Die Angst vor den anderen - Zygmunt Bauman - E-Book

Die Angst vor den anderen E-Book

Zygmunt Bauman

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11,99 €

Beschreibung

Wenn in kurzer Zeit Hunderttausende Menschen ins Land kommen, stellt das für jede Nation eine gewaltige Herausforderung dar. Und dennoch wirkt es befremdlich, dass Migration praktisch alle anderen Themen von den Titelseiten verdrängt. Den Klimawandel. Die Ungleichheit. Zerfallende Staaten. Also die eigentlichen Ursachen der Migration. Zygmunt Bauman spricht angesichts der emotionalen Debatte von einer moralischen Panik. Und er stellt die Frage, wer von dieser Panik (oder Panikmache?) profitiert. Nicht zuletzt, so der Soziologe, populistische Politiker, die endlich klare Kante zeigen können – zumindest solange sie nicht in der Verantwortung stehen.

Inmitten der Hysterie und der zunehmenden Xenophobie plädiert Bauman für Gelassenheit und Empathie. In einer Welt, in der Geld, Bilder und Waren frei zirkulieren und ob deren Kugelform sich die Menschen »nicht ins Unendliche zerstreuen können« (Kant), werden wir lernen müssen, mit den anderen zusammenzuleben.

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Wenn in kurzer Zeit Hunderttausende Menschen ins Land kommen, stellt das für jede Nation eine gewaltige Herausforderung dar. Und dennoch wirkt es befremdlich, dass Migration praktisch alle anderen Themen von den Titelseiten verdrängt. Den Klimawandel. Die Ungleichheit. Zerfallende Staaten. Also die eigentlichen Ursachen der Migration. Zygmunt Bauman spricht angesichts der emotionalen Debatte von einer moralischen Panik. Und er stellt die Frage, wer von dieser Panik (oder Panikmache?) profitiert. Nicht zuletzt, so der Soziologe, populistische Politiker, die endlich klare Kante zeigen können – zumindest solange sie nicht in der Verantwortung stehen.

Inmitten der Hysterie und der zunehmenden Xenophobie plädiert Bauman für Gelassenheit und Empathie. In einer Welt, in der Geld, Bilder und Waren frei zirkulieren und ob deren Kugelform sich die Menschen »nicht ins Unendliche zerstreuen können« (Kant), werden wir lernen müssen, mit den anderen zusammenzuleben.

Zygmunt Bauman, geboren 1925 in Posen, lehrte zuletzt an der University of Leeds. Er gilt als einer der bedeutendsten Soziologen der Gegenwart und erhielt zahlreiche Auszeichnungen, darunter den Theodor-W.-Adorno-Preis der Stadt Frankfurt am Main (1998) und den Prinz-von-Asturien-Preis (2013). In der edition suhrkamp erschien zuletzt (gemeinsam mit David Lyon) Daten, Drohnen, Disziplin. Ein Gespräch über flüchtige Überwachung (es 2667).

Zygmunt Bauman

Die Angst vor den anderen

Ein Essay über Migration und Panikmache

Aus dem Englischenvon Michael Bischoff

Suhrkamp

Die Originalausgabe dieses Buches erschien 2016 unter dem Titel Strangers at Our Door bei Polity Press (Cambridge).

Umschlagabbildung: © Baurka/Dreamstime.com

eBook Suhrkamp Verlag Berlin 2015

Der vorliegende Text folgt der 1. Auflage 2016.

© Suhrkamp Verlag Berlin 2016

© Zygmunt Bauman 2016

Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das der Übersetzung, des öffentlichen Vortrags sowie der Übertragung durch Rundfunk und Fernsehen, auch einzelner Teile. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotografie, Mikrofilm oder andere Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

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Umschlag gestaltet nach einem Konzeptvon Willy Fleckhaus: Rolf Staudt

eISBN 978-3-518-74888-6

www.suhrkamp.de

Inhalt

1. Migrationspanik – wie man sie nutzt (und missbraucht)

2. Frei flottierende Unsicherheit auf der Suche nach einem Anker

3. Auf den Spuren starker Männer (oder starker Frauen)

4. Zusammen und dicht gedrängt

5. Lästig, störend, unerwünscht – und deshalb abzuweisen

6. Anthropologische und zeitbedingte Wurzeln des Hasses

Anmerkungen

1. Migrationspanik – wie man sie nutzt (und missbraucht)

Fernsehnachrichten, die Schlagzeilen der Tageszeitungen, Tweets und politische Reden, in denen öffentliche Ängste und Befürchtungen für gewöhnlich konzentriert werden und ein Ventil finden, werden gegenwärtig überschwemmt von Hinweisen auf die »Migrationskrise«, die Europa angeblich überwältigt und das Leben, wie wir es kennen, führen und schätzen, dem Untergang zu weihen droht. Diese Krise ist im Augenblick eine Art politisch korrekter Deckname für den ewigen Kampf der Meinungsmacher um die Eroberung und Kontrolle des Denkens und Fühlens der Menschen. Die Berichterstattung von diesem Schlachtfeld löst derzeit fast schon so etwas wie eine »moralische Panik« aus (nach der allgemein anerkannten Definition beschreibt der Begriff der »moral panic« eine »weitverbreitete Angst, dass ein Übel das Wohl der Gesellschaft bedroht«).

Während ich dies schreibe, kündigt sich eine weitere – aus gefühlloser Gleichgültigkeit und moralischer Blindheit geborene – Tragödie an. Die Anzeichen mehren sich, dass die öffentliche Meinung sich im Einklang mit den quotenlüsternen Medien schrittweise, aber unaufhaltsam dem Punkt nähert, an dem sie der ständigen Berichte über Flüchtlingstragödien überdrüssig wird. Ertrunkene Kinder, hastig errichtete Mauern, Stacheldrahtzäune, überfüllte Flüchtlingslager und Regierungen, die darum wetteifern, die Wunden des Exils der mit knapper Not Entkommenen und die nervenzerreißenden Gefahren der Flucht noch dadurch zu verschlimmern, dass sie die Flüchtlinge auf beleidigende Weise wie heiße Kartoffeln behandeln – all diese moralischen Ungeheuerlichkeiten verlieren an Neuigkeitswert und erscheinen immer seltener »in den Nachrichten«. Doch leider ist es ganz normal, dass schockierende Ereignisse sich in die langweilige Routine der Normalität verwandeln – dass moralische Panik sich selbst verbraucht und hinter dem Schleier des Vergessens aus den Augen und dem Sinn verschwindet. Wer erinnert sich heute noch an die afghanischen Flüchtlinge, die in Australien Asyl suchten und sich gegen die Stacheldrahtzäune in Woomera warfen oder in den großen Flüchtlingslagern verschwanden, die von der australischen Regierung auf Nauru und den Weihnachtsinseln eingerichtet wurden, um die Flüchtlinge zu hindern, »in australische Hoheitsgewässer einzudringen«? Oder an die Dutzenden von sudanesischen Exilanten, die im Stadtzentrum Kairos von der Polizei getötet wurden, »nachdem das UN-Hochkommissariat für Flüchtlinge sie ihrer Rechte beraubt hatte«.1

Massive Migration ist alles andere als eine neue Erscheinung. Sie begleitet die Neuzeit seit ihren Anfängen (auch wenn sie ständigen Veränderungen unterworfen war und gelegentlich sogar die Richtung wechselte). Denn zu unserer »modernen« Lebensweise gehört die Produktion »überflüssiger Menschen«, die aufgrund des ökonomischen Fortschritts lokal nutzlos (überschüssig, ohne Chancen auf dem Arbeitsmarkt) oder lokal untragbar erscheinen, nachdem sie in Unruhen und Konflikten, die ihrerseits von sozialen oder politischen Veränderungen ausgelöst wurden, als Sündenböcke identifiziert wurden. Zusätzlich zu alledem jedoch erleben wir heute die Folgen der tief greifenden und scheinbar aussichtslosen Destabilisierung des Nahen und Mittleren Ostens im Gefolge falsch kalkulierter, irrsinnig kurzsichtiger und eindeutig misslungener politischer und militärischer Eingriffe westlicher Mächte.

Die Faktoren, welche in den Ursprungsländern der Flüchtlinge wirken, lassen sich insofern zwei Kategorien zuordnen. Dasselbe gilt aber auch für die Folgen der Migration in den aufnehmenden Ländern: In den »entwickelten« Teilen der Welt, in denen Wirtschaftsmigranten und Flüchtlinge gleichermaßen Zuflucht suchen, begrüßen manche aus wirtschaftlichen Interessen den Zustrom billiger Arbeitskräfte und der Träger profitversprechender Qualifikationen. (Wie Dominic Casciani es prägnant zusammenfasst: »Britische Arbeitgeber suchen eifrig nach billigen ausländischen Arbeitskräften, und Arbeitsvermittler bemühen sich intensiv, auf dem Kontinent ausländische Arbeitskräfte ausfindig zu machen und unter Vertrag zu nehmen.«2) Für die Masse der bereits heute unter existenzieller Unsicherheit, einer prekären sozialen Situation und ungewissen Aussichten leidenden Bevölkerung signalisiert der Zustrom hingegen noch mehr Konkurrenz und sinkende Aussichten auf eine Verbesserung der Zustände: eine politisch explosive Gefühlslage, wobei die Politiker unbeholfen zwischen ihren miteinander nicht zu vereinbarenden Bestrebungen schwanken, einerseits ihre kapitalbesitzenden Herren zufriedenzustellen und andererseits die Ängste ihrer Wähler zu besänftigen. Beim gegenwärtigen und wahrscheinlich noch lange Zeit anhaltenden Stand der Dinge dürfte die Massenmigration alles in allem nicht so bald zum Stillstand kommen – weder durch einen Wegfall der Ursachen noch durch wachsenden Einfallsreichtum bei den Bemühungen, ihr Einhalt zu gebieten. Wie Robert Winder im Vorwort zur zweiten Ausgabe seines Buchs Bloody Foreigners so klug bemerkt: »Wir können unsere Liegestühle noch so oft am Strand aufstellen und den heranrollenden Wellen zurufen, sie sollten zurückweichen, die Flut wird nicht auf uns hören.«3 Die Errichtung von Mauern zur Abwehr der Migranten ähnelt auf lächerliche Weise der Geschichte vom antiken Philosophen Diogenes, der die Tonne, in der er hauste, kreuz und quer durch die Straßen seiner Heimatstadt Sinope rollte. Nach den Gründen für dieses sonderbare Tun gefragt, erwiderte er, da er sehe, wie seine Nachbarn eifrig ihre Türen verbarrikadierten und ihre Schwerter schärften, wolle auch er seinen Beitrag zur Verteidigung der Stadt gegen die Eroberung durch die heranrückenden Truppen Alexanders des Großen leisten.

In den letzten Jahren ist allerdings der Anteil der Flüchtlinge und Asylsuchenden an der Gesamtzahl der an den Toren Europas anklopfenden Migranten sprunghaft angestiegen; und dieser Anstieg hat seine Ursache in der wachsenden Zahl »scheiternder« oder vielmehr bereits gescheiterter Staaten oder – in jeder Hinsicht – staaten- und damit gesetzloser Territorien: Schauplätzen endloser Kriege zwischen Stämmen und Religionsgruppen, unzähliger Massenmorde, völliger Gesetzlosigkeit und ständiger Ausraubung. In erheblichem Maße handelt es sich hier um Kollateralschäden der von fatalen Fehlurteilen geleiteten, unglückseligen und verhängnisvollen militärischen Interventionen in Afghanistan und im Irak, die damit endeten, dass diktatorische Regime durch das rund um die Uhr geöffnete Theater völliger Gesetzlosigkeit und entfesselter Gewalt ersetzt wurden – unterstützt und begünstigt durch den weltweiten, jeder Kontrolle entzogenen und von der profitgierigen Rüstungsindustrie befeuerten Waffenhandel, mit stillschweigender (wenngleich auf internationalen Rüstungsmessen oft stolz zur Schau gestellter) Unterstützung durch Regierungen, die sich ganz der Steigerung des Bruttoinlandsprodukts verschrieben haben. Die Flut der Flüchtlinge, die von willkürlicher Gewalt dazu gezwungenen wurden, ihr Heim wie auch ihr Hab und Gut aufzugeben und ihr Leben vor den kriegerischen Auseinandersetzungen in Sicherheit zu bringen, verstärkte den stetigen Strom der sogenannten »Wirtschaftsmigranten«, die der allzu menschliche Wunsch treibt, von ihren ausgedörrten Böden dorthin zu wandern, wo das Gras noch grün ist: aus verarmten Ländern, in denen sie keinerlei Aussichten haben, in Traumländer voller Chancen. Über diesen stetigen Strom von Menschen auf der Suche nach einem annehmbaren Lebensstandard (einen Strom, der seit Anbeginn der Menschheit fließt und von der modernen Industrie mit ihren überschüssigen Menschen und verworfenen Leben4 nur beschleunigt worden ist) schreibt Paul Collier:

Der erste Fakt ist, dass die Einkommenskluft zwischen armen und reichen Ländern ein groteskes Ausmaß angenommen hat und das globale Wachstum sie noch für Jahrzehnte bestehen lassen wird. Der zweite ist, dass die Migration diese Kluft nicht erheblich verkleinern wird, da die Rückwirkungskräfte zu schwach sind. Und der dritte besagt, dass die Auslandsgemeinden noch jahrzehntelang wachsen werden, da die Migration weitergeht. Die Einkommenskluft wird also weiterhin bestehen bleiben, während sich der Anreiz zur Migration noch verstärken wird. Das hat zur Folge, dass die Migration aus armen in reiche Länder zunehmen wird. In absehbarer Zeit wird die internationale Migration kein Gleichgewicht erreichen, das heißt: Wir erleben den Beginn eines Ungleichgewichts von enormem Ausmaß.5

Zwischen 1960 und 2000, so hat Collier (dem beim Verfassen seines Buchs nur die statistischen Daten bis zum Jahr 2000 zur Verfügung standen) berechnet, war »ein steiler Anstieg von 20 auf 60 Millionen […] bei der Migration aus armen in reiche Länder zu verzeichnen […], aber die Migration dürfte auch im folgenden Jahrzehnt in ähnlicher Weise zugenommen haben«.6 Man könnte sagen, ihrer eigenen Logik und ihren eigenen Triebkräften überlassen, verhielten die Bevölkerungen der armen und der reichen Länder sich wie eine Flüssigkeit in kommunizierenden Röhren. Die Zahl der Immigranten stiege, bis ein Gleichgewicht erreicht wäre und sich die Wohlstandsniveaus in den »entwickelten« und den »in Entwicklung befindlichen« Teilen der globalisierten Welt einander angeglichen hätten. Bis es so weit ist, dürften allerdings mit größter Wahrscheinlichkeit noch Jahrzehnte vergehen – von den Launen der Geschichte einmal ganz abgesehen.

Seit dem Beginn der Moderne klopfen Menschen, die vor den Gräueln des Krieges und der Despotie oder einem aussichtslosen Dasein fliehen, an die Türen anderer Völker. Für die Menschen hinter diesen Türen waren sie immer schon – wie auch heute noch – Fremde. Fremde lösen gerade deshalb oft Ängste aus, weil sie »fremd« sind – also auf furchterregende Weise unberechenbar und damit anders als die Menschen, mit denen wir tagtäglich zu tun haben und von denen wir zu wissen glauben, was wir von ihnen erwarten können. Nach allem, was wir wissen, könnte der massive Zustrom von Fremden Dinge zerstören, die uns lieb sind, und unser tröstlich vertrautes Leben verstümmeln oder gänzlich auslöschen. Die Menschen, mit denen wir in unserer Nachbarschaft, auf der Straße oder am Arbeitsplatz zusammenzuleben gewohnt sind, teilen wir in Freunde und Feinde ein, wir heißen sie willkommen oder tolerieren sie lediglich. Doch welcher Gruppe wir sie auch zuordnen mögen, wir wissen sehr genau, wie wir uns ihnen gegenüber verhalten und wie wir unsere Interaktion mit ihnen gestalten sollen. Über Fremde wissen wir dagegen viel zu wenig, um ihre Schachzüge durchschauen und angemessen darauf reagieren zu können – also ihre Absichten zu erkennen und ihre nächsten Schritte zu antizipieren. Nicht zu wissen, was man als Nächstes tun und wie man auf eine Situation reagieren soll, die man nicht herbeigeführt und auch nicht unter Kontrolle hat, ist eine wichtige Ursache von Angst und Furcht.

Wir könnten nun sagen, das seien universelle und zeitübergreifende Probleme, die auftreten, wenn »Fremde sich unter uns befinden« – Probleme, die zu allen Zeiten auftreten und alle Teile der Bevölkerung mit mehr oder weniger ähnlicher Intensität und in mehr oder weniger ähnlichem Ausmaß treffen. Dicht bevölkerte städtische Regionen bringen unausweichlich zwei gegensätzliche Impulse hervor: einerseits Mixophilie (eine Vorliebe für vielfältige, heterogene Umgebungen, die unbekannte und unerforschte Erfahrungen ermöglichen und daher die Freuden des Abenteuers und der Entdeckung versprechen) und andererseits Mixophobie (die Angst vor einem nicht beherrschbaren Ausmaß an Unbekanntem, nicht zu Bändigendem, Beunruhigendem und Unkontrollierbarem). Der erstgenannte Antrieb ist die Hauptattraktion städtischen Lebens – der letztgenannte dagegen dessen größter Fluch, vor allem in den Augen der weniger Glücklichen und Begüterten, die anders als die Reichen und Privilegierten (die sich in gated communities einkaufen können, um sich gegen das störende, verwirrende und immer wieder auch beängstigende Getümmel und Chaos der überfüllten Straßen der Stadt abzuschotten) nicht über die nötigen Mittel verfügen, um den zahllosen Fallen und Hinterhalten zu entgehen, die überall in der heterogenen und allzu oft unfreundlichen, misstrauischen und feindseligen urbanen Umgebung lauern und deren versteckten Gefahren sie notgedrungen ihr Leben lang ausgesetzt sind. Alberto Nardelli schreibt dazu im Guardian vom 11. Dezember 2015:

Nahezu 40 Prozent der Europäer bezeichnen die Einwanderung als das größte Problem, vor dem die EU steht – mehr als bei jeder anderen Frage. Noch vor einem Jahr äußerten weniger als 25 Prozent diese Ansicht. Und für die Hälfte der britischen Öffentlichkeit gehört die Einwanderung zu den wichtigsten Problemen, mit denen das Land konfrontiert ist.7

In unserer zunehmend deregulierten, polyzentrischen, aus den Fugen geratenen Welt ist diese permanente Ambivalenz des städtischen Lebens indessen nicht das Einzige, das uns angesichts heimatloser Neuankömmlinge Angst und Unbehagen empfinden lässt, das feindselige Gefühle gegen sie weckt und zu Gewalt einlädt – und auch dazu, die offensichtlich trostlose, bedauernswerte und machtlose Zwangslage der Immigranten auszunutzen oder zu missbrauchen. Dabei spielen zwei weitere Elemente eine Rolle, die auf die Besonderheiten unseres deregulierten Lebens und Zusammenlebens zurückgehen – zwei Faktoren, die sich scheinbar deutlich voneinander unterscheiden und daher vornehmlich verschiedene Gruppen von Menschen betreffen. Beide Faktoren verstärken das Ressentiment und die Aggression gegenüber Immigranten, aber jeweils in unterschiedlichen Teilen der einheimischen Bevölkerung.