Die bärtige Frau - Bettina Wilpert - E-Book

Die bärtige Frau E-Book

Bettina Wilpert

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Beschreibung

Die Leipziger Lehrerin Alex reist übers Wochenende zu ihrer Mutter ins bayerische Heimatdorf. Ihre Mutter hat sich das Bein gebrochen. Gemeinsam mit ihrer großen Schwester will sie das Schlafzimmer ins Erdgeschoss verlegen. Es ist das erste Mal seit der Geburt, dass Alex von ihrem einjährigen Kind getrennt ist. Sie vermisst ihre Tochter und merkt, wie sehr der kleine Körper ihres Kindes ihrem eigenen eingeschrieben ist. Dieses Gefühl bringt sie dazu, sich selbst näher zu betrachten, über ihre Lebensentscheidungen nachzudenken und das Begehren, den Körper, das Geschlecht sowie ihre Sozialisierung zu hinter fragen. »Die bärtige Frau« ist ein Roman über den weiblichen Körper, dessen Veränderung, über Schwangerschaft und Mutterschaft, darüber, wie es ist, Kinder zu kriegen und in eine neue Rolle hineinzuwachsen. Es geht um christliche Prägung, darum, dass wir unsere Familie nicht loswerden, selbst wenn wir wollen. Über Lebensrollen sowie Entscheidungen, über Wertvorstellungen, Coolness und Realität. Ist der Wunsch nach Sicherheit verwerflich? Wie haben wir zu sein? Wer bestimmt es außer uns selbst? Bettina Wilpert schafft mit ihrem neuen Roman eine radikale Körperliteratur. Sie zeigt den Leser*innen die verschiedenen Facetten von Coming-of-Age, Schwangerschaft und Muttersein, und wie diese sich am Körper abzeichnen.

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Seitenzahl: 258

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Die Leipziger Lehrer*in Alex reist übers Wochenende zu ihrer Mutter ins bayerische Heimatdorf. Ihre Mutter hat sich das Bein gebrochen. Gemeinsam mit ihrer großen Schwester will sie das Schlafzimmer ins Erdgeschoss verlegen. Es ist das erste Mal, dass Alex von ihrem einjährigen Kind getrennt ist. Sie vermisst ihre Tochter und merkt, wie sehr der kleine Körper ihres Kindes ihrem eigenen eingeschrieben ist. Dieses Gefühl bringt sie dazu, sich selbst näher zu betrachten, über ihre Lebensentscheidungen nachzudenken und das Begehren, den Körper, das Geschlecht sowie ihre Sozialisierung zu hinterfragen.

»Die bärtige Frau« ist ein Roman über den weiblichen Körper, dessen Veränderung, über Schwangerschaft und Mutterschaft, darüber, wie es ist, Kinder zu kriegen und in eine neue Rolle hineinzuwachsen. Es geht um christliche Prägung. Über Lebensrollen sowie Entscheidungen, über Wertvorstellungen, Coolness und Realität. Ist der Wunsch nach Sicherheit verwerflich? Wie haben wir zu sein? Wer bestimmt es außer uns selbst? Mit ihrem neuen Roman schafft Bettina Wilpert radikale Körperliteratur.

Bettina Wilpert, geboren 1989, studierte Kulturwissenschaft, Anglistik und Literarisches Schreiben in Potsdam, Berlin und Leipzig. 2018 erschien ihr Debütroman »nichts, was uns passiert«, für den sie u. a. mit dem ZDF-»aspekte«-Literaturpreis für das beste literarische Debüt des Jahres, dem Förderpreis zum Lessing-Preis des Freistaates Sachsen und dem Kranichsteiner Jugendliteratur-Stipendium ausgezeichnet wurde. 2022 erschien ihr zweiter Roman »Herumtreiberinnen«. Sie lebt und arbeitet als freie Autorin und Mutter von zwei Kindern in Leipzig.

Bettina Wilpert

Die bärtige Frau

Roman

verbrecherverlag

Im Roman werden eine Fehlgeburt und eine Geburt beschrieben.

Erste Auflage

Verbrecher Verlag Berlin 2025

www.verbrecherei.de

© Verbrecher Verlag GmbH 2025

Gestaltung und Satz: Christian Walter

Druck: CPI Clausen & Bosse, Leck

ISBN 978-3-95732-608-9

eISBN 978-3-95732-619-5

Printed in Germany

Der Verlag dankt Antonia Frenz, Zita Perko und Annalisa Strien.

Is there something inherently queer about pregnancy itself [...]? How can an experience so profoundly strange and wild and transformative also symbolize or enact the ultimate conformity?

Maggie Nelson, The Argonauts

INHALT

DONNERSTAG

FREITAG

SAMSTAG

SONNTAG

Editorische Notiz

DONNERSTAG

Sie erinnert sich nicht, wann sie das letzte Mal allein gewesen ist. Sie steht am Fenster und schaut auf das Nachbarhaus, den kleinen Badesee dahinter, die Sonne geht gerade unter. Sie kennt diesen Anblick so gut, kaum etwas hat sich verändert, seitdem sie ausgezogen ist, nur der Gartenzaun der Nachbar*innen ist inzwischen grau und morsch. Ein Haselnussbaum wuchert die Einfahrt ihrer Mutter zu. Am Horizont erkennt sie die Alpen, ein Postkartenmotiv. Die Luft heute ist klar, keine Wolken am Himmel. Seitdem sie in München umgestiegen ist, hat sie Kopfschmerzen und hat daran gemerkt, dass heute Föhn ist. Nur an diesen Tagen sieht man die Berge, sonst bleiben sie verborgen.

Bevor das Essen fertig ist, würde sie gern ein paar Dehnübungen oder Yoga machen, ihre Mutter meinte, es dauere noch zwanzig Minuten. Yoga, um sich nach der langen Zugfahrt ein bisschen zu bewegen, ständig tut ihr alles weh. Yoga, um daran zu arbeiten, die Rektusdiastase zu schließen, diesen Spalt zwischen den geraden Bauchmuskeln, in dem sie ihre Finger versenken kann, den sie fühlen kann, wenn sie sich auf den Rücken legt, den Kopf leicht anhebt und ihre Finger etwas oberhalb des Bauchnabels in die Haut drückt. Sie hat es im letzten Jahr geschafft, die Lücke von ganzen vier Fingern auf nurmehr zwei zu schließen, hat regelmäßig, teilweise drei Mal die Woche, die Übungen gemacht, auch im Alltag darauf geachtet, sich im Bett immer über die Seite abzulegen, nie einfach gerade nach hinten fallenzulassen. Bloß nicht die gerade Bauchmuskulatur trainieren, las sie in Postpartum-Ratgebern und hörte sie weiße dünne Frauen in YouTube-Videos sagen, deren Lächeln bei den anstrengenden Bauchmuskelübungen einfror. Eine sagte, dass sie es in nur fünf Monaten geschafft habe, ihre zu schließen. Alex glaubt nicht mehr daran, dass sie den Spalt vollständig schließen können wird, sie hat keine Lust mehr, sich stets über die Seite abzulegen, sie will Crunches machen und Liegestütze, will stark sein, wenngleich sie das Gefühl hat, nie wieder so stark werden zu können wie vor der Schwangerschaft; gleichzeitig war sie nie so stark wie jetzt, das ewige Tragen des Babys, anfangs im Tuch, später in der Manduca, schließlich auf den Armen, stärkte ihre Schulter- und Nackenpartie, ihre Armmuskeln. Mütter sind die stärksten Menschen der Welt.

Ihr Körper ist das Sitzen nicht mehr gewohnt. Früher, während des Studiums, saß sie teilweise sechs bis acht Stunden am Stück in der Bibliothek, exklusive Rauchpausen. In Paulas erstem halben Jahr ging Alex jeden Tag zwei bis drei Stunden mit ihr spazieren. Mit Kind sitzt du nicht.

Sie hat auf diesen Moment gewartet, darauf allein zu sein. Doch sie hat ihn sich anders vorgestellt. Sie hatte sich Erleichterung ausgemalt, ein neues Freiheitsgefühl, das einem alten ähnelt, der Freiheit von damals auf einem Festival, diesem Gefühl morgens, als die Sonne aufging, sie zum Zelt zurücktorkelte und dabei über weite Felder blickte. Stattdessen fühlt sie sich eingeengt.

Sie hat sich vorgestellt, dass sie am ersten Wochenende, an dem Paula und sie getrennt wären, Lena in Hamburg oder Rosa in Wien besuchen würde. Ein Wochenende lang feiern, Alkohol trinken, Exzess. Stattdessen sitzt sie jetzt in ihrem alten Jugendzimmer und ist hier, um ihrer Mutter zu helfen, die die Treppe hinabgestürzt ist und sich dabei ein Bein gebrochen hat. Zum Glück ist nichts Schlimmeres passiert. Doch sie kann nicht mehr ohne Hilfe die Treppe in den ersten Stock zu ihrem Schlafzimmer hinaufsteigen, seit dem Unfall schläft sie auf der Couch im Wohnzimmer. Die ist allerdings viel zu klein und unbequem, also haben ihre Schwester Lena und sie angeboten, ein Wochenende vorbeizukommen, um das Kammerl neben der Küche auszuräumen und in ein Schlafzimmer zu verwandeln.

Im Zug hat sie recherchiert, wie viele Kilometer Paula und sie trennen würden: Von Haustür zu Haustür sind es knapp 470, so weit ist sie noch nie von ihrer Tochter, die seit Kurzem ein Jahr alt ist, entfernt gewesen. Alex vermisst Paula physisch, als hätte sie ein Körperteil verloren. Während sie das denkt, korrigiert sie sich – diesem Mutterbild will sie nicht entsprechen. Eine Mutter, die nicht ohne ihr Kind sein kann. Sie kann vier Tage von zuhause weg sein, ohne ständig an ihr Kind zu denken.

Sie kennt diesen Phantomschmerz bereits. Er befällt sie nicht zum ersten Mal. Nun ist er stärker geworden. Seit einer Woche, seitdem sie abgestillt hat, vermisst sie diesen kleinen Körper, der so oft ihren berührt hat, die Lippen, die an ihren Brustwarzen saugten, die Händchen, die sich dabei verschränkten, dieser kleine Körper, der Teil von ihr war und ihr so schnell davonwächst. Ihre Brüste sind wieder klein geworden, wie sie es vor der Schwangerschaft waren, haben jedoch die Form verändert, sehen jetzt eingefallen aus, leergesaugt.

Das letzte Mal wirklich allein gewesen ist sie in der Schwangerschaft. Bereits in den letzten Wochen vor der Geburt konnte sie nicht mehr durchschlafen, wachte mehrmals pro Nacht auf, meistens, weil sie pinkeln musste. Der Fötus breitete sich in ihr aus, ihre Gebärmutter nahm den ganzen Platz im Bauchraum ein, drückte auf die Blase, den Magen, die Lunge. Ab dem zweiten Trimester konnte sie nur noch kleine Portionen essen, da in ihren Magen kaum mehr etwas reinpasste, ständig war sie hungrig. Wenn sie die Treppe in den dritten Stock zu ihrer Wohnung nach oben ging, musste sie Pausen einlegen und nach Luft schnappen, denn ihre Lunge wurde vom Fötus eingequetscht.

Ihre Mutter hat ihr oft diese Anekdote erzählt, wie sie, als sie mit ihr, ihrem zweiten Kind, schwanger war, der Nahrung beim Wandern im Darm zuschauen konnte. Wie eine sich windende Schlange drückte sich der Darm durch die Bauchdecke hervor. Ihre Mutter erzählte, sie habe das Ganze wieder nach innen gedrückt. Auch nach der Geburt wölbte sich der Darm nach außen, als würde etwas in ihr weiterleben.

Wachte Alex nachts nicht wegen ihrer vollen Blase auf, dann davon, dass sie sich umdrehte. Sich von einer Seite auf die andere zu drehen, war keine selbstverständliche Bewegung mehr, sie musste sich dabei helfen, fasste mit einer Hand unter den Bauch und hievte ihn auf die andere Seite. Meistens schlief sie deswegen nur auf einer Seite, bewegte sich kaum im Bett, links neben ihr lag Oliver. Sie wollte den Babybauch nicht in seine Nähe bringen, er könnte sich im Schlaf unachtsam auf sie legen, das Baby quetschen.

Erst zum Ende der Schwangerschaft traute sie sich, es Baby zu nennen, nicht nur Fötus.

Manchmal wachte sie vom Strampeln oder Kicken des Babys auf. Sie hatte ihre Position leicht verändert, sich auf die andere Seite gewälzt, sich etwas tiefer in Embryohaltung in die Matratze gekuschelt und irgendein Körperteil des Babys war wohl dabei eingezwickt worden, es protestierte und strampelte sich frei. Alex drehte sich in die Ausgangslage zurück, das Baby wurde wieder ruhig, Alex war hellwach.

Manchmal wachte sie vollkommen grundlos auf; laut einigen Ratgebern bereitete sich der Körper damit auf den kommenden Schlafmangel vor. Vielen Dank auch. Wäre sie nicht besser vorbereitet gewesen, wenn sie möglichst ausgeruht war? Die vermeintliche Ruhe vor dem Tag X. Alle nannten ihn nur ET. Den ET solle man niemandem verraten, es würde nur Stress verursachen, wenn die Leute ständig nachfragten – Oliver und sie hatten ihn allen mitgeteilt.

Bevor Alex zu ihrer Mutter nach Bayern gefahren ist, ist sie durchaus ab und zu allein gewesen. Das erste Mal nach der Geburt ohne Paula fällt ihr wieder ein. Oliver war mit dem gerade zwei Wochen alten Baby im Tuch spazieren gegangen. Sie hatte eine ganze Stunde für sich. Sie erinnert sich, wie sie an der Spüle lehnte, dem Reflex widerstand, das Radio anzuschalten, Nachrichten zu hören, die Welt interessierte sie nicht. Im Wochenbett bestand die Welt nur aus Paula, Oliver, Alex und ihrer Wohnung, die sie bis dahin nur zweimal verlassen hatte; sie interessierte sich weder für die aktuellen Infektionszahlen, noch die Inzidenzwerte oder die Anzahl der Toten.

Jetzt in ihrem alten Zimmer ist dieser kleine Mensch nicht da: Paula, die sie die ersten Wochen und Monate ihres Lebens fast pausenlos am Körper getragen hat.

Sie blickt auf ihre Hände und sieht die Hände ihrer Mutter. Je älter sie wird, desto mehr treten die Adern auf ihren Handrücken hervor; wie ein Wurzelgeflecht durchziehen die blauen Blutgefäße die Hände ihrer Mutter.

Damals, während Oliver mit Paula spazieren war, stand sie in der Küche mit dem Schwamm in der Hand, den sie schließlich auf die Metallablage neben dem Wasserhahn legte, – sollte Oliver doch heute Abend abspülen – spürte sie das erste Mal den Phantomschmerz, der kein Schmerz war, vielmehr eine Sehnsucht nach dem kleinen Körper. Paula fehlte.

Was sollte sie mit ihrer freien Zeit anfangen? Da sie sich gegen Abspülen oder Putzen entschieden hatte, beschloss sie zu duschen. Die ersten Tage nach der Geburt zuhause duschte sie seltener als früher, höchstens alle drei Tage, ihr war egal, wie sie aussah oder roch. Bloß keine Deos benutzen, hieß es, das Baby solle den natürlichen Geruch der Mutter in sich aufnehmen, alles andere sei schlecht für das Bonding. Ihr Körper war ihr fremd. Von einem Tag auf den anderen war sie nicht mehr schwanger, der Bauch war seltsam eingefallen, trotzdem sah sie angezogen weiterhin schwanger aus, als wäre sie im sechsten oder siebten Monat. Ihr Körpergefühl hatte sich verändert. Das zusätzliche Gewicht, das sie all die Monate mit sich getragen hatte, war verschwunden. Ihr Körpermittelpunkt hatte sich verschoben, ihr Gleichgewicht musste sich erst wieder an die vermeintlich neue Leichtigkeit gewöhnen.

Sie drehte die Brause auf. Das Wasser schaltete die Welt aus. Sie war allein.

Die alten Poster aus der Bravo von Orlando Bloom und den No Angels an den Schranktüren verraten, dass es einmal ihr Jugendzimmer gewesen ist. Bis auf den Schrank hat ihre Mutter jedoch alle Möbel ausgetauscht. Das erste Mal seit über einem Jahr wird Alex allein in einem Bett schlafen.

Draußen gurrt eine Taube. Wie viele Abende hat sie als Teenager damit verbracht, Musik zu hören, aus dem Fenster zu starren und sich ein anderes, aufregenderes Leben vorzustellen? Bloß weg aus diesem Kaff.

Vor ein paar Jahren noch, wenn sie heimgekommen ist, hat sich ihr Brustkorb bei der Ankunft verschlossen. Obwohl die Landschaft Weite suggerierte, prallte Alex’ Blick an ihr ab. Inzwischen kann sie die schöne Umgebung dafür schätzen, was sie ist. Sie wohnt lange genug woanders, um sich nicht mehr mit diesem Ort zu identifızieren.

In den ersten Monaten nach der Geburt genoss sie es, Zeit zu zweit mit Paula zu verbringen, ohne Oliver, ohne eine Verabredung. Nur allein mit Paula gelang es ihr, die Zeit nicht effektiv zu nutzen, Zeit war dazu da, um sie mit ihrem Baby zu verbringen. Oft stand natürlich der Haushalt an, basale Selbstfürsorge wie Zähneputzen oder sie musste kurz eine Mail schreiben. Meistens schob sie all diese Aufgaben in den Abend, zwängte sie nicht in die so kostbare Zeit mit Paula – genauer: in die Zeit, in der Paula wach war und ihr Blick mit jedem Tag aufmerksamer für ihre Umwelt wurde.

Manchmal versuchte sie, den Haushalt mit Paula nebenher zu erledigen, doch meistens wollte sie nicht abgelegt werden, sobald Alex sie in den altertümlichen Stubenwagen, den sie von einem Raum in den anderen schieben konnte, legte, begann Paula zu schreien. Also alles mit einer Hand erledigen: die Küchenoberflächen abwischen, Spülmaschine einräumen, Socken aufhängen; nur das Abspülen oder das Aufhängen größerer Kleidungsstücke gelang ihr nicht mit einer Hand.

Sie entscheidet sich gegen Yoga, geht in den Flur und brüllt vom ersten Stock die Treppe hinab: »Mama, brauchst du Hilfe beim Kochen?«

Ihre Mutter antwortet nicht.

»Mama?«

Na gut, dann nicht.

Die ersten Tage im Wochenbett, bevor Oliver das erste Mal mit Paula im Tuch spazieren war und bevor Alex das erste Mal seit der Geburt länger allein duschte und versuchte, alles auszublenden, hatte sie stets nur kurz geduscht. Auch wenn sie nur wenige Minuten von dem kleinen Körper fort war, konnte sie die Trennung kaum ertragen, konnte sich kaum auf sich selbst oder ganz auf das Duschen einlassen. Während des Wasserrauschens achtete sie darauf, ob Paula schrie – obwohl Alex es nicht musste. Wenn Paula weinte, würde Oliver an die Badezimmertür klopfen. Und das Baby fıng immer an zu schreien, wenn Alex unter der Dusche stand, gerade die Haare einshampooniert hatte, dann wusch sie sich hektisch den Schaum aus, trocknete sich nicht ab, sondern schlüpfte hastig in den Bademantel – es war ohnehin praktischer, wenn sie die Brüste nicht erst unter dem T-Shirt hervorholen musste. Paula schloss die Augen, als es aus den nassen Haaren auf sie tropfte.

Paula schrie und mit ihrem Schreien kamen die Schuldgefühle. Man solle das Baby nicht schreien lassen, hatte sie gelesen, es sei wichtig, es vor dem ersten Schrei an die Brust anzulegen, die Zeichen des Hungers zu erkennen: Händereiben, Kopfwenden, Suchen der Brust mit den Lippen oder Suchbewegung des Kopfes. Sobald es schreie, sei es zu spät. Das würde sich rächen, prophezeite die Hebamme. Reagierte man, also Alex, zu oft zu spät, würde das Baby sich das einprägen und alsbald nur noch schreien.

Alex und Oliver gaben sich wirklich große Mühe, Anzeichen zu erkennen, doch da waren keine. Paula schrie. Alex fühlte sich schuldig.

»Mama?«, sie probiert es wieder.

»Was denn?«, schallt es ihr aus dem Flur im Erdgeschoss entgegen, im Hintergrund hört Alex die Dunstabzugshaube rauschen.

Ob sie Hilfe brauche beim Schneiden?

»Du kannst gleich den Tisch decken.«

Im Flur riecht es bereits nach Bratensoße. Wie lange es noch dauere, sie wolle gern noch duschen.

»Ja, kein Problem.«

Sie geht in ihr altes Zimmer zurück. Ihre Brüste spannen, sie rückt den Still-BH, den sie immer noch trägt, zurecht.

Wann Oliver und sie das erste Mal über das Thema sprachen, weiß sie nicht mehr. Als sie ein Paar wurden, war Alex 27, er fünf Jahre älter als sie. Es war in dieser Beziehungsphase, in der klar wird, entweder sie trennen sich und beide haben früher oder später neue Partner*innen oder sie ziehen zusammen und bekommen Kinder. Kinder kriegen als logische Schlussfolgerung, als nächster Schritt, als nächste Stufe des Älterwerdens.

Obwohl Alex grundsätzlich Kinder haben wollte, gab es einige Phasen in ihrem Leben, in denen sie keine wollte. Sie ist froh, sich den Zeitpunkt ausgesucht zu haben, froh, dass sie in einer Welt lebt, in der sie ihn bestimmen konnte – zumindest teilweise.

Als sie noch in der Schule war, stellten ihre Freund*innen und sie sich vor, wie es wäre, ungeplant schwanger zu werden. Sie waren sich einig, das schlimmste Szenario wäre, ohne Abschluss dazustehen. Also nahmen sie alle die Pille.

Bei ihrem ersten Gynäkolog*innenbesuch mit ihrer Mutter war sie 16 und hatte damals ihren ersten richtigen Freund. Schon vor ihm war sie mit Jungs gegangen, doch mit denen wollte sie nicht den nächsten Schritt machen. Mit einem von ihnen traf sie sich nach der Schule, sie lagen in seinem Zimmer, dessen Wände mit Quentin-Tarantino-Filmpostern gepflastert waren, auf dem Teppich, weil das Bett zu schmal war, und knutschten. Nichts weiter, sie lagen aufeinander, wechselten ab und zu die Stellung, mal er unten, sie oben, auf der Seite, sitzend; sie streichelten sich nicht, machten keine Pause im Teenagerzungenrollen. Rosa, ihre beste Freundin, die mit einem Jungen ging, der zweimal sitzen geblieben war und von dem alle wussten, dass er vor dem Schulklo tickte, erzählte ihr, wie er beim Rummachen fest in ihren Arsch gekniffen und es ihr nicht gefallen hatte, sie ihn dennoch gewähren ließ. Alex’ Gspusi wäre niemals auf so eine Idee gekommen und sie auch nicht. Erst mit Robert wollte sie mehr, wollte sein T-Shirt nach oben ziehen, den Flaum zwischen Unterhose und Bauchnabel zwirbeln, und wenn sie auf ihm lag, den warmen Penis an ihrer Vulva spüren.

Sie schlug es ihrer Mutter selbst vor. Ihre Schwester Lena nahm längst die Pille – sie war schon in der Kollegstufe. Alex wollte endlich zu den Mädchen gehören, die sich in den Pausen erzählten, sie hätten letzte Nacht die Pille vergessen, Durchfall gehabt oder besoffen gekotzt und sich fragten, ob sie nun schwanger wären.

Zwischen Alex’ Mutter und ihr gab es nie ein richtiges Aufklärungsgespräch; ihr Wissen über Sexualität hatte Alex aus dem Fernsehen, der Schule, von Freund*innen und ihrer Schwester. Mit zwölf durfte sie zwar endlich Titanic schauen, aber Lena spulte die Sexszene im Auto, in der Roses Hand langsam an der beschlagenen Scheibe nach unten rutscht, vor.

Als sie einmal ein Aufklärungsgespräch einforderte, schlug ihre Mutter ein Buch auf. Die Bilder darin zeigten weibliche Geschlechtsorgane und wie ein Baby darin heranwächst. Dass es die Pille gibt, erwähnte sie nicht.

Die Mädchen lasen heimlich unter der Schulbank die Bravo oder die Bravo Girl. Bei den Antworten von Dr. Sommer auf intime Fragen zur Erektion oder zu Körperbehaarung mussten sie kichern. Sie verglichen ihre Körper mit den nackten Personen auf den Fotos, die in jedem Heft waren, Brüste, Bauch, Oberschenkel.

Eine Freundin, die eine andere Schule besuchte, berichtete von einer Aufklärungsstunde, in der die Schüler*innen üben mussten, einer Banane ein Kondom überzuziehen. Der Aufklärungsunterricht auf Alex’ katholischer Schule bestand darin, dass ihnen im Biologieunterricht der Unterschied zwischen Begattung und Befruchtung erklärt wurde.

Mit 16 ging sie also zum Gynäkologen. Sie kannte andere Teenager, die die Pille wegen ihrer schlechten Haut oder Gewichtsproblemen bereits mit 13 oder 14 Jahren verschrieben bekommen hatten. Alex hatte zwar als Jugendliche auch ein permanent mit gelben Pickeln entzündetes Kinn, aber keine Akne, und ihre Mutter hatte ihre Bitte nach der Pille ein paar Jahre zuvor ohne Umschweife abgelehnt.

Der erste Besuch beim Gynäkologen war unspektakulär. Der Arzt verschrieb ihr die Pille, nicht einmal untersucht wurde sie.

Sie erinnert sich an eine Mitschülerin, die Vielraucherin erklärte Rosa und ihr, es sei gefährlich zu rauchen und gleichzeitig die Pille zu nehmen. Sie standen vor der Eisdiele gegenüber der Schule, in der sich Alex, wenn sie Geld hatte, einen Cappuccino kaufte. Vor Kurzem erst hatte sie angefangen, Kaffee zu trinken, und fühlte sich so erwachsen dabei. Sie war jetzt 18 Jahre alt, hörte das erste Mal von Thrombosen und kapierte nicht, was ihre Mitschülerin damit meinte. Sie würde noch mehrere Jahre rauchen und gleichzeitig die Pille nehmen, Angst vor Thrombosen bekam sie erst nach der Blinddarmoperation, als sie sich in Thrombosestrümpfe zwängen und Bettruhe halten musste. Im Wochenbett stieß sie sich jeden Tag Spritzen in die Oberschenkel. Anfangs hatte Oliver sie ihr verabreicht, und Alex wandte den Kopf dabei ab, doch oft vergaß sie, ihn abends, wenn Paula ihre Schreiphase hatte und kein Stillen half, er sie wippend im Fliegergriff durchs Schlafzimmer trug, danach zu fragen. Als der rechte Oberschenkel mit blauen Flecken übersät war, wechselte sie das Bein.

Hinter dem Nachbarhaus glitzert der Badesee in der Sonne. Der bayerische Himmel sei etwas ganz Besonderes, hat ihre Mutter einmal gesagt. Alex hat es nie geglaubt, erst bei einem Festival in MeckPomm konnte sie beobachten, dass der Himmel dort wirklich anders war, er war weit und tief, durch die flache Landschaft wirkte das Licht länger, die Wolken waren verstreut, sie sahen nicht so aus wie in Bayern, als hätte ein Kind sie gemalt. Wenn kein Föhn ist, hängen oft dicke weiße Wolken am Himmel, aufgequollen wie ein Blumenkohl. Dort im Voralpenland, wo sie aufgewachsen ist, sammeln sie sich vor den Alpen, um geschlossen abzuregnen oder sich in eine Gewitterarmada zu verwandeln, die ab und zu für stromlose und damit fernsehlose Nächte auf den Dörfern sorgt.

Sie schickt Oliver ein Selfıe von sich am Fenster: »Bin gut angekommen.« Die Berge sind leider zu weit entfernt, um sie auf dem Foto erkennen zu können.

Sie fragt sich, ob es eine Auswirkung auf ihre Sexualität in ihrer Jugend gehabt hätte, hätte sie die Pille nicht genommen und stattdessen mit Kondom verhütet. Sie haben gelernt, dass Kondome unsicher seien, von anderen Verhütungsmethoden wurde ihnen ganz abgeraten. Die Spirale sei nichts für junge Mädchen wie sie, wenn sie später noch Kinder bekommen wollten – immer dieser Nachsatz, diese Abfolge, die nicht hinterfragt wurde. Von der NFP erfuhr sie erst mit Ende zwanzig von ihrer Schwester, die ihr unerschöpfliches Wissen über Sexualität mit ihr teilte.

Alex’ Freundin Karo ging mit 23 mit dem Vorsatz zum Gynäkologen, sich eine Spirale einsetzen zu lassen. Der Gynäkologe glaubte ihr nicht. Sie sei zu jung, um zu wissen, ob sie eines Tages Kinder haben wolle oder nicht. Die Gefahr, unfruchtbar zu werden, sei durch die Spirale zu groß. Karo war sich sicher, dass sie nie selbst ein Kind austragen wollte – sie konnte sich eine Verantwortung für ein Kind vorstellen, aber nicht als leibliche Mutter, vielleicht würde sie eine Tante sein, ohne mit dem Kind verwandt zu sein.

Die Pille hatte ihre Libido unterdrückt, wie Alex erst nach der Absetzung gemerkt hat. Sie hatte dennoch nicht wenig Sex gehabt, nicht nur im Vergleich. Rosa log sie nicht an, Laura übertrieb, der Durchschnitt, das, was die Teenager für normal hielten, lag irgendwo dazwischen. Alex und Robert, ihre erste lange Beziehung – zwei Jahre sind lang, wenn du so jung bist –, hatten im ersten halben Jahr keinen Vaginalsex gehabt, weil Alex Angst vor dem ersten Mal hatte. Dieses erste Mal. Davon hatte sie so viel gehört, gelesen, gesehen, die amerikanischen Filme und Serien, die sie jeden Mittwochabend und Samstagnachmittag schaute, waren voll davon, es wurde die ganze Zeit darüber geredet. Gezeigt oder getan wurde es nicht.

Rosa hatte es wehgetan, hatte sie erzählt, alles sei voller Blut gewesen, sie habe geheult. Warum sollte Alex etwas tun, das ihr Schmerzen bereiten würde? Ihre Schwester sagte, irgendwann tue es nicht mehr weh, manchmal würde es Spaß machen.

Bei Alex kam kein Blut. Es schmerzte, aber nicht so schlimm wie befürchtet. Bei den ersten Versuchen hatte es nicht geklappt, er konnte nicht in sie eindringen. Heute weiß sie, dass sie ihren Beckenboden angespannt hatte, niemand hatte ihr von diesen Muskeln erzählt, die sie erst lernen musste zu fınden, um sie zu entspannen.

Diese Muskeln, die für eine Geburt so wichtig zu sein scheinen und von denen während der Schwangerschaft ständig die Rede ist: bloß den Beckenboden gut trainieren, damit sie nicht inkontinent wird, die Geburt sei weniger schmerzhaft, wenn er gut trainiert sei und am besten bereits die ersten Tage im Wochenbett wieder mit leichten Beckenbodenübungen anfangen. Die Hebamme im Rückbildungskurs flüsterte mit säuselnder Stimme, sie sollten die Augen schließen und sich vorstellen, um die Muskeln anzusteuern, eine Lotusblume würde sich beim Atmen öffnen und schließen, öffnen und schließen – alles klar, dachte Alex.

Erst nach der Schwangerschaft gelang es ihr, diese Muskeln, die alles zwischen Klitoris, Hüftknochen und Anus zusammenhalten, bewusst anzuspannen. Selbst heute, nach all dem Suchen und dem Training, gelingt es ihr nicht immer, den Beckenboden zu entspannen. Das Spekulum beim Gynäkologen fındet sie immer unangenehm, obwohl sie mehrmals davor ein- und ausatmet.

Als Teenager hat sie viel ausprobiert. Nach der Beziehung mit Robert schlief sie alle paar Monate mit einer anderen Person, hinter der Nebenbühne auf einem Festival, nach dem Abiball auf einem Clubklo usw.

Mit 24, nachdem sie die Pille beinahe acht Jahre am Stück, mit nur einer kurzen Unterbrechung von einem halben Jahr genommen hatte, setzte sie sie ab. Ihre damalige Motivation war vor allem das Geldsparen gewesen, fast 30 Euro im Monat zahlte sie dafür. Außerdem gab es immer wieder Zeiten, in denen sie keinen regelmäßigen Sex hatte. In Wien hatte sie die ersten eineinhalb Jahre gar keinen, dann kam Nico.

Es dauerte, bis sie ihre Monatsblutung nach der Absetzung wieder bekam. Ihre Haare fıelen aus, die Hormone stellten sich nur langsam um, schließlich hatte sie jahrelang nicht ihre körpereigenen Hormone produziert, überhaupt hatte sie keinen wirklichen Zyklus gehabt, nur einen vorgespielten. Fast ein halbes Jahr hatte sie braunen Ausfluss, der über Tage, manchmal Wochen ging. Erst nach vier, fünf Monaten kehrte die Blutung vollständig zurück. Plötzlich spürte sie ihre Libido. Auch während der Einnahme der Pille hatte sie Lust verspürt, doch nun änderten sich ihre Empfındungen täglich und waren abhängig vom Zyklus. Davor war jeder Tag gleich gewesen. Ihre Lust auf Sex hing von anderen Personen ab. Sie musste begehrt werden, um feucht zu werden. Hatte sie nun Eisprung, war sie ständig geil, befriedigte sich mehrmals am Tag, fand Menschen attraktiv, die ihr vorher nicht aufgefallen waren. Kurz bevor die Blutung begann, war sie stets hungrig, aß und aß und aß, fıng bei kleinen Konflikten an zu weinen, konnte morgens nicht aufstehen und der Blick auf den Kalender verriet ihr: alles klar, PMS. Während der Blutung dann kein Appetit, Kreislaufprobleme. Zum Frühstück eine Dose Coca Cola, um klarzukommen.

Sie begann zu spüren, wie sehr der Zyklus ihren Körper und ihre Psyche bestimmte. Sie war abhängig. Von ihrem Körper, über den sie sich nie Gedanken gemacht hatte, machen musste, der funktioniert hatte. In der Schulzeit hatte sie bis fünf Uhr morgens gefeiert, nach zwei Stunden Schlaf war sie aufgestanden, um zum Unterricht zu fahren. Seitdem sie Anfang 30 ist, bekommt sie schon nach zwei Bier einen Kater mit starken Kopfschmerzen, trinkt sie noch mehr, dauert der Kater tagelang.

Oliver hat ihre Nachricht noch nicht gelesen. Was die beiden wohl treiben? Ihre rechte Brust spannt nicht mehr nur, sie brennt. Bereits auf der Fahrt haben ihre Brüste angefangen zu schmerzen. Sie hat es ignoriert, was hätte sie auch im Zug machen sollen. Sie schließt die Vorhänge und zieht Pulli, T-Shirt, Unterhemd und BH aus, betastet vorsichtig ihre rechte Brust. Um den Warzenhof herum ist sie prall, die Haut ist gerötet – eine beginnende Brustentzündung.

In den ersten Wochen nach der Geburt hatte sie ständig Milchstau, weil sich die Brustdrüsen noch nicht angepasst hatten, ihr Körper keine Zeit hatte, sich auszuruhen. Oliver und sie nennen das Wochenbett im Scherz untereinander »die Quarkwickeldays«, denn dreimal am Tag, wenn Paula auf Olivers Bauch schlief, lag Alex 15 Minuten oberkörperfrei mit Quarkwickeln auf den Brüsten auf der Couch. Die kühlen Wickel verhinderten eine schlimmere Mastitis, die mit Schlappheit, Kopfschmerzen und Fieber einhergehen konnte.

Vielleicht hat ihre Mutter Quark da, doch warum bekommt sie überhaupt jetzt einen Milchstau? Vor einer Woche hat sie abgestillt, am Tag danach füllten sich ihre Brüste wieder mit Milch, die Paula nicht trinken würde, also pumpte Alex die Milch ab, und die folgenden Tage regulierte sich die Milchproduktion. Alles andere hätte sie auch überrascht, schließlich hatte Alex Paula nur noch selten gestillt, abends vor dem Einschlafen, zwei- bis dreimal nachts. Sie hat die Milchmenge nach und nach reduziert, sodass dieser Fall, der jetzt eingetreten ist, eigentlich nicht eintreten dürfte.

Letzte Woche ist ihre Mutter gestürzt. Eigentlich wollte Alex an Ostern zuhause bleiben, es sich gemütlich machen, endlich mal das Bad gründlich putzen. Das Wochenende zuvor waren sie schon bei Olivers Eltern in Brandenburg gewesen. Doch ihre Mutter hatte sich eine Oberschenkelfraktur zugezogen. Sie wollte nachts nach unten in die Küche gehen, um sich ein Glas Wasser zu holen. Nur mit Socken, die sie sich fıx angezogen hatte, weil sie schnell an den Füßen friert, ist das alte Holz auf der Treppe rutschig. Obwohl sie das Geländer kurz zu fassen bekommen hatte, konnte sie sich nicht halten und stürzte den Rest der Treppe hinunter auf die Fliesen im Hauseingang. »Da hab ich noch einmal Schwein gehabt«, sagte Margit, das dachten auch ihre Töchter, die stets die Angst begleitet, dass ihre Mutter eines Tages stürzen, auf dem Kopf landen könnte oder einen Schlaganfall hätte und keine*r es mitbekäme.

Seitdem Alex vor nurmehr zwölf Jahren ausgezogen ist, lebt ihre Mutter allein in der Doppelhaushälfte, die für eine Kleinfamilie gebaut wurde. Über die Jahre hatte sich das Haus geleert, zuerst verließ der Vater sie, dann ging die Schwester zum Kunststudium nach Hamburg, schließlich Alex. Die leeren Räume im zweiten Stock stauben ein, da keiner dort mehr lebte.

Die ersten Jahre, als Alex in Wien wohnte und nur an Weihnachten, Ostern und einmal im Sommer nach Hause reiste, versuchte sie, Margit zu überreden auszuziehen. Das Haus sei viel zu groß für sie allein. Und zu teuer. Als eine der wenigen Familien im Dorf, hatten sie kein Haus selbst gebaut, sondern eines gemietet. Sie sei mit den Stunden raufgegangen und könne sich die Miete leisten, antwortete ihre Mutter kurz angebunden.

Dieses Jahr wird ihre Mutter 67, für damalige Verhältnisse hat sie ihre beiden Kinder relativ spät bekommen. In Alex’ Freund*innenkreis häufen sich gerade die Tode der Eltern, Herzinfarkt, Lungen- oder Brustkrebs haben viele bereits vor dem achten Lebensjahrzehnt geholt. Bis auf die täglichen Rückenschmerzen könne sie sich nicht beschweren, meinte Margit bei den wöchentlichen Telefonaten.

Doch sollte ihr etwas Schlimmeres als ein Beinbruch zustoßen, könnte es Tage dauern, bis jemand etwas bemerkte. Ihre Nachbarin Maria, die in der anderen Doppelhaushälfte mit ihrem Mann lebt, würde es wohl früher oder später doch mitbekommen.

Nach dem Sturz wurde es offensichtlich, dass es so nicht bleiben konnte, dass Margit Hilfe brauchte. Manchmal wünscht Alex sich, dass wenigstens Lena in der Nähe wohnen würde, dass sie in München studiert hätte und nicht beide Töchter so weit weggezogen wären. Eben mal hinfahren und nach der Mutter schauen, das war für beide nicht möglich. Wie fühlt es sich für ihre Mutter an, dass sie so weit weg sind? Damit ist sie die Ausnahme im Dorf. Die Kinder der anderen Familien sind bis auf die der Ostermeiers fast alle im Landkreis geblieben. Manche sind nach München oder Salzburg gezogen, Ingolstadt oder Regensburg war das höchste der Gefühle.