht können Sie sogar mehr für uns tun“, nahm Patterson seinen Faden nach ein paar Sekunden wieder auf. „Sie sind ein geachteter Experte auf Ihrem Gebiet. Vielleicht können Sie sogar Dr. Brackes Platz einnehmen, bis sie wieder bei uns ist. Ihre Arbeit fortsetzen, sozusagen.“
„Ich bin allerdings kein Archäologe, ich bin Historiker, falls Ihnen das entgangen sein sollte“, warf Jan ein. „So gerne ich Ihnen dabei helfen würde, Alissa zu finden, unterscheidet sich meine Arbeit wesentlich von der eines Archäologen. Es treibt mich selten in die Wildnis, um irgendwelche Dinge auszugraben, die irgendjemand irgendwann dort verloren hat.“
Patterson zuckte mit dem Mund, als ob er lächeln wollte. In seinem Gesicht sah das irgendwie beängstigend aus. „Professor Seibling, halten Sie uns nicht für Amateure. Das ist uns natürlich bewusst. Natürlich würden wir Ihnen einen erfahrenen Archäologen zur Seite stellen. Vorausgesetzt natürlich, Sie entscheiden sich dazu, unser Angebot anzunehmen.“
Patterson holte ein paar weitere Papiere aus seiner Aktentasche. „Falls Sie sich entschließen, für uns zu arbeiten, werden wir Sie natürlich finanziell dafür entschädigen, mit einer nicht unerheblichen Summe, nebenbei bemerkt. Und, bevor Sie weitere Einwände anbringen; wir werden uns selbstverständlich um alle Bindungen, denen Sie durch Ihre Tätigkeit an der Universität unterliegen, in Ihrem Sinne kümmern.“ Er hielt Jan einen Füller hin. „Bevor ich weiter ins Detail gehe, wären Sie so freundlich, ebenfalls einen Geheimhaltungsvertrag zu unterzeichnen?“ Er hüstelte kurz. „Reine Formsache. Sie verstehen sicherlich, dass ich mich absichern muss.“
Jan zögerte kurz. Er dachte an Alissa. Was war mit ihr passiert? Ohne Zweifel, ihre Trennung hatte ihn verletzt, viel mehr, als er jemals irgendjemandem gegenüber zugegeben hatte. Für einen kurzen Moment war er versucht, aufzustehen und einfach zu gehen, doch ein kleiner Teil von ihm sorgte sich immer noch um sie. Hatte Angst um sie. Egal, was zwischen ihnen vorgefallen war, er durfte sie nicht im Stich lassen. Jedenfalls nicht so, wie sie ihn im Stich gelassen hatte.
Er seufzte und setzte mit einer geübten Handbewegung seine Unterschrift unter das Schriftstück. „Und jetzt, wo ich unterschrieben habe, erwarte ich Antworten“, sagte er ruhiger, als er sich tatsächlich fühlte. „Sie erwähnten etwas von einer Ausgrabung, auf der Alissa eingesetzt wurde. Das wäre ein Anfang. Wonach hat Alissa für Sie gesucht? Was ist es, das die NASA so brennend interessiert?“
Patterson zog den Vertrag zu sich heran und musterte Jans Unterschrift kritisch. „Sie wissen, was Sie gerade unterschrieben haben?“, fragte er misstrauisch. „Ihnen ist hoffentlich klar, dass wir hier nicht von einem Handyvertrag reden, den Sie innerhalb von zwei Wochen widerrufen können?“
„Schon klar“, wiegelte Jan ab. „Ich weiß, wozu ich mich gerade verpflichtet habe.“ Er nickte Patterson auffordernd zu. „Also? Worum geht es hier?“
„Nun gut“, murmelte Patterson zufrieden. „Ich sehe keinen Grund, Ihnen den wahren Grund unseres Treffens weiter vorzuenthalten. Kurz gesagt; Dr. Bracke hat für uns nach Atlantis gesucht.“
„Atlantis!?“, lachte Jan irritiert auf. Mit allem hätte er gerechnet, nur nicht damit. „Atlantis!?“, wiederholte er noch einmal, als ob er damit Pattersons Aussage etwas mehr Sinn verleihen könnte. „Das ist doch Blödsinn! Atlantis ist nichts anderes als ein Hirngespinst eines griechischen Philosophen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Sie Alissa für eine solch haarsträubende Geschichte gewinnen konnten!“
„Dr. Bracke hat anfänglich ähnlich reagiert wie Sie.“ Patterson stand auf und machte einen Schritt auf den Ausgang zu. „Wenn Sie mir bitte folgen würden, dann werde ich Ihnen zeigen, was ihre Meinung letztendlich geändert hat.“ Einladend hielt er Jan seinen ausgestreckten Arm hin. „Vertrauen Sie mir, Sie werden es nicht bereuen.“
Skeptisch musterte Jan Patterson. Bislang war das ganze Gespräch sehr merkwürdig verlaufen. Noch immer war ihm nicht klar, worum es bei der ganzen Sache überhaupt ging. Wahrscheinlich wäre es in diesem Moment schlau gewesen, einfach nach Hause zu gehen und zu vergessen, was er heute gehört hatte. Dummerweise konnte er das nicht, zumindest, solange Alissa in Gefahr schwebte. Vorausgesetzt natürlich, Patterson sagte die Wahrheit. Allerdings, was hatte er zu verlieren, nachdem er den Knebelvertrag unterschrieben hatte? Zumindest konnte er sich anhören, was Patterson zu sagen hatte. Wenn ihm seine Antworten nicht gefielen, konnte er schließlich immer noch gehen.
„Nun gut. Allerdings müsste ich kurz in meiner Universität anrufen und mich für heute abmelden.“
„Keine Sorge“, sagte Patterson mit einer unverschämt anmutenden Arroganz, „Ihr Einverständnis voraussetzend, haben wir uns die Freiheit genommen, die Sache bereits in die Hand zu nehmen. Ich bin sicher, Sie werden sich dazu entscheiden, unser Angebot anzunehmen. Wir werden ihre Dienste etwas länger in Anspruch nehmen müssen, deswegen sind Sie die nächsten Wochen vorsorglich krankgeschrieben.“
Bill lächelte zufrieden. Die Mappe enthielt alle Informationen, die er für seinen Auftrag benötigte. Bills Auftraggeber hatte sich mit der Ausarbeitung dieser kurzen Vita selbst übertroffen. Tatsächlich listete sie sogar mehr Details auf, als eigentlich für einen ersten Eindruck der Zielperson notwendig gewesen wären, ein paar Belanglosigkeiten, irrelevante private Informationen. Doch Bill wusste auch diese augenscheinlich unnützen Trivialitäten zu schätzen. Es konnte nie schaden, seinen Opponenten gut zu kennen. Das half, Überraschungen zu vermeiden.
Bill blätterte erneut durch die Seiten. Interessanterweise hatte auch sein Auftraggeber mit seiner akribischen Vorbereitung mehr über sich verraten, als er beabsichtigt hatte. Die wenigen handschriftlich beigefügten Zeilen verrieten einen gewissenhaften, aber auch verbissenen Charakter, zielgerichtet, allerdings mit leichtem Hang zu blindwütigem Fanatismus. In seinem Job konnte sich Bill seine Auftraggeber nicht immer aussuchen, deswegen hatte er gelehrt, vorsichtig zu sein. Vertraue niemandem. Eine Regel, die ihm bisher immer gute Dienste geleistet hatte, genau wie seine oberste Direktive: Vorbereitung ist alles.
Er widmete sich der Seite, die aufgeschlagen auf seinem Schoss lag. Inzwischen kannte er sie beinahe auswendig, wie fast alle Seiten der Mappe. Wollte Bill bei dieser Mission erfolgreich sein, durfte er sich keinen Fehler erlauben. Und dazu gehörte, sich jedes Detail gewissenhaft einzuprägen. Der Inhalt der Seite ließ sich in knappen Worten zusammenfassen.
Dr. Jan Seibling verdiente sich sein Gehalt als Professor am Lehrstuhl für die Geschichte der Naturwissenschaften und Technik an der Ludwig-Maximilians-Universität in München. Seine Bankauszüge zeugten von einem zwar nicht üppigen, dennoch von einem überdurchschnittlich hohen Gehalt eines Beamten, das mittlerweile auf den Bankkonten ein ausreichendes Finanzpolster geschaffen hatte. Laut Vita war er gerade 35 Jahre alt geworden, alleinstehend, Single seit etwa einem Jahr. Seine Verlobte, Dr. Alissa Bracke, hatte ihn verlassen, Gründe dafür listete die Mappe allerdings nicht auf. Seit der Trennung lebte Seibling zurückgezogen. Mit seinen Freunden und Bekannten traf er sich nur noch sporadisch am Wochenende, in der Woche blieb er meistens bis in die späten Abendstunden in der Universität. Seine Familie lebte nicht in unmittelbarer Nähe. Seine Eltern, offensichtlich ein fideles Rentnerehepaar, hatten sich auf einen Altersruhesitz in Florida zurückgezogen. Seiblings einzige Schwester arbeitete derzeit in einem Krankenhaus in England. Sie telefonierten selten, hauptsächlich zu Feiertagen.
Bill blickte von den Unterlagen auf. Unbewusst nickte er. Keine tieferen Bindungen in der Nähe, das vereinfachte die Sache. Bill hatte bereits früh lernen müssen, dass Menschen immer im Zusammenhang ihrer sozialen Bindungen betrachtet werden mussten, sofern er in seinem Job erfolgreich sein wollte. Zielpersonen mit vielen Freunden, Verwandten oder Bekannten hatten nicht nur vielfältige Rückzugsmöglichkeiten, sondern verfügten über einen etablierten Platz in einem sozialen Gefüge. Die Größe dieses sozialen Netzwerkes hatte einen erheblichen Einfluss darauf, wie leicht oder schwer eine Zielperson zu überwachen und zu kontrollieren war. Mit zunehmender Größe wuchs die Anzahl der Variablen, die Bill zu beachten hatte. Zeugen, unerwarteter Besuch; die Wahrscheinlichkeit seiner Entdeckung stieg mit der Anzahl der Personen, die sich im Umkreis des Beobachteten aufhielten. Und Bill war Perfektionist. In seinem Job gab es keine Fehlertoleranz. Und in den seltenen Fällen, in denen ihm dennoch ein Fehler unterlaufen war, hatte er sich persönlich darum gekümmert, ihn schnellstmöglich wieder auszubügeln.
Tatsächlich wurde sein Job, zumindest in dieser Beziehung, in den letzten Jahren immer einfacher. Gerade in den Städten vereinsamten die Menschen zusehends, verloren den Kontakt zu Nachbarn und Freunden. Ihre Freunde fanden sie im Internet, in Kontaktbörsen oder in sozialen Netzwerken. Allerdings erwiesen sich diese Beziehungen als oberflächlich. Nur selten resultierten die Online-Bekanntschaften in einer dauerhaften, tiefen Bindung, die im realen Leben Bestand hatte. Bill rümpfte angewidert die Nase, als er daran dachte. Menschen waren einfach zu manipulieren, nicht mehr eine Herde willenloser Lemminge, die jedem neuen Trend blind über die Klippe folgten. Was war nur aus der guten alten Zeit geworden, als ein Abend unter Freunden in einer Kneipe oder im Kino stattfand und nicht in einem anonymisierten, virtuellen Raum im Cyberspace?
Doch Bill kannte die Antwort darauf.
Ihr monotones Leben trieb die Menschen dazu, sich ein anderes Leben, ein virtuelles Leben zu suchen. Im Internet konnten sie sich selbst neu definieren, etwas aus sich machen, von dem sie ihr ganzes bedauernswertes Leben geträumt hatten. Sie konnten auf Knopfdruck erfolgreich sein, beliebt, sogar gutaussehend. Die Menschen versteckten sich hinter Bildchen und falschen Namen, auf Kosten ihres tatsächlichen Lebens, in dem sie intellektuell verarmten, ohne zu merken, dass ihre lieb gewonnene Internetpräsenz austauschbar war wie die Batterien ihrer kabellosen Computermäuse. Sobald einer der unzähligen Kontakte in diesen Netzwerken verschwand, nahm unverzüglich jemand anderes den freigewordenen Platz ein, an dem zuvor eine andere einsame Seele um Aufmerksamkeit gebuhlt hatte. Das Internet war kurzweilig, in nur Sekundenbruchteilen verschwanden die ehemaligen Gesprächspartner von dem kollektiven Bildschirm, ohne auch nur eine Spur im Gedächtnis ihrer Mitleidenden zu hinterlassen.
Bills Blick schwenkte zu dem Farbfoto in der oberen linken Ecke der Mappe, das Jan Seibling zeigte. 1,82 Meter groß, Augenfarbe blau, Haare blond. Sportliche Figur. Leicht neidisch betrachtete Bill das Bild. Das Gesicht war in gewisser Hinsicht bemerkenswert. Obwohl Seibling mit 35 Jahren relativ jung war, wirkte sein Gesichtsausdruck erfahren und abgeklärt. Ein Gesicht, das jedem Zuhörer vermittelte: Du kannst mir vertrauen, ich verstehe dich. Dieser Mensch war nicht nur intelligent, aus seinen Augen blitzten Güte, Mitgefühl und Interesse. In den Vorlesungssälen der Universität lauerten mit Sicherheit einige Studentinnen, die ihre Seminare nicht nur wegen der interessanten Vorträge besuchten, sondern hauptsächlich dem Charme ihres Dozenten erlagen.
Allerdings war körperliche Attraktivität keine Eigenschaft, die Bill in seinem Beruf besonders dienlich gewesen wäre. Gerade sein eher durchschnittliches Erscheinungsbild ermöglichte es ihm, nahezu unbemerkt in Menschenmassen unterzutauchen. Ein nicht zu unterschätzender Vorteil und in seinem Beruf absolut überlebenswichtig. Tatsächlich gefiel Bill diese Rolle, sie hatte es ihm mehr als einmal ermöglicht, unentdeckt aufzutauchen und ebenso wieder zu verschwinden. Er war mit einem Gesicht gesegnet, an dem die Blicke anderer Menschen abglitten, weil sie nichts Interessantes daran zu entdecken vermochten, keine Ecken und Kanten fanden, an denen der Blick heften bleiben konnte. Sie sahen ihn an und hatten ihn zwei Schritte weiter bereits wieder vergessen, als hätten sie ihn nie gesehen, oder als würde er nicht existieren. Ein anonymes Gesicht in einer Masse von anonymen Gesichtern.
Bill klappte die Mappe zu und richtete seine Aufmerksamkeit wieder auf den Gebäudekomplex der amerikanischen Botschaft.
Er parkte mit seinem schwarzen Audi etwas entfernt an der nächsten Straßenecke, dicht genug, um alles zu sehen, weit genug entfernt, um möglichst wenig Aufmerksamkeit zu erregen. Was nicht immer einfach war. Seit dem 11. September 2001 reagierten gerade amerikanische Sicherheitsleute überempfindlich auf Fahrzeuge und Personen, die sich allzu auffällig bewegten oder, wie in seinem Fall, nicht bewegten. Im Moment hatte Bill seinen Posten jedoch gut gewählt; er hatte beinahe freie Sicht auf die Ausfahrten der amerikanischen Botschaft, während er in der Masse parkender Autos von den Wachleuten kaum auszumachen war. Und sollte tatsächlich jemand auf die Idee kommen, ihn zu fragen, was er hier trieb, hatte er direkt die passende Geschichte parat: Falls erforderlich, würde er sich als geduldiger Ehemann ausgeben, der auf seine arme kranke Frau wartete, während sie sich beim Arzt etwas gegen ihr schlimmes Rheuma verschreiben ließ.
Bill lächelte unbewusst. Menschen glaubten alles, solange es mit der richtigen Überzeugung und einem netten Lächeln vorgetragen wurde. Außerdem prangte tatsächlich auf der gegenüberliegenden Seite das Praxisschild eines Orthopäden. Es schadete nie, wenn Tarnungen zusätzlich durch ein paar glaubwürdige Elemente angereichert wurden.
Doch in diesem Fall sollte es nicht erforderlich werden, die Glaubwürdigkeit seiner Geschichte testen zu müssen. Just in diesem Moment öffnete sich das Sicherheitstor der Tiefgarage an der Seite des Botschaftsgebäudes, um eine schwarze Limousine durchzulassen. Bill griff nach seinem Fernglas, das er griffbereit unter dem Beifahrersitz deponiert hatte. Die Limousine war mehrere hundert Meter entfernt, aber der Feldstecher verriet die Insassen des Fahrzeugs mit unbestechlicher Präzision. Jan Seibling saß im Fond, zusammen mit Brian Patterson. Wie vorhergesagt. Ein zufriedenes Lächeln umspielte Bills Lippen, als er den Motor seines Wagens startete. Das Spiel hatte begonnen.
Das sanfte Rütteln des Flugzeuges schläferte Jan langsam aber sicher ein. Nur mit Mühe konnte er seine Augen offen halten, auch wenn die ganze Situation eigentlich zu aufregend war, um an Schlaf zu denken. Die bequemen Ledersitze halfen auch nicht unbedingt dabei, seine Müdigkeit zu überwinden. Die kleine zweistrahligen Privatmaschine mit amerikanischer Kennzeichnung hatte bereits am Flughafen auf Patterson und ihn gewartet. Patterson und er teilten sich die schmale Kabine lediglich mit der Besatzung, die sich allerdings vornehm hinter einem beigen Vorhang versteckt hielt, zumindest seitdem er der Stewardess zum zweiten Mal freundlich aber bestimmt mitgeteilt hatte, dass er auch ohne weitere Getränke diesen Flug mit Sicherheit überleben würde. Das verschaffte ihm etwas Zeit, die letzten Stunden Revue passieren zu lassen. Jan hegte allerdings wenig Hoffnung, ohne weitere Informationen etwas Licht in die trübe Brühe bringen zu können, in der er gerade erfolglos fischte.
