Die Assistentin - Alexandra Liebert - E-Book

Die Assistentin E-Book

Alexandra Liebert

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Beschreibung

Ellen, erfolgreiche Autorin, lässt bei ihren vielen Bekanntschaften nichts anbrennen. Allerdings hängt ihre Karriere am seidenen Faden, denn starke Schmerzen in den Händen lassen stundenlanges Tippen nicht mehr zu. Da lernt sie Heike kennen, die anders ist als ihre bisherigen Fans – doch Ellen hat nur ihre ungewisse Zukunft im Kopf. Erst mit ihrer neuen Assistentin Sam blüht sie wieder auf, und während sie anfängt, sich Gedanken über ihre Beziehung zu Sam zu machen, benimmt Heike sich immer seltsamer ...

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Seitenzahl: 157

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Alexandra Liebert

DIE ASSISTENTIN

Liebesgeschichte

© 2016édition el!es

www.elles.de [email protected]

Alle Rechte vorbehalten.

ISBN 978-3-95609-200-8

Coverfoto: © Artem Mykhailichenko – Fotolia.com

»Verdammte Schmerzen!« Ellen fauchte die Tastatur ihres Notebooks mit wildem Gesichtsausdruck an.

Der eigentliche Grund ihres Wutausbruchs lag zwar in ihren Händen, doch die Schmerzen machten sich nur bei allzu langem Tippen am Computer bemerkbar. So gesehen trug ihrer Ansicht nach die Tastatur die größte Schuld an ihrem Leiden. Wie so oft in den letzten Monaten schaltete sie frustriert das Notebook aus und griff stattdessen zum Telefon.

»Praxis Dr. Gutmann«, meldete sich nach dem sechsten Klingeln eine genervt klingende Stimme.

»Hesse. Guten Tag. Ich bräuchte bitte dringend einen Termin bei Dr. Gutmann.« Schon wieder, fügte Ellen in Gedanken hinzu.

Am anderen Ende der Leitung hörte man aufreizend laut das Rascheln von Papier, wahrscheinlich das Blättern im übervollen Terminkalender des Arztes. Schließlich bot die nun professionell klingende Stimme Ellen einen Termin für den nächsten Tag an. »Um halb elf könnte ich Sie noch reinschieben.«

Für einen Moment stutzte Ellen. »Vielen Dank«, sagte sie dann. »Bis morgen.« Sie unterbrach die Verbindung. »Reinschieben«, äffte sie ärgerlich die Sprechstundenhilfe nach. Leider konnte man in Zeiten der schnurlosen Telefone den Hörer nicht mehr wütend auf die Gabel knallen, deshalb musste sie ihren Frust mit einer Schimpftirade loswerden: »Warum hat man beim Orthopäden nur immer das Gefühl, ein Termin wäre schwerer zu bekommen als eine Audienz beim Papst? Diese Idioten! Scheffeln Geld wie Heu, aber wenn man sie mal braucht . . . dann sind sie auf den Bahamas oder sonst wo. Spielen den ganzen Tag Golf oder sitzen mit ihren Frauen beim Schönheitschirurgen, damit auch die letzte Falte noch glattgebügelt wird. Die sollte man alle mal anketten, damit sie arbeiten müssen. Und wenn sie sich zu einem Termin mit dem Fußvolk herablassen, speisen sie einen innerhalb von fünf Minuten ab. Arbeiten Sie nicht so viel! Essen Sie nicht so viel! Bewegen Sie sich mehr! Legen Sie sich doch einen Hund zu, dann kommen Sie öfter einmal an die frische Luft! Die haben leicht reden, die haben ihre Schäfchen ja im Trockenen.«

Sie war natürlich klug genug, solche Äußerungen nur in Gegenwart ihrer Topfpflanzen von sich zu geben. Wenn eine der Arzthelferinnen oder Ärzte das mitbekäme, könnte sie in Zukunft vermutlich lange auf einen Termin warten.

Mit einem tiefen Seufzer legte sie das Telefon auf den Tisch. »Zwangsurlaub bis morgen«, teilte sie ihrem schwarzen Monitor mit. »Und das bei einer Autorin . . .«

»Wollen wir tanzen?«

Ellen hatte die große, schwarzhaarige Frau schon den ganzen Abend beobachtet und sich gefragt, wann sie zu ihr herkommen würde. Es verging kaum ein Discoabend ohne eine Aufforderung zum Tanzen oder mehr. Und das, obwohl Ellen niemals den ersten Schritt machen würde.

Sie war also doch wieder mal hier gelandet. Gewohnheitsmäßig sozusagen. Ihre beste Freundin Kim lag ihr in letzter Zeit immer öfter damit in den Ohren, dass sie in Discos oder ähnlichen Locations ganz bestimmt nicht das finden würde, wonach sie sich sehnte: eine glückliche Beziehung. Zusammen lachen und kochen und zu Konzerten gehen. Romantik und Leidenschaft. Besondere Momente teilen, ebenso wie den Alltag. Und Ellen hätte auch unumwunden zugegeben, dass Kim mit ihrer Einschätzung nicht unrecht hatte. Denn alles, was sie mit den Frauen teilte, die sie hier kennenlernte, waren ein paar heiße Stunden oder bestenfalls Nächte. Immer wenn sie gedacht hatte, dass aus einer dieser lockeren Affären vielleicht doch mehr werden könnte, kam irgendwann der große Knall. Inzwischen hatte sie sich damit abgefunden, dass Romantik etwas war, das es nur in ihren Geschichten gab. Vom Leben nahm sie sich das Einzige, was es ihr offenbar noch zu bieten hatte: Sex und One-Night-Stands.

Kim hatte ihr vorgeschlagen, es doch mal im Internet zu versuchen. Beziehungsportale gebe es auch für Lesben, hatte sie gemeint, und die Bekannte einer Bekannten habe auf diese Weise sogar die Frau fürs Leben gefunden. Aber auf solche Geschichten gab Ellen nicht viel. In der Anonymität der Online-Welt auf alle möglichen Betrügerinnen reinzufallen oder gar auf Männer, die sich als Frauen ausgaben, darauf konnte sie verzichten. Hier in der Disco wusste sie wenigstens, dass da, wo Lesbe draufstand, auch Lesbe drin war. Und dass ein bisschen körperliche Nähe und Spaß ganz unkompliziert und ohne viel Diskussion zu haben war. Das war zwar nicht genau das, was sie wollte, aber allemal besser, als ganz und gar zu vereinsamen.

Auch heute wurde sie nicht enttäuscht. Sie nickte der Fremden, die sie angesprochen hatte, zu und folgte ihr wortlos auf die Tanzfläche.

Dort versuchte sie, sich auf die Musik zu konzentrieren. Doch insgeheim schloss sie mit sich selbst Wetten ab: Wie lange würde es wohl diesmal dauern, bis die Fremde zum Punkt kam? Bestimmt noch während des ersten Liedes.

»Ich liebe deine Bücher«, brüllte die Schwarzhaarige ihr prompt ins Ohr.

Es zeigte sich immer wieder, dass nahezu jede Lesbe in der Stadt Ellen erkannte. Als Autorin – nicht als sie selbst, als Mensch. Ob die Frauen wohl glaubten, dass sie alles, was sie schrieb, selbst erlebt hatte? Fanden sie den Gedanken an eine Nacht mit ihr deshalb reizvoll, weil sie glaubten, sie durch ihre Bücher zu kennen? Oder war es doch eher das Prahlen vor ihren Freundinnen mit einer prominenten Eroberung?

»Danke«, brüllte sie trotzdem artig zurück und lächelte gequält. Du liebst meine Bücher und denkst deswegen, dass du mich toll findest. Ist es nicht so?

Keine der Frauen sprach ein weiteres Wort, bis das Lied zu Ende war. Anschließend begleitete die Fremde Ellen zu ihrem Platz zurück und hatte offenbar nicht die Absicht, sich zu verabschieden.

Kategorie zwei also, dachte Ellen. Kategorie eins waren die Schüchternen, Zurückhaltenden, die nur mal hallo sagen wollten. Kategorie zwei waren die Draufgängerinnen. Die mit der eindeutigen Absicht, sie in ihr Bett zu locken. Manchmal war es tatsächlich interessant, das Verhalten dieser Frauen zu analysieren. Es gab diejenigen, die es als Herausforderung ansahen, Ellen ins Bett zu zerren. Andere traten mit einer unumstößlichen Selbstsicherheit auf, als könne Ellen nichts Besseres passieren, als eine Nacht mit ihnen geschenkt zu bekommen.

»Wollen wir irgendwo hingehen, wo man sich besser unterhalten kann?«

Unterhalten? Na, wer’s glaubt . . . »Ja, gern.« Ellen fragte sich, wann sie eigentlich so zynisch geworden war. Das war doch sonst überhaupt nicht ihre Art. Normalerweise verurteilte sie keine Menschen, die sie nicht kannte, sondern trat ihnen offen entgegen und hörte gern, was hinter der Fassade steckte. Doch sobald sie hier in diesem Umfeld war, war sie plötzlich voller Vorurteile. Als würde sie ihr wahres Ich an der Garderobe ablegen und zum Arschloch mutieren.

Trotzig schüttelte sie diese Gedanken ab. Was heißt hier »wahres Ich«. Hier bin ich genauso ich selbst wie sonst. Sie folgte der Fremden, die mit festem Schritt Richtung Ausgang steuerte, und war sich dabei sehr bewusst, dass unzählige Augenpaare auf sie beide gerichtet waren. Ellen wusste, dass ihr ein gewisser Ruf vorauseilte. Und die Geschichten entsprachen ja auch nahezu alle der Wahrheit. Auch wenn niemandem klar war, wie es tatsächlich in ihr aussah. Dass sie auf all diese Abenteuer liebend gern verzichtet hätte, wenn sie dafür eine ganz normale Beziehung hätte haben können.

Aber sie hatte sich vorgenommen, wenigstens ihren Spaß aus der Sache zu ziehen. Ihr Ruf war ihr dabei herzlich egal. Und ihre tiefsten Herzenswünsche konnte sie ignorieren. Um ihr Herz hatte sie sich schon vor vielen Jahren eine dicke Mauer zugelegt – der Preis für den vermeintlichen Ruhm. Zumindest redete sie sich das ein.

»Mein Auto steht gleich hier«, sprach Ellens Begleitung in die Stille der Nacht hinein, als sie vor die Tür traten.

Ellen lief kommentarlos neben ihr her. Wie selbstverständlich du davon ausgehst, dass ich zu dir ins Auto steige.

Ein paar Schritte später blieb die Fremde vor einem blauen Opel stehen. Sie sperrte die Beifahrertür auf und öffnete sie für Ellen. Die nickte höflich und ließ sich auf den Beifahrersitz gleiten. Die Dunkelhaarige ging ums Auto herum, stieg ein und startete wortlos den Wagen. Erst nachdem sie in die Hauptstraße eingebogen war, fühlte sie sich offenbar doch verpflichtet, Ellen aufzuklären, wohin sie fuhr: »Ich wohne nur ein paar Straßen von hier entfernt.«

Ellen nickte erneut, diesmal ernüchtert, beinahe resigniert. Ihr war vom ersten Augenblick an klar gewesen, dass sie nicht zum Reden in ein gemütliches Café gehen würden. Ihre Begleiterin hatte von Anfang an ihre Wohnung und ihr Bett als Endstation für diesen Abend vor Augen gehabt. Und zwar gemeinsam mit Ellen.

Zumindest stimmte es, dass sie nur ein paar Straßen von der Disco entfernt wohnte. Nach kaum fünf Minuten Fahrt bog sie in eine Seitenstraße ab und parkte das Auto in einer kleinen Parkbucht. Ohne auch nur einen Augenblick zu zögern, sprang sie aus dem Auto und beeilte sich, die Beifahrertür zu öffnen. Kaum war Ellen ausgestiegen, packte die Fremde sie an der Hand und zerrte sie Richtung Hauseingang.

Entweder sie hat Angst, dass ich doch noch davonlaufe, oder sie ist schon so scharf, dass sie keine Sekunde mehr verlieren kann.

Die Haustür war trotz der späten Stunde unverschlossen. Ohne ihren Schritt spürbar zu verlangsamen, tastete die Fremde mit ihrer freien Hand nach dem Lichtschalter, und der heruntergekommene Hausflur erstrahlte in seiner ganzen zweifelhaften Pracht. Doch selbst wenn es der schönste Hausflur diesseits des Atlantiks gewesen wäre, Ellen hätte keine Zeit gehabt, ihn zu betrachten. Rastlos stürmte die Fremde die Treppen nach oben, Ellens Hand fest im Griff. In der zweiten Etage blieb sie stehen, wühlte hektisch in ihrer Hosentasche nach dem Schlüssel und grinste schließlich erleichtert, als sie ihn hervorzog und Ellen wie eine Trophäe vor die Nase hielt.

Kaum hatten die beiden Frauen die Wohnung betreten, fiel schon die Tür hinter ihnen ins Schloss. Diesmal machte die Dunkelhaarige sich nicht erst die Mühe, das Licht anzuschalten. Sie ließ den Schlüssel geräuschvoll auf den Boden fallen, zog ihre Jacke aus und warf sie dazu. Noch im gleichen Augenblick zog sie Ellen in ihre Arme.

»Endlich!«, stöhnte sie hörbar erregt, bevor ihre Zunge in Ellens Mund eindrang.

Ich glaube, das ist ein neuer Rekord, schoss es Ellen durch den Kopf. So wenige Worte habe ich noch mit keiner Frau gewechselt, bevor es zur Sache ging. Dennoch schloss sie die Augen und gab sich dem Kuss hin.

Wie bei all ihren Affären war ihr von der ersten Sekunde an bewusst, dass sie das eigentlich nicht wollte, zumindest nicht so. Doch ihr Körper verlangte nach Entspannung und Befriedigung. Und nur weil ihr Herz und ihre Seele im Notstrom-Modus liefen, musste der Körper nicht auch in Entbehrung leben. Das war der Grund, warum sie ihm auch jetzt bereitwillig das Kommando überließ.

Sie ließ sich in die Arme der fremden Frau sinken, die sie zittrig und fahrig ins Schlafzimmer zog. Dabei versuchte sie, so gut es ging die störenden Gedanken zu vertreiben. Gedanken daran, dass diese Art Befriedung schon lange keine wirkliche Befriedigung mehr darstellte. Dass sie sich morgen nur wieder leer und einsam fühlen würde, vielleicht sogar einsamer als zuvor.

Aber das hier war alles, was sie hatte.

Das Wartezimmer füllte sich mehr und mehr. Wie immer, wenn Ellen sich tagsüber bei Ärzten oder Ämtern mit langen Menschenschlangen herumärgerte, fragte sie sich, ob denn keiner dieser Menschen arbeiten musste.

Sie schielte auf ihre Armbanduhr. Zwanzig vor elf, und das Wartezimmer war bis zum letzten Stuhl gefüllt. Na, vielleicht sind das alles Schriftsteller, die Probleme mit den Händen haben. Ellen grinste bei diesem Gedanken in sich hinein.

Spaßeshalber begann sie die Anwesenden genauer zu beobachten. Worüber der Typ im Anzug dort am Fenster wohl schreiben würde? Wahrscheinlich über die zu erwartenden Schwankungen am Börsenmarkt. Und die Frau neben ihm, mit geblümtem Kleid und Hochsteckfrisur, arbeitete bestimmt an einem Kochbuch. Der Junge daneben, der mit einem Smartphone spielte, zeichnete bestenfalls Comics, seine Mutter schrieb einen Erziehungsratgeber und die alte Dame am Eingang Gebete für jede Lebenslage.

Ellen musste an ihre Bekanntschaft der letzten Nacht denken. Wären das hier wirklich lauter Berühmtheiten, sie hätte ihre wahre Freude daran.

Sie . . . Ellen wusste nicht einmal ihren Namen. Als sie kurz vor dem Morgengrauen ihre Sachen zusammengesucht und sich ein Taxi gerufen hatte, hatte die Dunkelhaarige gefragt, ob sie ihn ihr verraten sollte.

»Nicht nötig«, hatte Ellen geantwortet. »Du kennst meinen Namen ja auch nicht.« Mit diesen Worten hatte sie die Wohnung verlassen.

Es war nicht so, dass sie aus ihrem Namen ein Geheimnis machte. Aber viele ihrer Leserinnen sahen nur das Offensichtliche, betrachteten nur die Oberfläche. Auch die Fremde hatte sie letzte Nacht Edith genannt. Edith Braun, das war ihr Pseudonym, unter dem sie in der Lesbenwelt bekannt war. Edith nach ihrer geliebten Großmutter, und Braun war der Mädchenname ihrer Mutter. Nur ganz selten einmal hinterfragte eine ihrer Verehrerinnen ihren Namen. Sie schrieb als Edith, gab als Edith viel von sich preis, also war sie in den Augen der Leserinnen Edith. Edith, von der sie glaubten, sie zu kennen.

Und dabei habt ihr keine Ahnung von mir.

»Frau Hesse.« Die Arzthelferin rief den Namen gelangweilt in den überfüllten Raum.

Na, immerhin noch einigermaßen pünktlich. Dafür, dass ich nur reingeschoben bin . . . Ellen folgte der Frau im weißen Kittel ins Behandlungszimmer.

»Der Doktor kommt gleich.« Die Arzthelferin legte Ellens Akte sorgfältig in die Mitte des schweren Eichenholzschreibtisches und verließ den Raum. Es dauerte dann allerdings noch knapp zehn Minuten, bis Dr. Gutmann hereinkam.

»Frau Hesse. Guten Tag.« Der grauhaarige Mann lächelte Ellen freundlich an. Mitfühlend fragte er: »Immer noch die Hände?«

Ellen nickte. »Ich kann kaum noch fünf Minuten tippen. Die Schmerzen werden von Tag zu Tag größer.«

Er nahm hinter seinem Schreibtisch Platz und schlug ihre Akte auf.

»Vielleicht könnten Sie mir noch einmal eine Spritze geben und mir diese Schmerztabletten verschreiben?«, fragte Ellen hoffnungsvoll. Sie wusste schon, was der Arzt dazu sagen würde. Doch sie wollte es wenigstens versucht haben.

Der Doktor lehnte sich in seinen Stuhl zurück und schaute Ellen eindringlich an. »Wie oft hatten wir dieses Gespräch nun schon in den letzten Monaten?«

Ellen starrte auf ihre Hände, die verkrampft in ihrem Schoß lagen. »Oft«, gab sie kleinlaut zu.

»Frau Hesse . . .« Dr. Gutmann beugte sich nach vorn, stützte die Unterarme auf dem Schreibtisch ab und wartete, bis Ellen ihn ansah. Seine Augen blickten viel milder, als er fortfuhr: »Schmerzmittel sind nicht die Lösung für Ihr Problem. Ich kann das auf Dauer einfach nicht verantworten, und das wissen Sie auch. Wenn Sie nicht endlich damit anfangen, Ihre Hände zu schonen, dann werde ich sie Ihnen bis zu den Ellenbogen eingipsen!«

Obwohl der Arzt den letzten Satz mit einem Augenzwinkern sagte, war Ellen den Tränen nahe. »Aber Sie wissen doch, dass ich mein Geld mit dem Schreiben verdiene«, rechtfertigte sie ihre verzweifelte Bitte. »Ich kann nicht einfach so damit aufhören.«

»Sie müssen ja nicht komplett damit aufhören«, beschwichtigte er sie mit ruhiger und sanftmütiger Stimme, als spräche er mit einem bockigen Kind. »Aber Sie müssen es radikal verkürzen. Und ich meine damit wirklich radikal! Wenn Sie das nicht tun, kann es sein, dass Sie in einem Jahr fast gar nichts mehr schmerzfrei mit Ihren Händen machen können.«

Ellen wurde eiskalt. Dabei war ihr der Ernst der Lage schon lange bewusst. Vor einem halben Jahr hatte Dr. Gutmann ein RSI-Syndrom diagnostiziert – im Volksmund auch Mausarm – und sie immer wieder nachdrücklich dazu aufgefordert, das Schreiben für einige Zeit zu unterlassen, damit ihre Hände sich regenerieren konnten.

Mutlos fragte sie: »Und wie lange sollte ich Ihrer Meinung nach die Finger von der Tastatur lassen?« Allein der Gedanke war eine Qual. Sie konnte sich das überhaupt nicht vorstellen. Was war denn eine Autorin, wenn sie nicht schreiben konnte?

»Ich kann Ihnen keinen festen Zeitrahmen nennen, Frau Hesse«, antwortete der Arzt sachlich, »aber wir sollten von ein paar Monaten ausgehen. Ich werde Sie in dieser Zeit regelmäßig untersuchen, wir werden ein paar begleitende Behandlungen und Übungen durchführen, und ich bin überzeugt davon, dass sich eine Besserung einstellen wird. Sie brauchen vor allem sehr viel Geduld. Aber ich versichere Ihnen, dass wir auf diese Weise Ihre Hände wieder vollständig heilen können. Auch wenn ich Ihnen allerdings auch dann davon abraten muss, acht Stunden oder länger am Tag am Computer zu sitzen.«

Ellen atmete tief ein. Ob sie wollte oder nicht, sie musste sich geschlagen geben. Zerknirscht verabschiedete sie sich und machte sich auf den Heimweg, grübelnd und deprimiert.

Wie könnte sie das Problem nur lösen? Sie musste schreiben, um Geld zu verdienen. Es gab keinen Plan B in ihrem Leben, keine Alternative. Schreiben war ihr Leben.

Als sie zu Hause ankam, war ihr weder eine Lösung eingefallen noch hatte sich ihre Stimmung gebessert. Ziellos irrte sie in der Wohnung umher. Unter normalen Umständen hätte sie als Allererstes ihren Laptop eingeschaltet, wäre zwischendurch in die Küche gegangen, um sich einen Kaffee zu machen, und hätte dann bis spät in die Nacht gearbeitet. Arbeit war immer die beste Ablenkung. Nur leider eben nicht davon, dass die Arbeit selbst unmöglich geworden war.

Ihr Kopf war vollkommen leer, sie war müde, weil sie letzte Nacht zu wenig Schlaf bekommen hatte, und auf ganzer Linie überfordert mit dieser Situation. Hilfs- und antriebslos trottete sie in ihr Schlafzimmer, zog die Vorhänge zu und verkroch sich für den Rest des Tages im Bett.

Obwohl sie sich lange Zeit grübelnd herumwälzte, schlief sie schließlich doch ein. Als sie wieder aufwachte, herrschte bereits tiefste Nacht. Kurz überlegte sie, ob sie sich vielleicht etwas Abwechslung gönnen und in ihre Stammdisco gehen sollte. Dort würde sie bestimmt genügend Zerstreuung finden. Doch der Gedanke daran, die Kraft zum Aufstehen und Stylen aufzubringen, war ihr schon zu viel. Sie nahm ihr Kopfkissen unter den Arm, holte sich eine Flasche Wasser und eine Tüte Chips aus der Küche und machte es sich vor dem Fernseher bequem.

Drei Tage lang ließ sie sich auf diese Art gehen. Sie verließ das Haus nicht, wandelte mit ihrem Kissen unter dem Arm zwischen Sofa und Bett hin und her und suhlte sich in Selbstmitleid.

Widerwillig musste sie sich schließlich eingestehen, dass es so nicht weitergehen konnte. Nach einer weiteren Diskussion mit sich selbst machte sie sich auf den Weg ins Farbenfroh, ein Bistro für Schwule und Lesben, das ihre Freundin Kim führte. Vielleicht würde ein ausgiebiges Frühstück sie auf weniger dunkle Gedanken bringen.

Um diese Uhrzeit, noch dazu an einem Wochentag, herrschte im Farbenfroh nicht sehr viel Betrieb, so dass Kim sofort registrierte, wenn die Tür sich öffnete. »Du hast dich ja ewig nicht mehr blicken lassen«, rief sie Ellen von der Theke aus zu und kam ihr entgegengelaufen. Nach einer kurzen, aber herzlichen Begrüßung machte Ellen es sich an einem kleinen Ecktisch bequem und bestellte ihr Frühstück.

Ein paar Minuten später kam Kim höchstpersönlich mit Kaffee und Croissants an ihren Tisch, stellte das Tablett ab und setzte sich zu ihr. »Was treibt dich denn so früh aus dem Haus? Kleine Schaffenspause?«, fragte sie.

Ellen nahm einen großen Schluck Kaffee, in der Hoffnung, sie könnte dadurch den bitteren Geschmack in ihrem Mund hinunterspülen. Doch er blieb. Ohne ihre Freundin anzusehen, murmelte sie: »Ich war vor ein paar Tagen beim Orthopäden.«