Die Bankfrauen - Regina Egger - E-Book

Die Bankfrauen E-Book

Regina Egger

0,0

Beschreibung

Frauen auf Bänken findet die Autorin auf einer Reise ins Innere ihrer Familiengeschichte, die sie bis nach Weißrussland führen wird. Als Regina beginnt, online Russisch zu lernen, löst sie eine Lawine der verschwiegenen Erinnerungen aus: es gab da vielleicht einen Urgroßvater aus dem Osten. Kurz entschlossen nimmt sie zwei ihrer Kinder mit auf eine Reise ins Unbekannte, um auf ihre Art zur Völkerverständigung beizutragen. Es entsteht ein sehr persönlicher Einblick vom Osten und seinen Menschen, der zeigt, dass es sich lohnt, eine gemeinsame Sprache zu finden und sein Herz zu öffnen. Kleine Begegnungen, kuriose Erlebnisse und letztlich auch die Verbindung zur eigenen Familiengeschichte führen am Ende zu einer Verbundenheit, die Hoffnung macht.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern

Seitenzahl: 96

Veröffentlichungsjahr: 2021

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Die Bankfrauen. Bayrisch – Russische Begegnungen eines Jahrhunderts

Titel SeiteBuchbegleiterKapitel 1. Russisches LachenKapitel 2. Der AnschlagKapitel 3. BerührungspunkteKapitel 4. Lesen lernenKapitel 5. Bilaterale HilfeKapitel 6. Geschichten teilenKapitel 7. Ein GeheimnisKapitel 8. Minsk oder MalleKapitel 9. Stoffmuster und KrankenkassenKapitel 10. Kopfbilder löschenKapitel 11. Minsk und der KGBKapitel 12. Eine Kuh in BelarusKapitel 13. Raus aufs LandKapitel 14. Das Diplom und der ParkKapitel 15. ChatynKapitel 16. Der Hügel von WolkowiskKapitel 17. Beim russischen BärenKapitel 18. Erinnerung, verwoben mit VeränderungKapitel 19. Jak, do, se, tschar, panschNachwort von Barbara HockeImpressumÜber die Autorin

Titel Seite

Regina Egger

Die BankfrauenBayrisch-Russische Begegnungen in zwei Jahrhunderten

Buchbegleiter

Ich bin auf die Suche gegangen, nach Begegnung über Grenzen hinweg. Was ich gefunden habe, hat mich bewegt, erstaunt und verändert. Begleitet mich auf meiner Reise in die Lücken der großen Ost-West-Politik.

Im Spiegelsaal der Erfahrungen haben sich die Abbilder mit jedem Schritt gedreht und verändert, bis zur Unkenntlichkeit Vorurteile und Familiengeheimnisse zurückgeworfen. Diese Facetten meines eigenen West-Ost-Blickes lege ich hier offen. Ihr Lesenden könnt euer und ihr Weltbild mit dem Zerrbild im Spiegel abgleichen. Ich habe es nicht anders gemacht.

Evgenij, Oleg, Olga, Alexandr und Wladimir, und viele andere mehr, waren meine Begleitung zur russischen Sprache. Immer kommen neue hinzu. All meinen Russisch sprechenden Freunden, vor allem aber Vitaly, möchte ich danken. Sie haben mich darin unterstützt, mit einfachen Worten aus meiner Anschauung heraus zu schreiben, wiewohl ich mir im Klaren bin, die große Politik und all ihr Mediengepolter wirkt auch in mir.

Kapitel 1. Russisches Lachen

Unversehens bin ich eine Mutter in der Entwöhnungsphase. Plötzlich sind Zeitabschnitte frei. Diese Welt hat sich über Jahre jeden Tag weitergedreht und ich habe es nicht bemerkt. Nur Arbeit und Kinder, Mann und Kinder, Arbeit und Kinder. Jetzt kommen die ersten kleinen Fluchten in eine eigene Welt. Nicht als Mutter, Ehefrau oder Arbeitskraft, sondern als ich, als Regina.

Am Anfang steht ein Computer: Ich bin in dieser Nacht als Internetneuling im Schlepptau der www.werbung unversehens bei www.busuu.com, einem interaktiven Sprachlernprogramm, gelandet.

Ungefragt poppt ein Chatfoto in meinem Leben auf. Evgenij aus Belarus. Auf dem Bild ein Mann mit diesem alten grauen Telefonhörer aus meiner Jugend. Ein wichtiger Geschäftsblick – cool und ja, ein wenig wie ein Gangster in einem Schwarz-Weiß-Film. Ich bin plötzlich mitten in einem Roadmovie auf der Internetautobahn. Mit pochendem Herzen drücke ich fest den Startknopf meines Kopfkinos - chat on.

„Priviet(HALLO,Betonungen fett gedruckt) Bist du Deutsche?“ höre ich mit deutlichem Akzent.

„Ja“

„Ich habe Angst vor Deutschen.“

„Warum? Ich beiße nicht“, sage ich ein wenig kokett zu meinem Gangsterboss. Ich fühle mich wach und lebendig, wie bei einem Urlaubsflirt an der Bar in einer dieser Fernsehsendungen. Dieser coole Typ spricht mit mir.

„Aber Hitler, Deutscher.“

Filmriss. Automatisch schalte ich auf einfache Sätze. „Ich bin nicht Hitler, er ist tot.“

Scham kommt hoch. Regina aus Deutschland, das steht unter meinem Chatfenster zu lesen. Jetzt, wenn dieser Evgenij plötzlich von Hitler spricht, dann ist dies wie ein spitzer Stein beim Barfuß laufen. Es bleibt keine Zeit für Abwehrreaktionen, es sticht ins eigene Fleisch. Beide Großväter waren Soldaten. Ich habe keine vollständig entnazifizierte Vergangenheit. So bin ich, ein wenig selbstverliebt in die Kriegslast der Deutschen. Ich bin gegen weitere Kämpfe, ich habe aus der Vergangenheit gelernt. Krieg! Ein so kurzes Wort und dieser gewaltige Nachhall. Schon als Kind trug ich die Last meiner Großeltern und wollte die Welt friedlich machen und verbessern. Ich bin ganz Völkerverständigerin, wir Deutschen können auch anders. Oh, und wenn ich diese Rede schwinge, dann wirft normalerweise mein Mann ein: „Was machen wir dann am Hindukusch – doch nicht etwa unsre Demokratie verteidigen? Regina, hör auf zu träumen, schau genau hin. Es geht um Wirtschaftskraft.“

Noch immer ist nichts im Headset zu hören. Außer rauschen.

„Hallo, bist du noch da?“ frage ich vorsichtig. „Hitler ist tot.“ So ein Schwachsinn. Was sage ich da?

„Sind viele Nazis in Deutschland?“

„Entschuldigung! Es gibt einige: Immer wird es ein paar geben. Leider. Aber ich bin keiner! “ Hoffentlich sind alle Worte verständlich.

Ich höre in das Rauschen der Leitung. Pause.

„Lernst du Russisch?“

„Ja“, höre ich mich erstaunt sagen.

„Das ist gut.“ Und diese Antwort tut mir gut. Ich fühle mich richtig gut.

„Ich muss jetzt gehen, meine Tochter ruft. OK?“

„OK! Ich verstehe.“

„Bis morgen!“

„Poka!“

„Poka, was heißt poka?“

„Tschüss ...“

„Ich bin aus Bayern, wir sagen Servus. Servus und Pokaaus Bayern!“

„Cha cha cha – Servus - ich spreche Bayerisch und du verstehst mich! Cha cha cha!“

Und ich lache mit ihm und gehe dann endlich zu meiner Tochter ins Zimmer.

„Magdalena, wein nicht, deine Mama lernt Russisch. Alles wird gut. Poka, rate mal, was das heißt?“

„Steckst du dich zu mir?“

„Natürlich, Leni, ich stecke mich zu dir. Und wir lernen zusammen Russisch, wenn du willst.“

„Ich will nur stecken, Mama. Ich bin müde.“

„Dann schlaf, ich geb dir noch ein Bussi auf den Kopf. Ich hab dich lieb, bis Afrika, bis Amerika, bis Russland, bis Asien,bis Australien und um die ganze Welt.“

          Dieses Foto, die rauhe Stimme, das war der erste Russisch sprechende Mensch in meinem Leben. Sein russisches Lachen - nicht hahaha - nein – ein sehr rauhes cha cha cha. Ich fühle mich gut, wenn diese Stimme mit mir spricht. Ich werde ihm helfen, Deutsch zu lernen. Damit mache ich alles gut. Eine Deutsche hilft einem Russen, oder eben Belarussen – Wiedergutmachung online. Und ich träume von einem wichtigen Geschäftsmann, der mit mir kluge Gespräche führt mit dieser rauhen Stimme, mit allem drum und dran. So wird das endlich spannend. Hurra, ich erlebe was.

Am nächsten Abend gehe ich online. Ich warte und übe Russisch – erstes Übungskapitel. Bevor ich schlafen gehe, murmle ich viele Male priviet– Hallo in das Sprachprogramm. Da poppt endlich das Chatfenster auf. Wieder der coole Blick auf dem Bild. Jemand spricht mit mir, wenn ich Zeit habe: nachts, wenn die Kinder schlafen und mein Mann im Apartment nahe seiner Arbeitsstelle müde vor dem Fernseher hockt. Ich warte auf den ersten kehligen Laut auf Russisch.

So lerne ich, Übung für Übung. Evgenij ist der Motivator. Dieser Mann auf dem Foto, das ich immer vor mir sehe, er spricht mit mir. Und ich lerne über Belarus, ein Land der ehemaligen Sowjetunion, mit einer Geschichte, die das Land auch mal den Polen und den Litauern zuteilt. Immer herum gereicht, und ziemlich viel Leid. „Ja, sie sind es gewohnt zu leiden, die Weißrussen.“ Evgenij sagt das in einer so komischen Art, als wäre er stolz darauf, aber sicher bin ich nicht. Ich stehe hinter den Opferstaaten, den kleinen, den unterdrückten. Hausfrauenweltgeschichte wird durch den Kontakt Tag für Tag aufgepeppt, ich komme mir schon ziemlich aufgeweckt vor. Bis ich mit einer alten Schulfreundin telefoniere und ihr erzähle, dass ich Russisch lerne. Barbara, sie ist ihren eigenen Weg durchs Leben gegangen, anders als meiner. Während ich Windeln gewickelt habe, hat sie mehr Zeit zum Lesen gehabt. Ohne voneinander zu wissen, hat sie auch irgendwann angefangen, ausgerechnet Russisch zu lernen. Sie versteht meine Begeisterung und einen Buchtipp hat sie sofort parat.Timothy D. Snyder: Bloodlands. Europa zwischen Hitler und Stalin. 
C.H. Beck, München 2011.Bis dahin hatte auch sie nie so ganz genau wahrgenommen, wie der Osten, insbesondere die Ukraine und Belarus, unter dem Krieg gelitten haben. Hier hat der Geschichtsunterricht eine Lücke gelassen, wo wir beide unseren Geschichtslehrer immer noch für seine gute Arbeit dankbar sind. Wir im kalten Krieg groß gewordenen Frauen wurden nicht für Russland sensibilisiert. „Lies es, dieses Buch, auch wenn es weh tut.“ Ich hab es nicht zu Ende gelesen. So viele Millionen Tote, wie kann ich das einfach durchlesen.

Kapitel 2. Der Anschlag

14. November 2011 - Mitten im Begrüßen, kaum zwei Minuten sind wir online im Gespräch. Evgenij mit seinem zaghaften Deutsch, er wird plötzlich ein ganz anderer Mensch.

„Regina, ich habe Angst. Eine Bombe. Tote, viele Tote und Blut. Oh, mein Gott. Mein Belarus. Ich habe Angst.“ Ein Strom von russischen Worten, kaum deutsche, ich ertrinke in diesen russischen, hektischen Sätzen, verliere die Orientierung. Metro, Menschen, strach - Angst ...

„Was ist los? Evgenij, ich verstehe nicht? Sag mir, was los ist.“

Er will einen Freund anrufen, er macht sich Sorgen, höre ich raus, und er redet immer noch von Bomben. Poka.

Er ist weg. Wo bin ich hingeraten. Ich wollte heute eigentlich stolz von 1 bis 100 auf Russisch zählen üben. Und er klingt wie ein traumatisierter Mann, der aus dem Krieg kommt und Alpträume hat. Was ist los mit ihm?

Ich sitze da, allein mit dem Computer und ratlos. Ist er ein Psychopath? Habe ich einen Irren kennengelernt? Was sollen das für Bomben sein. Ich fühle mich schlecht. Mein Kopf ist orientierungslos. Ich kann das alles nicht einsortieren, das hier hat mich völlig verunsichert. Irgendwann schlafe ich ein.

Am nächsten Tag befrage ich google: Bomben, Metro, Minsk. Es gab tatsächlich am 14. November 2011 einen Bombenanschlag in der Metro von Minsk. Evgenij ist nicht verrückt! Ich fange an zu recherchieren. Es hat dieses Land getroffen, mehr als die deutschen Medien aufzeigen. Bei uns nur eine kleine Nachricht, aber in Belarus war dies ihr 9/11, ihr eingestürztes World Trade Center. Terror in Ländern außerhalb der Kernzone der EU-Friends ist nur eine Randzeile der Medienwelt. In Belarus steht ein ganzes Land still und ist voll Entsetzen. Ich sehe die Bilder auf russischen Seiten an. Ein Mann wird in einer Trage zum Rettungswagen geschleppt, sein Bein hört an der Wade auf und der Schuh mit dem Rest liegt darunter, Blut, Fleisch und bedrückte Gesichter der Rettungsleute. Blaue Planen über Körpern, die es nicht mehr geschafft haben. Irina schreibt von der Arbeit einen Text ins Sprachprogramm. Er endet: „Gestern ist Alexej nicht pünktlich gekommen und heute wissen wir, er ist tot. Er ist in der Metro verletzt worden und im Krankenhaus gestorben. Ich vermisse ihn.“

Die deutschen Medien emotionalisieren diesen Terrorakt nicht. Wozu, es ist in Minsk, im Nirgendwo. Aber mich belasten die Bilder der russisch sprechenden Videos. Am nächsten Tag in der Münchner U-Bahn denke ich an Alexej. Jetzt verstehe ich Evgenij.

Bald werden zwei Männer als Täter vorgeführt. Ich surfe und höre die ersten Verschwörungstheorien in deutschen Internetkommentaren. Lukaschenko braucht solch eine Katastrophe, um die Härte der Polizei zu rechtfertigen. Ja, böser Diktator. Ich sehe ab da nur noch unschuldige Jungs, die kurz vor der Hinrichtung stehen. Das alles auf der Grundlage von ein paar verschwommenen Aufnahmen der Videoüberwachung. Ich finde es logischer, dass der Diktator sich mit Blut befleckt hat. Davon abgesehen, Todesstrafe ist kein Weg. Ich streite mich ganz schrecklich mit Oleg aus Minsk und schimpfe auf sein Belarus. Dann erzählt er, sein Freund war in der Metro. Er hat sein Gehör verloren und eine Hand ist schwer verletzt. Er kann nicht mehr wie gewohnt zur Arbeit, die Metro kann er nicht betreten, er fängt an zu weinen wie ein kleines Kind. „Regina, ich weiß, du magst nicht die Todesstrafe, ich will nicht streiten. Aber ich denke an die Hand meines Freundes. Versteh mich doch.“

Die Bilder der Mütter dieser beiden Jungs im Gefängnis wecken meinen Mutterinstinkt. Sie werden ihre Kinder nie mehr sehen, nicht einmal die Leichen werden ihnen freigegeben. Auch dieses Leid drückt mich. Wenn sie unschuldig sind, wäre es unverzeihlich, aber auch mit Schuld ist es für mich unerträglich. Hier ist die Grenze. Schluss mit der Todesstrafe. Soll ich eine Petition von Amnesty unterschreiben? Irgendwie komm ich mir dabei naiv vor. Trotz kommt hoch.

Ich fange immer öfter an, Nachrichten zu lesen, deutsche und russische – zunächst mit Übersetzungsprogramm. Ich denke und frage nach. Skype eröffnet mir die Möglichkeit, ein paar persönliche Details zu erhaschen.