Die Halbwertszeit von Glück - Louise Pelt - E-Book
SONDERANGEBOT

Die Halbwertszeit von Glück E-Book

Louise Pelt

0,0
14,99 €
Niedrigster Preis in 30 Tagen: 14,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Ist Glück mehr als nur ein flüchtiger Augenblick?

Was ist eigentlich Glück? Wann hat man verdient, glücklich zu sein? Und kann man das Glück festhalten? Diese Fragen bewegen Mylène, Johanna und Holly zu drei verschiedenen Zeiten an drei verschiedenen Orten dieser Welt. Jede der Frauen versucht auf unterschiedliche Art und Weise, eigene Antworten zu finden. Mylène folgt der Spur eines geheimnisvollen Briefes, der sie nach Amsterdam führt. Johanna rettet einer verletzten 17-Jährigen das Leben. Und Holly kümmert sich um die Familie einer verstorbenen Kollegin. Doch letzten Endes ist es ein gemeinsames Schicksal, durch das die drei Frauen Antworten auf die Frage nach dem Glück finden.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 508

Veröffentlichungsjahr: 2024

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



INHALTSVERZEICHNIS

 

CoverÜber das BuchÜber die AutorinTitelImpressumWidmungMargarethe – November 1938Mylène – April 2019Johanna – November 1987Holly – März 2003Mylène – April 2019Holly – April 2003Johanna – November 1987Mylène – April 2019Holly – Mai 2003Johanna – November 1987Mylène – April 2019Holly – Mai 2003Johanna – November 1987Mylène – April 2019Holly – Mai 2003Johanna – November 1987Mylène – April 2019Holly – Mai 2003Johanna – November 1987Mylène – April 2019Holly – Juni 2003Johanna – Dezember 1987Mylène – April 2019Holly – Juni 2003Johanna – Dezember 1987Mylène – April 2019Holly – August 2003Johanna – Dezember 1987Mylène – April 2019Holly – August 2003Johanna – Dezember 1987Mylène – April 2019Holly – September 2003Johanna – Dezember 1987Mylène – April 2019Holly – April 2019Johanna – Januar 1990Mylène – April 2019Mylène – Mai 2019Danke

ÜBER DAS BUCH

 

Paris 2019: Mylènes Glück steht eigentlich nichts mehr im Weg. Doch dann stellt eine erschütternde Enthüllung ihre ganze Welt auf den Kopf.

DDR 1987: Johanna findet eine verwundete 17-Jährige im Wald und versteckt sie vor den Grenztruppen. Unversehens wird Johanna mit einer Vergangenheit konfrontiert, von der sie glaubte, sie längst hinter sich gelassen zu haben.

Los Angeles 2003: Hollys Kollegin ist bei einem Unglück gestorben, weil sie für Holly eingesprungen ist. Von Schuldgefühlen geplagt, setzt Holly alles daran, deren Familie etwas Glück zurückzugeben.

ÜBER DIE AUTORIN

 

Louise Pelt wurde 1982 in Hamburg geboren. Mit dem Kinderopernchor bereiste sie früh die Welt, studierte anschließend Anglistik und Germanistik und schrieb einige Jahre für Film und Theater. DIE HALBWERTSZEIT VON GLÜCK schrieb sie als Roman, obwohl vieles und viele dagegensprachen. Vielleicht ist Mut ihre größte Superkraft – auf jeden Fall aber hat er ihre schönste Geschichte hervorgebracht. Sie lebt mit ihrer Familie zwischen Alster und Elbe.

Vollständige eBook-Ausgabe

des in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes

 

Originalausgabe

 

Dieses Werk wurde vermittelt durch die Michael Meller

Literary Agency GmbH, München.

 

Copyright © 2023 by Louise Pelt

Copyright © 2023 by

Bastei Lübbe AG, Schanzenstraße 6–20, 51063 Köln

 

Vervielfältigungen dieses Werkes für das Text- und

Data-Mining bleiben vorbehalten.

 

Umschlaggestaltung: Massimo Peter-Bille

Einband-/Umschlagmotiv: © pluie_r / Shutterstock.com

eBook-Erstellung: Dörlemann Satz, Lemförde

ISBN 978-3-7517-5625-9

luebbe.de

lesejury.de

 

 

* * *Für AlNoch immer, für immer.Du fehlst.

MARGARETHE

November 1938

Sie wusste, dass es keine gute Idee war, das Haus jetzt noch zu verlassen, es war sogar ausgesprochen dumm. Ihre Mutter hatte sie angefleht, nicht zu gehen, hatte auf das Kind im Bett verwiesen, und selbst ihr Vater war laut geworden, dabei hatte er sich das in all den Jahren mit seiner eigensinnigen Tochter stets verkniffen.

Aber hatte sie denn eine Wahl? Verstanden ihre Eltern nicht, dass sie nicht anders konnte, als noch einmal loszulaufen und sich zu versichern, dass alles in Ordnung war?

In Ordnung. Margarethe musste sich das Lachen versagen, das sich ihre Kehle hinaufdrängte, bitter und zäh. Seit einigen Jahren schon war nichts mehr in Ordnung, sie waren nur sehr gut darin geworden, sich etwas anderes einzureden. Wenn das Unmögliche Wirklichkeit wurde, blieb nicht viel mehr als der Schmerz über die eigene Kurzsichtigkeit.

Sie hatte sich kaum dafür interessiert, als Hitler zum Reichskanzler ernannt worden war, hatte zwar die besorgten Blicke ihrer Eltern bemerkt, die Worte, die ungesagt blieben, sobald sie den Raum betrat, doch echte Sorgen hatte sie sich nicht gemacht.

Was kümmerte sie schon das bisschen Politik? War letztere nicht genauso flüchtig wie die Mode, so unbeständig wie ein Frühlingswind, launisch vielleicht, aber im Grunde doch harmlos?

Doch das, was dann gekommen war, war nicht nur ein Lüftchen.

Es war ein Sturm, und mittlerweile verstand Margarethe, dass er noch lange nicht vorüber war.

Max und sie hatten sich schon eine Ewigkeit gekannt, ohne dass es jemals etwas bedeutet hätte. Seit sie denken konnte, hatte ihr Vater seine Uhren bei den Goldbergs gekauft, »solides Handwerk, tadellose Qualität«. Margarethe fragte sich manchmal, ob er es wohl bereute, sie für die Reparatur in den Laden geschickt zu haben, ob er sich manchmal wünschte, die Zeit zurückdrehen zu können. Das, was zwischen Max und ihr passiert war an jenem siebten Februar vor bald vier Jahren, ließ sich jedenfalls nicht zurückdrehen, es ließ sich nicht wegwischen und auch nicht verbieten. Die Liebe war kein bloßes Gefühl, sondern eine Wahrheit. Wer sie einmal erkannt hatte, konnte weder Augen noch Herz davor verschließen. So war es, wenn man etwas fand, was man nicht gesucht hatte.

Ihre Eltern mochten Max, so wie sie seine Familie im Grunde mochten. Vernünftige Leute waren diese Goldbergs, die gute Arbeit leisteten und damit zu einem kleinen Wohlstand gekommen waren. Warum nur mussten sie Juden sein?

Nicht dass Charlotte und Carl Freygang etwas gegen Juden gehabt hätten, für sie zählte der Mensch und nicht seine Konfession. Aber die Umstände legten nun mal nahe, dass es nicht einfach werden würde.

Max und seine Eltern redeten sich ein, dass es sich nur um eine vorübergehende politische Laune handelte, und auch Margarethe versuchte daran festzuhalten. Wie schlimm konnte es schon werden? Die Leute würden bestimmt rechtzeitig zur Vernunft kommen.

Als sie vor zwei Jahren festgestellt hatten, dass sie schwanger war, hatte Max nicht eine Sekunde gezögert und um ihre Hand angehalten. Ihre Eltern hatten sie schon zuvor gedrängt, mit der Ehe zu warten, bis sich alles etwas beruhigt hatte. Aber wie es aussah, warteten sie vergeblich.

Irgendwann hatte sich auch Max auf die Seite von Carl und Charlotte gestellt und sie überredet, das Kind im Elternhaus zu bekommen und aufzuziehen. Für Johanna war ihr Vater bisher ein Besucher geblieben.

»Sobald Ruhe einkehrt, holen wir alles nach«, versicherte Max wieder und wieder, und sie gab sich große Mühe, ihm zu glauben. Sie hegte keinen Zweifel an der Aufrichtigkeit seiner Absichten, aber die Sache mit dem Beruhigen bereitete ihr schlaflose Nächte. Würde denn jemals wieder Ruhe einkehren in diesem Land? Im Moment sah es nicht danach aus.

Schon vor Jahren waren die Leute angehalten worden, nicht mehr in jüdischen Geschäften einzukaufen, aber das hier ging weit darüber hinaus. Sie hatte noch nicht verstanden, was der genaue Auslöser gewesen war, warum es überhaupt passierte und gerade jetzt, doch eines wusste Margarethe mit Gewissheit: dass Max und seine Familie in Gefahr waren. Vor einigen Monaten hatten seine Eltern ihre Wohnung verloren und waren bei Freunden untergekommen. Max selbst wohnte seitdem im hinteren Teil der Uhrmacherei – und dort musste Margarethe ihn jetzt unbedingt finden.

»Geh nach Hause, Mädchen!« Ein Mann mit schwarzen Händen und aufgeschürften Hosen lief ihr entgegen und deutete die Straße hinab. »Dahinten ist die Hölle los!«

Margarethe konnte nicht sagen, wie alt er war, und noch viel weniger, ob er zu den Guten oder den Bösen gehörte – wer konnte das heute schon noch? Aber selbst wenn sein Rat gut gemeint war, konnte sie ihn nicht befolgen. Sie würde keine Ruhe finden, bevor sie nicht wüsste, dass es Max gut ging.

Wenn nur das verfluchte Kopfsteinpflaster nicht wäre! Ein paar Mal war Margarethe beim Laufen bereits umgeknickt und fast gestürzt, der linke Knöchel schmerzte im enggebundenen Stiefel – und beinahe war sie dafür dankbar. Solange sie sich auf ihren Fuß konzentrieren konnte, musste sie nicht fühlen, wo Schmerz und Angst sonst noch schwelten. Konnte eine kleine Hölle sie am Ende vor einer größeren bewahren?

Wohl kaum. Das Chaos überall ließ sich nicht ausblenden. Das Leben hatte Feuer gefangen wie die Papierseiten eines Buches, und nun schrieb die Welt eine neue Geschichte.

Klirrende Fensterscheiben, das Fauchen von Flammen, Gebrüll und Schreie. Margarethe ballte die Hände zu Fäusten und sandte in Gedanken ein stummes Gebet aus.

Doch als sie ihr Ziel endlich erreicht hatte, sah sie, dass alles Hoffen vergebens war: Das Schaufenster der Uhrmacherei H. G. Goldberg war zerschlagen, Flammen griffen aus dem Ladeninneren nach draußen.

»Max!« Margarethe fuhr mit den Fingern in den Kragen ihres Mantels, weil es sonst nichts gab, woran sie sich hätte festhalten können, und stürmte auf das Geschäft zu. Auf der Straße drängten sich Hunderte Menschen, Bewohner und Geschäftsleute aus den umliegenden Häusern, aber auch Plünderer und solche, die für diesen Albtraum verantwortlich waren, Regisseure des Unvorstellbaren.

»Max!« Margarethe riss ein paar Männer zu sich herum, doch sie blickte immer nur in leere Gesichter. Irgendwo musste er doch stecken!

Der Rauch brannte in ihren Augen und machte ihr das Atmen schwer. Energisch packte sie eine schmale Frau an der Schulter und schrie ihr ins Gesicht: »Max Goldberg! Haben Sie den jungen Goldberg gesehen?«

Die Fremde schüttelte erschrocken den Kopf.

Jetzt erst bemerkte Margarethe, dass die Frau ein Kind im Arm hielt, ungefähr so alt wie Johanna. Beide trugen nicht mehr als ein Nachthemd am Leib. Nur einen Herzschlag später ertönte ein Knall aus einem der brennenden Geschäfte.

»Wir müssen weg«, flüsterte die Frau und wollte mit dem hustenden Kind davonlaufen, aber Margarethe hielt sie am Arm zurück.

»Warten Sie!« Sie schlüpfte aus ihrem Mantel und legte ihn der Frau über die Schultern. Verwirrt blickte sie in Margarethes Augen, aber bevor sie etwas sagen konnte, schob Margarethe sie schon von sich und lief auf die brennende Uhrmacherei zu.

»Max!« Sie schrie seinen Namen, doch gegen das lärmende Feuer hatte sie keine Chance. Nie im Leben hätte sie sich ausmalen können, dass so etwas geschehen könnte, dass es überhaupt möglich wäre. Sie hatte auf das Gute im Menschen vertraut, auf die Vernunft gebaut, aber nun wurde sie von einer Wirklichkeit überwältigt, an die sie nicht hatte glauben können und wollen. Der Mensch war kein Mensch mehr, sondern ein Monster. Und in diesem Moment griffen seine Klauen nach Max und ihrem Glück.

Margarethe kletterte durch die zerbrochene Schaufensterscheibe und wurde von einem Beben erschüttert. Sie konnte nicht sagen, ob es der Boden war, der unter ihren Füßen schwankte, oder nur ihre Knie, die vor Angst zitterten, aber sie hatte Mühe, sich auf den Beinen zu halten. Auf der Straße hörte sie dumpf Menschen schreien, sie solle zurückkommen, aber sie schenkte ihnen keine Beachtung. Sie musste Max finden und ihn hier rausholen, koste es, was es wolle.

Ungläubig wanderte Margarethes Blick durch das Geschäft, das sie in den vergangenen Jahren wie ein zweites Zuhause zu lieben gelernt hatte. Die Schränke und Auslagen waren zertrümmert worden, und die Flammen fraßen sich an den Vorhängen und Holzvertäfelungen hinauf an die Decke. Hier hatte Max ihr erklärt, wie sich die Zeit zusammensetzt. Momente, die aus Sekunden bestanden und Ewigkeiten standhielten.

Nicht mehr lange, dann würde alles in sich zusammenfallen.

»Max!« Hustend stieg Margarethe über die Trümmer in Richtung Werkstatt. Der Rauch war so dicht, dass sie im hinteren Teil des Ladens kaum etwas erkennen konnte. »Max, ich bin es!« Sie rang nach Atem, aber in der Luft lag nur Verderben. »Max!« Ihre Rufe gingen in ein hässliches Keuchen über, und Margarethe musste würgen. Röchelnd ging sie in die Knie, und mit einem Mal drängte sich ein schrecklicher Gedanke in ihr schwindendes Bewusstsein. Wenn sie Max verlieren würde – was nützte es dann noch, weiterzumachen?

Plötzlich gaben ihre Beine dem Gift der Gedanken und des Feuers nach, und sie sank zu Boden. Während ihre Wange auf die Dielen glitt, spürte sie, wie eine überwältigende Müdigkeit Besitz von ihr ergriff. Der Schlaf drängte sich über sie wie eine Flutwelle, die kein Damm halten konnte, begrub ihre Angst unter einer Decke aus Träumen, tröstlich und weich.

Max war dort hinter ihren Augenlidern. Er wartete auf sie unten am Fluss im Schein der untergehenden Sonne, sein Umriss ein Kranz aus Gold. Er streckte die Hand nach ihr aus, zog sie in seine Arme, warm und vertraut, flüsterte ihr etwas ins Ohr, wie er es so oft getan hatte.

Konnte sie nicht selbst bestimmen, wie diese Geschichte ausging? Sie musste nur loslassen, musste sich nur …

In diesem Moment packte sie jemand und riss sie in die Höhe. »Wir müssen hier raus!«

Benommen schlug sie die Augen auf und blinzelte in das Gesicht eines Mannes. Es war Friedrich – oder Fritz, wie Max seinen alten Schulfreund zu rufen pflegte.

Margarethe versuchte sich aus seinem Griff zu befreien, aber sie war zu schwach. Er hustete selbst, seine Augen tränten vom Feuer, und trotzdem presste er ihr einen feuchten Lappen vor Mund und Nase. Ein Balken brach und fiel krachend von der Decke, versperrte den Weg zur Tür. Margarethe schloss die Augen und spürte, wie Fritz sie auf die Arme nahm, über Scherben, Schutt und Verderben stieg und sie durch Hitze und Lärm in ein anderes Leben trug.

Erst als er sie auf seinem schmalen Bett absetzte, konnte Margarethe wieder einen klaren Gedanken fassen. Alarmiert glitt ihr Blick durch das schlichte Zimmer.

»Ist Max hier? Versteckt er sich bei dir?« Doch sie kannte die Antwort bereits. Die Kammer bot keinen Raum für Geheimnisse.

Fritz schob die Hände in die Hosentaschen und sah zu Boden. »Sie haben ihn weggeschleppt. Er hat sich gewehrt …«

Margarethe wünschte, sie hätte sich verhört, aber das Unglück in Friedrichs Gesicht ließ keinen Zweifel. Am liebsten hätte sie geschrien und geweint, um sich geschlagen wie ein Kind, aber als sie in sich hineinhorchte, war da nur Leere.

Das Monster hatte sie von innen ausgehöhlt.

Fritz setzte sich zögerlich zu ihr aufs Bett, und zwischen ihnen nahm das Schweigen Platz. Irgendwann schob er die schmutzigen Hände unters Gestell und zog einen kleinen Gegenstand hervor. »Er wollte, dass du das hier bekommst. Eigentlich war es für Johanna und dich zu Weihnachten gedacht.« Behutsam legte er ein Paket in Margarethes Schoß. Es war etwas größer als eine Zuckerdose und in eins von den Taschentüchern gewickelt, die sie im Sommer am Fluss für Max bestickt hatte.

Beinahe mechanisch wickelte Margarethe das Tuch ab, und ein rotbraunes Holzkästchen kam zum Vorschein. Ihre Finger zitterten so stark, dass Fritz ihr beim Öffnen helfen musste.

Es war eine Spieluhr. Max hatte eine Spieluhr für sie gemacht.

Kaum war der schwere Deckel aufgeklappt, begann in ihrem Inneren ein Pärchen zu tanzen. Als Margarethe die Melodie erkannte, stiegen ihr Tränen in die Augen. Es war das Lied, das Max während seines Lehrjahrs in Frankreich gelernt hatte, das Lied, zu dem er jeden Nachmittag mit Johanna durch die Stube tanzte, als läge ihnen die Welt zu Füßen. Obwohl es absurd war, musste Margarethe lächeln.

Erst als die Melodie verklungen und das Pärchen zum Stillstand gekommen war, nahm sie die feinen Linien im Inneren des Deckels wahr. Sie musste die Gravur dreimal lesen, bevor die Bedeutung der Worte in ihren Verstand vorgedrungen war, doch dann gab es kein Halten mehr.

Ihr Körper zitterte, sie rang nach Luft, und Tränen strömten über ihr Gesicht, während der Schmerz mit aller Macht aus ihr herausbrach. Max würde nicht zurückkommen.

Aber sie würde ihre Geschichte weiterschreiben müssen, wenn nicht um ihrer selbst willen, dann zumindest für Johanna. Nur wie sollte das gehen?

Margarethe schluchzte auf und wusste nicht, woher sie die Kraft nehmen sollte, jemals wieder aufzuhören, da spürte sie, wie Fritz vorsichtig seinen Arm um ihre Schultern legte.

Mit einem Beben gab ihr Körper den Widerstand auf, und sie sank in Friedrichs Armen zusammen, löste sich auf in der Umarmung dieses Freundes, der ihr dennoch fremd war. Wie hätte sie in diesem Moment ahnen sollen, dass er sie noch viele Jahre halten würde?

MYLÈNE

April 2019

Zaghaft erklomm das Licht den Vorsprung, kroch über das Fensterbrett und drängte sich durch den Spalt zwischen den schweren Vorhängen. Am liebsten hätte Mylène sich auf die andere Seite gedreht, um nicht hinsehen zu müssen, aber sie wagte es nicht, sich zu bewegen. Wollte nicht einen einzigen Millimeter abrücken von dort, wo sie sich gerade befand. Stattdessen schloss sie die Augen und spürte das Gewicht von Frédérics Arm, der sich von hinten um ihren Oberkörper schloss, seinen gleichmäßigen Atem in ihrem Nacken.

Vielleicht war das hier nur ein Traum. Vielleicht konnte sie für den Rest ihres Lebens liegen bleiben, nackt und warm, in diesem Augenblick, der nach Mandeln roch. Was sprach dagegen zu bleiben, wenn man sein Zuhause gefunden hatte?

Luc zum Beispiel, schoss es ihr unvermittelt durch den Kopf, und als sie bei diesem Gedanken blinzelte, musste sie feststellen, dass auch das Licht der Morgensonne zu einer Warnung angeschwollen war. Es sickerte wie Sirup zwischen den Vorhängen hindurch, drang rücksichtslos auf den Teppichboden vor und machte Zentimeter für Zentimeter ein beeindruckendes Ballett aus Staubkörnern zu Mylènes Füßen sichtbar. Sie würde zu spät kommen, wenn sie jetzt nicht aufstand.

Frédéric machte sich regelmäßig darüber lustig, dass sie die Vorhänge vor dem Schlafengehen immer ein Stück zurückzog, damit die Lichter der Pariser Nacht zu ihnen hereinsickerten, und in diesem Moment verfluchte Mylène sich dafür. Mitten in der Nacht mochte dieser Spalt sie vor der Dunkelheit bewahren und ihr Sicherheit spenden, aber nun ließ er nicht zu, dass sie weiter die Augen verschloss, betäubt von etwas, das man wohl als »Glück« bezeichnen musste.

War sie nicht viel zu weit gekommen, um noch vor irgendetwas Angst zu haben? Dass sie sich auch heute noch, mit einunddreißig Jahren, vor der Finsternis fürchtete, versetzte Mylène einen Stich.

Nachdenklich tastete sie nach dem kleinen silbernen Schlüssel, der an der dünnen Kette um ihren Hals hing. Er fügte sich perfekt in die Mulde zwischen ihren Schlüsselbeinen.

»Das ist die Drosselgrube«, hatte Frédéric ihr am Ende ihrer ersten gemeinsamen Nacht ins Ohr geraunt. »Da hat Gott dich mit seinem Finger berührt.« Mylène glaubte nicht an Gott, und sie wollte gar nicht wissen, wie vielen Frauen er zuvor schon von der »Drosselgrube« erzählt hatte, aber das Bild fand sie trotzdem schön. Ein Fingerabdruck zwischen ihren Schlüsselbeinen, dort, wo manchmal ihr Herz pochte. Eine Berührung, die Spuren auf ihr hinterlassen hatte, eine Erinnerung daran, dass sie nicht alleine war.

Alleine. Wie kam sie immer wieder auf diesen albernen Gedanken? Kaum merklich schüttelte Mylène den Kopf. Natürlich war sie nicht alleine, sie war es nie gewesen. Sie hatte schließlich Frédéric, ihre Eltern und Freundinnen und außerdem die Mitarbeiter ihrer kleinen Firma. War es vor diesem Hintergrund nicht lächerlich, dass sie sich immer öfter davon überzeugen musste, nicht allein zu sein? Sicher war das nur die Anspannung vor der Hochzeit.

Kurz vor Weihnachten hatte Frédéric um ihre Hand angehalten, in wenigen Wochen würden sie heiraten. Seine Eltern hätten gern noch etwas mehr Vorlauf gehabt – in der Familie Leclerc war es Tradition, bei Feierlichkeiten nicht zu kleckern, sondern zu klotzen, und um das volle Programm aufzufahren, brauchte es erfahrungsgemäß ein bis zwei Jahre. Aber Mylène und Frédéric waren sich einig gewesen, so schnell wie möglich heiraten zu wollen, und im Grunde waren auch Frédérics Eltern froh, dass ihr Sorgenkind endlich den richtigen Weg eingeschlagen hatte. Jahrelang galt ihr zweitjüngster Sohn als Schürzenjäger, der ewige Junggeselle, jede Nacht eine neue, namenlose Frau, unzählige Drosselgruben. Die Klatschpresse hatte ihre helle Freude an Frédéric Leclerc.

Mylène hatte von all dem nichts gewusst, als sie vor anderthalb Jahren mit ihm im Aufzug stecken geblieben war. Dreieinhalb Stunden, fast 12600 Sekunden, so lange hatte es gedauert, bis die Techniker die Türen aufgestemmt und Mylène und Frédéric zwischen dem fünften und sechsten Stockwerk aus dem Aufzug gezogen hatten. 12600 Sekunden – dabei hatte ein Wimpernschlag gereicht, um ihre Welt aus dem Gleichgewicht zu bringen. Eine einzige Sekunde genügte, um aus zwei Fremden eine neue Ewigkeit zu machen.

Er hatte ihr mit einem Kugelschreiber seinen Namen und eine Handynummer auf den Unterarm geschrieben, aber auch dann hatte Mylène noch nicht verstanden, an wen sie ihr Herz verschenkt hatte.

Erst ihre beste Freundin Céline hatte ihr Stunden später die Augen geöffnet. »Frédéric Leclerc? Du meinst den Frédéric Leclerc?«

Mylène hatte sich nie für Klatsch und Tratsch interessiert, und genauso wenig wollte sie nun wissen, wie vielen Frauen er schon das Herz gebrochen hatte, ob er dabei gelegentlich zu tief ins Champagnerglas sah und das Erbe seiner Familie verprasste. Das Einzige, was sie interessierte, war der Mann, der sich nach einer halben Stunde mit ihr auf den Aufzugboden gesetzt und die Schuhe von den Füßen gestreift hatte. Der Mann, der so lange und so komisch Bruce Willis imitiert hatte, bis sie vor Lachen Bauchschmerzen bekommen hatte. Der Mann, der ihr erzählt hatte, wie er sich als Kind manchmal unter dem Bett verkrochen hatte, weil sein Zimmer viel zu groß gewesen war für einen kleinen Jungen, der sich nur nach etwas Nähe sehnte.

»Du rufst ihn doch an?«, hatte Céline sie gedrängt, aber dazu hatte sie keine Gelegenheit gehabt. Frédéric war ihr zuvorgekommen, hatte all das, was sie auf dem Aufzugboden preisgegeben hatte, aufgesaugt wie ein Schwamm, und stand am nächsten Morgen in aller Frühe mit einer Tüte warmer Croissants vor der Tür ihrer kleinen Firma.

Luc hatte eine mittelgroße Panikattacke bekommen, als er sie gemeinsam auf dem rosafarbenen Sofa im Eingangsbereich hatte sitzen sehen. Er war schon seit vielen Jahren heillos verknallt in den Frédéric Leclerc aus den Hochglanzmagazinen.

Luc … Beim Gedanken an ihren Assistenten verzog Mylène das Gesicht. Vermutlich würde er ihr eine filmreife Szene machen, wenn sie nicht wie verabredet um halb neun ins Büro kam. Mylène liebte Luc Richard heiß und innig, aber er hatte einen ausgeprägten Drang zu dramatischen Auftritten. Deshalb war es auch nicht ratsam, noch mehr Zeit in diesem Bett zu verlieren.

Vorsichtig drehte sie sich unter Frédérics Arm auf die andere Seite. Wenn er schlief, war er so schön, dass es fast lächerlich war und sie dem Impuls widerstehen musste, ihn immerzu zu berühren. Seine dichten schwarzen Wimpern waren ihr als Erstes aufgefallen und gleich danach die Augen, tief wie Brunnen ohne Böden. Frédérics Augen waren die einzige Dunkelheit, vor der sie sich nicht fürchtete.

Wieder schlossen sich Mylènes Finger um den Anhänger an ihrem Hals. Niemand konnte sich erinnern, wo das ungewöhnliche Schmuckstück hergekommen war, aber Henri und Marianne Benoît erzählten mit großer Leidenschaft davon, dass ihre Tochter ihren Glücksbringer nicht mehr abgelegt hatte, seit sie im Stande gewesen war, das Wort »Nein« zu sagen.

Dabei war der Anhänger für Mylène viel mehr als ein Glücksbringer – er war ihr Wegweiser. Wann immer sie haderte oder unsicher war, hielt sie sich daran fest, und es schien, als würde der Schlüssel ihr die richtige Tür öffnen. Als sie vor drei Jahren die Agentur verlassen hatte, um eigene Ideen zu verwirklichen und einen Lippenstift aus Naturprodukten auf den Markt zu bringen, hatten ihr alle vehement abgeraten – nur der Schlüssel hatte ihr etwas anderes zugeflüstert. Als sie sich unter unzähligen Bewerbern ausgerechnet für den aufgekratzten Luc entschieden hatte, war der Schlüssel ausschlaggebend gewesen, und auch bei der Entscheidung für Frédéric hatte er eine Rolle gespielt. Für welches Schloss auch immer er ursprünglich bestimmt war, es schien, als läge Mylènes Weg dahinter.

Ihr nächster Weg führte allerdings ohne Zweifel aus dem warmen Bett heraus, Mylène musste es nur schaffen, sich endlich aufzuraffen. Vorsichtig löste sie die Finger von ihrem Anhänger und strich Frédéric eine Strähne aus der Stirn, und er öffnete die Augen. Als er Mylènes Gesicht so dicht vor seinem sah, musste er grinsen. »Wie lange starrst du mich schon an?«

»Wie lange fändest du denn in Ordnung?«

Frédérics Mundwinkel zuckten, dann rückte er näher und legte seine Lippen auf ihre. Seine Küsse waren niemals nur Küsse, sie waren der Anfang von etwas, das kein Ende kannte, wie ein Kreis, der sich schloss und sich dabei sowohl Zeit als auch Raum einverleibte. Mylène liebte es, sich in diesem Kreis aufzulösen, aber heute musste sie so stark sein, daraus auszubrechen.

»Ich muss ins Büro«, flüsterte sie und versuchte sich aus dem Bett zu rollen, doch er hielt sie zurück.

»Wirklich?«

»Heute kommt der Einkäufer von Robertson & Robertson, und Luc will noch das Portfolio mit mir durchgehen.«

»Das könntest du doch auch mit mir durchgehen«, schlug er vor und zog sie zurück in seinen Arm.

»Das Portfolio?« Mylène hob belustigt die Augenbrauen, aber Frédéric rückte bereits auf und arbeitete sich mit flüchtigen Küssen ihre Schulter hinauf.

»Ich würde dir alles abkaufen.«

Mylène schob ihn sanft von sich. »Du sollst mir gar nichts abkaufen, sondern die Kunden im europäischen Ausland! Stell dir mal vor, man könnte meine Lippenstifte auch in Deutschland oder der Schweiz kaufen. Das wäre ein Riesenerfolg für Choupinette!«

Frédéric stützte sich seufzend auf seinen Unterarm. »Wenn du mir endlich erlauben würdest, meine Eltern mit ins Boot zu holen, gäbe es deine Lippenstifte bald auf der ganzen Welt und nicht nur in Europa.«

Jetzt fing das wieder an. Mylène richtete sich auf und musste sich ein Stöhnen verkneifen. »Choupinette ist mein Baby.«

»Es will dir ja auch keiner wegnehmen.«

»Ich brauche die Hilfe von Charles und Antoinette nicht, Frédéric. Ich habe es bisher alleine geschafft, und ich werde es auch in Zukunft alleine schaffen.« Sie schwang die Beine aus dem Bett und griff nach ihrem Morgenmantel.

»Ich meine ja nur.« Frédéric legte versöhnlich den Kopf schief. »Du musst nicht länger deine Lippenstifte essen, um deine Firma groß zu machen.«

Mylène stieß ein ungläubiges Lachen aus. »Ich esse meine Lippenstifte nicht.«

»Du hast vor laufender Kamera in ein sattes Kirschrot gebissen.«

»Um mein Werbeversprechen unter Beweis zu stellen«, erwiderte sie und schloss endlich ihren Morgenmantel. »Unsere Produkte sind derart natürlich, dass man sie auch …«

»… problemlos verzehren kann«, beendete Frédéric grinsend ihren Satz und lehnte seinen Oberkörper gegen das gepolsterte Kopfteil.

Mylène sah ihn sprachlos an, aber in seinem Blick lag so viel Hingabe, dass sie ihm unmöglich böse sein konnte. »Mach dich ruhig lustig über mich«, raunte sie, beugte sich zu ihm runter und verweilte mit ihren Lippen gefährlich dicht vor seinen. »Aber dieser Talkshow-Auftritt hat eine gewaltige Welle losgetreten – und ich werde jetzt diesen Einkäufer treffen und sie noch viel größer werden lassen.« Sie fuhr grinsend zurück, bevor sich ihre Lippen berühren konnten, und hörte, wie Frédéric in ihrem Rücken seufzte. »An den Termin heute Mittag denkst du aber, oder?«

Ertappt drehte Mylène sich zu ihm um. »Heute Mittag?«

»Sag nicht, du hast es vergessen!« Offenbar ließ ihr Gesichtsausdruck keinen Spielraum für Zweifel, denn im nächsten Augenblick stöhnte er bereits und warf seinen Kopf in den Nacken. »Verdammt, Mylène. Heute ist die Weinprobe mit meinen Eltern.«

Die Weinprobe, natürlich. »Ich … habe sie nicht vergessen. Ich hatte nur nicht auf dem Schirm, dass sie heute stattfinden soll.« Mylène zuckte möglichst gefasst mit den Schultern. »Können wir die nicht verschieben?«

»Verschieben?« Frédérics Blick sprach Bände. »Jacques ist für Monate ausgebucht, meine Eltern haben diesen Termin vor acht Wochen ausgemacht.«

»Aber ich habe Céline ein Mittagessen versprochen«, gab Mylène zerknirscht zu. »Du weißt doch, dass sie sich von Matthieu getrennt hat. Sie hat schrecklichen Liebeskummer.«

»Céline hat immer schrecklichen Liebeskummer! Wenn du ›Liebeskummer‹ googelst, erscheint ihr Foto.«

Mylène musste lächeln. Er hatte ja recht – und trotzdem war es undenkbar, ihre beste Freundin in dieser Situation hängen zu lassen.

»Ich habe doch ohnehin keine Ahnung von gutem Wein«, wagte Mylène einen weiteren Vorstoß. »Dein Vater redet die ganze Zeit über sein Boot, und deine Mutter will nur wieder wissen, ob ich apricot- oder lachsfarbene Servietten bevorzuge – dabei sehe ich nicht mal einen Unterschied.«

Frédéric hob die Augenbrauen. »Und was soll das bedeuten?«

»Vielleicht … kannst du einfach sagen, ich hätte einen wichtigen Termin?«, schlug sie vor und setzte sich zurück auf die Bettkante.

»Ich soll für dich lügen?«

»Nicht lügen! Nur … die Wahrheit ein bisschen verdrehen.«

»Das nennt man lügen.« Frédérics Mundwinkel zuckten amüsiert.

Mylène stöhnte. Ihr Blick fiel auf den Lichtstreifen an der Wand, eine Mahnung in sattem Weißgelb, und ihr kam eine Idee. »Und wenn ich dir ein Tauschgeschäft vorschlage?«

»Ein Tauschgeschäft?« Frédérics Interesse schien geweckt.

Mit einem vielsagenden Lächeln stand Mylène auf und löste den Gürtel ihres Morgenmantels. Während die cremefarbene Seide von ihren Schultern rutschte und lautlos auf den Teppichboden floss, flackerte etwas in Frédérics Augen, das sie nur allzu gut kannte.

»Du wirst zu spät kommen.«

»Ich weiß«, erwiderte sie und glitt grinsend zurück ins Bett.

Luc stand das Entsetzen ins Gesicht geschrieben, als sie um kurz nach neun endlich durch die Bürotür platzte. Er hatte unzählige Talente, aber seine Gefühle unter Verschluss zu halten gehörte nicht dazu.

»Ich weiß, ich bin spät dran«, setzte sie zu einer Erklärung an, aber Luc hatte das Interesse an einer solchen verloren.

»Wie siehst du denn aus?«, fiepte er zwei Oktaven jenseits des Erträglichen und stürmte auf sie zu, um ihr den Fahrradhelm vom Kopf zu reißen. »Wie oft habe ich dir schon gesagt, dass du dir so was nicht erlauben kannst?« Fassungslos deutete er auf die Frisur, die unter dem Helm zum Vorschein kam.

Mylène verdrehte die Augen. Sie hatten diese Diskussion schon unzählige Male geführt, und sie hatte keine Lust, sie ausgerechnet heute zu wiederholen. Entschieden nahm sie ihren Helm zurück. »Weißt du, was ich mir nicht erlauben kann? Ein Schädel-Hirn-Trauma! Für dich wäre das im Übrigen auch nicht gut: Wenn ich eins hätte, wärst du nämlich deinen supercoolen Job los.« Sie lächelte, aber Luc ging nicht darauf ein.

Stattdessen hob er seine linke Augenbraue und verschränkte die Arme vor der Brust. »Nichts ist so unsexy wie ein Fahrradhelm – oder hast du Frédéric schon mal mit so einem Teil gesehen?«

Frédéric mit einem Helm? Allein der Gedanke daran brachte Mylène zum Lachen. »Er besitzt nicht mal ein Fahrrad. Warum sollte er einen Helm tragen?«

Luc fühlte sich dadurch offenbar bestätigt. »Siehst du! Ein Mann von seinem Format würde sich so etwas nie antun. Deshalb verstehe ich nicht, dass er dich ins offene Messer laufen lässt.«

Mylène runzelte erwartungsvoll die Stirn, aber es dauerte einen Moment, bis Luc mit einem theatralischen Seufzen nachgab und entschuldigend die Hände hob. »Ich meine ja nur! Wieso hat er dir nicht längst ein Auto geschenkt? Oder wenigstens einen seiner Fahrer für dich abbestellt?«

In Wirklichkeit war beides längst geschehen, aber Mylène hatte Frédérics Angebote nicht nur entschieden abgelehnt, sondern sie bis dato auch erfolgreich vor Luc verheimlicht.

»Ich fahre gern mit dem Rad, frische Luft und Bewegung tun mir gut. Und außerdem muss ich nicht sexy sein. Meine Geheimwaffen heißen ›Charme‹ und ›Intelligenz‹ – damit habe ich bisher noch jeden Geschäftspartner überzeugt.« Mit einem Zwinkern schob sie sich an Luc vorbei, doch der hielt sie am Handgelenk zurück.

»Meinst du denn, dein ›Charme‹ und deine ›Intelligenz‹ bereiten einen Kaffee für Etienne zu – oder soll ich das übernehmen?«

Mylène blieb wie angewurzelt stehen. Hatte er »Etienne« gesagt? Nur mit Mühe schaffte sie es, ihren Mund wieder zu schließen. »Etienne ist hier? Du meinst Etienne von …?«

Luc schien ihre Verunsicherung auf seltsame Weise zu genießen. »Dein Etienne von damals, jawohl. Er ist jetzt Einkäufer für Robertson & Robertson – und wie es scheint, ist er extra aus Berlin angereist. Ich habe dir in der letzten halben Stunde etwa zweihundert Textnachrichten geschickt, aber du hast es offenbar nicht für nötig gehalten, auf dein Telefon zu sehen.«

Während Luc eine gewisse Schadenfreude zu empfinden schien, hatte Mylène plötzlich Schwierigkeiten, das Gleichgewicht zu halten. Dass ausgerechnet Etienne hier sein sollte, warf sie nicht nur aus der Bahn, sondern gleich aus Raum und Zeit. Sie hatte ihn seit zehn Jahren nicht mehr gesehen, sie hatten ja nicht einmal telefoniert in all der Zeit! Und trotzdem stand sie nun vollkommen neben sich, als sie seinen Namen hörte. Das musste ein Missverständnis sein, vielleicht hatte Luc sich geirrt. Oder erlaubte er sich einen Scherz mit ihr?

Während Mylène versuchte ihre Gedanken zu sortieren, rückte er an sie heran und zog einen Kamm aus seiner karierten Jackett-Tasche. »Möchtest du dich immer noch auf ›Charme‹ und ›Intelligenz‹ verlassen, oder verschwindest du jetzt kurz im Bad, um das Malheur auf deinem Kopf zu beseitigen?« Ohne ihre Antwort abzuwarten, schob er sie in Richtung Toilette. Erst als er sie vor dem Spiegel am Waschbecken geparkt hatte und durch die Tür nach draußen verschwinden wollte, fiel ihm noch etwas ein. »Kennst du einen Bernard Picard?«

»Picard?« Ratlos wandte Mylène ihm das Gesicht zu.

»Ein Anwalt«, fuhr Luc fort. »Er hat gestern schon zweimal angerufen, aber ich habe vergessen, es dir auszurichten. Heute Morgen war er wieder am Apparat, kaum dass ich das Büro betreten hatte.«

»Und was will er von mir?«

Luc zuckte mit den Schultern. »Wollte er mir nicht sagen. Ist was ›Privates‹.«

Es dauerte einen Moment, bis Mylène gedanklich alle Möglichkeiten abgeklopft hatte. »Bestimmt geht es um den Ehevertrag.«

»Ehevertrag?« Ein erneuter Ausdruck bodenlosen Entsetzens huschte über Lucs Gesicht.

»Frédérics Eltern bestehen darauf.« Mylène versuchte die Tür zu schließen, aber Luc schob blitzschnell seinen Fuß dazwischen. Sein Blick ließ keinen Zweifel daran, was er von dieser Angelegenheit hielt.

»Für mich ist das in Ordnung«, beruhigte Mylène ihn. »Ich heirate Frédéric ja nicht wegen seines Geldes.«

»Natürlich nicht!«, erwiderte Luc echauffiert. »Aber die Frage ist doch, warum er dich heiratet.«

Jetzt konnte sich Mylène ein Lachen nicht mehr verkneifen. »Du denkst, er heiratet mich wegen meines Geldes?«

»Das hier ist nicht der richtige Zeitpunkt für Scherze«, zischte Luc. »Mit den Leclercs wirst du in hundert Jahren nicht mithalten können. Aber er sollte dich doch aus Liebe heiraten – einer Liebe, die so groß ist, dass eine Scheidung gar keine Option darstellt. Wie kann man eine Trennung von vornherein einkalkulieren? Das ist ganz und gar nicht in Ordnung!«

Mylène musste schmunzeln. »Mach dir keine Sorgen. Für mich ist eine Scheidung keine Option. Und genau deshalb ist es auch egal, ob wir einen Ehevertrag schließen oder nicht. Es wird nämlich niemals zur Trennung kommen.« Sie gab Luc einen Kuss auf die Wange, doch er wirkte noch immer nicht überzeugt.

»Dann rufst du diesen Picard also zurück?«

»Bestimmt«, antwortete Mylène und zog endlich die Toilettentür zu.

Nachdenklich lehnte sie sich an den Türrahmen, schloss die Augen und versuchte ihre Atmung zu beruhigen. Ihr Herz schlug so wild, dass sie es bis zum Hals hinauf spürte, dort, wo ihr Schlüssel im Schutz der Drosselgrube lag.

Etienne war sicher nur wegen des Geschäfts hier. Es spielte keine Rolle, wer er war oder was er getan hatte, solange es um Lippenstifte ging.

Als Mylène die Augen wieder aufschlug und sich dem Spiegel zuwandte, sah sie eine Frau mit grünen Augen und schmalen Schultern, eine Frau, die zwar keine vernünftige Frisur hatte, sehr wohl aber das Recht darauf, glücklich zu sein.

Vor allem aber sah sie eine Frau, die längst darüber hinweg war, dass man ihr vor vielen Jahren das Herz gebrochen hatte. Keine Scherben mehr, wo einst ein Traum zu Bruch gegangen war.

Entschlossen presste sie die Lippen aufeinander und fuhr sich durch die dunklen ungekämmten Locken. Natürlich würde sie diesen Anwalt zurückrufen – später, nicht jetzt sofort. Bevor sie sich der Zukunft zuwandte, würde sie erst einmal ihrer Vergangenheit unter die Augen treten.

JOHANNA

November 1987

Die Henne hatte wieder kein Ei gelegt, den fünften Tag in Folge. Wenn das so weiterging, würde sie nächste Woche ins Dorf gehen müssen.

Murrend zog Johanna die Hand aus dem Verschlag. Was taugte ein Huhn, wenn es keine Eier legte? Sie konnte es ebenso gut schlachten und sich das Futter sparen, dann gäbe es wenigstens eine anständige Suppe.

»Einen Tag gebe ich dir noch«, murmelte sie, doch das Tier schien sich nicht angesprochen zu fühlen. Es schielte eindrucksvoll an ihr vorbei und stakste auf seinen krummen Läufen davon, als hätte es heute noch Bedeutenderes zu tun, als Eier zu legen. Ungläubig blickte Johanna dem Tier nach, sah, wie der schlaffe Kehllappen bei jedem Schritt zu den Seiten schwang und das braun-weiß-gefiederte Hinterteil von rechts nach links hüpfte, dann richtete sie den Kragen ihrer Jacke auf. Es war kalt heute Morgen, kälter, als sie es erwartet hatte.

Der Wind der letzten Tage hatte sich gelegt, und die Stille, die er über ihrer Hütte zurückgelassen hatte, war ein sicherer Vorbote des Winters.

Vielleicht sollte sie heute noch mal in den Wald gehen, den Vorrat an Feuerholz aufstocken. Gut möglich, dass sie dabei auch eine Handvoll Pilze fand, als Ersatz für das Ei, das die blöde Henne ihr vorenthielt.

Johanna schob die steifen Hände in ihre Jackentaschen und stieg über den maroden Zaun, der das Hühnergehege umgab. Es war geradezu lachhaft, dass das Huhn noch nicht ausgebüxt und in den Wald verschwunden war. Auch, dass der Fuchs es in all den Jahren nicht geholt hatte, konnte sie kaum glauben. Vielleicht genoss das Tier denselben seltsamen Schutz wie sie?

Johanna hob den Blick und sah auf den Wald. Anderen Menschen mochte er dunkel und schweigsam erscheinen, ein Ort böser Märchen und verwunschener Träume, aber für Johanna war es anders. In den vergangenen acht Jahren hatte sie seine Sprache gelernt, verstand, was er zu geben bereit war und was er ihr durch sein Schweigen verriet.

Die Stille war auch ihre liebste Sprache.

Das war das Vermächtnis ihrer Mutter. Das, und die kleine Hütte hier zwischen den hohen Bäumen.

Der Boden knirschte vertraut unter ihren Stiefeln, als Johanna den Eimer nahm und zum Brunnen ging. Er lag ein Stück abseits, ihr Vater hatte ihn dort einst ausgehoben und mit einem Kranz aus Steinen umrandet, damit niemand versehentlich hineinfiel.

Einfach fallen …

Es wäre leicht gewesen, sich von der Dunkelheit verschlucken zu lassen, Johanna hatte zu Beginn oft mit diesem Gedanken gespielt.

Als sie den moosbewachsenen Steinkranz erreichte, hielt sie inne. Ein kleiner hellbrauner Vogel hatte sich darauf niedergelassen und zwitscherte, als hätte er den Frühling im Gepäck.

»Alle verrückt geworden«, raunte Johanna und schüttelte den Kopf. Während sie sich wieder in Bewegung setzte, zischte sie ein paarmal »kkksch, kkksch«, aber der Vogel schien sich davon nicht bedroht zu fühlen. Erst als sie ihren Eimer scheppernd neben ihm auf den Steinen absetzte, schlug er die Flügel auseinander und flog davon.

Johanna sah ihm nach, bis sich sein Schatten im Grau des Novemberhimmels auflöste. Dann befestigte sie den Haken am Griff des Eimers und ließ ihn in die Tiefe hinab.

Als sie ihn wieder hinaufzog, knurrte ihr Magen. Wenn sie zurück in der Hütte war, würde sie sich einen dicken Kanten Brot abschneiden. Vielleicht konnte sie sich statt eines gekochten Eis ein paar Apfelscheiben darauflegen? Im Kellerloch auf der Rückseite der Hütte lagerten neben den Kartoffeln und Rüben noch zwei Körbe mit kleinen Septemberäpfeln. Sie hatte ohnehin vorgehabt, ein paar davon einzukochen, dann konnte sie auch gleich noch zwei mehr zum sofortigen Verzehr mitnehmen.

Johanna war derart auf ihr Frühstück konzentriert, dass sie die Tür nicht bemerkte. Erst als sie eine Armlänge davor zum Stehen kam, sah sie, dass sie einen Spaltbreit offen stand. Irgendjemand musste in der Zwischenzeit hier gewesen sein – oder war es noch immer?

Einen Augenblick zog sie in Erwägung, sich in den Wald zurückzuziehen und hinter einem Baumstamm abzuwarten, ob sich rund um die Hütte etwas regte. Es war nicht vernünftig, lange draußen herumzulungern, sie wollte sich weiß Gott keine Erkältung einfangen. Aber wer konnte schon sagen, ob der ungebetene Eindringling nicht ein größeres Übel war als ein hartnäckiger Husten?

Johanna wollte sich gerade zurückziehen, als sie in der Hütte ein Summen hörte. Das hatte ihr gerade noch gefehlt! Wo eben noch Vorsicht war, spürte sie jetzt nur noch Gereiztheit. Sie verdrehte die Augen und stieß die angelehnte Tür auf. »Was machst du hier?«

Gisa zuckte beim Schnüffeln vor dem alten Buffet zusammen und stieß einen Schrei aus. Schweratmend legte sie ihre Handflächen auf der Brust ab. »Bist du verrückt geworden? Du kannst mich doch nicht so erschrecken!«

Johanna klopfte ihre schmutzigen Stiefel an der Matte ab und trat ins Innere, hinterließ eine Spur aus Erde und Groll. »Eigentlich ist das mein Haus.«

Gisa schien sich keiner Schuld bewusst. Wie selbstverständlich nahm sie ihre Mütze vom Kopf, zog sich einen Stuhl heran und ließ sich darauf nieder. »Draußen war es zu kalt. Und du hattest die Tür nicht abgeschlossen.«

Natürlich schloss sie die Tür nicht ab, das tat sie nie! Wer sollte schon herkommen? Was sollte man ihr stehlen, mit Ausnahme ihrer Ruhe vielleicht?

Wortlos stellte sie den Wassereimer neben dem Küchenschrank ab, dicke Tropfen spritzten auf den Boden, zeichneten ein dunkles Sternbild auf die zerkratzten Holzbohlen. Dieser Himmel hielt immer nur kurz.

Gisa seufzte leidvoll. »Du hast nicht zufällig einen Tee für mich?«

Johanna kreuzte die Arme vor der Brust, ihre rauen Hände waren noch immer steif vor Kälte. »Tee ist aus.«

Gisa betrachtete sie kurz mit gerunzelter Stirn, dann schüttelte sie lächelnd den Kopf. »Ich will dir doch nichts Böses, Dummerchen! Wem hast du es denn zu verdanken, dass du hier draußen leben darfst?«

Johanna musste sich zusammenreißen, den Wassereimer zu ihren Füßen nicht umzutreten und Gisa vor die Tür zu setzen, aber sie wusste, dass sie sich nicht viel Lärm erlauben konnte. Das hier war nun mal Grenzgebiet.

Tatsächlich hatte sie es Kurt zu verdanken, dass sie hier leben durfte, noch dazu in dieser Hütte, die kaum zur Datsche taugte. Genau wie Gisa war auch Kurt mit Johanna zur Schule gegangen. Schon damals hatte er nicht mehr Verstand als eine Scheibe Weißbrot gehabt, aber das hatte ihn nicht daran gehindert, Gisa zu heiraten und sich auch sonst die richtigen Freunde zu suchen. Innerhalb der Partei hatte er sich weit nach oben gearbeitet, sein Wort galt im Dorf wie kein anderes. Wenn er für Johanna bürgte, konnte sie ruhig in dieser heruntergekommenen Hütte hausen, Fluchtgefahr bestand nicht.

Johanna schätzte Kurt nur für wenige Dinge. Dass er Gisas Gerede ertrug, ohne zur Schrotflinte zu greifen, zum Beispiel, oder dass er nicht soff, wie die meisten anderen im Dorf. Am höchsten aber rechnete sie ihm an, dass er niemals ihre Freundschaft als Gegenleistung verlangte. Offenbar genügte ihm das Wissen um ihr Schicksal, um sich als Gönner hervorzutun.

Mit Gisa verhielt es sich anders. Immer wieder kam sie zu Johanna oder lauerte ihr im Dorf auf, wenn sie alle paar Wochen den nötigsten Einkauf verrichtete. Dass sie sich ungefragt Zutritt zu ihrer Hütte verschaffte, war allerdings neu.

Johanna streifte sich die Jacke ab, hielt ihre Hände vor den Ofen. »Was verschlägt dich in den Wald?«

»Ich dachte, ich sehe mal nach dir. Bist länger nicht im Dorf gewesen …« Sie wartete auf eine Reaktion, aber als Johanna sich diese verkniff, beugte sie sich über den Tisch und senkte bedeutungsschwer die Stimme. »Margit hat Rudi wieder bei den Ziegen erwischt, splitterfasernackt! Ich frage mich immer, wer einem da mehr leidtun soll.« Ihr Lachen klang beinahe hysterisch und jagte Johanna einen Schauer über den Rücken.

Sie rückte vom Ofen ab, griff sich den Eimer und füllte das kalte Wasser in den Krug. »Ich kann mir hier draußen keine Pause leisten …«

Sie hoffte, dass Gisa den Wink verstand und wieder ging, um ihren Tratsch anderswo zu verbreiten, aber stattdessen lehnte sie sich auf dem ächzenden Stuhl zurück und flüsterte: »Hast du das von dem Kind gehört?«

Johannas Finger versteiften sich um den Griff des Eimers, ihr Brustkorb zog sich zusammen. Noch immer musste sie an Marie denken, sobald sie das Wort »Kind« hörte, und es rauschte in ihren Ohren. »Welches Kind?«

Gisa zog vielsagend die Brauen zusammen. »Ein Mädchen, fünfzehn Jahre alt, vielleicht sechzehn. Kommt jedenfalls nicht von hier.«

Johanna schloss kurz die Augen. Dann stellte sie den Eimer zurück und blickte Gisa so unbeteiligt wie möglich an. »Warum sollte ich sie kennen?«

»Oh nein, du kennst sie nicht«, erwiderte Gisa hastig. »Aber vielleicht hast du ja irgendwas gesehen?«

Mit einem Mal stellten sich die feinen Haare in Johannas Nacken auf. Sie ahnte, worauf dieses Gespräch hinauslaufen würde. »Ich habe nichts gesehen.«

»Ich sag ja nur.« Gisa kratzte mit dem Fingernagel über die alte Tischplatte. »Sie wollte wohl rüber und …«

»Wollte?«

Gisa verzog scheinheilig das Gesicht. »Jochens Männer haben sie erwischt. Er ist sicher, dass ein Schuss gesessen hat. Aber dann ist sie im Wald verschwunden, und die Männer haben nur etwas Blut gefunden.«

Johanna lehnte sich an den Küchenschrank, ein harter Knauf bohrte sich in ihr Kreuz. »Wie gesagt: Ich habe kein Kind gesehen.«

»Aber du würdest doch was sagen, oder? Wenn du sie irgendwo siehst? Kurt wäre dafür sehr dankbar.«

Johanna hielt die Luft an, presste ihre trockenen Lippen aufeinander. Am liebsten hätte sie bis zum Ende ihres Lebens kein einziges Wort mehr gesagt, zu niemandem. Aber war das ein Grund, sich unnötig in Gefahr zu bringen?

»Du würdest es doch melden, oder?«, beharrte Gisa und schob den stöhnenden Stuhl zurück.

Johanna zuckte mit der Schulter. »Natürlich. Du weißt, dass ich keinen Ärger will.«

Endlich zeichnete sich ein Lächeln auf Gisas Gesicht ab. »Ich habe Kurt gleich gesagt, dass wir auf dich zählen können.« Sie stand auf, kam auf sie zu und legte ihr die Hand auf den Unterarm. »Wenn du irgendwas brauchst …«

Johanna zögerte und schüttelte den Kopf.

Erst als Gisa verschwunden war, stellte Johanna fest, wie sehr sie fror. Sie würde in den Wald hinausgehen und Holz sammeln, mehr Holz für den Ofen, viel mehr. Die Lust auf Frühstück war ihr ohnehin vergangen.

Der klagende Schrei einer Krähe durchschnitt die Stille. Johanna hob den Kopf, kniff die Augen zusammen, konnte das Tier aber nirgendwo entdecken. Doch vielleicht kam der Weckruf gerade recht. Sie hatte längst genug Holz aufgeladen. Wenn alles getrocknet war, würde es sicher für ein paar Wochen reichen. Sogar ein paar Pilze hatte sie gefunden, erdig und fest, und in ihr Taschentuch gewickelt. Es war Zeit, nach Hause zu gehen.

Nach Hause. Der Gedanke ließ Johanna leise auflachen. Wer hätte vor zehn Jahren schon gedacht, dass sie die Hütte jemals ihr Zuhause nennen würde?

Ihre Mutter hatte das Häuschen geliebt, es war ihr Zufluchtsort gewesen, wenn sie Raum für ihre Erinnerungen gebraucht hatte. Aber für Johanna war es nie mehr als eine nette Ablenkung von der kleinen Wohnung im Dorf gewesen. Jahrelang hatte sie keinen Fuß in die Hütte gesetzt, nach ihrem Umzug nach Dresden hatte sie kaum einen Gedanken verschwendet an dieses Stück Niemandsland am Rande der Welt. Sie hatte die Forschung gehabt, ihren Lehrstuhl, Thomas. Und Marie.

Es gab nicht viele Frauen, denen eine derartige Karriere in der Nuklearphysik vergönnt war, aber Johanna hatte niemals an sich gezweifelt. Ihre Eltern hatten immer hinter ihr gestanden und sie gefördert, aber nach Dresden waren sie ihr nicht gefolgt. Vielleicht wäre alles anders gekommen, wenn …

Doch diese Gedanken führten nirgendwohin. Noch immer steckte genug Wissenschaftlerin in ihr, um zu verstehen, dass sich die Zeit nicht zurückdrehen ließ.

Seit sie nirgendwo mehr hingehörte, war das hier der beste Ort für sie. Das hatte sie sofort erkannt, als klar gewesen war, dass sie nicht in Dresden würde bleiben können. Thomas hatte sie umstimmen wollen, und auch einige Kollegen wollten sie zum Bleiben überreden, aber sie konnte nicht bleiben, wo sie war. Sie konnte nicht bleiben, wer sie war.

Ein Schritt nach dem anderen, keine großen Sprünge, so würde sie die verbleibende Zeit schon rumkriegen, und der Wald half ihr dabei.

Johanna schloss die Augen und horchte. Blind setzte sie sich in Bewegung, tastete sich mit den Ohren voran, lauschte auf die Zweige, die unter ihren Sohlen brachen, und das Rascheln des Laubs. Noch immer kein Wind. Vielleicht gäbe es morgen schon den ersten Frost. Wenn sie auf diese Art mit dem Niemandsland verschmolz, fühlte sie am ehesten so etwas wie Frieden.

Wieder war es die Krähe, die sie mit einem Schrei aus ihren Gedanken riss. Johanna schlug die Augen auf und blinzelte in das grelle Grau zwischen den Baumkronen.

Sie war weiter gelaufen als gedacht. Dahinten war der alte Hochstand, eingewachsen wie ein Geschwür. Jäger kamen schon lange nicht mehr, nur ein paar junge Leute verirrten sich gelegentlich unter sein Dach. Johanna wollte nicht wissen, was sie dort unter dem Deckmantel der Verwitterung taten.

Ein weiteres Mal hallte der Schrei der Krähe von den Baumstämmen wider, und endlich konnte Johanna sie sehen. Ein großes Tier, schwarze Augen, starr.

Johanna zögerte, machte einen Satz nach vorne. »Verschwinde! Kssch!«

Die Krähe flatterte kreischend von ihrem Ast und setzte nur ein paar Meter weiter auf dem Waldboden auf. Wieder schien ihr Blick auf Johanna gerichtet.

Johanna versuchte den Impuls zu unterdrücken, aber dann stürmte sie doch ein paar Schritte auf den Vogel zu. »Lass mich in Ruhe!« Dabei rutschte etwas Holz von ihrem Rücken, landete dumpf auf dem weichen Waldboden. Fluchend stampfte sie zurück und lud die Äste wieder auf.

Als sie fertig war, saß die Krähe auf einem niedrigen Ast, nicht weit vom Hochstand, und fixierte sie noch immer.

Johanna presste die Lippen aufeinander, fuhr sich mit der rauen Hand übers Gesicht. Sie würde sich nicht von einem Vogel provozieren lassen, das war lächerlich! »Ich gehe«, flüsterte sie und wandte sich ab.

In diesem Moment hörte sie eine Stimme. »Hilfe …«

Leise nur und brüchig, aber dennoch die Stimme eines Menschen.

Johanna hielt inne und schloss die Augen. In ihren Ohren rauschte es.

Die Stimme kam vom Hochstand. Aber sie konnte noch so tun, als hätte sie nichts gehört. Sie konnte zurückkehren in die Hütte, ein Feuer anzünden und Gisa oder die Henne verfluchen, am besten beide. Sie musste nichts gehört haben.

Doch kaum hatte sie ihre Augen wieder geöffnet und den ersten Schritt getan, hörte sie die Stimme ein zweites Mal, diesmal etwas lauter. »Bitte …«

Angespannt schob Johanna die Daumen unter die Riemen ihres Rucksacks, das Nagelbett war rissig und brannte, manchmal half Schmerz gegen Schmerz. Sie durfte sich auf keinen Fall umdrehen. Was ihre Augen nicht gesehen hatten, ließ sich leichter vergessen.

Du würdest doch was sagen, wenn du sie irgendwo siehst?

Das in etwa waren Gisas Worte gewesen, aber Johanna musste nicht Bericht erstatten, solange sie nichts gesehen hatte. Sie war ohnehin keine, die half. Seit wann suchte sich Menschlichkeit Platz in den dunkelsten Ecken?

Im Grunde war sie gar nicht wirklich hier gewesen. Wieder schrie die Krähe.

Johanna ballte die Hände an ihren Schulterriemen zu Fäusten, um der Kälte standzuhalten, die vom Waldboden an ihr heraufkroch, die Knöchel in ihren Stiefel packte und sich an den Beinen hochzog bis in ihre Mitte, dort, wo Blut mit Leben gefüllt wurde, wo es pulsierte und ein Muskel Entscheidungen traf, meist falsche.

Nicht umdrehen, redete sie sich in Gedanken zu, bloß nicht umdrehen!

Doch dann tat Johanna das Einzige, wozu ihr Körper in der Lage war – und drehte sich um.

HOLLY

März 2003

Heute war ihr siebter Tag in der Produktionsfirma, und Holly wertete das als gutes Zeichen. Die Sieben war ihre Glückszahl und Holly hoffnungslos begabt darin, sich an die Idee zu klammern, dass sie nur an das Gute glauben musste, um es auch wahr werden zu lassen. Trotzdem balancierte sie das Tablett mit den Kaffeebechern wie eine Palette mit rohen Eiern. Die hellbraune Tüte mit den Muffins hatte sie sich notgedrungen zwischen die Zähne geklemmt, doch was ihr im Coffeeshop noch wie eine gute Idee vorgekommen war, entpuppte sich nun als echter Reinfall. Mit vollem Mund konnte sie sich unterwegs nämlich kaum bemerkbar machen.

Carlos, der junge Mexikaner hinter der Theke, hatte sie schon bei der Kaffeeausgabe ausgelacht und ihr seine Hilfe angeboten, aber Holly hatte dankend abgelehnt. Sie war nicht nach Los Angeles gekommen, um an einem Papptablett mit Milchkaffees zu scheitern.

Außerdem war ihr nicht entgangen, wie Carlos sie an den letzten Vormittagen gemustert hatte, und sie wollte ihm auf keinen Fall falsche Hoffnungen machen. Holly McAllister war hier, um die Filmwelt im Sturm zu erobern, und dabei konnte sie keine Männer gebrauchen.

Ein paar helfende Hände wären gerade allerdings nicht schlecht gewesen. Schon auf der Straße hatte sie Mühe gehabt, den anderen Passanten auszuweichen. Ihr Leben lang war sie davon ausgegangen, dass Kalifornien der Inbegriff der Lässigkeit und guten Laune war und Los Angeles ein Ort, an dem allen Menschen rund um die Uhr die Sonne aus dem Hintern schien. Doch jetzt stellte sie fest, dass es vor allem Hektik und Gereiztheit waren, die die Leute durch den Alltag und die verstopften Straßen trieben. Wie fremdgesteuert jagten sie ihren Terminkalendern hinterher, und egal wie schnell sie dabei waren, waren sie am Ende doch immer – so schien es – zwei Tage zu spät für den ganz großen Traum.

Am erstaunlichsten fand Holly, dass sie selbst scheinbar für alle Welt unsichtbar war – Carlos mal ausgenommen. Ihre Chefin Margie blickte immer noch durch sie hindurch, und wenn sie einen Kaffee brauchte – oder sieben wie heute –, nannte sie Holly konsequent »Kitty«.

Auch die Menschen auf der Straße nahmen keinerlei Notiz von ihr, dabei war Holly nicht gerade zierlich. Ihr Großvater war aus Schottland in die Staaten gekommen und auf der Suche nach dem verheißenen Land in Michigan gestrandet. Holly war zwar nicht stark und groß genug, um Baumstämme zu werfen, aber auf das Cover der Cosmopolitan würde sie es mit ihrem nordischen Körperbau eben auch nie schaffen.

Dazu bestand glücklicherweise aber keine Notwendigkeit. Sie war nach Los Angeles gekommen, um zu schreiben, und der Job bei Horizon Pictures war die perfekte Chance, ihrem Traum ein Stückchen näher zu kommen. Allerdings bezweifelte sie, dass Margie sich zeitnah ihr Drehbuch ansehen würde, wenn sie noch viel länger auf ihre bestellten Heißgetränke warten musste.

Mit dem Ellenbogen versuchte Holly, die Tür im Erdgeschoss aufzudrücken, aber leider öffnete sie nach außen. Sie wollte das Kaffeetablett gerade auf dem Boden abstellen, als eine junge Frau die Tür schwungvoll aufstieß und in einem atemberaubenden Tempo an ihr vorbeijagte. Die schwindelerregende Höhe ihrer Pumps beeindruckte Holly zutiefst. Sie selbst hätte für diese Dinger vermutlich eine Gehhilfe und mindestens zwei Airbags gebraucht. Gerade noch rechtzeitig schob sie ihren Turnschuh in die zufallende Tür.

Da der Aufzug seit zwei Tagen außer Betrieb war, blieb ihr nur die Treppe. Auch ohne Kaffee vor der Brust und die aufgeweichte Papiertüte im Mund wäre das ein gewagtes Unterfangen gewesen, aber so glich die Sache einem Spießrutenlauf durch ein Minenfeld. Wegen des defekten Aufzugs drängten sich unzählige Menschen durch das Treppenhaus, und keiner von ihnen war gewillt, Rücksicht zu nehmen und Holly eine Blamage zu ersparen.

Unwillkürlich schweiften ihre Gedanken zu ihrem letzten High-School-Jahr und dem Probetraining bei den Cheerleadern. Auch wenn das alles schon eine Ewigkeit zurücklag, fühlte sie die Schmach immer noch brühwarm. Sie war gescheitert, so konnte man es freundlich ausdrücken. Wer weniger freundlich war, konnte auch daran erinnern, dass sie bei dem Versuch, auf Lindsay Brandons Rücken zu klettern, abgerutscht war und drei weitere Mädchen zu Fall gebracht hatte.

Die Trainerin hatte sie nicht ins Team aufgenommen, dafür wurde Holly für den Rest des Schuljahres von allen nur noch »die fliegende Holländerin« genannt. Sie hatte darauf verzichtet, ihre Mitschüler darüber aufzuklären, dass Schottland und Holland nicht ein und dasselbe Land waren, und stattdessen in Demut geschwiegen.

Als sie das sechste Stockwerk endlich erreicht hatte, rann ihr der Schweiß von der Stirn, und ihre Oberschenkel brannten in den engen Bluejeans. Zum Glück stand wenigstens die Firmentür offen.

Hinter ihrem Tresen im Eingangsbereich saß Charleen, den Telefonhörer zwischen Schulter und Ohr geklemmt, und nahm – wie der Rest von Los Angeles – keinerlei Notiz von Holly. Jetzt musste sie nur noch das kurze Stück zum Konferenzzimmer schaffen, dann hatte sie ihre Mission erfüllt.

Sie hatte vorhin mitbekommen, dass Margie einen Regisseur und sein Team für ein neues Filmprojekt erwartete. Sein Name hatte Holly nichts gesagt, aber das bedeutete nicht viel. Rund um Hollywood konnte ein Name heute aus dem Nichts kommen und morgen schon einen Academy Award abstauben. Vielleicht konnte Holly sich einfach dazusetzen und dem Gespräch aus dem Hintergrund lauschen, sobald sie die Kaffeebecher abgeliefert hatte? Letzte Woche hatte sie sich in einem Copyshop ein paar Visitenkarten drucken lassen. Wenn sich die Gelegenheit bot, könnte sie dem Regisseur eventuell eine davon zustecken – nur, wenn Margie nichts dagegen hatte, verstand sich! Unter gar keinen Umständen wollte Holly es sich in der zweiten Arbeitswoche mit ihrer Chefin verscherzen.

Nur noch ein paar Meter, Hollister, du hast es fast geschafft!

Von ihrem Vater wusste sie, dass es das Selbstbewusstsein stärkte, wenn man sich gelegentlich selbst anfeuerte. Er war es auch, der seiner Tochter spaßhaft den Kampfnamen Hollister verpasst hatte, eine Mischung aus Vor- und Nachnamen, die mehr Durchsetzungskraft verhieß, als Holly jemals an den Tag gelegt hatte.

Am Anfang war sie sich ziemlich lächerlich dabei vorgekommen, sich in Gedanken zu bejubeln, aber mittlerweile hatte sie so viel Übung, dass sie sich gelegentlich einbildete, in der Ferne zaghaften Applaus zu hören. In Momenten wie diesen bedauerte Holly, dass das Leben kein Film war, denn dann hätte sie diesen Augenblick einfach mit einem echten Powersong unterlegt. Irgendwas von Destiny’s Child zum Beispiel – Independent Women wäre perfekt.

Während in ihrem Kopf die ersten Beats des Intros ertönten, musste Holly grinsen. Wäre es zu viel des Guten, wenn sie die Tür zum Konferenzraum mit ihrem Hintern aufstieße?

Allein der Gedanke daran ließ Holly noch breiter grinsen – zu breit leider für die Tüte mit den Muffins, die sie bis hierhin erfolgreich vor einem Absturz bewahrt hatte. Jetzt gab das durchweichte Papier nach und riss unterhalb ihrer zusammengepressten Lippen. Die Blaubeermuffins purzelten auf den Boden und rissen bei ihrem Abgang zwei Kaffeebecher mit in den Abgrund.

Holly hielt die Luft an.

Applaus und Hintergrundmusik waren schlagartig verstummt und hatten wieder nur eines zurückgelassen: die »fliegende Holländerin«.

»Mist, Mist, Mist!« Hektisch ging Holly in die Hocke. Sie stellte gerade die restlichen Kaffeebecher neben der Pfütze ab und klaubte die Muffins zusammen, als sie eine fremde Stimme über sich hörte.

»Ist mir auch schon zweimal passiert.«

Holly zuckte zusammen. Sie war doch sonst immer unsichtbar – wie konnte es sein, dass sie ausgerechnet jetzt jemand bemerkte?

Verunsichert hob sie den Blick. Vor ihr stand eine Frau mit großer Schildpattbrille und schulterlangen hellbraunen Haaren, ein wenig älter als sie selbst.

Holly überlegte noch, wie sie am wenigsten peinlich antworten könnte, da lächelte die andere bereits und hockte sich zu ihr auf den Boden. »Ich helfe dir schnell.«

Helfen? Seit einem Monat lebte Holly nun schon in Los Angeles – und Hilfe hatte ihr noch niemand angeboten. Sie hatte sogar den Verdacht, dass dieses Wort im Sprachgebrauch der Traumfabrik gar nicht existierte. Aber offenbar hatte sie sich geirrt.

»Ist das Zeug für Margie?«

Holly rang sich zu einem kurzen Nicken durch. Die Fremde drückte ihr die Muffins in die Hand und schnappte sich die Kaffeebecher. »Keine Sorge, das kriegen wir hin.« Zielstrebig verschwand sie in der kleinen Büroküche, und Holly fiel nichts Besseres ein, als ihr wortlos zu folgen.

Gekonnt drapierte die Fremde die verbeulten Muffins auf einem Plastikteller und begrub die eingedrückten Stellen unter einem großzügigen Berg Sprühsahne. »Du bist die Neue, oder?«, fragte sie, ohne sich zu Holly umzudrehen.

»Die neue Vollidiotin«, rutschte es Holly raus, und die unbekannte Retterin lachte.

»Ich bin Jennifer, aber alle nennen mich Jay.«

»Holly«, erwiderte sie zerknirscht, und Jay zwinkerte ihr aufmunternd zu.

»Kopf hoch, Margie wird nichts merken.«

»Bei den Kuchen klappt das vielleicht.« Beeindruckt betrachtete Holly die kunstvollen Sahnekonstruktionen. »Aber sie hat sieben Milchkaffees bestellt, und ich habe nur fünf unfallfrei nach oben bekommen.«

»Sieben oder fünf, das ist Ansichtssache.« Jay öffnete den Oberschrank und holte sieben Tassen hervor.

Langsam ahnte Holly, was sie vorhatte. »Meinst du nicht, sie schöpft Verdacht, wenn sie ihren Kaffee nicht in einem Pappbecher aus dem Laden bekommt?«

Jay runzelte belustigt die Stirn. »Margie hat sieben Kaffees bei dir bestellt. Glaub mir: Du könntest sie auch in Zahnputzbechern servieren, solange niemand leer ausgeht.« Kurz legte sie ihre Hand auf Hollys Unterarm und sah ihr in die Augen. »Aller Anfang ist schwer. Ich weiß, wie es ist, ganz neu anzufangen.«

»Heißt das, du bist auch neu hier?«

»Nein.« Jay schüttelte lächelnd den Kopf und verteilte den Inhalt der verbliebenen Pappbecher auf die Tassen. »Ich arbeite schon seit zehn Jahren für Margie.«

»Zehn Jahre?« Holly riss überrascht die Augen auf. Sie hatte nicht mal gewusst, dass die Firma schon so lang existierte.

»Guck nicht so entsetzt«, erwiderte Jay amüsiert. »Ich bin nicht so uralt, wie du jetzt denkst.«

»Natürlich nicht«, stammelte Holly. »Du siehst echt … super aus.« Und das meinte sie ernst. Jay war zierlich und schlank und hatte freundliche, lebendige Augen. Ihr Lächeln war nicht ganz so makellos wie das der Durchschnittskalifornierin, aber dafür herzlich und menschlich und echt.

»Du kommst nicht von hier, oder?«, fragte sie nun und stellte grinsend die Becher auf ein Tablett.

»Ist das so offensichtlich?«

»Ein bisschen schon.«

»Ich bin erst einen Monat in Los Angeles«, gab Holly kleinlaut zu. »Eigentlich komme ich aus Grand Rapids, Michigan.« Insgeheim hoffte sie, dass das ihre Tollpatschigkeit entschuldigte.