Die alte Jungfer - Marie Nathusius - E-Book

Die alte Jungfer E-Book

Marie Nathusius

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Beschreibung

Im bürgerlichen Leben des 19. Jahrhunderts scheint das Schicksal einer Frau vorgezeichnet: Heirat, Familie und ein Platz im gesellschaftlichen Gefüge. Doch was geschieht mit einer Frau, die diesen Weg nicht geht? Marie Nathusius schildert einfühlsam das Leben einer unverheirateten Frau, die sich in einer Welt behaupten muss, die ihr kaum Platz lässt. Zwischen gesellschaftlichen Erwartungen, familiären Verpflichtungen und persönlichem Glauben sucht sie ihren eigenen Sinn im Leben. Die alte Jungfer ist ein bewegender Gesellschaftsroman über weibliche Lebenswege, moralische Standhaftigkeit und die stille Kraft eines Menschen, der sich nicht von den Urteilen seiner Umgebung bestimmen lässt.

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Seitenzahl: 266

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Die alte Jungfer

Marie Nathusius

1. Auflage – 2026

Vorwort

Im bürgerlichen Leben des 19. Jahrhunderts scheint das Schicksal einer Frau vorgezeichnet: Heirat, Familie und ein Platz im gesellschaftlichen Gefüge. Doch was geschieht mit einer Frau, die diesen Weg nicht geht?

Marie Nathusius schildert einfühlsam das Leben einer unverheirateten Frau, die sich in einer Welt behaupten muss, die ihr kaum Platz lässt. Zwischen gesellschaftlichen Erwartungen, familiären Verpflichtungen und persönlichem Glauben sucht sie ihren eigenen Sinn im Leben.

Die alte Jungfer ist ein bewegender Gesellschaftsroman über weibliche Lebenswege, moralische Standhaftigkeit und die stille Kraft eines Menschen, der sich nicht von den Urteilen seiner Umgebung bestimmen lässt.

Buch

Skizzen aus meinem Leben will ich niederschreiben. Dies Leben ist nicht ganz besonders ungewöhnlich und wunderbar, es ist wie Hunderte und noch Hunderte sich abwickeln ganz unbemerkt. Und doch, – wenn ich es recht bedenke, es ist so wunderbar, so reich, so ganz seltsam, ich sehe staunend zurück, ich überblicke jetzt erst, welche Gnade und Barmherzigkeit und Treue mich geführt: – ich sehe mich übermüthig und unbesorgt an Abgründen wandeln, und sehe wie mich eine Liebeshand gehalten, – ich war verblendet, ich wollte einen eignen Weg gehen, aber ich durfte nicht, die Liebe hat mich gezwungen zu meinem Heil. Jetzt liegt dies Leben hinter mir, mit aller Lust, mit allem Leid, das goldene Licht einer Abendsonne liegt darüber. Abendsonne? Nein, noch bin ich nicht so alt. Weil ein junges Fräulein noch im Dorfe, nennen mich die Leute das alte Fräulein, alt und grau aber bin ich noch nicht, nur gegen den Namen einer alten Jungfer darf ich mich nicht sträuben. Durchrieselt es mich nicht bei diesem Worte mit kalten Schauern? Ach nein. Vor zwanzig Jahren wohl, damals durfte sich mir der Gedanke der Einsamkeit nicht nahen. Und jetzt? O möchte ich es doch beschreiben können, der Herr weiß es, wie es mir zu Sinne ist.

Ich will dich lieben, o mein LebenAls meinen allerbesten Freund,Ich will dich lieben und erheben,So lange mich dein Glanz bescheint,Ich will dich lieben, Gotteslamm,Als meinen Seelenbräutigam!

Ach daß ich dich so spät erkennet,Du hochgeliebte Liebe du,Und dich nicht eher mein genennet,Du höchstes Gut und wahre Ruh!Es ist mir leid, ich bin betrübt,Daß ich dich hab so spät geliebt.

Es ist erst Mitte März, die warme Frühlingssonne trieb mich heute hinaus, ich ging nach meiner Lieblingshöhe, und als ich den Fußsteg zwischen den jungen Haselstauden ging, sah ich über mir an der sonnigen Höhe Kinder klettern. Sollten schon Blumen blühen? dachte ich freudig und rief ihnen zu: Suchet ihr Leberblümchen? Nein, war ihre Antwort. Das war dumm gefragt, dacht ich und rief noch einmal: ich meine Hasselblumen. Ja! riefen die Kinder, und drüben über dem Bach sind auch Schneeglöckchen. O welch eine Jugendlust fühlte ich in meinem Herzen und auch in den Füßen, ich kletterte rüstig höher hinauf und pflückte im warmen Sonnenschein die lieblichen lichtblauen Hasselblumen, damit ging ich hinab in das kleine Thal und fand zwischen Ellerngebüsch im feuchten Moose die schönen großen Schneeglöckchen mit den goldnen und grünen Kanten an den zarten weißen Kleidern. Grüne Epheuranken und junge Erdbeerblätter pflückte ich dazu und so reich beladen erreichte ich meinen Lieblingsplatz.Da war es still und lieblich, ich saß auf grünem Moose und die goldbraunen Haselblüthen wehten leise in der Frühlingslust und gegen den tiefen blauen Himmel. Ich ordnete meine Blumen, ich schaute hinab auf die Gegend. Ja, alles war dasselbe, wie ich es vor mehr als zwanzig Jahren geschaut. Blumen und Höhen und das kleine Thal. Das Dörfchen lag wie früher zu meinen Füßen, der spitze dunkle Kirchthurm und die Pfarre mit den beiden großen Linden. Rechts vom Dorfe das liebe elterliche Häuschen an dem Hügel mit den Kastanien und Kirschbäumen, der Spielplatz der Dorfkinder, die Weingüter schmückten das Haus jetzt wie früher, und dieselben graden Wege und kleinen Lauben waren im Garten davor. Noch mehr rechts die abwechselnden schönen Baumgruppen des herrlichen Parkes und das hellschimmernde Schloß, bewegte der Anblick, die Erinnerungen, die sich daran knüpften, nicht mein Herz? Nein, nicht mehr, – oder doch wohl: zum Danken und Preisen des lieben Vaters im Himmel, der sich seiner Kinder so treulich erbarmt. Ich fühlte Frühlingswehen in der Brust, nicht wie in der Jugend, wo die Sehnsucht erweckenden blauen Höhen das Herz in die Ferne und in die Zukunft ziehen, nein mein Sehnen war ohne Bangen und zog einen seligen Weg. Im Hinabgehen mußt ich leise singen:

Ach das war ein schöner Segen,Als er mit den Jüngern ging,An den Feldern, an den Wegen,Jedes Herz wie MaienregenSeinen Trost, sein Wort empfing.

Da durchzuckte mich der Gedanke: der Herr ist immer bei uns, er hat gesagt: Ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende, auch hier ist er, er wandelt dir zur Seite. Ich schloß die Augen, – ich ruhte im Geist zu seinen Füßen, ich schaute ein Angesicht voll Gnade, – es war mir nur wie ein Schritt zum schönen Himmel hinauf, wo die Palmen stehen und die Lebensbrunnen rauschen. Wenn der Herr aber jetzt spräche: Komm, gieb mir deine Hand, ich will dich mit mir nehmen! Ein freudiger Schrecken geht durch meine Seele. Auf, hinauf zu meiner Freude! – o kleine Welt, mit deinen kleinen Leiden, deinen kleinen Freuden, mein Herz läßt dich gern, weil es sich oft so einsam fühlt. Und doch – will ich denn sogleich und willig dem Herrn folgen? Ich besinne mich. – O lieber, treuer Herr, habe Geduld mit mir, bitte ich demüthig, ich bin doch nicht recht vorbereitet, sieh, ich habe dort unten so manches Herz, das mich liebt und das ich wieder liebe, und ich war bis jetzt so thöricht, an einen Abschied ernstlich nicht zu denken, ich habe noch so manches Liebeswort zu reden. Der Herr lächelt dennoch freundlich, und ich wandele weiter meinen Weg und prüfe mich, was mir noch fehlt, um jeden Augenblick bereit zu sein, Seinem Gnadenrufe zu folgen. Der Herr wolle es segnen. Am Häuschen am Kastanienhügel ging ich vorüber, die einsame Stube mit dem einsamen Sonnenschein zog mich jetzt nicht, ich wollte unter lieben Menschen sein und ging nach dem Pfarrhause mit den beiden Linden.

Du kömmst zur rechten Zeit, Tante Anna, riefen verschiedene Stimmen, Fritz hat hier ernsthafte Fragen aufgeworfen, wir können sie ihm nicht recht beantworten, und der Vater hilft uns nicht. Ich setzte mich zu meinen lieben Neffen und Nichten, Kindern meines lieben Bruders und einer theuren verwittweten Schwester, die sich hier in der Pfarre zur Feier des Osterfestes zusammen gefunden. Erst aber mußten meine Frühlingsblumen bewundert und geordnet werden, dann kamen die ernsthaften Fragen an die Reihe. Die neuern christlichen Erzählungen, die englischen und amerikanischen und auch die deutschen, hatten diese Fragen angeregt. Fritz, der zwanzigjährige ernsthafte Theologe, der Sohn des Bruders, wollte finden, daß in diesen Erzählungen der Kampf gegen Fleisch und Blut und gegen die Sünde im eignen Herzen zu leicht hingestellt wird; daß den Nachfolgern des Herrn alle Herzen so leicht zufallen, was durchaus nicht sein darf, weil der Welt Freundschaft Gottes Feindschaft ist; daß, wenn es den Helden in diesen Erzählungen auch anfänglich schlecht geht, äußeres Wohlergehen und eine glückliche Heirath meistens das Ende sind, da des Christen Ziel nur die Seligkeit und nicht das irdische Glück sein soll. Fritz wollte die Ursache dieses leichten lieblichen Christenthums in der Geringachtung der Sünde, im Abwenden von der eigentlichen häßlichen Gestalt, in der wir alle hier noch wandeln, finden, und fürchtete, daß manche kämpfende Seele könnte muthlos werden im Vergleiche mit diesen idealen Bildern,denen alles gelingt, die alles liebt, die weder von Ungeschicklichkeiten noch von der Sünde sich gehemmt fühlen, immer freudig und glücklich sind, da es doch in der Bibel heißt: die hier mit Thränen säen, sollen dort mit Freuden erndten. Schließlich müßten die Feinde des Herrn mit desto schärferem Blick die Fehler an seinen Jüngern entdecken, wenn ihnen von Christen solche Bilder der Liebenswürdigkeit und Vollkommenheit als möglich hingestellt werden.

Die beiden Cousinen, die in diesen Erzählungen ihre Lieblinge hatten, waren deren so warme Vertheidiger, daß sie eigentlich meiner Hülfe nicht bedurft hätten. Das letzte Bedenken wollten sie gar nicht berücksichtigt wissen. Was die Feinde Christi denken und schließen von Sachen, die zum Nutzen und Segen der Kinder Gottes geschehen, darf gar nicht in Betracht kommen, es kann nur erwogen werden, ob es den Jüngern des Herrn wirklich zum Segen oder zum Schaden gereicht. Nebenbei aber, wenn die Feinde Christi zufällig solch eine Erzählung in die Hände bekommen, ist es ihnen besser von der Seligkeit und Freudigkeit des Glaubenslebens zu lesen, als die Schwachheiten und Fehler der Christen, die innern Kämpfe und Zweifel kennen zu lernen. Das ernste Leben im Herrn, der Kampf mit der Sünde muß die Grundlage einer jeden christlichen Erzählung sein, aber solche Schriften können und sollen doch nicht Erbauungsbücher sein, sie sind zur erfrischenden Unterhaltung und Erholung geschrieben. Oderes ist eine leichte Speise, die Kindern gegeben wird, ernste Christen, die darin keine Nahrung mehr finden, wissen ja, wohin sie sich zu wenden haben. Daß den Christen die Nahrung mannigfaltig zu Theil werden muß, steht in der h. Schrift, der Herr hat darum seine Gaben so verschieden ausgetheilt. Du Fritz, wandte ich mich zu meinem ernsthaften Neffen, würdest vielleicht in ernsten, eindringlich mahnenden Gesetzespredigten und eben solchen Erbauungsschriften deinen Beruf vom Herrn empfangen, zum Segen und zur Hülfe nicht allein für Kinder im Evangelium, sondern für reifere und erfahrenere Christen; dagegen würde Elisabeth, (wandte ich mich zur 16jährigen Tochter meiner Schwester), wenn sie etwas schriebe, sich einen bescheideneren Wirkungskreis erwählen, vielleicht für junge Mädchen und Frauen, sie würde dann aber auch nicht anders können, als das Christenthum wie es in ihrem Herzen lebt darzustellen. Du Fritz könntest ihr den Vorwurf machen, daß es zu leicht und lieblich ist; daß aber die Ursache in ihr eine Geringschätzung der Sünde, ein sich Abwenden von unserer natürlichen, menschlichen Verderbniß und Häßlichkeit ist, würdest du ihr nicht zum Vorwurf machen können, wohl nur Mangel an Erfahrung und Kenntniß der Welt. Außerdem überwindet eine fröhliche und zuversichtliche Natur äußere und innere Schwierigkeiten leichter als eine, die ernster und ängstlicher ist. Nach diesen Eigenthümlichkeiten, die eben so viel Licht- als Schattenseiten haben, gestaltet sich natürlich auch einGlaubensleben. Diese Mannigfaltigkeit kömmt vom Herrn und gehört so recht in das Reich Gottes hinein: der bedenkliche und vorsichtige Christ soll dem Bruder eine ernste Mahnung sein, der fröhliche Christ dem andern eine Belebung und Stärkung. Wie verschieden läßt sich auch das Wort Gottes auffassen und verstehen. Der eine trägt das Kreuz des Herrn mit großen Schmerzen und tröstet sich mit der seligen Verheißung: die mit Thränen säen, werden mit Freuden erndten. Der andere findet in dieser seligen Verheißung schon hier so reichen Ersatz, die Thränen sind für ihn keine Schmerzensthränen mehr; die Freude liegt zu nahe dabei. Warum ruft der Herr (nahm Elisabeth etwas lebhaft das Wort) die Mühseligen und Beladenen zu sich und spricht: mein Joch ist sanft und meine Last ist leicht, wenn es für seine Nachfolger unmöglich wäre, diese Last leicht zu fühlen? Der Herr Christus verheißt uns auch, wenn wir in ihm leben, eine vollkommene Freude, das schließt die Kämpfe mit der Sünde, das Aufstehen und immer wieder Fallen nicht aus, es ist die Freude, wie Paulus sagt: Ich bin überschwänglich in Freuden, trotz aller unserer Trübsal. – Ich weiß auch nicht (nahm die bescheidene Emilie, Fritzens Schwester, das Wort) mich stört es gar nicht, so Ideale vor mir zu sehen, die ich noch nie erreicht habe und nicht erreichen werde, erstens sind sie nicht schriftwidrig, der Herr selbst stellt solche Glaubensfreudigkeit, die da Berge versetzen kann und den Himmel offen sieht, seinen Jüngern als Ziel hin, undzweitens giebt es in der Welt auch genug Beispiele von wunderbarer Glaubensmacht und vom Ueberwinden der Hindernisse, die Welt und Sünde und Teufel in den Weg legen. Sollen diese Beispiele mich entmuthigen? Nein, ich weiß, daß der Glaube eine Gnadengabe ist, wird mir diese Gnade noch in dem Maaße nicht zu Theil als andern Brüdern oder auch diesen geschilderten Idealen, so gehe ich demüthig meinen etwas mühevollen Weg, tröste mich an den seligen Verheißungen, bitte desto eifriger und hänge mich desto inniger an den Herrn. Auch möchte ich streben, mich immer mehr in der Liebe und in der Gemeinschaft mit allen Gotteskindern einzuleben, daß ihre Kraft auch meine Kraft, ihr Reichthum mein Reichthum wird, und eben eine Gemeinschaft in der Liebe die verschiedenen Gaben ausgleicht, die der Herr verliehen. Sollte es nicht auch ein versteckter Hochmuth sein, wenn solche Ideale uns entmuthigen, statt uns zu freuen und uns zu begeistern? sagte Elisabeth mit einigem Zagen. – Und die Ideale, die wir in den christlichen Erzählungen lieben (fuhr Emilie fort) bestehen nicht darin, daß sie dem Kampf mit Fleisch und Blut ausweichen und tadellos sind, sondern daß sie mit besonderer Glaubensfreudigkeit kämpfen, und wenn die Sünde sie im Zusammenleben mit dem Herrn gestört hat, demüthig wieder zu Ihm eilen und bei Ihm Trost suchen und finden. – Das alles erscheint mir so natürlich, fügte Elisabeth hinzu. – Rechnest du dich zu den Demüthigen? fragte Fritz lächelnd. – Ich möchtees wenigstens von Herzen gern sein, entgegnete Elisabeth warm, und ich vertraue dem Herrn so zuversichtlich, daß er mir weiter helfen wird. Er wird mich vor der Gewalt des Bösen bewahren, und wenn es mir oft bange und öde im Herzen ist, da fühle ich dennoch, Er wird mich wieder trösten, Er wird es mich bald wieder fühlen lassen, daß ich sein liebes Kind bin. O gerade in schweren Zeiten ist diese Hülfbedürftigkeit, dies Angewiesensein ganz auf den Herrn so wunderbar selig. Die schwersten, kummervollsten Zeiten meines Lebens sind mir die reichsten geworden, ich fühlte mich in einer Begeisterung und Erhebung, die den Leuten ganz unverständlich war, ich glaube man hat mich für leichtsinnig gehalten. – Fritz sah sie nachdenklich an. Ich erinnerte mich, daß er selbst damals, als ihr Vater starb, sie nicht begreifen konnte, und die Leichtigkeit, mit der sie den Schmerz trug, so erklärte, als suche sie sich zu zerstreuen und dem Kreuze aus dem Wege zu gehen. Als Elisabeth jetzt vor innerer Erregung schwieg, mußte ich ihre Sache weiter reden.

Was Elisabeth anführt, begann ich, läuft auf dasselbe hinaus, was wir vorhin sagten: der Herr läßt das Glaubensleben sich in den verschiedenen Herzen verschieden gestalten und verschieden in das Leben hinaustreten. – O ich möchte nur immer von des Glaubens Seligkeit und Leichtigkeit reden, nicht von seiner Schwierigkeit, unterbrach mich Elisabeth wieder: daß der Herr Christus unser Erlöser von Sünde, Hölle und Tod ist und uns rein wäschtvon aller Missethat, und uns jedes Kreuz tragen hilft, mag es vom Herrn selbst oder von Menschen bereitet werden, und daß wir hier schon in der Welt trotz aller Trübsal freudig und selig sein können, nicht aus eigner Kraft, sondern aus Gnade und Barmherzigkeit unseres lieben Vaters und treuen Hirten, unter dessen Schutz und Schirm wir als demüthige Kinder wandeln sollen, ja demüthig, aber warme Liebe im Herzen, auch mit recht warmer Liebe im Herzen gegen die Menschen, die noch nicht mit uns auf gleichem Glaubensgrunde stehen. – Lieber Fritz, (nahm die sanfte Emilie wieder das Wort) wenn du sagst, daß den Nachfolgern des Herrn die Feindschaft der Welt werden müsse, so ist das gewiß wahr, aber es ist auch eine große Gefahr für Christen, ein Märtyrerthum in dieser Feindschaft zu suchen. Wie kann mich Spott und Haß von Menschen bedrücken, die so unglücklich sind, so viel entbehren? fiel Elisabeth wieder ein. – Laß mich einmal beenden, sagte Emilie ruhig. Sie fuhr fort: Ich habe schon manche theure, liebe Christen sich damit entschuldigen hören, ihre Lieblosigkeit, ihre Härte, ihr Richten, womit sie der Welt Veranlassung zum gerechten Tadel gaben, damit rechtfertigen hören: – die Feindschaft der Welt ist uns eine Ehre, ist Kindern Gottes unvermeidlich, Menschenfeindschaft und Gottes Freundschaft, die gehören zusammen; – ich meine aber, der Welt Feindschaft sollte auch uns bedenklich und vorsichtig machen. Den Herrn konnte und durfte sie das nicht, Er war ohne Sünde, bei uns aberkann es der Fall sein, daß die Feindschaft der Welt nicht gerade die Folge einer zu innigen Gemeinschaft mit dem Herrn ist, sondern auch die Folge unserer eigenen Sünde. – Das ist unbestreitbar (versicherte Fritz), aber auf der andern Seite ist die Gefahr der Menschengefälligkeit. Also überall Klippen und Gefahren, denen eure Ideale so leicht und schnell entgehen. Wo sie sich zeigen, fliegen ihnen alle Herzen, von Freund und Feind, entgegen. – So ganz denn doch nicht (vertheidigte Emilie ihre Lieblinge), es sind doch immer zwei Parteien, daß nun allerdings manche von der feindlichen Partei durch ein wahrhaftiges, aufrichtiges Erfülltsein vom Evangelium gewonnen werden, ist wahr und doch auch nicht unnatürlich. – Ueber diesen Punct haben wir schon neulich gesprochen (wandte sich Elisabeth zu Fritz) und ich muß dir darin Recht geben, die Bekehrungen sind meistens so schnell und leicht, und ich glaube, je mehr man die Welt kennt, je mehr man selbst erfahren hat, wie schwer es ist, dem Herrn Seelen zu gewinnen, je mehr wird man das finden und tadeln. Ich glaube, fügte sie lächelnd hinzu, ich könnte auch so etwas schreiben, ich fühle mich oft so freudig und zuversichtlich, es ist mir, als könnte ich die ganze Welt zum Glauben bekehren, – aber wie unerfahren und thöricht! (fügte sie schnell hinzu), und wir mögen nur immer selbst bitten: Herr, führe uns nicht in Versuchung, und: Herr, ich glaube, hilf meinem Unglauben. – Fritz hatte, während Elisabeth sprach, sie mit besonderer Aufmerksamkeit angehört, ja ich sah etwasüber seine Züge fliegen was vielleicht nur mir verständlich war. Ihr werdet es vielleicht bald im Leben erfahren, dachte ich, wie gut es ist, daß der Herr seinen Geist auf verschiedene Weise in seinen Kindern walten läßt. Elisabeth bedarf eines ernsten, gewissenhaften Führers, und ihr froher und zuversichtlicher Kinderglaube wird ihm Freude und Erquickung sein auf dem mühevollen Pilgerpfad.

Nun wäre noch ein Punct zu erörtern – nahm die Mutter das Wort, die bis jetzt mit großem Interesse, aber schweigend den ernsthaften Fragen zugehört: das meistens glückliche Ende der Erzählung und die glücklichen Heirathen. – Das glückliche Ende kann man doch eigentlich nicht sagen, (entgegnete Elisabeth), – ein glücklicher Ruhepunct! Es wird doch auch meistens angedeutet, daß mit der Verheirathung der eigentliche Kampf, der mühsame Weg erst beginnt. – Ja (sagte die Mutter), die Jugend ist die Zeit, wo uns noch alles leicht und lieblich deucht, und uns auch die ernsten Seiten des Lebens mehr fern bleiben, und ich meine, wer seine Jugend mit dem Herrn verlebt, und von ihm Trost und Kraft holt in den kleinen Kämpfen und wenn ihm das Kreuz nur von Ferne gezeigt wird, dem wird Er auch beistehen, wenn er ihm mehr zu tragen giebt. Meinst du nicht, liebe Mutter, (fragte Emilie) daß es oft schwerer ist, die leichten Versuchungen, die das gewöhnliche Leben, eigentlich jeder Tag für uns hat, zu bekämpfen, als große, schwere Anfechtungen, womit der Herr auch seine Kinder heimsucht? Mich bewegt es ebenso zusehen, wie ein junges Mädchen mit den Eigenheiten ihres Herzens kämpft, mit Eigenwillen, Hochmuth, Liebemangel, Trägheit im Leben mit dem Herrn, als die Anfechtungen und Kämpfe eines großen Sünders, es kömmt doch nur auf die Treue an, womit gekämpft wird. – Es giebt aber auch ernste und eifernde Christen (nahm Elisabeth das Wort), welche die kleinen Versuchungen des täglichen Lebens und ihre eigenen kleinen Lieblingssünden sehr nachsichtig betrachten. – Die Verlegenheit, mit der sie Fritzens Blicken zu entgehen suchte, zeigte deutlich daß sie nicht ohne Absicht sprach. – Und ich meine (fuhr Emilie in ihrer Weise fort), den Herrn Christus bekennen, sich von der Welt Treiben entfernt halten, kann einem Christen nicht hoch angerechnet werden, eben so wenig das Eifern; sein Hauptkämpfen sollte sein gegen diese täglichen kleinen Lieblingssünden, diese Treue im Kleinen muß uns auch im Großen fördern. Fritz nahm auch ziemlich lebhaft das Wort. Ich weiß nicht was ihr immer von Eifern sprecht! – Eifern (fiel ihm die Mutter ein) ist eine bedenkliche Sache und kann sehr leicht in den Kreisen der Christen dasselbe Gelüste des Herzens befriedigen, was in der Welt klatschen und sich moquiren heißt, es liegt dieselbe Gefahr in diesem Eifern im Namen des Herrn, als im Suchen der Feindschaft der Menschen im Gegensatz mit der Freundschaft Gottes, und die Selbsttäuschung des natürlichen Herzens ist unbeschreiblich. Darin sollt ihr euch aber jetzt nicht weiter vertiefen, ich fürchte ihr würdet nicht fertigwerden. – Nur noch eine Bemerkung wegen der glücklichen Heirathen darf ich machen (nahm Emilie das Wort). Wenn Christen einander heirathen, sollte es immer eine glückliche Heirath sein. – Da hast du Recht (entgegnete die Mutter), wenn auch unsere Sünde uns in jedem Zusammenleben viel Schmerzen und Kämpfe bereitet, so wird eine Ehe, die im Geiste des Herrn und so in der wahren Liebe geschlossen ist, uns doch zum großen Trost und zur treuen Hülfe auf unserm mühevollen Pilgerpfad, mit dieser Liebe hilft einer dem andern auf und weiter fort dem Ziele zu, so muß eine Ehe, die Christen schließen, immer eine glückliche sein, mehr oder weniger, wie eben der Herr die verschiedenen Leute zusammenführt und ihnen durch diese Verschiedenheit sein Kreuz zu tragen giebt. Liebe Mutter (sagte Fritz) ich glaube, deine Erzählungen würden alle mit einer glücklichen Heirath schließen, das Glück einer alten Jungfer zu schildern würde dir schwer fallen. – Die Mutter nickte freundlich. – Und doch hat Fritz mit dem Vorwurf dieser glücklichen Heirathen am meisten Recht (brach ich endlich mit einigem Eifer mein Schweigen). Ich will gar nicht von alten Jungfern reden; allen jungen wird damit vorgespiegelt, daß das einzige irdische Glück im Heirathen besteht und das ist nicht wahr, ja wie die Welt einmal jetzt ist, so sind die wenigsten Ehen glücklich, und wenn ich den Kreis meiner Jugendbekannten überblicke, so könnte ich wirklich traurige Dinge erzählen. – Liebe Tante (unterbrach mich Emilie) schreibe zum Nutzen für unsjunge Mädchen die Geschichte einer alten Jungfer! – O nein (versetzte ich lachend) das würde ich nicht können. Du sollst ja keine Geschichte machen (warf Fritz ein), nein gerade ganz einfache erlebte Dinge aus deinem Leben niederschreiben, es ist recht gut wenn wir einmal Wahrheit und nicht Ideale schauen. Aber lieber Fritz (wandte ich mich zu ihm), ein gutes Ende müßtest du dir doch gefallen lassen, eine sehr fröhliche alte Jungfer. – Diese Erlaubnis mußte er mir nun schon geben, aber wirklich der Plan gefiel mir und wurde im Ernst und doch sehr scherzend weitläufig besprochen. So gut Leute, die glücklich verheirathet sind, dies als ein besonderes Glück hinstellen, werde ich es versuchen, das Leben einer alten Jungfer getreulich abzumalen, ich möchte die jungen Mädchen mit diesem Stande aussöhnen und ihnen diese thörichte Heirathslust verleiden.

Mein Bruder Fritz war aus seiner Studierstube zu uns getreten und hatte meine letzten Worte gehört. Das wird dir doch nicht gelingen (sagte er lächelnd); denn wenn du aus deinem Leben berichtest, wirst du auch einiger Ehen erwähnen müssen, die nichts abschreckendes für junge Mädchen haben. – Gut (sagte ich) daß aber eine alte Jungfer solch ein Glück in ihrer Nähe sehen kann, ganz unbeschadet ihres eigenen Glückes und ihres Friedens, das wird die Sache sein. – Ich wurde nun förmlich bestürmt, bald an das Werk zu gehen, ich hatte nichts dagegen, stellte mir aber zur Bedingung, daß man nach den meisten gemachtenNamen, die in dem Leben dieser alten Jungfer vorkommen müßten, nicht forschen und grübeln dürfe.

Aber dich wirst du doch Anna nennen? hieß es. – Und mich Fritz (sagte der Bruder), und unsere Schwester Elisabeth auch nicht anders. – Das wird sich finden, war meine kurze Antwort.

Wer hätte in dem Kreise, worin er lebt, nicht mit alten Jungfern zu verkehren, es giebt deren so viele und so verschiedene. Von denen, welche noch nicht resignirt haben, die noch in der Welt leben und sich eine Zukunft erringen wollen, die sich selbst und andere gern über ihr Alter täuschen und sich entschieden gegen den Namen einer alten Jungfer sträuben, von denen wird in der Welt am meisten geredet, weil sie ihr Stoff zum Spott und Lachen geben. Endlich kömmt dann die Zeit, wo sie jede Hoffnung aufgeben müssen und dann ist es traurig genug. Sie werden entweder verbitterte, moquante, aller Welt lästige Personen, oder, nachdem ihre Anlagen verschieden sind, sie gewöhnen sich daran, die Zielscheibe der Neckereien und des Spottes zu sein, ja diese Neckereien gaben ihnen Veranlassung zu einem Fantasieleben, das sie entschädigen soll für die traurige Wirklichkeit. Wenn auch das ihre Zeit nicht mehr ausfüllen kann, beschäftigen sie sich mit Liebesangelegenheiten anderer, vergiften oft genug junge Herzen mit ihren albernen und unlautern Fantasien und bleiben daneben thöricht und lächerlich bis zu ihrem trostlosen Ende. Es giebt andere, die mit soliden undvernünftigen Anlagen und durch äußere Verhältnisse gezwungen, früh genug resigniren und in einem nützlichen Wirkungskreise das Wünschen und Sehnen des Herzens zu beruhigen suchen, man nennt sie unter Umständen: »eine liebenswürdige alte Jungfer,« aber eine »glückliche« werden sie nie sein, die Welt sieht nicht die stillen Stunden des Verlassen- und Einsamseins, sie kennt nicht die Gefühle des Wehes über das verfehlte Leben, und wie unbefriedigend es ist, sich die Brosamen der Liebe in fremden Häusern oder bei Brüdern und Schwestern zu suchen. Außer diesen liebenswürdigen alten Jungfern giebt es aber auchglückliche, und dem Herrn sei Dank, sie werden immer weniger zu den Seltenheiten gehören. Es sind die, welche weder in den Thorheiten der Welt, noch im weltlichen Schaffen und Arbeiten Befriedigung suchen, sondern deren Herz und Liebe dem Himmel gehört, einer Welt, wo sie nicht freien noch sich freien lassen, deren Beruf es ist, eine Christin, ein Kind Gottes zu sein, der höchste, glücklichste, seligste Beruf für diese Welt und für die Ewigkeit, ein Beruf, der Verheiratheten und Unverheiratheten gleich offen steht, ein Beruf, der weder einsam noch verlassen läßt, noch die Liebe in Brosamen austheilt. Nein, dieser Beruf führt uns an einen reichen, unerschöpflichen Liebestisch, wo einer Jungfrau nicht kärglicher gegeben wird als einer Frau, nein wer am meisten verlangt, dem wird am reichsten ausgetheilt. Im Korintherbriefe steht: Ich wollte aber, daß ihr ohne Sorge wäret.Wer ledig ist, der sorget, was dem Herrn angehöret, wie er dem Herrn gefalle. Und wer ledig ist, ist so ganz auf den Herrn angewiesen, das ist ein unveränderlicher, treuer, liebreicher, zartfühlender und theilnehmender Freund, bis die Erde schwindet, bis unser Jugendleben mit aller weltlichen Hoffnung und Lust, aller weltlichen Freude und Herrlichkeit in grauem Nebel zurücktritt, und das Gefühl des Alters mit dem seligen Gefühl der Himmelsnähe verbunden ist und uns frisch und fröhlich und jung und sehnsuchtsvoll und wunderbar poetisch bewegt.

O Jerusalem du schöne,Ach wie helle glänzest du!Ach welch lieblich LobgetöneHört man da in stolzer Ruh.O der großen Freud und Wonne,Jetzund gehet auf die Sonne,Jetzund gehet an der Tag,Der kein Ende nehmen mag.

– Es war im Herbst 1828, ein wunderschöner Septembertag, die Sonne kochte die vollen Weintrauben hinter den Spalieren, heiß war es aber dennoch nicht, ein erquickender Hauch kühlte die Wange, alles glänzte in den frischesten Farben, der blaue Himmel, die Astern und Georginen und Malven, und der Wald drüben und die Wiesen davor, ich saß vor der Thür des Häuschens, das unter dem Kirschen- und Kastanienhügel ruht, unter der Weinlaube, einige Stufen führten zu mir herauf, ich mußte etwas hinabschauen auf die übrige Welt. Ich war neunzehn Jahr und sehr glücklich, meine Fantasie träumtevon Mährchen und Wundern, die ich erleben mußte. Das Glück eines thörichten Mädchens läßt sich nicht beschreiben, alles was die Welt nur Schönes bieten kann, ist ihr sicher, sie darf nur zugreifen, sie thut es nicht, weil sie schwankt, ob das Erwarten und Sehnen und Hoffen nicht noch schöner sei als das Besitzen. Mir gegenüber saß mein zwanzigjähriger Bruder Fritz, er befand sich vielleicht auf einem ähnlichen Höhepunkt seiner Jugendlust, mit Nr. 1. von der Schule abgegangen, war er eben im Begriff, die Universität zu beziehen. Wir neckten uns mit den jüngern Geschwistern, die unten im Garten beschäftigt waren, dann wandte er sich zu mir:

Es ist doch eigentlich ein fürchterliches Onus, das auf diesem Hause ruht. – Ich sah ihn fragend an. Diese Tante Adelgunde, jedes Jahr sechs Wochen hier, sagte er. Die Arme! entgegnete ich unwillkürlich. Warum denn arm? fragte er verwundert. Allein darum, weil sie eine alte Jungfer ist.

Wer ist eine alte Jungfer? fragte Lottchen, die gute Cousine der Mutter, sie war aus der Hausthür getreten und setzte sich zu uns. Tante Adelgunde ist eine alte Jungfer, sagte ich. Das ist nichts Besonderes, entgegnete Lottchen, das kannst du auch werden, Anna. Ein kalter Schrecken durchrieselte mich, aber welche Thorheit! ich mußte selbst darüber lachen. Fritz nahm es ernsthafter, sein brüderlicher Stolz war verletzt, er wurde auf Lottchen ordentlich böse und hielt in Schülerweisheit eine Art Abhandlungüber das Unnatürliche und Widerwärtige einer alten Jungfer. Eben weil es vom lieben Gott nicht gewollt ist, haben diese Personen etwas Unnatürliches, Lächerliches, Unleidliches. – Ich unterbrach ihn nicht, weil mir die Sache sehr spaßhaft war, und weil ich höchst gespannt auf Lottchens Entgegnung war. Sie konnte sich auch nicht länger zurückhalten.

Vortrefflich, lieber Junge, begann sie etwas feierlich, ich habe mich noch nie so abkonterfeit gesehen. Fritz sah sie mit seinen großen blauen Augen wirklich sehr albern an. Dich, Lottchen? war seine stotternde Frage. Nun ja mich als alte Jungfer, sagte sie ziemlich gereizt. Nein, dich habe ich nicht gemeint, sagte er gutmüthig, ich habe wirklich nie daran gedacht, daß du eine alte Jungfer bist. Es lag in dieser treuherzigen Versicherung viel zu viel Schmeichelei, als daß Lottchens Herz davon hätte ungerührt bleiben können.

Lottchen gehörte zu den soliden alten Jungfern, sie hatte ihr Leben uns Kindern gewidmet, sie war unaufhörlich beschäftigt für uns zu nähen, zu waschen, zu pletten, zu flicken, und erquickte sich an den Brosamen unserer Liebe. – Du wirst vielleicht noch einmal Gott danken, sagte sie zu Fritz, eine alte Jungfer im Hause zu haben. In einer kleinen Pfarre mit wenigen Einnahmen und vielen Kindern ist Hülfe, die um Liebe und nicht um Geld dient, meine ich, sehr willkommen. Weise darum Anna nicht so entschieden ab. – Du hast RechtLottchen, entgegnete Fritz sehr verständig, ich werde nie etwas dagegen haben, – aber Anna paßt nicht dazu (setzte er nachdenklich hinzu), lieber Elisabeth.

In seinen Worten lag ein Tadel für mich und doch wieder eine Schmeichelei, die ich gern hörte. Elisabeth, meine sechzehnjährige Schwester, war weit weniger begabt und hübsch als ich, das wußte ich, und sie war stets bereit, mir ihre Huldigung darzubringen, und dennoch hatte ich ein Gefühl des Respectes vor ihr, dessen Ursach zu ergründen ich nie Lust hatte. Sie trat eben zu uns, ihr schlichter blonder Scheitel, ihre guten blauen Augen, ihre rosigen Wangen sahen hübsch genug aus, sie trug die ganze Schürze voll trockner Blumen. Die Rabatten habe ich so schön gesäubert, ich hoffe, Tante Adelgunde wird keine einzige trockne Blüthe entdecken, sagte sie vergnügt. Mit dieser Tante Adelgunde, entgegnete Lottchen, es ist wirklich als ob der Großmogul käme. Länger als einen Tag habe ich auch nicht Lust, hier den Feinen zu spielen, sagte Fritz, dann ziehe ich ab und mache meine Fußreise. Du brauchst dich auch nicht den einen Tag zu bemühen mit der Feinheit, lachte Lottchen, es wird dir nichts helfen. Adelgunde hat mir ganz ernsthaft versichert, die blonden unter euch Kindern schlügen nach den Freimans, die würden nie begreifen, was Manier und Sitte ist. Als ich ihr entgegnete, euer Vater, mein sehr lieber Vetter, sei doch ein recht feiner, manierlicher Herr gewesen, sagte sie ganz vertraulich: Liebes Lottchen, Sie sind gescheut genug, denUnterschied zwischen guten adeligen und guten bürgerlichen Manieren zu fühlen; Freiman war ein feiner bürgerlicher Mann, aber dies adeligeje ne sais quoi wird nur angeboren.

Fritz als ein entschiedener blonder Freiman war ziemlich verletzt. Wie konfus ist das wieder, und eigentlich wie ärgerlich, sagte er. Elisabeth, die ja auch zu den Blonden gehörte, sagte sehr ruhig: Die Tante hat aber doch recht, es kömmt nur darauf an, ob dieses