Die Anatomie der Einsamkeit - Louise Pelt - E-Book

Die Anatomie der Einsamkeit E-Book

Louise Pelt

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Beschreibung

Ein kluger Roman über Sehnsucht, Mut und Hoffnung

Journalistin Olive träumt von der ganz großen Geschichte - und davon, endlich ein Zuhause zu finden. Zwar ist sie in einer liebevollen Familie aufgewachsen, aber sie wird das Gefühl nicht los, dass ihr etwas fehlt, um wirklich glücklich zu sein. Können ausgerechnet die Nachforschungen zu dem alten, scheinbar wertlosen Kompass ihrer Großmutter Olive aus ihrer Einsamkeit führen?

Zwanzig Jahre zuvor führt Claire ein Leben auf der Überholspur. Aber die Nachricht vom Tod ihrer Schwester Iris wirft sie aus der Bahn. Sie flieht Hals über Kopf auf die kleine Felsinsel, auf der Iris lebte. Dort findet Claire haufenweise Zeichnungen - darunter auch eine von einem alten, scheinbar wertlosen Kompass ...

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Seitenzahl: 518

Veröffentlichungsjahr: 2025

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INHALTSVERZEICHNIS

 

CoverÜber das BuchÜber die AutorinTitelImpressumMottoWellenschlag – März 1950Ein Sturm zieht auf – November 2022Luftschlösser – Juni 2000Hamburg, Juni 1941 – Auf PapierGut genug – November 2022Gespenster – Juli 2000Hellerup, September 1941 – SommerregenSchlechte Entscheidungen – November 2022Zwei Schwestern – Juli 2000Hellerup, Dezember 1941 – Unter demselben MondSprühkäse – November 2022Besuch – Juli 2000Hellerup, April 1942 – Ein Traum brauchtVon der Vergangenheit – November 2022Geräusche – Juli 2000Hellerup, Juni 1942 – Von dirPergamentpapier – November 2022Entfremdung – Juli 2000Hellerup, September 1942 – UferDie andere Seite – November 2022Entscheidungen – Juli 2000Hellerup, März 1943 – LichterBahlsen – November 2022Übersetzen – Juli 2000Hellerup, Juli 1943 – GewissheitVon Zeit und Mut – November 2022Ausatmen – Juli 2000Hellerup, Oktober 1943 – Eine unbeschriebene ZeitHafenlichter – November 2022Was vom Menschen übrigbleibt – Juli 2000Hamburg, November 1943 – VerratGesehen werden – November 2022Erbe – Juli 2000Hamburg, Juli 1945 – WartenWalter Beckmann – November 2022Familie – Juli 2000Hamburg, Dezember 1945 – Der WolfDichtung – November 2022Fieber – August 2000Nirgendwo, Mai 1947 – ÜberlebenGeständnisse – November 2022Schuld – August 2000Unterwegs, Januar 1948 – KompassHellerup – November 2022Chancen – August 2000St Just, September 1949 – Land’s EndAgnes – November 2022Abschied – August 2000St Just, Mai 1950 – FrühlingBilder – November 2022Jahrestage – November 2022Fairlight, November 1953 – SturmDer lange Weg nach Hause – November 2022Wellenschlag – März 2023Dank

ÜBER DAS BUCH

 

Journalistin Olive träumt von der ganz großen Geschichte - und davon, endlich ein Zuhause zu finden. Zwar ist sie in einer liebevollen Familie aufgewachsen, aber sie wird das Gefühl nicht los, dass ihr etwas fehlt, um wirklich glücklich zu sein. Können ausgerechnet die Nachforschungen zu dem alten, scheinbar wertlosen Kompass ihrer Großmutter Olive aus ihrer Einsamkeit führen?

Zwanzig Jahre zuvor führt Claire ein Leben auf der Überholspur. Aber die Nachricht vom Tod ihrer Schwester Iris wirft sie aus der Bahn. Sie flieht Hals über Kopf auf die kleine Felsinsel, auf der Iris lebte. Dort findet Claire haufenweise Zeichnungen - darunter auch eine von einem alten, scheinbar wertlosen Kompass

ÜBER DIE AUTORIN

 

Louise Pelt Louise Pelt wurde 1982 in Hamburg geboren. Mit dem Kinderopernchor bereiste sie früh die Welt, studierte anschließend Anglistik und Germanistik und schrieb einige Jahre für Film und Theater. Die Halbwertszeit von Glück schrieb sie als Roman, obwohl vieles und viele dagegensprachen. Vielleicht ist Mut ihre größte Superkraft – auf jeden Fall aber hat er ihre schönste Geschichte hervorgebracht. Sie lebt mit ihrer Familie zwischen Alster und Elbe.

Vollständige eBook-Ausgabe

des in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes

 

Originalausgabe

 

Dieses Werk wurde vermittelt durch die Michael Meller

Literary Agency GmbH, München.

 

Copyright © 2025 by Louise Pelt

Copyright © 2025 by

Bastei Lübbe AG, Schanzenstraße 6–20, 51063 Köln

 

Vervielfältigungen dieses Werkes für das Text- und

Data-Mining bleiben vorbehalten.

 

Umschlaggestaltung: Massimo Peter-Bille

Umschlagmotiv: © pluie_r/shutterstock

eBook-Erstellung: Dörlemann Satz, Lemförde

ISBN 978-3-7517-7462-8

luebbe.de

lesejury.de

 

 

***

Für manche Geschichten braucht es nicht Zeit,

sondern Mut.

***

WELLENSCHLAG

März 1950

Die Steine waren glatt und warm unter ihren Füßen, einladend fast, als hätten sie sich den ganzen Winter danach gesehnt, berührt zu werden. Mathilde kannte diese Sehnsucht.

Ihr Winter dauerte bald sieben Jahre.

Sie ging in die Knie und legte ihre Hand auf den Felsen, als wäre er ein schlafendes Tier, ein wunder Körper, der seinen letzten Atemzug unter ihren Fingern tat. Wenn sie die Augen schloss, konnte sie seinen Puls noch spüren.

Auch Steine hatten ein Gedächtnis, das hatten Einsamkeit und Stille sie gelehrt. So wie ein Baum mit dem Wind wuchs und sich vom Boden nährte, trug auch ein Stein die Spuren der Zeit und unzählige Geschichten in sich, konserviert für die Ewigkeit, geschliffen von Wasser und Sturm. Ein stummer Zeuge der Unendlichkeit.

Nichts und niemand ging auf dieser Welt jemals verloren.

War dieser Umstand tröstlich oder grausam?

Mathilde wusste es nicht, aber allein der Gedanke brachte sie aus dem Gleichgewicht. Sie konnte sich kein Wanken leisten, ihr Entschluss war gefasst. Nach Jahren der Aussichtslosigkeit endlich ein Weg. Dafür musste sie mit beiden Beinen fest auf dem Boden stehen. Hatte sie ihre Schuhe und Strümpfe nicht deshalb schon oben an der Straße abgestreift, dort, wo auch ihr Fahrrad lag?

Das Fahrrad. Mathilde spürte einen Stich bei dem Gedanken an Mrs Fitzgerald. Sie hatte ihr das Rad vor einem Jahr geschenkt, genau wie Rock und Mantel. Die alte Dame war immer gütig und großzügig gewesen, hatte ihr ein Dach über dem Kopf und Arbeit geboten, ein Zusammensein. Aber Mathilde konnte ihr nicht ersetzen, was sie im Krieg verloren hatte. Nicht jeder Mensch taugte dazu, Lücken zu schließen. Mathilde war ja selbst eine.

Trotzdem hoffte sie, dass jemand das Fahrrad finden und nach St Just zurückbringen würde. Nach allem, was Mrs Fitzgerald für sie getan hatte, wollte Mathilde unter keinen Umständen, dass sie sie für undankbar hielt.

Viel zu schnell richtete sie sich aus der Hocke auf und ließ die Augen geschlossen, bis sich der aufkommende Schwindel verflüchtigt hatte.

Als sie die Lider wieder öffnete, war ihr Blick verschleiert. Schlieren vor dem Grau und Blau, als hätte jemand mit einem Pinsel über Himmel und Meer gemalt, um die Grenzen zu verwischen.

Agnes hatte das oft getan. Die Grenzen unter ihren Pinselstrichen aufgelöst. Blumen verwuchsen mit Zaunlatten, Boote mit dem Wasser, das sie trug. Ein Strich, und aus zwei Menschen wurde einer, aus dem Möglichen eine Wirklichkeit.

Die gerade Linie ist seelenlos. Das hatte Agnes gesagt, als Mathilde angemerkt hatte, dass sich selbst der Horizont unter den Borsten ihres Pinsels krümmte. Gott begegnest du nur auf gewundenen Pfaden.

In Mathildes Kehle begann es zu brennen. Sie schlang die Arme um ihren Oberkörper, doch Halt fand sie nicht. An einen Gott glaubte sie schon lange nicht mehr, aber die Erinnerung an ihre Großmutter schmerzte. Was hätte sie dafür gegeben, noch einmal zwischen Agnes’ Staffeleien zu stehen, noch ein weiteres Mal über die hartnäckigen Ölfarben zu schimpfen und Trost zu finden im Geruch der Lösungsmittel. Erstaunlich, wie selbst das Lästige Sehnsüchte wecken konnte, eine Ahnung von Zuhause und Sicherheit.

Beides hatte Mathilde vor langer Zeit verloren, so wie sie auch ihre Großmutter verloren hatte und all die anderen, die sie geliebt hatte. Es gab keinen Weg zurück, und nach den vielen Jahren, in denen sie davongelaufen war, hatte sie nun endlich erkannt, dass es auch nur noch einen einzigen gab, der vor ihr lag.

Man konnte vor vielen Dingen fliehen, aber niemals vor sich selbst.

Sie hatte es versucht, natürlich. Hatte alles abgestreift, was ein Mensch nur abstreifen konnte. Hatte ihren Namen abgelegt wie einen alten Hut. War aus ihrer Vergangenheit geschlüpft wie aus einem Nachthemd, genau wie ihre Großmutter es ihr in der verhängnisvollen Nacht geraten hatte. Mit Bürste und Seife hatte sie versucht, sich Blut und Erinnerung von der Haut zu kratzen, bis die Tränen selbst unter ihren Fingernägeln brannten. Aber von dem Schmerz in ihrem Inneren konnte sie damit nur kurz ablenken. Er wuchs wie ein Geschwür, genährt aus Kummer und Schuld, ihre Seele zerfurcht wie ein Acker, trocken und unfruchtbar. Wie sollte so ein Mensch noch einmal blühen?

Mathilde kannte die Antwort. Entschlossen rieb sie sich den Schleier von den Augen. Kein Pinselstrich würde ihr die Sache erleichtern. Sie musste selbst dafür sorgen, sich zwischen Himmel und Hölle aufzulösen, und dafür brauchte sie einen klaren Blick und einen wachen Verstand.

Die See wirkte ruhig, friedlich sogar. Ein graublauer Spiegel aus Licht und Versöhnung, der Stoff, auf dem sich Hoffnung betten ließ. Aber Mathilde wusste, dass der Schein trog. Unter dem Licht lag der Abgrund, so tief und dunkel, dass er sich jeder Vorstellungskraft entzog.

Wie viele Seelen waren der Einladung des Meeres schon gefolgt? Wie viele hatte es mit Trost und Abenteuer gelockt, mit der Aussicht auf einen Neubeginn, und dann ohne viel Aufsehen verschluckt?

Mathilde kannte ihre Geschichten, und als sie nun ein weiteres Mal die Augen schloss, mischten sich die Schreie all derer, die das Glück ebenso betrogen hatte, mit dem Kreischen der Möwen über ihrem Kopf. Hilflosigkeit und Wut schwollen hinter ihrer Stirn zu einem Lärm an, der kaum zu ertragen war. Sie riss die Augen erst wieder auf, als sie selbst das Bedürfnis verspürte, zu schreien.

Man musste nicht ertrinken, um unterzugehen.

Trotzdem tasteten sich ihre Füße weiter vor zum Wasser.

In den endlosen Sommern ihrer Kindheit hatte sie sich am Öresund immer davor gefürchtet, auf den dunklen Felsen am Ufer von Agnes’ Garten auszurutschen. Doch heute, da sie den Ausgang der Geschichte kannte, fürchtete sie sich nicht mehr zu fallen. Angst büßte ihren Schrecken ein, wenn sie jenen gegenüberstand, die nichts mehr zu verlieren hatten. Sie war nur noch ein müdes Gespenst, zahnlos und lahm, seit Mathilde bereit war, in das Gedächtnis der Steine überzugehen, ihr Leben ein kurzes, wenn auch schweres Kapitel von Verlust und Schuld.

Ein Luftstoß zog vom Wasser hoch und löste ein Zittern in ihrem Körper aus. Von den Fingerspitzen kroch es die Arme hinauf, tastete sich über ihre schmalen Schultern und umschlang ihren Brustkorb, bis schließlich auch ihr Atem flatterte, als wären ihre Lungen die Flügel eines Kolibris.

Instinktiv tastete Mathilde nach dem Kompass in ihrer Manteltasche und verschaffte sich Gewissheit. Einen Wellenschlag entfernt …

Ein bitteres Lachen drängte sich ihre Kehle hinauf. Nicht mal echte Wellen gab es heute, und doch musste sie darauf vertrauen, dass ihr letztes Erinnerungsstück an das, was hätte sein können, nicht log. Zuhause lag nur einen Wellenschlag entfernt, Glück. Frieden.

Die Zeit davonzulaufen war vorbei. Kein Flügelausstrecken, kein Kolibri. Sie konnte ihre Geschichte nicht neu schreiben. Alles, was ihr blieb, war, dem Ganzen ein Ende zu setzen. Das Semikolon gegen einen Punkt austauschen, und ihre nackten Füße fassten die letzten Zeilen in Stein.

Mathilde streifte ihren Mantel ab, ließ ihn auf die Felsen gleiten und machte einen Schritt ins kalte Grau. Mit leisem Schwappen griffen die Finger des Ozeans nach ihren Knöcheln.

Nie hatte Mathilde nachvollziehen können, warum sich so viele Menschen nach dem Meer sehnten. Es mochte schön aussehen, aber seine Gleichgültigkeit war grausam. Die See interessierte sich nicht für das Schicksal des Einzelnen. Es war ihr egal, ob eine Seele geliebt oder gelebt hatte, ob es an der Zeit war oder nicht. Vor dem Meer waren alle Menschen gleich. Vor dem Meer waren alle Menschen nichtig und die Schuld, die sie auf sich geladen hatten, nur eine Nebensächlichkeit. Das immerhin war ein tröstlicher Gedanke.

Mathilde presste die Zähne aufeinander und zwang sich zu einem weiteren Schritt. Wenn sie Glück hatte, würde die Kälte sie bald taub machen gegen jede Art von Gefühl oder Zweifel. Hatte Ib nicht erzählt, dass die meisten Schiffbrüchigen nicht ertranken, sondern erfroren?

Ib. Ib und … Die schlimmste aller Erinnerungen.

Mathildes Herz zog sich zusammen wie eine kleine, harte Faust. Sie hätte gerne noch ein letztes Mal geweint, aber seit einigen Wochen hatte sie nicht mal mehr Tränen. Der Jahreswechsel war ihre letzte Hoffnung gewesen, ein Grashalm, an den sie sich hatte klammern wollen, immerhin läutete er ein neues Jahrzehnt ein. Aufbruch, wohin das Auge reichte, Zuversicht. Der Krieg in Europa gehörte der Vergangenheit an.

Doch der Krieg in ihrem Inneren tat es nicht.

Entschlossen drängte Mathilde weiter ins Nichts und raffte ihren Rock nach oben. Er war mohnblumenrot und schwang weit, wenn sie sich drehte, vor ein paar Jahren hatte er noch Mrs Fitzgeralds Tochter zum Leuchten gebracht. Jetzt würde er untergehen mit einer jungen Frau, die selbst fast noch ein Kind war und gleichwohl die Schuld eines hundertjährigen Lebens auf dem Rücken trug.

Unter dieser Last schleppte Mathilde sich voran.

Sie war noch immer keine routinierte Schwimmerin, und trotzdem ärgerte sie sich, dass Ib ihr das Schwimmen beigebracht hatte. Der Weg, der vor ihr lag, wäre einfacher gewesen, wenn sie nicht gewusst hätte, sich über Wasser zu halten.

Die ersten sechzehn Jahre ihres Lebens hatte sie jede Art von Gewässer gemieden, nicht mal ihre Zehen hatte sie freiwillig in Seen oder Flüsse hineingehalten. In ihren Sommern bei Agnes hatte manchmal schon das Salz in der Luft gereicht, um ihr Übelkeit und Schwindel zu verursachen.

Ib hatte alles geändert. Er hatte ihr einen Zugang zur Schwerelosigkeit verschafft, er hatte sie mit dem Klang der Wellen versöhnt, und das war etwas, was der Körper nicht vergaß, egal, wie sehr der Geist sich danach sehnte. Das galt fürs Schwimmen wie fürs Lieben.

Natürlich war das hier nicht der Öresund, und es war auch nicht das Meer, von dem sie gemeinsam geträumt hatten. Es war nur die westlichste Spitze von England, Land’s End, weiter hatte Mathilde es nicht geschafft. Aber griffen nicht alle Meere irgendwo ineinander, tauschten ihre Wasser aus und wurden eins? Und würde Mathilde nicht auch eins werden mit alldem, wenn sie sich nur weit genug ins Dunkel wagte?

Wenn das Meer nicht länger ihr Feind war, konnte es wenigstens ihre Erlösung sein.

Mathilde ließ endlich ihren Rock los und ging ein paar weitere Schritte, das Unbekannte hatte ihre Hüfte erreicht, der rote Stoff schwebte wie ein Nebel unter der Wasseroberfläche. Die Kälte war nun fast ein Segen. Sie drang in ihre Knochen und trieb sie an weiterzugehen. Schritte, so fest wie eben möglich, bis der Boden unter ihr nachgab und sie zur Seite rutschte. Ein kurzer Moment der Atemlosigkeit, als das Wasser ihr Kreuz unterspülte, an ihren Hals drang und durch ihr dichtes dunkles Haar fuhr, um ihr schließlich doch noch unter die Achseln zu greifen.

Mathildes Füße ertasteten einen Felsen am Grund, doch als sie sich darauf aufzurichten versuchte, zogen ihre Kleider sie zurück. Unter Wasser löste sich der Stoff von der Haut, strich wie ein Atemzug um sie herum, und auch ihre Schuld wog nicht mehr so schwer. Wie gut es tat, die Last in andere Hände zu legen, selbst wenn sie eiskalt sein mochten.

Mathilde schöpfte etwas Mut und machte ein paar unbeholfene Züge auf den Horizont zu, diese seelenlose Linie, und endlich war da eine Strömung, die sie packte und nach unten zog. Instinktiv tasteten ihre Zehenspitzen nach einem Untergrund, aber da war nichts.

Die Strömung riss an ihr, zog sie weiter, als hätte das Nichts ein Maul, und als wäre sie seine erste Mahlzeit seit Langem. Eine Richtung gab es nicht, oben und unten lösten sich auf in Dunkelheit und Kälte.

Mathilde wehrte sich nicht. Sie schloss die Augen und kämpfte nicht dagegen an, ließ sich tragen und davonreißen, umherwirbeln und wiegen, und als sie die Augen wieder öffnete, sah sie seitlich über sich einen Schatten im fahlen Licht, schmal und länglich, beinahe vertraut. Vielleicht war sie dorthin unterwegs.

Die Luft in ihren Lungen wurde knapp.

Am liebsten hätte sie sich an ihrem Kompass festgehalten, aber er lag in der Manteltasche am Ufer. Mit etwas Glück würde er irgendwann jemand anderen nach Hause führen.

Mathilde ließ die Arme durch das Grau gleiten und streckte die Finger nach dem Schatten aus. Dann öffnete sie den Mund und atmete ein.

In diesem Moment verstand sie, dass Ertrinken kein sanfter Tod war.

Ihre Sinne schwanden, aber der Schmerz bäumte sich auf. Mathilde stieß einen Schrei aus, aber da war kein Laut. Kein Halt. Kein Trost. Sich aufzulösen war ein Gewaltakt, ein Krieg für sich.

Wenn das hier Sterben war, fühlte es sich wie eine Ewigkeit an. Jede Sekunde gefüllt mit tausend Erinnerungen. Worte, Begegnungen, Versagen, Verlust, mal groß und mal klein. Berührungen. Wie ein Spielball wurde Mathilde zwischen ihnen hin und her geschleudert, bis sich der Tod erbarmte und sie endlich davondriftete. Die Bilder verblassten, der Schmerz ebbte ab, und irgendwann war da nur noch ein einziges, leises Geräusch. Wellenschlag …

Mathildes Muskeln gaben unter der Gewalt nach.

War da nicht plötzlich eine Stimme, die nach ihr rief?

Vielleicht war das Ib.

Vielleicht fand sie jetzt einen Weg nach Hause.

Ein Lächeln legte sich auf ihr Gesicht, während sie sich einer Welt ohne Erinnerung hingab, einer … Welt …

Im Augenblick des Loslassens spürte sie die Hand an ihrem Oberarm.

Und auf einmal war da doch noch ein erstaunlich klarer, ein allerletzter Gedanke. Wenn das nicht das Ende war, konnte es ein Anfang sein?

EIN STURM ZIEHT AUF

November 2022

Schlechte Entscheidungen bringen gute Geschichten. Irgendjemand hatte das mit einem roten Stift auf den Spiegel über dem Waschbecken geschmiert, und Olive kamen die Worte wie blanker Hohn vor. Sie stieß ein Schnauben aus, das vom Rauschen des Föhns verschluckt wurde. Noch immer hing sie mit dem Kopf unter dem veralteten Händetrockner in der Damentoilette und versuchte zu retten, was von ihrer Frisur zu retten war. Nicht viel, so viel stand jetzt schon fest.

Ihr Nacken und Kreuz schmerzten, weil der Trockner viel zu niedrig hing, um sich nicht ungesund darunter verdrehen zu müssen, und mit jeder Kollegin, die den Raum betrat und sich an ihr vorbeischob, wuchs Olives Schmach. Auf einer Was für ein verkorkster Tag-Skala von eins bis zehn hatte sie längst die zwölf geknackt – dabei war es noch nicht mal halb neun.

Schlechte Entscheidungen bringen gute Geschichten. Olive drehte den Kopf und heftete ihren Blick auf den Boden. Was für ein Blödsinn! Wer immer das an den Spiegel geschrieben hatte, hatte keine Ahnung vom echten Leben. Olive Elizabeth Brown war eine Meisterin der schlechten Entscheidungen! Allein in den letzten vierundzwanzig Stunden hatte sie so viele davon getroffen, dass sie – wenn dieser lächerliche Kalenderspruch nur einen Funken Wahrheit in sich trüge – locker einen Pulitzerpreis dafür verdient hätte. Womöglich hätte man ihr Foto sogar unter dem Eintrag Gute Geschichten im Lexikon gefunden, selbst wenn sich heute keiner mehr die Mühe machte, ein echtes Lexikon zur Hand zu nehmen. Aber anstatt sich für ihre großartigen Geschichten feiern zu lassen, klemmte Olive nun unter dem dröhnenden Trockner, um Joyce unter die Augen treten zu können und ihrer Chefredakteurin endlich die Chance abzuringen, überhaupt mal eine echte Geschichte schreiben zu dürfen.

»Dein Handy klingelt!«

Erschrocken riss Olive den Kopf hoch und knallte mit der Schädeldecke gegen die Unterkante des Föhns. Sie hatte nicht bemerkt, dass jemand neben ihr am Waschbecken stand. Eine großgewachsene Frau mit nach vorne geklappten Schultern – war das die Neue von den Anzeigen? – zog ihre nassen Hände unter dem Wasserstrahl hervor und wischte sie, weil der Trockner besetzt war, an ihrer Jeans ab.

Olive verzog das Gesicht und rieb sich über den schmerzenden Scheitel. »Tut mir leid, ich …« Aber die Frau – Moira? Mona? Molly? – schien an einer Entschuldigung nicht interessiert. Stattdessen griff sie nach Olives vibrierendem Telefon, das in diesem Moment vom Waschbeckenrand zu rutschen drohte, und hielt es ihr mit einem matten Lächeln hin.

Ein kurzer Blick aufs Display verriet Olive, dass auch jetzt nicht derjenige anrief, von dem sie es sich bis zuletzt erhofft hatte, sondern ihre Schwester Sadie. Ihr Anruf verstummte in derselben Sekunde wie das aggressive Rauschen des Trockners. Das Fehlen von Geräuschen, das sich nun am Waschbecken breitmachte, dröhnte allerdings noch unerträglicher in Olives Ohren. Stille war manchmal die schlimmste Art von Lärm.

Olive versuchte sich an einem Lächeln, aber es wirkte offenbar gequält. Die Fremde jedenfalls – es war ganz sicher die Neue von den Anzeigen – blickte mit einer Mischung aus Mitgefühl und Verwirrung an ihr herab.

»Mieser Tag?«

Schnaubend fuhr Olive sich durch die noch immer feuchten Haare. Mieser Tag war eine Untertreibung, wenn man bedachte, was ihr heute alles widerfahren war. Wenn man all die schlechten Entscheidungen zusammenzog, die sie eigentlich zu einer guten Geschichte hätten führen sollen und nicht an einen weiteren Tiefpunkt ihres nun vierunddreißigjährigen Lebens.

Da waren zunächst einmal Marcus und der Irrglaube, dass er wusste, was für ein Tag heute war. Natürlich war Olive längst klar, dass das zwischen ihnen nirgendwohin führte. Zumindest nicht dorthin, wohin Olive sich seit geraumer Zeit sehnte.

Sie hatten sich auf der Weihnachtsfeier der Redaktion vor knapp drei Jahren kennengelernt, der letzten echten Party, bevor die Pandemie jede Chance auf ein unbeschwertes Sozialleben im Keim erstickt hatte. Tom der Schreckliche hatte Marcus mitgebracht, und das allein hätte Olive schon misstrauisch stimmen müssen. Sie hatte an dem Abend trotzdem zu viel getrunken und war hinterher mit ihm nach Hause gegangen, in sein schickes Apartment mit Blick auf den Fluss. Seitdem pflegten sie etwas, was Marcus gerne als Freundschaft plus bezeichnete, wobei das Plus für mehr oder weniger zufriedenstellenden Sex stand und Freundschaft wohl für den Umstand, dass er Olive mit korrektem Namen ansprach und nicht konsequent Natasha nannte, wie es ihre letzte Onlinebekanntschaft getan hatte.

Obwohl Olive sich nicht zu viel Hoffnung hatte machen wollen, war ihr Herz kurz ins Stolpern geraten, als er sie für gestern Abend ins Theater eingeladen hatte. Theater. Das ging weit über das bedeutungslose Austauschen von Körperflüssigkeiten hinaus. Theater war Kultur, und Kultur war die Gartenpforte zwischen Kopf und Herz – so hatte Poppy es immer gesagt, bevor der Schlaganfall sie einen Schatten ihrer selbst hatte werden lassen. Theater war intim.

Das Stück hatte Olive im September bereits gesehen, und es hatte ihr damals schon nicht gefallen, aber trotzdem hatte sie am Ende die helle Seidenbluse mit den blassrosa Herzen (schlechte Entscheidung) und die Schuhe mit den hohen Absätzen (superschlechte Entscheidung) aus ihrem Kleiderschrank gezogen. Die Bluse hatte sie noch vor der Aufführung mit einer tomatenroten Vorspeise beim Italiener ruiniert, und die Schuhe hatten sich spätestens heute Morgen als hinterhältige Falle entpuppt – in dem Moment nämlich, als sie festgestellt hatte, dass es schier unmöglich war, auf Acht-Zentimeter-Absätzen durch den Londoner Regen zur Bushaltestelle zu hetzen, ohne dabei das letzte Fünkchen Würde zu verlieren.

Marcus hatte nicht daran gedacht, was für ein Tag heute war. Und genauso wenig hatte er daran gedacht, sein Versprechen zu halten und Olive am Morgen zu wecken, nachdem sie sich hatte breitschlagen lassen, nach dem Theater doch noch mit ihm nach Hause zu gehen. Dabei hatte sie vor und nach dem Sex mehrfach erwähnt, dass sie heute ihr Gespräch mit Joyce hatte. Dass sie unbedingt pünktlich in der Redaktion sein musste und vorher noch einmal zu Hause vorbeischauen, um das Tomatenmalheur gegen ein ordentliches Outfit auszutauschen, ein seriöses. Sie hatte ihm klargemacht, dass der Termin mit ihrer Chefin eine Riesenchance war, die größte Chance überhaupt, seit sie für die VOICES schrieb. Mit einem Flackern im Blick hatte er ihr versichert, dass sie sich keinen Wecker würde stellen müssen, weil er ohnehin früh wach sein und unter gar keinen Umständen zulassen würde, dass sie ihren großen Tag verschlief. In diesem Augenblick war Olive sich sicher gewesen, dass er nicht nur ihr Gespräch meinte.

Dann war sie heute Morgen vom Klingeln ihres Handys aufgewacht, neben einer leeren Betthälfte, viel zu spät, um es vor ihrem Termin noch mal nach Hause zu schaffen. Und es war auch nicht Marcus gewesen, der versucht hatte, sie anzurufen, sondern ihre Mutter. Die immerhin hatte nicht vergessen, welcher Tag heute war.

»Ich habe Geburtstag«, rutschte es Olive über die Lippen, obwohl sie ahnte, dass das den unangenehmen Moment zwischen Martha? Monica? Mia? und ihr nur noch schlimmer machte. »Und der Mann, mit dem ich seit drei Jahren ins Bett steige, hat es vergessen – oder er hat es einfach nie gewusst. Auf jeden Fall hat er es nicht für nötig gehalten, mich rechtzeitig zu wecken, damit ich mich vor meinem Gespräch mit Joyce nochmal umziehen kann, deshalb trage ich eine Herzchenbluse mit Pomodoro-Flecken auf der Brust. Aber wenn ich Glück habe, fällt ihr das gar nicht auf, weil meine Hose völlig hinüber ist. Um den Bus noch zu kriegen, musste ich heute Morgen nämlich auf High Heels durch den strömenden Regen rennen, und weil ich dabei versucht habe, unter meiner Jacke Schutz zu finden, bin ich praktisch blind über eine Hundeleine gestolpert und zwei Meter weit geflogen.« Olive rieb sich den schmerzenden Ellenbogen und musste plötzlich lachen. »Aber weißt du, was echt witzig ist?« Sie warf Melanie? Megan? Mitzi? einen hilflosen Blick zu. »Die Hundedame, über deren Leine ich gestolpert bin, hieß Margaret Thatcher! Wer nennt seinen Hund denn bitte so? Margaret Thatcher hat sie zu Fall gebracht – ist nicht die schlechteste Grabsteininschrift, oder?« Sie schüttelte ungläubig den Kopf, bis sie merkte, dass sich Anzeigen-Mindy ein allenfalls bemühtes Lächeln abrang, während sie auf beeindruckende Weise ihre Stirn in Falten legte.

Olive ging plötzlich ein Licht auf. »Du heißt Margaret, oder? Margaret von den Anzeigen! Ich wusste gleich, dass ich dich kenne.«

Aber Margaret schien der Moment des Wiedererkennens kalt zu lassen. Mit einer Mischung aus Betroffenheit und Unbehagen strich sie sich die strähnigen Haare hinters Ohr. »Vielleicht solltest du lieber nach Hause gehen. Oder du fragst Steve vom Empfang nach Ersatzwäsche. Er hat eine Kiste unter seinem Tresen, da sind lauter Klamotten drin, die irgendwann mal liegen geblieben sind.« Mit diesen Worten und einem Lächeln, das wohl ein Das wird schon ausdrücken sollte, schob sie sich an Olive vorbei auf die Tür zu. Sie drehte sich erst noch einmal zu ihr um, als sie die Klinke bereits in der Hand hielt. »Ich bin Barbara und arbeite in der Personalabteilung. Und das mit deinem Freund und der Hundeleine tut mir echt leid. Aber trotzdem …« Sie lächelte, als wüsste sie genau, wie es in Olive aussah: »Happy Birthday.«

Schlechte Entscheidungen bringen gute Geschichten. Olive biss sich in die Wange, bis ihr der Schmerz Tränen in die Augen trieb. Den ganzen Tag über schwirrte dieser lästige Spruch wie eine Stechmücke um sie herum, surrte in ihrer Ohrmuschel und saugte sich immer wieder an ihr fest, als wollte er ihr um jeden Preis den letzten Nerv rauben. Auch jetzt, während sie in Joyce’ Büro auf ihr langersehntes Gespräch wartete, fiel dieses Ding sie aus dem Nichts heraus an. Mit einem leisen Stöhnen massierte Olive sich die Schläfen. Vielleicht war es Zeit für einen Perspektivwechsel. Ihre Großmutter hatte ihr beigebracht, dass sich nicht alles im Leben beeinflussen ließ. Was aber sehr wohl im eigenen Einflussbereich lag, war der Blickwinkel, aus dem man eine Sache betrachtete. Eventuell war der Spruch am Spiegel gar kein Spott, sondern ein Zeichen, etwas, das Olive zu ihren Gunsten nutzen konnte, und sie erkannte es nur noch nicht.

Joyce hatte ihren Termin am Morgen vergessen. Dabei hatte Olive alles gegeben, um es pünktlich zu schaffen. Mit einer Föhnfrisur, die vage an einen Atompilz erinnerte, und in einem rosafarbenen Trainingsanzug aus Steves Kiste des Grauens hatte sie sich um Punkt halb neun bei Libby gemeldet. Libby hatte kurz in ihren digitalen Kalender geschaut und ihren Blick dann für eine demütigend lange Weile an Olive hinabgleiten lassen. Erst als Olive sich geräuspert und noch einmal an ihr Gespräch erinnert hatte, hatte Joyce’ Assistentin das Gesicht verzogen und eingeräumt, dass ihr wohl ein Fehler unterlaufen sei. Joyce sei nämlich außer Haus. Bis mindestens drei. Und auch dann sei ihre Agenda ziemlich voll. Aber wenn es wirklich wichtig sei, könne Olive es gegen fünf probieren – ohne Garantie selbstverständlich.

Hier saß Olive nun, selbstverständlich. Seit mittlerweile fünfundzwanzig Minuten, in ihrem lächerlichen Aufzug, in Joyce’ beschämend schönem Büro, und versuchte krampfhaft, das Surren der schlechten Entscheidungen in ihrem Kopf zum Schweigen zu bringen.

Draußen war es stockfinster. Regen und Windböen, die Olive heute Morgen auf dem Weg zur Haltestelle noch als persönliche Provokation empfunden hatte, hatten sich im Laufe des Tages zu einem Novembersturm zusammengebraut. Immer wieder peitschte der Wind sein Wasser an das bodentiefe Bürofenster, zwischendurch klang es, als schleuderte jemand bedrohliche Mengen Kieselsteine gegen die Scheibe. Vermutlich bogen sich die Bäume an der Straße unter dem Sturm, aber das konnte Olive von ihrem Platz aus nicht sehen. Die Designerlampe, die den Raum in ein warmes Licht tauchte, verwandelte das Fensterglas vor dem Hintergrund der Nacht in einen Spiegel. Und plötzlich verzog sich das lästige Surren doch noch aus Olives Kopf und machte Platz für einen anderen, lang verschütteten Gedanken: Wenn sich die Welt in Dunkelheit hüllt, bleibt dir nur der Blick nach innen.

Olives Brustkorb schnürte sich zusammen. Poppy hatte das manchmal gesagt, wenn an der Küste bei Fairlight die Herbststürme gewütet hatten. Olive erinnerte sich nicht an Details, wohl aber daran, dass ihr diese Momente Angst gemacht hatten, selbst dann noch, als sie kein Kind mehr und für diese Art von Gespenstern längst zu alt gewesen war. Ihre Großmutter war eine zuversichtliche, liebevolle Frau gewesen, warm und voller Glauben an das Gute, aber wenn der Wind das Wasser aufs Land getrieben hatte, hatte sich etwas in ihr verschoben. Es wirkte dann, als rüttelten die Stürme nicht nur an den Fensterläden und Mauern ihres kleinen Hauses, sondern auch an Poppy selbst. Als würden die Winde nicht nur Dächer abtragen, sondern auch an der Fassade ihrer Großmutter kratzen, und das, was darunter zum Vorschein gekommen war, war Olive fremd gewesen. Wenn sie ganz ehrlich war, hatte sie gar nicht wissen wollen, was ihre Großmutter tief in ihrem Inneren verbarg. Jeder Mensch brauchte einen Hafen in seinem Leben, in dessen Schutz er fliehen konnte, sicher und windstill und vertraut. Poppy war dieser Hafen für Olive gewesen, und erst seit der Sturz und Schlaganfall sie in einen anderen Menschen verwandelt hatten, fragte Olive sich gelegentlich, ob sie nicht doch genauer hätte hinschauen sollen auf das, was ihre Großmutter mit sich herumgetragen hatte, damals, als draußen die Stürme tobten und Poppys Oberfläche Risse bekam.

Ohne dass sie es beabsichtigt hatte, war Olive vom Tisch aufgestanden und ans Fenster getreten. Während die Regentropfen auf der Außenseite ein wildes Bild der Unordnung zeichneten, betrachtete Olive ihr eigenes Chaos auf der spiegelnden Innenseite der Scheibe.

Ihre dunklen schulterlangen Locken hatten sich im Laufe des Tages ausgehangen und standen nicht mehr wie eine Gedankenblase um ihren Kopf. Der Anblick des rosafarbenen Trainingsanzugs allerdings war nach wie vor verstörend, vor allem weil Steve in seiner Altkleiderkiste keine passenden Schuhe gefunden hatte und Olive deshalb immer noch auf ihren unsäglichen High Heels durch den Tag stakste. Es gab Frauen, denen die Höhenluft nichts ausmachte. Frauen, die in ihren High Heels lebten. Joyce zum Beispiel war so eine Frau. Insgeheim hegte Olive sogar den Verdacht, dass ihre Chefin schon auf Zehn-Zentimeter-Absätzen zur Welt gekommen war und deshalb problemlos den London Marathon auf den Dingern laufen konnte, ohne auch nur einen Funken ihrer Anmut und Eleganz einzubüßen. Olive hingegen gehörte zu einer anderen Sorte Frau: die, denen schon schwindelig wurde, wenn sie sich zu lange auf die eigenen Zehenspitzen stellten. Selbst ohne den albernen Anzug wäre sie sich mit den Dingern verkleidet vorgekommen. Was hatte sie sich nur dabei gedacht? Als könnten ein paar Zentimeter unter den Fersen helfen, einen anderen Menschen aus ihr zu machen, eine Frau, die nicht krampfhaft nach etwas suchte, was sie nicht mal richtig benennen konnte.

So viele Möglichkeiten, so viele Menschen.

Und nicht ein einziger, der ihre Stimme hörte – nicht einer, der sie sah?

Olive versuchte, das quälende Gefühl der Einsamkeit, das seit geraumer Zeit an ihr haftete wie ein Schatten, mit der angestauten Luft in ihrem Brustkorb auszuatmen, und legte den Kopf zur Seite, um nach dem kleinen, herzförmigen Muttermal zu tasten, das sich unterhalb ihres rechten Ohres verbarg. Poppy hatte dasselbe Mal, es war all die Jahre ihr Geheimnis gewesen, ein stilles Zeichen, dass sie zusammengehörten. Der Beweis dafür, dass Olive Teil von etwas war, obwohl sie sich oft fremd in der eigenen Familie fühlte. Aber diese Verbindung zu ihrer Großmutter hatte sie besonders gemacht und ihr das Gefühl gegeben, nicht allein zu sein. Würde dieses Gefühl endgültig verfliegen, wenn Poppy nicht mehr da war?

Olive musste schlucken. Das hier war nicht der Zeitpunkt, sich etwas vorzumachen. Ihre Großmutter war längst nicht mehr da. In dem furchteinflößenden Pflegebett im Haus ihrer Eltern lag nur ein Schatten von Poppy, ein geschrumpftes, lichtdurchlässiges Abziehbild. Die Hülle eines Menschen, der einmal die Welt für Olive bedeutet hatte, ein Zuhause.

So lange Olive zurückdenken konnte, war ihre Großmutter alt gewesen, aber das hatte sie nicht davon abgehalten, auch mit über neunzig noch agil zu sein, körperlich wie geistig. Erst der Sturz im eigenen Badezimmer hatte aus Poppy eine alte Frau gemacht.

Im Krankenbett hatte sie auf einmal seltsame Dinge gesagt und getan, Dinge, die Olive ihr immer noch übelnahm, obwohl sie wusste, dass ihre Großmutter auch damals schon, noch vor dem Schlaganfall, nicht ganz bei Sinnen gewesen war. Die Sache mit den vorzeitigen Erbstücken zum Beispiel, die an Olive nagte, wann immer sie ihre Schwester mit der Perlenkette sah oder ihren Bruder vom Wagen schwärmen hörte.

Ihr eigenes, ganz besonderes Erbstück hatte Olive sorgsam unter dem durchgelegenen Bett in ihrer Anderthalbzimmerwohnung vergraben, so tief saß der Stachel der Enttäuschung.

Ein Poltern an der Tür ließ Olive zusammenzucken, und als sie erschrocken herumfuhr, platzte ihre Chefin ins Büro.

»Tut mir leid, ich wollte dich nicht warten lassen.« Energisch schloss Joyce die Tür und steuerte den Ledersessel hinter ihrem Schreibtisch an. Trotz aller Eile sah sie fantastisch aus, souverän und gefestigt, eine Frau, die nichts und niemand aus der Bahn warf. Olive musste hart dagegen ankämpfen, nicht sofort in einem Loch im Boden versinken zu wollen.

»Kein Problem«, stammelte sie und war erleichtert, dass ihr befremdlicher Aufzug Joyce nicht zu aufzufallen schien. Stattdessen wies ihre Chefin sie mit einem Nicken an, ihr gegenüber Platz zu nehmen, ließ ihre Finger in atemberaubender Geschwindigkeit über die Tastatur ihres Rechners fliegen und lehnte sich dann zurück, um Olive mit einem wohlwollenden Lächeln zu bedenken. »Also. Was liegt dir auf dem Herzen?«

Olive versuchte, eine bequeme Position auf ihrem Stuhl zu finden, aber jede Haltung fühlte sich fremd an. Sie fühlte sich fremd, dort, wo sie saß, und mit dem, was sie sich so sorgsam zurechtgelegt hatte.

»Ich … wollte mit dir über meine Zukunft reden.«

»Deine Zukunft?« Ein Ausdruck der Belustigung huschte über Joyce’ Gesicht, während sie ihre Fingerspitzen vor der Brust aneinanderlegte. »Sag bloß, du bist auch schwanger?«

Mit auch spielte ihre Chefin auf Carolyn an, und obwohl Olive die Frage mit hundertprozentiger Sicherheit verneinen konnte, verschlug ihr Joyce’ ungenierte Grenzüberschreitung für einen Moment die Sprache.

Aber es half nichts. Sie musste sich auf ihr Anliegen fokussieren. Deshalb schluckte sie ihr Unbehagen runter wie einen alten Kaugummi und sprach es so ungeschmückt wie möglich aus: »Ich dachte, ich könnte vielleicht Carolyns Job übernehmen.«

Mit dieser Wendung hatte Joyce nicht gerechnet. Für den Bruchteil einer Sekunde rutschte ihr das Lächeln aus dem Gesicht und offenbarte einen Ausdruck aufrichtiger Fassungslosigkeit. Doch dann sammelte sich ihre Chefin wieder und setzte sich kontrolliert über den Augenblick der Überraschung hinweg. »Du willst Carolyns Job?«

Olive klammerte sich an die Armlehnen ihres Stuhls, als könnte er ihr Stabilität verleihen. »Wenn Carolyn in den Mutterschutz geht, wird ihr Posten ja erstmal frei, und ich habe mich schon immer für die Interviews interessiert, deshalb …« Sie verstummte, weil die Stirn ihrer Chefin mit jedem Wort mehr Falten warf. Einen Moment lang versuchte Olive, ihrem bohrenden Blick standzuhalten, doch dann gab sie auf und sackte leise stöhnend auf ihrem Platz zusammen. »Ich bin gut, Joyce!«

Endlich ließ ihre Chefin die Hände und Augenbrauen sinken. »Du schreibst Horoskope und Beziehungstipps.«

»Obwohl ich von beidem keine Ahnung habe!«, verteidigte sich Olive. »Ich möchte endlich echte Geschichten erzählen, ich will zeigen, dass ich eine Stimme habe. Dafür bin ich Journalistin geworden – dafür bin ich nach London gekommen.«

Joyce atmete geräuschvoll aus. »Ich weiß nicht, Olive. Unsere Leserinnen lieben deine Horoskope – das ist doch nicht nichts. Es wurden schon Verlobungen aufgelöst, weil sich Widder endlich von alten Fesseln befreien und etwas Neues wagen sollten.«

Ihre Chefin schien darin etwas Gutes zu sehen, aber Olive machte das nur unfassbar müde. »Ich bin Journalistin und keine Astrologin. Ich will unsere Leserinnen ja berühren, aber nicht mit Weisheiten aus der Kristallkugel.« Ihr Blick schweifte zum Fenster, hinter dem noch immer der Sturm tobte, wütend, laut und ungezähmt. »Da draußen warten so viele Geschichten. Ich finde, ich habe eine Chance verdient.«

Jetzt war es Joyce, die plötzlich müde wirkte. Sie blickte zur Seite, legte ihren Kopf in den Nacken und schien im Geiste bis drei zu zählen, bevor sie Olive wieder ins Gesicht sah. »Es fällt mir nicht leicht, das zu sagen, aber ich glaube nicht, dass du schon so weit bist.«

»Wie bitte?« Olive war so perplex, dass ihr ein hilfloses Lachen entwich.

Joyce sammelte sich erneut, wirkte aber immer noch ein wenig betreten. »Ich weiß deine Arbeit zu schätzen, Olive. Aber die Interview-Redaktion ist eine große Nummer. Dafür musst du in die Tiefe gehen …«

»Genau deshalb will ich den Job«, platzte es aus Olive heraus. »Ich will in die Tiefe gehen!«

Ihre Chefin zögerte. Aus ihrer Miene sprach Unbehagen, aber auch die Unfähigkeit, die richtigen Worte für das zu finden, was sie dachte.

Irgendwann hielt Olive das lähmende Schweigen nicht mehr aus.

»Sag es einfach. Ich komme schon damit klar, egal, was dir durch den Kopf geht.«

Doch als Joyce nach einem leisen Seufzen tatsächlich den Mund öffnete und zu reden begann, war sie sich plötzlich nicht mehr so sicher.

LUFTSCHLÖSSER

Juni 2000

Wie ein Teppich lag der Central Park zu ihren Füßen, grün und satt, ein Quell des Lebens in dieser niemals ruhenden Stadt. Zwischen den Häuserschluchten auf der gegenüberliegenden Seite drangen erste Sonnenstrahlen ins Herz von Manhattan und warfen ihr Licht wie Fingerzeige auf den neuen Tag.

Claire legte ihre Stirn an die Fensterscheibe. Sie war keine Träumerin und hatte ihr Ziel immer fest im Blick gehabt, und doch ertappte sie sich in Momenten wie diesen bei der Frage, ob das alles echt war.

Sie hatte es geschafft, bespielte ihre selbstgewählte Bühne mit Leichtigkeit und beherrschte den Raum an der Spitze, als wäre sie, Claire O’Leary, einzig und allein dafür geboren worden. Der atemberaubende Ausblick hier oben war nur einer von zahllosen Beweisen. Im Grunde hatte das Panoramafenster den Ausschlag gegeben, das Apartment zu kaufen. Claire machte sich nichts aus Statussymbolen, aber diese Aussicht hatte es ihr angetan, vom ersten Moment an, und sie konnte sich nicht vorstellen, dass sich das jemals ändern würde. Angekommen, schoss es ihr durch den Kopf, aber sie kam sich sofort albern vor.

Diese Art von Empfindsamkeit hatte Will in ihr Leben gebracht.

Claire schnaubte ungläubig, und als sie ihren Kopf zurückzog, um das Laken strammer um ihre Schultern zu ziehen, sah sie, dass ihr Atem einen trüben Fleck auf der kalten Scheibe hinterlassen hatte. Die Klimaanlage musste dringend neu eingestellt werden.

Claire schob eine Hand unter dem Laken hervor und wollte den Fleck wegwischen, als sich wie aus dem Nichts eine Erinnerung in ihr Bewusstsein drängte, eine, die sie vor langer Zeit unter ihrem neuen Ich begraben hatte. Iris …

In den dunklen Monaten hatten sie früher Geschichten an die Fenster ihres Kinderzimmers gemalt, Abenteuer aus atemwarmer Luft und kalten Fingerspitzen. Die Winter ihrer Kindheit waren so endlos, frostig und finster gewesen, dass Claire sich einbildete, die Kälte selbst heute noch gelegentlich in ihrem Nacken zu spüren.

Ihre Eltern hatten oft mehr als vierzehn Stunden im Laden gearbeitet, sogar an den Wochenenden, und ihre beiden Töchter hatten sie in dieser Zeit sich selbst überlassen. Claire und Iris hatten früh gelernt, diese Freiheit mit ihren eigenen Wirklichkeiten zu füllen. Die Fenstergeschichten waren Iris’ Idee gewesen, wie fast alles damals.

Noch immer war es Claire ein Rätsel, wie zwei Kinder derselben Eizelle entspringen konnten, denselben genetischen Fingerabdruck trugen, und doch so verschieden waren. Von außen waren sie praktisch nicht zu unterscheiden. Die gleichen roten Haare, zwei identische Augenpaare. Selbst die Sommersprossen auf ihren Nasenspitzen schienen sich jedes Jahr aufeinander abzustimmen.

Innerlich aber trennten sie Welten.

Während Claire immer schon ruhig und kontrolliert gewesen war, brannte in Iris seit jeher ein Feuer, das unzählige Gesichter trug. Freude, Wut, Liebe, Verzweiflung und Trauer, manchmal sogar alles zugleich. In Wisconsins Wintern, hinter beschlagenen Fenstern, war das ein Vorteil gewesen. Iris’ Gedanken standen nie still. Ihre Geschichten trugen sie in Welten, von denen Claire nicht mal zu träumen imstande gewesen wäre, und Iris’ Finger waren so flink und geschickt, dass Claire nichts anderes übrigblieb, als ihre Schwester bedingungslos zu bewundern.

Die Fantasie war Iris’ größter Schatz. Wer hätte ahnen können, dass sie auch ihr Untergang sein würde?

Claire zuckte zusammen, als sie ein Klicken und das leise Surren der Tür hörte. Ohne dass es ihr bewusst gewesen war, hatte ihr Finger ein Herz auf die beschlagene Stelle der Scheibe gemalt, verloren vor dem Hintergrund der großen Stadt. Es war mit dem Atemfleck verblasst und jetzt schon nur noch die schwache Ahnung von etwas, was mal gewesen war.

Ertappt wandte Claire sich davon ab und sah zu Will, der in diesem Moment die Apartmenttür mit dem Fuß hinter sich zustieß. Er trug Shorts und ein altes Shirt, das schweißnass an seinem Oberkörper klebte, und in seinen Händen balancierte er zwei Kaffeebecher und eine große, weiße Papiertüte. Als er Claire in das Laken gewickelt am Fenster stehen sah, breitete sich ein Lächeln auf seinem Gesicht aus. »Du bist schon wach.«

In Claires Nacken stellten sich die Härchen auf wie eine unsichtbare Armee. Sie hatte sich noch immer nicht daran gewöhnt, dass es in ihrem Leben jemanden gab, der etwas in ihr aus dem Gleichgewicht brachte.

Will musste natürlich nicht wissen, dass er diese Macht über sie besaß. Er hielt sie für stark, zielstrebig, konsequent, eine Frau, die ihm in nichts nachstand. Vermutlich wusste er sogar, dass sie ihm überlegen war. Mit ihrem gestrigen Sieg vor Gericht hatte sie sich ein Denkmal gesetzt.

»Ich war mir nicht sicher, ob du zurückkommst oder gleich in die Kanzlei fährst«, sagte sie und gab sich Mühe, dabei gelassen zu wirken.

»Machst du Witze?« Will hob eine Augenbraue. »Ich lasse dich doch nicht ohne Frühstück zur Arbeit gehen!« Er streifte die Turnschuhe von seinen Füßen, war mit ein paar großen Schritten bei der Kücheninsel und stellte die Kaffeebecher darauf ab. Dann zog er einen Muffin aus der Papiertüte.

»Ist das …?«

»Ein Blaubeermuffin von Patti«, bestätigte er zufrieden, kam auf sie zu und hielt ihr den Kuchen wie eine Trophäe vors Gesicht.

Claire runzelte die Stirn. »Du bist bis zu Patti gelaufen, nur um mir einen Muffin zu besorgen?«

»Was heißt hier nur?« Will rückte noch näher an sie heran, so nah, dass sie sich sicher war, dass sein Atem einen Abdruck auf ihr hinterlassen würde, wie ihrer es eben noch auf der Scheibe getan hatte. Doch gerade als sie seine Lippen auf ihren erwartete, rückte er von ihr ab und biss selbst in den Kuchen, den er in den Händen hielt. »Patti macht die besten Muffins von ganz New York!« Grinsend tänzelte er zur Kücheninsel zurück und nahm sich einen der Kaffeebecher. »Keine Sorge«, sagte er mit vollem Mund. »In der Tüte sind noch zwei. Ich will schließlich nicht riskieren, dass du mich vor Gericht zerrst.« Mit einem Zwinkern verschwand er im Bad.

Claire sah ihm ungläubig nach, bevor sie das Laken über ihrer Brust festknotete und auf einem der Hocker an der Kücheninsel Platz nahm.

Der Kaffee war nur noch halb warm, was nicht verwunderlich war, weil Pattis Café mindestens zehn Blocks entfernt lag. Viel erstaunlicher war, dass Will unterwegs nicht die Hälfte verschüttet hatte. Dafür roch der Muffin, den sie nun aus der Papiertüte zog, noch immer so, als hätte Patti ihn eben erst aus dem Ofen geholt. Claire schloss die Augen und hielt sich das Gebäck unter die Nase. Wieso musste Will in aller Herrgottsfrühe durch die halbe Stadt laufen, um sie mit ihrem Lieblingsfrühstück zu überraschen? Das machte alles komplizierter, als es ohnehin schon war.

Pattis Café lag in der Nähe ihrer alten Wohnung, und ihre Blaubeermuffins waren nicht nur die besten, sie weckten auch Erinnerungen daran, wie alles seinen Anfang genommen hatte.

Ihre Beziehung hatte nicht vorsichtig begonnen, nicht tastend, sondern hungrig und getrieben. Etliche Monate hatten Will und sie sich in der Kanzlei Blicke zugeworfen, Blicke, die sie irgendwann nicht mehr als beliebig oder bedeutungslos hatten abtun können. Zwischen ihnen lag eine ganze Welt und trotzdem so viel Sehnsucht, dass es Claire manchmal den Atem verschlug. Sie hatte diese Seite an sich vorher nicht gekannt, und Will ging es genauso.

Das Problem war die strikte Firmenpolitik. Keine Beziehungen innerhalb der Kanzlei, im Grunde überhaupt nichts Privates. Dass Miles als ihr Assistent Claires Geburtstag kannte, war ihren Chefs genau genommen schon zu viel. Stuart & McCaine war eine der besten Kanzleien der Ostküste, vielleicht sogar landesweit. Gefühle hatten hier keinen Platz, und Leidenschaft gab es nur im Gerichtssaal. Wenn zwei Mitarbeiter dennoch eine Beziehung eingingen, mussten beide das Unternehmen verlassen – dem hatten sie mit der Vertragsunterzeichnung zugestimmt.

Nicht mal Miles hatte Claire von der Sache mit Will erzählt, dabei war sie sich sicher, dass ihr Assistent die Blicke längst bemerkt hatte, einem Miles entging so etwas nicht.

»Denk nicht mal im Traum daran, mit Cooper etwas anzufangen!«, hatte er sie vor ein paar Monaten noch ermahnt, und Claire hatte ordnungsgemäß mit großem Empören auf seine hochgezogenen Augenbrauen reagiert. Dabei hatten Will und sie damals schon längst alle Grenzen überschritten.

Im Grunde hatte es keine andere Möglichkeit gegeben. Das, was zwischen ihnen bestand, war nicht mit einem Fragezeichen versehen. Es ließ ihnen keine Wahl. Die Schwerkraft war ja auch keine Möglichkeit, sondern ein Naturgesetz, und wer wagte schon, ein solches in Frage zu stellen? Claire hatte die Nicht-Existenz von Alternativen erkannt, als Will und sie vor einem Dreivierteljahr spätabends gemeinsam in ein Taxi vor der Kanzlei gestiegen waren, wortlos. Als sie durch den New Yorker Mitternachtsregen zu Claires alter Wohnung gefahren waren, in ihren Ohren das Lärmen des eigenen Herzschlags. Als Claire ihn in den dritten Stock gezogen hatte und sie sich ineinander verschlungen hatten, noch ehe sie die Tür hinter sich hatten schließen können. Sie waren zwei Teile eines Ganzen. Keine Chance, sich dieser Gewalt zu widersetzen.

Natürlich war es nicht leicht gewesen, die Kräfte, die zwischen ihnen herrschten, im Büro zu verbergen. Aber zum Glück gehörten Claire und Will zu den Besten ihres Fachs. Die Masken, die sie vor Gericht trugen, halfen ihnen auch in den Konferenzräumen, im Aufzug oder vor den Toiletten.

Am erstaunlichsten für Claire war jedoch nicht das körperliche Verlangen. Sie hatte in ihrem Leben genug Sex gehabt und einige Männer begehrt. Aber mit Will war es anders.

Sie war verliebt. Mehr noch: Sie liebte ihn.

Das war nicht nur dumm, sondern auch gefährlich, und außerdem Neuland für sie. Liebe bedeutete Kontrollverlust, und wenn Claire O’Leary eines war, dann der Inbegriff von Kontrolle. Die Fähigkeit, ihre Gefühle zu beherrschen, hatte sie dorthin gebracht, wo sie heute war. Wer sie heute war.

Als ihre Eltern gestorben waren, war sie erst siebzehn gewesen, und sie hätte jedes Recht gehabt, daran zu zerbrechen. Aber im Gegensatz zu Iris hatte sie Trauer, Wut und Hilflosigkeit weit von sich geschoben, als wären es alte Möbelstücke, die man vor die Tür stellen konnte, und hatte sich auf ihr Ziel fokussiert. Das Wenige, was ihr nach dem Tod ihrer Eltern geblieben war, hatte sie angelegt und sich damit ihr Studium finanziert. Jede freie Minute hatte sie über Bücher gebeugt in Bibliotheken verbracht, hatte gelernt und geschrieben, bis ihr vor Müdigkeit die Augen tränten und die Fingerkuppen schmerzten. Auf diese Weise hatte sie sich mehrere Stipendien erarbeitet. Erst Yale, dann Harvard, Jahrgangsbeste. Abschluss mit Auszeichnung. Eine Handvoll Kanzleien hatten um sie geworben, aber am Ende war ihre Wahl auf Stuart & McCaine gefallen. Und ausgerechnet jetzt, wo sie es mit ihren sechsunddreißig Jahren an die Spitze geschafft hatte, war sie verliebt?

Nachdenklich strich Claire über die kleine Öffnung im Kaffeedeckel. Will sang unter der Dusche so unbedarft und schief, dass sie lächeln musste.

Die Morgensonne hatte sich bis zur Kücheninsel vorgearbeitet, tastete sich langsam über die weiße Papiertüte bis zum Becher und Claires Handrücken.

Seit gestern gab es Hoffnung, dass ihr Versteckspiel ein Ende haben könnte. Mit ihrem spektakulären Sieg vor Gericht hatten sich etliche Türen geöffnet, aber nur eine, die sie wirklich in Erwägung zog, zu durchschreiten.

Noch einmal roch Claire an ihrem Muffin. Sie wollte Will. Sie wollte das alles. Hatte sie nicht schon beim Kauf des Apartments gewusst, dass es eigentlich zu groß für sie alleine war, zumal sie den Großteil ihrer Tage ohnehin in der Kanzlei verbrachte? Diese Räume schrien nach einem anderen Leben. Claire war sich nur nicht sicher, ob Will dieses Leben auch wollte.

Sie schreckte aus ihren Gedanken, als er ihr einen Kuss auf die Schulter drückte. »Du machst mich ganz nass«, beschwerte sie sich, legte aber den Kopf zur Seite, damit er auch die andere Schulter küssen konnte.

Er folgte ihrer Aufforderung und griff sich dann das Unterhemd, das er am Abend über einen der Hocker geworfen hatte. »Bin spät dran.« Zielstrebig schlüpfte er in die Klamotten, die in einer kaum nachvollziehbaren Spur über den Raum verstreut lagen.

Claire drückte ihre Schneidezähne in die Unterlippe, bis es wehtat. Gab es einen richtigen Zeitpunkt?

Offenbar entging Will der Ausdruck auf ihrem Gesicht nicht. »Was ist?« Keine vorwurfsvolle Frage, eher interessiert oder besorgt, und Claire gab das den letzten Impuls, über ihren Schatten zu springen.

»Ich habe mir gedacht, dass du vielleicht ein paar Sachen hierlassen könntest.«

»Sachen?«

»Zum Anziehen.«

Für einen Moment wirkte Will irritiert, dann lachte er auf. »Du willst, dass ich meine Klamotten hierlasse und nackt in die Kanzlei fahre? Ich glaube kaum, dass Richard und Phil das gutheißen würden.«

»Ich meine, dass du ein paar frische Sachen aus deiner Wohnung holen könntest, um sie bei mir zu lassen. Dauerhaft.« Das Blut rauschte so aufdringlich in Claires Ohren, dass es sie einige Mühe kostete, weiter ruhig zu wirken.

Will hielt beim Zuknöpfen seines Hemdes inne und blickte sie verblüfft an.

Mit einem Mal ahnte Claire, dass sie einen Fehler begangen hatte. Angespannt zog sie das Papier von ihrem Muffin. »Vergiss es. War eine blöde Idee.«

»Nein, nein.« Will fischte eine seiner Socken vom Boden. »Ich fühle mich geschmeichelt, dass du mir eine eigene Schublade überlassen willst.«

Claire konnte ihn nicht länger ansehen, hörte aber seine Schritte auf dem Parkett, und dann war er auch schon da und nahm ihr Kinn in seine Hand, sodass sie sich seinem Blick nicht mehr entziehen konnte. Er lächelte. »Vielleicht kriege ich irgendwann auch eine eigene Zahnbürste?« Seine Lippen legten sich auf ihre, und in diesem Moment löste sich der Knoten in Claires Brust. Sie klammerte sich an seinen Kuss wie an einen Rettungsreifen, hielt ihn auch dann noch fest, als sie spürte, dass er sich von ihr lösen wollte, und schob bestimmt ihre Hände unter sein frisch zugeknöpftes Hemd. Doch als ihre Finger versuchten, unter den Bund seiner Boxershorts zu gleiten, griff Will nach ihren Handgelenken und rückte von ihr ab.

»Ich habe einen wichtigen Termin.«

»Wichtiger als das hier?« Claire legte den Kopf schief und versuchte, ihre Hände spielerisch aus seinem Griff zu lösen, aber er ließ nicht locker.

»Ich bin nicht derjenige, der gerade einen Jahrhundertsieg errungen hat«, flüsterte er und gab ihr einen weiteren Kuss. »Wenn ich nicht aufpasse, muss ich am Ende noch mein Büro abgeben und wieder bei den Anfängern einziehen.« Er zwinkerte und ging zur Couch zurück, um sich seine Hose vom Boden zu greifen.

Claire wusste, dass das nur ein Scheinargument war. Will war einer der besten Anwälte der Kanzlei, er musste weder um seinen Job noch um sein Eckbüro bangen. Aber sie verstand auch, dass er seinen Termin nicht verschieben würde.

»Ich habe ein Angebot von Miller & Jacobs bekommen.« Wie von selbst hatten sich die Worte von ihrer Zunge gelöst, dabei hatte sie gar nicht vorgehabt, etwas zu sagen.

»Ein Angebot?« Will sah sie aufmerksam an.

Claire legte ihre Hände um den Kaffeebecher, obwohl er längst erkaltet war. »Sie wollen mich zur Partnerin machen.«

»Was?« Er ließ die Hose in seiner Hand sinken, und Claire konnte den Ausdruck auf seinem Gesicht nicht richtig greifen. Begeisterung war es nicht. Überrascht traf es eher. Schockiert?

Gerade als sie befürchtete, er würde nicht mal mehr atmen, stieß er eine gewaltige Menge Luft aus und ließ sich aufs Sofa sinken. »Wow, das ist … großartig.«

»Findest du?«

»Natürlich.« Er schlüpfte erst mit dem einen und dann mit dem anderen Bein in die Hose. »Partnerin bei Miller & Jacobs, mit sechsunddreißig Jahren – das ist phänomenal.« Er versuchte sich an einem Lächeln. »Ich fände es nur schade, wenn … du und ich …« Plötzlich wirkte er wie ein kleiner Junge. Und mit einem Mal beschlich Claire eine Ahnung, worum es hier hing. Er war nicht etwa eifersüchtig und gönnte ihr den Erfolg nicht, wie es bei vielen anderen Männern der Fall gewesen wäre. Will hatte vielmehr Angst, sie zu verlieren – sie und das, was sie verband. Was sie beide ausmachte.

Ein übermächtiges Glücksgefühl rauschte durch Claires Körper und ließ ihr das Blut in die Wangen schießen. Sie glitt vom Hocker und setzte sich neben ihn auf die Couch. »Das könnte auch eine Chance sein.«

Wills Augen flohen vor ihrem Blick. »Natürlich ist das eine Chance. Du bist an der Spitze angekommen und …«

»Ich meine nicht nur für meine Karriere«, unterbrach sie ihn. »Auch für uns beide.«

Verständnislosigkeit zeichnete sich auf seinem Gesicht ab.

»Wenn wir nicht mehr in derselben Kanzlei arbeiten, müssten wir nicht länger Versteck spielen.« Sie holte Luft und verspürte nun doch wieder eine leichte Unsicherheit. »Wir könnten … Du könntest …«

Wills Augen tasteten ihr Gesicht nach einer Antwort ab, und es dauerte erschreckend lange, bis er sie fand. Plötzlich wirkte er geradezu blass. »Du meinst …?«

Claire nickte kaum merklich, bereute es aber sofort. Sie hatte ihn nicht in Verlegenheit bringen wollen, doch genau das war offenbar geschehen.

»Oh«, war das Einzige, was er sagte, und dann eine ganze Weile gar nichts.

Mit jedem Atemzug wuchs Claires Unbehagen. Die Härchen auf ihren Unterarmen stellten sich auf. »Du findest das nicht gut«, sagte sie schließlich und sparte sich das Fragezeichen.

»Doch«, erwiderte Will viel zu schnell, und Claire war verblüfft, wie schlecht er plötzlich lügen konnte. Vor Gericht war er glaubhafter.

»Ich bin einfach überrascht«, begann er sich zu verteidigen. »Ich war darauf nicht vorbereitet.«

»Nicht darauf vorbereitet, dass wir irgendwann den nächsten Schritt gehen und unsere Beziehung offiziell machen?« In ihrer Stimme schwang mehr Enttäuschung mit, als ihr lieb war.

»Natürlich gehen wir irgendwann den nächsten Schritt.« Will atmete durch und legte endlich seine Hand auf ihren Arm. »Mir war nur nicht klar, dass irgendwann jetzt sein soll. Und ich bin nicht besonders gut in solchen Dingen. Gib mir ein wenig Zeit. Dann reden wir in Ruhe darüber.«

Claire schluckte gegen den Widerstand in ihrer Kehle an. Sie wollte das Gesicht abwenden, aber Will nahm noch einmal ihr Kinn und ließ sie nicht wegsehen. »Ich bin sehr, sehr stolz auf dich.« Seine Stimme war nur ein Flüstern. Er rieb über ihren Wangenknochen, als gäbe es dort etwas, was man wegwischen könnte, stand auf und schlüpfte an der Tür in seine Schuhe.

Claire richtete den Blick nach innen, noch lange nachdem die Tür hinter ihm ins Schloss gefallen war.

Die Sache war ein Fehler gewesen. Natürlich war sie das.

Wieso hatte sie es überhaupt ansprechen müssen? Sie hatte doch schon bemerkt, dass sich Wills Begeisterung in Grenzen hielt, als sie ihm die lächerliche Schublade für seine Sachen angeboten hatte.

Mit einem Mal wurde sie wütend, wütend auf sich selbst! Sie war nicht eine der besten Anwältinnen des Landes geworden, um sich wieder wie ein Kind zu fühlen. Verletzlich. Hilflos. Klein.

In den letzten Wochen hatte sie ganz New York City den Atem geraubt mit einem Prozess, den alle Welt als aussichtslos eingestuft hatte. Gestern hatte sie sie eines Besseren belehrt. Sie hatte sich unsterblich gemacht.

Aber was nützte Unsterblichkeit, wenn man sich zum Opfer der eigenen Gefühle machte?

Ruckartig erhob Claire sich von der Couch und trat zurück ans Fenster.

Was für ein Zirkus! Will würde sich schon wieder einkriegen. Es würde sich ein Weg zeigen, irgendein Weg zeigte sich immer. Und bis dahin würde sie das tun, was sie am besten konnte: die Zügel des Lebens fest in der Hand halten und kontrolliert einen Schritt nach dem anderen tun.

New York lag ihr zu Füßen, und dahinter wartete die ganze Welt. Sie würde ganz sicher nicht naiv sein und sich noch mehr Fehltritte leisten. Claire O’Leary ließ sich nicht von ihren Gefühlen in die Irre führen.

Gefasst hauchte sie gegen das kühle Fensterglas, und das kleine Herz, das ihr Finger vorhin so unbewusst gezeichnet hatte, wurde wieder sichtbar.

Diesmal zögerte sie nicht. Entschlossen rieb sie mit der Hand darüber, bis nichts mehr davon zu erkennen war.

Claire O’Leary zeichnete keine Luftschlösser an Fensterscheiben.

Hamburg, Juni 1941

AUF PAPIER

Ich banne meinen Abschied auf Papier,

Bewahre auch die schönen Dinge,

Auf dass ihr Lied fern von zu Haus

Nicht allzu bald verklinge.

Ich lege meinen Kummer in dies Buch.

Die Elbe fließt durch meine Finger auf die Seiten,

Auf dass ihr Rauschen und ihr Ruf

Mich in der Ferne noch begleiten.

Ich bette meine Hoffnung in die Zeilen,

Dass dies, Papa, ein Abschied ist auf Zeit,

Und wir, sobald die Waffen schweigen,

vereint werden: zu zweit.

Du schenkst mir dieses Buch und sagst:

Papier trägt mehr als tausend Worte,

Gibt Flügel der Erinnerung,

Bringt dich nach Haus, egal an welchem Orte.

Ich banne meinen Abschied auf Papier,

Auch wenn die Zeilen schmerzen,

Und trag dich bis ans End’ der Welt

Gleichwohl in meinem Herzen.

GUT GENUG

November 2022

Als Olive um kurz nach elf aus dem Waschsalon kam, hatte der Sturm einen Großteil seiner Kraft eingebüßt, aber es regnete noch immer. Sie war zum dritten Mal nass geworden, aber das kümmerte sie nicht mehr. Sie konnte ohnehin nicht noch tiefer sinken. Vielleicht war das der einzig tröstliche Gedanke an diesem rundum schrecklichen Tag.

Erschöpft stellte sie die Plastiktüte mit der gereinigten Wäsche neben der Wohnungstür ab, streifte sich die durchnässten Stoffschuhe von den Füßen und ließ sich auf die Ledercouch fallen, die sie bei ihrem Umzug nach London vor dem Sperrmüll gerettet hatte.

Zehn Jahre lag das nun zurück. Zehn Jahre, in denen sie von der Zukunft geträumt hatte und davon, irgendwann mal irgendwo anzukommen. Zehn Jahre, in denen sie gehofft hatte, dass sie ihren Platz im Leben finden würde, wie die anderen um sie herum es taten, scheinbar ohne Anstrengung, als wäre es für sie alle nur eine Nebensächlichkeit und nicht der fortwährende Kampf, als den Olive die Suche empfand. Zehn Jahre, in denen sie sich kaum etwas mehr gewünscht hatte, als Teil von etwas zu werden, einen Ort zu finden, an dem ihr Körper, ihr Geist und ihr Herz zur Ruhe kommen konnten und sie so etwas wie Sicherheit verspürte. Zehn lange Jahre, die ihr rückwirkend wie ein einziger, gewaltiger Kraftakt vorkamen. Und trotz all dieser Bemühungen fühlte sie sich jetzt, an ihrem vierunddreißigsten Geburtstag, so allein und so wenig zu Hause wie jemals zuvor.

Olive schlug sich die Hände vors Gesicht und stöhnte in ihre Handflächen. Sie hätte lieber laut aufgeschrien, aber die dumpfen Fernsehstimmen über ihr ließen vermuten, dass Mr Cummings noch wach war, und ihren pedantischen Nachbarn, der jeden Lärm um diese Uhrzeit mit einer Standpauke über Ruhezeiten quittieren würde, konnte sie jetzt am allerwenigsten gebrauchen. Also lieber runterschlucken, die Verzweiflung und Müdigkeit und … was eigentlich noch alles?

Olive horchte in sich hinein, um eine Antwort zu finden, aber der Regen an der Fensterscheibe war lauter. Wenn sie ehrlich war, war sie ganz froh darüber. Ihre Großmutter hatte mit Sicherheit recht gehabt: Wenn sich der Rest der Welt in Dunkelheit hüllte, blieb nur der Blick nach innen. Aber was, wenn es gerade dieser Blick war, der am meisten schmerzte?

Olive drehte sich auf die Seite und starrte ins Leere.

Die Sache mit Joyce hatte dem Ganzen die Krone aufgesetzt. Sie hatte geahnt, dass ihre Chefin sie nicht für die beste Journalistin der Welt hielt, aber das, was sie ihr vorhin so schonungslos offenbart hatte, hatte Olive dann doch den Boden unter den Füßen weggezogen.

Ich glaube nicht an dich.

Du kratzt immer nur an der Oberfläche, schlägst keine Wurzeln in deinen Texten.

Eigentlich weiß ich gar nicht, wer du bist.

Du bist.