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Beschreibung

Die globale Auslandsaufklärung ist das Kerngeschäft des BND. Dabei geht es zum einen darum, frühzeitig Aufschluss über die geheimen Absichten und Fähigkeiten möglicher Gegner zu erlangen, zum anderen darum, verdeckte Operationen auszuführen, um Einfluss zu nehmen. In der Zeit bis 1968 standen diese Tätigkeiten ganz im Zeichen der Systemkonkurrenz zwischen Ost und West. Gestützt auf bislang unzugängliche Quellen
aus dem BND-Archiv untersucht dieser Band, wie gut der Nachrichtendienst in jener Zeit für seine Aufgaben gerüstet war, was konkret von ihm verlangt wurde und wie erfolgreich er bei der Umsetzung war. Aufschluss geben Fallbeispiele zur Sowjetunion, Südosteuropa, Lateinamerika, dem Nahen und Mittleren Osten sowie Nordafrika.
(Band 13 der Veröffentlichungen der Unabhängigen Historikerkommission zur Erforschung der Geschichte des Bundesnachrichtendienstes 1945-1968)

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Seitenzahl: 1823

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Wolfgang Krieger (Hrsg.)

in Verbindung mit Andreas Hilger und Holger M. Meding

Die Auslandsaufklärung des BND

Veröffentlichungen der Unabhängigen

Historikerkommission zur

Erforschung der Geschichte des

Bundesnachrichtendienstes 1945 – 1968

Herausgegeben von Jost Dülffer,

Klaus-Dietmar Henke, Wolfgang

Krieger und Rolf-Dieter Müller

BAND 13

Wolfgang Krieger (Hrsg.)

in Verbindung mit Andreas Hilger

und Holger M. Meding

Die Auslandsaufklärung des BND

Operationen, Analysen, Netzwerke

Ch. Links Verlag, Berlin

Editorischer Hinweis:

Stellen, an denen einzelne Informationen durch den Bundesnachrichtendienst nicht freigegeben wurden, sind durch Schwärzungen kenntlich gemacht.

 

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über www.dnb.de abrufbar.

Der Ch. Links Verlag ist eine Marke der Aufbau Verlage GmbH & Co. KG

1. Auflage, Juni 2021

entspricht der 1. Printauflage vom Mai 2021

© Aufbau Verlage GmbH & Co. KG

www.christoph-links-verlag.de

Prinzenstraße 85, 10969 Berlin, Tel.: (030) 44 02 32-0

Reihenentwurf: Stephanie Raubach, Berlin

Lektorat: Dr. Bert Hoppe, Berlin

Satz: Andrea Päch, Berlin

ISBN 978-3-96289-118-3

eISBN 978-3-86284-499-9

Inhalt

Vorbemerkung

Wolfgang Krieger: Einleitung

Was ist und wie arbeitet ein Auslandsnachrichtendienst?

Von der Org zum BND

Die Beiträge im Einzelnen

Archivbestände und Einschränkungen bei der Freigabe der Manuskripte

Andreas Hilger: Blick durch den Eisernen Vorhang. Der westdeutsche Nachrichtendienst und der »Sowjet-Kommunismus«, 1946 – 1968

Einführung: Organisation Gehlen und BND im Kalten Krieg, 1945 – 1968

I.      Aufbau und Konsolidierung, 1945 – 1956. Der westdeutsche Nachrichtendienst zwischen Besatzungspolitik und bundesdeutscher Souveränität

1.  Auftakt: US-Army und Organisation Gehlen

2.  Konsolidierung und Übergang: CIA und Org

3.  Zeit des Übergangs: Bundesregierung und Org

II.     Ausbau und Krisen, 1956 – 1968: Der Bundesnachrichtendienst und die Dynamik internationaler Beziehungen

1.  Auftrag, Organisation und Personal

2.  Informationsbeschaffung

3.  Berichtswesen und Resonanz

III.    Pullach und die Welt im Kalten Krieg, 1945 – 1968

Andreas Hilger und Sabrina Nowack: Die BND-Spionage in Südosteuropa 1956 – 1968. Personal, Sicherheit, Operationen

Einführung: Die Organisation Gehlen und Südosteuropa

I.      Ostaufklärung 1956 – 1968: Profil einer Dienststelle

1.  Auftrag: Aufklärung und Abwehr

2.  Strukturen und Personal

3.  HUMINT: Die Seele der Beschaffung – Agenten

II.     1956 – 1958: Kontinuitäten im Wandel

1.  Eine Bestandsaufnahme

2.  Umbrüche

III.    1959 – 1963: Krisen

1.  Der BND und seine Gegner

2.  Untiefen der Gegenspionage

IV.    1964 – 1968: Konsequenzen

1.  Stagnation der Aufklärung

2.  NS-Belastung, Sicherheit und Beschaffung

V.     Fazit

Der BND und der Wandel der Zeiten

BND-Spionage in Südosteuropa 1956 bis 1968 – Personal, Sicherheit und Operationen

Tilman Lüdke: Die Aktivitäten von Organisation Gehlen und BND im Nahen Osten, 1946 – 1968

Einführung: Der Nahe Osten als Konfliktregion

I.      Allgemeine Faktoren und Entwicklungen

II.     Die regionale Situation

1.  Schwerpunkt Ägypten

2.  Syrien

3.  Regimewechsel

4.  Sicherheit und Waffenhandel

5.  Nachrichtendienstliche Kooperationen

6.  Konflikte und Krisen

7.  Entwicklungspolitik

III.    Deutsches Personal im Nahen Osten

1.  Altnazis im Nahen Osten

2.  Militärberater und »Militärmissionen«

3.  Deutsche Raketenspezialisten in Ägypten

4.  Schillernde Figuren: Waffenhändler und Glücksritter

5.  Nuklearwaffen

6.  Die Lotz-Bauch-Affäre

7.  Deutsche in Ägypten im Fokus der Israelis

IV.    Mitarbeiter und Quellen: Ausbildung, Rekrutierung und Erfahrungen

1.  Das Netz »Konstantin«

2.  Der Fall »Demosthenes«

V.     Fazit

Wolfgang Krieger: Die BND-Auslandsoperationen in Nordafrika – eine Fallstudie zu Richard Christmann in Tunesien und Algerien

Einführung: Nordafrika als Operationsgebiet der Organisation Gehlen und des BND

I.      Anwerbung

II.     Tätigkeit in Tunesien

III.    Verdacht der Tätigkeit gegen westliche Partner des BND

IV.    Abschaltung

V.     Terrorismusexperte? Der Staudamm von Fréjus

VI.    Nachlese

Holger M. Meding: Organisation Gehlen und Bundesnachrichtendienst in Lateinamerika

Vorbemerkung

Einführung

I.      Lateinamerika als deutscher Aufklärungsraum in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts

II.     Der Aufbau von Geheimdienststrukturen der Organisation Gehlen und des BND in Lateinamerika

1.  Autonome Netze

2.  Kontrollierte Strukturen. Der Aufbau von Residenturen

3.  Tarnzeitschriften und infiltrierte Organisationen

4.  Alcazar – eine hispanische Verbindungslinie

III.    Operative Geheimdienstarbeit des BND in Lateinamerika

1.  Argentinien: Das Zerreißen eines Netzes

2.  Guatemala: Ein Diplomat als geheime Sonderverbindung

3.  Kubakrise: Die Stationierung sowjetischer Raketen

4.  Kuba: Lauschangriffe

5.  Venezuela: Beschwerliches Ringen um Zugang

6.  ■■■■■: Aggressive Operationen

7.  Brasilien: Die Befreiung des deutschen Botschafters

IV.    Bedrohliche Vergangenheit: BND-Mitarbeiter mit NS-Hintergrund

V.     Netze und Verbindungen früherer NS-Propagandisten im Lateinamerika-Beschaffungsapparat des Bundesnachrichtendienstes

1.  Vom Propagandaministerium zur Auslandsaufklärung

2.  Pressefinanzierung durch den BND

3.  Vom Abwehragenten zur Spitzenquelle des BND

4.  Eine Penetrationsquelle in der Guerilla

5.  Gratwanderungen

6.  Ein NS-Dissident als BND-Solitär

VI.     Ergebnisse und Nutzung der nachrichtendienstlich gewonnenen Erkenntnisse

VII.   Der Fall Eichmann

Jutta Braun: Hans Georg Schulz. Einflussagent in der »Frontstadt Berlin«

I.      Einleitung

II.     »Milieusicherheit«: Zur Biographie von Hans Georg Schulz

III.    Hans Georg Schulz und der Pressekrieg zwischen Ost und West

IV.    Das Netz von »V-5744«

V.      Der »Zwischenfall im Nashorn-Haus« und die Puschkin-Note

VI.    Vom Mitarbeiter zum Verräter?

VII.   Fazit

Wolfgang Krieger: Der Fall Langemann und der Strategische Dienst – eine Fallstudie

Einführung: Einblicke in die Denk- und Arbeitsweisen des BND

I.      Ein geheimnisvoller Dienst im Dienst

II.     Dr. Langemann

III.    Der Arbeitsbereich Langemanns

IV.    Geheimagent im Nebenamt

V.      Der Sonderfall »Ferrari«

VI.    Dr. Langemann wird Schriftsteller

VII.   Die Rekonstruktion des »Vorfalls Dr. Langemann«

Anhang

Abkürzungsverzeichnis

Quellen- und Literaturverzeichnis

Personenregister

Angaben zu den Autorinnen und Autoren und Herausgebern

In der Forschungsreihe zur Geschichte des BND sind bisher erschienen

Vorbemerkung

Die Geschichte des Bundesnachrichtendienstes 1945 – 1968

Die Unabhängige Historikerkommission zur Erforschung der Geschichte des Bundesnachrichtendienstes 1945 – 1968 (UHK) wurde im Frühjahr 2011 berufen und sechs Jahre mit insgesamt 2,2 Millionen Euro aus Bundesmitteln finanziert. Die Kommission sowie ihre zeitweilig zehn Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, denen zuallererst gedankt sei, hatten im Bundeskanzleramt und im Bundesnachrichtendienst freien Zugang zu allen derzeit noch klassifizierten und bisher bekannt gewordenen Akten des Untersuchungszeitraums. Nach vorbereitenden »Studien« (www.uhk-bnd.de) legt sie ihre Forschungsergebnisse nun in mehreren Monografien vor. Die UHK hatte sich verpflichtet, die Manuskripte durch eine Überprüfung seitens des BND auf heute noch relevante Sicherheitsbelange freigeben zu lassen. Dabei ist sie bei keiner historisch bedeutsamen Information einen unvertretbaren Kompromiss eingegangen.

Das Forschungsprojekt zur Geschichte des BND unterscheidet sich von ähnlichen Vorhaben insofern, als es sich nicht auf die Analyse der personellen Kontinuitäten und Diskontinuitäten zur NS-Zeit beschränkt, sondern eine breit gefächerte Geschichte des geheimen Nachrichtendienstes aus unterschiedlichen Perspektiven bietet. Eine Bedingung der Vereinbarung mit dem BND war es gewesen, dass die UHK den Rahmen und die Schwerpunkte ihrer Forschung selbst festlegt. Gleichwohl waren auf einigen Feldern Einschränkungen hinzunehmen, namentlich bei den Partnerbeziehungen und den Auslandsoperationen des Dienstes.

Die Zusammenarbeit mit dem Bundeskanzleramt, vertreten durch Herrn Ministerialdirigent Hans Vorbeck, war ausgezeichnet. Bei den BND-Präsidenten Ernst Uhrlau, der das Projekt durchsetzte, Gerhard Schindler, der es förderte, und Bruno Kahl, der die Erträge erntet, stieß die Arbeit der Kommission auf wachsendes Verständnis und Entgegenkommen.

Jost Dülffer, Klaus-Dietmar Henke (Sprecher), Wolfgang Krieger, Rolf-Dieter Müller1

1  Die Herausgeber Jost Dülffer, Klaus-Dietmar Henke und Rolf-Dieter Müller können sich mit diesem Band nicht voll identifizieren.

Wolfgang Krieger: Einleitung

Was ist und wie arbeitet ein Auslandsnachrichtendienst?

Die globale Auslandsaufklärung ist das Kerngeschäft des Bundesnachrichtendienstes (BND). Dabei geht es um die Beschaffung geheim gehaltener Informationen, die für die Sicherheit der Bundesrepublik Deutschland und die internationale Handlungsfähigkeit ihrer Regierung von besonderer Bedeutung sind. Welche Informationen sind das? Von wem und warum werden sie geheim gehalten? Wie werden sie beschafft und analysiert? Und an wen werden die daraus gewonnenen Analysen adressiert?

Die Art der zu beschaffenden Informationen richtet sich nach der jeweiligen Bedrohungslage. Und diese Bedrohungen haben sich seit den Anfängen der Bundesrepublik stark verändert. Im hier bearbeiteten Zeitraum von 1946 bis 1968 stellte die expansive Hegemonialpolitik der Sowjetunion und ihrer Verbündeten die größte Bedrohung dar. Die Stationierung von Hunderttausenden sowjetischer Soldaten sowie Tausender Panzer, Kampfflugzeuge und anderen Kriegsgeräts in Mittel- und Osteuropa – außerhalb des sowjetischen Territoriums – ließ befürchten, dass politische Spannungen jederzeit zum Krieg führen konnten. Die zentrale Frage lautete: Was beabsichtigte die sowjetische Führung mit dieser massiven Militärpräsenz von rund 400 000 Mann in Europa jenseits ihrer Grenzen? Welche Mittel würde sie eventuell einsetzen, um ihre politischen Ziele zu erreichen? Plante sie einen militärischen Angriff auf den Westen?

Auf diese Fragen gab es keine einfachen Antworten, aber es gab Fakten, die man nicht ignorieren konnte. Bei Kriegsende 1945 hatte die Sowjetunion binnen weniger Monate die Staaten im östlichen Europa in kommunistische Diktaturen verwandelt, die unter ihrer Kontrolle standen. Das wäre ohne massive Drohungen mit Waffengewalt und ohne massenhafte Verhaftungen von führenden nichtkommunistischen Persönlichkeiten unmöglich gewesen.1 In Deutschland und Österreich, die von den vier Siegermächten militärisch besetzt und kontrolliert wurden, fiel der Sowjetunion jeweils die östliche Besatzungszone zu. Dort konnte sie praktisch unbegrenzt in Politik, Verwaltung, Gesellschaft und Wirtschaft eingreifen und Truppen stationieren.

Die Politik der Sowjetisierung hinter dem »Eisernen Vorhang« ging mit dem Aufbau einer militärischen Drohkulisse gegen die Westmächte einher. Die sich verschärfende Konfrontation stand allen Versuchen im Weg, im Konsens eine neue politische Ordnung für Europa zu verwirklichen, wie sie die vier Siegermächte in den Abkommen von Jalta und Potsdam vorgesehen hatten. Mit Ausnahme einer Friedensregelung für Österreich (im Belvedere-Vertrag von 1955) kam es über Jahrzehnte hinweg zu keinen politischen Lösungen, auch nicht zu einem Friedensvertrag für Deutschland. In der Folge rüsteten die Staaten im westlichen Europa auf, um ein Gegengewicht zur sowjetischen Militärpräsenz sowie zur Aufrüstung der Ostblockstaaten zu bilden.

In Ostasien wurden China (ausgenommen Taiwan, Hongkong und Macau) sowie die nördlichen Teile von Korea und Vietnam sowjetisiert. Der Versuch des nordkoreanischen Regimes, die Südhälfte des Landes zu erobern, entwickelte sich im Juni 1950 zu einem Krieg, in den die Westmächte, die Volksrepublik China sowie (insgeheim) auch die Sowjetunion eingriffen. In Indochina kämpften bereits seit 1946 französische Truppen mit verdeckter Unterstützung der USA gegen nordvietnamesische Verbände, die ihrerseits heimlich durch Peking und Moskau unterstützt wurden. In diesen beiden Kriegen starben in Indochina eine halbe Million und in Korea mehrere Millionen Menschen.

Vor diesem Hintergrund entstand im westlichen Lager die Furcht, es könnte in Europa zu ähnlichen Kriegen kommen. Um die sowjetische Expansion »einzudämmen«, wie es der amerikanische Diplomat George F. Kennan bereits im Februar 1946 vorschlug, entstand zunächst 1949 die NATO, wurde Westeuropa mit amerikanischer Hilfe aufgerüstet und schließlich 1955 die westdeutsche Bundeswehr gegründet. Die Sowjets reagierten ihrerseits mit der Unterzeichnung des Warschauer Bündnisvertrages im Jahr 1955 und der Gründung der ostdeutschen Nationalen Volksarmee im Jahr 1956.

Mitte der 1950er Jahre kam zusätzlich die Befürchtung auf, die Sowjetunion könnte die Auflösung der europäischen Kolonialreiche dazu benutzen, ihre Ideologie in die Länder der sogenannten Dritten Welt zu exportieren. Einer derartigen kommunistischen Unterwanderung, so glaubte man im Westen, könnten all jene Staaten zum Opfer fallen, die sich nicht ausdrücklich zum Westen bekannten. Die kommunistischen Parteien, Gewerkschaften und Studentenorganisationen, die in früheren Kolonien und anderen Entwicklungsländern bald überall mehr oder weniger offen zutage traten, wurden im Westen als erste Anzeichen für eine solche Entwicklung gewertet. Handels- und Freundschaftsverträge mit Moskau sowie Delegationsbesuche und Militärhilfe aus kommunistischen Staaten waren weitere Signale für ein mögliches Abdriften einzelner Staaten in das sozialistische Lager.

Auch die Entstehung eines »Blocks« neutraler Staaten wurde im Westen mit Misstrauen beobachtet. Auf einer Konferenz im indonesischen Bandung trafen sich im April 1955 die Vertreter von 29 afrikanischen und asiatischen Staaten, in denen die Hälfte der damaligen Weltbevölkerung lebte. Sie warnten vor einem »Neokolonialismus« und distanzierten sich von der Lagerbildung nach dem Ost-West-Schema. Doch ihr Kampfbegriff der »Blockfreiheit« war ausgesprochen vieldeutig, denn die Volksrepublik China – eines der wichtigsten Mitglieder – verstand darunter allenfalls eine gewisse Distanzierung von Moskau, aber keinesfalls ein Abrücken von der kommunistischen Ideologie. Andere »Blockfreie«, darunter Indien, Ägypten und später das kommunistische Kuba, sahen nicht einmal in einer engen Zusammenarbeit mit Moskau einen Widerspruch.

Zwar ergriff die sowjetische Führung die sich bietenden Chancen der Einflussnahme in den Ländern der sogenannten Dritten Welt zunächst nur zögernd, doch die Ausbreitung des Kommunismus in der postkolonialen Welt nahm ihren Lauf und brachte einen weiteren Schauplatz des Ost-West-Konfliktes hervor. Sogar Lateinamerika, das bereits zu Beginn des 19. Jahrhunderts die europäische Kolonialherrschaft hinter sich gelassen hatte, wurde zum ideologischen Schlachtfeld des Kalten Krieges.2

Als Reaktion auf diese Entwicklung wurden nun auch die »neuen Staaten« der Dritten Welt zu einem wichtigen Aufklärungsgebiet des BND. Zwar gab es in Deutschland, das 1919 seine Kolonien verloren hatte, keine ähnlich starke Bindung an die Dritte Welt wie in Großbritannien, Frankreich, Spanien, Portugal, den Niederlanden und Belgien. Doch wollte man verhindern, dass diese Staaten die DDR diplomatisch anerkannten und damit den westdeutschen Alleinvertretungsanspruch in Frage stellten. Im Rahmen der sogenannten Hallstein-Doktrin drohte Bonn daher, zu jeder Regierung die Beziehungen abzubrechen, die die DDR anerkannte. Daneben gab es ein großes wirtschaftliches Interesse der exportorientierten Wirtschaft der Bundesrepublik, zumal man damals eine rasche Industrialisierung und ein hohes Wirtschaftswachstum in diesen Regionen erwartete (dies stellte sich als Fehlkalkulation heraus). Aus diesen Gründen wollte man alle politischen, wirtschaftlichen und militärischen Einflüsse der Sowjetunion und des übrigen »Ostblocks« sorgfältig beobachten und zugleich durch eine großzügige Entwicklungshilfe internationale Präsenz zeigen.

Aus dieser groben Skizze der weltpolitischen Zusammenhänge folgt zweierlei: Erstens lässt sich die Geschichte eines Auslandsnachrichtendienstes nicht ohne ihren Kontext schreiben; und zweitens muss immer wieder davor gewarnt werden, aus dem Heute der internationalen Politik vorschnelle Schlüsse auf das Gestern zu ziehen, denn das »Lagebild« samt seinen Bedrohungserwartungen hat sich seit den Tagen des frühen Kalten Krieges grundlegend gewandelt.

Heute wird die Bundesrepublik nicht primär durch Großmächte bedroht, wenngleich es massive politische Konflikte mit China, Russland und sogar den USA gibt. Sicherheitsbedrohungen im engeren Sinn gehen vor allem von der aggressiven Politik mittelgroßer Diktaturen wie Iran oder Nordkorea aus sowie von Krisenherden im Nahen Osten, in Teilen Afrikas und in Zentralasien, die sich auf Deutschland auswirken. Das ist etwa der Fall, wenn solche Länder als Operations- und Rückzugsgebiete für terroristische Organisationen dienen oder ihre Regierungen Nachbarstaaten destabilisieren und massenhaftes Elend anrichten. Hinzu kommen Bedrohungen durch die Proliferation von Massenvernichtungswaffen, durch Umweltzerstörung, Migration und massenhafte Menschenrechtsverletzungen. Doch die Methoden der Beschaffung von geheimen Informationen haben sich nicht prinzipiell verändert, sondern nur technisch fortentwickelt. Wurden früher Telefon- und Telegrafenverbindungen angezapft und Funksprüche abgehört, so kam später das Ausforschen von Internetkabeln, Datenspeichern, Finanzströmen und sozialen Medien sowie das Abhören von Mobilfunknetzen hinzu. Auch die Erfassung von nichtverbalen Signalen, Luft- und Satellitenbildern sowie von forensischen Indikatoren spielt eine zunehmende Rolle.

Die Gründe für die Beschaffung mit geheimdienstlichen Mitteln bleiben ohnehin gleich, weil die Verursacher von tatsächlichen oder vermuteten Bedrohungen – seien es Regierungen oder private Personen, Organisationen und Netze – ihre Absichten, Fähigkeiten, Handlungen und Verbündeten oder Befehlsempfänger nicht offenlegen wollen. Um dem Gegner die Möglichkeit eines überraschenden Vorgehens zu nehmen, werden Informationen über ihre geheimen Absichten und Fähigkeiten mit geheimdienstlichen Mitteln und Methoden beschafft. Das gelingt selbstverständlich nicht immer, doch wenn es gelingt, lässt sich damit die eigene Regierung rechtzeitig auf Bedrohungen hinweisen, die dann entsprechend reagieren kann.

In erster Linie geht es also bei der Auslandsaufklärung um ein »Vorauswissen«, wie es der chinesische Militärstratege Sunzi vor 2500 Jahren nannte.3Mit diesem Vorauswissen soll dem Gegner die Möglichkeit eines Überraschungsangriffs (surprise attack), eines verdeckten Angriffs oder eines überraschenden strategischen Vorteils (strategic surprise) genommen werden. Anders formuliert: Es geht bei der Auslandsaufklärung um Informationen, die ein Gegner geheim hält, um anderen Staaten oder Gesellschaften oder Gruppen »seinen Willen aufzuzwingen«, wie Carl von Clausewitz vor 200 Jahren das Wesen des Krieges definierte.

Gewiss sammeln Geheimdienste auch Informationen über Konkurrenten oder Verbündete, um sich Vorteile zu verschaffen oder um deren Verhalten besser zu verstehen und genauer kalkulierbar zu machen. Auch Wirtschafts-, Finanz- und Industriespionage kann dazugehören. Des Weiteren führen die Geheimdienste der Großmächte sowie der regionalen Hegemonialmächte verdeckte Operationen durch, um politischen oder ideologischen Einfluss auszuüben, um Gegner mit Waffengewalt zu bekämpfen oder sogar um ausländische Regierungen zu stürzen. Doch das Kerngeschäft bleibt die geheime Informationsbeschaffung.

Wie kommt man an diese geheimen Informationen, und wie werden sie zu Analysen verarbeitet? Grob vereinfachend lassen sich vier Beschaffungsmethoden unterscheiden. Aus »Spionageaffären« und -romanen kennt man den Spion, der Zugang zu Geheiminformationen hat und sein Wissen dem feindlichen (oder gegnerischen) Geheimdienst liefert – zumeist gegen Geld, gelegentlich auch für andere Belohnungen oder aus Idealismus. Dieser Spion wird in der Fachsprache als »menschliche Quelle« bezeichnet, die Methode insgesamt als Human Intelligence (HUMINT). Historisch ebenso weit zurück reichen menschliche Quellen, die ihr Geheimwissen unfreiwillig preisgeben. Dazu gehören Kriegsgefangene und entführte oder verhaftete Geheimnisträger, die zu Aussagen gezwungen werden. Eine unabsichtliche Preisgabe findet statt, wenn ein Informant gar nicht weiß, dass er sein Wissen einem fremden Dienst weitergibt und somit »abgeschöpft« wird.

Mit der Entwicklung der modernen Nachrichtentechnik – Telegrafie, Telefon, drahtloser Funkverkehr, Mobiltelefonie, Datenspeicher und Internet – entwickelte sich die »technische Beschaffung« zur dominierenden Methode der Informationsbeschaffung des gesprochenen oder geschriebenen Wortes, nachdem die Entschlüsselung von Briefen und Depeschen bereits ein Fundament dafür gelegt hatte. In der Fachsprache wird dafür der Begriff Signals Intelligence (SIGINT) verwendet. Hinzu kamen nichtverbale Informationsträger wie radioaktive Strahlung, Radarsignale, Satellitensignale, chemische Spuren und biologische Nachweise, wie man sie aus der Strafverfolgung (Forensik) kennt. Auch die Beschaffung und Auswertung von Bildern, Luftpartikeln und Geräuschen, letztere zur Ortung von U-Booten, zählen zur technischen Aufklärung. Hier spricht man zusammenfassend von Measurement and Signature

Intelligence (MASINT).

Als eine dritte Beschaffungsmethode lässt sich der Informationsaustausch unter Geheimdiensten bezeichnen. Dieser Austausch setzt allerdings voraus, dass jede Seite etwas anzubieten hat, denn in der Regel handelt es sich hier um Tauschgeschäfte, und zwar nach dem Prinzip der Gleichwertigkeit. Als Gegenleistungen können Informationen und Analysen dienen, die aufgrund besserer Informationszugänge oder besserer Expertise des einen Partners für den anderen von Interesse sind. Es kann jedoch auch um Privilegien gehen, beispielsweise die Genehmigung einer Abhörstation oder eines geheimdienstlichen Stützpunktes auf dem Boden des Partnerstaates. Schließlich sind gemeinsame Operationen zu nennen, in die jede Seite ihre besonderen Zugänge und Fähigkeiten einbringt. Ein Tauschgeschäft bleibt es in jedem Fall.4

Viertens ist schließlich die Informationsgewinnung aus offenen Quellen zu nennen – die Open Source Intelligence (OSINT), die etwa in der Mitte des 19. Jahrhunderts mit der Entsendung von Militärattachés begann, die amtliche Publikationen und technische Fachliteratur sowie die nationale Presse auswerteten. Im Zweiten Weltkrieg setzten die USA und Großbritannien Tausende von Akademikern ein, um Nachrichten aus Deutschland und den deutsch besetzten Gebieten zu sammeln und im Hinblick auf eine geplante Neuordnung Europas auszuwerten. Dabei kamen auch zahlreiche politische Emigranten zum Einsatz. Heute wächst die Informationsbeschaffung aus dem Internet, einschließlich der Sozialen Medien, rasend schnell an und ergänzt die Erfassung der klassischen Medienerzeugnisse.5

In der Praxis handelt es sich bei der Auslandsaufklärung um eine komplexe Abfolge von Arbeitsschritten, die jeder Geheimdienst vor der Welt verborgen hält. Deshalb werden sowohl die menschlichen Quellen als auch die technischen Zugänge mit allen erdenklichen Mitteln unter Verschluss gehalten. Das Gleiche gilt für die Wege, auf denen diese Informationen übermittelt werden. Im Englischen spricht man pauschal von »sources and methods«, im Deutschen vom »Quellenschutz« und vom »Schutz der nachrichtendienstlichen Zugänge«.

Diese Geheimhaltung erstreckt sich über erstaunlich lange Zeiträume. Denn erstens sichern die Geheimdienste ihren menschlichen Quellen ein zeitlich unbegrenztes Stillschweigen zu, da sie diese Zusicherung als Vertrauenskapital sehen, welches zur Rekrutierung von Quellen und ihrem Hilfspersonal unerlässlich ist. Und zweitens wollen sie ihre Methoden der Beschaffung schützen, auch wenn immer neue Techniken zum Einsatz kommen. Nach dem Verständnis der Geheimdienste geht es nicht nur um die konkreten technischen Mittel, sondern auch um den Kontext, in dem solche Mittel eingesetzt werden. Beispielsweise werden Telefongespräche noch immer abgehört, wenn auch mit anderen technischen Verfahren als zur Zeit der Telefondrähte und der mechanischen Relaisstationen. Weiterhin werden geheime Schriftstücke fotografiert (oder kopiert) und geheime Nachrichten durch Geheimtinte, Mikroschrift oder Verschlüsselung unsichtbar oder unlesbar gemacht. Wohn- und Geschäftsräume werden mit allerlei technischen Mitteln überwacht (»Lauschangriff«), Medien und Presseorgane oder zivilgesellschaftliche Organisationen und Privatunternehmen werden beobachtet und beeinflusst. Unter Fachleuten bezweifelt niemand die Existenz solcher Beschaffungsmethoden, aber kein Geheimdienst ist bereit, konkrete Beispiele der eigenen Seite zu benennen.

Weitgehend gleich geblieben ist auch die Beschaffung von geheimen Informationen durch menschliche Quellen. Personen, die Zugang zu solchen Informationen haben oder sich verschaffen können, werden angeworben, geführt, entlohnt, geschützt und häufig dazu verleitet, in ihrem Operationsgebiet schwere Straftaten zu begehen. Eine Anzahl solcher Personen, die in einem Staat oder in einer Organisation tätig sind, kann zu einem Netz zusammengeschlossen werden. Dadurch erhält man vielerlei Einzelinformationen, die sich wie Puzzlestücke zu einem größeren Lagebild zusammensetzen lassen. Zugleich lassen sich die einzelnen Informationen wechselseitig auf ihre Zuverlässigkeit oder zumindest ihre Plausibilität prüfen.

Eine solche Prüfung von Meldungen findet in zweierlei Hinsichten statt. Zum einen geht es um die Zuverlässigkeit und sachliche Richtigkeit der Meldung. Zum anderen um ihren Informationswert im Vergleich zum bisherigen Kenntnisstand. In der Praxis lassen sich beide Fragen kaum voneinander trennen, da sich der Wahrheitsgehalt oft nicht prüfen lässt. Das ist insbesondere dann der Fall, wenn ein Ereignis oder ein Sachverhalt nur durch eine einzige Meldung oder Person berichtet wird. Typischerweise muss dann eine Plausibilitätsprüfung erfolgen, die wiederum eine profunde Kenntnis der Zusammenhänge erfordert. Deshalb werden geheimdienstliche Meldungen zumeist mit einer Einschätzung der Zuverlässigkeit der Quelle und des Erkenntniswertes der Information versehen, ehe sie »ausgewertet«, also in einer Analyse verarbeitet werden.

Für Außenstehende mag es unverständlich sein, dass Quellen und nachrichtendienstliche Zugänge über viele Jahrzehnte hinweg einer derart strengen Geheimhaltung unterworfen werden dürfen, wie das Bundesverwaltungsgericht im Oktober 2018 ausdrücklich feststellte.6 Für Historiker ist sie höchst ärgerlich, denn in der Praxis halten die meisten Geheimdienste ihre konkrete Beschaffungstätigkeit nach 1945 noch immer unter Verschluss. Sie gewähren allenfalls sorgsam gefilterte Einblicke, wobei sie am ehesten administrative Strukturen und fertige Analysen offenlegen – und das nur im großen zeitlichen Abstand. Die oft geäußerte Ansicht, staatliche Unterlagen, auch geheimdienstliche, seien nach 20 oder 30 Jahren öffentlich zugänglich, ist grundfalsch – auch in westlichen Demokratien, die von »Informationsfreiheit« für ihre Bürger sprechen und dafür gesetzliche Regelungen schaffen.

Allerdings besteht ein großes Spannungsverhältnis zwischen Geheimhaltung auf der einen Seite und dem Bedürfnis der Geheimdienste, ihre Erfolge und Fähigkeiten der Öffentlichkeit mitzuteilen. Diese Mitteilungen erfolgen über vielerlei Wege. Zum einen kennt man eine Fülle von Memoiren und autorisierten Biographien, in denen sich die Chefs der Dienste präsentieren. In Deutschland denkt man vor allem an die Erinnerungen von BND-Gründer Reinhard Gehlen, während seine Vorgänger und Nachfolger wenig über ihre Tätigkeit preisgaben.7 In der angelsächsischen Welt sowie in Frankreich ist dieses Modell der »Chef-Memoiren« jedoch weit verbreitet. Sodann sind vielerlei Sachbücher, Romane und Filme zu nennen, die in der einen oder anderen Form von den Geheimdiensten inspiriert, gefördert oder gar finanziert wurden. Man denke an die James-Bond-Romane von Ian Fleming oder die Bücher von Rudyard Kipling, William Somerset Maugham, Graham Greene, Len Deighton, John le Carré, Pierre Nord, Tom Clancy, Robert Ludlum und Charles McCarry – um einige der bekanntesten Autoren zu nennen. In den meisten Fällen handelt es sich um Autoren, die selbst aus den Geheimdiensten kommen oder zumindest von dort mit Expertise versorgt werden – wenngleich dies einige von ihnen leugneten. Das gleiche gilt für publikumswirksame Filme und Fernsehproduktionen.

Sogar die Berichterstattung in der Presse lebt davon, dass die Geheimdienste Informationen und Dokumente »der Presse zuspielen«, um öffentliche Debatten zu beeinflussen oder gar zu steuern. Selbstverständlich werden sowohl die Geheimdienste als auch die betreffenden Journalisten alles abstreiten und die Presseberichte als Früchte journalistischer Recherchen deklarieren. Die Dienste werden sich weigern, irgendetwas zu bestätigen oder zu dementieren. Aber wenn man sich lange genug damit befasst, beginnt man das Spiel zu durchschauen.

Greifen wir ein berühmt-berüchtigtes Beispiel heraus, die amerikanische Watergate-Affäre von 1972 bis 1974. Die geheimnisvolle Quelle der Journalisten Bob Woodward und Carl Bernstein von der Washington Post, lange nur unter dem Pseudonym Deep Throat bekannt, war kein geringerer als der Stellvertretende FBI-Direktor Mark Felt. Er verfolgte mit seinen Enthüllungen sehr bestimmte, zum Teil persönliche Ziele, um seine Behörde – eine Mischung aus Kriminalpolizei und Inlandsgeheimdienst – aus der Schusslinie der politischen Öffentlichkeit zu ziehen. Erst 30 Jahre später gab Felt öffentlich bekannt, wie und in welchem Umfang er die beiden Journalisten mit Informationen beliefert hatte.8

Man versteht diese Beziehung zwischen Geheimdiensten und Medien besser, wenn man sich drei Sachverhalte klarmacht. Erstens besteht in demokratischen Staaten die Notwendigkeit, den Verbrauch von Steuermitteln zu rechtfertigen. Das fällt den Geheimdiensten aufgrund der genannten Geheimhaltungszwänge besonders schwer. Zweitens haben Geheimdienste eine abschreckende Funktion, ähnlich der Polizei, dem Militär, den Gerichten und dem Strafvollzug. Dem Gegner soll signalisiert werden, dass er und seine bedrohlichen Geheimnisse nicht geheim bleiben. Und drittens leben die Geheimdienste unter der ständigen Bedrohung von Verratsfällen und anderen Skandalen, die vor Gericht sowie in der Öffentlichkeit ausgebreitet werden und einen Eindruck von Inkompetenz, unverzeihlicher Schlamperei und sogar Verletzung von Gesetzen und moralischen Grundsätzen vermitteln. Deshalb betreiben sie eine intensive Öffentlichkeitsarbeit, um einerseits abschreckend zu wirken und sich andererseits in ein vorteilhaftes Licht zu rücken.

Bis in die 1990er Jahre hinein herrschte keinerlei Transparenz. Es gab keine Webseiten, keine Interviews der Chefs in den Medien und keine offene Personalrekrutierung. Somit waren die Geheimdienste, außer bei Skandalen, nicht öffentlich sichtbar. Und sie sollten es auch nicht sein, denn über allem stand die eherne Regel, jedwede Suche nach Missständen und Fehlern von den politischen Auftraggebern fernzuhalten. Tatsächlich wurden viele Operationen mit der Maßgabe befohlen, keine Spuren des Regierungsauftrages zu hinterlassen, damit die Politiker glaubhaft abstreiten konnten, davon gewusst zu haben (in den USA einst als »plausible deniability« bezeichnet).

Kehren wir zurück zu den praktischen Arbeitsschritten, die von der Beschaffung der geheimen Informationen bis zur Erstellung eines Lagebildes zu durchlaufen sind. Nach deren Beschaffung und Überprüfung werden möglichst alle Hinweise auf die Herkunft der Informationen getilgt, um das Risiko von Enttarnungen zu reduzieren. Erst dann werden die Lageeinschätzungen oder Bedrohungsanalysen an die »Bedarfsträger« im Regierungsapparat verteilt. In der Regel sind das diejenigen Ministerien und Dienststellen, die mit Fragen der äußeren Sicherheit, aber auch mit der Vertretung vitaler Interessen gegenüber dem Ausland zu tun haben. Meist sind diese Berichte für einen sehr begrenzten Empfängerkreis bestimmt. Auch im BND enthalten derartige Berichte in der Regel keine Informationen über Quellen und technische Zugänge. Dort heißt es beispielsweise nur: »Aus zuverlässiger Quelle wird berichtet, dass die jährliche Produktion von Flugabwehrraketen des Typs X im Staat Y so und so viel Stück beträgt. Die Raketen werden am Ort Z aufgestellt.«

Wenn der Personenkreis, aus dem eine Meldung stammt (oder stammen könnte), sehr klein ist, lässt sich deren Herkunft nur schwer verschleiern. Bei einem Bericht über ein Geheimtreffen von zwei ausländischen Ministern zu einem hochsensiblen Gesprächsthema dürfte es allenfalls eine Handvoll möglicher Informanten geben. Umgekehrt ist es möglich, dass die Quelle über ein Treffen berichtet, das sie selbst erfunden hat, um sich gegenüber dem Dienst wichtig zu machen und dabei annimmt, die Nachricht könne ohnehin nicht überprüft werden. Dann wäre es ein Fall von Nachrichtenschwindel, der im Metier der Beschaffung ebenso häufig wie gefürchtet ist. Man denke an den Fall des irakischen Flüchtlings, der dem BND von angeblichen mobilen irakischen Giftgaslaboren berichtete. Diese vermeintlich präzise Information spielte bekanntlich eine nicht unerhebliche Rolle beim amerikanisch-britischen Angriff auf den Irak Anfang 2003.9

Man erkennt hier das Dilemma, dem sich Geheimdienste gegenübersehen. Sie wollen und müssen ihren Regierungen möglichst Aufsehen erregende Meldungen liefern. Zugleich sollen sie frühzeitig vor Gefahren warnen, die sich erst noch entwickeln und für die es somit noch keine abgesicherten Belege gibt. Dabei besteht immer die Möglichkeit, dass sich eine Meldung oder gar eine Bedrohungsanalyse als falsch erweist. Mit ihren Einschätzungen bewegen sich die Dienste also oft genug auf sehr dünnem Eis. Deshalb muss man im historischen Rückblick stets bedenken, in welcher Situation und mit welchen gesicherten Erkenntnissen bestimmte Meldungen oder Einschätzungen abgegeben wurden.

Umgekehrt fällt es manchmal im großen historischen Abstand leicht, die Furcht vor einer Bedrohung, beispielsweise einem sowjetischen Angriff oder einer kommunistischen Subversion im Westen, als Übertreibung abzutun. Im konkreten Fall von Westdeutschland im Kalten Krieg beklagt man häufig (und nicht immer zu Unrecht) einen aus der NS-Zeit tradierten Antikommunismus oder eine gezielte Panikmache zur Absicherung von Karrieren und Institutionen. Bei aller Perzeptionsanalyse und ausgerüstet mit dem Instrumentarium der Organisationssoziologie wird man sich allerdings klarmachen müssen, welche objektiv feststellbaren Bedrohungen es gab und welche alternativen Entwicklungen damals denkbar waren. Da kein westlicher Geheimdienst jemals bis in die Entscheidungszirkel des Kremls vordringen konnte, war eine letzte Gewissheit über die Strategie der sowjetischen Führung unmöglich. Beispielsweise konnte niemand die sowjetische Stationierung von Atomraketen auf Kuba vorhersehen. Inzwischen ist bekannt, dass sich 1962 im Moskauer Politbüro eine Mehrheit gegen das Risikospiel von Nikita Chruschtschow aussprach, weil die Sowjetunion der amerikanischen Atomstreitmacht damals noch weit unterlegen war. Vorzuwerfen ist den US-Geheimdiensten allerdings, dass sie sich allzu sicher waren, diese Möglichkeit ausschließen zu dürfen und gar nicht erst nach möglichen Indikatoren dafür zu suchen – bis es zu spät war, weil sich die Raketen und Sprengköpfe bereits auf Kuba befanden. Das ist nur eines von vielen Beispielen, die zeigen, wie und warum man im historischen Rückblick vermeiden muss, vorschnell über Erfolge und Misserfolge der Auslandsaufklärung zu urteilen.

Von der Org zum BND

Fragen wir nun konkret, wie die Auslandsaufklärung in der Vor- und Frühgeschichte des BND konkret funktionierte. Wie war es um seinen Apparat bestellt, sein Personal, seine Möglichkeiten der Beschaffung, seine Zielsetzung und seine Führung? Welche Aufgaben wurden ihm gestellt? Welche Erfolge und Misserfolge waren zu verzeichnen?

Bekanntlich entstand der BND aus einer Vorläuferorganisation, die zumeist als »Organisation Gehlen« oder nur als »Org« bezeichnet wurde. Es handelte sich anfänglich um eine kleine Gruppe von ehemaligen Wehrmachtsoffizieren, die sich 1945 in amerikanischer Kriegsgefangenschaft befanden und dort dem US-Militärgeheimdienst ihre Mitarbeit anboten. Während des Krieges hatten einige von ihnen in der Abteilung Fremde Heere Ost (FHO) des Generalstabes des Heeres gedient und dort Lageberichte über die feindlichen sowjetischen Streitkräfte erstellt. Andere waren in der Beschaffung bei nachgeordneten Kommandostellen aktiv gewesen. Diese Expertise boten sie nun den Amerikanern an. Entsprechende Verhandlungen führte der ehemalige Leiter von FHO, Generalmajor a. D. Reinhard Gehlen. Aber auch Offiziere aus der ehemaligen Beschaffung versuchten, sich selbst und ihre Netze den britischen oder amerikanischen Besatzungsstreitkräften anzudienen. Die Amerikaner reagierten zögerlich und misstrauisch. Unter den vielen Deutschen, die sich den Siegermächten anboten, waren die Leute um Reinhard Gehlen ein besonders delikater Fall, politisch wie auch geheimdienstlich.

Die Geschichte dieser Kontaktaufnahme durch Gehlen ist oft beschrieben und mit allerlei Legenden umrankt worden. Sie wurde in Publikationen der Unabhängigen Historikerkommission gründlich untersucht, weshalb hier nur einige kurze Bemerkungen erforderlich sind.10 Zunächst betrachteten die US-Geheimdienstleute die Gruppe um Gehlen und die von ihnen aufbewahrten FHO-Unterlagen nur als Kriegsbeute, die es näher zu untersuchen galt. Die Papiere reihten sich in eine große Masse von geheimdienstlich interessanten Beutedokumenten und -geräten ein. Erst nach einjähriger Prüfung des Falles war man im Sommer 1946 bereit, die Deutschen als Experten für die Aufklärung der sowjetischen Streitkräfte zu beschäftigen.

Nach und nach wurden weitere ehemalige Wehrmachtsoffiziere sowie zivile deutsche Ostexperten hinzugeholt, um Informationen aus dem Osten auszuwerten. Parallel entstanden Netze für die Beschaffung von Informationen, hauptsächlich aus den sowjetisch besetzten Zonen von Deutschland und Österreich. Eine Schlüsselrolle spielte dabei Oberst a. D. Hermann Baun, dessen Frontaufklärungskommando ebenfalls an der Ostfront tätig gewesen war und dabei Meldungen an FHO geliefert hatte. Zum Aufspüren kommunistischer Agenten im Westen sowie von Verbindungsleuten und von vermuteten oder tatsächlichen Sympathisanten der Sowjetunion wurden Informantennetze gebildet, teilweise auch reaktiviert, die man als Spionageabwehr deklarierte. Hierbei wurden viele NS-belastete Personen eingestellt, nicht wenige davon aus Heinrich Himmlers ehemaligem Reichssicherheitshauptamt (RSHA) sowie aus anderen NS-Dienststellen und bewaffneten Einheiten, die unter dem NS-Terror schwere Verbrechen begangen hatten.11

Es fehlte also nicht an Deutschen, die für die Amerikaner spionieren wollten, und nach anfänglichem Zögern stand die Tür der amerikanischen Geheimdienste auch für »schmutzige Finger« aus dem ehemaligen NS-Herrschaftsapparat weit offen. Doch die Mehrzahl der Org-Mitarbeiter hatte keine Erfahrung mit geheimdienstlicher Tätigkeit oder gar eine entsprechende Ausbildung. Das erklärt, warum es im US-Militärgeheimdienst sowie später bei der CIA starke Vorbehalte gegen eine Weiterbeschäftigung der Org Gehlen gab. Schließlich setzen sich aber die Befürworter durch, und seit 1949 erwog man eine Übergabe der Org an die neue westdeutsche Regierung. Dieser Vorgang zog sich allerdings in die Länge, bis es schließlich 1955/56 zur Übertragung von Souveränitätsrechten an die Bundesrepublik Deutschland kam. Erst jetzt wurde der Aufbau westdeutscher Streitkräfte und eines westdeutschen Auslandsgeheimdienstes überhaupt möglich.

Soweit der Dienst eine eigene Beschaffung im Ausland betrieb, dominierte die militärische Aufklärung. Zu Beginn setzten Gehlen und seine Leute vor allem ihre Studien aus den letzten Kriegsmonaten fort, brachten sie soweit möglich auf den aktuellen Stand und begannen, mittels verschiedener Netze von beobachtenden Quellen die sowjetischen Streitkräfte zu observieren, hauptsächlich in Ostdeutschland. Das Ziel dieser Tätigkeit war die sogenannte Order of Battle Intelligence, mit der man Standorte, Bewaffnung, Nachschub, Personal sowie Organisations- und Befehlsstrukturen aufzuklären versuchte, wobei im Idealfall aus vielen Einzelbeobachtungen ein Lagebild der militärischen Bedrohung erstellt werden sollte.

Allerdings befürchteten die Amerikaner (ebenso wie ihre britischen und französischen Verbündeten) nicht so sehr einen Überraschungsangriff der Roten Armee mit einer Vielzahl von Divisionen und Luftflotten auf breiter Front. Für wahrscheinlicher hielten sie eine Mischung aus politischer Subversion und begrenzten militärischen Operationen, um eine rasche Sowjetisierung Deutschlands und Westeuropas zu erreichen. Dieser primär »subversiven« Strategie Moskaus setzten die USA ihre militärische Abschreckung durch Atomwaffen, ein riesiges Wirtschaftshilfeprogramm (»Marshallplan«) und eine intensive geheimdienstliche Tätigkeit zur Aufdeckung von kommunistischer »Agitation« entgegen, wobei die Org ein Element dieser »Strategie der Eindämmung« (Containment) darstellte. Dabei verließen sich die Amerikaner jedoch nicht blindlings auf die Org Gehlen, sondern betrieben parallel eine eigene intensive Aufklärung der Entwicklungen und Gefahren in Deutschland und darüber hinaus. Zu diesem Zweck führten sie separate Netze von Quellen und geheimdienstlich tätigen Gruppen, einen separaten militärischen Gegenspionagedienst, das Counter Intelligence Corps (CIC) der US Army, sowie breitgefächerte Befragungsprojekte, die Flüchtlinge aus dem Osten, zurückkehrende deutsche Kriegsgefangene sowie Deserteure der sowjetischen Streitkräfte und Überläufer der kommunistischen Zivilverwaltungen erfassten und deren Informationen auswerteten.12 Viele dieser parallelen Strukturen blieben auch nach der BND-Gründung im April 1956 erhalten.

Sodann sahen die Amerikaner die Org nicht nur als geheimdienstlichen Apparat im Dienste der amerikanischen Sicherheitspolitik, sondern zugleich als eine Art Wartesaal für einen wesentlichen Teil der deutschen Militärelite, die für eine künftige deutsche Armee bereitgehalten und im Sinn der US-Sicherheitspolitik beeinflusst werden sollte. Denn eine Verteidigung Westeuropas ohne deutschen Beitrag konnte sich die amerikanische Führung nicht vorstellen, zumal sie hoffte, die meisten ihrer eigenen Soldaten bald nach Hause holen zu können. Dazu kam es bekanntlich erst nach 1990.

Somit spielte Deutschland sowohl für die sowjetische als auch für die westliche Strategie eine Schlüsselrolle, wobei es einerseits um die Kontrolle der immensen wirtschaftlichen Ressourcen ging, andererseits um die politisch-psychologische Gefühlslage der Deutschen. Denn es war nicht ohne Weiteres erkennbar, welcher Seite sich die deutsche Bevölkerung nach dem Zusammenbruch der NS-Herrschaft zuneigen würde. Würde sie lieber den NS-Kollektivismus gegen eine sowjetische Variante eintauschen? Oder würde sie den durch die NS-Herrschaft unterbrochenen »langen Weg nach Westen« (Heinrich August Winkler) fortsetzen und sich für freiheitliche Demokratie und Marktwirtschaft entscheiden, obwohl dieses Modell Ende der 1920er Jahre in Deutschland gescheitert war?

Von zentraler Bedeutung für die weitere Entwicklung war der wirtschaftliche Wiederaufbau. Welcher Seite würde es schneller und besser gelingen, die immensen Kriegsschäden zu beseitigen und die deutsche Bevölkerung wieder in Lohn und Brot zu bringen? Aber auch immaterielle politische Werte waren hierbei wichtig. Sollte Deutschland unter allen Umständen, auch zu ungünstigen politischen Bedingungen, zusammengehalten werden (»deutsche Einheit um jeden Preis«), oder sollte der Wiederaufbau und die Versorgung der Bevölkerung, einschließlich der mehr als zwölf Millionen Ost-Flüchtlinge und Vertriebenen, Vorrang haben?

Die Bedeutung dieser Fragen lässt sich aus der Perspektive der späteren historischen Entwicklung kaum verstehen. In vielerlei Hinsichten verstellt die Erfolgsgeschichte der westdeutschen Bundesrepublik und der späteren Wiederherstellung der deutschen Einheit geradezu den Blick auf die Situation von 1945 bis 1955, als sich in West- und Ostdeutschland getrennte Staaten herausbildeten, und der nachfolgenden Jahre, als sich die Option einer freiwilligen Sowjetisierung gleichsam in Luft auflöste, weil sich Politik, Wirtschaft und Gesellschaft im Ostblock, unter der Bedingung einer freien Entscheidung, als nicht konkurrenzfähig erwiesen.

Wenngleich die Aufklärung des sowjetischen Militärs und der »östlichen« Subversion die Tätigkeit der Org zunächst beherrschten, entwickelte sich sowohl im Umkreis von Gehlen als auch bei einflussreichen Amerikanern der Gedanke, die Org solle zum Auslandsgeheimdienst, nicht nur zum Militärgeheimdienst, einer künftigen westdeutschen Regierung werden. Dazu war es erforderlich, über den unmittelbaren sowjetischen Machtbereich hinauszublicken und neben militärischen Aspekten auch andere zu berücksichtigen, insbesondere wirtschaftliche, politische und ideologische. Erste Ansätze zur Entwicklung eines umfassenden Auslandsnachrichtendienstes finden sich bereits Ende der 1940er Jahre.

Diese inhaltliche und geografische Ausdehnung der Auslandsaufklärung bahnte sich in der Geschichte der europäischen Geheimdienste bereits im Ersten Weltkrieg an, weil die neuen Formen des Krieges nicht mehr auf abgezirkelte Schlachtfelder oder Ozeane beschränkt waren, sondern sich zugleich auf die wirtschaftlichen Ressourcen des Gegners richteten sowie auf seine psychologische Bereitschaft, den einmal begonnenen Krieg fortzusetzen. Deshalb nahm die geheimdienstliche Tätigkeit einerseits die mobilisierten Truppen des Gegners, ihre Bewaffnung, Organisation, ihren Nachschub und ihre Einsatzbefehle (Strategie und Taktik) ins Visier. Andererseits sollte die zumeist verdeckte Kriegspropaganda die Zivilbevölkerung gegen ihre eigene Regierung und deren Kriegspolitik aufbringen, um die Kriegsmoral zu schwächen und einen wirtschaftlich-gesellschaftlichen Kollaps herbeizuführen.13

Diese Art der Kriegführung führte im Ersten Weltkrieg partiell zum Erfolg, als das Russischen Reich 1917 kollabierte und die Bolschewiki nach ihrem Putsch mit den Mittelmächten im März 1918 in Brest-Litowsk einen Separatfrieden abschlossen. Im Zweiten Weltkrieg konnte 1943 Italien dazu bewegt werden, auf die Seite der Alliierten zu wechseln. Allerdings scheiterte diese Strategie danach kläglich, weil sie es nicht vermochte, in den beiden Hauptkriegsmächten Deutschland und Japan einen inneren Kollaps herbeizuführen. Desgleichen war Hitlers vorausgegangener Versuch gescheitert, Großbritannien durch eine massive Wirtschaftsblockade – in den Atlantikschlachten – zum Kriegsaustritt zu bewegen.

Mochte die Bilanz dieser »indirekten« Kriegsführung (Basil Liddell Hart) gemischt sein, so war zweifellos die schrittweise Unterwerfung großer Teile Europas – zuerst durch Hitler und dann durch Stalin – eine Erfahrung, welche die geheimdienstliche Aufgabenstellung von Grund auf veränderte, zumal in beiden Fällen diese Unterwerfung (zumindest anfänglich) mit relativ geringen Eigenverlusten für den Aggressor erfolgt war. Nun war klar, dass die von den Geheimdiensten bis 1914 praktizierte Suche nach gegnerischen Angriffs- und Aufmarschplänen sowie nach Waffenentwicklungen und geheimen Militärallianzen nicht mehr ausreichte, um Kriegsgefahren vorhersehen und ihre Wirkungen abschätzen zu können. Die Ausschau nach Gefahren musste bei den Geheimdiensten völlig neu definiert werden.

Dieses Umschwenken im strategischen und geheimdienstlichen Denken fiel den ehemaligen Generalstäblern der Org schwer. Nur mit Mühe waren sie von ihrer hergebrachten militärischen Denkweise abzubringen. Einige Jahre später, als sich die neue Logik des Kalten Krieges allmählich zu erkennen gab, ging eine erhebliche Anzahl der besten militärischen Köpfe an die Bundeswehr verloren. An der Spitze der Org blieb Reinhard Gehlen, der noch in den letzten Kriegswochen zum Generalmajor befördert worden war und für die intellektuellen Anstrengungen der »Grand Strategy« nichts übrighatte. Er glaubte, bereits alles über den sowjetischen Gegner zu wissen und duldete keine intellektuellen Höhenflüge. Gehlen führte den BND bis zu seiner Pensionierung im Sommer 1968. Doch in mancher Hinsicht ging die »Ära Gehlen« erst zu Ende, als sein ehemaliger Mitarbeiter Eberhard Blum in Pension ging, der 1947 zur Org kam und 1982 – 1985 an der Spitze des BND stand. Damit trat die Generation der ehemaligen Wehrmachtsoffiziere endgültig ab.14

Ein besonders gravierendes Problem bildete das NS-belastete Personal im BND und seiner Vorläuferorganisation. Neben der Spionageabwehr, in der zahlreiche ehemalige Mitarbeiter des Reichssicherheitshauptamtes tätig wurden, war die Ostaufklärung ein zweiter Bereich, in dem sich NS-belastetes Personal in erheblicher Zahl nachweisen lässt. Die Gründe dafür liegen auf der Hand. Zum einen hatten die deutschen Russland- und Osteuropaexperten eine besondere Affinität zum Nationalsozialismus und seiner rassistischen Politik gehabt, was sich übrigens auch für die Generation der fachlich einschlägigen Professoren nachweisen lässt, die in den Jahren nach 1945 an den deutschen Universitäten Karriere machten.15 Zum anderen arbeiteten die BND-Dienststellen der Ostaufklärung weitgehend isoliert von denjenigen, die sich mit anderen Regionen der Welt und mit der Militäraufklärung befassten, die ihrerseits in eine zunehmend engere Kooperation mit anderen westlichen Geheimdiensten traten, insbesondere mit amerikanischen, britischen und französischen. Diesen Kooperationspartnern war eine Zusammenarbeit mit NS-belasteten Personen nicht zuzumuten, wenngleich sie selbst zuweilen über diese historische Belastung hinwegsahen. Abgesehen von wenigen Ausnahmen wurde das NS-belastete Personal von der Pullacher Zentrale ferngehalten.16

Zu dieser Thematik hat die Unabhängige Historikerkommission umfangreiche Publikationen vorgelegt, auf die hier zu verweisen ist.17 Abgesehen von den juristischen und moralischen Fragen, warum solche Personen überhaupt in den westdeutschen Staatsdienst übernommen wurden, geht es hier um die Frage, welche Tätigkeit sie ausübten und ob sich dabei noch Spuren von NS-Ideologie erkennen lassen. Das in Org und BND häufig gebrauchte Argument, diese Personen seien wegen ihrer fachlichen Expertise unverzichtbar gewesen, erwies sich hinsichtlich der Auslandsoperationen als substanzlos. Allerdings ist es grundsätzlich schwierig, die Qualität geheimdienstlicher Auslandsaufklärung zu messen. Dafür fehlen die Maßstäbe, weil die Geheimdienste vergleichbarer Staaten nur selten Einblick in ihre Tätigkeit gewähren. Anders gewendet: Man kann die Ergebnisse des BND beschreiben, es ist jedoch nur selten der Nachweis möglich, dass bessere Ergebnisse erzielbar gewesen wären.

Die Beiträge im Einzelnen

Im Zentrum der globalen Aufklärung des Gehlen-Dienstes, das zeigt die Studie von Andreas Hilger, stand die Sowjetunion. Für Reinhard Gehlen stellte die sowjetische Politik eine »tödliche Gefahr« für das westliche Lager dar.18 Daher erschien es ihm notwendig, über alle Aktivitäten und Absichten des Kremls und dessen tatsächlichen und vermeintlichen Verbündeten in jeder Region der Erde genauestens informiert zu sein. Auch wenn seine Vorstellungen über diesen Gegner in weiten Teilen mit den außenpolitischen Leitlinien der Bundesregierung und der US-Außenpolitik konform gingen, bedeutete das nicht, dass sich Org und BND von Anfang an problemlos in die westdeutsche oder gar »westliche« Sicherheitsstruktur einfügten. Zunächst standen die besatzungspolitischen Prämissen im Weg, dann das Bonner Bemühen um Souveränität. Hinzu kamen diverse Einflussfaktoren wie bürokratisches Konkurrenzdenken, innerdienstliche Auseinandersetzungen um Prioritäten, Techniken und Vorrangstellungen, individuelle Karriereentwürfe und innenpolitische Dynamiken in Deutschland. Deshalb blieb die Auftragslage breit und vielfach unbestimmt formuliert, und den Dienststellen vor Ort fiel es schwer, sich zu orientieren.

Vor allem aber erwies sich die Sowjetunion als ein besonders schwieriges Zielgebiet. Moskau empfand die nichtkommunistische Außenwelt als kontinuierliche Bedrohung und riegelte seine Geheimnisse mit allen Mitteln ab. Zugleich fiel es schwer, Informanten vor Ort zu rekrutieren, weil sich die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung in Osteuropa aufgrund ihrer jüngsten Erfahrungen mit der deutschen Kriegs- und Besatzungsmaschinerie nicht vorstellen konnte, mit deutschen Agenten gegen ihren Staat zusammenzuarbeiten. Auch deshalb war der Blick durch den »Eisernen Vorhang« schier unmöglich.

Um diese komplexe Konstellation in ihrer Bedeutung für die nachrichtendienstlichen Ziele, Methoden, Analysen und Ergebnisse zu erfassen, beschreibt der Beitrag von Andreas Hilger die Gesamtentwicklung der für die Ostaufklärung relevanten Teilbereiche des Dienstes sowie ihre Auftragsschwerpunkte jenseits von SBZ/DDR.19 Dabei werden die Grundprobleme in Beschaffung und nachrichtendienstlicher Analyse diskutiert, die sich für das Zielgebiet Sowjetunion und Osteuropa ergaben.

Diese Schwierigkeiten prägten die Frühgeschichte der Org. Phasen unkontrollierten Wachstums wechselten sich mit Zeiten einschneidender finanzieller und personeller Kürzungen ab. Auf Perioden positiver Stimmungen und wohlmeinender Beurteilungen durch amerikanische und deutsche Auftraggeber folgte harsche Kritik. Derlei Debatten und Einschnitte definierten neben den erwähnten politischen Entwicklungen die Grenzen und Schwierigkeiten der Aufklärungstätigkeit gegen die Sowjetunion und den gesamten Ostblock.

Die amerikanischen Prioritäten lagen zunächst bei Nachrichten über das sowjetische Militär im Osten Deutschlands. Das Beobachtungsgebiet und der Themenbereich wurden nur langsam ausgedehnt. Dabei war das professionelle Profil der Mitarbeiter uneben und oft unzureichend. Die strukturelle Entwicklung erfolgte sprunghaft, der Aufbau der Gesamtorganisation blieb verschachtelt und ineffektiv. Allen Versuchen zum Trotz war es unmöglich, mit V-Leuten in das Zentrum der kommunistischen Macht vorzustoßen. Einer weiten technischen Aufklärung stand nicht zuletzt das Misstrauen der Amerikaner entgegen, die ihrem neuen Hilfsdienst in diesem sensiblen Bereich nicht viele Kompetenzen und Technologien überlassen wollten. Andere Ansätze wie die Befragung von Heimkehrern aus der Kriegsgefangenschaft lieferten bestenfalls Basiserkenntnisse über Industriebereiche, Regionen und Lebenssphären, aber keine aktuellen zentralen Einblicke in die sowjetische Politik.

Letztlich arbeitete man sich in der Aufbau- und Konsolidierungsphase bis Mitte der 1950er Jahre an diesen Unzulänglichkeiten ab. Operationspläne und -ansätze zeugen von der Findigkeit und vom Engagement verschiedener Mitarbeiter. So wurde etwa der Müll sowjetischer Einheiten nach brisantem Material durchsucht; es wurden Kontakte zum baltischen und ukrainischem Exil und Widerstand geknüpft, sowjetische Soldaten in Ostdeutschland und in der Sowjetzone Österreichs zum Überlaufen ermutigt, Seeleute und Lotsen zur Erkundung von Hafenanlagen ermuntert, in den privaten Briefverkehr gezielte Fragen eingeschmuggelt und Geschäftsreisende interviewt, die erste Handelsbeziehungen mit sozialistischen Staaten aufbauten oder alte Kontakte wieder aufnahmen.

Ungeachtet verschiedener Puzzleteile, die auf diesen Umwegen ergattert werden konnten, gelang es nicht, wesentliche Erkenntnisse über die Politik und Militärstrategie der Sowjetunion zu gewinnen. Verhaftungen von V-Leuten und Todesurteile gegen einige von ihnen zeigten zudem, wie hoch der Preis für diese Anstrengungen sein konnte. Zugleich gab es vielerlei Fälle von unzuverlässigen Informationen. Der Dienst war ständig konfrontiert mit Nachrichtenhandel und bewussten Fehlinformationen, Doppelagenten und Fälschungen von vermeintlichen Beutedokumenten, gegnerischer Infiltration und Irreleitung sowie mit Hinweisen auf eigene persönliche oder politische Agenden jener Personen und Kreise, von denen man sich eine zuverlässige Zuarbeit erwartete. Vor diesem Hintergrund verwundert es nicht, dass sich die Beschaffung und Auswertung offener Materialien und der Austausch von Informationen mit anderen westlichen Diensten bereits früh zu wichtigen Standbeinen der Pullacher Behörde entwickelten.

Die Konsolidierung des Dienstes ab den 1950er Jahren und seine feste Verankerung im westdeutschen Regierungs- und Behördenapparat haben an den strukturellen und professionellen Problemen wenig geändert. Ausgestattet mit neuen Kompetenzen und mehr Geld gelang es, im begrenzten Umfang eine elektronische Überwachung aufzubauen, das Befragungswesen zu perfektionieren und die Analysemethoden zu verfeinern. Im politischen und militärpolitischen Sektor blieb die Berichterstattung jedoch tendenziell politisch eingefärbt und die Beschaffung von Informationen mit menschlichen Quellen wenig erfolgreich. Trotz einer Vielzahl von Operationsideen sowie einer breit gestreuten Suche nach potentiellen Ansprechpartnern und Kontakten, misslang der nachrichtendienstliche Einbruch in die Schaltzentralen der Macht. Man konnte sich ihnen nicht einmal auf Sichtweite nähern. Der sogenannte Strategische Dienst und die sogenannten »Sonderverbindungen«, mit denen der BND den Anspruch erhob, sich die Informationsmöglichkeiten westlicher Eliten aus Journalismus, Wirtschaft, Diplomatie und Politik zunutze zu machen, lieferten für Osteuropa bestenfalls interessante Außenansichten, oft nur Gerüchte.

Dass die Berichte aus Pullach bei den amerikanischen und deutschen Auftraggebern dennoch häufig auf positive Resonanz stießen, hatte mehrere Gründe. Dazu gehörten die bereits erwähnten innenpolitischen Aktivitäten, eine gekonnte Selbstdarstellung und mangelnde Alternativen. Vor allem aber konnte die Pullacher Aufklärung zumindest im ursprünglichen Kerngeschäft der rein militärischen Aufklärung überzeugen. Im politischen Sektor schienen die Berichte von Org und BND die Auffassungen der Bundesregierung zu bestätigen und waren deshalb willkommen. Allerdings litt die enge Bindung ans Bundeskanzleramt infolge der Enttarnung des sowjetischen Doppelspions Heinz Felfe im Jahr 1961 und der Spiegel-Affäre von 1962. Der außenpolitische Konsens zwischen Dienst und Regierung zerfiel sodann im Laufe der 1960er Jahre, und nach Gehlens langem Abschied vom Amt setzte sich die Bonner Politik immer kritischer mit den Ergebnissen des BND auseinander. Der BND durchlief deshalb ab 1968 erhebliche Umstrukturierungen und Neuaufstellungen, die das Bonner Unbehagen an seiner mangelhaften politischen Unterordnung reflektierten.

Die Studie von Andreas Hilger und Sabrina Nowack über die BND-Spionage in Mittel- und Südosteuropa (»Dienststelle 71«) liefert ein detailliertes Fallbeispiel für die skizzierte Entwicklung des Dienstes. Die organisatorischen Verästelungen signalisierten eine Ausdifferenzierung der Zuständigkeiten und nachrichtendienstlichen Interessen, die schwerpunktmäßig um die militärische Aufklärung kreisten. Die betreffenden Dienststellen hatten sich vornehmlich auf die Aufklärung mit menschlichen Quellen zu stützen und stießen immer wieder an ihre Grenzen. Neben der aggressiven Spionageabwehr der betreffenden Staaten – Ungarn, Jugoslawien, die Tschechoslowakei, Rumänien und Bulgarien – lag der mangelnde Erfolg vor allem in der Personalstruktur begründet. Org und BND maßen bei ihrer Personalgewinnung neben nachrichtendienstlichen Erfahrungen aller Art und strammer antikommunistischer Überzeugung zwar auch den landeskundlichen Kenntnissen Gewicht bei. Doch gaben bis in die 1960er Jahre persönliche Verbindungen und Empfehlungen den Ausschlag, welche Personen rekrutiert wurden. Dadurch kamen vor allem Personen mit Erfahrungen im Zweiten Weltkrieg in die Dienststellen. Von ehemaligen Angehörigen der Wehrmacht sowie der Besatzungs- und Repressionsapparate erwartete man, sie würden über die notwendigen Landeskenntnisse verfügen. Die engen persönlichen Verbindungen schienen zudem die sehr breit definierte Sicherheit des Dienstes gegen Angriffe, Infiltration und Enthüllungen zu gewährleisten.

Die Fallstudie verzahnt anhand individueller Karrieren und Operationen dieser Mitarbeiter die Analyse der Personalpolitik mit einer Untersuchung der nachrichtendienstlichen Handlungsmuster, Aktivitäten und Effizienz. In ihrer Personalstruktur war die Dienststelle 71 heterogen. Hier kamen alte SD-Kader, frühere Angehörige von SS-Einsatzkommandos und ehemalige Wehrmachtssoldaten, die in Südosteuropa gedient hatten, in führende Positionen. Ihre Tätigkeit zeigt, dass sie neben ihren begrenzten Landeskenntnissen auch alte Denkmuster, Verbindungen, Praktiken und Vorstellungen in den Dienst einbrachten, die unter den neuen Gegebenheiten des Kalten Krieges von zweifelhaftem Wert waren und sich auf Dauer nicht mit den Vorgaben des Dienstes in Einklang bringen ließen. Derartige Erfahrungskollektive bildeten mitunter eigene Netze, die ihre Loyalitäten und Bindungen höher stellten als ihre Verpflichtungen gegenüber dem Dienstherrn. Der Beitrag zeigt, welche Implikationen dies für das tägliche Dienstgeschäft und für die Anfälligkeit gegenüber dem Gegner hatte, der seinerseits deutsche Vorkriegs- und Kriegskarrieren durchleuchtete, um Ansatzpunkte für Erpressung und Anwerbung zu finden. Diese Verknüpfung von Personalpolitik und nachrichtendienstlicher Tätigkeit ermöglicht zugleich einen tiefen Einblick in die konkrete Praxis des Dienstes im östlichen Europa. Hierfür werden auf Basis dienstinterner Unterlagen des BND und zeitgenössischer Diskussionen die Charakteristika von so unterschiedlichen Gruppen wie Flüchtlingen, Kriegsheimkehrer, Geschäfts- und Privatreisende sowie Journalisten untersucht.

Das Hauptinteresse der Dienststelle 71 galt der Gewinnung von Quellen. Hier lässt sich nachweisen, wie schwierig, zeitraubend, gefährlich und unergiebig dieses Geschäft sein konnte. Die Rekonstruktion der Quellenbewertung und -auswertung im Dienst legt diese qualitativen Lücken der Beschaffung ebenso offen wie die Diskrepanzen zwischen den »Beschaffern« und »Auswertern« des Dienstes. Vom Ungarnaufstand 1956 wurde der BND ebenso überrascht wie von der sowjetischen Intervention in der Tschechoslowakei 1968.

Die Studie von Tilman Lüdke zur Tätigkeit der Org und des BND im Nahen Osten behandelt eine Region, die für die sowjetische Machtausdehnung zunächst peripher war, dann jedoch fortschreitend an Bedeutung gewann und deshalb mehr und mehr ins Visier der westdeutschen Auslandsaufklärung geriet. Wäre es nach Reinhard Gehlen gegangen, so wäre die Org im Nahen Osten nie tätig geworden. Doch die USA drängten sie dazu, hier einzuspringen. Während Washington im Nahen Osten bei Kriegsende in hohem Ansehen stand, wurde der US-Regierung bald bewusst, dass zwei Faktoren ihre Stellung in den arabischen Ländern negativ beeinflussen würden: erstens der enge Schulterschluss mit den Kolonialmächten Großbritannien und Frankreich und zweitens die Unterstützung Israels.

Nach amerikanischer Auffassung war die Bundesrepublik damit weniger belastet. Vielmehr genossen die Deutschen im Nahen Osten einen guten Ruf – sowohl aufgrund ihrer wirtschaftlichen und technischen Leistungsfähigkeit als auch wegen der Rolle, die das Deutsche Reich im frühen 20. Jahrhundert in der Region gespielt (oder vielmehr zu spielen versucht) hatte. Als Gegner der etablierten Kolonialmächte hatte Deutschland sich stets um die Sympathien und nach Möglichkeit um die tatkräftige Kooperation der Muslime bemüht, indem es sich als »Freund und Beschützer der Muslime« dargestellt und eine antikoloniale und panislamische Propaganda betrieben hatte. Hinzu kam die extrem antijüdische Politik des nationalsozialistischen Regimes. Obgleich die Bonner Republik keine politische und militärische Großmacht war, glaubten viele Akteure in der Region, der westdeutsche Staat könne wegen seiner zunehmenden wirtschaftlichen Erfolge zu einem idealen Partner werden, mit dem sich ambitionierte Entwicklungsprojekte durchführen ließen. Diese Vorteile der Bundesrepublik versuchten die USA in nachrichtendienstlicher Hinsicht auszunutzen.

So wurden die gerade unabhängig gewordenen Staaten zu Abnehmern deutscher Güter, und es wurde erwogen, bundesdeutsche Firmen mit Aufträgen wie dem Bau des Assuan-Staudammes oder des iranischen Stahlwerks bei Azna zu beauftragen. Der Nahe Osten war dabei als eines der frühesten Schlachtfelder des Kalten Krieges nicht nur als potentielles sowjetisches Einfallgebiet, als Absatzmarkt und wegen der für die westlichen Volkswirtschaften zunehmend wichtigen Ölvorkommen von Interesse. Auch in deutschlandpolitischer Hinsicht war er bedeutend. In Bonn befürchtete man, die arabischen Staaten könnten sich von Westdeutschland abwenden und die DDR entweder anerkennen oder gar als bevorzugten Partner akzeptieren. Deshalb versuchte die Bundesregierung einen Spagat zwischen einer Politik der »Wiedergutmachung« und schließlich diplomatischer Anerkennung Israels einerseits und einer starken Präsenz in den arabischen Staaten andererseits. In jeder Hinsicht sah die Bundesrepublik Deutschland dafür die Entwicklungszusammenarbeit, damals »Entwicklungshilfe« genannt, als das geeignete Mittel an.

Wie sollte die Auslandsaufklärung dieser Zielsetzung dienen? Zunächst einmal lässt sich eine klare Präferenz für Ägypten erkennen. Auch Syrien spielte als enger Verbündeter Kairos eine gewisse Rolle. Algerien war von besonderer Bedeutung, seit der von 1954 bis 1962 tobende Krieg zwischen Frankreich und der algerischen Unabhängigkeitsbewegung FLN die Gefahr einer sowjetischen Einmischung signalisierte. Ein großes Rätsel blieb der politische Kurs von Staatspräsident Gamal Abdel Nasser, der einerseits eine Leitfigur des »antiimperialistischen Kampfes« in der arabischen Welt war, andererseits jedoch die überall einflussreichen Muslimbrüder unterdrückte und gleichzeitig Moskau auf Distanz zu halten suchte. Doch auch wenn es schwierig oder gar unmöglich sein mochte, die muslimischen Staaten zum Kommunismus zu bekehren, so konnte die Sowjetunion über Kredite, Wirtschaftshilfe und Waffenlieferungen vielfachen Einfluss nehmen. Deshalb konzentrierte sich die geheimdienstliche Beobachtung vor allem auf diese Aktivitäten, wobei dem Waffenhandel wegen der zahlreichen bewaffneten Konflikte eine besondere Bedeutung zukam. Die Bundesrepublik erhielt zwar 1961 ein Kriegswaffenkontrollgesetz, doch der Schleichhandel aus deutschen Beständen wurde dadurch nicht unterbunden. Um diesen Handel zu beobachten, bediente sich der BND diverser Strohmänner, deren Zugänge zu den Mächtigen der arabischen Welt besonders vielversprechend erschienen. Geliefert wurde aus alten Beständen der Wehrmacht sowie der Roten Armee, die sich überall in der Dritten Welt verbreiteten. Später wurden amerikanische Waffen feilgeboten, nachdem sie aus den Beständen westlicher Armeen, auch aus der Bundeswehr, ausgemustert wurden.

Besonders intensiv bemühte sich der BND um eine Zusammenarbeit mit Partnerdiensten in der Region, weil dadurch zugleich Informationen beschafft werden konnten und Möglichkeiten der politisch-wirtschaftlichen Einflussnahme entstanden. Im Fall der Türkei und des Iran war die geographische Lage als direkte Anrainerstaaten der südlichen Sowjetunion von Interesse, um eventuell Funkabhörstationen einzurichten. In anderen Fällen boten Partnerkontakte die Möglichkeit, eine mit dem Westen verbündete Regierung zu stützen oder bei politischen Krisen eine »Alternativdiplomatie« zu pflegen. Letzteres lässt sich an den Beispielen Saudi-Arabien und Jordanien nach 1965 nachweisen, als die diplomatische Anerkennung Israels durch die Bundesrepublik zum Abbruch der diplomatischen Beziehungen geführt hatte. Nun bot sich dem BND die Möglichkeit eines alternativen quasi-diplomatischen Zuganges, der seinem Prestige im Bonner Regierungsapparat nützlich wurde. Beinahe routinemäßig wurden den Partnerdiensten Schulungen ihres Personals sowie die Lieferung technischer Geräte angeboten. Hier sind Somalia, Libyen, Irak, Iran, Jugoslawien, Jemen, Israel, Libanon, Syrien, Algerien und Sudan zu nennen.

Im Lauf der 1960er Jahre kam der BND immer mehr zu der Einschätzung, dass der Westen in den Entwicklungsländern stetig an Boden verliere, weil Moskau zunehmend subtilere Mittel der Einflussnahme nutzte. Statt einer sofortigen Sowjetisierung werde der Weg über nationale Revolutionen bevorzugt, die dann in eine antikapitalistische und antiimperialistische Phase übergeleitet würden. Doch nun gab es mit dem wachsenden Engagement Pekings in der Dritten Welt zwei miteinander rivalisierende »Wege zum Sozialismus«. Diese Rivalität mit dem kommunistischen China verstärkte Moskaus Eifer. Allerdings wussten die BND-Analytiker, dass die finanziellen Mittel der westlichen Entwicklungshilfe und der Investitionen diejenigen der sozialistischen Staaten Osteuropas und der Volksrepublik China bei weitem überstiegen. Ähnliches galt für das Handelsvolumen mit der Dritten Welt. Doch damit ließen sich die neuen Eliten der nahöstlichen Staaten nicht ohne Weiteres beeindrucken oder gar zu politischen Kursänderungen bewegen.

Von besonderem Interesse war die Beobachtung und, soweit möglich, die Instrumentalisierung von Deutschen, die in der Region wohnten und dort für staatliche Stellen tätig waren. Nur ein Teil von ihnen lässt sich als NS-belastete Personen bezeichnen, die sich auf der Flucht vor der Justiz befanden. Bei den deutschen Bemühungen, diese Leute vor Gericht zu stellen, spielte der BND eine zwielichtige, aber keine besonders wichtige Rolle.20 Ein anderer Teil bestand aus ehemaligen Wehrmachtssoldaten, die sich als Militärexperten anheuern ließen, da sie im zerstörten, total abgerüsteten Deutschland keine beruflichen Möglichkeiten sahen. Schließlich sind deutsche Wissenschaftler zu nennen, denen man den Aufbau einer nationalen Rüstungsproduktion anvertraute.

Für die Bundesregierung erwies sich die Tätigkeit deutscher Militär- und Rüstungsexperten als dauerhaftes Ärgernis. Mit einer gezielten Kampagne von Attentaten auf deutsche Spezialisten und Waffenhändler suchte Israel, teilweise sogar auf westdeutschem Boden, diese Bedrohung abzuwenden.21 Bonn konnte bestenfalls versuchen, die deutschen Spezialisten durch Stellenangebote in Deutschland aus der politisch-diplomatischen Schusslinie zu holen und Israel durch westdeutsche Finanz- und Rüstungshilfe sowie durch Hilfestellungen für die israelischen Geheimdienste zu beschwichtigen. Hier lässt sich die Rolle des BND an zahlreichen biografischen Einzelfällen aufzeigen.

Anhand einer biografischen Fallstudie beleuchtet Wolfgang Krieger die verschlungenen Pfade des Richard Christmann, der in Tunesien und Algerien operierte und vom BND als Quelle geführt wurde. Allerdings enthält die vergleichsweise umfangreiche BND-Akte nur wenige Meldungen von Christmann, sondern vor allem Unterlagen, die sein heftig schwankendes Verhältnis zum BND belegen. Die Akte wurde offensichtlich erst angelegt, als Christmann nach den »fetten Jahren« seiner Agententätigkeit nahezu mittellos nach Deutschland zurückkehrte und versuchte, dem BND eine Altersversorgung abzutrotzen. Das misslang ihm allerdings. So lässt sich an seinem Fall nicht nur ein Stück BND-Auslandsaufklärung in Nordafrika aufzeigen, sondern zugleich ein Lehrbeispiel im Umgang mit einer Quelle, die einst hochgelobt und üppig entlohnt, doch dann mit einer bescheidenen Abfindung »abgeschaltet« und dem Schicksal überlassen wurde.

Christmann war kein Partei- oder SS-Mitglied gewesen, hatte jedoch während der deutschen Besatzungsherrschaft in Frankreich als Agent des Amts Abwehr eine zwielichtige Rolle gespielt, die nie völlig aufgeklärt wurde. Bemerkenswerterweise interessierte sich der BND dafür überhaupt nicht. Es reichte ihm, dass Christmann aus jener Zeit über persönliche Beziehungen zu Personen verfügte, die in den antikolonialen Bewegungen Nordafrikas wichtige Positionen einnahmen, und dass er mit ehemaligen Abwehrleuten, die später in den BND eintraten, auf gutem Fuß stand. Selbst seine parallele Tätigkeit für französische Geheimdienste, die im BND von Anfang an vermutet wurde, störte in Pullach niemand und wurde nie genauer untersucht. Das passte in ein Muster, möglichst wenig in den Biographien während der NS-Zeit »zu wühlen«. Möglicherweise wurde Christmann trotz seiner Rolle im deutschen Besatzungsregime von der französischen Justiz verschont, um sich in Nordafrika gegenüber der Republik Frankreich erkenntlich zu zeigen.

Seine Tätigkeit für den BND wäre in Vergessenheit geraten, hätte nicht ein Arte-Fernsehfilm im Januar 2013 eine spektakuläre Behauptung aufgestellt: Christmann habe die geplante Sprengung des Staudammes im südfranzösischen Fréjus durch algerische Terroristen im Dezember 1959 an den BND nach Pullach gemeldet, ohne dass diese Meldung an die französische Regierung weitergegeben wurde, um den angeblichen Anschlag rechtzeitig zu verhindern. Dieses Attentat soll Teil des algerischen Unabhängigkeitskrieges gegen Frankreich gewesen sein. Besonders medienwirksam wurde diese Anschuldigung, weil sie ausgerechnet zum 50. Jahrestag des deutsch-französischen Elysée-Vertrages von 1963 verbreitet wurde.

Wie auf der Basis der BND-Akten gezeigt werden kann, ist diese Anschuldigung völlig haltlos. Vor allem sind die französischen Behörden nach eigener akribischer Prüfung nie von einer Sprengung ausgegangen, sondern von einem Unfall, der durch einen Konstruktionsfehler der Staumauer ausgelöst wurde. Auch haben sich die Mitglieder der algerischen Unabhängigkeitsbewegung, einschließlich ihres gewaltbereiten Flügels, nie zu dieser angeblichen Tat bekannt. Die Anschuldigung von Arte stützte sich auf ein einziges Dokument aus Christmanns Privatnachlass. Es stammte von 1977, wurde also 18 Jahre nach der Staudammkatastrophe von ihm verfasst und nachweisbar falsch interpretiert.

Seit Beginn der 1950er Jahre wurde Lateinamerika schrittweise in das nachrichtendienstliche Aufklärungsprofil einbezogen, wie Holger Meding aufzeigt. Für dieses Ausgreifen bestand seinerzeit keine unmittelbare Notwendigkeit, ja nicht einmal ein plausibler Anlass. Gleichwohl erfolgte der Aufbau eigener, anfänglich vor den Amerikanern verborgen gehaltener Verbindungen, unabhängiger Strukturen und Netze mit bemerkenswerter Intensität.

Ohne einen kohärenten Plan umzusetzen, nutzte man in dieser frühen Phase verschiedene Gelegenheiten, die sich anboten. Ein bruchloses Anknüpfen an die Tätigkeit von Abwehr und Sicherheitsdienst der SS (SD) sollte es zwar nicht geben. Dennoch reaktivierte man auch Personen, die während des Krieges in diesem Raum bereits nachrichtendienstlich gearbeitet hatten. Parallel wurden externe Netze integriert und verstärkt neue Verbindungen aufgebaut. In den 1960er Jahren systematisierte und konsolidierte der BND dann seine Verbindungen zu den jeweiligen Geheimdiensten vor Ort. Der Antikommunismus stellte bei den Beziehungen die gemeinsame Basis dar. Die meis ten Staaten Lateinamerikas standen der Bundesrepublik Deutschland zudem wohlwollend gegenüber und hofften, in ihr ein Gegengewicht zu den übermächtigen USA zu finden. Dennoch gestalteten sich die bilateralen Kontakte angesichts häufiger Regierungswechsel oft schwierig.

Waren die Aufklärungsziele anfänglich eher diffus, so änderte sich die Lage mit dem Sieg der Revolutionäre auf Kuba im Jahre 1959. Damit war Lateinamerika nachhaltig in den globalen Ost-West-Konflikt einbezogen. Der BND passte unmittelbar seine Beobachtungsschwerpunkte den gewandelten Gegebenheiten und Bedrohungsperzeptionen an. Gehlen erhob Kuba und die Aktivitäten des neuen Regimes in Lateinamerika zu einem zentralen Gegenstand geheimdienstlicher Aufklärung.

Während der hochbedrohlichen Kubakrise von 1962 war der BND an der Beschaffung militärischer und politischer Daten beteiligt und konnte die Vereinigten Staaten mit relevanten Informationen versorgen. In der Folgezeit baute Pullach sein Engagement aus, sodass man in der Lage war, die gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen den Sicherheitskräften mehrerer lateinamerikanischer Staaten und den revolutionären Gruppierungen minutiös beobachten zu können. Sowohl zu Militärdiktaturen als auch zu Guerillagruppierungen bestanden enge Kontakte. Auch wenn der BND an neuralgischen Punkten verdeckt ermittelte, bleibt die Heterogenität seiner Präsenz auffällig. Während einige V-Leute bis in die politischen und militärischen Entscheidungszentren lateinamerikanischer Staaten vordringen konnten, misslang in anderen Fällen bereits die Kontaktaufnahme zu den nationalen Geheimdiensten.

Der NS-Hintergrund von Mitarbeitern und Quellen führte auch in der Lateinamerikasektion des BND zu misslichen Rückwirkungen. Trotz aktenkundiger Warnungen gelangten belastete Personen in verantwortliche Positionen, knüpften Verbindungen, sicherten sich regionale Arbeitsfelder und etablierten sich nicht selten als beflissene Informanten. Die inkriminierte Vergangenheit machte eine Trennung, selbst wenn sie unumgänglich war, oftmals schwierig.