Die Auferstehung des Dr. Maas - Philipp Hartung - E-Book

Die Auferstehung des Dr. Maas E-Book

Philipp Hartung

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Beschreibung

Im Alter und am Zenit seiner Karriere entdeckt sich Dr. Theo Maas auf dem Irrweg. Doch wohin wenden? Sein bisheriges Leben, Jahrzehnte lang eingeprägt, verliert an Stabilität und entpuppt sich als Illusion. Er weiß mittlerweile, dass eine Veränderung her muss. Länger schon wispern ihm Gedanken von überall, das Dinge anders seien, als er sie für wahr nimmt. Und sein Herz horcht aufmerksam; voller kindlicher Jugend hüpft es auf und ab als er mutig und fröhlich der Natur entgegengeht und sie wieder zu umarmen sucht.

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Seitenzahl: 65

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Philipp Hartung

Die Auferstehung des Dr. Maas

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Die Auferstehung des Dr. Maas

II. Überwindung

III. Befreiung

IV. Niedergang

V. Auferstehung

Impressum neobooks

Die Auferstehung des Dr. Maas

Die Auferstehung des Dr. Maas

Schon eine Weile beobachtete Dr. Maas die Wolken und wie sie sich auftürmen. Dunkler wurden sie auch schon. Der Regen kommt und er schien ihm wie ein Richtschlag. Das Gewaltige des Himmels drückte ihn, machte ihn klitzeklein. Diese Art unbedeutend zu sein, fühlte sich prächtig an. Jetzt, wo er am Ende seiner akademischen Reise war, ging ihm die Puste aus. Er war ja nicht (mehr) krank, nur irgendwie übersättigt, da er nie recht hatte verdaut im Leben. Die letzten Schläge des Schicksals waren so nah, es fühlte sich als sein eigener Tod. Als seine Frau hinschied, kämpfend mit dem Volksleiden des Krebses, ermattet an der Heroik einer brutalen Medizin, verlor er ein Vertrauen. Worin so recht, belangte ihn nicht wirklich, er wollte es nicht beim Namen nennen können. Dass es da war, dieses Gefühl, genügte ihm als Bestätigung seiner heftigen Präsenz. Zuletzt drängte es sich immer mehr in den Vordergrund. Seine Haltung wurde schwach und krumm, er floh das Wort mit Kollegen und Bekannten. Ihm war, als müsse er sich für sein Dasein rechtfertigen, nun, wo er allein war. Kinderlos sind sie ja geblieben von Karrierewegen und wer vor ihm kam, war schon wieder gegangen. Die Äste des Familienbaumes waren nicht sehr ausladend und er, Theo Maas, war ein traurig-kümmerliches Früchtchen, das einsam daran hing. Das zumindest ist ihm jetzt klar geworden. Viel hatte er nicht erreicht, überschlägt er es so im Ganzen. Es ringt ihn ein erschlafftes Lächeln ab wie er bedenkt, dass er gerade am endlichen Zenit seiner Karriere ist. Drauf und dran ist er die Bedeutsamkeit der architektonisch versierten Erigone atra, eine netzbauende Spinnenart, in einem weiteren Habitat ans Licht zu bringen. Das und die 27 weiteren Habitate, haben ihn immerhin sein ganzes Leben gekostet. Seit längerem aber hatte er sich abgewöhnt diese Spinnen beim Latinum zu nennen. Nicht eingeweihten Menschen fiel es stets schwer diese Sprache zu sprechen: Forscherdeutsch. Ihm war es unangenehm zur Realisation gekommen, dass er abseits in einer Welt dachte, die keine universelle Sprache besaß. Ist es überhaupt von Bedeutung, dies alles, wenn es nur in geschlossener Gesellschaft stattfindet, sozusagen? Er fragte erst sich und dann laut:Macht das überhaupt Sinn, sag mal?, rief er in den Bungalow hinein.Als Abnehmer dieser Frage erwartete er Karsten, seinen Assistenten, der drinnen im sporadischen Labor die Proben sezierte. Eigentlich wollte sich Dr. Maas nicht unbedingt mit ihm unterhalten, aber er war wenigstens sprachbefähigt. Vorhin, als er nämlich Frischluft schnappen gehen wollte, erbaute sich Karsten unnötig groß an den Reinheitsvorschriften des lächerlichen Labors und mahnte mit der Gefahr der Verunschmutzung der Proben, die Zeit, sie wäre, wie immer, sehr knapp. Er war fast heiser geworden, so hatte er gewettert. Dr. Maas ließ das eisekalt. Früher vielleicht hätte er auch so gebärmelt wie dieses Kinde dort, das unzufrieden war mit der Spielewelt. Ja, so wirkte mittlerweile alles: wie ein durchgespieltes Spiel. Nochmal würfeln bitte! Und dann dreht man einen erneuten Kreis auf dem buntbemalten Brette, ohne recht voran zu kommen. Lächerlich das Ganze irgendwie und doch ausreichend, um ganze Nationen mit einem Schein von Sinn zu erfüllen. In was für Ärsche nur ist er gekrochen, um irgendeiner Meinung willen: dass sie verschwinde oder bestehe, oder: dass seine eigene, unbedeutende Meinung ein winziges Gewicht verliehen würde. Man spielte eben mit; alle spielten. Um Wahrheit ging es dabei aber lang nicht mehr; sie war ein zerr- und dehnbares Zugband geworden für alle himmelschreienden Behauptungen wie denn unsere Welt sei und welche wissenschaftliche Nische es gerade sei, die sie genaustens beschreibt. Dunkel. So dunkel ist das Denken dieser Menschen, - ist das Denken von mir. Bin ich doch wenig anders, außer, dass ich numehr hilflos darunter leide, ohne eine Wurzel genau erkennen zu können.In seinem Gedankenwust hatte Dr. Maas gar nicht bemerkt, dass Karsten geantwortet hatte. Dr. Maas?, fragte dieser.Was ist?, fragte jener.Karsten war verdutzt, das hörte man der kurzen Stille an. Dr. Maas, sie fragten mich, ob etwas Sinn ergebe. Haben sie einen Fehler entdeckt?, fragte er brav. Dr. Maas erinnerte sich.Gewiss, ja gewiss, einen Fehler. Allgemeinerer Natur aber.Belangt es unser Projekt?Ja, aber auch nein. Mehr aber ja.Nun? --- Wie?Mehr als das eben. -- Es hört doch nicht auf dabei in Petrischalen zu schauen!Was hört auf? Sie rätseln mich, Doktor.Darüber hinaus! Es geht doch weiter, oder … doch zurück?Ich glaube, sie denken laut. Wollen sie nicht lieber wieder arbeiten? Die Zeit drängt schon derweilen.Noch nicht!, schallerte der Doktor laut, lauter als erwartet, sodass er selbst erschrak.Schon gut, kehrte Karsten ein. Es ist ja nur, wissen Sie … ihre große Stunde, die sie sausen lassen, und es zuckten seine Schultern demonstrativ.Lass mich damit in Frieden Karsten. Herrgott!, und er war wirklich erbost darüber wie wenig feinfühlig Karsten war. Alles wird nur schlimmer, denke ich daran!Ich …dann, ich arbeite, stammelte Kartsen etwas verwirrt, schluckte Worte, die ihm quer den Halse hinaufschießen wollten und verkroch sich hinters Mikroskop. Einmal hatte Dr. Maas Karsten entfesselt erlebt. Irgendein bürkokratischer Nonsens vom Ausmaße einer Büroklammer, hatte ihm einen Dorn verpasst. Es war erbärmlich und ekelhaft. Als verlöre er die Haut und damit seine Lebendigkeit; die Wut machte ihn zum Halbtoten, der aus verzweifelter Kraft noch zuckte. Wirklich, ein im Grunde gemeiner Kerl, der scheinbar nur dann richtig einen stehen bekommt, denkt er an die Geilheit einer Karriere. Gesellschaftlich was bedeuten - der heißluftgefüllte Ballon, den beinah jedes erwachsene Kind unsrer Moderne so gern besäße. Er arbeitet nicht für mich oder unser Ideal, dachte der Doktor, sein eigener Kragen wird ihm unangenehm eng. Der Ballon droht zu platzen. Er wandte sich wieder nach außen und seine Augen sahen Natur, statt menschlichen Dialog. Und dann tat Karsten ihm sehr leid. Er schien ihm derart hilflos und gefangen. Dr. Maas stand auf und ging hinein. Karsten bemerkte ihn gar nicht, so vertieft war er. Das Skalpell war drauf und dran mit akribischer Genauigkeit den Penis einer reiskorngroßen Spinne zu präparieren. Das war die Expertise, die er sich in jahrelangem akadamischen Pauken angeeignet hat: chirurgisch und präzise die Leibes - und vor allem Geschlechtsteile einer Handvoll von Spinnenarten sezieren zu können, um sie dann in eine künstliche Ordnung zu bringen. In Dr. Maas Gedärm wühlte es. Er wollte diesen Jammerlappen dort umarmen, diesen jetzt schon buckelkrummen und bleichen Abkömmling, denn letztlich sah er nur sich selbst. War er doch auch so hingiebig gewesen dem ewigsuchenden, nie wirklich erlösenden Geist der akademischen Wissenschaft. Jetzt hatte er es direkt vor Augen und es fesselte ihn, sich zu beobachten. Diese fast entleerte Individualität beeindruckte ihn unangenehm. Karsten schreckt auf, als er den Schatten des Doktors im Augenwinkel gewahrte.Herr im Himmel, Doktor!, sagte er und atmete durch.Ich könnt heulen, sagte dieser nur.Wie bitte?Ein Gefühl. Wie ein Kloß im Hals.Was bedrückt sie?, und Karsten drehte sich heran, offensichtlich sehr bereit die Unruhe an der Arbeit endlich beiseit zu schaffen.

Kann ich nicht sagen, meinte der Doktor, kramte nochmal in Gedanken, gab dann auf und hob die Schultern. Kann es nicht.