Die Anglerin - Rafael R. Pilsczek - E-Book

Die Anglerin E-Book

Rafael R. Pilsczek

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Beschreibung

Als wie wenn das Leben am See und in der Welt doch nur schön, so friedlich wäre und es doch allein so nicht ist. Dies sagt sich ausgerechnet Renate Szymanski, die die Welt der Liebe kennt, in einem schönen Haus am Steg lebt und einen sanften Hund bei sich wohnen lässt, der auf den Namen Mensch hört. Die alte Professorin schreibt von dort lange Briefe an ihren Freund in der Schweiz. Kurz vor Ausbruch der ersten Weltkrise nach den Großen Kriegen berichtet sie aus ihrem Leben. Vom Nachbarn, der mit Angelrouten Gänse jagt. Von großen Schicksalsfehlern. Wie sie die große Frage bedrängt, ob das Jahrhundert der Frauen angebrochen ist und ob Frauen die Chancen heute ergreifen, da die Macht doch zum Greifen nahe auf dem Tisch liegt. Auch, wie das ferne China bis an den Niederrhein seine bedrohliche Kraft entfaltet. Denn dort ist noch die junge Shenmi Ly, die Renate und ihre Freunde ziemlich durcheinander wirbelt. Zugleich steht die berückende Chinesin, eine Malerin und Umweltschützerin, mitten in der neuen Macht Asiens, die selbst nach der ganzen Welt greift. So ist die alte Frau vom Vluyner Angelsee vielleicht die letzte ihrer Art. Oder sind Shenmi und Renate Vorboten einer neuen Zeit, die Zukunft vorleben? Am Ende geht es für beide Frauen um nichts anderes als um alles. Welche Haltung Glück verspricht. Und was dafür sorgt, dass Hoffnung sich an jedem Morgen neu im Wasser des Lebens widerspiegelt. Der neue Roman von Rafael R. Pilsczek ist das Werk, das alle diejenigen, so seine Hoffnung, die sich dazu entscheiden, zum einen gegen die Gifte des Hasses immunisiert und zum anderen als wehrhafte Humanisten gegenseitig und voller Liebe stärkt. Es ist auch ein Heimatroman vom Vluyner Angelsee und, so meint sie es, eine letzte Warnung, die eine alte, deutsche Frau an die Welt ausspricht, die voller Hoffnung ist, wenn sie ihr zuhören mag.

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Seitenzahl: 491

Veröffentlichungsjahr: 2020

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INHALTSVERZEICHNIS

Widmung

Zitat

Vorwort zur Herausgabe zu „Die Anglerin“

Von Prof. Dr. med. Wolfgang Jankus

Neukirchen-Vluyn/Basel, im Frühjahr 2031

Zwanzig Briefe von Renate Szymanski an Wolfgang Jankus

Geschrieben mit dem Federkiel im Haus am Vluyner Angelsee

Zeitraum: 15. Juni bis zum 5. Mai in der Gegenwart

Anmerkungen zur Herausgabe zu „Die Anglerin“

Von Uli Meyer M. A., Archivar a. D.

Neukirchen-Vluyn, im Frühjahr 2031

Begleitendes Nachwort zum Roman „Die Anglerin“

Von Simone Schmuck, Agentin und Lektorin

Hamburg/Berlin, im Frühjahr 2020

Danksagung und Ehrung: Ohne diese hätte es kein Leben

Von Rafael R. Pilsczek, Verfasser des Romans „Die Anglerin“

Hamburg, den 1. Januar 2020

Bisher erschienen vom Autor

Widmung

Für meine Mutter

Die trotz allem sehr mutig war.

Und bis zu ihrem späten Tod

in Neukirchen-Vluyn aufrecht

und stolz gelebt hat.

Und für all die Mütter in der

Welt. Die mutige Heldinnen

in ihr waren. So gut sie es in

ihrem Leben nur sein konnten.

Ich bitte um Verzeihung.

Zitat

Die Zukunft ist offen;

sie steht nicht fest.

Sarah Connor (Linda Hamilton): „No Fate“

Aus: Terminator 2, Tag der Abrechnung.

(1991, USA, Regie: James Cameron)

VORWORT ZUR HERAUSGABE ZU „DIE ANGLERIN“

Liebe Freundinnen und Freunde unserer Anglerin,

nun ist unsere aller Freundin Renate bereits vor über einem Jahr von uns gegangen. Wir haben uns gesagt, dass wir sie in guter Erinnerung behalten wollen, und sie dadurch, an sie weiterhin zu denken, in all ihrem Wirken, in ihren Taten und in Gedenken an ihren Geist ehren wollen. Nun, im Sinne der alten Religionen und Kulturen, nach diesem Jahr der Trauer um den Verlust, wollen und müssen wir unsere Trauer ablegen und dazu das Trauerhemd ausziehen und dort unsere Trauer mit Stich und Faden nach oben hin fest einnähen und das Hemd weglegen und nach ihrem Tode den Frieden wiederfinden, der uns ein weiteres Leben auch ohne unsere geliebte Renate dann ermöglicht.

Damit die Erinnerung an unsere Freundin, die durchaus eine wirkmächtige Malerin und Denkerin gewesen war, noch lebendiger bleibt, haben mein alter Freund, Uli Meyer, Archivar im Ruhestand, und ich selbst, Arzt und Unternehmer in Basel, beide geborene Vluyner wie Renate, beschlossen, ein Büchlein im Gedenken an sie zu schaffen. Sehr dankbar bin ich Uli, weitaus kompetenter darin, als ich es je sein könnte, dass er die redigatorische und technische Umsetzung verantwortete, während ich sehr gerne die Kleinstauflage von einhundert gedruckten Exemplaren finanzierte und die rechtliche Herausgeberschaft übernommen habe.

Nun ist „Die Anglerin“ in deiner Hand, da du zum Freundeskreis Renates zählst. Wir beide hoffen, du hast, wie wir zwei, Freude und Bereicherung an ihren Worten, die sie vor ungefähr zehn Jahren in zwanzig Briefen an mich richtete.

Das vorliegende Buch ist nicht für den Handel gedacht und gemacht, und ebenso derart hergestellt, dass es nicht über den Kreis der Freunde hinaus Verbreitung finden möge.

In all ihren Briefen geht es um mehr als um einen privaten Briefwechsel unter Freunden. Damals wie heute zeigen mir ihre Gedanken, wie klug sie durch die Welt ging. Wie aufmerksam sie das Leben lebte. Und Renate sich bis an das Ende ihrer Tage weltpolitisch und gesellschaftlich ihre guten Ansichten und Einschätzungen der kleinsten und großen Welten des Lebens bildete, und diese auch kund tat. Renate war vor allem ein Mensch und eine Frau, die uns allen etwas zu sagen hatte.

So wünsche ich dir als Leserin und als Leser Erbauung und Freude an Renates Weisheit und Einsichten und, im Gefühl, dass sie auch mittels dieses Büchleins bei uns bleibt, unsere Anglerin, wünsche ich uns allen den Frieden, den sie uns zu Lebzeiten zu schenken versuchte, und den sie uns allen auf ihre Weise und Art oft mit Liebe und Leidenschaft tatsächlich gab. Und den Frieden, mit dem sie uns umgab, wünsche ich vor allem der uns umgebenden Welt, die diesen heute so nötig hätte.

Prof. Dr. med. Wolfgang Jankus,

Neukirchen-Vluyn/Basel, im Frühjahr 2031

Vluyn, den 15./16./17./18. Juni

(im Jahr des Herrn, das keines mit ihm war)

Lieber Wolfgang,

mein Brief wählt einen Einstieg der Behäbigkeit, als wie es sich gehört, wer als wie ich weiß, als wie das Leben im Alter und im Altern ist, und als wie schön das Leben heute für Alte meines Schlages ist, und schaut, als wie schlecht das Leben davor oftmals und heute an vielen Orten für alte Menschen ist, während in vielen Kulturen die Alten aufgrund ihres Alters und ihres Alterns gleichzeitig verehrt und beschenkt wurden, und werden, während sie heute im Westen eher das Gegenteil davon erfahren, was die Anerkennung der Würde des Alters und des Alterns angeht, wer sich umschaut, und erkennt, als wie Menschen jüngst, und bereits länger in Deutschland, als wie sie jung waren, verächtlich auf das Alter und das Altern schauten, und dann, im hohen Alter, einsam und verlassen sind. Und sie allein am Ende die Verantwortung dafür tragen, dass sie in ihrer langen Jugend den Alten ihrer vorangegangen Generation das Altern in Würde verwehrten, und nicht in Liebe für das eigene Altern vorsorgten, während ich, Wolfgang, weder einsam, noch ungeliebt geblieben bin, noch nicht abgesichert.

Noch ohne Würde im Alter von siebzig Jahren geblieben bin.

Mein Wort gilt bei vielen noch heute viel, die mich bis heute umgeben, und beschenken. Bei vielen anderen nicht, die, wiewohl sie es besser wussten, nicht lernen, und dafür leben wollten zu lernen, als wie das Altern geht, und dafür nicht das taten, was im Leben eines Menschen einzig Gemeinschaft mit diesen schafft:

Der Gemeinschaft zu dienen, damit die Gemeinschaft dem dienen kann in der Folge, der ihr gedient hat. So, das ist mein Einstieg, und es ist mir völlig gleichgültig, was die anderen von mir denken, wenn ich nur das eine tue, sowohl als wie Kind als wie auch heute:

Wahrheit kundtun, mein Freund.

***

Wir sind davon gekommen, mein Freund, wir sind Davongekommene, du und ich, anders als wie davor, und anders als wie an vielen Orten heute. So ist Behäbigkeit der Luxus einer Millionärin, derer ich eine bin, die keinerlei Millionen heute zu ihrem Glück bräuchte, da ihr Leben unbezahlbar gewesen und geblieben ist, und die anderen, die das anders sehen, und anders leben, uns gestohlen bleiben können, weil wir den Reichtum längst gehoben haben. Du und Leute als wie ich, und andere, diese nicht. Ein Cabrio – allein! – macht nicht glücklich. So einfach, so wahr.

Es ist bereits ein paar Jahre her, dass ich dir einen Brief geschrieben habe, mein lieber Wegbegleiter, und ich weiß fast gar nicht mehr, als wie es gar in den damaligen Jugendtagen gewesen war, als wie du mir nach Ohio deine liebevollen, stets um mich bemühten Briefe geschrieben hast. Ich weiß noch, als wie ich mich manchmal recht verlassen in der Familie in der Fremde dort gefühlt habe, und mich auf und über deine Zeilen gefreut habe. Das habe ich dir indes wohl nie lärmend laut genügend gesagt, als wie sehr deine Freundesbriefe mir das Überleben in jenem Auslandsjahr gesichert haben, und als wie du schreibend gelacht hast, als wie ich dir schrieb, dass ich in eine Schlafkur über vier Woche lang zog, damit ich in Ohio diese strenggläubige Familie voller Stiernacken überstand.

Und wir beide sie white trash nannten, weißen Müll.

Ob du in mich verliebt warst, habe ich in den Wörtern, die du mir gewidmet hast, nicht entdecken können, und dies stets zugleich immer vermutet, und vielleicht auch erhofft, wenn ich sie las. Besonders erinnere ich mich, als wie regelmäßig du deine Gedanken an mich in die Post nach Übersee gegeben hast. Und mir unermüdlich deine Zuneigung bewiesen hast, indem du bei mir warst, wiewohl wir weder Nachbarskinder in Vluyn aus derselben Straße, – noch ein unbekümmertes Liebespaar! –, oder anders als wie Jugendfreunde zueinander gewesen waren, und vielleicht auch lediglich nur Schulkameraden aus zwei aufeinander folgenden Jahrgängen auf dem Julius, die zwei, drei Wochen so etwas als wie verliebt ineinander gewesen waren.

Bevor du so dummes Zeug erzählt hast.

So liebevoll dummes Zeug hast du gesagt vor dem Schlag der Schulglocke, nach dem ich dich nur habe gehen lassen müssen. So dumm von dir, als wie du es für mich tun wolltest, da du nicht zwischen mir und Ralph stehen wolltest, und mich nicht in der Auswahl zwischen euch beiden hast leiden sehen wollen.

Es war dummes Zeug von dir, als wie es stets dummes Zeug war, und ist, was du meisterlich herstellst, und dafür liebe ich dich bis heute, ein Meister in Dummheit zu sein, und dafür auch, nach deinem Auftritt morgens vor der Aula. Und meinem folgenden fast hilflosen Schweigen dazu, dafür liebe ich dich bis heute, in meinem Leben geblieben zu sein, und du ein wahrer Lebensfreund geworden bist, der immer voll dummen Zeugs geblieben ist, als wie es nur einer kann:

Du, Wolfgang, dem ich heute seit langem, durchaus genährt an Freude, diese Zeilen vom Vluyner Angelsee widme, als wie wären wir ein Paar, das nie eines war, was uns vielleicht erst ermöglichte, Lebensfreunde zu werden.

Auf jeden Fall weiß ich noch, dass ich dir deine Frage in den späteren Jahren, deine Briefe wiederzubekommen, abschlägig kühl beantwortet habe, und lediglich sagte, dass diese mir allein gehörten, und im Keller in einer Kiste aufbewahrt werden. Dahinter steckte keine Form von Klugheit und Freundlichkeit, weiß ich heute.

Es war meine große Ichbezogenheit, dass ich das, was ich teuer gewann, nicht billig weggeben wollte. Dafür bitte ich dich heute ein wenig um Entschuldigung, wiewohl auch in diesen Jahren du deine an mich gerichteten Briefe nicht erhalten wirst, weil ich ichbezogen geblieben bin, also als wie Frau geradezu in der Pflicht, ichbezogen zu sein, und diese Wörter an mich in einer schönen gegossenen Form als wie kleine Goldstücke in meinem Lebenssäckel behalten möchte.

***

Bis heute, als wie du weißt, verweigere ich mich der all-, besser: erdumfassenden Maschine, dem Internet, was die Menschheit eher wohl insgesamt ins Unglück als wie in ein neues, glückliches Paradies gestürzt hat, was heller und sichtbarer wird, wer sich tief und breit umschaut. Und ich verfasse daher bis heute keine solcher elektronischen Briefe, die mir, dahin geworfen als wie ein unbedeutendes elektronisches Signal in das Nichts, für das, was mir Leben bedeutet, als wie kein geeignetes Werkzeug erscheinen, und für mich keine Briefe sind.

Nicht einmal ein Handy, oder heute ein Smartphone, als wie dieses Ding zurzeit genannt wird, habe ich, und es gibt mehr und mehr Menschen, Bären großen und kleinen Verstandes, die erkennen, dass auch dieses Ding kein glückselig machendes Ding an sich ist, sondern ein letztlich großes Überwachungssystem, das den Inhaber in einen stetigen Zustand des Verbundenseins mit derart vielen Pappnasen – ja, Pappnasen mögen sie heißen, es gäbe schlimmere Begriffe! – bringt, die anders doch so viel schöner zu treffen wären, wenn aus Pappnasen überhaupt erst Menschen vielleicht dadurch würden, sie in Raum und Zeit zu erleben, und die ich gerne auf meine Terrasse einlüde, hätten sie wirkliches Interesse an mir.

Und ich wirkliches Interesse an ihnen.

Diese Maschine, die Freunde angeblich weltweit verbindet, tatsächlich unser Leben in den Daten zu ungesteuertem und gesteuertem Geldwert für andere macht, das Internet, das vorgibt, ein Wir zu sein, in Wahrheit das alleinige Profit-Ich ihrer Vermarkter ist, das Internet habe ich auch nicht, da ich nicht unbewusst oder bewusst ihrem Targeting, ihrer schlimmen Personalisierung folgen möchte. Die das Recht des Einzelnen auf Freiheit und Privatheit für sich selbst in einer offenen Gesellschaft verhindert, und den Einzelnen zu einem schlimmen, öffentlichen, denen tief und breit bekannten Affen macht, der auf den Felsen unterhalb der Oberaffen sitzt, und gezwungen wird, das zu tun, was die wollen.

Genau:

Was der Oberoberaffe wirklich will und ob das der Unterunteraffe tatsächlich bemerkt, tatsächlich weiß oder nicht, tatsächlich erahnt oder nicht, darin sind sich die Kulturwissenschaften nicht einig, sage ich milde. Ein Freund traf einen solchen Oberoberaffen kürzlich auf seinem Steinberg. Und ich war schockiert, als wie mein Freund aus den USA dort, wo die USA ein sehr, sehr exklusives Ressort für die Elite der IT ist, in San Francisco, diesen als wie bescheiden und erdverbunden beschrieb, und dass dieser ganz allein und beinahe als wie üblich und ohne Personenschutz als wie einfacher Affe durch die Stadt ginge, während er der jüngste Reichste der ganzen Welt damit geworden ist, eine Firma in Chaos geschaffen zu haben.

Für deren Chaos er doch zu Anfang und am Ende ganz allein verantwortlich zeichnet.

Dass mein amerikanischer Freund beim besonderen Dinnerabend, zwölf Siegelträger in der Anzahl an der Tafel, in der Gruppe kein offenes, notwendiges Wort gegen diesen Affen richtete, sie beide über ein lahmes Filmfestival tief und breit und vorgeblich angeregt sprachen, verschlimmerte meinen harten Eindruck lediglich davon, dass die Oberoberaffen auf Oberaffen treffen, die auf Affen und dann auf Unteraffen treffen, zu dessen Anfang selbst über den reichsten jungen Menschen der Welt wiederum der Oberoberoberaffe steht, der ihm sagt, wo es lang geht, und auch dieser am Ende nur denen oder dem gehorchen muss, will er auf seinem höchsten, den anderen bekannten und sichtbaren Steinberg thronend sitzen bleiben.

Ja, auf solchen Dinners ist es Gepflogenheit, nicht über das Geschäft zu reden.

Ich wagte es nicht offen, leider, meinen Freund hart anzugehen, und ihm zu sagen, dass der, mit dem er so entspannt über Harmloses plauderte, ein Faschist ist – ja, ein Faschist! – und dass sein Chaos, das er am Ende allein geschaffen hat, die Welt der offenen Gesellschaften stört, zersetzt, ja, ruiniert, und dass er es ihm in das Gesicht hätte knallen müssen. Und mein Freund denkt ebenso als wie ich, Renate, sagt er, dass dessen Maschine uns kaputt macht, so denkt er, sagt er es zugleich nur mir, sodass er es mir gar bestätigt, und zugleich dort an der Tafel sitzt mit dem. Und dem die Wahrheit nicht sagt an der Tafel, und sich so verhält als wie die Affen, als wie die drei berühmten, vorgeblich weisen, in Wahrheit feigen Affen, deren einer die Augen verschließt, der nächste die Klappe hält, und der dritte sich die Ohren zuhält. So war es feige, dem das an der Tafel nicht gesagt zu haben, was mein Freund tatsächlich über ihn denkt, es ist eine Welt voller Lügen. Dann, Renate, sagt mir mein Freund, es dem Faschisten beim Dinner sagen, dass er einer sei? Dann wäre ich …

Also, mein Freund wäre dann, sehr wohlhabend, aus einfachen Kreisen ursprünglich stammend, aus Osteuropa, aus diesen hohen Kreisen, von diesem hohen Steinvorsprung des Affenfelsens ...

… herunter geschubst worden, und, dieses, sein Verhalten ist am Ende für viele von uns gültig, egal auf welcher Höhe des Steinberges wir es uns eingerichtet haben.

Wir sind dazu geprägt, nichts zu sehen, nichts zu sagen, nichts zu hören, wer mag das schon? Wer? Runter geschubst werden vom Thron? Auch ich halte mich, leider, an die Gepflogenheit, nicht stets und überall Wahres kundzutun, sodass ich in der Folge rasch einsam würde, und stets im Kriege mit Menschen, die mich umgeben. Außer bei dir, Wolfgang, in meinen Briefen an dich, und an wenige andere, tue ich Wahrheit kund, als wie ich es nur kann.

Auch ich bin ein Äffin auf dem Felsen.

Nur: Wer sind die Wärter?

Und: Wem gehört der Zoo?

Und: Wem gehört derjenige, dem der Zoo gehört?

Am Ende: Gehört der Zoo Jahwe, Gott, Allah, Buddha, oder den Elementarteilchen der Physik, den Dingen der Dinge an sich?

Darin haben viele unrecht:

Wir müssen nicht, gegen Mark Twain und Roman Frister gesprochen, im Altern und im Alter unbedingt modern sein, wollen wir leben. Wiewohl ich vor dem Ausscheiden aus dem Dienst an der Universität Führungskräfte beriet, und sich so mancher unter den Jüngeren wunderte, als wie zwingend altbackenes Brot es ist, was ich vorgeblich buk, und sie meinten damit wohl, als wie schrullig ich wäre, als wie sie es empfanden, so halte ich dies bis heute für die richtige Entscheidung, ohne Internet und ohne Smartphone zu leben, da mich mein Leben ohne dieses Gedöns klar, eindeutig und auch ruhig leben lässt. Und zudem meine Gedanken tatsächlich noch Gedanken sind, die in dieser Zeit eine ganz andere Volumenform in der Welt angenommen haben, ein Kleinstes für viele heute, für solche, die Gedankenspringen für Gedankenhaben halten, und tatsächlich keine Gedanken mehr lange und saftig kochen, die für mich doch tatsächlich noch Gedanken sind, und es ein großes Festmahl ist, etwas durchdacht zu haben, dann tiefe und breite Gedanken zu speisen, die versuchen, sich gärend, ziehend und durchgewalkt zum Aussprechen und zum Niederschreiben bereit zu stellen.

Und von Tiefe und Breite versuchen zu erzählen.

***

So rufe mich immer gerne an, da du in einem anderen Rhythmus des Lebens und des Alltags lebst, und ich will es derart pflegen, dass ich dir Briefe schreibe, die, übrigens, mit meinem Lieblingsfederkiel, dem aus Zinn, geschrieben sind, der mir von meinem Vater übrig geblieben ist, der ihn selbst nie benutzte, und von seinem Vater wiederum erhielt, der wohl damit Übungen in Kalligraphie erledigte, wofür Papa keine Zeit fand. Und wohl auch keinen Sinn darin sah, mit seinen stets verschmierten Händen aus der Wäscherei, in der er die Leitung hatte, auch noch ein solch in der Ausübung anstrengendes Werkzeug zu benutzen, als wie ich es wiederum gerne erledige, da der Sinn der Briefe dadurch erst seine Entfaltung erfährt, dass es davor eine anstrengende Arbeit ist, wenn ein Ich mit dem zur Genauigkeit zwingenden Kiel ihm wichtigen Menschen ernsthaft und möglichst durchdacht entgegentritt.

Also, fühle dich ein wenig geehrt, dass auch du zu meinen Brieffreunden gezählt wirst in diesem Moment, und zu jemandem, der gute Ruhe verdient, wenn ich an ihn, den Brieffreund, denke, und meine Gedanken an ihn sehr bewusst entwickele. Ich sehe Papa jetzt als wie Bild vor mir, als wie er im Bad tagtäglich seine Hände und Unterarme mittels einer groben Spezialpaste und mittels einer rauen Bürste lange Zeit im Becken schrubbt, wäscht und reinigt, und es unerträglich lange dauert, bis er zu mir in den Flur tritt.

Der Kohlenstaub ging freilich nie vollständig von seinen Händen, und vor allem unter den Fingernägeln hinweg, und als wie jugendliche Frau hatte ich gar eine törichte Angst davor, dass sein Kohlenstaub, stand er vor mir, als wie er von der Arbeit kam, auf meine Bluse und in mein Gesicht ging. Immer dann, wenn er mich sanft und lange in den Arm nahm, als wie es seine Art war, wenn er auf mich traf, für was ich ihm aus heutiger Sicht als wie Tochter dankbar bin, dass er mich gerne und gut umarmte, und damit stets und stets zeigte, dass ich gut und gerne zu ihm gehörte.

Ach, Papa, ich vermisse ihn. Es ist nun schon lange her, dass der Krebs ihn uns wegnahm, und ich erinnere mich gerne an ihn, wenn ich mit dem Kiel hantiere, als wie wäre der ein Stab der Magie, der mich auch dadurch mit ihm in Verbindung hält, wiewohl er, verstorben, selbst zu Staub geworden ist, unter seinem Grabstein auf dem Friedhof von Vluyn recht friedlich ruhen mag, wenn es so etwas als wie Frieden nach dem Tod gäbe, von dessen Einsatz nach dem Leben ich zugleich keine Kenntnis habe.

Ich schweife kurz und länger ab, so vielleicht versponnen als wie auch alt ich bin, ich weiß. Wenn es um meinen Vater geht, werde ich augenblicklich weich und unruhig. Er hat sein Bestes dafür getan, dass ich ein freies und gutes Leben, besonders als wie Frau, führen konnte, und ich habe es weit und zugleich nur in Teilen umgesetzt. Das schmerzt, als wie wäre die Wunde, ihn verloren zu haben, nie ganz ausgeheilt.

Und so ist es wohl auch.

***

Also, verzeihe mir das, mich in Wörtern zu äußern, die wahrscheinlich in solchen Briefen mir selbst gut zur Vergewisserung des Zustandes meines Lebens und zur Besserung eben dessen dienen, und weniger sinnvoll allein an den Empfänger, an dich, gerichtet sind. Mein Freund, du hast Papa nie kennengelernt, also warum sollte ich dir von ihm berichten. Er verstarb in dem Jahr, kurz bevor du in mein Leben getreten bist.

Deine damaligen Briefe haben tatsächlich die Bedeutung eines kleinen Schatzes für mich, wiewohl ich derart viele zu meinem Glück in meinem Leben gehoben habe. Ich gehe davon aus, dass du diese vorherige Zeit sowieso fast vergessen hast, da es vor doch sehr lang zurückliegenden Zeiten war, als wie du und ich jung und vor dem Beginn des Lebens standen, bevor das eigentliche Leben so viele andere, krumme und gerade, hohe und tiefe, komische und tragische Wendungen nahm.

Was ich dir versichern kann, ist, dass du stets in meinem Leben eine Gerade geblieben bist, als wie wären die Gedanken an und das Gefühl für dich als wie eine in schöne Spitzen geklöppelte Lebensschnur von großer Nähe und steter großer Entfernung gewesen, seit du Vluyn verlassen hast, also eine Lebensschnur ist, die mich in manchen, bedeutsamen Momenten daran erinnerte, dass ich damals als wie auch später eine Frau stets und durchgängig war, die nicht alleine blieb, wiewohl ich das stets wieder und wieder gewesen war.

Du weißt, dass die Scheidung von Klaus eine schreckliche war, und du weißt, dass der Tod meines zweiten Ehemannes vor wenigen Jahren, nachts neben mir liegend, unvermittelt in der Nacht neben mir verstorben, und gar kalt am Körper, und schwer und grau in der Farbe geworden, mich bis heute in einen fortwährenden Schrecken versetzt, der nur sehr langsam seine mächtigen Nachwirkungen in mir weniger und weniger nachschwingen ließ. Und der als wie angsterregender Schatten jeden Tag und vor allem nachts mich bis in das Heute begleitet, als wie wäre die Bettdecke mein eigenes Leichentuch, was ein zorniger Gott, – ja, ein Gott! –, wer und was auch immer, über mich geworfen hätte, während die Bettwäsche seitdem selbstredend eine neue ist, die keine Spuren seines plötzlichen Todes in den Fasern trägt.

Du hast weder Klaus noch Wilhelm je getroffen, und ich möchte daran glauben, nun in meinem Garten sitzend, dass du beide zu ihren jeweiligen besten Zeiten gerne gemocht und in beiden gespürt hättest, dass auch du ein Teil dieser beiden Männer gewesen bist, derart liebevoll als wie du dich mir als wie Mann gezeigt hast. Nun ist es anders, und ich bin, zumindest zu Hause, allein lebend. Mein Mischling ist bereits sieben Jahre alt, und ist ein recht braver Begleiter für eine ältere Frau, bei der die Männer nicht so lange geblieben sind.

Als wie dass sie heute ohne einen Hund auskäme.

Meinem Hund habe ich den Namen Mensch gegeben. Vielleicht ist es lediglich die Marotte einer Leserin, die diesen einsiedlerischen und gar unmenschlichen Schopenhauer mag, und auch nur die Faulheit, meinem Hund keinen anderen Namen gegeben zu haben, als wie dieser es so tat, wenn er mit dem nächsten Pudel durch Frankfurt zog, und seine bitterbösen Bemerkungen den Menschen auch dadurch hin schmetterte, als wie rohe Axthiebe, und selten als wie sanfte Pinselstriche, indem er auch selbst seinen Hund bös Mensch nannte, wenn er bös auf Menschen war, was wohl sehr häufig vorkam, oder er auch insgesamt wohl ein eher böser Mann war, etwa auch, sobald er über Frauen sprach, zu denen er ein eher unglückliches Verhältnis hatte, um es zurückhaltend auszudrücken.

Zumal ich keine eigenen Kinder habe, ist ein Hund eine feine Sache, diesen Mangel an steter Begleitung im Haus und auf dem Grundstück vor sich selbst trügerisch mit ihm zu überspielen.

Ich mag Mensch wiewohl, und behandele ihn anders, als wie ich mir Schopenhauer als wie Hundebesitzer vorstelle.

***

Nun zur Sache an sich. Ich danke dir für deinen Anruf, und die Nachricht, die du mir hinterlassen hast. Ich gehe selten an das Telefon, von daher sei ermutigt, mir auch – gerne! – Nachrichten zu hinterlassen, es gibt auch keine Längensperre, musst du wissen. Du hast Bettina aufgenommen, und dich damit ihres Falls angenommen. Gut, dass Peter sich an dich gewandt hat, und ich die Empfehlung dazu aussprechen durfte.

Dafür danke ich dir, da Bettina irgendwie gut das geblieben ist in all den Jahren, was sie zu Anfang mit achtzehn Jahren für mich vor allem wurde:

Mein zu beschützender, äußerst begabter Mentee, und ich ihre sie beschützende, ältere Mentorin.

Dass sich das Schicksal nun auf eine derart unschöne Weise in ihrem Leben zu etwas Schlechtem fügt, ist etwas, was mich belastet, und zugleich genügend wenig mit mir zu tun hat, als wie dass ich nicht anders als wie ruhig mit ihrer Lage umgehen kann.

So male ich nicht allein das Schöne, als wie du weißt. Ich hasse Kunsthandwerk, und Kunst, die gefallen möchte, ist Kunsthandwerk. Das Hässliche, das Unschöne im Leben, ist mir ebenso eigen. Die letzte Ausstellung meiner Gemälde, du magst ja meine Kunst, fand in der Nachbarschaft in Krefeld statt. Es war sehr schön, und die Museumsleute taten alles möglichst so, was sie nur tun konnten, damit ich mich während der Vernissage wohl fühlte.

Gerne sähe ich es, als wie meine Gemälde bei dir in Basel im Haus welche Hängung haben. Das eine ist mir von den dreien, die du im Besitz hast, das Liebste:

Es zeigt den Angelsee von Vluyn im Winter, wenn Angler zur höchsten Wahrscheinlichkeit nur deswegen im Frühfrost am Morgen dort verweilen, weil sie dort für sich frei und frisch atmen können, ohne große Fänge erwarten zu dürfen, und einfach nur allein mit sich und dem Winter und dem See sind, und dem Schicksal des auch panischen Alleinseins in ihrem Leben mittels ihrer Verbundenheit mit Luft, Wasser und Erde, und das Leben in ihren Knochen spürend, etwas Gutes entgegen setzen möchten.

Du weißt ja, dass ich eine derjenigen bin, die dort auf deinem Gemälde als wie krumme Umrisse porträtiert sind. Wenn es auch lediglich im Halbprofil ist, erkennst du mich an den langen, pechschwarzen Haaren. Dem Kohl, und den Raben an mir. Den kohlrabenschwarzen Haaren.

Das Gemälde entstand vor dem Tode von Wilhelm, in der Trauerzeit, daher diese langen Striche, die Haare einer Frau darstellen. Ich hatte ja nach seinem überraschenden Tod, als wie du weißt, keine zwei Tage später in unserem Friseursalon meine langen Haare zum Bubikopf stutzen lassen, als wie zur Jugendzeit, und selbstredend unter lediglich stillem, da anteilnehmendem Protest von Rainer, der dort seit Jahrzehnten den Salon leitet, und der mich frisierte, stets, wenn ich mal wieder kurz und knapp bei Mama in Vluyn war.

Ich frage ihn auch manches Mal, ob er sich noch an dich erinnert. Stets versichert er mir, dass du ein berühmter Vluyner bist, der es bis an die Spitze einer für ihn sagenumwobenen, nicht greifbaren und eine in diskretes Schweigen gehüllten Schweizer Privatklinik geschafft hat, das wusste er auf seine Art schon. Einmal fragte er mich, ob du einen dieser Privatjets unterhältst, mit denen Berühmte sich fortbewegen, als wie ich dann vom lediglichen Aston Martin erzählte, von dem ich wusste, lachten wir beide herzlich laut auf, und waren uns einig, dass du dann doch nicht ein derart berühmter Junge aus Vluyn bist, dass wir in Ehrfurcht erstarren müssten. Einer ohne eigenen Privatjet, das reicht für einen als wie Rainer dann doch nicht aus, um dich besonders zu bewundern.

Er trägt, wiewohl auch schon Mitte Sechzig, stets noch immer seine schwere Brille mit dem dicken Rahmen, aus der er stets auch besonders abwesend drein schaut, wenn er die Haare schneidet, und sein Haar selbst ist licht und dünn und grau geworden, was für einen Friseur wohl eher geschäftsschädigend sein muss, als wie für die Kundinnen einladend, dorthin zu gehen.

Es sind vor allem die alten und ganz alten Vluynerinnen, Damen von – verstorbenen – Angestellten, – längst verstorbenen – Bauern und – vor allem verstorbenen! – Kleinunternehmern, die Rainer die Treue halten, junge Kunden habe ich dort bereits seit Jahren nicht mehr zum Termin gehen sehen.

Ich wünsche Bettina, dass du und deine Kollegen gute Arbeit an ihr erledigen, das ist unser Plan, und dass du sie heilen kannst, als wie es nur geht. Nach allem, was ich erfahren habe, sind die Gründe, die zur notwendigen Behandlung führten, keine sehr leichtgewichtigen. Es traf das Ehepaar als wie das Paar von Frau und Mann, das Gleichberechtigung als wie innere und äußere Haltung belebend für sich und für viele andere einnahm als wie andere Menschen reinen Sauerstoff, reines Oxygen, ohne dass ihnen auch nur irgend etwas anderes in ihrem Leben in modernen Zeiten gefehlt hätte, was bis dahin und vor dem Vorgang offensichtlich nicht der Fall war, dass sie einen Mangel an sich gehabt hätten.

Derart viel an früh gelungener, eine der guten Zukunft in der Gegenwart entnommenen Zeitgemäßheit saugten beide in großen Mengen ein, den Stoff der Moderne – die Gleichberechtigung! – , dass ihre Lungen heute nach allem anderen, was geschehen ist, wohl vergiftet sind, und beide wohl kaum ohne die künstliche Sauerstoffzufuhr durch euch in der Schweiz gut weitermachen werden können, denke ich.

Eine Katastrophe vielleicht nicht, eine Krise in jedem Fall, eine Enttäuschung in ihnen, und bei den vier Kindern, und allen anderen um sie herum? Ja, eine große Enttäuschung.

Eine, die die Natur von Peter und Bettina auf eine ganz neue Art herausfordert, wollen sie ihr Leben im höheren Alter gemeinsam meistern, denke ich.

***

Das Leben kratzt uns als wie von Tatzen wilder Raubtiere, denen wir gerne zu nahe treten, und zugleich berechtigt angstvoll entgegen treten sollten, die Linien tief ein. Raubtiere hier, und dort, und in uns, die zum Leben dazu gehören, wer das Leben erkannt hat, wohl wahr. Zugleich sind es Raubtiere, als wie dass sich uns das Leben in Wahrheit darstellt. Alles andere ist eine betäubende Droge zur ersten Wahl. Ist vereinsamende Blindheit zur zweiten Wahl. Und schlicht das Sich-Zubilligen eigener Gönnerschaft zum dritten, in Dummheit leben zu dürfen. Und zum vierten ist alles andere eine Haltung der Abgehobenen, die das Leben nicht kennen, wer das eigene Leben, umgeben von Raubtieren, hier, und dort, und in uns nicht als wie solches erkennen will, was es ist:

Ein Leben, das sich die Stücke an sich reißt, wann immer es nur will, ohne dass wir nicht anders leben können, als wie selbst Stücke dem Leben zu entreißen.

Sobald wir den ersten Atemzug nehmen, und im Leben materialisiert sind als wie Naturwesen, die fortwährend nur eines bis zu ihrem Tode alltäglich wollen:

Schlafen, essen, und trinken, sobald wir in der Ansicht geboren sind, dass das eigene Überleben das Wichtigste in unserem eigenen Leben als wie Naturwesen Mensch ist.

Und das in jedem einzelnen Moment bis zum letzten Atemzug. Ist das böse von mir, Wolfgang? Ja, und nein.

Ja, es ist böse, weil es vor allem viel Liebe um uns herum gibt, und nicht allein das Böse. Nein, es ist nicht böse, weil es wahr ist, weil es vor allem das gemeine Geschlecht Mensch tatsächlich gibt, das sich des Bösesten stets selbst ist.

Nein, es ist nicht böse, da die Welt, wiewohl sehr böse, zugleich sehr aufmunternd, stärkend, freundlich und als wie ein Teil all in allem liebevoll sich mir zeigte, wenn ich dabei auf mein Leben zurückschaue.

Ja, es ist böse, da mein Leben in keinem Falle als wie beispielhaft als wie für das Leben so vieler anderer Schwestern gelten kann.

Ich habe immer um Erkenntnis gerungen in meinem Leben, Wolfgang. Darauf fußend, erkennen zu können, was ist, und fußend auf denen, die uns tragen, und darauf fußend die mit uns, die wir tragen.

So ist es böse: Ecce canis! (Hier ist dein Hund!)

Und so ist es gut: Ecce papilio! (Oh, dort ist ein Schmetterling!)

Wir sind es in eins: Hunde und Schmetterlinge.

Böse und gut, gut und böse.

Ist so.

War so.

Wird so sein.

(Wer erhebt die Gegenrede?)

Und für dich sei gesagt, weil es von der griechischen und römischen Antike an bis heute Briefe sind, die bleibende Werte in den Seelen der Menschen schaffen:

Ecce adsunt tibi epistulae! (Hier sind Briefe für dich!)

***

Wie es ausgeht mit denen allen, mit Bettina, mit Peter, weiß ich nicht. Dafür, es gut zu leiten, bist du als wie klinische Fachkraft da. Ich nicht. Ich bin geschult und gelehrt in der Wirtschaftspsychologie, als wie du weißt. Eine Professorin gar, eine im Ruhestand. Die klinische Psychologie war niemals mein Gebiet, auf dem ich mich stark machte. Ich kann mich dort begrenzen, wohin ich nicht dazu gehöre als wie Fachperson. Führungskräfte in der Wirtschaft zu begleiten, und im Sinne der Wirtschaft und ihren Anforderungen zu verändern, ja, das kann ich.

Menschen, die führen, in ihrem Privatleben als wie Ärztin, als wie Therapeutin, oder als wie nur ähnliche solche zu begleiten und zu verändern, ist nicht mein Fach gewesen, und dort habe ich mich stets stark und klar nicht gezeigt. So bin ich froh, dass du in dieses Drama eingestiegen bist, um es zu mildern, und um es zum brauchbar Guten zu beenden. Das weiß ich wiewohl nicht, ob dies gelingt, bei der Schwere, die diese Vorgänge auf die Schultern der beiden geladen haben.

Sag mal bei Gelegenheit, ob du noch den alten Aston Martin fährst. Der muss inzwischen eine kostbare Seltenheit sein, und hast du ihn gepflegt, und gehegt, seitdem du ihn selbst auf deinem Anwesen im Gästehaus, neben dem Billardtisch, zusammengeschraubt hast, als wie wäre dieser später ein Erbstück, das du in deinem Leben deinen zwei Kindern hinterlassen möchtest. Und nicht lediglich ein Ding ist, dass dich stilvoll und sicher durch die Gegend fahren sollte, und nicht rasend tödlich, als wie es mein geliebter Daniel Craig und die anderen als wie 007er so erledigten?

Es muss schön sein, in ihm die Schweizer Berge und Serpentinen hinauf und herunter zu fahren, zugleich stelle ich mir die Kurvenlandschaft für einen Autofahrer eher als wie sportlich und als wie wenig erholsam vor. Ich selbst halte es als wie stets, und fahre einen Mittelklassewagen, und den jeweiligen bis zum bitteren Ende. Autos waren und sind mir nicht wichtig.

So grüße ich dich von meinem Elternhaus am See. Wir haben im Angelverein dafür gesorgt, dass der See bis heute das ist, was er vor Jahrzehnten bereits war:

Ein Angelsee, aus dem wir häufig Barsche, Karpfen, auch Rotaugen, sehr selten Hechte sogar, selten Zander und anderes Gedöns fangen, und dabei stets unterjährig die Anzahl der Fische bereit halten, den Besatz erledigen, als wie es heißt, damit wir aus ihm das fischen, was wir in ihn strategisch ausgewogen hineingeben, und züchten, und in der Folge entnehmen. Mein Steg am See vor meiner Wiese ist umrandet von Schilfrohr und Rohrkolben, und umflogen von den Vögeln, die dazu gehören. Besonders die Amseln kommen und gehen zahlreich bis heute, und erfreuen mich, da diese unsere Freunde stets in Vluyn waren, mich von Kindesbeinen an begleiten am Niederrhein, diese Wundergeschöpfe unter den Vögeln, deren Größe sich mir erst vollends erschloß, als wie die Musik der Beatles, diese blackbirds besingend, mich berührte, und mich dazu brachte, mir zu wünschen, mich zu ihnen hinauf zu schwingen.

Stets erfreuten mich meine Begleiter, und immer dann erfreuen sie mich als wie bis heute, wann immer sie über den See und über mein Haus ziehen, mich melodiös und stark hörbar besingend, bereits in der Morgendämmerung, wenn ich am Steg sitze, wann immer die Amseln ihren Kreisen über den Vluyner See nachgehen. Und ich mag es, ganz und gar und glücklich, vor Tagesanbruch am Steg zu sitzen, und zu erleben, als wie sich alles dort hin und her wiegt in den Jahreszeiten, und kein Zweig meines Schilfes und meiner Kolben niemals bricht, dafür stets zurück in die Mitte aus der Höhe und der Tiefe und aus den Seiten zurück schwingt, was durchaus der bildliche Ausdruck für ein reifes und gesundes Leben als wie Erwachsener ist:

Getroffen zu werden, ohne zu kippen.

Geschlagen zu werden, ohne zu fallen.

Verschoben zu werden, ohne anders als wie stets zurück in die Ausgeglichenheit zurück zu schwingen.

Dafür gibt es ja die Ergebnisse der heutigen Resilienz-Forschung, die viele Führungskräfte neu entdecken, weil es psychische Widerstandskraft, also unter anderem hohe Leistungsfähigkeit verspricht, wer sie beherrscht, während ich diese innere Haltung, die wohl eher ein genetisches Geschenk als wie eine gewollt antrainierte Fähigkeit ist, stets in mir genügend trug, und an meine Mentees weitergab, so gut ich es konnte, ohne in jedem Fall zu wissen, ob sie die geschenkte Voraussetzung hatten, sie erleben zu dürfen:

Die Ausgeglichenheit in der Mitte finden, verlieren, finden, halten, die Mitte, – seit Seneca einer der hohen Tugenden eines guten Lebens! –, die ein gutes Leben verheißt.

So sind mir das Schilf und das Rohr an meinem See ein Sinnbild vom guten Leben seit Langem, und die stete Mahnung, als wie Frau in den Schwingungen der Welt der Welt das entgegen zu halten, was ich als wie falsch empfinde, und das im Bewusstsein, dass es mich nicht zerstört, wenn ich dagegen halte.

Frauen von heute sind dort, so scheint es mir, ganz anders. Sie schwingen nicht so sehr entspannt nach vorne und zurück, und zu den Seiten. Sie gehen in Teilen in bittere, ja unerbittliche Streitigkeiten, Kämpfe, gar in Kriege, und sind in Gefahr, ihr Gerüst gebrochen zu bekommen, weil sie sich ganz und gar dem Sturm gegen dem Bösen stellen, und dabei in Gefahr sind, im Kampf auf den Sieg hin alles zu verlieren.

Vielleicht ist meine Generation geschmeidiger und zugleich kämpferischer gewesen als wie die vorherige von Frauen, die Generation meiner Mutter, und ich bin zugleich aus Sicht heutiger Frauen auch vielleicht zu sehr noch gefangen in einem Korsett des alten Frauseins, was ich eher als wie ungerecht empfände, wenn das die heutigen jungen Frauen dächten, da wir in durchaus große Kämpfe gingen, und doch wir es waren, die erst vieles auch für unsere nachfolgenden Schwestern errungen haben (wiewohl nicht alle Frauen Schwestern zueinander waren, und nicht alle solche friedlich und unterstützend zueinander sind).

Heutige Frauen sind in ihrer Kraft und in ihrer Gewalt vielleicht ganz anders, und lassen es sich nicht gefallen, wenn auch nur ein Windstoß oder eine Böe sie ein wenig hernieder drücken will. Die Filme der Neuzeit sind voller Heldinnen, was mich stets als wie Zuschauerin elektrisiert, und unter adrenalinhaltige, eine gefühlt mit ihnen in den Kampf ziehende Freude bringt, und in den kurzen Rausch eines kurzen Sieges versetzt. Und zugleich voller Heldinnen sind Filme der Neuzeit, die kaum etwas anderes sind als wie kriegerische Männermaschinen, und blutig kämpfen, schießen, schlagen, töten, gar enthaupten, und wenig von liebevollem Umgang und einem neuen Umgang untereinander in einer neuen Zeit handeln, weil sie auch voll von Rache sind, wenn wenngleich oft ganz im Recht dabei, gegen die anzutreten.

Die gegen sie antreten.

Zugleich gibt es Frauen in den Filmen, die – (nicht allein) humorvoll gemeint! – früher, als wie die Heldinnensagen in die Welt Hollywoods eintraten, nicht jeden und jeden bis zum Ende schlachteten. Ein paar Tote in Gegenwehr, das hat mir stets Freude bereitet. Alle zu töten, als wie es wohl heute teilweise gezeigt wird, das ist nicht meine Welt. Es geht stets im Maß auch um die Menge, wieviel wohl vernichtet wird, um die Welt zu retten, denke ich. Das eine als wie das andere ist – völlig eindeutig! – stets nur die Bilderwelt eines Theaters, eines Gemäldes, einer Skulptur, eines Romans, und besonders in der Massenwirkung heute, der Filme. Wir sollten diese Unterhaltung nicht derart ernst nehmen. Mörder werden nicht zu Mördern mittels von Gewalt in der Kunst, das ist davor in ihnen, oder das ist danach ihn ihnen. Mir hat die Prinzessin Leia aus „Krieg der Sterne“, 1977 erschienen, in vierzig folgenden Jahren stets Freude bereitet, dass sie nicht allein beschützt war durch Han Solo, im Gegenteil die Waffe selbst für die gute Sache einsetzte, neben den männlichen Rebellen, die für sie kämpften.

Das reicht mir bis heute, ein paar Tötungen im Sinne des Films, ein paar Abwehrungen im Sinne der Geschlechtergerechtigkeit, es muss nicht gleich Massenmord sein auf der Leinwand, im Drama, auf dem Gemälde, in Bronze, in den Romanen oder wo auch immer Kunst auch Frauen zeigt, die anders als wie davor heute vermutlich gleich ein wenig übertreiben müssen, als wie es die Männer zugleich stets früher und stets härter in der Kunst erledigten.

Ich mag meine Pflanzen, übrigens, sehe die Tulpen als wie Schwestern an, als wie Mitstreiterinnen, stark, kräftig, und schön, und weich in einem, kleine, große, und Schilfe und Rohre dazu vor mir, dazu meine Birken am See. Sie können nicht schießen, sie können nicht vergiften, und lehren mich zugleich viel an jedem Tag, an dem ich diese erlebe.

Welche Pflanzen- oder Baumart sie heute sind, die Frauen von heute, frage ich mich oft, wenn ich am Schilf und am Rohr sitze, und bislang habe ich darauf keine besonders geeignete Antwort gefunden.

Ich wünschte mir, die heutigen Frauen wären Eichen in einem Wald voller Stärke und Größe aller Geschlechter geworden, in Ruhe gewachsen, in Stärke gereift, in Schönheit geblieben, und voller Eichen untereinander miteinander zu dem geworden, was Geschlechtergerechtigkeit wäre, dies jedoch sind sie bislang nicht. Vielleicht sind sie eher in dieser heutigen Generation Birken, eine Form dazwischen, zwischen Eichen und Schilfen. Ob das Bild der Waage, das hinter dem Bild von Schilfen, kulturell bedingt, gemalt steht, vor allem auch ausgleichende Frauen zu sein, ob dieses Bild ausreicht, als wie es sich auch viele Frauen in meiner Generation zum Abbilde ihres Handelns nahmen, in diesem Leben Gerechtigkeit herzustellen, ob das so ist, dass, Waagen zu sein, genügend ausreicht für heutige Frauen in und gegen die Welt, weiß ich auch nicht.

In einer weiterhin frauenfeindlichen Zeit.

Als wie sich die Welt der Männer an vielen Orten und in vielen Handlungen und in vielen Taten weiterhin zeigt, wer gereist ist, gehört, gesehen und davon gelesen hat, welche Schrecken, Schrecknisse und Schrecklichkeiten, ja, als wie viel Terror diese Welt für so viele Frauen bis heute bereithält.

Und in ihr vorhält.

Eine Welt, die Männer hervorbringt, und Männer, die Frauen umbringen.

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Und Männer, die Pkws fahren, und in Pkws hineinfahren, dann, wenn dort als wie Geschädigte eine Frau aus ihrem Pkw steigt, diese die Frau häufig sofort und ohne Grund der Vernunft Gewalt ausübend anbrüllen, was diese Männer in der Form sich nicht gewagt hätten, wäre meine Freundin Linda Hamilton, die Pumpgun im Anschlag, oder mein Freund Arnold Schwarzenegger (die aus den „Terminator“-Filmen), aus dem geschädigten Pkw ausgestiegen. Und es wäre nicht derart geschehen, wenn diese, meine Freundin, und dieser, mein Freund, sich denen im Grunde als wie Soldatin oder als, naja, starken Mann auf einmal zur Überraschung der Täter gezeigt hätten, bei denen all die brüllenden Männer auf einmal doch aufpassen sollten, und natürlich sofort aufpassten, was sie dann tun oder dann täten, wenn sich Linda oder Arnold vor den Tätern in Pracht und Größe lässig aufgebäumt hätten, sobald diese den Pkw verlassen hätten, in dem diese Testosteronmonster schuldhaft hineingefahren waren.

Welch ein Spaß, diese im Zoo zu besichtigen, ein Spaß das doch auch – auch! – alles für uns Frauen ist.

Und, als wie viele Männer, Affen in dieser Welt, im Besonderen im Gehege der Gorillas leben geblieben sind, im unentwickelten Körper der uns dort verwandten Männchen.

***

Ach ja, ich bin im Alter tatsächlich eine Frau des Gartens geworden, tatsächlich, es klingt so britisch, ich weiß, und habe in den letzten Jahren den Garten derart neu aufgebaut, als wie er in den goldenen Zeiten meiner Eltern wohl weitgehend gewesen war. Es ist ein großer Obst- und Gemüsegarten geworden, und nun bin ich eine kundige, eine weitere – nein, keine Rosenzüchterin! – Tulpenzüchterin vom Niederrhein geworden, in dieser ebenerdigsten Welt, die Deutschland nur zu bieten hat, im Sommer dort vor der Terrasse mit Strohhut am Wirken, und in Schürze gekleidet, und eine mit Handschuhen ausgestattete Gärtnerin, ja, die bin ich geworden.

Der Boden am See und bei uns am Niederrhein ist sowohl gut dazu geeignet, als wie auch, dass das Klima bei uns, als wie du weißt, ein gutes Klima dafür ist, vielfältigst zu säen, und zu setzen, und zu wässern, und zu schauen, und zu ernten. Die Pflanzen haben bei uns alles an den Dingen in Fülle, die sie benötigen:

Licht, Wasser und Nährstoffe. Alles, was sie hält, und was sie zum Wachsen veranlasst, und im Wachsen bis zur Ernte verstetigt, bergen die Zeit und der Raum des wunderbaren linken Niederrheins in sich, und sogar an einem See zu sein, ist als wie ein weiteres Geschenk für diese nur dazu.

Heute Mittag habe ich mir einen frischen Salat aus kugelrunden Tomaten zubereitet, die aus meinem Garten stammen, und als wie Saatgut aus Venlo, von hinter der Grenze, von den alten holländischen Meistern der Gemüsezüchtung (und der Tulpenzüchtigung, als wie davor jedes Kind hier bei uns auf der deutschen Seite wusste).

Dazu gab es frischen, per Hand zerrissenen Kopfsalat, ich packe die wenigen Würmer stets eigenhändig weg, in Scheiben geschnittene Radieschen, verschiedene Kräuter, Thymian dabei, Essig aus Neapel (aus einem Urlaub als wie Souvenir) und schlichtes, preiswertes Sonnenblumenkernöl dazu, – sparsam sein, sagte Mama! –. Die Croutons, die dem Salat den Anschein geben, eine Mahlzeit auch für die Kauwerkzeuge zu sein, hatte ich im Supermarkt gekauft.

Das Salz war ebenso von dort, als wie auch der Pfeffer. Da mache ich keine großen Unterschiede, da in den modernen Fabriken der Lebensmittelindustrie Salz und Pfeffer derart souverän hergestellt werden, dass die Geschäftsmode, teure Salze und Pfeffer zu verkaufen, mir als wie sinnlos erscheint. Meersalze schmecken anders, aufgrund ihres anderen Natriumgehaltes, wohl wahr, und auch weil sie grobkörnig sind, wohl wahr. Das brauche ich dennoch nicht. Salz ist für mich Salz, Pfeffer ist für mich Pfeffer, so als wie Wasser Wasser für mich ist, die Grundausstattung an der Seite meines Essens, so meine ich, das ist der Grund, den ich annehme, und nicht besser mir wünschen mögen muss. Was ich dazu trank?

Soeben habe ich mir Wasser aus den Bodenquellen des Niederrheins, also aus dem Wasserhahn eingeschenkt (an unserem Wasser ist noch niemand gestorben), und, ich gebe es zu, es ist nicht klug, erst recht nicht als wie in meinem Alter, nacheinander dazu zwei helle, süffige Biere im Zinnkrug mir eingeschenkt (naja, es waren drei), in einen derer Krüge, die Papa, es sind so viele, zu den Arbeitsjubiläen seiner Arbeit auf der Zeche Niederberg geschenkt bekam, als wie wäre es tatsächlich besonders gewesen. Und es vielleicht doch tatsächlich besonders gewesen war, sein Leben in drei Schichten im Bergbau verbracht zu haben, Frühschichten, folgend Mittagsschichten, folgend Nachtschichten, und das zugleich im Wechsel untereinander, so hart, als wie bis die Kraft und die Potenz, die Freude und der Frohsinn dem Leben als wie technischer Angestellter dem Staub geopfert worden waren, technischer Angestellter der Ruhrkohle war Papa, als wie Mama ihn in formellen Schreiben angab, kein Arbeiter sollte er genannt sein.

Nein, Renate, höre, und merke dir, ein technischer Angestellter war dein Vater.

Wohl sagte und schrieb sie dies in einer sanften Übertreibung, da Papa am Ende schlicht und einfach ein Bergmann des Ruhrgebietes gewesen war, wenn auch am äußersten Ende des Westen des Ruhrgebietes, wo unsere Zeche bei den Feldern lag, an der Grenze von Vluyn zu Neukirchen. Mama versuchte sich wohl Zeit ihres Lebens darin, besser, edler und wertvoller zu sein, als wie die, die sie in ihrem Dörflein als wie junge Frau im Saarländischen am Weiher und am Wald hinter sich gelassen hatte, wiewohl sie auch viel Gleichheit unter die Menschen brachte. Darin bezog sie auch die strenge, übertriebene Wertung des Berufes von Papa ein, der für sie kein schlichter Bergmann sein durfte, und wohl auch schlicht nicht war, über Tage arbeitend, einen kleinen Zug führend. Immerhin hatte sie als wie junge Frau, erzählte sie mir gerne schmunzelnd, und im Tonfall des Stolzes in einem, eine ordentliche Auswahl von Männern besessen.

Und dürfte Papa, klar als wie sie auch war, nicht ohne guten Grund ausgewählt haben.

Es ist ja auch wahr, da hat Mama recht, Papa war von Vaters wegen, sein Vater war ein durchaus wohlhabender Schlosser in Schlesien gewesen, und besaß einen kleinen Betrieb, zählte Angestellte, meine Großmutter musste niemals zu Hause dienen, diese kaisertreue Frau. Ja, Papa war von Vaters wegen ein bereits höherer Sohn von der Herkunft her, und wegen seiner besten goldenen Jahre im Bergbau mit sehr gutem Gehalt ausgestattet. Er war in der Lage, Mama, meinem Bruder und mir ein Haus an einem See zu bieten, wenn es auch klein, schief und mit Lecken versehen war, bevor ich es viele Jahre später von der Ruhrkohle abkaufte, um es in ein recht modernes, helles und auch hübsch von innen und außen anzusehendes Häuslein mit Garten und einem festen Zugang zum See zu verwandeln.

Meine Ersparnisse flossen in das Haus meiner Eltern, und es war nur ein Drittel von diesen.

Ich Glückliche.

Es war vor meinen Eltern das Haus eines Steigers gewesen, den mein Vater wohl noch kannte, und der wohl in der Aussicht, am See wohnen zu können, in den Dreißigerne ebenfalls als wie Vater von Schlesien nach Vluyn gezogen war, wiewohl vor dem großen Krieg, und auf der hiesigen Zeche eine gute Laufbahn hinlegte. Papa zog erst nach dem großen Krieg an den Niederrhein, damit er dort die Mannschaften unter und später durchgehend oberhalb der Tage führte, und ebenfalls dafür derart gut entlohnt wurde, dass er sich wiederum für sich und seine Familie ein Haus am See zur Miete leisten konnte, wiewohl der See eher klein und, gemessen an der Größe von Seen, eher ein großer Tümpel als wie ein See war.

Und bis heute, Jahrzehnte später, geblieben ist.

Du weißt, dass in Neukirchen-Vluyn die einfachen Leute im Bergbau vor allem in Neukirchen wohnten, in Wohnungen und kleinen Häusern nebeneinander und aneinander, fast alle besaßen einen Garten, viele eine Kaninchenzucht dort, manche eine Taubenzucht im Schlag am Ende des Gartens, alles war unterkellert, sauber, rein, warm. Und die besseren Leute der Bevölkerungsanteile wiederum wohnten in Vluyn, die Mittelschicht, die oberste Mittelschicht dazu, auch solche als wie Papa, die auf der Zeche eine größere, eine führende Rolle einnahmen. Der Trennstrich unserer Stadt, zu besehen im Namenszug, hatte auch genau diese Bedeutung, als wie du wissen müsstest:

Eine unsichtbare und eine sichtbare Mauer zwischen beiden Stadtteilen zu ziehen, dort Stolz, hier Vorurteil, und umgekehrt, und unsere Kleinstadt hält die Mauer bis heute aufrecht. Und in der Mitte beider Teile lag die Zeche, als wie hätte der Bergbau beide Stadtteile besonders zusammengehalten.

Es ist im großen Sinne so, dass Neukirchen eher als wie ein Brooklyn ist, während Vluyn eher ein Manhattan darstellt.

Naja, Manhattan sind wir auch in Vluyn schon lange nicht mehr, wenn ich mir den unabwendbaren Zerfall der Einkaufsstraße in Billigläden anschaue, die verwahrlosten Reihenhäuser, den alt gewordenen Bestand an Gebäuden des Staates, und die leer stehenden, narbigen Hochhäuser anschaue, die an manchen Stellen in Vluyn, und auch unweit unseres Sees, als wie traurige Erinnerungsmarker stehen. Und als wie das alles aus einer alten, größeren Zeit des gelungenen sozialen Wohnungsbaus stammt, und in der heutigen Zeit Gebäude eher verrotten als wie modern sind, und gut in der Zeit davor gewesen waren, als wie Kinder dort en masse waren, Großeltern, Eltern, Nichten, Neffen, Kusins, Kusinen, Onkel, Tanten usw., die ganze Bagage, als wie Wohlstand wuchs.

Als wie Wachstum in der Tiefe und Breite am Niederrhein vorhanden war, und Stärke der handelnden Menschen dort war, und der Zuzug von fleißigen Menschen üblich war, und vor allem eine besondere Energie des Nach-Vorne-Gehens noch in der Stadt fieberte. Es war über Jahrzehnte bei uns eine Energie am Fließen, die für viele als wie zu spürender, begeisternder und erlebbarer Alltag vorhanden war, und die Aussicht vorhanden war, und viele miteinander vereinte, auf eine gute, gemeinsame Zukunft loszumarschieren, die Neukirchen-Vluyn zu einem guten Ort zum Leben machte:

So, ich atme ein, ich atme aus, das reicht für diese Tage des Schreibens, finde ich. Es sind nun über den Brief für mich vier vergangene Tage geworden, sodass ich bei Schwarzbrot und Frischkäse und ein wenig frischer Kresse ende.

Es ist eh vielen eher zur Belastung geworden, als wie zur Freude geblieben, längere und lange Briefe in ihrem Alltag zu lesen, und es dann oftmals für sie eher ein Muss und kein Wollen geworden ist, Briefe zu lesen.

Wer das versteht, und als wie solchen Kundigen nehme ich dich sicher bis heute an, in Ruhe das Geschriebene zu lesen, dem entfaltet sich auch die Gegenwart der Freundin und des Freundes auf schöne Art, die und der dort bei ihm sitzt, wiewohl er oder sie eben nicht vor Ort körperlich am Abendbrottisch sitzt, und auf der Terrasse steht, oder am Grill körperlich vorhanden ist, und in der Wirklichkeit lediglich gedanklich beim Freund ist.

Ich habe die Stunden sehr, sehr gerne in Gedanken an dich verbracht, lieber Wolfgang, und ich gehe davon aus, dass du weiterhin der bist, als wie den ich in den vergangenen Jahrzehnten als wie Begleiter und Freund ansehen durfte, wenn auch kurz in den gemeinsamen Tagen und Wochen gezählt, in denen wir körperlich gut beieinander waren.

Einen Mann in dir zu haben, den ich auf und an meiner Seite auf eine gewisse verlässliche Art wissen darf.

Deine RS

PS: Ich mache mich über die Kindheit in der katholischen Gemeinde St. Petrus gerne lustig, wiewohl sie auch vor allem schwer war. Ich wollte ja als wie älteres Kind Messdienerin werden, und habe dafür lange ohne Erfolg gekämpft, bevor nach meiner Zeit das Gedöns eingeführt wurde. So ist der Herr kein Herr für mich, der Herr-Weiß-Gott-Nicht. Ihn dem ungeachtet zu Anfang von Briefen in der Datumsangabe als wie solchen zu benennen, empfinde ich als wie späte Rache in verstörender Ironie an einen alten, weißen, wütigen Mann, der in kaum noch einem deutschen Leben die Aufgabe des Herrn spielt, die er davor als wie so lange ausgeübt hatte.

Der Herr!

Als wie überhaupt Menschen darauf kamen, den Übergeordneten, wenn es ihn gäbe, einen Herrn zu nennen, der lediglich Sklavinnen und auch Sklaven unter sich kaum als wie Menschen anerkennend stehen lässt, und anders am Ende als wie auf das Vieh auf Gütern alter Tage herab sieht, als wie auf Knechte und Mägde von seinen Gnaden, das weiß ich bis heute nicht. Jesus’ Nächstenliebe ist gut und schön, und steht doch kaum im Verhältnis zur Wirklichkeit, die wir in den Kirchen erfahren haben.

Der Herr!

Pah!

Der!

Der Mann, der Himmel, der Erleuchtete, der Stein, der Mond, der Tempel, der Glaube, der Führer, der König, der Held, der Außerirdische, der Obi Ben Kinobi, der Ritter, der Retter, (von mir aus auch noch das: das Gespenst Hui Buh, und der Alf), wer und was auch immer es sein mag, es ist im Grunde unerträglich für uns in unserem entwickelten Bewusstsein, und damit stark ausgestatteten Menschen, diese stete Personalisierung von Männern erfunden vorzufinden, was nicht zu Personen geschrieben und bebildert werden kann, und dann stets zur Seite des Männlichen hin gerichtet. Als wie immer es solche Menschen bezeichnen, es ist stets ihre oft uneingestandene Verhöhnung des Menschlichen, dem Geistigen ein Etwas oder ein Wen und vor allem ein Der zu geben, was dort nicht hineingesteuert werden dürfte, wer bei klarem Verstand und von genügend erhellender Bildung ist.

Besonders unerträglich ist es, ohne dass es einer Steigerung bedürfe, ist der unterschwellige, darin wohl ewig enthaltene, in den mir bekannten Gemeinden nie als wie Gedankenthema vorkommende Rassismus gegen das Menschengeschlecht, und die Ichbezogenheit der weißen, männlichen Europäer, zu glauben, dass ihr Sohn Gottes ein Mensch von weißer Haut in den zweitausend zurückliegenden Jahren gewesen war, und bis heute ist, der dort zum Angstschrecken unter uns Kindern unter Folter an das Kreuz geschlagen in den Kirchen hängt, oder auf Gemälden, und in Büchern weiß gezeichnet und zur Anschauung gebracht ist.

In Äthiopien etwa, wohin ich eine Reise unternahm, hängt der Herr auch dort erwartungsgemäß in den Kirchen der Christenheit, und auch dort sind es Sklavinnen und Sklaven einer sehr, sehr lange in Ketten der Unterwerfung geschlagenen Menschheit. Dort ist er von schwarzer Haut, da sie ihren Herrn als wie einen ihresgleichen ansehen wollen, als wie die unsrigen ihren, und weil Jesus von Nazareth noch lange kein Weißhäutiger gewesen sein muss, wer sich mit der damaligen Geschichte des Raumes und der Bewohner zu Zeiten um Christus ein wenig stärker auseinandergesetzt hat.

Naja, so beende ich diesen lächerlichen Nachsatz, dieses Anhängsel meines Briefes in einer kurzzeitigen Stimmung der Wut, und im dann versöhnlichen Wissen darum, dass es mit der Kirche zumindest in diesem Land Jahr um Jahr bergab in die Grube geht, und der Fall ein sehr tiefer ist, und das wohl sehr zu Recht, während es leider auch wahr geblieben ist, dass die Kirche, weltweit gesehen, weiterhin eine Weltmacht ist, die ihre Anhänger bis heute in den Milliarden und nicht allein in den Millionen zählt.

PPS: Menschen müssen viel mit mir ertragen, auch mein Mensch. Sie denken manche unter ihnen, ich schwätze zu viel. Wohl war. Recht sollen sie erhalten. Das, was ich dir nun gerade schreibe, entstammt einem Leben, in dem das bitterernste und das äußerst frohe, sowie das hamburgisch gedrechselte, von mir stets vielfältig gelernte Wort ebenso seinen Platz hat, als wie das von mir gelernte Schwatzen an den niederrheinischen Kaffee- und Kuchentafeln der alten Tage. Ich habe ihn im Alter wertschätzen gelernt, den dahin fließenden Singsang des Niederrheins, der unbekümmert das alles erzählt in einer gleichbleibenden Melodie, was heute, gestern, und vorgestern so war, und was morgen, übermorgen und in der nächsten Woche so sein wird.

Wir dort sind Weiden, das weißt du, hast du es nicht verlernt, wem soll ich das sagen, dir, Wolfgang, dir geborenem Niederrheiner. Weiden, die schwingen, und darin mit dem Wind gehen, und nicht mit den Steinen, die andere schlagen, wann immer diese Karacho und Pointe und Spitze den Menschen in den gesprochenen Worten bieten, und damit die Menschlichkeit des Wortes den Wörtern nehmen als wie Beute eines Systems von Macht und Beherrschung, das Gegenüber mit Worten danieder zu ringen. Warum sollte ein in großer Stille vor sich hin lebender Mensch sehr wenig besprochen werden?

Warum sollte einer mit runter gelassenen Hose sehr stark besprochen werden?

Ich liebe daher den Niederrhein, und seine täglichen Gebete in den Weiden, ein Landstrich, der voll an Freundlichkeit, Zugewandtheit und Verständnis ist für den Menschen, der beim zweiten sitzt, ihm bei Apfelkuchen und bei starkem, sehr starkem Kaffee gegenüber sitzt, und der etwas angeboten erhält, als wie auch selbst anbietet, was vielleicht weniger geboten wird in diesen Tagen:

Dem eigenen, mitfühlenden Erzählen das lange, mitfühlende Zuhören beizugeben. Höre zu, wir Niederrheiner sind so, was die Welt den anderen gerade derart wenig beigebracht hat, ob weich oder hart, komisch oder traurig, schön oder hässlich, und ich schwinge mit ihnen in gleichbleibenden Bewegungen, ohne in große Beurteilungen zu fallen, schwinge freundlich mit, das ist die wahre äußere und innere Form der Rede an diesem Fleckchen Erde, und macht den linken Niederrhein ganz und gar aus.

Und einzigartig, will ich meinen.

Warum das hier bei uns so ist? Vielleicht, weil wir zu Ende der Eiszeit am Ende der Eiszeitmoräne tatsächlich auch am Ende der Welt gelebt haben, auf den Äckern, den Feldern, bei den kleinen Flussläufen, abseits des großen Rheins, bei den Weiden, und den noch zahlreicheren Bächen, auf und in einer Welt, die nur derart flach und ohne Höhen und Tiefen ist, dass alles gleich ist, eine Scheibe der gleichmachenden Gerechtigkeit, alles nur eines bei uns gleich geblieben ist:

Gleich, schön und freundlich den anderen annehmend, im Leben untereinander und miteinander, das ist Leben am linken Niederrhein schon sehr.