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Martin Bormann, der ehemalige Reichsleiter der NSDAP und Sekretär Hitlers, auch als dessen Schatten bezeichnet, ist tot. Er wäre jetzt 118 Jahre alt. Die Zeiten von Methusalem sind allerdings schon sehr lange vorbei. Bormann starb nach allgemeiner Auffassung am 02.05.1945 in Berlin. Dennoch wurde er später zum Tode verurteilt und es wurde viele Jahre lang nach ihm gefahndet. Zahlreiche Meldungen über Sichtungen Bormanns in Europa, in Südamerika, ja sogar in den USA und in Ägypten sowie Festnahmen von Personen, die verdächtigt wurden, Bormann zu sein, machten ihn nach dem Krieg bekannter als er es vorher gewesen war. Die Frage, welche nach 1945 jahrzehntelang von verschiedenen Seiten gestellt wurde, die lautete: Wann und wo starb Bormann wirklich? Der SPIEGEL schrieb 1968: Von Anfang an glaubten ... viele Experten, dass Bormann die Flucht ins Ausland gelungen sei. Als man Anfang Dezember 1972 in Berlin Gebeine ausgrub, welche als die Bormanns bestätigt wurden, glaubte man, den Fall Bormann abgeschlossen zu haben. Es dauerte aber weitere 26 Jahre, also bis 1998, bis man die Identität der Gebeine als die Bormanns endgültig bestätigen konnte. Auch daran gab es danach weiter Zweifel, aber der Fall galt von nun an als endgültig gelöst. Man hatte mit modernsten Methoden herausgefunden, dass die Gebeine, die man 1972 in Berlin fand, von Bormann stammten, dass Bormann also tot war. Das wurde auch als Bestätigung dafür betrachtet, dass Bormann am 02.05.1945 in der Frühe in Berlin Selbstmord begangen habe. Dafür gibt es allerdings keine Beweise. Bewiesen wurde nur, dass Bormann spätestens am 07.12.1972 tot war. Es gibt zahlreiche Indizien dafür, dass er noch viele Jahre nach 1945 lebte. Wo aber lebte er und noch viel wichtiger, wie gelang es ihm zu entkommen, und wer half ihm dabei? Und für wen arbeitete Bormann nach seiner Flucht?
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Veröffentlichungsjahr: 2018
Pro Agnitio
Einleitung
Das offizielle Bild zu Bormanns Schicksal nach dem 01.05.1945
II.1 Bormann tot, vermißt, verschollen?
II.2 Fortbestehende Zweifel an Bormanns Tod am 02.05.1945 in Berlin
Bormanns Weg aus der Reichskanzlei
III.1 Planung und Organisation des Ausbruches
Ausbruchsbefehlshaber: Bormann, SS-Brigadeführer Ziegler oder SS-Brigadeführer Mohnke?
Was steckte hinter der sich als fatal erweisenden Verschiebung des Ausbruchs um 24 Stunden?
Verwirrung um die Ausbruchsgruppen und Richtigstellungen
III.2 Der Ausbruch aus der „Zitadelle“
Der Start
Der Weg der Gruppe I (Mohnke)
Der Weg der Gruppe II (Rattenhuber)
Der Weg der Gruppe III (Dr. Naumann)
Der Weg der Gruppe IV (Kempka)
Der Weg der Gruppe V (Albrecht)
Der Weg der Gruppe VI (Axmann)
III.3 Bormann in der Friedrichstraße?
Wer alles behauptete, Kontakt zu Bormann in der Friedrichstraße gehabt zu haben
Kempkas Darstellungen
Baurs Darstellungen
Axmanns Darstellungen
Naumanns Darstellungen
Linges Darstellungen
Das Märchen des SS-Offiziers Tiburtius
Die alternativen „Erlebnisse“ des Generals Baur mit Bormann in der Friedrichstraße und in der Ziegelstraße
III.4 Bormann und das Panzergefecht in der Friedrichstraße
Was geschah zwischen 02:00 Uhr und 04:00 Uhr zwischen der Panzersperre und der Ziegelstraße, wo die russischen Linien begannen, bezogen auf die uns interessierenden Personen?
Die Geschehnisse nach der Panzerexplosion
Zu Linges falschen Darstellungen
Fazit
III.5 Bormanns angeblicher Weg zum Lehrter Bahnhof
III.6 Die Geschehnisse in der Invalidenstraße Die Entdeckung der Leichen / Wie verhielten sich Axmann und Weltzin bei den beiden am Boden Liegenden?
Eine andere Wahrheit zu Bormanns Schicksal nach dem Ausbruch aus der Reichskanzlei
IV.1 Die 13 Indizien für die Glaubwürdigkeit der Annahme, dass Bormann den 02.05.1945 überlebt hat
Indiz Nr. 1: Man stirbt nur einmal – die auffallend vielen Tode des Martin Bormann
Bormanns Tod im Bereich der „Zitadelle“ (Berliner Regierungsviertel am Ende des Krieges)
Bormanns Tod in der Friedrichstraße oder in der Ziegelstraße
Bormanns Tod in der Invalidenstraße
Bormanns Tod am Rande der Stadt
Bormanns Tod im Ausland
Indiz Nr. 2: Die Widersprüche in den Aussagen der angeblichen Hauptzeugen für Bormanns Tod am 02.05.1945 in Berlin
Indiz Nr. 3: Die Tatsache, daß auf der Invalidenbrücke nur die Leiche von Dr. Stumpfegger gefunden wurde
Indiz Nr. 4: Die Verkleidungskünste des Martin Bormann
Widersprüchliche Zeugenaussagen zu Bormanns Bekleidung während und nach dem Ausbruch aus der Reichskanzlei
Widersprüchliche Zeugenaussagen zur Bekleidung des toten Bormann bei der Auffindung der Leiche in der Invalidenstraße
Indiz Nr. 5: Widersprüchliche Aussagen Axmanns zur Auffindung der beiden Leichen
Indiz Nr. 6: Weitere Anzeichen dafür, daß Bormanns Tod vorgetäuscht wurde
die Tatsache, daß es Anfang Mai 1945 in Berlin mehrere „Bormann“-Leichen“ gab
Der mehrfache Fund von Bormanns „Tagebuch“, Notizbuch bzw. Notizkalender
Der Fund von Bormanns angeblichem Ledermantel
Indiz Nr. 7: Der Umgang der Russen mit „Bormanns Leiche“
Indiz Nr. 8: Überzeugende Augenzeugenberichte und Berichte über direkte Kontakte mit Bormann nach dem 02.05.1945
Sichtungen in Deutschland
Sichtungen im Ausland
Indiz Nr. 9: Informationen durch Angehörige Bormanns zu dessen Aufenthaltsort
Indiz Nr. 10: Die begründeten Vermutungen hochrangiger Naziführer von einer Flucht Bormanns
Indiz Nr. 11: Die Bedrohung der Zeugen für Bormanns Überleben
Indiz Nr. 12: Merkwürdigkeiten bezüglich Bormanns Leiche
Indiz Nr. 13: Offizielle Maßnahmen und Dokumente zu Bormann nach 1945
Aktivitäten in den USA
Aktivitäten in Argentinien
Aktivitäten in der BRD
IV.2 Verdacht der Täuschung und Manipulation bezüglich Bormanns angeblichem Tod 1945 in Berlin
Erstens: Die durchaus begründete Vermutung, dass Bormanns Skelett am Auffindeort platziert wurde
Die Umstände der überraschenden Auffindung der Gebeine Bormanns Ende des Jahres 1972 in Berlin
Die Exklusivität des Bestattungsortes
Der Verdacht, dass die Aufmerksamkeit der Bauarbeiter gezielt auf die Beine gelenkt wurde
Zweitens: Die unzureichenden Beweise dafür, daß es sich um Bormanns Gebeine handelte, welche Anfang Dezember 1972 in Berlin, Invalidenstraße, ausgegraben wurden
Berechtigte Zweifel an der Echtheit des angeblichen Skelettes von Bormann und an der angeblichen Liegezeit seit 1945
Drittens: Die roten Erdkrümel am angeblichen Skelett Bormanns
Viertens: Die Resultate der Akteneinsicht zu Bormann in Paraguay
Fünftens: Der zeitliche Zusammenhang zwischen dem Erscheinen der Memoiren Gehlens (1971) und der Auffindung von Bormanns Skelett (Ende 1972)
Fazit
Wie gelang es Bormann aus Berlin zu entkommen?
V.1 Bormanns Tod stand 1945 keinesfalls fest
V.2 Zu einer unvorbereiteten Flucht Martin Bormanns
V.3 Zu einer vorbereiteten Flucht Bormanns mit Unterstützung durch deutsche Helfer (Fluchtbegleitung, Legen falscher Spuren, falsche Zeugenaussagen)
V.4 Vorbereitete Flucht mit Hilfe von Bormann bezahlten britischen Helfern
V.5 Vorbereitete Flucht des Feindagenten Bormann mit Hilfe seiner Auftraggeber
Bormann war Agent Großbritanniens
Bormann war ein sowjetrussischer Agent
Bormanns Fluchtweg?
VI.1 Wie entkam Bormann aus Berlin?
Erste Vermutung: Bormann entkam in einem Panzer aus Berlin
Zweite Vermutung: Bormann floh von der Invalidenstraße aus zusammen mit Dr. Naumann in den Westen Deutschlands
Dritte Vermutung: Bormann gelang es in der Invalidenstraße sich von seinen Begleitern zu trennen
VI.2 Bormanns weiterer Weg von Berlin aus
Die Darstellungen des Autors Brockdorf
Der Bericht des angeblichen Bormann-Leibwächters Wiedwald (Wiedwald-Bericht)
Die „Arbeitshypothese“ von Lew Besymenski zur Flucht Bormanns
Die von uns geprüften „Mosaiksteine“ passfähiger zusammengefügt
Bormanns Gebeine in Berlin - Eine erfolgreiche Täuschung der Weltöffentlichkeit?
VII.1 Und plötzlich waren sie doch da
VII.2 Überlegungen zu den Akteuren, zum Zeitpunkt und zur Art und Weise der Verbringung der Gebeine Bormanns nach Berlin
Wer sollte ein Interesse daran gehabt haben, Bormanns Skelett am Auffindungsort in Berlin zu platzieren?
Fünf potenzielle Interessenten an der Auffindung von Bormanns Gebeinen in Berlin
Warum haben wir den Zeitraum von 1960 – 1971 für die Überführung von Bormanns Überresten aus Südamerika im Auge?
VII.3 Die Zweifel an der Echtheit der angeblichen Bormann-Gebeine
Die den offiziellen Ergebnissen widersprechenden Einschätzungen anderer Fachleute
Die Informationen aus südamerikanischen Behörden und von privaten Ermittlern.
Das Misstrauen in die Ermittlungsmethoden.
Die Zweifel der Bormannkinder.
Informationen über Bormanns angebliche Aktivitäten und Sichtungen nach 1959
Die endgültige Bestätigung von Bormanns Tod
Nachwort
Verzeichnis der Tabellen
Informationsspeicher
Vergleich der SS- und Wehrmachtsdienstgrade
Abkürzungsverzeichnis
Aufstellung wichtiger Daten und Fakten zu den Maßnahmen zwecks Auffindung und Aburteilung Bormanns
Personenverzeichnis
Literaturverzeichnis
Quellen und Anmerkungen
Mit dem Tode von Martin Bormann am 02.05.1945 verhält es sich wie mit dem Tod von Adolf Hitler am 30.04.1945: Beide starben offiziell 1945 in Berlin, aber es scheint wohl so: die Totgesagten leben länger.
Der NSDAP-Reichsleiter Martin Bormann (1900 in Halberstadt geboren) war ab 1941 (Flug seines Vorgesetzten, des Führer-Stellvertreters Rudolf Heß, nach England) der mächtigste unter den Reichsleitern der NSDAP. Er war Leiter der Parteikanzlei und wurde ab 1943 der „Sekretär des Führers“. Er hatte die Befugnisse eines Reichsministers, war Chef des Volkssturms und Obergruppenführer der SS. Bormann leitete den gesamten Apparat der NSDAP. Laut Hitlers Testament sollte Bormann in der neuen Reichsregierung unter Großadmiral Dönitz Parteiminister werden.
Hitler bestimmte ihn schließlich als „treuesten Parteigenossen“ auch noch zu seinem Testamentsvollstrecker und berechtigte ihn, „alle Entscheidungen endgültig und rechtsgültig zu treffen".1 Bormann war deshalb zum Ende des Dritten Reiches dessen zweitmächtigster Mann. Manche meinen, er sei der Mächtigste gewesen, in jenen letzten Tagen des Dritten Reiches.
Aber Bormann war in der deutschen Bevölkerung dennoch weitgehend unbekannt. Er blieb im Schatten hinter Hitler und agierte von dort aus. Dagegen wurde er nach dem Krieg zum, gleich nach Hitler, wohl bekanntesten Führer der Nationalsozialisten, einfach durch die vielen Berichte über Vermutungen und definitive Behauptungen angeblicher Sichtungszeugen, seinen Aufenthalt betreffend. Die Suche nach ihm und die damit verbundenen zahlreichen Presseberichte und Publikationen, machten ihn nun erst richtig bekannt.
Simon Wiesenthal, der bekannte Nazijäger, schrieb 1967: „Der Mann, der Hitlers rechte Hand war, hat mehr Gerüchte und Legenden verursacht und einen weitaus größeren Verbrauch an Druckerschwärze als alle anderen Nazibonzen ... Kein anderer Nazi ist so häufig für tot erklärt worden und wieder zum Leben erweckt worden.“2
Offiziell gilt Bormann als seit dem 02.05.1945 verstorben: Suizid durch Gift zusammen mit Hitlers letztem Begleitarzt Dr. Stumpfegger auf der Invalidenstraße in Berlin, nach dem Ausbruch aus der Reichskanzlei in der Nacht vom 01.05. zum 02.05.1945.
Über viele Jahrzehnte hinweg, von 1945 – 1998 wurde aber immer wieder daran gezweifelt, daß Bormann Anfang Mai 1945 gestorben sein soll. „... der NS-Verfolger Simon Wiesenthal wähnte Bormann noch im März 1968 als "Vizekönig des Nationalsozialismus" in Brasilien.“3
Artur Axmann, Hitlers letzter Reichsjugendführer und der „Kronzeuge“ für Bormanns angeblichen Tod am 02.05.1945 in Berlin sagte verärgert: „So haben beispielsweise die Israelis und der Leiter des jüdischen Dokumentationszentrums in Wien, Simon Wiesenthal, wiederholt geäußert, daß sie nicht an den Tod von Martin Bormann glauben.“4
Erst im Jahre 1998 wurde mit hochgradiger Wahrscheinlichkeit bewiesen, daß man Bormanns Gebeine Anfang Dezember 1972 in Berlin gefunden hatte.
Sicher scheint deshalb eines: Bormann ist irgendwann in dem Zeitraum zwischen 1945 und 1972 tatsächlich verstorben. Allerdings gibt es auch noch heute, wo Bormann mit Sicherheit tot ist (er wäre nun 118 Jahre alt!) Menschen, die zweifeln an der Echtheit der 1972 aufgefundenen Gebeine.
Überprüfen kann man das nicht mehr, denn Bormanns Reste wurden 1998 verbrannt und ins Meer geworfen. Damit war das Problem gelöst: Die Echtheit der Gebeine musste endgültig angenommen werden. Arbeits- und Zeitkapazitäten und auch Geld waren nicht mehr für vielleicht Unlösbares auf weitere Jahre gebunden. Eine durchaus denkbare Überlegung der Verantwortlichen.
Es ist auffallend, daß viele Journalisten und Buchautoren, welche sich mit dem Schicksal Bormanns nach dem 01.05.1945 beschäftigten, eine kritische Prüfung von Zeugenaussagen einfach unterliessen, wenn deren Aussagen der eigenen Absicht, Bormanns Tod am 02.05.1945 in Berlin zu publizieren, widersprachen. Zweifelhafte Aussagen wurden zurechtgebogen, Unpassendes liess man „unter den Tisch fallen“ und offensichtliche Lücken in den Darstellungen der Zeugen wurden mit passenden Informationen gefüllt oder überdeckt. So haben auch die Autoren des Buches „Die Katakombe“, welche Gespräche mit zahlreichen Zeugen der damaligen Ereignisse etwa 30 Jahre danach geführt haben, deren Berichte so zurecht gebogen, dass sie passten. So schrieben sie beispielsweise, dass Bormann und Stumpfegger „auf der Brücke über die Ferngleise (lagen). Das ist nur fünfzig Meter von der Stelle, wo 1973 das nachher identifizierte Skelett Bormanns gefunden wurde.“5 Im selben Buch, auf der vorletzten, nicht bezifferten Seite, findet man aber eine Karte, auf welcher der angebliche Fluchtweg Martin Bormanns gekennzeichnet wurde. Die Karte hat den Maßstab 1 : 22.000. Daran kann man ablesen, daß die Entfernung zwischen dem Auffundsort zweier männlicher Leichen durch Axmann und der Stelle, wo 1972 die beiden Skelette gefunden worden sind, mindestens 250 Meter beträgt. Das ist schon von Belang, wenn man weiß, dass es üblich war, die vielen von den Straßen und aus den Trümmern der Ruinen geborgenen Leichen auf den nächsten Friedhöfen in Massen gräbern zu bestatten, so wie es auch mit der angeblichen Leiche von Gestapochef Müller geschehen sein soll. Es wurde also versucht, den offensichtlichen Widerspruch zwischen dem Üblichen bei den damaligen Bestattungen und der davon abweichenden Bestattung von Bormann und Stumpfegger zu verschleiern. Die Autoren des selben Buches haben auch mehrfach die Aussagen des von ihnen befragten Generals Baur mit denen der anderen Zeugen in Übereinstimmung gebracht, anstatt sie zu hinterfragen.6
Auch damalige Mitarbeiter der Generalstaatsanwaltschaft von Hessen können wir von dem Vorwurf, sich daran beteiligt zu haben, nicht freisprechen. So wurde im Schlussbericht der Generalstaatsanwaltschaft zu den Untersuchungen über Bormanns Schicksal nach dem 01.05.1945 durch die Darstellung der Aussage eines Offiziers von Hitlers Personenschutz „Reichssicherheitsdienst“ (RSD), eines gewissen Osterhuber, im direkten Zusammenhang mit den Zeugenaussagen Axmanns und anderer hinsichtlich Bormanns Anwesenheit in der Invalidenstraße, der Eindruck erweckt, als sei dieser Osterhuber Zeuge für Bormanns Tod in der Invalidenstraße gewesen.7 Damit hatte man sich quasi neben Axmann einen zweiten Zeugen geschaffen, um Bormanns Tod in der Invalidenstraße zu bestätigen.
Auch die Ereignisse im Zusammenhang mit der Auffindung und Prüfung der Skelette von Bormann und Stumpfegger wurden in den Medien unkritisch akzeptiert und kolportiert. So schrieb ein Autor, die zahlreichen wilden Spekulationen über Bormanns Aufenthalte in unterschiedlichen Ländern, behandelnd: „Doch all diese Theorien sollten bald widerlegt werden, durch einen Zufall. Ende 1972 schachteten einige Männer an der Invalidenstraße 63 in Berlin die Erde aus, um Leitungen zu verlegen. Plötzlich stießen die Arbeiter auf einen bräunlichen Gegenstand. Es war ein menschlicher Schädel. Es folgten systematische Grabungen, die schließlich zwei Skelette hervorbrachten. Nach monatelangen Analysen wurde eines der beiden Skelette schließlich Hitlers Leibarzt Ludwig Stumpfegger zugeordnet, die übrigen Knochen identifizierten Gerichtsmediziner ‚mit absoluter Sicherheit als die Überreste des ehemaligen Reichsleiters Martin Bormann’. Er hatte sich mit einer Giftampulle getötet.“8
Es war aber beileibe kein Zufall, der zur Entdeckung der bis dahin erfolglos gesuchten Gebeine von Bormann und Dr. Stumpfegger geführt hatten. Es hatte eher den Anschein, dass es eine Inszenierung, von wem auch immer, war.
Bei unseren Untersuchungen zu Bormanns Schicksal stießen wir auf ein Knäuel von widersprüchlichen Aussagen über den Ausbruch, die Zeiten und die Orte des Vordringens der Kampfgruppen und die Begegnungen mit Bormann, entweder entstanden aus Erinnerungsfehlern oder aufgrund absichtlicher Verzerrung der Ereignisse zum Zwecke der Vertuschung von Bormanns Flucht. Wir haben versucht, sie zu entwirren.
Zur Rekonstruktion der sehr widersprüchlichen Aussagen zum Weg Bormanns aus der Reichskanzlei bis zu dem Ort, an welchem er angeblich von Axmann tot aufgefunden wurde, haben wir eine kritische Prüfung vorgenommen. Wir stützten uns dabei vor allem auf Veröffentlichungen der Zeugen und auf die in der Literatur zu findenden Verhörergebnisse bzw. Berichte der Zeugen Axmann, Dr. Naumann, General Baur, Brigadeführer Mohnke, Hitleradjutant Günsche, Cheffahrer Kempka.
Es gab auch noch die Darstellungen von Hitlers Chefdiener Linge. Die Quelle Linge (Linges Buch: „Bis zum bitteren Ende“), ist eindeutig fehlerhaft, nicht paßfähig zu den anderen Quellen und offensichtlich von fremder Hand geschrieben.9 Leicht feststellbar ist eine Reihe von, im Vergleich mit anderen Zeugenaussagen, offensichtlich falschen Angaben in Linges Buch, die vermutlich nach dem vor Drucklegung des Manuskriptes eingetretenen Tod des Autors vom Herausgeber, Professor Werner Maser, der ja selbst kein Zeuge der Ereignisse war, aus seiner Kenntnis der Memoirenliteratur bei kreativer Ausfüllung dort vorhandener Lücken, eingebracht worden sind. So heißt es zum Beispiel in Linges Buch, daß Bormann nach SS-Brigadeführer Mohnkes Vorschlag, er könne in der Gruppe Mohnke mitmarschieren, diesem erwidert habe: „Ich gehe mit dem dritten Trupp, dem Stumpfegger, Baur und Naumann angehören.“10 Naumann führte aber nicht die Gruppe 3, sondern die Gruppe 2 an.
Aber auch die tatsächlich von Linge stammenden Aussagen bei den Russen beweisen, dass Linge als Zeuge nicht zur Wahrheitsfindung beitrug. So sah er angeblich von der Weidendammbrücke aus, wie Bormann und Naumann auf einen vorüberfahrenden deutschen Panzer aufsprangen. Und er sah angeblich auch, wie eine Granate gegen den Panzer geworfen wurde.11 Zur gleichen Zeit seien auf der Weidendammbrücke Albrecht, Högl und zahlreiche Mitarbeiter von Hitlers Adjutantur gefallen. Merkwürdig, daß Linge dies gesehen haben wollte, denn die Ausbruchsgruppe 4, die Albrecht anführte, soll ja nach der Gruppe Kempka gestartet sein. Ausserdem soll sich Albrecht bereits einen Tag zuvor in der Reichskanzlei erschossen haben.12 Dass Linge nicht bei dem Panzergefecht dabei war, zeugt auch der Bericht des Bunkertelefonisten Misch, der als Letzter aus der Reichskanzlei und allein am Bahnhof Friedrichstraße eingetroffen war. Der schrieb nämlich, daß er in der U-Bahn-Station Friedrichstraße auf Linge und andere (aus der Gruppe Kempka) gestoßen sei. Gemeinsam seien sie aus dem U-Bahn-Schacht hochgestiegen bis auf die Friedrichstraße, um über die Weidendammbrücke zu laufen. Diese habe aber unter russischem Dauerbeschuss, auch durch Scharfschützen, gelegen. Schon vor der Brücke habe ein zerstörter Tiger-Panzer quer gestanden und überall hätten Tote gelegen, darunter eine Sekretärin aus Hitlers Privatkanzlei, also aus der Gruppe Kempka.
Misch schrieb: „Es blieb uns nichts anderes übrig, als wieder hinunter in den U-Bahn-Tunnel zu steigen, den wir gerade verlassen hatten.“13
Wenn nun Linge das alles wirklich erlebt hätte, was Maser in Linges Buch geschrieben hat, einschließlich dem Panzergefecht, bei dem Bormann und Stumpfegger „wie Puppen ins Gelände“ geflogen seien, dann hätte das auch Misch erlebt und davon berichtet. Das geschah aber nicht.
Linge und Misch wurden zusammen gefangen genommen, als sie, glaubend, bei einer kämpfenden deutschen Truppe angelangt zu sein, aus dem U-Bahn-Schacht Seestraße stiegen.14 Jeder von beiden berichtete aber in seinen Erinnerungen anders über dieses Ereignis.15 Auch das spricht wieder dafür, dass der Herausgeber Maser, der ja nicht dabei war, das Ereignis so beschrieb, wie er glaubte, dass es abgelaufen sein könnte.
Die widersprüchlichen Zeugenaussagen, falsche Behauptungen, und die vielen Mutmaßungen zu Bormanns Tod an ganz anderen Orten und zu ganz anderen Zeiten durch Autoren aus aller Welt, verlangen geradezu nach einer unvoreingenommenen Untersuchung. Dafür muss man der Spur Bormanns aus der Reichskanzlei bis zur Invalidenstraße, wo 27 Jahre später seine Gebeine gefunden wurden, folgen und jeden Abschnitt kritisch prüfen hinsichtlich der Zeugenlage und der Kompatibilität der Aussagen der angeblichen Zeugen. So können wir feststellen, ob Bormanns Weg wirklich in die Invalidenstraße führte und ob es möglicherweise alternative Handlungsstränge gab.
Die offizielle, bis heute gültige Darstellung, die allein auf den Aussagen des ehemaligen Reichsjugendführers (RJF) Artur Axmann beruht, hat der Autor Anton Joachimsthaler in seinem 1998 veröffentlichten Buch „Hitlers Ende“ so formuliert:
„Bei dem Ausbruch aus der Reichskanzlei verübte der 44jährige Bormann zusammen mit Dr. Stumpfegger am 2.5.1945 zwischen 1.30 Uhr und 2.30 Uhr Selbstmord durch Einnahme von Blausäure.“16
Artur Axmann sagte Ende 1945 aus, dass er Bormann und Stumpfegger in der Frühe des 02.05.1945 in Berlin, Invalidenstraße, tot aufgefunden habe.
Axmann war nach seiner Festnahme im Dezember 1945 zunächst in München am 15.12.1945 von den Amerikanern verhört und nach dem Schicksal von Hitler und von Bormann befragt worden. Im Zentralen Vernehmungslager des amerikanischen Geheimdienstes in Oberursel gingen die Verhöre weiter. Wieder stand die Frage nach dem Verbleib von Hitler und Bormann im Mittelpunkt der Verhöre. Selbst mit diversen Foltermethoden, die später in einem britischen Lager fortgesetzt wurden, gelang es nicht, Axmann dazu zu bringen, eine vermutete Flucht Hitlers und Bormanns zu bestätigen.17
Im Oktober 1946 wurde er in ein Konzentrationslager der englischen Zone bei Paderborn überstellt. Danach kam er 1947 nach Nürnberg und wurde von dem Deutschen Dr. Kempner verhört, der früher Beamter im preußischen Innenministerium war und nach seiner Emigration in die USA die Staatsbürgerschaft der USA erhalten hatte, der unter anderem ebenfalls den Verbleib von Hitler und Bormann von ihm erfahren wollte.18
In Nürnberg wurde er schließlich auch von dem us-amerikanischen Militärrichter Musmanno verhört. Musmanno verhörte ihn vor allem für sein privat geplantes Buch, wie Axmann bald vermutete.19 Bei diesen Verhören ging es Musmanno ausschließlich um die Umstände des Todes von Adolf Hitler und Martin Bormann.20
Der britische Historiker und damalige Geheimdienstoffizier Trevor-Roper, der Axmann bereits 1945 verhört hatte, war vorsichtig genug, und behauptete nicht, dass Axmann bezüglich des Todes von Bormann Recht habe.21
Trevor-Roper schrieb in der 3. Auflage seines Buches „Hitlers letzte Tage“, erschienen 1965, bezüglich Bormanns Tod: „Wenn wir glauben, daß Bormann tot ist, dann einfach nur deswegen, weil nach dem 1. Mai 1945 niemand je einen zweifelsfreien Beweis für seine Existenz erbrachte.“22 Trevor-Roper hat, wie bei vielen anderen Zeugen, seine Informationen durch die von ihm erbetenen Berichte der us-amerikanischen Vernehmer übernommen. Axmann wurde von ihm nicht vernommen. So kann man nur annehmen, dass er die Aussage Axmanns zu Bormanns Tod vielleicht 1946 erhalten hat.
Jedenfalls gab es gleich nach dem Krieg, und sogar jahrzehntelang danach noch, immer wieder Stimmen, die meinten, Bormann habe überlebt, Zeugen, die ihn angeblich gesehen haben und es gab auch Verhaftete, die verdächtigt wurden, Bormann zu sein.
Der damalige Leiter des Jüdischen Dokumentationszentrums, Simon Wiesenthal, faßte die vielfach geäußerten Zweifel aus aller Welt an Bormanns Tod so zusammen:
"Daß Bormann lebt, bezweifelt doch keiner mehr."23
Simon Wiesenthal damaliger langjähriger Direktor des Jüdischen Dokumentationszentrums in Wien.
Auch offizielle deutsche Stellen stellten sich bald die Frage: Wo verblieb Bormann nach dem 01.05.1945? Denn es gab keine Leiche. Er galt als verschollen.24
1965 entschloß sich die Frankfurter Staatsanwaltschaft aufgrund von 1963 erhaltenen Informationen über die Bestattung zweier Leichen, die auf der Brücke in der Invalidenstraße am 02.05.1945 gefunden worden waren, dazu, am Ort der Bestattung graben zu lassen, um Überreste von Bormann zu finden.25
Die Grabungen auf dem Gelände des „Alpendorfes“, Invalidenstraße 63, blieben jedoch erfolglos. Das war auch kein Wunder, denn die im Abschnitt IV.1 dieses Buches vorgestellten dreizehn Indizien zeigen auf, dass Bormann durchaus entkommen sein könnte. Wenn ihm das gelungen wäre, dann hätte man, selbst bei intensivster Suche, eine echte Bormannleiche Anfang Mai 1945 nicht finden können. Und deshalb fand man auch 1965 bei der durch die für diesen Fall zuständige hessische Generalstaatsanwaltschaft angeordneten Grabung an der Stelle, wo die Leichen von Bormann und Stumpfegger angeblich begraben worden waren, weder die Leiche Bormanns, noch die Leiche seines Begleiters, Dr. Stumpfegger.
Die Kenntnislage änderte sich total, als Jahre später, am 07.12.1972, in der Berliner Invalidenstraße Baggerarbeiten erfolgten. Versorgungsschächte wurden ausgehoben und zwar auch auf dem Grundstück, auf dem 1965 nach der Leiche von Bormann gegraben worden war. Dabei wurden dann am 07. und 08.12.1972 zwei Skelette gefunden.26
Nur „etwa 12 bis 15 Meter von der alten Grabung entfernt“, bei der Invalidenstraße 63, bemerkte ein Baggerführer Gebeine in der Baggerschaufel. Sofort alarmierte er die Polizei.27
Die Staatsanwaltschaft gab bekannt, die Skelette seien „verhältnismäßig gut erhalten“.28 Die sofort angeordnete Untersuchung der Gebeine führte bei dem größeren Skelett nach monatelangen Analysen zu dem Ergebnis, daß es sich tatsächlich dabei um die Knochen von Dr. Stumpfegger handelte.29 Die übrigen Knochen identifizierten die Gerichtsmediziner „mit absoluter Sicherheit als die Überreste des ehemaligen Reichsleiters Bormann“.
Die Gerichtsmediziner waren sich also absolut sicher, dass es sich bei den Knochen des kleineren Mannes um die Überreste von Martin Bormann gehandelt habe. Wie kamen sie zu der „absoluten Sicherheit“, die sie Anfang März 1973 verkündeten?
Zunächst einmal war klar, dass Hitlers letzter Begleitarzt, Dr. Stumpfegger, in der Invalidenstraße verstorben war. Das wusste man aufgrund der Tatsache, dass am 08.05.1945 unter der größeren der auf der Invalidenstraße geborgenen zwei männlichen Leichen das Soldbuch von Dr. Stumpfegger gefunden wurde. Abgesichert wurde die Identifizierung Stumpfeggers auch anatomisch. Es wurde bei dem Skelett des größeren Mannes ein Unterarmbruch festgestellt. Einen solchen hatte Dr. Stumpfegger tatsächlich als Dreizehnjähriger erlitten.30 Außerdem konnte das Gebiß des größeren Mannes als das von Dr. Stumpfegger identifiziert werden, da von dessen Kopf Röntgenaufnahmen vorhanden waren.31
Wie konnte man aber nun Bormann identifizieren?
Ganz einfach: Aus der Tatsache, dass Dr. Stumpfegger zuletzt angeblich als Begleiter Bormanns beim Ausbruchsversuch aus Berlin gesehen wurde, ließ sich ableiten, dass eine an der Auffundstelle Stumpfeggers ebenfalls aufgefundene zweite Leiche Bormann gewesen sein musste.
Da bei dieser Leiche keinerlei Papiere gefunden worden sind, ging man, um diese Vermutung zu erhärten, von dem deutlichen Größenunterschied zwischen den beiden Skeletten aus. Es waren zwei Skelette gefunden worden,das von einem größeren Mann und das von einem deutlich kleineren Mann.
Das paßte schon einmal, der Größenunterschied zwischen Bormann und Dr. Stumpfegger, die nach Zeugenaussagen in der Frühe des 02.05.1945 zusammen unterwegs waren, war ja bekannt. Da Stumpfegger Bormanns Begleiter war, schien es nur logisch, dass der kleinere Mann Bormann sein musste.
Nun ging es darum, bei der Untersuchung der Gebeine des kleineren Mannes Beweise dafür zu finden, dass es sich dabei tatsächlich um Bormann handelte. An dem Skelett des kleineren Mannes konnten dann, überraschender Weise allerdings erst nachdem zwei Bormannsöhne ihrem Befremden Ausdruck verliehen hatten, dass die ihnen vorgelegten Gebeine keinen Hinweis auf einen bestimmten Unfall ihres Vaters zeigten, Spuren eines Schlüsselbeinbruches nachgewiesen werden. Einen solchen hatte Bormann zu Lebzeiten durch einen Reitunfall erlitten, wie zwei Söhne Bormanns, Martin und Gerhard, bestätigten.32
Was das Gebiß des kleineren Mannes betraf, so waren sich die Experten nicht darüber einig, ob es sich um das von Bormann handelte, denn von ihm standen keine Röntgenaufnahme des Kopfes zur Verfügung, wie es bei Stumpfegger der Fall war.33 So mußte dieses Gebiss anhand einer Gedächtniszeichnung des zu dem Zeitpunkt bereits verstorbenen Zahnarztes Hitlers, Professor Blaschke, welche dieser in amerikanischer Kriegsgefangenschaft aus dem Gedächtnis angefertigt hatte und durch die Bestätigung durch seine Mitarbeiter Echtmann und Heusermann als das von Bormann erkannt werden.34
Was aber noch fehlte, darauf wies der Sowjethistoriker Besymenski hin, das war die Zahnbrücke Bormanns. Deshalb verzögerte sich die Fertigstellung des Gutachtens, wie die Staatsanwaltschaft zu der Zeit mitteilte.35 Das Problem löste sich überraschend in den nächsten Wochen plötzlich sehr schnell, denn die Zahnbrücke wurde am 11. oder 13.03.1945 „in unmittelbarer Nähe der Fundstelle“36, Besymenski schrieb: in der „Gegend um den Lehrter Bahnhof“37, gefunden.
Eine plastische Gesichtsrekonstruktion anhand des gefundenen Schädels durch einen Spezialisten der bayerischen Kriminalpolizei bestätigte die Identität des Schädels als den von Bormann.38 Die Maske habe den Fotos von Bormann sehr ähnlich gesehen, meinte auch der Sowjethistoriker Besymenski.39 Wie wir weiter hinten feststellen werden, handelte es sich dabei aber um ein sehr fragwürdiges Ergebnis.
Schließlich wurde als weiterer Beweis dafür, dass es sich um Bormann und Dr. Stumpfegger gehandelt haben muss, angeführt, man habe Glassplitter in den Gebissen der Skelette gefunden, die auf eine Giftampulle hinwiesen. Da sich einfache Bürger wohl eher nicht auf diese Weise töteten, mußten es wegen der Zugriffsmöglichkeit zu den Giftampullen für die zu Hitlers Gefolge gehörenden Personen in der Reichskanzlei und wegen des Fundortes der Gebeine, Bormann und Stumpfegger sein.
Aufgrund dieser Indizien und Überprüfungsresultate war sich der Leitende Staatsanwalt Joachim Richter auf der Prsessekonferenz am 04.04.1973 absolut sicher, daß das Skelett „mit Sicherheit“ mit „dem Angeschuldigten Martin Bormann identisch“ sei: „Der Angeschuldigte und Dr. Ludwig Stumpfegger sind in den frühen Morgenstunden des 2. Mai 1945 - etwa zwischen 1.30 Uhr und 2.30 Uhr - in Berlin verstorben.“
Es gab zwar trotz allem immer noch „einige Unklarheiten“, weil damals ein endgültiger Beweis durch den DNA-Vergleich noch nicht möglich war40, dennoch entschloß sich bald darauf, am 11.04.1973, der hessische Generalstaatsanwalt Dr. Horst Gauf in Frankfurt am Main, eine Pressekonferenz einzuberufen und die Ergebnisse der seit 12 Jahren betriebenen Ermittlungen nach Bormann als abschließend erfolgreich bekannt zu geben: Die beiden am 07. und 08.12.1972 auf dem Gelände des früheren Landesaustellungsparks, nahe dem Lehrter Bahnhof, aufgefundenen Skelette seien eingehend von Gerichtsmedizinern, Zahnärzten und anderen Spezialisten untersucht worden und es hätte sich bestätigt, daß es sich bei den sterblichen Überresten um Martin Bormann und Dr. Ludwig Stumpfegger handele. Der Generalstaatsanwalt stellte fest: „Martin Bormann ist in der Nacht zum 2. Mai 1945 zwischen ein und drei Uhr auf der Eisenbahnbrücke der Invalidenstraße in Berlin ... gestorben41.
Auch die Medien und diverse Autoren verbreiteten, was ihnen verkündet wurde, schon zu einer Zeit als ganz sicher, als es doch noch etwa 25 Jahre dauerte, bis wirklich als bewiesen galt, Bormanns Skelett gefunden zu haben.42 So schrieb der Autor eines als wichtiges Werk zur Darstellung des Todes von Hitler geltenden Buches bezogen auf Martin Bormann: „Erst am 7./8.12.1972 wurde sein Skelett bei Ausgrabungen in Berlin gefunden und einwandfrei identifiziert.“43 Andere Autoren schrieben: Zwei Skelette „... nach monatelangen kriminaltechnischen und gerichtsmedizinischen Untersuchungen einwandfrei geklärt ... Es sind die Gebeine von Martin Bormann, Sekretär des Führers, und Dr. Ludwig Stumpfegger, letzter Begleitarzt Hitlers.“44 Und ein weiterer Autor schrieb Jahrzehnte später, als die endgültige DNA-Klärung erfolgte, rückblickend auf 1972/1973, den angeblichen Tod Bormanns am 02.05.1945 in Berlin meinend: „Seit einem Skelettfund Ende 1972, der genau überprüft wurde, gilt dies als sicher.“45
Der Haftbefehl wurde aufgehoben, Bormanns Knochen wanderten in die Asservatenkammer. Er wurde zum zweiten Mal amtlich für tot erklärt.46 Nun sollte der Fall Bormann endgültig als erledigt betrachtet werden. Der Fall war abgeschlossen. Das Phantom Bormann, das seit dem 02.05.1945 durch die Welt geisterte war tot. So wurde der Fund auch ausgiebig in den Medien verarbeitet. Allerdings regte sich auch sofort Widerspruch. Vor allem aus dem Ausland kamen Hinweise darauf, dass es sich nicht um Bormanns Gebeine handeln könne, die aufgefunden wurden.
Die vielen Berichte aus aller Welt, die sich mit Bormanns Überleben befassten, haben den ehemaligen Reichsjugendführer Axmann, Kronzeuge für Bormanns Tod am 02.05.1945 in Berlin, der all die Nachrichten zu Bormanns Überleben verfolgte, an seiner eigenen Aussage zweifeln lassen. „Natürlich machte mich das alles sehr nachdenklich ...“47
Aber Axmann beruhigte sich und stand weiter zu seinen Aussagen, besonders dann, nachdem am 07./08.12.1972 auf dem ULAP-Gelände in der Berliner „... Invalidenstraße die Skelette und Schädel von Martin Bormann und Dr. Ludwig Stumpfegger gefunden und nach vorhandenen Unterlagen über die Körperdaten identifiziert ...“ worden waren.48 Axmann folgerte daraus erleichtert: „Die Meldungen der Medien im In- und Ausland (über Bormanns Überleben) erwiesen sich endgültig als Legende.“49 Wohl um sich selbst, der er eine Zeit lang an seinen eigenen Aussagen zweifelte, zu überzeugen, und um seine Aussagen bestätigt zu sehen, hat Axmann die Beweise für die Echtheit der 1972 aufgefundenen Gebeine in seinem Buch noch einmal aufgeführt.
Angebliche Beweise Axmanns Interpretation
Einschätzung
Schädel und Skelette von einem großen und einem wesentlich kleineren Mann
Das ist kein Beweis. Da Bor-mann, ein kleinerer Mann, und Stumpfegger, ein großer Mann, zusammen unterwegs waren, war das allerdings ein Indiz.
Skelette entsprachen der Größe der Lebenden. Unterarmbruch von Dr. Stumpfegger erkannt
Es zeigte sich, dass Dr. Stumpfeggers Leiche tatsächlich gefunden wurde.
Schlüsselbeinbruch von Martin Bormann erkannt
Bormanns Kinder fanden aber an den ihnen vorgelegten Gebeinen keine Hinweis darauf.
Gebiß von Bormann konnte anhand des Zahnschemas, dass Dr. Blaschke aus dem Gedächtnis gezeichnet hatte identifiziert werden.
Das von Hitlers Zahnarzt Blaschke gezeichnete Zahnschema Bormanns stimmte aber nicht in allen Teilen mit den aufgefundenen Kiefern Bormanns überein.
Heusermann u. Echtmann „bestätigten mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit“.
Heusermann und Echtmann hatten bereits bezüglich Hitlers Zähnen den Russen Falschinformationen geliefert. Ihre Glaubwürdigkeit ist fragwürdig.
Glassplitter in den Gebissen „Der Selbstmord durch Gift war eindeutig.“
Eindeutig war nur, dass Glassplitter in den Gebissen aufgefunden wurden.
Plastische Gesichtsrekonstruktion auf Basis der gefundenen Schädel „Fotos wiesen eine verblüffende Ähn-lichkeit ... auf.“
Der Experte, der diese Arbeit durchführte hatte Anfang der 70er Jahre in einem anderen Fall ebenfalls eine überzeugende Plastik vorgelegt. Dann stellte sich aber heraus, dass er völlig falsch lag.
Axmann hat allerdings durch eine Reihe widersprüchlicher und verräterischer Aussagen und Darstellungen des angeblich im Zusammenhang mit dem Tode Bormanns Erlebten unseren Verdacht geweckt, dass er, der einzige Zeuge für Bormanns angeblichen Tod am 02.05.1945 in Berlin, die Öffentlichkeit an der Nase herumgeführt hat.
Ausländische Beobachter waren jedenfalls hinsichtlich der Festlegung, es handele sich um Bormanns Gebeine, die man geborgen hatte, skeptischer als die deutschen Untersucher.50 So wurden sofort nach Bekanntgabe des Untersuchungsergebnisses und auch in den Folgejahren von verschiedenen Seiten Zweifel an den Resultaten der Untersuchungen angemeldet.
Und auch wir sind der Auffassung, dass tatsächlich 1973 noch mehr dafür sprach, dass es nicht Bormanns Gebeine waren, die man ausgegraben hatte, als dafür. Allein die Auffindung der Gebeine war eher wundersam zu nennen, denn
erstens war bei der Grabung 1965 auf dem von dem Zeugen bezeichneten Gelände nichts, aber auch gar nichts gefunden worden;
zweitens fand man 1972, angeblich zufällig, die Gebeine, aber nicht dort, wo ein Zeuge sie zusammen mit seinen Kollegen auf Weisung der Russen am 08.05.1945 vergraben mußte;
drittens wurden die Gebeine „... etwa 12 bis 15 Meter von der alten Grabung entfernt“, bei der Invalidenstraße 63 gefunden, obwohl Überprüfungen der Staatsanwaltschaft ergeben haben, dass dort keine Umbettungen stattgefunden hatten.
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viertens erfolgte der Fund merkwürdiger Weise nachdem der Geheimdienstgeneral Hitlers und der Bonner Republik, Gehlen, ein Jahr zuvor in seinen Memoiren berichtet hatte, daß Bormann 1945 entkommen sei.
Außerdem fiel auf, dass im Schlussbericht der Generalstaatsanwaltschaft mehrfach (geradezu beschwörerisch), darauf hingewiesen wurde, daß der renommierte Kieferchirurg Sognnaes in den USA, der bereits Gutachten zu Hitlers Zähnen angefertigt hatte, die Echtheit der Zähne der Leiche als Bormann bestätigt habe.52 Im Gegensatz dazu hatte Sognnaes aber erhebliche Zweifel an der Echtheit der Gebeine Bormanns geäußert!53
Und seien wir doch einmal ehrlich: Einen großen und einen kleinen Mann zu töten, diese beiden Leichen nebeneinander zu platzieren, dem einen ein Soldbuch zur Identifizierung beizugeben, das ist bei entsprechender Vorbereitung kein Problem, wenn ein Geheimdienst (Gestapo) das übernimmt.
Auch der Buchautor und frühere Geheimdienstler Ladislas Farago schrieb gegen das Untersuchungsergebnis an. Er verkündete sogar in Gesprächen mit den Staatsanwälten, er könne anhand schlüssiger Beweise ihre Arbeit torpedieren. Diese kamen angeblich in Frankfurt nie an.54 Und außerdem haben die Amerikaner und die Engländer aufgrund einiger Ungereimtheiten in Axmanns Darstellungen seinen Behauptungen zum Tod Bormanns keine Bedeutung beigemessen.
Deswegen soll im folgenden Kapitel der von angeblichen Zeugen bestätigte Weg Bormanns aus der Reichskanzlei bis zu dem Ort der Auffindung seiner Leiche rekonstruiert, kritisch betrachtet und geprüft werden, ob diese Zweifel berechtigt waren.
Bormanns Tod in der Invalidenstraße am 02.05.1945 ist unter all den angeblichen Todesorten und Todesjahren die offiziell anerkannte Variante. Das heisst nicht zugleich, dass sie wahr sein muss.
Um die Ereignisse und die Aussagen der Zeugen richtig einordnen zu können, ist es notwendig, weiter auszuholen und bei der Vorbereitung des Ausbruchs zu beginnen.
Wer war der Befehlshabende beim Ausbruch?
Völlig im Gegensatz zu der erfundenen Geschichte eines chaotischen und ungeplanten Ausbruches, wie es der Sowjethistorikers Lew Besymenski55 darstellte, erfolgte der Ausbruch aus der Reichskanzlei geplant und abgesprochen.56 Zwar war nicht viel Zeit dafür (mehrere Stunden), aber die Insassen der Reichskanzlei stürmten nicht kopflos aus allen Kellerlöchern.
Die Führung des Ausbruchs lag in Händen von SS-Brigadeführer Mohnke, dem Kampfkommandanten der „Zitadelle“. Angeblich soll Bormann die Führung des Ausbruchs als Ranghöchster zunächst für sich reklamiert haben, was aber Mohnke zurückgewiesen habe.57
Im Gegensatz zu der Darstellung durch Besymenski war es auch nicht der SS-Brigadeführer Ziegler, der ihn anführte, sondern eben SS-Brigadeführer Mohnke. Der Ausbruch erfolgte nicht, wie Besymenski behauptete, in einer Gruppe von 400 Mann, denen sich Hitlers Gefolge angeschlossen habe, sondern in mindestens fünf, geplant waren ursprünglich zehn, Gruppen unter der Führung von durch Mohnke bestimmten Anführern. Der Start erfolgte auch nicht aus dem Führerbunker, wie Besymenski in seinen Büchern schrieb, sondern aus dem Keller unter der Reichskanzlei. Das Ziel des Ausbruchs war es, da der Weg nach Westen bereits versperrt war, in Rich-ung Norden nach Oranienburg vorzudringen. Erstes Zwischenziel sollte die Weidendammbrücke sein.58
Die fatale Verschiebung des Ausbruchs
Der Ausbruch sollte ursprünglich 24 Stunden früher, bald nach der Verbrennung der angeblichen Leiche Hitlers, erfolgen.
Hitlers Cheffahrer Kempka wurde am 30.04.1945 von Hitleradjutant Günsche der Befehl des Kampfkommandanten der „Zitadelle“ (Regierungsviertel) überbracht, sich am Abend um 21:00 Uhr mit seinen Männern „im Kohlenbunker der Neuen Reichskanzlei zum Ausmarsch bzw. zum gewaltsamen Ausbruch einzufinden.“59 Und auch Hitlers Chefpilot General Baur hatte sich mit seinem Stellvertreter, Oberst Betz, für den Abend marschbereit gemacht.60 Dann aber berieten der neue Reichskanzler Dr. Goebbels und Martin Bormann, von Hitler zum Parteiminister der neuen Regierung Dönitz bestimmt, darüber, mit den Russen einen Waffenstillstand zu vereinbaren. Sie zogen Krebs, Burgdorf und Mohnke hinzu.61 Angeblich wollten sie eine geordnete Übergabe erreichen, um die Frauen in der Reichskanzlei vor den brutalen Vergewaltigungen durch die russische Soldateska zu schützen. So schrieb jedenfalls General Baur.62 Reichsjugendführer Axmann wiederum meinte, es sollten einige Stunden Waffenruhe erreicht werden, aus dem folgenden Grund: „Goebbels und Bormann wollten die zu treffenden Maßnahen mit dem neuen Staatsoberhaupt absprechen.“63
Tatsächlich aber ging es, wie wir bereits in Band II nachgewiesen haben64, darum, Zeit zu gewinnen. Ob man die Zeit gewinnen musste, weil,
die angebliche Hitlerleiche noch nicht restlos verbrannt und noch nicht alle Spuren beseitigt worden waren,
oder weil, wie wir in Band III dieser Reihe dargestellt haben
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, eine andere ganz wichtige Person den Bunker noch nicht verlassen konnte,
oder weil für den Ausbruch die Bedingungen noch nicht optimal waren,
oder weil Bormann bereits den Bunker verlassen hatte und einen Vorsprung benötigte,
alles ist denkbar. So sollte General Krebs „zum russischen Oberkommando Kontakt aufnehmen und versuchen, wenigstens für einige Stunden eine Einstellung der Kampfhandlungen zu erreichen.“66 Krebs schlug dann aber vor, zunächst den Lagebericht des Stadtkommandanten von Berlin, General der Artillerie Helmuth Weidling, anzuhören.
30.04.1945, 17:30 Uhr: Nachdem General Weidling gegen 17:30 Uhr im Führerbunker eingetroffen war, begann die Lagebesprechung. An der Lagebesprechung nahmen teil: Goebbels, Bormann, Axmann, Naumann, Krebs, Burgdorf, Weidling, Mohnke und Günsche.
General Weidling wurde über Hitlers Tod und über die Zusammensetzung der neuen Regierung informiert und in die Erörterung der zwei Möglichkeiten des weiteren Handelns einbezogen, auszubrechen oder zunächst mit den Russen zu verhandeln.
Die Entscheidung fiel zugunsten von Verhandlungen mit den Russen, nachdem Weidling es für möglich erklärte, den militärischen Widerstand noch 24 Stunden aufrechtzuerhalten.67 Weidlings Chef der Operationsabteilung, Oberst Theodor von Dufving, erhielt den Befehl, sich zu den Russen zu begeben, um den Waffenstillstand zu vereinbaren.68 Die Russen hörten aber Dufving nicht an und schickten ihn zurück, da er über keinerlei schriftliche Vollmachten verfügte.69 Es ist anzunehmen, dass diese beiden scheinbar unprofessionellen Entscheidungen, zunächst den für diese wichtigen Verhandlungen nicht kompetenten Stabsoffizier zu schicken und diesen zudem nicht einmal mit entsprechenden schriftlichen Vollmachten auszustatten, ebenfalls dazu diente, Zeit zu geinnen.
Dufving hatte 19:30 Uhr den Bunker verlassen und war gegen 23:00 Uhr zurückgekehrt. Daraufhin wurde Krebs als Generalstabschef des Heeres, der zudem russisch sprach, in der Nacht zu den Russen geschickt.
Laut General Baur wurde noch während von Dufving bei den Russen war, der Generalmajor Rauch, Kampfkommandant in Berlin-Charlottenburg, in den Führerbunker bestellt.
30.04.1945, 22:00 Uhr: Goebbels und Bormann empfingen den Generalmajor Josef Rauch, um von ihm die Lage in seinem Bereich dargestellt zu bekommen.
Chefpilot General Baur, der selbst nicht dabei war, hörte von Bormann nach Rauchs Vortrag, Rauch habe berichtet: „Der Russe sitzt im Grunewald und in Spandau, aber die Heerstraße ist noch frei. Die Havelbrücke wird von tausend Hitlerjungen unter Führung von Axmann erfolgreich verteidigt. Es bestünden also keinerlei Bedenken, den Ausmarsch um 24 Stunden zu verschieben.“70 Axmann befand sich aber nicht mit 1000 Hitlerjungen an der Havelbrücke. Axmann war zu der Zeit und auch danach im Bereich der Zitadelle und er leitete eine Ausbruchgruppe. Sollte General Rauch falsch informiert gewesen sein?
Vielleicht wollten aber Bormann gegenüber allen, denen er von Rauchs Bunkerbesuch berichtete (so auch gegenüber Baur), mit dieser Geschichte verschleiern, weshalb tatsächlich eine Verschiebung des Ausbruches um 24 Stunden erfolgte. Wir haben in Band III71 bereits die Möglichkeit angeführt, daß Hitler noch nicht den Bunker verlassen hatte und einen Vorsprung benötigte. Vermutlich wurde Baur auch von SS-Gruppenführer Rattenhuber bewußt falsch informiert. Denn was auffällt an Baurs Darlegungen ist auch die Tatsache, daß er schrieb, SS-Gruppenführer Rattenhuber (Chef von Hitlers Leibwache) habe ihm gesagt, dass Rauch ein alter Kampfgefährte von ihm bei der bayrischen Landespolizei gewesen sei.
Wir haben das geprüft. Was wir feststellen konnten: In keiner anderen Quelle wurde von Generalmajor Rauch in dem Zusammenhang berichtet.72 Merkwürdig ist auch, dass Baur in seinem Buch schrieb, dass General Rauch nicht habe zurückkehren können in seinen Befehlsstand. Baur schrieb, dass General Rauch bei Einbruch des Morgens zurück gewollt habe zu seiner Division. „In den Mittagsstunden kam er niedergeschlagen wieder an und berichtete, er sei nur bis zum Zoo-Bunker gekommen. Der Russe habe in der Nacht am Tiergarten einen Riegel eingeschoben, über den man nicht mehr hinwegkommen könne. Wir seien also jetzt vollkommen eingeschlossen!“73
Wieso sollte Rauch nicht wieder in seinen Kommandostand gelangt sein? Mohnke wie auch Günsche berichteten später, dass in der Brauerei der Kommandostand von Rauch gewesen sei und dieser sich am 02.05.1945 auch dort befunden habe.
Es erstaunt noch mehr, wenn man bei Baur liest, dass er in der Gefangenschaft einem Offizier aus Rauchs Division begegnet sei, ein Hauptmann Keitel, der ihn danach befragt habe, wo sein Divisionskommandeur geblieben sei. Er, Baur, habe diesem Offizier bgerichtet, was geschehen sei und dass Rauch nicht habe zurückkehren können. Darauf habe der Offizier ihm geantwortet, „... dass es ihm gleich ergangen sei.“ „Er habe mehrere seiner Leute nach der Reichskanzlei geschickt, um den Divisionskommandeur auf dem Rückweg zu begleiten, aber diese seien ebenfalls nur bis zum Zoo gekommen und konnten den eingeschobenen Riegel nicht mehr passieren.“74
Auch die von Baur behauptete angebliche Darstellung Rattenhubers, er und Rauch seien „alte Kameraden und Freunde“75 bei der bayerischen Landespolizei gewesen, ist nicht glaubwürdig, denn damals war Rattenhuber bereits Offizier, vermutlich Major, Rauch bestenfalls Unterführer. Zu der Zeit war es nicht üblich, dass Offiziere und Unterführer befreundet waren. Rauch war außerdem vermutlich niemals im Polizeidienst. Als Rattenhuber im Polizeidienst bei der Landespolizei in Bayern war (1922 – 1933) war76, da war Rauch definitiv nicht bei der Polizei. Er war von 1919 – 1931 bei der „schwarzen Reichswehr“ und im Dritten Reich ab 1935 wieder bei der Reichswehr.77 Da Rattenhuber ab 1933 Hitlers Leibwache aufbaute und führte und nicht mehr im normalen Polizeidienst war, wäre da nur der Zeitraum 1931 – 1933 für eine Begegnung von Rattenhuber und Rauch im Polizeidienst bei der Landespolizei denkbar. Aber betreffs einer Zugehörigkeit von Rauch zur Polizei gibt es keinerlei Informationen. Allerdings war Rauch Bayer und lebte möglicherweise während der in Betracht kommenden Jahre 1931 - 1933 in Bayern, wo Rattenhuber bei der Landespolizei tätig war.
Möglich ist dagegen, dass der Gestapochef Heinrich Müller mit Rattenhuber gemeinsam bei der bayerischen Polizei tätig war. Müller war jedenfalls von 1919 bis 1933 in der Polizeidirektion München in der Politischen Abteilung tätig.78 Allerdings hätte Müller sicher nicht so über die Frontlage in Berlin berichten können, wie der Truppenkommandeur Rauch, welcher Kommandant im Verteidigungsabschnitt A von Berlin war. Irgendetwas stimmte da nicht. Entweder hat Baur die Informationen, die er von Rattenhuber erhielt durcheinander gebracht oder es gehörte zur Verschleierungs- und Verwirrungstaktik aller daran Beteiligten.
Die Geschichte mit Rauch, die Baur zum Besten gab, irritiert also auf zweierlei Weise, denn Rauch war, wie wir oben nachgewiesen haben, weder im Polizeidienst, wie Rattenhuber behauptet haben soll, noch war er gehindert daran, zurückzugelangen zu seiner Division! Die Frage ist, ob Rauch überhaupt gekommen war oder ob das nur von den mit der Vertuschung des wahren Geschehens befassten Leuten so verbreitet worden war.
Es überrascht auch, dass General Krebs, der zum Zeitpunkt des Eintreffens von Generalmajor Rauch noch anwesend war, in dem Zusammenhang nicht erwähnt wurde. Der wäre aber als Generalstabsschef des Heeres garantiert bei der Besprechung mit General Rauch dabei gewesen! Und wenn man nun annimmt, Baur habe Rauch und Müller (Gestapo-Müller) verwechselt, dann passt wieder nicht die Behauptung, Rauch (in dem Falle Müller) habe es auf Grund der militärischen Lage nicht vermocht, zurückzugelangen zu seiner Division! Müller war Chef der Gestapo und kein Militärführer, der in seinen Kommandostand zurück musste. Wir haben hier also, wie bereits erwähnt, einen weiteren Hinweis auf eine geheime Absprache mehrerer Beteiligter zur Vertuschung tatsächlichen Geschehens.
01.05.1945, in der Nacht
Kurz nach Mitternacht überschritt General Krebs die Frontlinie und wurde zu General Tschuikow gebracht. Das dauerte Stunden. Erst ab 04:00 Uhr konnte er General Tschuikow das Angebot eines Waffenstillstandes unterbreiten.79
01.05.1945, gegen Mittag bzw. 14:00 Uhr
Der Autor Besymenski schrieb, dass Krebs um 13:08 Uhr die weitere Verhandlung mit den Russen abbrach und in die Reichskanzlei zurückkehrte, wo er „gegen 14 Uhr eintraf“.80
Das schrieb auch Linge, bzw. sein Ghostwriter Maser: General Krebs kehrte gegen Mittag unverrichteter Dinge zurück.81 Der Bunkertelefonist Misch schrieb dagegen: „Nach etwa vier Stunden kehrte Krebs zurück.“82 Cheffahrer Kempka schrieb völligen Unsinn, der wiederum zeigt, dass er das Wenigste, was er in seinem Buch schrieb, selbst erlebt hat und vieles einfach zusammendichtete aus Hörensagen anderer. Kempka schrieb nämlich: „Spät am Abend kam General Krebs endlich wieder in der Reichskanzlei an.“83
Die Russen hatten die bedingungslose und vollständige Kapitulation verlangt, was Dr. Goebbels und Bormann nicht akzeptierten.84 Spätestens nun wurde der Ausbruch aus der Reichskanzlei als letzte Option vorbereitet.
Planung und Vorbereitung des Ausbruchs
01.05.1945, zwischen 14:00 Uhr und 17:00 Uhr
SS-Brigadeführer Mohnke berichtete: „Am Nachmittag bereitete ich gemeinsam mit meinem Stabschef Klingemeier den Ausbruch vor. Wir legten die Marschroute, die Gruppen, die Abmarschzeiten fest, besprachen unsere Pläne auch mit Krebs und Burgdorf ... und benachrichtigten General Weidling.“85
01.05.1945, 18:00 Uhr
General Burgdorf berief die Generale Weidling (Kampfkommandant von Berlin) und Mohnke (Kampfkommandant der „Zitadelle“) zu sich in den Bunker der Neuen Reichskanzlei, um eine Absprache zwischen ihnen zu erreichen, wann der getrennte Ausbruch der Berliner Garnison und der Verteidigungskräfte der Zitadelle sowie der in der Reichskanzlei ausharrenden Personen erfolgen sollte und welche Wege genommen werden sollten. Weidling erklärte, daß die Berliner Garnison gegen 22:00 Uhr mit dem Ausbruch beginne.86
01.05.1945, 18:30 Uhr
Mohnke begab sich zu seiner Kommandostelle und fertigte den Befehl zum Durchbruch aus.87 Hitleradjutant Günsche informierte, auf Anweisung Mohnkes, Bormann, Voss, Hewel und Stumpfegger, daß sie sich für den Ausbruch fertig machen sollten. Er informierte ebenfalls Linge, Schädle, Högl und Kempka sowie die Frauen aus Hitlers Umfeld (Sekretärinnen, Diätköchin). Sie sollten sich alle fertig machen.88 Die Frauen führte er dann aus dem Vorbunker in den Keller der Neuen Reichskanzlei zur Waffenausgabe und zur Kammer, wo sie militärische Bekleidung ohne Dienstgradabzeichen erhielten, wie die Hitlersekretärin Junge später berichtete.89
