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Eine Reise in einem mit Blumen bemalten Auto quer durch Deutschland. Ohne Plan, ohne Hetzerei, ganz der Nase nach. Eine fast romantische Vorstellung. Die Vorzeichen waren eher ungünstig. Sich jahrzehntelang um Familie, Beruf und ihr Umfeld zu kümmen hat Regina Egger viel Freude bereitet. Doch es ist auch anstrengend. Als ihr im Job aggressives Mobbing widerfährt, machen Körper und Geist zu: sie findet sich in tintenschwarzer Depression wieder, kann kaum aufstehen, glaubt nicht an eine Zukunft. Als die schlimmste Phase vorbei ist, schwört sie sich: "Nie wieder. Ich lebe nur einmal, ich werde an meiner Gesundheit arbeiten." Es gibt einige rote Fäden in diesem Buch. Da ist die Reise selbst, schlafen im Blumenauto, die Entdeckung Deutschlands im Jahr 2020, nach dem ersten Corona- Lockdown. Die Kamera klickt und klickt. Da ist die Liebe zur Natur und Respekt vor dem Gedeihen unserer Nahrung in der Kulturlandschaft. Die Empathie für die Menschen, die der Autorin ihre Geschichten erzählen, ist zu spüren. Klare Kante gegen Faschismus wird als bedeutsam erfahren. Und natürlich die Depression, ein ungebetener Gast, der mitreist, der aber nicht das letzte Wort haben soll. Ein Mutmacher für alle Menschen mit Depression und auch für Angehörige ein interessanter Einblick. Als Bonus finden Sie / findet ihr im Text QR Codes, die zusätzlich mit einem klassischen Internetlink hinterlegt sind. Bitte scannen oder Link aufrufen. Dahinter verbergen sich kleine Videos mit Reiseeindrücken. Grad so, als sei man dabei. Hat man eines aufgerufen, sieht man auch die anderen Videos.
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Seitenzahl: 246
Veröffentlichungsjahr: 2022
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Eine Reise in einem mit Blumen bemalten Auto quer durch Deutschland. Ohne Plan, ohne Hetzerei, ganz der Nase nach. Eine fast romantische Vorstellung.
Die Vorzeichen waren eher ungünstig.
Sich jahrzehntelang um Familie, Beruf und ihr Umfeld zu kümmen hat Regina Egger viel Freude bereitet. Doch es ist auch anstrengend. Als ihr im Job aggressives Mobbing widerfährt, machen Körper und Geist zu: sie findet sich in tintenschwarzer Depression wieder, kann kaum aufstehen, glaubt nicht an eine Zukunft.
Als die schlimmste Phase vorbei ist, schwört sie sich: „Nie wieder. Ich lebe nur einmal, ich werde an meiner Gesundheit arbeiten.“
Es gibt einige rote Fäden in diesem Buch. Da ist die Reise selbst, schlafen im Blumenauto, die Entdeckung Deutschlands im Jahr 2020, nach dem ersten Corona-Lockdown. Die Kamera klickt und klickt. Da ist die Liebe zur Natur und Respekt vor dem Gedeihen unserer Nahrung in der Kulturlandschaft.
Die Empathie für die Menschen, die der Autorin ihre Geschichten erzählen, ist zu spüren. Klare Kante gegen Faschismus wird als bedeutsam erfahren. Und natürlich die Depression, ein ungebetener Gast, der mitreist, der aber nicht das letzte Wort haben soll.
Ein Mutmacher für alle Menschen mit Depression und auch für Angehörige ein interessanter Einblick.
Als Bonus finden Sie / findet ihr im Text QR Codes, die zusätzlich mit einem klassischen Internetlink hinterlegt sind. Bitte scannen oder Link aufrufen. Dahinter verbergen sich kleine Videos mit Reiseeindrücken. Grad so, als sei man dabei. Hat man eines aufgerufen, sieht man auch die anderen Videos.
Die vollständige Liste findet sich unter:
Videos von Eine Handvoll Morgen
von
Regina Egger
Inhaltsverzeichnis
Über dieses Buch
Buchbegleiter
Bayern
Plan und Wirklichkeit in Lockdownzeiten
Umschwung
Einfach geht anders
On the Road
Maria Eck
Edelweißpiraten
Corona zwingt in den Hopfengarten
Anneliese
Wege aus Bayern hinaus
In den deutschen Osten
Erinnerungen aus erster und zweiter Hand
Thüringen
Lauscha
Illmenau
Königsee
Buchenwald
Ettersburg
Weimar ... der Park und Schiller ... das reicht
Sachsen-Anhalt
Wernigerode – manchmal will man und kann nicht
Harz und Magdeburger Börde
Brandenburg
Kuhgedanken
Spreewald - Gurken
Buckow und Julianenhof
Uckermark - Industriedenkmal und Biomanager
Boizenburg
Mecklenburg-Vorpommern
Feldberg, Krumbeck und Ostsee
Ostsee und Rostock
nächster Tag: immer noch Rostock
Eintausend Kühe
Zingst
Grenzenlos
Schleswig Holstein
Der Westen hat mich zurück
Kiel
Schlei und Naturpark - Suche nach den Konik
Schock
Pellworm
Hamburg
Elbe
Rechts ist nicht Links
Und das alles an einem Tag
NRW
Maren
Pott
Rheinland-Pfalz
Eifel
Koblenz
Hessen
Herbert in Frankfurt
Erlensee und Heidelberg
Baden-Württemberg
Wein und Kirschen
Zurück auf Los
Meine Landeshauptstadt
Nachwort
Fußnoten
Impressum
„Ich bin chronisch depressiv“, so richtig leicht kommt mir das nicht über die Lippen, denn so eine Krankheit fehlte in meinem Lebensplan. Ich führe jetzt ein anderes Leben, ohne die gewohnten beruflichen Erfolge, viel zerbrechlicher, und habe das akzeptiert. Der Weg war lang, die Depression ist da, doch sie wird nicht über mein restliches Leben bestimmen.
Ich habe mit diesem Buch meinen ersten Sommer nach dem Schock der immer schwereren Episoden mit mehreren Klinikaufenthalten beschrieben. Ich hatte mich ins Auto gesetzt und war losgefahren, um das Schöne zu sehen und wieder Leben zu spüren. Ich fotografierte, um meine Kreativität am Leben zu erhalten. Ich schrieb, um meine Krankheit und meine Erlebnisse zu reflektieren.
Meine Geschichte soll Mut machen, sich trotz Depression rauszuwagen. Ich hätte es anders nicht ausreichend geschafft, ins Leben zurückzufinden. Ich möchte durch meine Offenheit ein besseres Verständnis bei jenen erwecken, die mit depressiven Menschen zusammen leben und arbeiten.
Mein Dank gilt meiner alten Freundin Barbara, die mich die ganze Zeit beim Schreiben begleitet und immer wieder korrigiert und motiviert hat. Ohne ihre Führung wäre ich nicht in der Lage gewesen, euch und Ihnen meine Gedanken und Erlebnisse in der Form mitzuteilen.
Ich freue mich, mit Texten und Bildern zeigen zu können, wie wunderschön Deutschland ist.
«Robert auf der Motoguzzi.Verdammt cooles Bild.»
Der TÜV lief aus. Von Anfang an hatte ich geplant, bevor mein gelbes Auto den ewigen Schrottgründen übergeben werden müsste, würde ich eine lange Reise machen. 13 Jahre lang,während die vier Kinder das Mamataxi benutzten und ich als Chauffeurin festhing, hatte ich Pläne geschmiedet. Ich wollte durch Russland fahren. So weit die Reifen tragen – analog zum Film „So weit die Füße tragen“1 – wollte ich bis Sibirien reisen und dieses weite Land für mich greifbar machen. Wieder eine eigene Spur im Leben ziehen. Zum Schluss das Auto loswerden. Damit würde eine Epoche zu Ende gehen, die Mamaära.
Doch mein Therapeut sagte, ich schaff das nicht. Und da ich schon auf winterlichen Fahrten auf den 120 km nach München viermal stehen geblieben war, habe ich den Plan ad acta gelegt. Ich musste kleinere Brötchen backen. Ein Freund in Russland bot mir an, in einer Datscha zu wohnen. Wald, Fluss, wenig Menschen, ein traumhafter Plan B. Ich sah mich fotografieren und den Wald erobern und jeden Tag durch die ländliche Siedlung streifen. Leider kam Corona, für Mai ein Visum zu bekommen war unmöglich. Russland war endgültig als Reiseziel gestorben. Zudem hatte meine schwere Depression den hart erarbeiteten russischen Wortschatz auf ein Minimum reduziert. Meine Ärztin gab mir wenig Hoffnung, dass sich die Sprache von selber reparieren würde, dies war schwer zu ertragen. Noch mal all die Grammatik zu wiederholen, das hatte ich derzeit nicht in greifbarer Nähe. Mein Kopf war matsche. Grad mal das Nötigste wurde geschafft. Und oft auch das nicht.
Als das mit dem ersten Lockdown anfing, im März 2020, war ich schon zwei Wochen mit einer seltsamen Grippe im Bett gelegen. Einschränkungen war ich also gewohnt. Doch jetzt brach meine Therapiestruktur zusammen. Meine beiden Angebote wurden geschlossen, obwohl ich noch sehr an diesen festen Haltepunkten hing, um den Faden nicht zu verlieren. Ich fand mich in einem Zuhause mit zwei orientierungslosen Leistungssportlern ohne Aufgabe, dem Vater der Kinder auf Kurzarbeit im Homeoffice und mit meinem kleinen Rentenbescheid. Meine Tochter hatte sich das Studium als Stewardess auf Lufthansa-Flügen finanziert. Auch da brach der Geldfluss ein. Die kleine Tochter war genervt, weil sie ihre Freunde nicht sehen konnte. Und die Freundin meines Sohnes zog ein, weil sie die Grenze nicht mehr passieren konnte, sie hat sich für die Liebe und gegen Österreich entschieden. Ich ging viel raus, hab mir meinen Teil gedacht und bin erstaunlich ruhig geblieben. Ich wurde gelassen, das war auch notwendig, eine musste den Haufen versorgen und beruhigen.
Das ist leider auch das Verhalten, das zu einer erneuten Depression führen kann. Angeschlagen kann man das Durchhalten nicht lange machen. Ich war mir der Gefahr bewusst, aber wie alle Menschen auf der Welt konnte ich aus der Pandemie nicht raus. Ohne dem Fotografieren, dem Frühlingserwachen der Natur, dem Draußen sein, wäre es wohl deutlich nach unten gegangen. Für Depressive ist es schwierig, sich aufzuraffen. Und alles Negative oder als negativ Gesehene wird zu einer unüberwindbaren Barriere. Erstaunlicherweise sank ich nicht so extrem ab. Unsere Familien-WG hatte nur eine leichte Schlagseite. In den ersten Wochen des Lockdowns war ich tatsächlich stabil. Zuerst war ja auch alle Welt freundlich und hilfsbereit. Im Aufzug klebten Hilfsangebote, damit alte Leute nicht einkaufen mussten. Wir waren alle auf Rücksicht eingestellt.
Der Abstieg der Psyche kam schleichend. Ich wurde wieder ängstlicher, zögerlicher, blieb viel im Bett. An den Punkt, an dem ich vor ein paar Monaten gewesen war, in einer abgrundtiefen Depression mit Angststörung, da wollte ich auf keinen Fall wieder hin. Nie wieder. Ich erinnerte mich an den Satz des Therapeuten, mein Job sei es jetzt, mich den ganzen Tag um die Gesundheit zu kümmern. Den ganzen Tag. Deswegen hatte ich ja die Rente bekommen. Sich kümmern ist die eine Sache, zum Planen einer Reise reichte die Kraft aber nicht mehr.
Im Schreibwarenladen Krittian lag ein Buch „Deutschlandreise“. Ich kaufte es spontan, es war schön gegliedert, und ich sah mir die Karten an. Deutschland, gleich nachdem der Lockdown gefallen sein würde, das wollte ich versuchen. Einfach mal in den Tag hinein leben und alles Schöne beobachten. Es war ein Greifen nach einem Strohhalm, bei dem ich nicht wusste, ob er mich über Wasser halten würde. Auf Reisen muss man aufstehen. Es geht gar nicht anders. Das war meine Chance.
Ich hab viele Tipps bekommen, was ich anschauen soll. Die Menschen verstanden nicht, dass ich mir kaum Namen merken konnte. Dass ich grad mal das Nötigste zusammenhalten konnte. Geschweige denn, eine Reise über Wochen im Voraus zu planen. Das geht nicht, wenn man so schwer krank war. Aber ich konnte fotografieren, ich wusste, dass es Osten und Westen gibt und Süden und Norden. Schon war mein Plan fertig, im Osten rauf bis Norddeutschland. Im Westen runter bis daheim. Was ich unterwegs machen würde, war auch schnell klar, langsam alles Gute genießen und immer, wenn es zu viel würde, Pause machen. Autobahnen wollte ich meiden, das Monotone ruft Gedankenkreisel auf den Plan. Ich wollte die kleinen Straßen nehmen, die sind abwechslungsreich und ich könnte in jeder Minute halten. Viele Freunde haben sich angeboten, mir einen besonderen Platz bei sich zu Hause zu zeigen, also wäre ich im Ernstfall gar nicht so ganz allein. Ich könnte jederzeit eines der Angebote nutzen. Das war’s.
Es zog mich trotzdem weiter runter, dieser Stillstand, die Angst meiner Eltern vor Corona und die abgesagte Operation meines Vaters, das Ungewisse, diese ausgestorbenen Straßen und vor allem, keinerlei professionelle Betreuung für die Depression zu haben.
Dann bin ich noch im Wald beim Rangieren in einen Ast gefahren und hab die Heckscheibe zerbrochen. Mein Reiseetat schrumpfte. Aber was sollte es. Ich würde mich anpassen. Ein wenig Weinen, dann diesen meinen depressiven Gedankenapparat wieder auf Spur bringen. Ich wollte mich nicht unterkriegen lassen.
Zuletzt bin ich zu Hause am neu hergerichteten Parkplatz auch noch ohne Handbremse ausgestiegen, schon lag das Auto mit den Vorderreifen im Graben. Was haben die Bauarbeiter gelacht. Ich war die Vierte an dem Tag. Aber in der Mittagspause haben sie dann alle Hand angelegt oder besser, einen Lader dran gehängt, das Auto aus dem Graben heraus gezogen und natürlich ein paar Witze über Frauen am Steuer gemacht.
Als Ersatz für meine Kunsttherapie begann ich mein Auto zu bemalen. Das war ein sehr anstrengender Akt. Künstlerfreundin Lilo hat mir den Platz vor ihrer Werkstatt überlassen und mich kräftig motiviert.
Mit dem bemalten Auto waren die Würfel gefallen, Deutschland wartete auf mich und die fahrende Blumenwiese – so nannte ich das Auto – würde mit mir das Land erobern. Ich legte jeden Ehrgeiz zur Seite, Hauptsache, ich startete. Selbst wenn ich bereits in München zurückruderte, es war mir tief drinnen alles egal. Ich wollte mich treiben lassen. Endlich raus aus der Abwärtsschleife. Ein Spurwechsel war angesagt, trotz alledem.
Das letzte? Problem kam einen Tag vor dem Start, als ich meinen Rücksitz zum Probeliegen nicht umklappen konnte. Heulend fuhr ich erneut zum Mechaniker. Der Franz hat sich verdammt schwer getan, hat extra einen Schraubenschlüssel umgearbeitet, bis der Rücksitz endlich flachlag. Trink einen Kaffee für mich an einer schönen Stelle, hat er statt einer Bezahlung gesagt. Franz sah vermutlich, dass ich grad ein wenig Unterstützung brauchte. Das hat gut getan.
Regen kündigte sich an, schnell warf ich die Gymnastikmatte rein und packte ein paar Sachen. Vorher hatte mir zum Packen die Kraft gefehlt. Jetzt ging alles zack, zack. Ich wollte weg, bevor ich den Mut verlor oder das Auto den Geist aufgab. Meine Kids halfen mir das Gepäck runtertragen, sie hatten begriffen, dass ich dringend Tapetenwechsel brauchte. Alles ein wenig improvisiert. Beide Kameras waren geladen. Der Start war für den nächsten Morgen geplant, ich verzichtete auf das Probeliegen und schlief ein letztes Mal in meinem Bett ein.
Ich bin auf einem Bauernhof groß geworden. Und wir hatten eine Ferienpension. Es gab niemand Unleidlicheren als Herrn Pieck, wenn er mit der Familie wie jedes Jahr bei uns war und es regnete. Dieses verdrießliche Gesicht und seine jammernde Stimme brachten meine Mama zum Verzweifeln. Wobei seine Kinder eh mit uns im Stall rumhingen oder im Heuboden heimlich Lager bauten, da war das Wetter nie ein Problem. Und er war mit seiner Frau in unserer guten Stube mit anderen Gästen am Canasta spielen. Er lachte dabei immer aus vollem Hals. Aber kaum war das Spiel vorbei, schon wurde aus dem Fenster geschaut und der miese Urlaubstag bejammert. Ich hab mir damals geschworen, mich nie über schlechtes Wetter im Urlaub zu beschweren.
Jetzt fuhr ich los an einem dieser feuchten Regentage und versuchte, in die Reise hineinzufinden. Erster Halt war bereits nach einem Kilometer bei Gisela, meiner Journalistenfreundin. Sie wollte was über die Reise für die Zeitung schreiben und noch ein Foto machen. Sie sollte den Artikel erst rausgeben, wenn ich unterwegs sein würde, deswegen kam ich auf den letzten Drücker. Ich wollte nicht, dass mich jemand vorher darauf ansprach. Ich hab auf alle Fragen, auch die zu meiner Gesundheit, offen geantwortet. Gisela ist eine dieser Freundinnen, die leider nicht jeder hat. Als ich kaum aufstehen konnte, rief sie mich unermüdlich an und lockte mich zum Spaziergang in den Zoo oder den Wald, sie organisierte nach dem Klinikaufenthalt eine Hundepatenschaft. So musste ich zweimal die Woche mit einem Wollknäuel marschieren und seine Kacke eintüteln, Hauptsache nicht im Bett rumliegen. Als ich Angst und Panik hatte, holte sie mich morgens für eine Stunde ab und ich saß in ihrer Wohnung, damit ich nicht alleine war. Ein wenig abgelenkt, Stimmen hören, Leben schnuppern. Ja, Gisela ist eine Heldin. Max auch. Er ist der Freund von Gisela, war im Tiergarten immer dabei und machte Späßchen. Ja, das waren ich, Gisela und das Jahr im Zoo und Max mit seinem Humor.
Warum sollte ich meine Depression verschweigen. Das wird eh landauf, landab getan, ich merke sehr wohl, wie es vielen schwer fällt, mit mir darüber zu sprechen. Das fühlt sich nicht gut für mich an. Und sobald einer dumme Sprüche macht, sagt man: „Hast deine Tabletten vergessen?“. Sehr komisch ist das für mich nicht. Ja, ich brauch Tabletten, um überhaupt in der Außenwelt leben zu können. Und ich war in der Klinik, wo man Menschen hinwünscht, die nur Blödsinn von sich geben. Klar, da steht kaum einer gerne dazu, dass man da mal länger im Irrenhaus war. Und dann zuzugeben, dass man nicht mehr arbeiten kann, obwohl man noch einkaufen geht. Obwohl man eine Reise machen kann. Das ist für viele dann Abzocke des Sozialsystems. Wie hat es eine Nachbarin formuliert: „Bewegen Sie ihren Arsch mal etwas mehr, Sie fette Kuh“. Tja, ich hatte tatsächlich insgesamt über 30 kg, na ja, genau 38 kg zugenommen, am Anfang hab ich nur noch gegessen, vor allem Süßes. Dreimal habe ich die Tabletten gewechselt, dachte, dann würde es besser. Aber es lag an mir, es war Teil der Krankheit, aus Frust / depressiven Momenten heraus zu essen. Seit es mir etwas besser ging, stand die Waage wenigstens still. Doch mein Ego als Frau litt unter den Kilos sehr. Es gab kein Geschäft mehr, in dem ich Klamotten kaufen konnte, außer in Spezialläden oder Abteilungen für Dicke. Für die Reise habe ich dann genug passendes Zeug aufgetrieben. Bei der Reha war ein Laden, der hatte Sportklamotten bis Größe 52. Da habe ich zum ersten Mal aufgeatmet. Ich bin nicht alleine, ich schaffe das, gesund und fit zu werden. Ich bin noch sichtbar im Markt für Sportbekleidung.
So richtig fit für eine Reise war ich zwar nicht. Gisela musste sich das alles anhören, fragte immer wieder nach einem Plan. Ich fahre, wenn es geht, und ich dreh um, wenn es mir zu viel wird. Ich kannte die Leute nicht, die mir ihre Gastfreundschaft anboten, ich wusste nur, was sie auf Facebook so schrieben. Ich konnte sowieso nicht planen, ich wusste nicht, wie weit ich kommen würde. Für keinen Tag wusste ich das. Es war nicht wichtig, das Wichtigste zu sehen. Diese Reise war da, um mich in Bewegung zu halten.
Ich war so weit. Die Stadt Freilassing lag hinter mir, der Regen plätscherte – und ich hatte keine passende Regenkleidung, schließlich hatte ich diese paar Rundungen zugelegt. Ich kam an unserem großen Fahrradgeschäft vorbei, da gab es sicher was. Wie sich später rausstellte, kaufte ich das wichtigste Kleidungsstück der Reise. Einen Regenponcho, unter dem auch die Kameras Platz hatten. Zuerst fuhr ich damit auf den Högl, um einen letzten Blick auf die Heimat zu haben. Da hörte glücklicherweise der Regen auf. Alles war frisch gewaschen, das Grün strahlte. Ich sah Salzburg in der Ferne und den Untersberg. Es klarte auf. Schön ist es daheim, warum fuhr ich eigentlich fort?
Wenn ich nicht einem Facebook Freund mein Vorbeischauen angekündigt hätte, dann wäre ich vermutlich erst mal gewandert. So fuhr ich weiter, aber nur bis zum Höglwörther See, dann musste ich raus und die Natur spüren. Ich parkte die Blumenwiese und ging los Richtung Rundweg. Ein paar junge Männer sprachen mich an, ob ich mich mit Fischen auskennen würde. Sie waren mit dem Radl aus Nürnberg gekommen und wollten zum Königsee, endlich raus nach dem Lockdown. Regennass und voller guter Laune quatschten wir ein wenig. Dann ging ich weiter. Niemand von denen konnte sehen, dass ich monatelang Angst vor Gesprächen gehabt hatte und bis heute Hemmungen beim Telefonieren. Ich war ziemlich stolz, dass ich so leicht mit den Jungs plaudern konnte. Sie hatten nichts bemerkt. Ich war geradezu euphorisch über diesen Etappensieg. Auf dem weiteren Weg sah ich alles intensiver, war voller Freude über jede einzelne Pflanze, über bemalte Steine, über den See. Das war wohl die Hoffnung, die aufkeimte. Ich habe meine Kamera auf alles gerichtet, was mir ins Auge stach.
Vor mir stand ein Mann und schaute auf den Boden. Ich ging hin und fragte, was er da suche. Es war etwas Überwindung nötig, aber es klappte. Ich hatte Kontakt, zum zweiten Mal in einer Stunde. Seit ich die Klinik verlassen hatte, hatte ich mit keinem unbekannten Mann gesprochen. Vor ein paar Wochen war ich sogar noch nach Hause gelaufen, weil ich Panik bekam, wenn mir ein dicker Mann entgegen kam. Der Mann, der mich mit Bossing k.o.-gehen ließ, der war auch dick. Und ein Mann, der, wie Trump, nie einen Fehler bei sich sieht. Bossing ist Mobbing vom Vorgesetzten. Eine schlimme Falle, aus der man nicht leicht entkommt. Am Ende machten mir alle Männer Angst.
Ich war so stolz auf mich, einen Mann angesprochen zu haben, das kann vermutlich niemand nachempfinden. Ich hatte mich rausgewagt aus meinem Kokon gegen Angst. In der Klinik waren einige Patienten mit Angststörung. Da hab ich mir abgeschaut, wie man da Schritt für Schritt dagegen ankämpfen kann. Und jetzt zog ich das durch. Ich hab so eine Art Mut der Hoffnungslosen entwickelt. Und da zeigte der Mann auf fingernagelgroße Babyfrösche auf dem Weg. So viele, man konnte kaum drüber gehen, ohne einen zu zertreten. Ich schaute eine Weile, wir warnten ein paar Fußgänger und dann drehte ich um. Nun verließ ich das Gebiet, das ich als Heimat bezeichne, vielleicht gab es sie in Deutschland auch noch irgendwo anders. Und dann musste ich pinkeln, ich sag aber nicht wie und wo.
Trotz der vielen Haltepunkte hatte ich noch massig Zeit, ich musste erst spät am Nachmittag in der Nähe Münchens sein. Da las ich Wendling und Mühlberg. Hier wohnte ja meine Tante, da hatte ich oft als Kind Urlaub gemacht. Und vom Mühlberg gibt es eine super Aussicht auf den Waginger See. Oben angekommen war neben der Kirche eine Bank frei und ich holte das Essen raus, das mir die Freundin meines Sohnes eingepackt hatte. Leckerer Gemüseauflauf und ein wenig Obst. Die beiden sorgten sich, dass ich gesund aß. Meine Söhne kontrollierten seit ein paar Wochen den Kühlschrank und das war gut so. Auf einer zweiten Bank saß eine Frau. Wir kamen ins Gespräch und erzählten, wie interessant im Lockdown die Spaziergänge ums Zuhause herum gewesen waren und dass man jeden Winkel in der nächsten Umgebung kennengelernt hat. Eine Dauercamperin vom Waginger See. Wir plauschten gemütlich, irgendwie hatte heute jeder Lust auf ein nettes Gespräch, ich denke, die Zeit der Isolation hatte unsere Hemmschwelle gesenkt. Der Ausblick auf den See ist wirklich sehr schön. Ich nahm mir vor, keine Freunde mehr fix einzuplanen, ansonsten hätte ich hier erst mal übernachtet und wäre kurz baden gegangen. Langsam angehen.
Das Pfarrhaus am Mühlberg war auch malerisch, ich machte ein paar Bilder, da kam Anni raus, die Besitzerin. Ihre Katze hasste Hunde und sie passte auf, dass es nicht zu Kämpfen kam, wenn ein Hund nicht an der Leine gehalten wurde. Anni erzählte, dass die Kirche von ihren Vorfahren erbaut wurde. Ja, es war ein wunderschöner Platz zum Leben, aber es würden auch viele fremde Menschen angelockt, Ruhe habe man keine so richtige mehr. Ein verwunschener Garten war noch zu pflegen, sie hatte im Alter genug zu tun. Fotografieren ließ sie sich auch. Nur die Katze wollte nicht drauf, aber irgendwie ging sie dann doch zu Anni. Später fuhr ich weiter, die Kirche bekam einen kurzen Blick, auch die Votivtafeln, die von erfüllten Gebeten zeugen. Ich betete nicht, ich wollte für mich selber sorgen. Wenn Jesus eine Hand frei hätte, dann sollte er nach Moria, der Flüchtlingsunterkunft in Griechenland, gehen. Und der Regenwald und seine Ureinwohner, ja, die vor mir auf der Liste waren erst mal dran, danach könnte er sich melden. Was ich brauchte, würde ich erst nach der Reise wissen oder ich würde dann einfach zufrieden sein, mit der Lage, so wie sie sein würde.
Noch hatte ich eine gute Orientierung, Heimat eben. Ich fuhr an Traunstein entlang, und plötzlich kam mir, dass ich noch nie die Traun in Ruhe betrachtet hatte, nur im Vorbeifahren. Schon stand ich am Straßenrand und ging das Flussufer entlang. Eine Oma war da mit ihren beiden Enkelkindern, sie warfen Stöcke in den Fluss und verfolgten sie mit den Augen, bis sie nicht mehr zu sehen waren. Ich fragte, ob ich ein Foto machen könne, und dann quatschten die Kinder munter drauf los und die Oma war ziemlich famos. Es war was Besonderes, so ungezwungen zu plaudern, lange war ich wie leblos gewesen und hatte sichtbar Probleme, jedwede Konzentration zu halten. Die lang währende Depression und Angststörung hatte mich daran gehindert, mit Menschen in Kontakt zu kommen. Bis vor zwei Monaten ging das nicht einmal im Internet. Ich ging zurück zum Auto und war erneut ziemlich froh. Einen Willen, die Hemmungen zur Seite zu schieben, um wieder ins Leben zu kommen, die Reise stärkte ihn schon den ganzen Tag.
Gleich an der Traun ist die Chiemgauhalle. Dort war immer der Kälbermarkt. Wenn wir unser Kalb verkauft haben, musste es in einer Arena rumgeführt werden. Ich hab das meistens gemacht, weil ich klein war. Mein Papa war ganz stolz auf seine tüchtige Tochter, aber er hat auch gemeint, dann wirke das Kalb größer. Es war eine tolle Atmosphäre, der Versteigerer ratterte angeblich Zahlen runter, ich hab fast nix verstanden. Aber wenn der Hammer aufschlug, musste ich das Kalb auf seinen Platz zurückbringen. Danach gab es in der Wirtschaft zur Belohnung ein Spezi und ein paar Pommes mit doppeltem Ketchup. Und ich saß dann inmitten der Bauern, die über ihre Arbeit philosophierten, Stammtisch halt.
Kaum ein paar Kilometer weiter las ich Maria Eck. Keine Ahnung, warum es mich schon wieder in die nächste Wallfahrtskirche zog, aber ich bog ab und fuhr den Hang hoch. Ich stieg aus meiner Blumenwiese aus, sah die Kirche und daneben ein sehr schönes Gasthaus. Das hatte jetzt wohl die erste Post Lockdownwoche wieder auf. Bier wurde gerade geliefert. Ich ging Richtung Kirche bis vor die Tür. Mundschutz vergessen. Diese Handbewegung in die Tasche und diese Enttäuschung, leer, wieder mal vergessen. Aber Kirche war doch gar nicht mein Ding. Es war wohl so ein Festhalten, Kirchen fühlen sich gewohnt an seit meinen katholischen Kindertagen.
Ich wollte auf meiner Reise durchschnaufen und mich an das Unterwegssein gewöhnen. Ich wollte nicht von einem interessanten Gebäude zum Nächsten fahren oder gar dran glauben, dass ich mich gesund beten konnte. Im Gegenteil, ein Teil meiner Krankheit
war doch auf das Duldsame der christlichen Erziehung aufgebaut und so manches andere auch. Also ging ich den Berg weiter Richtung Kloster durch eine traumhafte Blumenwiese – dieses Mal nicht das Auto –, auf der weiter unten ein paar Schafe grasten.
Vor mir ging eine Mutter mit ihren beiden Jungs. Ich holte die Kamera, nahm jede Blume und jedes Insekt vor die Linse, kurz, ich hatte viel zu tun, zu bücken und auf den Knien zu kriechen. Die Jungs hatten auch ihren Spaß, ich hörte sie ständig lachen. Als ich vor einem Strauch die Hummeln mit der Kamera einfangen wollte, fragte einer der Buben, ob er auch mal fotografieren dürfe. Ich zeigte ihm die Kamera, schaltete auf Automatik und er fing an, die Hummeln in den Fokus zu bekommen. Natürlich wollte kurz drauf der Jüngere auch und wir bekamen das ganz entspannt hin. Anschließend saßen wir auf den Treppen kurz vor dem Kloster und ich ließ mir alles erzählen, was sie so im Kopf rumtrugen. Hühner hatten die Eltern gekauft, das war grad das Großereignis. Und ja, sie kannten noch viele Kindergeschichten, nicht nur den Gameboy. Der Kleine war vielleicht vier oder fünf, er hatte ein echtes Taschenmesser. Ich sagte der Mama, wie ich mich freu, dass es noch Mütter ohne Helikopter gibt, die ihren Kindern auch Vernunft zutrauen. Er erzählte mir haargenau, was er später als Astzüchter und Schnitzer machen würde. Ritter wäre auch ganz toll oder irgendeine dieser Figuren, die ich nicht kannte, solche aus der neuen Kinderwelt. Und ich spürte, dass viele Menschen viel netter sind, als man gemeinhin denkt. Man muss nur Zeit in der Tasche haben. Man soll immer Zeit in der Tasche haben, das hat mir mal ein guter Freund aus Russland geraten. Er genoss das, wenn er sich auf dem Weg zu einem Termin noch mal Zeit lassen konnte. Meist kaute er dann seine Nüsse, die er in den Hosentaschen immer dabei hatte. Und dann beobachtete er jeden und alles, was um ihn vor sich ging.Ich stand auf und ging weiter, den Berg runter, noch ein paar Hummeln ablichten. Die Mutter hatte mir ihren Lieblingsplatz am Chiemsee genannt. Ich entschloss mich dann aber doch, durchzufahren bis zu meinem ersten Facebookfreund, den ich noch nie gesehen hatte. Keine Ahnung, was ich da machen würde. Ein wenig mulmig war mir schon, einen wildfremden Menschen zu besuchen. Aber das würde ich jetzt durchziehen. Alles musste anders werden, dafür musste ich aber auch ein paar Dinge anders tun.
Ich hab dann meine Devise – möglichst ohne Autobahn – einfach zur Seite gestoßen, schließlich wollte ich ja was Neues sehen und bin direkt per Autobahn bis Weyarn gefahren, um zu Robert zu kommen. Allerdings, das Navi hatte schon jetzt seinen Geist aufgegeben. Da ich eine enorme Schwäche beim Orientieren habe, weil Links und Rechts in meinem Gehirn sehr flexibel verortet sind, bekam ich einen Hauch von Panik. Doch Robert beschrieb telefonisch alles so genau, dass ich tatsächlich mit ein paar Rückfragen in den Siedlungsstraßen zu ihm fand. Ich parkte, ja, es war unverkennbar sein Haus. Bereits am Fenster und am Briefkasten ist klar, hier wohnt ein Antifaschist. Flagge zeigen. Klare Kante, klarer geht es nicht. Ich besuchte einen sehr geradlinigen Menschen, das zumindest erwartete ich.
Ich hatte bisher nur seine Posts auf Facebook gesehen und wir hatten kurz wegen des Termins gechattet. Er war Chef eines Motorradclubs, der sich Edelweißpiraten nennt. Und die haben interessante Veranstaltungen. Sie ehren Widerstandskämpfer. Und natürlich schaute auch alles nach einer guten Freundschaft aus, wenn Bilder von Touren gezeigt wurden. Aber das mit den Widerstandskämpfern und ebenso ein politisches Liedertreffen, das hatte mich angezogen. Leider war wegen Corona alles ausgefallen. Aber ich hatte es im Auge, irgendwann käme ich mal dazu. Ausgemacht war, zu seiner nahe gelegenen Lieblingsstelle zu fahren und ein wenig zu besprechen, was sein Club so macht.
Er schaute mich kurz an, ich hatte meine Maske auf, und schon wurde ich hereingebeten. Ein wenig unsicher war ich schon, ich hatte wieder Kontakt mit fremden Menschen. Und dann saß seine Mutter auch noch am großen Bauerntisch. Ich wollte keinen anstecken. Diese Pandemie hat die Wahrnehmung alter Menschen bei mir verändert. Doch wir saßen weit auseinander und zumindest stand die Terrassentür auf. Ich ließ meine Sorgen zur Seite gehen und wir lernten uns gegenseitig kennen.
Roberts Ahnen wurden aus dem Soča (sprich Sotscha) Tal angeworben. Das liegt in Slowenien. OF-Partisanen2. Er zeigte mir ein Foto der Gedenktafel am dortigen Friedhof. Sie zeigt, es wurde das Blut fast der ganzen Familie vergossen. Dann kamen Abwerber für das Bergwerk in Hausham in Bayern. Die ersten Gastarbeiterkolonnen machten sich auf den Weg, sein Großvater war dabei. Bergmann ist er geworden. Der neue Heimatkompass dieser Familie wurde also in Hausham ausgerichtet. Vater und Großvater, beide sind Bergwerker gewesen und im Herzen ganz fest Gewerkschafter. Diese linke Sozigesinnung der Arbeiterschicht hat Robert fest in sich verankert. Er ist ein ganz geradliniger Kämpfer.
„Ich bin ja kein kommunistischer Linker, ich bin eher Anarchist. Und das hat in Oberbayern ja eine gewisse Grundanerkennung“, erklärte er mir spitzbübisch.
Robert ist grad heraus, wie wir sagen. Er lässt sich nichts gefallen. Da setzt er schnell einen deutlichen Punkt. Ein ehrlicher Unternehmer. Und dann fragte ich noch sehr viel nach seinem Motorradclub gegen Faschismus. Ja, das gibt es! Hört, hört!
Die Geschichte der Edelweißpiraten hatte ihn seit Kindheit begeistert, er erzählte sie immer wieder. Junge Menschen, die nicht nur akademisch formulierte Flugblätter verteilt haben. Da wurden richtig Straßenkämpfe mit der Hitlerjugend geführt. Später wurden Juden und Strafgefangene versorgt. Heldentaten, die hart bestraft wurden. In Köln besteht ein Denkmal, ich hatte aber vor Robert nie von ihnen gehört, das finde ich sehr traurig. Denn Tausende von jungen Menschen haben in Köln Widerstand geleistet. Wer irgendwo Rocker sieht mit Fuck AfD und Nazis raus, da stecken dann Edelweißpiraten- Herzen unter der Kutte.
Dann zeigte er mir seine „Dicke“, eine gewichtige Motoguzzi, die mich an den Song von Udo Lindenberg, „Cowboy Rocker“ erinnerte.
Ich fuhr mit Robert zu seinem Lieblingsaussichtsplatz, einer Bank auf einem abgelegenen Hügel. Wir schauten ins Mangfalltal. „Da holen die Münchner ihr Wasser. Aber zahlen tun sie nix, da gibt es einen Vertrag von Anno Domini“, schmunzelte Robert.
Zum Schluss versprach er mir, wenn ich je Ärger mit Faschisten hätte, dann schickte er seine Mannschaft vorbei, um meine Argumente zu untermauern. Und zum Rockertreffen dürfte ich mit meiner Karre auch kommen. Ich bekam noch ein paar Aufkleber und eine Flasche Sekt für einen besonderen Abend. Der Aufkleber kam gleich auf die Autotür.
Was mich sehr ärgert, ist, dass die Beschaffungskriminalität zur Versorgung Verfolgter im Unrechtsstaat Drittes Reich nach wie vor als Straftatbestand besteht.
Die Edelweißpiraten gelten dadurch noch heute als verurteilte Kriminelle, obwohl einer der Mitglieder sogar als Gerechter unter den Völkern in Yad Vashem geehrt wird. Ich will das nicht akzeptieren, das kommt auf meine Liste der zu erledigenden Dinge. „Da waren die Gestapoverhöre Grundlage für Entscheidungen“, meinte Robert, das sollte mal ein entnazifizierter Richter neu aufrollen, so meine Meinung. Widerstand kann nicht nur von Universitäten und Adeligen anerkannt sein. Ich werde mich demnächst mal schlau machen, was da juristisch schief gelaufen ist. Oder hat jemand Zeit, das kann man doch nicht so stehen lassen?
Dann brauste Robert auf der Motoguzzi den Feldweg hinunter. Verdammt cooles Bild. Es wurde ganz still.
Ich packte mich auch wieder zusammen und rief meine Tochter an, bei der ich in München übernachten wollte.
Doch aus der Übernachtung wurde nix. Ihr Freund wurde grad von der Arbeit heimgeschickt, Quarantäne, ein Arbeitskollege hatte Corona, er hatte mit ihm maskenlos ein paar Besprechungen gehabt. Jetzt saß er mit Maske auf dem Sofa und wartete auf den Anruf des Gesundheitsamts wegen eines Testtermins. Ich fuhr kurz vor, holte mir ein Lunchpaket ab und den Laptop, den mir meine Tochter lieh. Sie war ein wenig nervös, aber eigentlich ganz gefasst. Wir hatten uns an Corona gewöhnt, ich wünschte ein negatives Ergebnis und fuhr weiter. Ich wollte kein Superspreader werden, der den nächsten Lockdown zu verantworten hatte. Ich steuerte jetzt einfach aus München raus, dann fiel mir ein, dass in der Holledau Hopfenanbau ist, da wollte ich schlafen.
