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Beschreibung

In den Jahren 1925 bis 1944 gab das Reichsarchiv unter Mitwirkung einer großen Zahl von Offizieren und Historikern eine Serie von Monographien zur Militärgeschichte des Ersten Weltkriegs aus deutscher Sicht heraus. Dabei wurde eine große Menge an Quellenmaterial gesichtet, darunter auch viele Dokumente aus Österreich und England. Entstanden ist eine der umfangreichsten je veröffentlichten Dokumentationen zu der Zeit von 1914 - 1918. Dieser Band befasst sich mit der Befreiung Ostpreußens, vornehmlich mit den Schlachten bei Tannenberg und an den Masurischen Seen.

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Seitenzahl: 510

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Der Weltkrieg 1914 - 1918

 

Band 2: Die Befreiung Ostpreußens

 

JÜRGEN BECK (HRSG.)

 

 

 

 

 

 

 

 

Der Weltkrieg 1914 – 1918 Band 2

Jazzybee Verlag Jürgen Beck

86450 Altenmünster, Loschberg 9

Deutschland

 

ISBN: 9783849680181

 

www.jazzybee-verlag.de

[email protected]

 

 

INHALT:

Vorwort des Herausgebers. 1

Einführung zum zweiten Band. 2

Erster Teil. Der Feldzugsplan gegen Russland und der Aufmarsch im Osten.3

Erstes Kapitel. Die Abmachungen mit Österreich-Ungarn.3

Zweites Kapitel. Die Rüstungen und Stärkeverhältnisse bis zum Sommer 1914.14

Drittes Kapitel. Der österreichisch-ungarische Aufmarschplan und der Kriegsbeginn.21

Viertes Kapitel. Der russische Aufmarsch.28

Zweiter Teil. Die Operationen in Ostpreußen unter Generaloberst v. Prittwitz.32

Erstes Kapitel. Bis zum Beginn der Operationen.32

Zweites Kapitel. Der Entschluss zum Angriff auf die Njemen-Armee und das Gefecht bei Stallupönen.45

Drittes Kapitel. Die Schlacht bei Gumbinnen.70

Viertes Kapitel. Die Abberufung des Generalobersten v. Prittwitz.93

Dritter Teil. Die Schlacht bei Tannenberg.100

Erstes Kapitel. Die ersten Maßnahmen des neuen Oberkommandos. Das Gefecht bei Lahna und Orlau.100

Zweites Kapitel. Der Aufmarsch zur Schlacht.118

Drittes Kapitel. Der Sieg über die Flügel der Narew-Armee am 26. und 27. August.134

Viertes Kapitel. Die Einkreisung der russischen Mitte am 28. August.165

Fünftes Kapitel Der Abschluss der Schlacht, 29. bis 31. August.190

Sechstes Kapitel. Betrachtungen über die Schlacht.217

Vierter Teil. Die Schlacht an den Masurischen Seen und die Kämpfe an der galizischen Front bis Mitte September 1914.223

Erstes Kapitel. Die galizische Front und die Gesamtlage im Osten bis Anfang September.223

Zweites Kapitel. Die Schlacht an den Masurischen Seen.241

Drittes Kapitel. Die Leiden Ostpreußens.289

Viertes Kapitel. Die Schlacht bei Lemberg und die Räumung Ostgaliziens.301

Fünfter Teil. Die Leistungen der Truppe und ihrer Führer. Das Ergebnis der bisherigen Kämpfe.310

Vorwort des Herausgebers

Sehr geehrter Leser,

wir, der Herausgeber dieses Buches, halten das Gesamtwerk des Deutschen Reichsarchivs über die Geschichte des Ersten Weltkriegs, das lange Zeit nur kaum, schwer oder gar nicht erhältlich war, für unverzichtbar für das kulturelle Erbe Deutschlands und der Welt.

Aus diesem Grund haben wir unter anderem dieses Ihnen hier vorliegende Werk zusammengesetzt aus Scans des in den 1920er Jahren erschienen Originals –– eine spannende, aber auch sehr herausfordernde Aufgabe, da selbst den allerbesten Adleraugen der eine oder andere Druck- oder grammatikalische Fehler entgeht.

Deswegen geschätzter Leser, seien Sie nachsichtig, wenn Sie über etwas stolpern, das so ganz offensichtlich dort nicht hingehört. Teilen Sie uns auch gerne Ihre Funde mit, wir werden die entsprechenden Stellen schnellstens berichtigen.

In diesem Sinne, sehr viel Freude beim Lesen,

Ihr Jazzybee Verlag

(Jürgen Beck)

Einführung zum zweiten Band

Die deutschen Operationen gegen Russland bis Mitte September 1914 bilden den Inhalt des vorliegenden Bandes. Ihr wesentlichster Teil sind die Kämpfe der 8. Armee in Ostpreußen. Dieses siegreiche Ringen einer deutschen Minderheit gegen mehrfache russische Übermacht darf wohl für alle Zeiten ein besonderes Interesse beanspruchen. In seinem Mittelpunkt steht der Sieg bei Tannenberg, dem die Kriegsgeschichte nichts Gleiches zur Seite zu setzen hat. Zugleich sind diese Kämpfe fast die einzigen, die sich auf deutschem Boden abgespielt und dadurch deutsches Land und deutsche Volksgenossen mehr als alle anderen Kriegsereignisse unmittelbar in Mitleidenschaft gezogen haben. Aus diesem Grunde gebührt ihnen in einem deutschen Werk über den Weltkrieg wohl ein breiterer Raum als anderen Kämpfen. So schien es berechtigt, auf die Einzelheiten der Kampfhandlung hier näher einzugehen, als es in den übrigen Bänden des Gesamtwerkes möglich ist. Dem Empfinden der deutschen Leser sollte Rechnung getragen werden, wenn das unmittelbar sichtbare Ergebnis der Kämpfe, "Die Befreiung Ostpreußens", als Titel gewählt wurde.

Der Anteil des verbündeten österreichisch-ungarischen Heeres konnte nur insoweit zur Darstellung kommen, als es zum Verständnis der großen Zusammenhänge nötig schien, darüber hinaus nur in solchen Fällen, in denen reichsdeutsche Truppen (Landwehrkorps) an den Kämpfen beteiligt waren.

Die Operationen der Russen konnten nach dem vorhandenen Material fast lückenlos geschildert werden. Die von der russischen "Kommission zur Erforschung und Auswertung der Erfahrungen des Weltkrieges und des Bürgerkrieges" veröffentlichten Schriften, die ein amtliches russisches Werk über die Operationen darstellen, sind dem Reichsarchiv noch vor Abschluss der Arbeit zugänglich geworden. Sie haben es ermöglicht, die Darstellung in manchen Punkten zu vervollständigen.

Die Historische Kommission hat Herrn General der Infanterie a. D. Dr. phil. h. c. Hugo Freiherrn v. Freytag-Loringhoven in Weimar sowie Herrn Geheimen Hofrat Dr. Walter Götz, ordentlichen Professor der Geschichte an der Universität Leipzig, M. d. R., mit der Prüfung des zweiten Bandes beauftragt. Das Reichsarchiv sagt beiden Berichterstattern seinen besonderen Dank.

Erster Teil. Der Feldzugsplan gegen Russland und der Aufmarsch im Osten.

Erstes Kapitel. Die Abmachungen mit Österreich-Ungarn.

Während die Durchführung eines Feldzuges im Westen eine ausschließlich deutsche, auf dem Balkan eine österreichisch-ungarische Angelegenheit war, hatten an einem Kampfe gegen Russland beide Mittelmächte gleichermaßen Anteil.

Deutschlands Verhalten gegen Russland war im Kriegsfalle klar vorgezeichnet, seit General Graf Schlieffen als Chef des Generalstabes im Jahre 1892 zu dem Ergebnis gekommen war, dass in einem Kriege gegen Osten und Westen zugleich — und ein anderer kam seither kaum in Frage — nur gegen Frankreich ein rascher Sieg möglich sei und dass die Entscheidung daher zuerst im Westen gesucht werden müsse. So konnte er gegen Osten nur das Allernotwendigste an Truppen stehen lassen. Dieses schwache Truppenaufgebot hatte zusammen mit dem österreichisch-ungarischen Heer den Kampf hinhaltend zu führen, bis starke deutsche Kräfte aus dem Westen eintrafen, um auch im Osten die Entscheidung zu bringen.

Von der rumänischen Nordgrenze bis zur Ostsee bei Memel war eine in der Luftlinie gemessen 900 km lange Front gegen russische Übermacht zu schützen (zum Vergleich sei bemerkt, dass im Westen die Entfernung von der Schweizer bis zur Luxemburger Grenze nur 220, bis Calais 500 km beträgt). Dem Verlauf der Grenze selbst folgend maß die zu deckende Linie im Osten sogar fast 1600 km. Die Verteidigung im Großen konnte sich auf dieser Strecke in Österreich-Ungarn an den Lauf des Dnjestr und San und dahinter wieder an die Karpaten anklammern, gab dabei aber das weite und fruchtbare galizische Vorland auf. In Deutschland bot zunächst nur das Seengebiet Ostpreußens, dann weiter rückwärts der deutsche Teil des Weichsel-Laufes natürlichen Schutz. Von der galizischen Nordgrenze bis Thorn aber blieb eine etwa 300 km breite Lücke, um die Hälfte größer als im Westen zwischen der Schweiz und Luxemburg. Sie fiel in das Gebiet des Gegners, der mit den befestigten Plätzen Iwangorod, Warschau und Nowogeorgiewsk die Weichsel-Übergänge sicher in der Hand hatte. Kein Gebirgs- oder Stromhindernis konnte hier den Vormarsch der russischen Massen aufhalten; in den weiten Räumen des polnischen Flachlandes vermochten sie den an Zahl schwächeren Verteidiger aus jeder Stellung herauszumarschieren; ebenso wie die Dnjestr— San-Front konnte die deutsche Weichsel-Front schon auf russischem Boden umgangen werden. So war im Osten eine reine Abwehr nicht durchführbar. Nur wenn es gelang, dem russischen Heere wirkungsvolle Schläge zu versetzen, bevor es voll versammelt und zu einer alles erdrückenden Übermacht angewachsen war, hatte man Aussicht, die Verteidigung auch für längere Zeit durchzuführen. Im übrigen hing alles von einem möglichst raschen und entscheidenden Sieg über Frankreich ab. Sobald der errungen war, wollte Gras Schlieffen auch im Osten mit ganzer Kraft zum Angriff übergehen.

Für die schwachen deutschen Oststreitkräfte war eine erste Bereitstellung in Ostpreußen zum Schutze dieses meist gefährdeten deutschen Gebietes durch den Verlauf der Grenze gegeben. Von diesen Kräften durch russisches Gebiet weit getrennt, konnte das österreichisch-ungarische Heer in Galizien aufmarschieren. Auf eine Offensive dieses Heeres gegen Russland glaubte aber Graf Schlieffen vor dem Eintreffen starker deutscher Kräfte aus dem Westen kaum rechnen zu dürfen. Eine solche frühzeitige österreichisch-ungarische Offensive war auch nicht dringlich, da sich die Bereitstellung des russischen Heeres nur langsam vollziehen konnte. Von ihm war eine Einwirkung auf den Entscheidungskampf gegen Frankreich fürs erste nicht zu besorgen. So hat Graf Schlieffen nicht darauf gedrängt, mit dem österreichisch-ungarischen Generalstabschef über die ersten Operationen gegen Russland zu einem festen Abschluss zu kommen: Der deutsche Sieg über Frankreich war die Voraussetzung für glückliche Durchführung des Kampfes gegen Russland und damit auch für den Enderfolg Österreich-Ungarns. Die Frage des Zusammenwirkens beider Heere gegen Russland gewann erst Bedeutung, wenn starke deutsche Kräfte aus dem Westen frei waren. Wie sich bis dahin die Lage im Osten gestalten werde, ließ sich vorher nicht übersehen.

Auch in den ersten Jahren der Amtstätigkeit des Generals v. Moltke, der 1906 zum Nachfolger des Grafen Schlieffen ernannt worden war, änderten sich diese Verhältnisse nicht. Russland war durch den Krieg gegen Japan und innere Unruhen vorübergehend geschwächt, aber es erholte sich rasch wieder.

Im Winter 1908/09 erwuchs der österreichisch-ungarischen Monarchie aus der Annexion Bosniens und der Herzegowina eine schwere unmittelbare Kriegsgefahr. Daher regte die Wiener Regierung in Berlin einen Gedankenaustausch der beiderseitigen Generalstabschefs an. Der Chef des österreichisch-ungarischen Generalstabes, seit 1906 General der Infanterie Freiherr Conrad v. Hohendorf, trat daraufhin am 1. Januar 1909 an General v. Moltke heran, um zu klären, welche Maßnahmen sich für beide Mächte aus einem militärischen Eingreifen Russlands gegen die Donau-Monarchie ergeben könnten. General v. Conrad wies darauf hin, dass sich Österreich-Ungarn bei einem Kriege gegen Russland mit Serbien und Montenegro im Rücken in einer schwierigen Lage befinden würde. Er nahm damals an, dass "aller Voraussicht nach Russland (und Frankreich) zunächst anscheinend friedlich zuwarten und erst dann in feindselige Aktionen treten werden, wenn die Monarchie bereits zu einem kriegerischen Einschreiten gegen Serbien und Montenegro gezwungen war und mit starken Kräften dort engagiert ist. — Es rückt dies die Eventualität in den Vordergrund, zuerst einen raschen und entscheidenden Schlag gegen Serbien zu führen, um dann die frei gewordenen Kräfte gegen Russland heranzuziehen." Auf diese letzteren sei aber in solchem Falle an der russischen Grenze kaum früher als drei Monate nach der Mobilmachung zu rechnen. — Als Ergebnis seiner Ausführungen stellte General v. Conrad fest, dass nur in dem allerdings unwahrscheinlichen Falle eines "sofortigen Hauptschlages gegen Russland bei ganz sekundärer Behandlung der Balkangegner" bis zum 22. "Mobilisierungstage" etwa 40 österreichisch-ungarische Divisionen in Ostgalizien versammelt sein könnten, um die Offensive zu ergreifen. In dem sehr viel wahrscheinlicheren Falle eines vorherigen Kampfes gegen Serbien würden jedoch zu dem gleichen Zeitpunkt nur etwa 30 Infanterie-Divisionen gegen Russland bereit sein, 8—9 weitere erst reichlich zwei Monate später. In diesem Falle sei es "ganz besonders auch von dem deutscherseits geplanten Verhalten abhängig, wo die Versammlung der 30 Divisionen zu erfolgen und wann die Offensive zu beginnen" habe.

General v. Moltke stellte in seiner Antwort (vom 21. Januar 1909) fest, dass mit dem etwaigen militärischen Eingreifen Russlands gegen Österreich-Ungarn der "casus foederis" für Deutschland gegeben sei. "Zu dem Zeitpunkt, wo Russland mobil macht, wird auch Deutschland mobil machen, und zwar seine gesamte Armee." Von diesem Augenblick an müsse aber Deutschland auch mit einem Kriege gegen Frankreich, vielleicht auch gegen England rechnen. Diese Verhältnisse "sind der gesamten europäischen Diplomatie bekannt genug, und darin liegt vielleicht die Gewähr, dass keiner der Großstaaten wegen der serbischen Ambitionen die Kriegsfackel entzünden wird, die das Dach Gesamteuropas in Brand setzen kann. Dass daher Russland schon aus solchen Erwägungen heraus bei einem kriegerischen Konflikt der österreichisch-ungarischen Monarchie mit Serbien sich ruhig verhalten wird, scheint mir durchaus nicht unwahrscheinlich." Wenn es aber "trotz alledem" zum großen Kriege komme, so sei Deutschland gezwungen, zunächst gegen Frankreich zu schlagen, gegen das General v. Moltke, ebenso wie Gras Schlieffen, eine rasche Entscheidung für möglich hielt. Er sprach aus, dass durch eine solche Entscheidung schließlich auch der Donau-Monarchie die wirksamste Hilfe geleistet werde. Im Osten werde Österreich-Ungarn "selbst mit nur 30 Divisionen mit Aussicht auf Erfolg den Kampf vorerst aufnehmen können, umso mehr, wenn Rumänien auf seine Seite tritt. Die erheblichen Schwierigkeiten der russischen Mobilmachung, die voraussichtliche Langsamkeit der russischen Operationen, die große Schwierigkeit, Änderungen in dem geplanten Aufmarsch vorzunehmen, der zunächst auch gegen Deutschland wird durchgeführt werden müssen, lassen es wahrscheinlich erscheinen, dass eine ausschlaggebende Entscheidung an der deutschen Westgrenze bereits gefallen sein wird, bevor die Ereignisse an der österreichisch-ungarischen Grenze zu einer solchen herangereift sind".

Der Moltkeschen Ansicht, dass Deutschland den Hauptschlag in einem Zweifrontenkrieg zuerst gegen Frankreich führen müsse, pflichtete General v. Conrad in einem Brief vom 26. Januar bei. Er selbst sei bei einer früheren eigenen Studie zu derselben Lösung gelangt. Im Übrigen kam er in seinem Brief zu folgendem Schluss: Wenn Österreich-Ungarn von Haus aus gegen Russland aufmarschiere, so würden, bei gleichzeitiger Bindung von Teilen des russischen Heeres durch Rumänien, etwa am 29. "Mobilisierungstag" 40 österreichisch-ungarische Divisionen auf 32 ½ bis 34 ½ russische Divisionen treffen. Somit sei in diesem, allerdings unwahrscheinlichen Falle eine österreichisch-ungarische Offensive aussichtsreich, wenn nur die 19 ½ gegen Ostpreußen und die 3 in Warschau erwarteten russischen Divisionen durch deutsche Kräfte "gebunden" würden. Sollte Österreich-Ungarn aber, wie es am wahrscheinlichsten sei, vorher wesentliche Kräfte am Balkan eingesetzt haben, dann würden gegen Russland zunächst nur 30, vielleicht sogar nur 28 (oder gar 27) österreichisch-ungarische Divisionen verfügbar sein. Die Aussichten für eine Aufnahme des Kampfes erschienen dem General v. Conrad dann aber doch nicht so günstig, wie sie General v. Moltke hingestellt hatte. Daher meinte er, es wäre in solchem Falle vielleicht vorteilhafter, zunächst das Eintreffen deutscher Verstärkungen aus dem Westen abzuwarten. Die Russen könnten am 35. Mobilmachungstage die untere Weichsel, vielleicht auch die Gegend zwischen Thorn und Posen erreichen, und es sei daher erwünscht, dass "schon am 35. Mobilmachungstage starke deutsche Kräfte (mindestens 20 Divisionen, es blieben dann noch 51 gegen Frankreich)" im Osten aufträten. Um mit diesen Kräften zusammenzuwirken, könne dann "rein räumlich theoretisch genommen" sogar zur Frage stehen, den österreichisch-ungarischen Aufmarsch unter Besetzung der Karpatenpässe bis in die Linie Bartfeld—Neu-Sandez—Bochnia (35 km östlich Krakau) — das hieß also weit nach Westgalizien — zurückzulegen. Das habe aber große Bedenken. Dagegen möchte ein Aufmarsch in der Linie Rudki (40 km südwestlich Lemberg)—San-Mündung vorteilhaft sein, um von da zur Offensive vorzubrechen, sobald die russischen Kräfte in den Stoßbereich gelangt seien. An diese Ausführungen knüpfte General v. Conrad die Frage nach der Stärke und dem Verhalten der in einem Zweifrontenkrieg im Osten zurückbleibenden deutschen Kräfte, und ob sie imstande sein würden, "19 ½ russische Divisionen zu binden". Ferner fragte er nach Stärke, Eintreffzeit und Verwendung der später vom westlichen Kriegsschauplatz erwarteten Verstärkungen.

General v. Moltke antwortete am 24. Februar 1909, dass im ganzen 13 Divisionen östlich der Weichsel aufmarschieren würden. Er glaube unbedingt, dass diese deutschen Kräfte stark genug seien, um selbst 19 ½ russische Divisionen zu fesseln, "denn die Russen werden sicher das Bestreben haben, über die deutsche Minderheit einen Erfolg zu erzielen und in deutsches Gebiet einzudringen. Um dies zu können, werden sie sich nicht weiter schwächen dürfen. Jeder Versuch dazu würde durch eine deutsche Offensive vereitelt werden". Zu der Frage nach dem Eintreffen von Verstärkungen aus dem Westen musste General v. Moltke aber erklären, er sei "außerstande, auf diese wichtigste aller behandelten Fragen eine präzise Antwort zu geben, da hier der Feind mitbestimmend" sei. Je nach dem Verhalten der Franzosen könne die Entscheidung schon innerhalb drei oder vier Wochen nach der Mobilmachung fallen; doch könnten dies "naturgemäß nur sehr allgemeine Daten" sein. Im allergünstigsten Falle könnten Verstärkungen schon 9 bis 10 Tage nach der Entscheidung an der Ostgrenze eintreffen; ihre Verwendung aber lasse sich irrt voraus noch in keiner Weise übersehen.

Anderseits konnte General v. Moltke jetzt seine Bedenken nicht mehr zurückhalten gegen die vom General v. Conrad wiederholt ausgesprochene Auffassung, dass die österreichisch-ungarische Anfangsoperation gegen Russland höchstwahrscheinlich durch starken Kräfteeinsatz gegen Serbien geschwächt, vielleicht sogar völlig gelähmt sein werde. General v. Conrad selbst hatte Serbien zutreffend als "sekundären Gegner" bezeichnet. Es konnte doch der Fall eintreten, dass Deutschland durch die Balkan-Schwierigkeiten Österreich-Ungarns in den großen Krieg hineingezogen wurde, ohne dass Österreich-Ungarn sich auch mit voller Kraft auf den Hauptgegner im Osten, auf Russland, warf. So hatte General v. Moltke schon zu dem Conradschen Briefe vom 1. Januar 1909 die Randbemerkung gemacht: "Sekundäre Gegner soll man sekundär behandeln". Auch die Donau-Monarchie musste — ähnlich wie Deutschland zwischen Frankreich und Russland — vermeiden, sich nach der einen Seite festzulegen, während die weit größere Gefahr von der anderen drohte. In diesem Sinne schrieb der deutsche Generalstabschef am Ende seines Briefes: "Sollte es zum Kriege kommen, so bin ich der Ansicht, dass die großen Ziele den kleinen vorangehen müssen, dass also die Niederwerfung Frankreichs und Russlands im Vordergrund aller Maßnahmen stehen muss. Ist dieses große Ziel erreicht, dann wird sich die serbische Angelegenheit für Österreich von selber erledigen."

Ohne auf diese Gedanken näher einzugehen, trat General v. Conrad aber nunmehr am 8. März mit einem neuen Wunsche hervor. Er schrieb, wenn es von Haus aus zum Kriege gegen Russland komme, wolle er etwa zwischen dem 20. und 24. "Mobilisierungstage" aus Ostgalizien zur Offensive zwischen Bug und Weichsel antreten. "Soll diese jedoch Erfolg haben, und soll Russland nicht in die Lage kommen, weitere Kräfte seiner 1. und 2. Armee gegen Österreich-Ungarn zu wenden, so müsste auch zum gleichen Zeitpunkt die deutsche Offensive, und zwar mit einem Hauptstoß gegen die russische 2. Armee (Rarem) einsetzen, derart den Einklang des gemeinsamen Handelns herstellend." Vor allem aber beschäftigte den österreichisch-ungarischen Generalstabschef auch jetzt wieder die Frage, wie gegen Russland zu verfahren sei, wenn fürs erste starke österreichisch-ungarische Kräfte gegen Serbien festgelegt seien. Er schien die Lage jetzt auch in diesem Falle günstiger anzusehen, denn er schrieb: "Bei meiner entschiedenen Abneigung gegen jedwedes Zuwarten und bei meiner Überzeugung von dem Wert der Initiative fasse ich auch für diesen Fall den vorne gelegenen Aufmarsch und die ehebaldigste Offensive ins Auge." Er führte weiter aus, dass er dann unter günstigen Umständen immerhin mit erheblicher Überlegenheit die Offensive gegen die russische 3. Armee beginnen könne, die man damals als West-flügel des russischen Aufmarsches zwischen Bug und Weichsel erwartete. Jedoch setze auch diese Offensive einen gleichzeitigen deutschen Angriff mit etwa 10 Divisionen aus Ostpreußen "gegen die russische 2. Armee, also gegen den Narew" voraus, "damit es der russischen 1. und 2. Armee eben nicht möglich werde, weitere Kräfte gegen die österreichisch-ungarische Armee zu wenden. — Gelänge es derart den 10 deutschen Divisionen, die russische Narew-Armee" (damals mit 972 Divisionen angenommen) "zu schlagen, und gelänge den 17—18 österreichisch-ungarischen Divisionen ein Gleiches gegen die russische 3. Armee (9 ½ Divisionen), so wäre dies wohl eine erfolgreiche Einleitung des Feldzuges, in welchen dann die gegen Frankreich entbehrlichen und die vom Balkan heranzuziehenden Kräfte der Verbündeten einzugreifen vermöchten."

General v. Moltke befand sich gegenüber der Forderung dieser deutschen Offensive aus Ostpreußen in schwieriger Lage, erklärte sich aber in seiner Antwort vom 18. März bereit, den neuen Wünschen des Generals v. Conrad nachzukommen. Welche Gründe hierfür ausschlaggebend waren, hat sich nicht mehr sicher feststellen lassen, da Aufzeichnungen darüber fehlen und der Generalstabschef, soweit zu ermitteln, niemanden über diese Frage ins Vertrauen gezogen hat. So ist man auf Vermutungen angewiesen: General v. Moltke hatte dem General v. Conrad schon früher dargelegt, dass die Russen von den gegen Ostpreußen angesetzten Kräften zunächst sicherlich nichts wegziehen würden. Der vom General v. Conrad in seinem vorletzten Brief ausgesprochenen Ansicht, dass die Russen schon am 35. Mobilmachungstage an der deutschen Weichsel und zwischen Thorn und Posen stehen könnten, lag zweifellos dieselbe Auffassung zugrunde. Mit ihr aber war der im jetzigen Briefe des Generals v. Conrad ausgesprochene Gedanke und die daran geknüpfte Forderung einer deutschen Offensive gegen den Narew am 20. oder 24. Mobilmachungstage nicht leicht in Einklang zu bringen. General v. Moltke rechnete nach wie vor auf frühzeitigen russischen Angriff gegen Ostpreußen und legte in seiner Antwort dar: "Frankreich kann nicht damit gedient sein, wenn die zum Einmarsch nach Deutschland bestimmten russischen Streitkräfte gegen Österreich-Ungarn verwendet werden, denn nur ein unaufhaltsames Vordringen in Preußen könnte deutsche Kräfte von den Franzosen abziehen." Bei solchem Angriff der Russen gegen Ostpreußen ließ sich aber angesichts ihrer Überlegenheit und ihrer auf Umfassung abzielenden Bereitstellung gar nicht übersehen, wie sich die Lage bis zum 20. oder 24. österreichisch-ungarischen "Mobilisierungstage" gestalten würde. Für diesen Zeitpunkt trotzdem einen Angriff auf Ostpreußen in einer vorher bestimmten Richtung zuzusagen, entsprach nichtden Anschauungen, die General v. Moltke vom Wesen der militärischen Führung hatte. Aber es mag ihm nicht zweckmäßig erschienen sein, diese abweichende Grundauffassung dem Generalstabsches der verbündeten Armee zu unterbreiten. Man geht des Weiteren wohl nicht fehl, wenn man annimmt, dass sich General v. Moltke nach den Bedingungen, die General v. Conrad jetzt stellte, der Auffassung des Grafen Schlieffen erinnern musste, der auf ein tatkräftiges Handeln Österreich-Ungarns gegen Russland eben doch nur bei starker deutscher UAnterstützung rechnete. Die aber war, wie die Dinge nun einmal lagen, vor einer Entscheidung gegen Frankreich unmöglich. Schließlich hatte die bosnische Krise gerade jetzt ihren Höhepunkt erreicht. In solcher Lage durfte man das Ergebnis aller bisherigen Verhandlungen nicht in Frage stellen, sondern mutzte versuchen zu helfen, so gut es ging. So hat sich General v. Moltke — wenn auch wohl schweren Herzens — zu der Zusage entschlossen.

Er schrieb darüber: Ein Angriff schwacher deutscher Kräfte gegen die befestigte Narew-Linie habe zwar große Schwierigkeiten zu überwinden und sei zudem "in der rechten Flanke durch Warschau, in der linken durch Gegenangriffe von Lomsha her bedroht. — Dennoch werde ich nicht zögern, den Angriff zu machen, um die gleichzeitige österreichische Offensive zu unterstützen. Euere Exzellenz können sich auf diese Zusage, die reiflich überlegt ist, wohl verlassen. Bedingung dabei ist, dass die Bewegungen der Verbündeten gleichzeitig angesetzt und unbedingt durchgeführt werden. — Sollte die Ausführung der Absichten einem der Verbündeten durch den Feind unmöglich gemacht werden, so ist schnellste gegenseitige Benachrichtigung unbedingt geboten, da die Sicherheit des einzelnen ganz vom Zusammenwirken beider abhängt."

Bald nach Abgang dieses Briefes änderte sich Ende März 1909 plötzlich die politische Lage: Serbien gab nach, die Gefahr eines unmittelbar bevorstehenden Krieges, die den Verhandlungen der beiden Generalstabschefs das Gepräge gegeben hatte, war vorüber. Die getroffenen Abmachungen wurden aber auch weiterhin von beiden Seiten als Grundlage für einen etwa gemeinsam zu führenden Krieg angesehen, obgleich sich die Voraussetzungen, unter denen er zu führen war, in den folgenden Jahren noch in mancher Hinsicht änderten. So schrieb General v. Conrad schon am 10. April an General v. Moltke, nunmehr trete, wenn es zum Kriege komme, der "Fall in den Vordergrund, dass die Monarchie gegen Serbien und Montenegro nur das Notwendigste an Kräften belassen, die überwiegende Hauptmacht aber gegen Russland versammeln wird. Letzteres in Ostgalizien mit der Absicht der ehesten Offensive . . ." Das entsprach der vom General v. Moltke stets vertretenen Auffassung.

Der Balkankrieg des Winters 1912/13 und seine Folgen ließen aber die Möglichkeit, dass es doch zunächst gegen Serbien zum Kriege komme, ohne dass Russland sofort eingriff, wieder mehr hervortreten. Der rechtzeitige Einsatz ausreichender österreichisch-ungarischer Kräfte gegen Russland schien damit wiederum in Frage gestellt. So schrieb General v. Conrad, der nach einjähriger Unterbrechung soeben wieder an die Spitze des österreichisch-ungarischen Generalstabes berufen worden war, im Januar 1915 an General v. Moltke, er habe in den für Ostpreußen bestimmten deutschen Truppen "stets das Minimum jener Kraft erblickt, welche nötig erscheint, um die österreichisch-ungarischen Hauptkräfte gegen russische Vorstöße aus dem Weichselgebiet wenigstens einigermaßen zu entlasten und das Abziehen russischer Kräfte aus der Gegend nördlich des Polesje in jene südlich desselben, also gegen die österreichisch-ungarischen Kräfte, zu verhindern".

Im Anschluss daran trat er mit einer neuen Bitte hervor: Er wünschte, dass zum Schutze der österreichisch-ungarischen Aufmarschbahn Oderberg— Krakau—Tarnow im Kriegsfalle stärkere deutsche Infanterie- und vor allem Kavallerie-Teile aus Oberschlesien in das Gebiet nördlich der oberen Weichsel vorgehen möchten. Dann aber führte er über die Gesamtlage aus: "Sollte es . .. vorerst zu einer Aktion der Monarchie gegen Serbien kommen, so würde das Verhalten der Monarchie durch den Moment bestimmt werden, in welchem Russland den ersten feindseligen Akt (also schon die Mobilmachung) unternimmt. — Wenn rechtzeitig möglich, würden dann alle gegen Russland bestimmten Kräfte noch gegen Russland dirigiert werden, so dass dorthin 40 Divisionen zur Stelle kämen; wenn jedoch rechtzeitig nicht mehr möglich, würde getrachtet werden, vorerst einen entscheidenden Schlag gegen Serbien zu führen, um dann erst die freiwerden-den Kräfte gegen Russland zu dirigieren." Das "Missliche dieses Falles" war dem General v. Conrad, wie aus seinen weiteren Darlegungen hervorging, völlig klar.

Als dieses Schreiben aus Wien dem General v. Moltke zur Beantwortung vorlag, beschäftigte ihn auch eine vom Generalfeldmarschall Grafen v. Schlieffen unmittelbar vor seinem Ableben verfasste Denkschrift. Sie gipfelte in der kühnen Forderung, wenn es zunächst nur zum Kriege gegen Westen käme, alle Kräfte Deutschlands zuerst dorthin zusammenzufassen und im Osten überhaupt keine Feldtruppen stehen zu lassen.

Die Gedanken dieser Denkschrift machte sich General v. Moltke in seiner Antwort nach Wien zunutze, um dem verbündeten Generalstabs-chef nochmals anzudeuten, dass es im Kriegsfall gelte, die Kräfte gegen den Hauptgegner, für Österreich-Ungarn also gegebenenfalls gegen Russland, zusammenzufassen. Er schrieb, eine Zersplitterung der Kräfte trage mehr wie je eine Gefahr in sich, und fuhr fort: "Bedarf

Österreich aller seiner Kräfte, um den Kampf gegen Russland durchzuführen, so gilt dasselbe für Deutschland im Kampfe gegen Frankreich. Ich würde daher befürworten, auch unsere im Osten bereitgestellten Truppen im Westen einzusetzen, wenn nicht die Rücksicht auf Österreich mich daran hinderte. Denn in dem Austrag des Streites zwischen Deutschland und Frankreich liegt meiner Überzeugung nach der Schwerpunkt des ganzen europäischen Krieges, und" (wie es in der Schlieffenschen Denkschrift hieß) "auch das Schicksal Österreichs wird nicht am Bug, sondern an der Seine endgültig entschieden werden."

Im Übrigen suchte General v. Moltke den Wünschen des Generals v. Conrad soweit als möglich entgegenzukommen, indem er die Hoffnung aussprach, dass es sich vielleicht sehr bald nach Eröffnung der Feindseligkeiten im Westen ermöglichen lassen werde, weitere Kräfte zweiter Linie gegen Russland einzusetzen. Für den erbetenen Vorstoß aus Schlesien hatte er bei der Ungunst der deutschen Gesamtstärkeverhältnisse aber nur Landwehr- und Ersatz-Verbände in der Stärke eines Korps (Landwehrkorps) zur Verfügung, die bisher zum Schutze des Oberschlesischen Industriegebietes in Aussicht genommen, zur Verwendung im freien Felde aber wenig geeignet waren. Trotzdem war General v. Moltke entschlossen, sie in der von den Verbündeten erbetenen Weise anzusetzen, denn er versprach sich von ihrem Vorgehen vor allem auch eine günstige Einwirkung auf das Vorwärtsschreiten der österreichisch-ungarischen Offensive.

Mit dem Briefwechsel vom Januar/Februar 1913 haben die zwischen den Generalstabschefs der Mittelmächte für den Kriegsfall getroffenen Abmachungen im Wesentlichen ihren Abschluss gesunden. Osterreich-Ungarn wollte, sobald Russland mobil mache, die Masse seines Heeres gegen dieses Land einsetzen und in Ostgalizien dicht an der Grenze aufmarschieren lassen, um nach Polen hinein zur Offensive vorzugehen. Diese Offensive wollte Deutschland unterstützen: unmittelbar durch das Vorgehen eines Korps auf Schlesien, mittelbar, indem es 13 Divisionen in Ostpreußen aufmarschieren lieh und die an dieser Front erwarteten russischen Kräfte durch einen Angriff gegen den Narew fesselte. Diese Vereinbarungen waren für die ersten Wochen eines Krieges berechnet, in denen enges Zusammenwirken der beiden Verbündeten — abgesehen von dem Vorstoß auf Schlesien — noch nicht in Frage kam. Welche Bedürfnisse sich herausstellen würden, wenn später, nach einem Sieg über Frankreich, starke deutsche Kräfte im Osten eingesetzt werden konnten, das ließ sich im Voraus kaum übersehen. Ein gemeinsamer Oberbefehl gegen Russland, der dann erwünscht oder gar notwendig werden mochte, war für die ersten Kriegswochen entbehrlich. Die überaus heikle und kaum befriedigend zu lösende Frage des Oberbefehls im Osten ist daher bei den Verhandlungen der beiden Generalstabschefs im Frieden nicht angeschnitten worden.

Soweit es nach der Stellung der verbündeten Mächte zueinander möglich schien, war das Zusammenwirken der deutschen und österreichisch-ungarischen Streitkräfte für den Kriegsfall geregelt. Dass trotzdem in den Grundauffassungen noch Meinungsverschiedenheiten bestehen geblieben sind, darf bei dem Wesen des Bündnisverhältnisses nicht wundernehmen: So hat General v. Conrad niemals ganz auf den Gedanken verzichtet, nötigenfalls einen Krieg auf dem Balkan durchzufechten, ohne Rücksicht auf die damit verbundene erhebliche Schwächung der gegen Russland verfügbaren Kräfte und die daraus folgende Mehrbelastung Deutschlands. General v. Moltke anderseits hat die Aufgabe Österreich-Ungarns für den Kriegsanfang immer nur unter dem Gesichtspunkt betrachtet, dass die gegen Frankreich gesuchte Entscheidung— von der letzten Endes alles abhing — durch Russlands Vordringen nicht in Frage gestellt werden dürfe. Diese Gefahr wuchs mit dem zunehmenden Erstarken Russlands und der sich von Jahr zu Jahr steigernden Beschleunigung seines Aufmarsches. Zudem war die militärische Lage Österreich-Ungarns durch die seit 1913 unsichere Haltung Rumäniens schwieriger geworden. Um so wichtiger wurde, dass es sich für den Fall eines Krieges nicht durch seine Balkangegner ablenken ließ, sondern möglichst alle Kraft gegen Russland zusammenfasste. Obschon gegen dieses Land zunächst keine Entscheidung gesucht werden sollte, musste der Kampf gegen Russland doch angriffsweise geführt werden. Legte General v. Conrad seinen Aufmarsch, wie er es mehrfach angedeutet hatte, zurück oder beschränkte er sich auf die Abwehr, dann gewannen die Russen nach der Auffassung des Generals v. Moltke volle Freiheit des Handelns und hatten die Wahl, sich mit vereinigter Macht auf Österreich-Ungarn oder auf Deutschland zu werfen. An der deutschen Front aber fanden sie die geringeren Kräfte, — und letzten Endes würde auch den Russen klar sein, dass nicht die Richtung aus Wien, sondern die aus Berlin für die Gesamtkriegslage entscheidend sei. Kamen die russischen Massen in der Richtung auf Berlin ohne großen Aufenthalt vorwärts, so würde das "den Widerstand Frankreichs, auch nach schweren Niederlagen, zum äußersten anspornen und schließlich doch deutsche Streitkräfte zum Schutze der Hauptstadt vom Westen zurückrufen". Ob es dann noch möglich sein würde, den Entscheidungskampf im Westen zum siegreichen Abschluss zu bringen, erschien äußerst fraglich. General v. Moltke hielt deswegen die Belassung eines Teils des deutschen Heeres im Osten für geboten, so sehr er auch im Westen fehlen werde, denn: "Kann Österreich darauf rechnen, dass die deutschen Truppen den Abmarsch der russischen Njemen- und Narew-Armee nach Süden verhindern, so wird es voraussichtlich zu einer energischen Kriegführung entschlossen sein." Es war derselbe Gedanke, der den General v. Moltke vermutlich schon 1909 veranlasst hatte, trotz aller Bedenken dem Angriff deutscher Divisionen gegen den Narew zuzusagen. Wenn die Ausführbarkeit dieses Angriffs auch von Jahr zu Jahr fraglicher wurde, so hat sich der General doch nicht entschließen können, die einmal gegebene Zusage zurückzuziehen. Österreich-Ungarns wegen musste versucht werden, diese Offensive, wenn nur irgendwie möglich, doch durchzuführen.

 

 

Zweites Kapitel. Die Rüstungen und Stärkeverhältnisse bis zum Sommer 1914.

 

Seit den deutsch-österreichischen Abmachungen vom Frühjahr 1909 hatten sich die Stärkeverhältnisse nicht nur im Westen, sondern noch mehr im Osten erheblich zuungunsten der Mittelmächte verschoben. Dem deutschen wie dem österreichisch-ungarischen Generalstabe war das nicht entgangen.

Vom russischen Heer wusste man, dass es sich von der Niederlage in Ostasien und von ihren Folgen ganz wieder erholt hatte. Unterstützt durch französisches Geld, angeregt und überwacht durch häufige Besuche von Vertretern des verbündeten Heeres und, bei günstiger Lage der Staats-finanzen, nicht am wenigsten gefördert durch die jederzeit bewilligungsbereite Volksvertretung, war das russische Heer an Stärke und Schlagfertigkeit ganz außerordentlich gehoben worden. Bei der strengen Geheimhaltung, die in Russland für militärische Maßnahmen üblich war, bei der ungeheuren Ausdehnung des Gebietes, der scharfen polizeilichen Überwachung des Fremdenverkehrs und den überaus strengen Spionagegesetzen war es aber für den deutschen Generalstab sehr schwer, sich von dieser Entwicklung, die bei Kriegsausbruch noch keineswegs abgeschlossen war, dauernd ein zutreffendes Bild zu machen.

Die Friedensstärke nahm der deutsche Generalstab für 1914 mit 1445000 Köpfen, für den Winter noch um ein gutes Drittel höher, an. Die Dienstzeit unter der Fahne war länger als bei den Mittelmächten und betrug 3 ¼, teilweise sogar 4 ¼ Jahre. Dadurch wurde die Schwerfälligkeit des Ersatzes, von dem noch im Jahre 1909 38 v. H. weder lesen noch schreiben konnten, zu einem wesentlichen Teil ausgeglichen. Der langen aktiven Dienstzeit folgten umfangreiche Übungen in der Reserve und in der "Reichswehr" (Landwehr), zu denen, jährlich steigend, für 1914 fast 900000 Mann auf 6 Wochen eingezogen werden sollten.

Die Mobilmachung schien gut vorbereitet zu sein, der Zeitbedarf für den Aufmarsch wurde durch große strategische Bahnbauten immer weiter abgekürzt. So hob der deutsche Generalstab in einer Denkschrift vom Frühjahr 1914 hervor, "dass die Kriegsbereitschaft Russlands ... sich in einigen Punkten über die Kriegsbereitschaft der übrigen Großmächte einschließlich Deutschlands erhebt, nämlich: durch das Ausscheiden der militärischen Schwächeperiode im Winter infolge Zurückbehaltung des ältesten Jahrgangs bis zur vollendeten Ausbildung der Rekruten, durch häufige praktische Erprobung der gesamten Mobilmachungsmaßnahmen mit Hilfe der Versuchs- und Probemobilmachungen, — durch die Möglichkeit außerordentlicher Beschleunigung der Mobilmachung mit Hilfe der Kriegsvorbereitungsperiode". Aufgrund von Nachrichten über die Maßnahmen während der Balkankriege von 1912/13 wurde in der Denkschrift weiter ausgeführt, dass diese "Kriegsvorbereitungsperiode" gestatte, m Zeiten politischer Spannung "Ergänzungsmannschaften und Pferde den Truppen vor Beginn der eigentlichen Mobilmachung zuzuführen" und diese selbst soweit vorzubereiten, dass die Truppenteile schließlich schon am 1. oder 2. Mobilmachungstage marschbereit sein könnten. Es musste mit der Möglichkeit gerechnet werden, dass die Russen versuchten, auf solche Weise den Vorsprung der Mittelmächte im Aufmarsch auszugleichen und damit auch einen Anfangserfolg für diese in Frage zu stellen.

Im Jahre 1914 erwartete der deutsche Generalstab, dass Russland -ohne die 7 ½ sibirischen und turkestanischen Korps, die vielleicht im Osten gebunden seien, jedenfalls aber auf dem europäischen Kriegsschauplatz erst spät eintreffen konnten — sein Heer zunächst in folgender Stärke bereitstellen werden:

Feldtruppen: 30 Korps mit 59 aktiven Infanterie-Divisionen und 12 aktiven Schützen-Brigaden, ferner 35 Reserve-Divisionen, zusammen also 100 Divisionen Infanterie und 35 ½ Kavallerie- und Kosaken-Divisionen mit einer Gesamtstärke von 2712000 Mann, ferner 40 Reichswehr- (Landwehr-) Divisionen sowie Besatzungstruppen und Ersatztruppen des aktiven Heeres in einer Gesamtstärke von 929000 Mann.

Alles in allem (ohne sibirische und turkestanische Truppen) 3641000 Mann.

In Bezug auf Ausbildung, Bewaffnung und Ausrüstung wurde das russische Heer als vollwertig angesehen, obgleich seine aktiven Verbände in der Stärke der Geschützausrüstung hinter gleichartigen deutschen Verbänden zurückstanden; dafür waren sie den österreichisch-ungarischen in dieser Hinsicht umso mehr überlegen.

Die ganze gewaltige Masse des russischen Heeres war von einheitlichem Geiste beseelt. Wenn sich auch gelegentlich revolutionäre Regungen gezeigt hatten, so beurteilte man den russischen Soldaten doch als treu seinem Zaren, willig und zuverlässig. Dabei wurde er gelehrt, dass alle seine Anstrengungen nur einem Ziele gälten. Die verbreitetste russische Militärzeitung, der "Raswjedschik", schrieb darüber zu Neujahr 1914: "Uns allen ist sehr wohl bekannt, dass wir uns auf einen Krieg an der Westfront, vornehmlich gegen die Deutschen (Österreich-Ungarn und Deutschland) vorbereiten. Deshalb müssen wir allen unseren Truppenübungen die Annahme zugrunde legen, dass wir gegen die Deutschen Krieg führen; z. B. muss immer die eine der manövrierenden Parteien die "deutsche" heißen. Nicht nur die Truppe, das ganze russische Volk muss an den Gedanken gewöhnt werden, dass wir uns zum Vernichtungskampf gegen die Deutschen rüsten und dass die deutschen Staaten zerschlagen werden müssen, auch wenn wir dabei Hunderttausende von Menschen verlieren."

Den russischen Aufmarsch erwarteten die Mittelmächte nach wie vor mit dem größeren Teil gegen Österreich-Ungarn. Der deutsche Generalstab rechnete mit der Wahrscheinlichkeit eines frühzeitigen Angriffs auf Ostpreußen. Im Übrigen hielt man es für möglich, aber doch nicht für sicher, dass sich die Russen bis zur Beendigung ihres Aufmarsches abwartend verhalten und erst, wenn sie voll versammelt waren, zum allgemeinen Angriff übergehen würden. Das Gebiet westlich der Weichsel würden sie, wie immer klarer zu erkennen war, zunächst preisgeben. Die Befestigungen von Warschau und Iwangorod hatten sie veralten lassen und schließlich zur Auflassung bestimmt.

Im Frühjahr 1914 hat man im deutschen Generalstab errechnet, dass Russland unter voller Ausnutzung der "Kriegsvorbereitungsperiode" die Möglichkeit habe, schon bis zum 18. Mobilmachungstage 63 Infanterie- und Reserve-Divisionen und 22 Kavallerie-Divisionen an seiner europäischen Grenze bereitzustellen.

Mit Rumänien als Bundesgenossen rechneten General v. Moltke wie General v. Conrad seit dem Frühjahr 1914 nicht mehr. Dadurch waren für die Mittelmächte 8—10 Divisionen weggefallen, ebenso viele feindliche aber frei geworden. Österreich-Ungarn hatte für seinen Aufmarsch gegen Russland die sichere Flügelanlehnung verloren und sah sich sogar genötigt, für alle Fälle die Aufstellung von Grenzschutz-Truppen gegen den Bundesgenossen vorzubereiten.

Serbien war 1913 aus zwei Kriegen als Sieger hervorgegangen. Die Vergrößerung seines Gebietes um etwa zwei Drittel des früheren Bestandes und der Bevölkerungszuwachs von drei auf über vier Millionen Menschen bedeuteten eine große Machtstärkung. Sie konnte auch durch die mit dem Landerwerb verbundene Aufnahme widerstrebender fremdstämmiger Volksteile nur vorübergehend gemindert, aber keineswegs dauernd in Frage gestellt werden. Die Erhöhung der Friedensstärke der Armee von 30000 Köpfen auf etwa das Doppelte war sofort in Angriff genommen worden.

Kurz vor dem Weltkrieg veranschlagte der deutsche wie der österreichisch-ungarische Generalstab die Kriegsstärke der serbischen Armee auf 12 Divisionen mit 285000 Mann als Operationsarmee und 115000 Mann Ersatz- und Besatzungstruppen und Landsturm, zusammen 400000 Mann.

Für die Verteidigung des eigenen, vielfach unwegsamen Berglandes war diese Armee stets als ein sehr beachtenswerter Gegner angesehen worden. Jetzt hatten siegreiche Feldzüge das Vertrauen der Serben zum eigenen Können gehoben. Sie wuchsen nächst Rumänien zur ersten Militärmacht auf dem Balkan heran. Ihre Armee konnte auch im Angriff Bedeutung gewinnen, obwohl sie darin der russischen noch nicht vergleichbar schien. Vor allem fehlte ihr die Möglichkeit, Bewaffnung und Ausrüstung durch Herstellung im eigenen Lande ausreichend zu ergänzen.

Die weit kleinere Armee Montenegros war ein Volksaufgebot ohne längere Ausbildungszeit. Man hielt sie nur zur Verteidigung ihrer Berge für befähigt.

So war an der Balkanfront doch auch jetzt nur mit dem Angriff von höchstens 12 serbischen Divisionen zu rechnen. Von ihnen stand ein großer Teil in den neuerworbenen Gebieten und konnte von dort, angesichts der ungünstigen Verkehrsverhältnisse des Landes, selbst wenn er sofort in Marsch gesetzt wurde, wahrscheinlich erst nach einigen Wochen an der Grenze gegen die Donau-Monarchie eintreffen.

Die Mittelmächte hatten mit den Anstrengungen der Gegner zur Stärkung ihrer Wehrmacht nicht gleichen Schritt gehalten.

Österreich-Ungarn war gegenüber den gewaltigen militärischen Anstrengungen Russlands wie Serbiens immer mehr zurückgeblieben. Die maßgebenden Stellen Deutschlands wussten das, glaubten aber von dem Versuch einer Einwirkung, um erkannte Mängel zu beheben, absehen zu müssen. Das Verhältnis war ein anderes als das zwischen Frankreich und Russland.

Die Gründe der militärischen Rückständigkeit Österreich-Ungarns lagen tief: Die Länder dieser Doppel-Monarchie bildeten keinen in sich geschlossenen, von nationaler Lebenskraft erfüllten Staat. Das festeste Bindeglied ihrer zahlreichen Volksstämme war, nächst dem gemeinsamen Herrscherhaus, immer noch die Wehrmacht und in ihr das Offizierskorps. Dieses war trotz aller Mannigfaltigkeit doch von einheitlichem, staats- und kaisertreuem Geist beseelt. Umso mehr aber war gerade die Wehrmacht zum Zankapfel der verschiedenen Nationalitäten und politischen Parteien geworden; sie hatten die Entwicklung des Heeres so gut wie ganz zum Stillstand gebracht. Die Bemühungen des Generals v. Conrad, auch nur die notwendigsten Verstärkungen zu erreichen, blieben demgegenüber ebenso erfolglos wie die Versuche verschiedener Kriegsminister. Erst im Jahre 1912 konnte die Regierung eine Erhöhung des Friedensstandes erreichen, die sich aber infolge der Balkanereignisse schon im Jahre darauf als völlig unzulänglich herausstellte. Die daraufhin im März 1914 bewilligten weiteren Verstärkungen sollten nur nach und nach durchgeführt werden. So betrug die Friedensstärke des Heeres bei Kriegsausbruch erst 478000 Köpfe. Der schwere Nachteil aber, dass bis zum Jahre 1912 nur ein geringer Teil der Wehrpflichtigen ausgebildet worden war, hatte sich noch in keiner Weise ausgleichen lassen. Auch die an Zahl geringe und vielfach veraltete Geschützausstattung begann man erst seit 1914 zu ergänzen.

Seiner Gliederung nach bestand das österreichisch-ungarische Heer aus drei im Frieden völlig voneinander getrennten Teilen: dem Kaiserlichen und Königlichen gemeinsamen Heer, der Kaiserlich-Königlich österreichischen Landwehr und der Königlich ungarischen Honved. Dabei waren "Landwehr" und "Honved", ebenso wie das gemeinsame Heer, aktive Truppen. Nur Generalität und Generalstab waren allen drei Teilen gemeinsam und gewährleisteten damit eine einheitliche Ausbildung. Diese wurde aber durch die Schwäche der Friedensstärke, den Mangels an Geldmitteln und, ebenso wie die Führung im Kriege, durch die Vielsprachigkeit des Ersatzes erschwert: neben der deutschen, für die Honved der ungarischen und kroatischen Dienstsprache gab es noch zehn verschiedene "Regimentssprachen", dabei bis zu dreien in einem einzigen Truppenteil!

Den Kern des Heeres bildeten die Deutschen (25 v. H.) einerseits, die Ungarn (17 v. H.) anderseits. Die rein deutschen und demnächst die rein ungarischen Verbände waren die besten des Heeres und mit ganzem Herzen bei der Sache. Aber es gab ihrer nicht allzu viele. 58 v. H. des Heeres gehörten anderen Nationalitäten an, deren Belange von denen des Gesamtstaates mehr oder minder abwichen. Darunter waren allein 17 v. H. Tschechen und Slowaken, also ebenso viele wie die Ungarn, dann Polen, Ruthenen, Serben, Kroaten und Slowenen, Rumänen und Italiener. Innerhalb des Friedensheeres spielten jedoch die nationalen Gegensätze der verschiedenen Stammesangehörigen kaum eine Rolle. Wie sich die Verhältnisse aber, angesichts der zunehmenden Schärfe dieser Gegensätze und der vielfach maßlosen Verhetzung, bei einer Mobilmachung gestalten würden, ließ sich nicht sicher voraussehen.

Die überaus zahlreichen, aber sehr schwachen Friedensstämme waren eine Eigenart des Heeres. Bei der Mobilmachung verbrauchten sie Zu ihrer Auffüllung fast den gesamten Bestand an Ausgebildeten. Auf die Ausstellung von Reserveformationen musste daher verzichtet werden. Alles in allem konnte nur auf ein Feldheer in Stärke von 49 ½ Infanterie-Divisionen und 11 Kavallerie-Divisionen gerechnet werden, außerdem auf etwa 20 Landsturm-Brigaden, die der deutschen Landwehr entsprachen.

Die Kriegsstärke sollte insgesamt betragen: 1400000 Mann Feldtruppen, 900000 Mann Landsturm, Besatzungs- und Ersatztruppen, zusammen 2300000 Mann.

Bei der Vielgestaltigkeit des Heeres und der Schwäche seiner Friedensstämme ließ das einheitliche und feste Gefüge zu wünschen übrig. Wohl waren Führer und Truppe zum Angriff erzogen, die gründliche Schulung, die beim deutschen Heer die Überlegenheit auch gegen feindliche, Übermacht versprach, fehlte aber. Inwieweit man sich gerade hierüber in Wien klar war, steht dahin. General v. Conrad hat jedenfalls nach den deutschen Kaisermanövern 1915 in einem Berichte an seinen Kaiser die österreichisch-ungarische Truppenführung und Ausbildung als der deutschen in den meisten Punkten überlegen hingestellt und war noch bei Kriegsbeginn der Ansicht, dass die Friedensausbildung des österreichisch-ungarischen Heeres diesem eine "taktische Geschicklichkeit" verschafft habe, "von der zu hoffen war, dass sie ein Moment der Überlegenheit gegenüber den schwerfälligeren russischen Massen bilden würde." Die mit der Bearbeitung Österreich-Ungarns betraute Abteilung des deutschen Generalstabes hatte in einer Denkschrift von 1913, der letzten vor dem Kriege, geschrieben: "Die zahlenmäßige Stärke, die Intensität der Ausbildung, die Organisation und zum Teil auch die Bewaffnung des österreichisch-ungarischen Heeres lassen noch zu wünschen übrig. Eine Überlegenheit gegenüber den voraussichtlichen Gegnern kann nur erhofft werden von dem vortrefflichen Offizierskorps, der wachsenden Führerschulung, dem regen Offensivgeist und der bisher anscheinend guten Disziplin." Die Denkschrift endete mit der Feststellung, dass Österreich-Ungarn, wenn es gegen Russland und am Balkan gleichzeitig zu kämpfen habe, den deutschen Kräften in Ostpreußen die dringend erforderliche Entlastung nicht bringen könne.

Aber auch Deutschland hatte sein Heer bis 1914 nicht in dem Maße verstärkt, dass es bei den steigenden Bedürfnissen des westlichen Kriegsschauplatzes für den östlichen weitere Kräfte verfügbar machen konnte. So war es dem General v. Moltke bis zum Kriegsausbruch unmöglich, dem mehrfach wiederholten Drängen des Generals v. Conrad auf Bereitstellung stärkerer Kräfte in Ostpreußen zu entsprechen. Im Jahre 1914 konnte dorthin im Kriegsfall nicht mehr gegeben werden als 1909. Es hatten im Gegenteil seit dem Frühjahr 1913 statt zweier Reservekorps ganz oder teilweise einzelne Ersatz-Divisionen eingesetzt werden müssen, die zwar nach Zusammensetzung und Ausrüstung den Reserve-Divisionen etwa gleichwertig waren, aber erst am 11. Mobilmachungstage marschbereit sein konnten. Als General v. Conrad im Mai 1914 den Generalobersten v. Moltke in Karlsbad aufsuchte, musste dieser ihm erklären, dass er für Ostpreußen nur "12 Divisionen — vielleicht auch etwas mehr" stellen könne.

So war das Stärkeverhältnis für die bei Kriegsbeginn im Osten zu lösende Aufgabe recht ungünstig:

Russland konnte, ohne die sibirischen und turkestanischen Korps, etwa 100 Infanterie- und Reserve- und 35 Kavallerie-Divisionen einsehen, gegen die die Mittelmächte im Ganzen nur über Infanterie- und Reserve-Divisionen (davon 13 deutsche) und 12 Kavallerie-Divisionen (davon 1 deutsche) verfügten. Dabei hatte Österreich aber gleichzeitig etwa 12 serbische Divisionen abzuwehren. Bei solcher Ungleichheit der Zahl war es doppelt notwendig, die vorhandenen Kräfte in der entscheidenden Richtung zusammen zu halten: Der an Artillerie und technischen Hilfsmitteln beschränkten serbischen Armee konnte ein Einbruch nach Ungarn an Donau und Sau verhältnismäßig leicht verwehrt werden, auch eine feindliche Offensive durch das unwegsame Berg-land Bosniens und der Herzegowina musste sich infolge von Nachschubschwierigkeiten bald totlaufen. So schien es an der Balkangrenze sehr wohl möglich zu sein, mit unterlegenen Kräften eine nachhaltige Verteidigung zu führen. Die, soweit man wusste, vom General v. Conrad dafür in Aussicht genommenen 8—9 Divisionen hielt der deutsche Generalstab schon für einen sehr reichlichen Einsatz. Je geringere Kräfte Österreich-Ungarn an seiner Südgrenze festlegte, umso stärker konnte es auf dem entscheidenden Kriegsschauplatz auftreten. Die für diesen schon seit 1909 in Aussicht genommenen 40 Divisionen waren dem deutschen Generalstabe stets als das Mindeste erschienen, das gegen Russland verfügbar gemacht werden konnte und musste. Seit dem weiteren Anwachsen und der gesteigerten Angriffs-bereitschaft der russischen Streitkräfte, und vollends seit dem Ausfall Rumäniens, genügten sie kaum noch. Aber auch die letzten österreichisch-ungarischen Heeresverstärkungen haben in der Zahl der gegen Russland verfügbaren Kräfte keine irgendwie nennenswerte Besserung gebracht: An der galizischen Front hatte General v. Conrad 1909 für den 29. "Mobilisierungstag" einschließlich der Rumänen mit 48 Divisionen gegen 40 russische rechnen können, 1914 musste das Verhältnis — jetzt ohne die Rumänen — nach den Vorkriegsberechnungen des Wiener Generalstabes am 30. Mobilmachungstage 40 österreichisch-ungarische gegen 60 russische Divisionen sein!

Dieses Missverhältnis der Zahl war aber doch nicht von Anfang an zu erwarten. Machte Österreich-Ungarn gleichzeitig mit Russland mobil, dann konnte es etwa am 20. Mobilmachungstage für einen Angriff zwischen Bug und Weichsel immer noch auf ausreichende Überlegenheit rechnen. So war General v. Moltke wie General v. Conrad überzeugt, dass es dem österreichisch-ungarischen Heer trotz allem möglich sein werde, zunächst gegen eine Minderheit Erfolge zu erringen. Voraussetzung dafür aber war, dass der zeitliche Vorsprung in der Bereitstellung der Streitkräfte gewahrt wurde, denn jeder Tag musste das Zahlenverhältnis zugunsten des Gegners verschieben. Es galt, den Russen einige wirkungsvolle Schläge zu versetzen, bevor sie noch voll versammelt waren; nur wenn das gelang, durfte man hoffen, sich ihrer auch für längere Zeit zu erwehren.

 

 

Viertes Kapitel. Der russische Aufmarsch.

 

In Russland war schon am 26. Juli die "Kriegsvorbereitungsperiode" in Kraft getreten. In den folgenden Lagen hatte es sich um die Frage gehandelt, ob nur eine Teilmobilmachung gegen Österreich-Ungarn oder sofort die Gesamtmobilmachung auszusprechen sei. Vom Standpunkt der Politik war die Teilmobilmachung das Gegebene. Sie war aber angeblich nicht vorbereitet und hätte eine nachfolgende Gesamtmobilmachung erheblich gestört. Sie barg daher militärisch schwere Gefahren in sich. Am 29. Juli war der Befehl für die allgemeine Mobilmachung vom Zaren schon unterschrieben, wurde aber, unmittelbar vor seiner Bekanntgabe, wieder zurückgezogen und durch den Befehl zur Teilmobilmachung erseht. Schon am nächsten Mittag aber, am 30. Juli, befahl Kaiser Nikolaus II. endgültig die allgemeine Mobilmachung. Der 31. Juli sollte der erste Mobilmachungstag sein.

An Feldtruppen wurden im ganzen 114 ½ Divisionen Infanterie und 37 ½ Kavallerie-Divisionen mobil.

Russland hatte beim Aufmarsch wie bei der Führung der Operationen auf das Zusammenwirken mit dem verbündeten Frankreich Rücksicht zu nehmen. Zwischen beiden Staaten bestanden seit 1892 feste militärische Abmachungen für den Kriegsfall, es fanden regelmäßige Besprechungen der Generalstabschefs statt. Dabei war nur eine Ansicht darüber gewesen, dass Deutschland zuerst im Westen die Entscheidung suchen müsse und daher nur ganz wenige Kräfte gegen Russland stehen lassen werde. Man war sich darüber klar, "dass die Niederlage der deutschen Armeen unter allen Umständen das erste und hauptsächlichste Ziel der verbündeten Heere" sei. Während aber Frankreich dazu aus besonders frühzeitigen und starken Einsatz russischer Kräfte gegen Deutschland drang, glaubte der russische Generalstabschef, in den letzten Jahren vor dem Kriege General Shilinski, sich doch auch "der Gefahr eines Misserfolges an der österreichischen Front nicht aussetzen zu dürfen. Auch hielt er es für nötig, im Norden Kräfte gegen Schweden, vielleicht auch im Kaukasus gegen die Türkei stehen zu lassen. Immerhin versprach er mindestens 800000 Mann, die durch ihren Angriff 5 bis 6 deutsche Armeekorps nebst entsprechenden Reserve- und Landwehr-Formationen fesseln sollten. Ihr Angriff könne, wie General Shilinski auf französisches Drängen zusagte, "gleich nach dem 15. Mobilmachungstage beginnen". Für den russischen Aufmarsch gegen Deutschland waren sich beide Generalstabschefs ferner darüber einig, dass der Schwerpunkt unbedingt auf den Südflügel gelegt werden müsse. Die Hauptkräfte seien so bereitzustellen, dass sie einerseits in der allgemeinen Richtung auf Allenstein vorgehen könnten, falls der Feind sich in Ostpreußen versammle oder den Versuch mache, von dort aus auf Warschau vorzurücken, — dass sie anderseits aber auch die Offensive auf dem linken Weichselufer ergreifen könnten, um auf Berlin vorzurücken, falls der Gegner seine Kräfte im Raume Thorn—Posen versammle oder von da aus gegen Warschau oder Iwangorod vorgehe.

Diesen Abmachungen mit Frankreich entsprach aber der russische Kriegsplan doch nicht ganz. Er ging von der Grundauffassung aus, dass eine große Offensive gegen Deutschland erst möglich sei, nachdem man das österreichisch - ungarische Heer niedergeworfen habe.

Man rechnete damit, dass sich dieses "bunt zusammengesetzte Heer von einem Schlage nicht sobald wieder erholen dürfe." Dementsprechend hatte der russische Generalstab den Aufmarsch mit der Masse gegen Österreich-Ungarn, Plan A (Austria), vorbereitet, um den Hauptangriff in dieser Richtung zu führen und zunächst nur einen Nebenangriff gegen Deutschland, und zwar gegen Ostpreußen. Nur wenn Deutschland wider alles Erwarten seine Hauptkräfte zuerst gegen Osten einsetzte, musste man auf den Angriff gegen Österreich-Ungarn verzichten. Dann sollte ein abgeänderter Aufmarsch, Plan G (Germania), in Kraft treten, bei dem die Masse des russischen Heeres zum Angriff gegen Ostpreußen bereitgestellt wurde, während geringere Kräfte diesen Angriff gegen Österreich-Ungarn deckten. Ob man den Angriff gegen Ostpreußen in solchem Falle aber auch durchführen werde, stand dahin. Jedenfalls hielt man es für nötig, vor überlegenem deutschen Angriff in der Abwehr zu bleiben, bis die asiatischen Korps heran seien oder die Lage sich durch einen französischen Sieg änderte. Dazu war ein Ausweichen ins Innere des weiten Reiches vorgesehen.

Um über die deutschen Absichten rechtzeitig Klarheit zu gewinnen, sollte vor allem die Abfahrtrichtung des deutschen II. Armeekorps (Stettin), des V. (Posen) und VI. (Breslau) durch Agenten beobachtet werden. Als am 6. August Klarheit darüber gewonnen war, dass Deutschland tatsächlich nur geringe Kräfte im Osten stehen lasse, blieb der Aufmarschplan Austria in Kraft. Er sah unter Freigabe des russischen Gebietes westlich der Weichsel zunächst folgende Kräfteverteilung vor:

gegen Deutschland zwei Armeen (1. und2.) mit 50 Divisionen Infanterie und 9 ½ Kavallerie-Divisionen, "dabei auf Kosten der Bereitschaft des Westflügels der gegen Österreich-Ungarn bestimmten Kräfte die am schnellsten an der ostpreußischen Grenze verwendungsbereiten Verbände; gegen Österreich-Ungarn vier Armeen (4., 5., 5., 8.)) mit 46 ½ Divisionen Infanterie und 18 ½ Kavallerie-Divisionen; noch zurückgehalten zwei Armeen (6. bei Petersburg, 7. an der rumänischen Grenze) mit 14 ½ Divisionen Infanterie und 5 Kavallerie-Divisionen.

Angesichts der freundschaftlichen Haltung Rumäniens war aber schon am 29. Juli, bei Ausspruch der Teilmobilmachung gegen Österreich-Ungarn, angeordnet worden, dass von der 7. Armee das einzige aktive Korps (VIII.) sofort zur 8. Armee zu treten habe. Damit waren gegen die Donaumonarchie im Ganzen 48 ½ Divisionen Infanterie angesetzt.

Mit diesen Anordnungen war aber nur über die europäischen und 1/3 der kaukasischen Truppen Bestimmung getroffen. Es standen noch 2/3 der kaukasischen, die turkestanischen und sibirischen Truppen zur Verfügung, die aber erst nach Freiwerden der Bahnen befördert werden konnten. Es war daher nicht nötig, sich über ihre Verwendung im Voraus zu entscheiden.

Zum Obersten Befehlshaber über alle Land- und Seestreitkräfte ernannte Kaiser Nikolaus II. den Großfürsten Nikolaus Nikolajewitsch. Der Großfürst war ein überzeugter Vertreter des allrussischen Gedankens, nach Geburt und Erziehung ein ausgesprochener Feind des Deutschen Reiches und ein treuer Freund Frankreichs. Er hatte, soweit wir darüber unterrichtet sind, ein gesundes militärisches Urteil und überragte wohl auch die Mehrzahl der russischen Führer an Tatkraft. So war er ein beachtenswerter Gegner. General Fanuschkewitsch, seit dem März 1914 Nachfolger des Generals Shilinski als Generalstabschef, trat dem Großfürsten als "Chef des Feldstabes" zur Seite. Das Große Hauptquartier befand sich bis zum 12. August in Petersburg und sollte dann nach Baranowitschi (Eisenbahnknotenpunkt an der Strecke Brest-Litowsk—Minsk) verlegt werden. Mit demselben Tage sollte die Gliederung in 2 Heeresgruppen eintreten: Der frühere Generalstabschef, zuletzt Generalgouverneur und Oberbefehlshaber des Militärbezirks Warschaus, General der Kavallerie Shilinski, sollte als Oberbefehlshaber der Nordwestfront die Operationen gegen Deutschland, der Oberbefehlshaber des Militärbezirks Kiew, General der Artillerie Iwanow, als Oberbefehlshaber der Südwestfront die Operationen gegen Österreich-Ungarn leiten.