Die beste letzte Chance - Wolfgang Kieser - E-Book

Die beste letzte Chance E-Book

Wolfgang Kieser

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Beschreibung

Daniel Brack, Marlen Winter und der Anwalt Dr. Harry Littmann sind Frankfurter Bürger und Mitglieder der Forschungsgruppe RIC. Sie geraten ins Visier des aggressiven Rohstoffkonzerns BAN ICOR, dessen mächtige Investoren skrupellos um die Ressourcen der menschlichen Gesellschaft kämpfen. Marlen und Daniel vertiefen in dieser unsicheren Zeit der Verfolgung, Angst und Gefahr ihre Liebe. Bedroht von dieser unantastbaren Macht verbünden sich die Freunde mit einem Gegner von BAN ICOR. Dieser arabische Scheich organisiert mit gigantischen Investitionen einen Friedensplan für arabische Staaten. In einem spektakulären Showdown eskaliert die Gewalt.

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Seitenzahl: 191

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Prolog

Der Roman „Die beste letzte Chance“ setzt die Erzählung aus dem ersten Buch „Der Sturm beginnt sanft“ fort. Neben den in Frankfurt lebenden Hauptpersonen kommen ein paar neue Akteure ins Spiel. Einige internationale Metropolen sind weitere Schauplätze.

Rückblick in den ersten Roman, „Der Sturm beginnt sanft“:

Drei Verbrechen haben vor fünfzehn Jahren tief in das Leben einiger Frankfurter Familien eingegriffen. Günther Brack, Vorstand der IBF-Bank und Vater von Daniel, starb durch einen ungeklärten Selbstmord. Sein Schwager, der Anwalt Dr. Harry Littmann, verlor bei einem mysteriösen Autounfall seine Frau. Und Max Winter, Vater von Marlen, wurde durch eine hinterhältige Intrige um einen beträchtlichen Teil seines Vermögens gebracht.

Heute lebt Daniel (30), freischaffender Marketing-Experte, alleine im väterlichen Westendhaus. Er lernt Marlen kennen, ihre romantische Liebe fügt eine private Ebene ein, die sich durch das ganze Buch zieht. Dr. Harry Littmann (60), hat seine Kanzlei verkauft und ein Haus im Westend erworben, wo er das „Bistro Malaga“ betreibt. Er ist Mitarbeiter des BND geworden und reist häufig in fremde Länder. Max Winter (65) hat den Hauptsitz seiner Handelsfirma WINTER GROUP nach London verlegt. Seine Tochter Marlen (28) besucht heute für ihn seine weltweiten Freunde und Geschäftspartner. Neuer Vorstand der IBF-Bank ist der Vize Valentin Kerner geworden. Mit riskanten Geschäften eröffnet er der Mafia den Weg zur Geldwäsche.

RIC (Resistencia International Corporation) ist eine staatlich geförderte Forschungsgruppe, die sich mit Problemen der Gesellschaft beschäftigt und zukunftsfähige Konzepte für Systeme und Institutionen entwickelt. Die Vorschläge der Gruppe stoßen bei der Mafia und mächtigen Finanz-Investoren auf heftigen Widerstand. RIC besitzt die Geschäftsanteile an der IBF-Bank und will die Bank von fremden Einflüssen befreien.

Daniel, Marlen und Harry bilden ein Team. Sie wollen Kerner und die Mafia aus der Bank drängen. Mit riskanten Einsätzen erkämpfen die drei Freunde dieses Ziel. Kerner gelingt eine spektakuläre Flucht. Daniel nimmt sich vor, den Banker aufzuspüren. Er will ihn dazu bringen, für die Verbrechen der Mafia seine Mitverantwortung zu übernehmen.

Vorschau in den zweiten Roman, „Die beste letzte Chance“:

Daniel und Harry werden Mitglieder bei der Forschungsgruppe RIC. Damit geraten sie ins Fadenkreuz eines mächtigen und unerbittlichen Gegners. Superreiche Spekulanten sehen ihre weltweiten Beutezüge durch die RIC-Pläne gefährdet. RIC-Mitglieder werden attackiert. Daniel, Harry und Marlen wird ein ungleicher Kampf aufgezwungen. Sie erleben eine unantastbare Macht, die mit brutaler Aggression agiert und sich über Recht und Gesetz erhebt. Das Spiel gegen diese Finanz-Eliten beginnt in Frankfurt und führt ins Zentrum einer skrupellosen Macht. Das Kartell der Gier darf nicht über die Ressourcen der Gesellschaft verfügen.

Inhalt

Schattenspiele

Fakten und Strategien

Momente der Liebe

Zeppelinallee

Der stille Araber

Info eines Bankers

Globale Finanzmächte

Jüdisch-arabischer Dialog

Spuren der Macht

Liebe bei Mozart

Jagdszenen in Frankfurt

Eritreische Hochzeit

Ein waghalsiger Plan

Spaziergang am See

Zürcher Spektakel

Der stille Araber spricht

Eine unheimliche Begegnung

Ansichten eines Scheichs

Die beste letzte Chance

Gordons letztes Geheimnis

Stresstest für die Liebe

Der Tod kommt übers Meer

Arabische Friedens-Vision

Andalusisches Finale

Wichtige Personen:

Daniel Brack (31)Protagonist / Marketing-ManagerMarlen Winter (29)Bankkauffrau / arbeitet für die WINTER GROUP ihres VatersDr. Harry Littmann (61)Anwalt / BND-Mitarbeiter Besitzer des Bistros MalagaDr. Hans Eschenbach (64)Anwalt und Notar Freund der Familie BrackMartina Eschenbach (56)UNESCO-Mitarbeiterin und Präsidentin Forschungsgruppe RICDr. Andreas Ritter (31)Freund / Notarzt UnfallklinikPaul Herwig (31)Freund / LKA WiesbadenHerbert Wagner (51)Besitzer Bistro „Flop“Rosi (41)Chefkellnerin im „Flop“Robert Magenda (62)Antagonist / Finanzmanager

1 :: Schattenspiele

Alles begann mit diesem ersten Anruf von Gordon. Das aggressive Läuten des Telefons durchbrach die morgendliche Stille. Marlen konnte die Anruferin nicht sein, denn sie wusste, dass Daniel früh arbeitete und nicht gestört werden wollte.

„Hallo“, meldete er sich leise.

Eine ruhige Männerstimme, markant, sachlich, emotionslos.

„Hallo Daniel - ich bin Ihr Schatten. Ich werde Sie von nun an ständig begleiten.“

Daniel Brack arbeitete am Marketing-Auftritt für eine neue Kunstgalerie. Sein Freund Niklas Hahn von Hahn-PR hatte ihm den komplizierten Auftrag übergeben. Er sollte die kreative Gestaltung auszuarbeiten, weil er zum Thema Kunstpräsentation schon einige gute Arbeiten geliefert hatte. Und weil er es verstand, kommerzielle Interessen, die natürlich vorhanden waren, hinter einer eigenwilligen, künstlerischen Präsentation zurücktreten zu lassen. Eine stillgelegte Fabrikhalle hatte man als neuen Standort für die Kunstpräsentationen vorgesehen. Die Renovierung ging zügig voran. Daniel war heute früher aufgestanden als gewöhnlich, weil der Eröffnungstermin vorverlegt worden war. Der dadurch entstandene Druck war nicht dazu angetan, seine Fantasie zu beflügeln. Es fiel ihm schwer, sich unter Zeitdruck auf kreative Arbeit zu konzentrieren. Auf seinem Schreibtisch stapelten sich Kataloge, Plakatrollen, Entwürfe und Skizzen. Daniel hatte Fotoarchive nach Frankfurter Szenen aus der Blütezeit der alten Fabrikhalle durchsucht. Er plante, mit Schwarz-Weiß-Fotos neben den wuchtigen Stahlträgern eine Verbindung zu schaffen zwischen traditioneller Fertigung und futuristischen Exponaten, die auf großen Farbflächen zwischen den Stahlträgern platziert werden sollten.

Dann kam dieser Anruf. Verwirrend und irgendwie bedrohlich.

„Was soll das bedeuten?“, fragte er den seltsamen Anrufer.

„Sie sind auf LEVEL ONE.“

„Woher wissen Sie das?“

„Ich weiß alles über Sie.“

„Niemand weiß alles über mich. Wer sind Sie?“

“Warum wollen Sie das wissen?“

Längere Pause. Daniel fühlte, dass sich in seinem Magen etwas regte. Er schluckte, weil sein Mund sich plötzlich trocken anfühlte. Atmete tiefer, spürte seinen Pulsschlag. Wollte RIC ihn überprüfen? LEVEL ONE, das war sein Zugang zu RIC nach seinem Beitritt als Mitglied. Er verwarf den Gedanken, redete erst einmal einfach weiter.

„Vielleicht beobachten Sie mich?“

„Wenn Sie das sagen.“ Pause. Noch immer dieses ungute Gefühl. Er musste herausfinden, was der Anrufer vorhatte. Angriffslustig sagte er:

„Nennen Sie mir Ihren Namen.“

„Ich bin Gordon“, sagte die Stimme hart, irgendwie mechanisch.

„Ist das Ihr richtiger Name?“

„Nein.“

„Was wollen Sie von mir?“, fragte Daniel nun heftiger. „Ich möchte Ihnen einen Rat geben.“

„Einen Rat, wozu?“

„Sie werden bald begreifen, dass mein Rat gut ist.“ Ein anonymer Anrufer. Ein Erpresser? Ein Stalker? Ein Beobachter in fremdem Auftrag?

„Wer hat Sie beauftragt?“

„Die Liga.“

„Die Liga, wer ist das?“ Stilles Zögern, dann einzelne kurze, abgehakte Sätze: „Niemand kennt die Liga wirklich. Legen Sie sich nicht mit der Liga an! Sie gewinnt immer, weil sie ihre Gegner genau kennt.“

„Ich leg jetzt auf“, sagte Daniel genervt.

Gordon antwortete mit deutlich drohender Stimme:

„Niemand entkommt der Macht der Liga.“

Klick. Gordon hatte aufgelegt.

Daniel war erstaunt, aber auch irgendwie beeindruckt. Er konnte den Anruf dieses Gordon nicht in sein Leben einordnen. Weder in seine neue Mitgliedschaft bei RIC noch in seine Arbeit. Hatte der Anruf etwas mit seiner Beziehung zu Marlen zu tun? Sie hatte einmal von einer Liga gesprochen. Von reichen Spekulanten in der Schweiz. Daniel hatte nicht vor, mit dieser Liga in Verbindung zu treten. Doch das Gespräch ließ ihn nicht mehr los Es durchkreuzte jeden kreativen Gedanken und begann, ihn mehr und mehr zu verunsichern. Er rief Harry an und erzählte ihm von dem merkwürdigen Anruf. Der Anwalt Dr. Harry Littmann war der Schwager seines Vaters gewesen und nach dessen Tod für Daniel ein väterlicher Freund geworden. Harry arbeitete für den BND, was nur seine engsten Freunde wussten. Er nahm spezielle Aufgaben war, traf sich häufig mit Informanten und führte vertrauliche Gespräche in vielen Ländern. Im Erdgeschoss seines Hauses im Westend betrieb Harry das „Bistro Malaga“. Das Lokal war beliebt bei den Westendbewohnern und eignete sich hervorragend als Treffpunkt für diskrete Besuche. Harry blieb gelassen. Eine Eigenschaft, die Daniel an ihm bewunderte.

„Wir müssen uns sowieso sehen. Martina Eschenbach wünscht sich ein Gespräch mit uns beiden. Und mit Marlen.“

„Okay, wann und wo?“

„Sie schlägt vor, morgen Abend, 20 Uhr, hier in meinem Büro.“

„Ich werde mit Marlen reden. Ich denke, das klappt.“

Martina Eschenbach und ihr Mann, Dr. Hans Eschenbach, waren langjährige Freunde seiner Familie. Der Notar beriet Daniel in allen juristischen und steuerlichen Fragen. Martina Eschenbach engagierte sich bei der deutschen UNESCO. Wenn sie nicht auf einer ihrer zahlreichen Auslandsreisen war, kochte sie gerne und lud Daniel oft zum Essen in ihr Haus im Nordend ein.

Gegen Mittag ging Daniel zu Fuß durch das Westend zur Wohnung von Marlen. Sie bewohnten sein Haus und ihre Wohnung gemeinsam, aßen und schliefen mal bei ihm, mal bei ihr. Wenn Marlen auf Reisen war und er sich einsam fühlte, schlief er gerne in ihrer Wohnung.

Marlen überraschte ihn mit einem würzigen Pilzragout und Tagliatelle. Sie rieb Parmesan über die fertigen Teller. Dazu hatte sie einen gekühlten Pino Grigio geöffnet. Daniel nahm sich vor, auf keinen Fall mehr als ein Glas davon zu trinken. Seine Arbeit wartete auf ihn. Möglichst genau schilderte er ihr beim Essen den Anruf des geheimnisvollen Gordon. Ihre Miene verdüsterte sich. Sie sprach nicht, wickelte nur still ihre Pasta um die Gabel, ganz ungewohnt schweigsam. Als sie noch einen Espresso tranken und ihre Teller abräumten, konnte Daniel das Schweigen nicht mehr ertragen.

„Kann es sein, dass dich dieser Anruf so bedrückt, dass du dazu nichts mehr sagen willst? Harry hat sich nicht beunruhigt gezeigt.“

Sie stellte ihre Tasse vorsichtig auf den Tisch zurück, antwortete aber nicht sofort. So kannte Daniel sie noch nicht. Sie war immer heiter und schlagfertig gewesen. Manchmal zornig oder einfühlsam und sanftmütig. Er entdeckte gerade eine neue Seite in ihrer Gefühlswelt.

„Wenn das nun wieder zu einer neuen Bedrohung führen wird, müssen wir deine Mitgliedschaft bei RIC noch einmal überdenken“, sagte sie. „Ich will mein Leben nicht in Angst um dich verbringen.“ Er trat hinter sie, legte seine Arme um sie und flüsterte an ihrem Ohr.

„Man wird uns vielleicht im Auge behalten, aber wie ein Schatten wird dieser Gordon für mich nicht sein können. Wir tun ja nichts gegen diese Liga. Sie haben keinen Grund, uns zu bedrängen.“

„Das sehe ich ganz anders“, meinte Marlen nachdenklich.

2 :: Fakten und Strategien

Zuerst saßen sie im „Bistro Malaga“ und genossen einen köstlichen Vorspeisenteller, den Harry für sie hatte vorbereiten lassen. Probierten einen sanften Rotwein, der gerade den Weg auf die neue Weinkarte des Bistros gefunden hatte. Martina und Marlen verstanden sich glänzend, erzählten lebhaft von ihren Reisen. Dann gruppierten sie sich in Harrys Büro in bequemen Sesseln um den Schreibtisch herum, nippten an Tee, Wasser, Cola. Martina nahm Notizblock und Stift aus ihrer Handtasche.

„Wir wollen heute über die Forschungsgruppe RIC sprechen. Der Name RESISTENCIA INTERNATIONAL CORPORATION steht für den Widerstand engagierter und kritischer Menschen gegen fehlerhafte Entwicklungen in der Politik, der Wirtschaft und unserer Gesellschaft. Man untersucht bestehende Probleme, analysiert Institutionen und Systeme und präsentiert Vorschläge für eine vernünftige Neugestaltung.“

„Kannst du Beispiele der aktuellen Forschung nennen?“, fragte Marlen. Martina lehnte sich in ihrem Sessel zurück.

„Wir planen zum Beispiel eine effektivere Regulierung der Finanzmärkte, um die Risiken für die Realwirtschaft und die Bürger zu minimieren. Wir berechnen ein Finanzierungsmodell, mit dem man die Umstellung des Renten-Generationen-Vertrags bewältigen kann. Wir entwickeln ein „Stand-alone-IT-Programm“. Sensible Daten sollen auf Rechnern laufen, die vom World-Wide-Web getrennt sind.

Marlen nahm ihr Cola-Glas vom Tisch und meinte:

„Das sind schwerwiegende Themen, gibt es dazu Infos?“

„Harry und Daniel bekommen ihre Mitgliedsausweise von unserer Firma MOON ORGA SYSTEM zugestellt“, erläuterte Martina. „Sie sind dann auf LEVEL ONE und können sich über diese Themen informieren.“

Sie trank einen Schluck Tee und fuhr fort.

„James Farrel, ein Ire, wird neuer Vorstandssprecher unserer IBF-Bank. Ich kenne und schätze ihn. James spricht perfekt Deutsch. Er plant einen kleinen Umtrunk in der Zeppelinallee, nur für RIC-Mitglieder. Ihr drei bekommt eine Einladung per Mail. James Farrel will mit euch Kontakt halten, er ist über eure Aktivitäten gegen Kerner und die Mafia informiert. Und er weiß auch, dass ich bei RIC eine der drei Präsidenten bin. Nach außen soll das ja nicht bekannt werden.“

„Wir werden es vertraulich behandeln“, versicherte Harry.

„RIC ist ein fließendes System, das wenig Angriffsfläche bietet“, nahm Martina ihre Erklärungen wieder auf. „Die Mitarbeiter jeder Gruppe legen selbst ihre Themen und Termine fest. Alles ist sehr flexibel.“

„Wer finanziert und kontrolliert diese Arbeiten?“, wollte Daniel wissen.

„Es gibt Spenden und staatliche Zuschüsse. Beim Staatsschutz besteht eine Dienststelle, die unsere Forschungsergebnisse bekommt und RIC gegen fremde Angriffe schützt. Alle organisatorischen, technischen und finanziellen Dinge werden von MOON ORGA SYSTEM abgewickelt. Bei dieser Firma, die zu RIC gehört, ist man zuständig für Technik, Logistik, Sicherheit und den ganzen Service. Dieses Unternehmen bietet seine Dienste auch für den freien Markt an.“

Daniel brachte den Anruf von Gordon zur Sprache.

„Dieser Gordon wird ein Agent der BansonLiga sein“, meinte Martina. Dabei handelt es sich um eine Gruppe von Milliardären, die über ihren Konzern BAN ICOR gemeinsame Finanzgeschäfte machen. Sie tagen am Genfer See in der 100-Millionen-Dollar-Villa ihres Anführers Carl Banson. Die Zentrale von BAN ICOR befindet sich in einem großen, unscheinbaren Gebäude im Zentrum von Genf. Es ist leicht, einen Informanten bei RIC zu installieren. Die Liga weiß, dass RIC an Plänen arbeitet, die BAN ICOR enge Grenzen setzen würden. Daher werden Mitglieder eingeschüchtert, man übt Druck aus auf Firmen, Institute und Personen, die uns unterstützen. Diese Liga wird für RIC mehr und mehr zu einem unberechenbaren Gegner.“

Marlen fand das beunruhigend. Harry schüttelte den Kopf.

„Die BansonLiga wird nichts unternehmen, solange man bei RIC nur forscht. Man setzt ein Signal und zeigt, dass man uns beobachtet.“

„Warum rufen sie aber gerade mich an?“, erregte sich Daniel.

„Durch einen Anruf bei mir würde der BND alarmiert werden. Marlen selbst ist kein Mitglied. Also meldet sich die Liga ab und zu bei dir.“

„Kann man feststellen, woher ein solcher Anruf kommt?“

„Sicher nicht. Profis nutzen ausländische Prepaid-Handys. Wer gut zahlt, bekommt Spitzenleute. Und Geld spielt für die Oligarchen keine Rolle.“

„Mit welchen Attacken müssen wir rechnen?“, fragte nun auch Martina. Harry schien nicht besonders besorgt zu sein.

„Sie werden Daniel wieder anrufen. Dabei wird es bleiben.“ Die Stimmung war, trotz der beruhigenden Erklärungen, leicht getrübt.

„Der BND beobachtet BAN ICOR“, sagte Harry beruhigend. „Seine Manager agieren im Hintergrund und wollen nicht auffallen. Aggressiv werden sie nur, wenn man ihre Geschäfte behindert. Der BND arbeitet mit der schweizerischen Polizeibehörde Fedpol zusammen und hält auch zu RIC ständigen Kontakt.“

„Ich hoffe, du hast Recht“, meinte Marlen leise.

Daniel und Marlen schlenderten Hand in Hand durch die ruhigen Straßen des Westends zu ihrer Wohnung. Marlen wollte am frühen Morgen des nächsten Tages nach London fliegen, um bei der WINTER GROUP, der Handelsfirma ihres Vaters, mit den Geschäftsführern neue Aufträge zu besprechen. Sie gingen nun Arm in Arm sich aneinander schmiegend und sprachen miteinander über das Treffen. Weil Daniel das Kunstgalerie-Projekt vorantreiben musste, kam ihm Ihre Reise gelegen. Natürlich wusste er, dass er sie sehr bald vermissen würde.

„Ich bin in zwei Tagen zurück“, erinnerte sie ihn und streichelte mit einer Hand seine Nackenhaare. „Du wirst deine Arbeit machen, und ich bin schneller zurück, als dir lieb ist.“

In seinem Haus angekommen nahm Daniel seine Arbeit wieder auf. Kunst soll präsentiert werden. Gemälde, Grafiken, Plastiken und edles Porzellan. Die Mentalität reicher Kunden ist zu berücksichtigen, die Exklusivität der Exponate. Die Kunden: Schöngeistige Kunst-Liebhaber, erfahrene Kenner, lauernde Spekulanten. Auch an Kunst interessierte Flaneure, die sich mal einen schönen Tag machen wollen und eine Kunstausstellung besuchten. Für Daniel eine schöne Aufgabe, eine sowohl kulturelle als auch ökonomische Herausforderung. Er holte sich ein großes Glas vom Roten und fühlte sich einsam. Es war ihm bewusst, dass er nach dem Glas seine Arbeit vergessen konnte. Marketing hat viele Facetten. Vermarktung ist ein breites Geschäftsfeld. Allzu oft ging es bei seinen Aufträgen um die Mentalität der Massen. Um den Konsum der Kleinbürger, die das Altbekannte liebten und das Neue und Fremde ablehnten, wie sie auch fremde Kulturen und Lebensweisen nicht zu akzeptieren bereit waren. Sie beriefen sich auf Meinungsfreiheit, gingen gegen das Fremde auf die Straße und schrien andere Meinungen nieder. Sie schürten mit groben Parolen eine diffuse Angst und bestanden auf Abgrenzung. Zu viele schlossen sich dem Hass ihrer Wortführer widerspruchslos an. Ich bin vom Thema abgekommen, stellte er einigermaßen erschrocken fest. Sein Kopf brummte, die Augen schmerzten, der Alkohol benebelte ihn. Müde und vom Rotwein ermattet ging er zu Bett.

3 :: Momente der Liebe

Zwei Tage waren wie Stunden vergangen. Immer wieder hatte Daniel von seinem Schreibtisch aus in den Garten des Hauses geblickt. Auf die großen Rosenbeete, die Marlen in der sonnigeren Hälfte des Gartens angelegt hatte. Sie liebte die Vielfarbigkeit, das bunte Feld, die zarten Knospen wie auch die offenen, prächtig aufgeblühten Rosen, die schon den morbiden Hauch des Verfalls in sich trugen. Diese verschwenderisch üppigen Farbkompositionen, die bereits einen Teil ihrer bunten Blätter großzügig über das Gras ausgestreut hatten. Bei ihrer Arbeit am Beet beobachtete er sie gerne. Und wenn Sie dann mit einem Strauß ins Wohnzimmer kam, küsste er sie und flüsterte ihr ins Ohr: „Du bist meine kleine Rosen-Flüstererin.“ Das gefiel ihr sehr und sie bedankte sich mit zärtlichen Streicheleinheiten.

„Ich kaufe etwas für uns ein und komme gegen Abend zu dir, dann essen wir gemeinsam“, hatte Marlen am Telefon angekündigt. Daniel war mit dem Projekt Kunstgalerie noch nicht viel weiter gekommen und bat Marlen, ihm noch einige Stunden konzentrierter Arbeit zuzugestehen.

„Du arbeitest bis spät in die Nacht. Das ist nicht gut für dich. Du musst auf andere Gedanken kommen und dich zwischendurch entspannen.“ Klang verlockend, doch er forderte von ihr noch etwas Geduld.

„Na gut, aber morgen …“.

Spät am Abend bestellte sich Daniel eine große Pizza. Eine gute Flasche Barolo war auch noch da. Es schien ihm der richtige Augenblick zu sein, sie zu öffnen. In der Küche stellte er eine Kerze auf den langen Esstisch und holte ein beiges Leinenset aus dem Schrank. Nein, zwei holte er und platzierte sie einander gegenüber, legte Bestecke dazu. Stellte zwei Gläser bereit, zwei Servietten, diverse Gewürze, füllte beide Gläser, entzündete die Kerze. Er hatte für zwei gedeckt, als würde er sie erwarten. Was sie wohl sagen würde, wenn sie seine Vorbereitungen sehen könnte?

21 Uhr, die Pizza wurde gebracht. Daniel vermisste Marlen, die immer so schrecklich hungrig war. Er trug sein Glas ins Wohnzimmer, schob vorsichtig die Unterlagen auf seinem Schreibtisch zur Seite, platzierte die köstlich duftende Pizza und trank einen Schluck vom samtweichen Roten. Gerade hielt er das erste heiße Pizza-Stück in der Hand, als sich ein Schlüssel in der Wohnungstür drehte.

Marlen! Alle Gedanken an Arbeit ergriffen die Flucht. Sie kam herein, trug eine große Einkaufstüte in die Küche und begrüßte ihn mit einem zärtlichen und verlangenden Kuss auf seine vom Rotwein getränkten Lippen.

„Du hast mich erwartet, du kleiner Schwindler“, flüsterte sie zufrieden. Schon griff sie nach einem Pizzastück und ließ ein behagliches Brummen hören. Er sah sie träge und genussvoll kauen und auch gleich nach seinem Weinglas greifen. Marlen hatte noch immer ihren Trenchcoat an, als sie sich mit einer lasziven Bewegung auf seinen Schoß niederließ. Sie legte einen Arm um seinen Hals und griff ihm zwischen die Beine. Nahm einen kräftigen Schluck, stellte das Glas zurück, wischte sich mit der Serviette über den Mund und begann langsam ihren Mantel zu öffnen. BH und Slip mit Spitze. Dazu halterlose Strümpfe. Ein Set in zartem, dunklem Rauchblau, einer Farbe, die ihre gebräunte Haut besonders verführerisch zur Geltung brachte. Schon hing der Mantel lässig über dem Stuhl und Marlen räkelte sich auf Daniels Schoß wie ein Showgirl. Wahrscheinlich befand sich ihre sonstige Bekleidung in ihrer großen Umhängetasche. Er sah sich als Opfer einer raffinierten Verführung, das nun die totale Verhinderung seiner Arbeit erdulden musste.

„Fast nackt unter dem Mantel“, kritisierte Daniel. „Das ist ja äußerst unanständig.“ Er griff nach ihr, befühlte ihre weichen Hüften, strich über ihren Bauch und tastete sich langsam zu ihren Brüsten hinauf.

„Du bist ein zügelloses Luder“, murmelte er ihr ins Ohr.

„Das gefällt dir doch“, flüsterte sie erregt. „Ich weiß, dass es dir gefällt. Du brauchst gar nicht erst so zu tun, als würdest du das nicht mögen.“ Daniel suchte ihren Mund und küsste sie. Leidenschaft ist ansteckend.

„Wir essen erst, trinken etwas Wein, dann arbeite ich weiter. Basta!“

Ihre Augen funkelten ihn an. Er wusste, dass sie nicht nachgeben würde.

„Wir essen und trinken, dann machen wir Liebe. Basta“, entschied sie mit sanfter, aber überzeugender Stimme. Beim gegenseitigen Füttern und genüsslichen Weinschlürfen begannen sich Flecken auf seinen Papieren zu bilden. Das Spiel ihrer Hände ließ dabei nichts unversucht und vergrößerte das angerichtete Chaos auf dem Schreibtisch ganz erheblich. Momente der Liebe und des Verlangens können stärker sein als der Wunsch nach Ordnung, Bewahrung und Vernunft.

„I Will Always Love You”. Der Song von Whitney Houston beflügelte sie. Marlens Augen hatten sich in Schlaf-Mandelaugen verwandelt, die er so gut kannte. Sie setzten ihren leidenschaftlichen Zweikampf auf dem Teppich fort, genossen das wohlige Gefühl der Pizza-Sättigung, die berauschende Wirkung des Barolos, die lustvollen Berührungen ihrer Körper in den Wogen ihres Liebesspiels.

Gegen Mitternacht verließ Daniel das Bett und stellte den Wecker auf 5.00 Uhr. Irgendwann musste die Arbeit ja getan werden. Ins warme Bett zurückgekehrt lag er noch lange wach und lauschte dem entspannten Atem seiner Geliebten, während er sie um ihren tiefen Schlaf beneidete. Er hatte nie diesen losgelösten, erholsamen Zustand eines Tiefschlafs genießen können, den man kaum zu stören vermochte. Der geringste Laut, der zaghafteste Lichtschimmer genügten, ihn hellwach zu machen. Marlen hat einen kindlichen Schlaf, stellte er beruhigt fest, wenn er sie dabei beobachtete. Einen totalen Schlaf – dem Tod merkwürdig ähnlich, kam es ihm ganz plötzlich in den Sinn. In solchen Momenten musste er das Verlangen unterdrücken, ihren Zustand genauer zu überprüfen. Sein Schlaf wollte sich nicht mehr einstellen. Er lag wach und dachte darüber nach, dass Marlen seinem Vater wohl gefallen hätte. Daniel bewunderte ihre Tatkraft, ihren Unternehmungsgeist und die Energie, mit der sie für das Unternehmen ihres Vaters arbeitete, ständig auf Reisen ging. Frauen sind die Gewinner in der heutigen Gesellschaft, hatte er schon vor Jahren festgestellt. Sie machen sich hübsch, treten gepflegt und selbstbewusst auf, gehen organisiert durchs Studium und machen einen guten Job. Männer dagegen finden oft spät ihren Weg. Frauen fordern von ihnen ein neues Rollenverhalten. Sie sollen mal Verführer sein, mal starker Kerl, dann wieder sanft, emotional und häuslich. Die Emanzipation stärkt die Frauen in der Partnerschaft. Gleichzeitig verunsichert sie die Männer, die nicht mehr wissen, welche Rolle sie gerade spielen sollen und zunehmend zu Verlierern werden. Moralisch, sozial und schließlich auch finanziell. Der Mann verliert, die Frau gewinnt. Und sie setzt ihre neue Freiheit zielstrebig ein, entwickelt Stärken, die bisher Männern vorbehalten waren. Immer mehr Männer resignieren, werden vom Macho zum Softy. Wir brauchen wirklich keine Frauenquote. dachte er. Vielleicht müssen wir bald eine Männerquote einführen.

4 :: Zeppelinallee

Harry, Marlen und Daniel hielten in der Frankfurter Zeppelinallee vor der Einfahrt. Harry meldete ihre Ankunft über eine Sprechanlage. Geräuschlos öffneten sich die beiden Flügeltüren. Sie fuhren in weitem Bogen auf dem Kiesweg zu einem Parkplatz nahe dem Gebäude.