Flug nach Boston - Wolfgang Kieser - E-Book

Flug nach Boston E-Book

Wolfgang Kieser

0,0

Beschreibung

12 Erzählungen - gesammelte Momente Zwölf Erzählungen aus dem Leben in unserer Zeit. Von Menschen, ihren Träumen und Sehnsüchten. Von Momenten der Liebe, die für alle Menschen so zerbrechlich sind und doch so unentbehrlich. Von der Macht und der Ungleichheit in unserer Gesellschaft. Interessant, leidenschaftlich und spannend erzählt. Ein Buch für besinnliche Stunden. Geschenk-Idee für nette Menschen.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern

Seitenzahl: 181

Veröffentlichungsjahr: 2015

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Inhalt

Endstation Westend

Ein netter Mensch ist er nicht

Carlo Philippi

Das Buch des Amerikaners

Flug nach Boston

Der Dänzer

GUCCI

Eine stille Nacht

Leo

Die Tango-Affäre

Teddys Tag

Falsch abgebogen

Endstation Westend

Michael Bogner blieb oben an der Treppe zur U-Bahn stehen. Er griff nach dem Geländer, hielt sich fest und schloss für einen Moment die Augen. Suchte nach einem Wort, das seinen Zustand beschreiben würde. Diese Wellenbewegung, die sich hinter seiner Stirn in Bewegung gesetzt hatte und sanft nach rechts und links zu fließen schien. Man konnte es Schwindel nennen oder Unwohlsein. Er hatte keine Erfahrung mit dem Unkontrollierbaren, der plötzlichen Unterfunktion seines Körpers. Es war nur dieser eine Moment, dieser Augenblick, der ja für einen Fünfzigjährigen nichts bedeuteten konnte. Für einen noch jungen Sportler, Tenniscrack, Jogger und gesunden Menschen. Er war ja fit und stark, einsatzbereit und leistungsfähig. War erst durchgecheckt worden. Andrea werde ich davon nichts erzählen, dachte er. Völlig unnötig, sie damit zu beunruhigen. Sinnlos auch, sich selbst darüber Gedanken zu machen. Einfach lächerlich, diese Wahrnehmung eines Moments.

Er begann, langsam die Treppe hinabzusteigen. Beobachtete sich nun, was ihm sofort kindisch vorkam. Die Waden etwas schwerer? Der Tritt etwas unsicherer? Der Oberkörper nicht ganz so aufrecht und straff? Vielleicht bin ich einfach etwas müde, dachte er und beschleunigte das Trippeln seiner Füße auf den Stufen, leichtfüßig wie immer!

Er ging den Bahnsteig entlang und setzte sich am Ende einer Bank, eine Position, die ihm am nächsten zum Einstieg in den vorderen Teil der U-Bahn zu liegen schien. Lehnte sich an das harte Rückenteil und streckte seine langen Beine aus. Das Warten auf die Bahn beruhigte ihn.

Ein wichtiges, aber auch schwieriges Vorstellungsgespräch war es gewesen. Wieder einmal ein unfreiwilliges Gespräch über sich selbst.

Noch vor wenigen Wochen hätte er nicht im Traum daran gedacht, dass er sich jemals auf dem Arbeitsmarkt eine neue Stelle würde suchen müssen. So sicher war ihm seine Position erschienen. So unentbehrlich für die Firma hatte er seine verantwortungsvolle Tätigkeit eingeschätzt.

Zehn Jahre war er als „Underwriter“ für den Versicherungskonzern kreuz und quer durch Deutschland gereist. Zahlreiche Großrisiken hatte er perfekt eingeschätzt, berechnet, Angebote gemacht und Verträge abgeschlossen. In Wirtschaftsunternehmen, privaten Wohnanlagen und öffentlichen Einrichtungen. Prächtige Urkunden, die zu Hause in seinem Büro an den Wänden hingen, zeichneten ihn als den „Besten“ aus. Nun hatte die Geschäftsleitung in Berlin entschieden, die Abteilung Großrisiken in der Hauptstadt zu konzentrieren. Der Außenstelle Frankfurt war dieser Bereich damit entzogen worden, das vorhandene Personal hatte man ausnahmslos entlassen. Seine Firma, die ihn noch immer „über alles schätzte“, konnte ihn im Innendienst angeblich gerade jetzt „nicht unterbringen“. Also war er raus.

Eine Frau im langen Mantel setzte sich nun auf die Mitte der Bank.

Das kleine Reihenhaus in Frankfurt-Niederrad hatte er vor zehn Jahren gekauft und an den Wochenenden renoviert. Andrea hatte fleißig mitgearbeitet. Die Finanzierung war auf zwanzig Jahre angelegt. In zehn Jahren würde er sechzig sein, Andrea achtundfünfzig und das Haus frei von Belastungen. Es lag in einer ruhigen Straße, in der die Nachbarn auf einander achteten und sich gegenseitig behilflich waren. Die Rückzahlung des Darlehens konnten sie gut stemmen, weil Andrea als Pflegerin in der Klinik arbeitete und zum Einkommen der Familie wesentlich beitrug. Tochter Bettina war ein hübsches Mädchen. Die Zwölfjährige ging zum Reitunterricht und zum Tennis. Der achtjährige Frank spielte in der Basketballgruppe eines Sportvereins. Michael hielt sich mit Tennis fit und feierte im Fußballverein die Siege seines Clubs. Andrea sang im Kirchenchor und war dort eine äußerst beliebte Organisatorin.

Alles schien perfekt. Sie waren eine glückliche Familie. Sie lebten nicht verschwenderisch, leisteten sich aber einige Wünsche und waren daran gewöhnt, am gesellschaftlichen Leben in der Gemeinde teilzunehmen. Nun sah Michael alles zusammenbrechen.

Andrea hatte ganz plötzlich einen komplizierten Bandscheibenvorfall bekommen und Michael hatte völlig unvorbereitet seinen Arbeitsplatz verloren. Das Familieneinkommen bewegte sich drastisch nach unten.

Sofort hatte er Zeitungsanzeigen ausgeschnitten und detaillierte Bewerbungen geschrieben. Seine Vorstellungsgespräche verliefen durchaus positiv. Antworten bestätigten, er sei in die engere Wahl gekommen, obwohl eigentlich deutlich überqualifiziert. Das bedeutete, realistisch betrachtet, er verlange ein zu hohes Gehalt. Endlich erhielt er von einer erfolgreichen Firma eine mündliche Zusage, auf die er vier lange Monate gewartet hatte. Danach kam die Mitteilung, die neue Geschäftsleitung habe einen Einstellungsstopp verordnet und Planstellen gestrichen. Er stünde jetzt aber auf einer Warteliste, man sei noch immer sehr an ihm interessiert. Solche und ähnliche Antworten begannen, sein Selbstwertgefühl zu untergraben. Michael war völlig davon überzeugt, dass er für eine Firma herausragende Arbeit leisten würde. Fachlich versiert, im Beruf erfahren, äußerst zuverlässig und loyal. Er fand, an einem solchen Mitarbeiter müsse ein Unternehmen größtes Interesse zeigen. Michael konnte nicht fassen, dass man ihn auf Wartepositionen vertröstete, wo er doch wusste, dass es im Versicherungsmarkt an qualifiziertem Personal mangelte.

Seine Lage war bedrückend. Sein Frust übertrug sich auch auf seine Familie. Die Kinder gingen ihm aus dem Weg, obwohl er nicht unfreundlich zu ihnen war. Seine Frau hatte heimlich damit begonnen, einen Minijob für sich selbst zu suchen. Was sollte er tun, wenn er keine Arbeit finden konnte? Das Häuschen wieder verkaufen? Das durfte einfach nicht passieren!

Auf der Plakatwand gegenüber wurden Fernreisen angepriesen. Eine strahlende Familie vergnügte sich an einem Traumstrand. Die Offerte schien ihm abwegig, an Urlaub war gerade gar nicht zu denken.

Michael registrierte die Frau auf der Bankmitte als weibliches Wesen, beachtete sie aber nicht weiter. Schließt man die Augen, gehen visuelle Eindrücke verloren. Dafür nimmt man Geräusche differenzierter wahr. Die Frau neben ihm weinte still vor sich hin. Michael hielt seine Augen geschlossen. Er mochte nicht hinübersehen, um die Frau neugierig zu begaffen.

Jetzt nahm er ein leises Schluchzen wahr, eher ein Wimmern. Sie atmete heftig und war offensichtlich bemüht, ihre Gefühle zu unterdrücken.

Bald hörte er ihr Weinen intensiver als alle anderen Geräusche der Station. Sie weint hemmungslos, dachte er. Irgendwie genüsslich. Nie hätte er selbst so weinen können. Nicht, wenn er allein gewesen wäre und schon gar nicht in der Öffentlichkeit. Jedenfalls glaubte er, das von sich zu wissen. Eine besondere Gabe, dachte er. Ein befreiender, erlösender Versuch, einen großen Schmerz zu überwinden. Oder eine erfahrene Ungerechtigkeit. Nach leiser Trauer hörte es sich jedenfalls nicht an. Dafür war das Weinen zu bewegt, zu sehr in Höhen und Tiefen gegliedert.

Er öffnete die Augen, nur einen schmalen Spalt. Drehte fast unmerklich den Kopf. Versuchte, unauffällig einen Blick auf die Frau an seiner Seite zu werfen. Zuerst erkannte er zierliche schwarze Stiefel mit hohen Absätzen. Dann einen schwarzen, gegürteten Mantel. Sehr lang, edler Stoff leicht glänzend weich fallend, wahrscheinlich Cashmere. Kragen bis zur Taille mit dunkelbraunem Pelz besetzt. Wertvoll, sehr elegant. Eine zarte Hand hielt den Pelz am Hals zusammen. Eine geschmückte Hand. Mit zwei Silberreifen und passenden Ringen. Kostbarer, alter Schmuck. Exzellente Arbeit, stellte er fest. Bei Schmuck war er absoluter Fachmann. Spezialist für derartig werthaltige Objekte. Über den Pelz fiel langes, nussbraunes Haar. Offen, mit mattem Schimmer.

Michael hob den Kopf nun vollständig und blickte zu der Frau hinüber. Ein zartes, schmales Gesicht mit hohen Wangenknochen. Eine erlesene Schönheit. Slawischer Einschlag, ein Teint wie Porzellan, rein und sanft. Feuchte große dunkle Augen sahen ihn an. Ihr Schluchzen hörte auf. Ein zaghaftes Lächeln brachte ihr schönes Gesicht zum Leuchten.

Hätte diese Frau nur stumm neben ihm gesessen, so hätte er sie niemals angesprochen. Ihr Weinen hatte jedoch eine Barriere durchbrochen, die er sonst zwischen sich und Fremden aufzurichten pflegte.

„Sie müssen sehr unglücklich sein“, sagte er ruhig und wandte seinen Blick wieder den Gleisen zu und fuhr fort:

„Die U-Bahn ist ein schlechter Platz, um sich auszuweinen.“

Alberne Worte, ohne Sinn. Erneutes Schluchzen war die Folge. Sie wandte sich zur Seite. Er sah aus den Augenwinkeln nur noch ihre zuckende Schulter. Seine Bahn fuhr ein. Er blieb einfach sitzen. So wollte er sie nicht zurücklassen. Leute stiegen ein und aus. Die Bahn setzte sich wieder in Bewegung.

Michael schloss die Augen. Er war ein sehr loyaler und zuverlässiger Mitarbeiter gewesen, seine Andrea eine tüchtige Pflegerin. Nun saßen sie beide zu Hause und hatten schon damit begonnen, sich gegenseitig ihre Fehlentscheidungen und Lebenshaltungskosten vorzuwerfen.

Seine Nachbarin hatte die Bahn nicht beachtet. Vielleicht war sie gar nicht imstande, sich jetzt auf den Weg zu machen. Das gemeinsame Schweigen setzte sich fort. Er schloss wieder die Augen. Musste kurz eingeschlafen sein. Dann ging plötzlich ein Ruck des Erwachens durch seinen Körper. Die Frau hatte aufgehört zu weinen. Nun zog sie ihren Mantel enger um ihren fröstelnden Körper und sah zu ihm hinüber.

„Sie haben geschlafen“, flüsterte sie. Ein Lächeln erhellte ihr blasses Gesicht. Sie rückte ein wenig näher, ließ nur so wenig Platz, dass sich niemand zwischen sie setzen konnte. Sie blickte zufrieden, als wenn es ihr gelungen wäre, seinen Schlaf zu bewachen.

Sie sah ihn an, zärtlich vielleicht. Michael spürte, dass seine Wangen sich röteten. Seine Schüchternheit gegenüber Frauen ärgerte ihn. Besonders bei den Attraktiven zerfiel sein Selbstbewusstsein rasch. Die meisten Frauen beachteten ihn kaum. Seine Andrea hatte ihn auch erst heiraten wollen, nachdem sie ihn besser kennengelernt hatte. Heitere, gesprächige Männer haben bei Frauen die besten Chancen. Michael war immer ernst gewesen. Um Kontakt herzustellen, war er auf die Initiative der Frauen angewiesen. Nur bei seiner Arbeit, wo er der Fachmann war, konnte er ungehemmt argumentieren.

Jetzt sahen sie beide auf die Gleise. Nach einer Weile sagte sie:

„Ich muss mich bei Ihnen entschuldigen.“

„Aber nein. Sicher hat es Ihnen gut getan, sich einmal auszuweinen.“

Wieder vergingen einige Schweigeminuten. Dann flüsterte sie:

„Sie müssen wissen, dass mein Mann sich scheiden lassen will.“

Michael setzte sich auf. Der Kummer stand in ihrem Gesicht.

„Welcher Mann könnte sich von einer so schönen Frau trennen?“

Er wunderte sich selbst über seine spontane Gabe, Komplimente so ungehemmt und indiskret aussprechen zu können. Hatte die weinende Schöne in ihm seine Fürsorglichkeit geweckt? Sie blickte jetzt auf das Ferien-Angebots-Plakat und sagte etwas lauter:

„Er hat mich immer betrogen. Und immer hat er mich belogen, um seine Seitensprünge zu vertuschen. Ich hatte mich daran gewöhnt. Ich wusste Bescheid und es war mir gleichgültig geworden. Männer, die Macht haben, suchen immer Bestätigung für ihr Ego. Für meine Vorstellung von unserer Ehe hatten diese jungen Mädchen keine Bedeutung. Aber nun hat er mir gesagt, dass er mich schon lange betrüge.“

Sie senkte den Blick, ihr weiches Haar fiel ihr über die Augen. Mit einer leichten Bewegung ihrer langen, schmalen Hände strich sie es zurück.

„Nur Menschen, die einem gleichgültig sind, sagt man solche bitteren Wahrheiten ins Gesicht.“

Diese Theorie schien Michael unbegreiflich.

„Das sehe ich nicht so. Eine seltsame Vorstellung von Liebe und Moral.“

Sie betupfte ihr Gesicht mit einem weißen Taschentuch.

„Mein Mann ist ein Machtmensch, wissen Sie. Er denkt nur an sich und an sein Vergnügen. Und an Geld, an Profit, natürlich. Es tut wirklich gut, einmal mit einem rücksichtsvollen Menschen zu sprechen, der Mitgefühl zeigen kann. Ich möchte mich bei Ihnen dafür bedanken. Sie sind so verständnisvoll.“

Jetzt blickte sie zur Seite und schwieg. Michael schloss wieder die Augen.

Andrea und ich verstricken uns in Wiedersprüche, dachte er. Wir zerreißen das einmal so solide geknüpfte Netz unseres gemeinsamen Lebens. Wir formulieren Gedanken, die mit Versagen und mangelnden Qualifikationen spielen.

Wir müssen miteinander sprechen, nahm er sich vor. Wir müssen die eigene Schuldlosigkeit an unserem sozialen Abstieg erkennen und aussprechen. Nur so kann ich wieder die Kraft aufbringen, eine gute Arbeit zu finden. Und wir dürfen uns nicht von all unseren Freunden abwenden.

Ein großer Seufzer ließ ihn wieder aufhorchen. Michael wollte die Frau an seiner Seite aufmuntern.

„Was werden Sie jetzt tun?“ fragte er mitfühlend. Sie reckte ihr Kinn nach oben und zog die Beine an.

„Gegen eine Scheidung habe ich nichts einzuwenden“, antwortete sie ruhig und mit fester Stimme. „Ich weiß, dass ich großzügig versorgt sein werde. Mein Mann wird mir unsere Stadtwohnung übertragen und er hat mir eine üppige Apanage zugesagt. Ich komme gerade von unserem Anwalt. Finanziell wird es mir an nichts fehlen.“

Sie raffte den langen Mantel zusammen und sah sich um.

„Warum haben Sie dann geweint?“ fragte er erstaunt.

„Ich kann es nicht erklären. Es ist ein neuer Lebensabschnitt für mich.“ Einen Moment spielte Michael mit dem Gedanken, ihr seine Probleme darzulegen. Nur so, um ihr zu zeigen, dass es Menschen gibt, die sich mit so simplen Problemen wie Geldmangel beschäftigen müssen. Dass es Familien gibt, die darum kämpfen müssen, finanziell über die Runden zu kommen. Und dass er gerne in einer exquisiten Stadtwohnung mit einer üppigen Kapitalausstattung ein sorgenfreies Leben verbringen würde. Stattdessen spürte er, dass sich die Barriere zwischen ihr und ihm wieder aufgebaut hatte. Die Trennung zweier Welten, die sich immer weiter voneinander entfernten. Es macht keinen Sinn, über etwas zu reden, das sie nicht verstehen wird, dachte er sich und sagte:

„Ein neuer Lebensabschnitt bietet auch neue Chancen. Sie haben Geld, können reisen und Ihr Leben genießen. Es wird Ihnen nicht schwer fallen, neue Beziehungen zu finden. Sie müssen nur offen sein für neue Eindrücke, für andere Lebensweisen und Sie müssen Ihre Interessen auf Gebiete konzentrieren, die Sie bisher nicht beachtet haben. Das Leben hat so viele Möglichkeiten zu bieten. Die Mittel dazu haben Sie. Es kommt nur auf Ihre Bereitschaft an, ein neues Leben zu beginnen.“

Sie nickte, rückte näher und legte ihm ihre zarte Hand auf den Arm.

„Aber, ich werde aus der Gesellschaft herausfallen.“

„Man kann neue, interessante Leute kennenlernen und auch gewisse Talente bei sich selbst entdecken, die bisher verborgen waren.“

„Ich werde alle meine Freunde verlieren.“

„Sie verlieren Kontakte. Freunde kann man nur verlieren, wenn man sich nicht um sie kümmert.“

„Sie sind ein ungewöhnlicher Mensch.“

„Ich finde Sie sehr sympathisch“, sagte er.

Sie hatte wieder Tränen in den Augen, tupfte sie ab. Dann stand sie auf und reichte ihm die Hand. Die Silberreifen klirrten leise, ein Hauch von zartem, frischem Parfüm streifte ihn.

„Ich danke Ihnen ganz herzlich“, flüsterte sie leise.

„Alles Gute für Sie“, sagte er.

Gerade kam seine Bahn.

Ein netter Mensch ist er nicht

Ein netter Mensch ist er nicht, dachte Valerie Mangold, als sie einen Blick aus dem Fenster auf den Parkplatz warf. Vor einem Monat war sie Assistentin der Geschäftsleitung geworden und arbeitete sich nun in die Finanzmarkt-Ressorts der Bank ein. Die Position verdankte sie ihrem glänzenden Abschluss im Masterstudium Finanzmanagement. Valerie war kompetent, selbstbewusst und clever.

Sie beobachtete den „nicht netten Menschen“, wie er schwungvoll aus seinem blauen Jaguar stieg und die Stufen zur Bank hinauf eilte. Der junge Finanz-Trader Frederik Brandenburg hatte sich in seinem Team nicht beliebt gemacht. Als arrogant, rigoros und exzentrisch wurde er von seinen Kollegen beschrieben.

Ihr Chef, Vorstandssprecher Dr. Weber, hatte Valerie um eine ganz persönliche Beurteilung Frederiks gebeten. Der Finanzhändler war als Leiter einer neu zu schaffenden Beratergruppe „Private Großanleger“ vorgeschlagen worden. Dr. Weber wollte sowohl die Arbeit als auch die charakterliche Eignung Brandenburgs bewertet wissen und hatte Valerie absolute Vertraulichkeit zugesichert.

Familie Brandenburg galt als sehr vermögend. Sie bewohnte eine prächtige Villa im nahen Königstein. Valerie kannte das schöne, alte Haus. Sie war mit Freunden schon einmal dort auf einer Fete gewesen. Sie beneidete Frederik um seine finanzielle Unabhängigkeit, hatte sie doch ihr Studium mit Nebenjobs selbst finanzieren müssen. Aber sie war klug, dachte pragmatisch und fair und würde sich in ihrem Urteil über Frederik nicht von fremden Vorurteilen beeinflussen lassen.

Valerie rief einen Freund an. Oskar hatte ein Psychologiestudium absolviert und startete gerade seine Dozentenkarriere an der Uni Frankfurt.

„Hallo Oskar, hier Bossy. Kannst du frei sprechen?“ fragte sie ihn zuerst. Sie benutzte den Kosenamen, mit dem er sie immer zu necken pflegte, womit er auf ihre aktive Art anspielte.

„Ja, ich bin allein“, antwortete Oskar.

Der Freund wusste von den Plänen des Vorstands, der Bank einen ethischen Verhaltenskodex aufzuerlegen. Die Neuausrichtung der Bank fand Oskar durchaus positiv. Sie entsprach seinen und auch Valeries Vorstellungen von einer neuen, rücksichtsvollen Unternehmenskultur.

„Dr. Weber möchte von mir wissen, ob ich Frederik Brandenburg für geeignet halte, Leiter eines neuen Beraterteams zu werden. Es geht dabei um „Private Großanleger“. Meine Aussage wird vertraulich behandelt.“

Oskar seufzte, er kannte den Trader nicht. Sie sah ihn vor sich, grinsend, sarkastisch, sich im Sessel zurücklehnend, die Brille ins Haar schiebend.

„Das ist nicht einfach, Bossy. Gib mir eine realistische Einschätzung seiner Stärken und Schwächen. Was muss er in dieser Position bringen? Hast du Fakten aus seinem Privatleben. Wie ist sein Charakter?“

Valerie beeilte sich, zu antworten. Oskar war immer sehr beschäftigt. „Frederik ist ein Spitzen-Trader. Mit den institutionellen Investoren macht er beste Profite. Ich denke, das klappt auch mit privaten Großanlegern. Er verfügt über Durchsetzungskraft. Emotionen sind ihm anscheinend fremd. Mit Charme und Redegewandtheit überzeugt er die Menschen von seinen spekulativen Strategien.

Bedenklich finde ich nur eine gewisse Verantwortungslosigkeit. Er trifft manchmal rücksichtslose Entscheidungen. Wenn man ihn dann kritisiert, reagiert er überzogen, aus einem unkontrollierten Impuls heraus, denke ich.

Oskar lieferte sofort seine Einschätzung.

„So beschreibt man narzisstische Störungen. Ähnliche Persönlichkeits-Strukturen sind bei Managern großer Unternehmen häufig zu finden. Man schätzt ihre Entscheidungsfreude und ihre mentale Härte, vor allem, wenn ein Unternehmen schwierige Zeiten durchlebt. Narzissten lieben die Konfrontation und stellen sich gerne dem Wettbewerb. Weil sie aber notorisch misstrauisch sind, wollen sie immer alle Daten auch selbst kontrollieren. Wenn Integration und Teamwork gefragt sind, reagieren sie zurückhaltend. Kooperationen und Kompromisse mögen sie nicht besonders. Emotionale Beziehungsebenen sind ihnen eher fremd. Sie kommunizieren lieber auf der Sachebene und treffen Entscheidungen dann doch selbst. Und sie haben keine Probleme damit, Befehle zu geben, die nicht verhandelbar sind.“

Valerie fand ihre Vermutungen bestätigt.

„Er ist also für den Job nicht geeignet?“

Oskar wählte nun sehr vorsichtig seine Formulierungen.

„Es kommt darauf an, auf welcher Gesellschaftsebene, in welchem Marktumfeld sich die Bank positionieren möchte. Soll der Teamleiter in die Geschäftsleitung eingebunden werden? Wie konkret ist der ethische Verhaltenskodex, an den sich die Trader zu halten haben? Dein Narzisst scheint mir als Teamleiter weniger geeignet zu sein.“

„Aber er macht Profit. Für das Finanzmarkt-Trading hat er eine hohe, analytische Begabung.“

„Erzähl’ mir etwas von ihm privat.“

„Ich war einmal bei ihm zu Hause. Meine Freunde waren zu einer Fete geladen und hatten mich einfach mitgenommen. Absolute Luxusvilla. Wertvolle Bilder, darunter eine Kopie aus der Kerzen-Serie von Gerhard Richter, eines meiner Lieblingsbilder. Das Original hat die Familie in der Schweiz in einem sicheren Wertdepot eingelagert. Es ist Millionen wert.“

„Hm, hm, und wie ist er so privat im Umgang mit Freunden?“

„Anscheinend will er immer gewinnen. Wenn er verliert, ist der Abend gelaufen. Er verlässt die Party.“

„Frederik ist für den Job nicht geeignet“, urteilte Oskar lakonisch.

„Danke, ich lass dich jetzt wieder arbeiten. Ich drück Dich, Oskar.“

„Hat es dir geholfen, Bossy?“

„Ja klar, mein kluger Psychologe. Wie du immer sagst - reden klärt!“

Valerie beschrieb Dr. Weber Frederiks Fähigkeiten, skizzierte auch ihre Bedenken und schlug dem Vorstand eine Probezeit vor. Sie wollte Frederik eine echte Chance geben. Er bekam den Job und Valerie den Auftrag, die Bedingungen für die Änderung seines Vertrages mit ihm zu besprechen. Er würde das Vierfache von Valeries Gehalt verdienen und dazu noch Boni erhalten.

Ihr Gespräch mit Frederik verlief ruhig, er redete kaum, antwortete sehr zurückhaltend. Eine erkennbare emotionale Regung zeigte er nicht, als sie ihm die Klauseln des neuen Vertrags vorlas. Er sah sie an, blickte aus dem Fenster, sah sie wieder an und hielt den Kopf etwas schräg. Sie fragte sich, ob er ihr überhaupt zuhörte.

„Okay“ sagte er nur und unterschrieb. Sie trennten sich mit einem freundlichen Lächeln. Valerie wusste nicht, was Frederik dachte.

Frederik musste sich schon lange auf diese Position vorbereitet haben. Sofort startete er ein wahres Feuerwerk an Spekulationsangeboten für seine neue Klientel, die Superreichen. Sein Portfolio enthielt große Investmentfonds, die in riesige Agrarflächen in Südamerika und Minen in Afrika investierten. In großen Mengen handelte man Getreide über Genf und Chicago. Schwerpunkt seiner Anlagefonds aber waren teuerste Immobilien in London, die von Steve Rendell, dem Anlageberater einer Londoner Bank, gesteuert wurden. Mit Steve war Frederik seit Jahren befreundet. Steve Rendell zählte die Superreichen der Welt zu seiner Klientel, die als Erst- oder Zweitwohnsitz in den teuersten Luxus-Appartements in London lebten. „Kensington Palace Gardens“ und „One Hyde Park“ waren hier unter anderen die angesagten Adressen. Die Geld-Eliten investierten auch gerne in Singapur oder Hongkong. Steve hatte immer die richtigen Projekte. Und Frederik entwarf extrem aufwendige Hochglanzbroschüren für seine attraktiven Angebote.

Es lief richtig gut an. Frederik gewann viele junge Banker, Unternehmer und erfolgreiche IT-Manager in Frankfurt für seine Investmentfonds. Und Steve Rendell war mit seinem deutschen Partner hoch zufrieden. Dr. Weber ließ Frederik freie Hand, obwohl ihm nicht entgangen war, dass sein Teamleiter seine Mannschaft recht straff und unnachgiebig auf die Erfüllung seiner Zielvorgaben zu trimmen verstand.

Frederik arbeitete nahezu pausenlos. Vielleicht nimmt er Drogen, dachte Valerie, wenn sie morgens ins Büro kam und er bereits stundenlang alleine am PC gearbeitet hatte. Und wenn sie spät am Abend die Bank verließ, war er immer noch in seinem Büro und kontrollierte die Charts auf mehreren flimmernden Bildschirmen. Einmal war sie im Flur stehen geblieben und hatte ihn durch die Glaswand beobachtet. Er trug Daten in eine Liste ein. Als er plötzlich aufschaute, trafen sich ihre Blicke und auf seinem Gesicht entstand ein schüchternes Lächeln, das sie auf ihrem Heimweg begleitete und nachdenklich stimmte. Völlig unbegründet schlich sich ein Gedanke in ihren Abend:

Wollte er nicht Dr. Weber von seinem Talent überzeugen, sondern vielleicht sie selbst? Aber diese Idee verdrängte Valerie sofort wieder. „Ein netter Mensch ist er nicht“, war ihr erster Eindruck von ihm. Und sie hatte nicht vor, Ihr Urteil so leicht zu revidieren.

Die Aufsichtsräte waren begeistert, Dr. Weber verkündete stolz immer neue Erfolgszahlen. Analysten sprachen von einer Börsenrallye. Nur selten war von Risiken die Rede.