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Eine "Bengal -Katze" aus der nähern Umgebung, natürlich auf lockerem Freigang durch die Gemeinde und ein verschrobener Junggeselle, der in seiner Wohnung lebt und arbeitet! Beide treffen eines Tages, durch Zufall im Keller seines Mehrfamilienhauses, aufeinander. Kurz darauf häufen sich die unangemeldeten Besuche der smarten Samtpfote und stellen den "katzen- unkundigen" Zeitgenossen auf eine harte, aber herzliche Probe seiner scheinbar unerschöpflichen Geduld. In den kurzen Episoden werden Einblicke in das sprunghafte Verhalten der netten Freigängerin gewährt. Auch das Wirken und Denken des teilweise überforderten Gastgebers wandelt sich in dieser Zeit. Dennoch hinterlässt die Begegnung, auch nach fast eineinhalb Jahren, immer noch Spuren von Freude und Wehmut. Und während die "Schnurrerin" schon längst über alle Berge ist, bleibt der alleinstehende Mann zurück, mit den Gedanken an die Vergangenheit beschäftigt und versucht sie fremden Zeitgenossen zu vermitteln.
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Seitenzahl: 199
Veröffentlichungsjahr: 2023
Mirko Krumbach
Die Besuche der Bengal-Katze
Episoden aus einer zufälligen Bekanntschaft
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Letzter Akt – Zum Aufbruch bereit
Der Haussegen hing schief
Eine überraschende Begegnung
Begegnung 2.0
Die Post ist da!
Und jetzt, lieber Junggeselle?
Einige Gedanken zum steten Gast
Türchen öffne dich
Der Alltag
Ein eigenartiger Traum!
Ein seltsamer Tag folgte
Die Katze konnte warten!
Mit etwas Glück und Geduld
Nachtschicht
Ein Schreck in der Abendstunde
Ein bisschen Büroarbeit
Bei den Hausarbeiten
Per Anhalter, einfach Mal weg
Alles brauchte seine Zeit
Die neuste Mode
Das selige Schlummern
Letzter Akt – Der Abschied
Nachtrag
Impressum neobooks
An diesem denkwürdigen Morgen verhielt sich “Schlümpfchen“, so wie ich die Katze liebevoll genannt hatte, ziemlich eigenartig. Als wäre die Fellnase auf der Durchreise – oder war sie gar auf der Flucht?! Beinahe abwesend und ziemlich unsicher wirkten ihre Bewegungen, als sie aus reiner Gewohnheit noch einmal durch meine Wohnung lief. Fast schon zögerlich, so als hätte sie sich in den Räumlichkeiten verirrt, schlich sie an den wenigen Möbeln vorbei, ab in die Küche. Hätte ich die Katze nicht besser gekannt, hätte ich wahrscheinlich vermutet, dieses scheue Tierchen betrat zum ersten Mal meine Wohnung!
Bei der Nahrungsaufnahme allerdings war sie schnell wieder in ihrem Element – in der mir so vertrauten Form! Blitzartig verschwanden die kleinen, harten Brocken des Trockenfutters in ihrem Schlund. Und so schlang sie Bissen für Bissen lieblos herunter.
Anscheinend hatte das schlanke, anmutige Raubtier noch einen dringenden Termin, der mir bisher wohl verborgen geblieben war? Weshalb sonst würde sie das leckere Futter in aller Eile herunterwürgen?
Besorgt beobachtete ich, wie sie gierig Happen für Happen in sich hinein trieb. Dabei schaute sie mehrmals über ihre schmalen Schulterblätter und ein banger Blick, der leuchtend grün- gelben Augen, fiel ausschließlich zur Wohnungstür. Würde jeden Moment ein großes Unheil über sie hereinbrechen? In diesen Minuten blieb ich aufmerksam an ihrer Seite, in der sie wie vom Teufel besessen ihre Mahlzeit hektisch herunterschlang.
Dann, nachdem sie noch ein Schüsselchen Wasser geleert hatte, schien der Augenblick zum unverzüglichen Aufbruch gekommen zu sein...
Stolz mit erhobenem Schweif trat sie an die Tür, so wie sie es schon viele Male zuvor getan hatte und blickte erwartungsvoll zur Klinke hinauf. Der Stubentiger war schlau und äußerst sportlich zugleich. Ich wusste, sie war in der Lage die Tür selbstständig zu öffnen. Das wusste sie auch! Doch “Madame Bengale“ wollte heute endlich Mal wieder, mit Anstand und Sitte meine Wohnung verlassen!
Mit dieser unmissverständlich Geste wurde mir klar gemacht, dass es nun wieder an der Zeit wäre die Pforte zu öffnen, um ihr den Freigang zu ermöglichen.
Wie ein unbändiger Windzug huschte sie durch den Spalt der kaum geöffneten Wohnungstür. Hernach tippelte die schmale Samtpfote hastig die vierzehn Treppenstufen des Hausflurs hinab und trat schon ungeduldig vor der geschlossenen Haustür hin und her – so eilig hatte sie es hinaus ins Freie zu gelangen. Meine unbedeutende Wenigkeit, mit den zwei Beinen konnte bei ihrem flinken Tempo keineswegs Schritt halten. Mit einem lockeren Handgriff drückte ich die Klinke herunter und zog die schwere Haustür auf.
Wie ein Pfeil schoss die Samtpfote hinaus ins Freie. Einen Wimpernschlag später bog das Tierchen um die Ecke der trockenen Thuja Hecke, geradewegs über die Straße zum Nachbarhaus herüber.
Mit einiger Erleichterung ließ ich die Tür hinter mir zufallen – wie ich es einhundert Mal zuvor auch schon getan hatte. Hierbei immer mit der beruhigenden Gewissheit, dem Tier alle Annehmlichkeiten geboten zu haben, die in so kurzer Zeit möglich gewesen waren. Mit ein paar lockeren Gedanken in meinem Kopf, schritt ich langsam die Stufen der Treppe empor – zurück in die Wohnung.
Unmittelbar darauf rief schon meine leichte, überschaubare Hausarbeit. Zahllose Brocken Trockenfutter, die auf dem Boden verstreut lagen, sammelte ich ein und entsorgte diese unappetitlichen Stückchen im Mülleimer. Den angebrochenen Beutel Katzenfutter stellte ich in die Abstellkammer zurück und räumte die beiden Näpfe für Futter und Wasser sorgsam beiseite. Beim nächsten Spül mit der Hand würden diese notdürftigen Behältnisse erneut mit aufgewaschen.
Einige Handgriffen später sah die Küche wieder ordentlich aus, so als hätte es nie einen tierischen Gast gegeben.
Zu meiner selbstverständlichen Routine, nach dieser Stippvisite gehörte ein kurzer Kontrollgang durch das Schlafzimmer. Dort schüttelte ich die beiden Decken am Schlafzimmerfenster aus. Auf diesen hatte der besondere Vagabund, selig schlummernd den Vormittag verbrachte und sich nebenbei von den Strapazen der vergangenen Nacht erholen können.
Gewissenhaft klopfte ich unzählige Katzenhaare aus dem Stoff heraus, strich ihn anschließend glatt und legte die Decken erneut ordentlich zusammen. Gewissenhaft verrichtete ich die übersichtliche Hausarbeit. Dabei war mir keineswegs das ungewöhnlich emsige Treiben im Nachbarhaus entgangen. Wie aus dem Nichts rollten mehrere Transporter heran, die sich hintereinander in der Straße aufreihten. Umgehend strichen feixende Männer um die Lastgefährte, zupften an Planen und Abdeckungen herum und verschwanden unmittelbar danach im Nachbarhaus. Wenige Minuten darauf mühten sich die ersten redlichen Träger mit Einzelteilen von Regalen, Schränken und weiteren sperrigen Möbelstücken. Mit vereinten Kräften, unter Stöhnen und Ächzen hievten sie das üppige Wohnungsinventar, ein Stück nach dem anderen, auf die Ladeflächen. Trotz schweißtreibender Anstrengung herrschte unter den Beteiligten eine ausgelassene Stimmung, als die scheinbar nicht enden wollenden Habseligkeiten der kleinen Familie aus dem Nachbarhaus verladen, verpackt und abtransportiert wurden.
Erstaunt beobachtete ich das Wirken und Treiben in der unmittelbaren Nachbarschaft. Auf der Straße entwickelte sich ein hektisches hin und her an den Transportern; dabei immer wieder ein beherztes Lachen und Fluchen, oder lautes Gerede der Helfer. Und in dem ganzen Durcheinander eine fremd wirkende Bengal- Katze, die mit ihren wachen Augen und klarem Verstand das Geschehen um sie herum aufmerksam verfolgte. Der Vierbeiner hielt sich dezent abseits, so als ginge diesen der ganze Trubel eigentlich nichts an!
Aber gehörte dieses Tier eigentlich zu der Familie, oder vielleicht doch nicht? Selbstverständlich gehörte die Katze dazu, dass sei schon vorab verraten. Meine ernsthaften Bedenken waren also völlig grundlos!
Aus der Nähe und für sich betrachtet, stellte das Tier etwas ganz besonderes, sogar ungewöhnliches dar und blieb in dieser Gegend eine wahre Seltenheit!
“Schlümpfchens“ Vorfahren waren nämlich das Ergebnis einer erfolgreichen “Liebesbeziehung“, zwischen einer gewöhnlichen Hauskatze und einem wild lebendem Exemplar einer asiatischen Leopardkatze! Wer bei klarem Verstand auf solch eine Idee gekommen war und welchem Zweck diese Paarung letztlich dienen sollte, kann ich nur vage vermuten. Aber durch diese Vermischung verschiedener Gene bekamen die Nachkommen einen schlanken, formschönen Körperbau und eine besonders auffällige, exotische Maserung auf den weichen Pelz. Und schließlich floss wildes Blut durch ihre zierlichen Adern hindurch. Dadurch gestaltete sich der Umgang mit ihrer Art, als folgsame Haustiere, zeitweise etwas problematisch. Zudem zeichnete diese Tiere eine überraschende Impulsivität und Vorwitzigkeit aus. Oftmals bekamen diese geübten Jäger aus heiterem Himmel die tollsten Ideen. Das diese exotische Tierart wegen auffälliger Verhaltensweisen unerzogen auf ihre Halter wirkte, kann ich durchaus nachvollziehen. Aber intelligent und wissbegierig waren diese Tierchen allemal!
Abgesehen von ein paar unbedeutenden Auffälligkeiten hatte ich diese Katze als menschenbezogenes, friedfertiges Wesen in Erinnerung, das auch nur etwas Nähe und Geborgenheit bei seinen Menschen suchte. Natürlich mit einer besonderen Portion Eigensinn, die der Gattung von jeher im Blut steckte.
Als äußerst intelligent und zutraulich ist mir diese Katze im Gedächtnis geblieben!
Kleinere Aufgaben, durch den rechtmäßigen Besitzer gewissenhaft gelehrt, hätte dieses Lebewesen durchaus übernommen, wenn der Halter die nötige Geduld und Achtsamkeit aufgebracht hätte. Aber da es in diesem Fall keinen geduldigen Lehrmeister gegeben hatte, suchte sie sich selbstständig Aufgaben und verbrachte den Tag nach ihren eigenen Vorstellungen. Das macht diese “Bengalin“ eben zu einer echten, unabhängigen, stolzen Rassekatze!
Lustig und auffallend blieb ihr Blick. Bei genauer Betrachtung schielte sie etwas durch die Gegend. Ein Umstand der sie keinesfalls bei der Jagd auf die heimische Vogelwelt hinderte. Und hier am Ort blieb sie selbstverständlich das einzige Exemplar einer Bengal - Katze!
Während ich mit einigen Überlegungen in der Vergangenheit versunken am Fenster stand, nahmen der Umzug auf der Straße erkennbare Gestalt an. Unentwegt trugen viele fleißige Hände Dinge des täglichen Bedarfs, ebenso des hemmungslosen Überflusses durch die Gegend.
Ob der Geschäftigkeit im Nebenhaus schweiften meine zahllosen Gedanken in die nähere Vergangenheit ab – genauer gesagt etwa eineinhalb Jahren zurück! Als in einer schicksalhaften Begegnung diese verwirrt umher laufende Bengal - Katze und meine Wenigkeit als ahnungsloser Nachbar einfach aufeinandertrafen.
Eines Tages stürmte der Hausmeister aus den Kellergewölben heraus, in den Hausflur. Schimpfend stapfte er die Treppenstufen hinauf und machte dabei, Stufe für Stufe seinem ungeheuren Ärger Luft. Schallend waberte seine raue, dunkle Stimme in jeden Winkel des hellhörigen Mehrfamilienhauses.
Durch diese befremdliche Unruhe jäh aufgeschreckt, traten die besorgten Hausbewohner nach und nach vor ihre Wohnungstüren. Keiner der ahnungslosen Mieter konnte diese üble Laune nachvollziehen, noch den Grund seiner bebenden Schimpftiraden begreifen.
„Dieses Gebäude ist doch schließlich ein ordentliches und ruhiges Mietshaus“, so die Meinung der meisten Bewohner, die immer noch unwissend in ihren Türrahmen standen.
Wenige Minuten darauf hatte der Hauswart von irgendwoher eine Schaufel mit Handfeger besorgt und stieg immer noch missgelaunt, erneut in die Kellergewölbe hinab.
Als er wenig später mit einer Schaufel Kehricht zurückkam, trat er demonstrativ an den Versammelten vorbei, und entsorgte den Grund seines großen Missfallens in einem geeigneten Müllbehälter. Dem Unmut der Leute über diesen mittäglichen Radau trat er anschließend entschieden entgegen.
„Ja meine Damen und Herren Bewohner, dies ist ein ruhiges und ordentliches Haus“, hob er die Stimme an, die bis unter die letzten Dachbalken drangen. „Und es ist ein sauberes Haus...Dank meines unermüdlichen Strebens“, fügte er stolz und mit einer beachtlichen Selbstzufriedenheit hinzu. Es schien tatsächlich kein Zufall zu sein, dass er diesen Moment zu einem lautstarken Eigenlob nutzte. Waren bisher die Mieter doch allesamt mit lobender Anerkennung für seine geleisteten Dienst sehr sparsam, wenn nicht gar zu nachlässig gewesen. Die Bewohner kümmerten sich ausschließlich um ihre eigenen Belange. Und was den Dienst an den Wegen und Gemeinschaftsräumen anbelangte, sei es schließlich Aufgabe des Hausmeisters für Ordnung und Sauberkeit zu sorgen.
„Er bekommt für seine Arbeit schließlich genug Geld“, dachten sie sich im Stillen und sahen daher keinen Grund für eine außerordentliche Würdigung seiner Dienste.
„Eine Katze hat in dem Waschkeller ihren Mist hinterlassen...Schon zum zweiten Mal“, ließ er die versammelten Bewohner wissen. Diese waren mittlerweile alle aus ihren Wohnungen in den Hausflur getreten, um den genauen Grund des lautstarken Protests erfahren zu können. Sie entgegneten natürlich nichts, sondern schauten sich ungläubig um. Keiner war sich einer besonderen Schuld bewusst. Denn niemand hielt eine Katze als Haustier, oder etwa doch?
Oder war es vielleicht ein Wildtier, das sich durch einen offenen Schacht, gar ein Fenster den unberechtigten Zugang zum Haus verschafft hatte?
Die Herkunft des tierischen Unrats blieb in diesem Augenblick mysteriös. Und zu dem berechtigten Zorn des Hauswarts, gesellte sich die passende Ahnungslosigkeit der Anwesenden. Zur Klärung des Sachverhalts trug allerdings beides nicht bei! Da sich dieses übelriechende Malheur jedoch nicht noch einmal wiederholen sollte, wurden die Bewohner aufgefordert, mit all ihren Sinnen ungewöhnliche Geschehnisse sorgfältig zu verfolgen und dem Hausmeister umgehend zu melden!
Wir hatten Anfang August und die Tage waren immer noch warm und die Nächte lau, aber von der Temperatur erträglich. Ab und zu ließen unbekümmerte Bewohner die Haustür auf, um für etwas frische Luft im dem stickigen Hausflur zu sorgen.
Sollte die offene Türe etwa die alleinige Ursache dafür gewesen sein, dass ein tierischer Gast nachts unverfroren eingedrungen war und sich im Waschkeller dreist seiner täglichen Notdurft entledigt hatte? Diese Tierchen haben vor uns unbekannten Menschen doch zu viel Respekt!
Mit dieser ernsthaften Überlegung hielt ich mich aber zurück und überließ alle weiteren Entscheidungen dem professionellen Pächter, der sich mit derlei Dingen besser auskannte. Zudem kam für mich die Vorstellung, dass ein Tier hier eindringt völlig aus der Luft gegriffen vor.
Meine Wenigkeit, ein freundlicher Junggeselle, aus dem ersten Obergeschoss, verfolgte das bunte Geschehen vom Treppenabsatz, trug aber nichts Erhellendes zu den wilden Vermutungen der anderen Hausbewohner bei. Dennoch nutze ich die seltene Gelegenheit und grüßte freundlich in die Runde der Anwesenden hinein – hatte ich doch nach Langem wieder Mal die Gelegenheit meine Nachbarn leibhaftig und in Farbe vor mir zu sehen.
Selbstverständlich entzog ich mich keineswegs der am Ende getroffenen Vereinbarung, in Zukunft hin meine geschärften Sinne und besondere Achtsamkeit zum Wohl der Hausgemeinschaft nutzbringend zu verwenden. Sollte doch dieser schmutzige Vorfall, wie aus der unmittelbaren Vergangenheit, eben in Zukunft derselben angehören!
Mittlerweile war es Mittag geworden. Und mit dem geleisteten Schwur zu Aufmerksamkeit und Umsicht, zog es nach und nach die Hausbewohner zu Tisch. Und damit verstreute sich die Gemeinschaft in alle Richtungen, im einhelligen Glauben, in nahender Zukunft solche Missstände wirklich vermeiden zu können. Alsbald kehrte zumindest eine friedvolle Ruhe in das gesamte Mietobjekt ein.
Meine Wenigkeit hatte sich ebenfalls eine schmackhafte Mahlzeit zubereitet und fieberte längst dem genussvollen Verzehr entgegen. Als das erste Stück “Schweine Medallion in Pfifferling - Rahmsoße“ den vollen Geschmack entfaltend, meinen Schlund herunterglitt, wunderte ich mich schon etwas über den sonderbaren Verdacht.
Ein Wildtier!? Warum sollte es gerade in dieses Mehrfamilienhaus eingedrungen und dreist seinen Unrat hinterlassen haben?..Und was hat so ein Tier dann bitteschön im Waschkeller gesucht? Jedoch, wenn es eine streunende Katze gewesen wäre? Aber, von welchem Besitzer?
Mir kam keine schlüssige Erklärung in den Sinn, da konnte ich den Sachverhalt drehen und wenden wie ich wollte. Was oder wer auch immer dort im Keller sein schmutziges Unwesen getrieben haben sollte, wird es so hoffte ich nicht wieder tun. Für mich blieben diese Vorkommnisse mysteriös und belustigend zugleich. Für den Hausmeister war dieser Vorfall allerdings sehr unangenehm, zugegeben! Besonders diese stinkende Hinterlassenschaft zu entsorgen! Doch in dem Einerlei des Miethauslebens, stellte so eine ungewöhnliche Geschichte schon etwas aufregendes dar. Ich kaute und kaute immer weiter meine leckere Mahlzeit. Und längst schien der Vormittagsärger vergessen, da meldete sich plötzlich ein Berg von unerledigter Hausarbeit!
In den folgenden Tagen ereigneten sich gottlob keine schmutzigen Vorfälle mehr. Ob es an der besonderen Wachsamkeit der Hausbewohner lag, oder schlicht an dem Umstand, dass die Haustür nun gewissenhaft geschlossen blieb, konnte ich nicht eindeutig zuordnen. Aber dieser Erfolg trug zu meiner Erleichterung bei. Und bald dachte ich auch nicht mehr an streunende Wildtiere, oder Katzen und ging zu meinem herausfordernden Alltagsleben über.
Jedoch eine Woche später, an einem lauen Sommerabend, schallte unverhofft ein beklemmendes Miauen durch das Treppenhaus unseres ruhigen Mehrfamilienhauses.
Kam es aus dem Keller, oder doch von außerhalb des Hauses?
Hell vibrierte dieser tierische Ruf durch jede Etage, bis er bald darauf wieder völlig verstummte. Dann herrschte eine befreiende Stille, in der die Hoffnung wuchs es sei nur ein Zufall gewesen! Aber nach einer kurzen Periode der erlösenden Stille, erklang der Ruf in gleicher Stärke erneut. Zögerlich öffnete ich die Tür und linste durch einen winzigen Spalt in den Hausflur. Es war nichts zu erkennen, noch zu hören. Erleichtert schloss ich darauf wieder die Tür. Mein Gewissen hatte sich schnell wieder beruhigt! Vor allem aber war kein Lebewesen ernsthaft in Gefahr geraten. Doch eine kleine Befürchtung blieb: Hatte sich etwa ein fremdes Tier im Waschkeller unberechtigt Zugang verschafft und sorgte nun erneut für Unordnung und Dreck?
Zu diesem Zeitpunkt haderte ich mit mir! Wollte ich doch keineswegs hinunter in den staubigen Keller und die Gewölbe einer gründlichen Inspektion unterziehen! Aus Furcht vor dem Ungewissen, ließ ich noch etwas Zeit verstreichen und lauschte angestrengt weiter. Konnte aber nichts mehr verdächtiges hören! Mein Gewissen begann sich jedoch unangenehm zu regen und forderte ein unverzügliches Handeln; getreu dem abgegebenen Versprechen gegenüber dem pflichtbewussten Hausmeister, einige Tage zuvor!
„Und was unternehmen die Nachbarn“, hörte ich mich innerlich rufen?!..“Waren sie nicht ebenso verpflichtet den tierischen Klagen nachzugehen und entsprechend der gegebene Vereinbarung zu handeln?“
Unentschlossen harrte ich hinter der Wohnungstür aus und meine Ohren lauschten weiter in die unberechenbare Stille hinein. Innerlich brodelte ein mulmiges Gefühl in der Bauchgegend. In irgendeine Ecke des Raums schickte ich ein kurzes Gebet und bat darin um zeitlichen Aufschub. Selbstverständlich hoffte ich darauf, dass mir ein anderer Bewohner doch die Last der Entscheidung abnehmen würde... Aber es geschah leider nicht.
Kurze Zeit darauf erklang die schrille Aufforderung des tierischen Störenfrieds erneut. Dabei kam das jämmerlich klingende Rufen immer näher; aber entfernte sich auch nach wenigen Sekunden wieder. Was sollte ich tun?
Während ich verzweifelt mit einer gehörigen Portion Ratlosigkeit rang, appellierte das fremde Tier weiter unbeirrt an die Gastfreundschaft der Hausbewohner, hinter ihren verschlossenen Türen.
Auch wenn das tierische Wesen flehentlich rufend durch das Treppenhaus marschierte, gewährte ich ihm keinesfalls Einlass. Dabei hielt mich einzig die Sorge um die Einrichtung in meiner Wohnung davon ab, dem Störenfried eine angemessene Hilfe oder Unterschlupf zu bieten. Die Gefahr, dass sich das unbekannte Tier in der Wohnung festsetzt und nicht mehr hinaus will, erschien mir wirklich zu gewaltig.
Immer und immer wieder machte sie sich in ihrem durchdringenden, fast markerschütternden Katzenrufen bemerkbar. Mit jedem Ton der an den Wänden unbarmherzig widerhallte, wurde mein Wille zum Widerstand schwächer und mein Mitleid umso größer. Völlig zermürbt öffnete ich schließlich die Wohnungstür und spingste vorsichtig ins dunkle Treppenhaus. Wer mochte dieser beharrliche Störenfried wohl sein?
Plötzlich presste sich etwas unerwartet heftig gegen das Türblatt. Dieser Druck versetzte mich in leichte Panik. Unmittelbar darauf lugte ein Katzenkopf unverhohlen durch den engen Türspalt und verlangte unmissverständlich Einlass in meine Wohnung. Reflexartig verweigerte ich jedoch dieses dreiste Ansinnen. War mir das Geschöpf doch vollkommen fremd! Mein Fuß versperrte erfolgreich die Tür und von da an bewegte sich nichts mehr. In dieser ausweglosen Situation gab es für den vierbeinigen Eindringling nur noch den sofortigen Rückweg.
Trotz des schnellen Rückzugs erstaunte mich die Beharrlichkeit der Katze, in eine fremde Wohnung gelangen zu wollen, unheimlich. Zudem war mir das Verhalten von anderen Katzen aus der näheren Umgebung keinesfalls geläufig.
In diesem Moment stand ich in meiner Einsamkeit und Unentschlossenheit da und traute mich einfach nicht mehr erneut meine Pforte zu öffnen. Es blieb nun Mal ein fremdes Tier in einer fremden Umgebung; nämlich in meiner Wohnung!
Es tat mir leid. Doch an diesem Abend hatte ich einfach den Mut nicht aufbringen können, dieses Geschöpf in meine Gemächer zu lassen.
Ein gleichgültiges Verhalten gegenüber einem fremden Geschöpf zu zeigen, ist bei mir eine besondere Seltenheit. An dem Abend übermannte mich aber die pure Angst vor dem vollkommen Unbekannten – das gebe ich ehrlich zu! Zudem hatte ich aus der Vergangenheit gelernt, dass Hilfe leisten meist auch mit jeder Menge Ungemach und Mühe verbunden sein kann. Denn selten erhält man Lohn und Anerkennung für seine aufopferungsvollen Dienste. Manchmal erntet man dafür aber Ärger und Spott.
Letztlich beließ ich das Tier vor der Tür. Und an diesem Abend siegte die Bequemlichkeit, oder wenn man so will meine Angst über eine hochgeschätzte Moral. Zum Glück verschwand das Geräusch und die alte Ruhe kehrte ins Treppenhaus zurück. Dieser glückliche Umstand bekräftigte mein ungewöhnliches Beharren an diesem Abend zusätzlich.
Dennoch ein gewisser Ärger über die Sorglosigkeit der Tierbesitzer konnte ich an diesem Abend nicht verhehlen. Der Unmut über das gleichgültige Verhalten der anderen Hausbewohner hielt sich dagegen in Grenzen – blieb mein Verhalten doch auch weit hinter meinen moralischen Ansprüchen und Erwartungen zurück!
Auch wenn mich zu dieser Zeit die Rufe des Tieres nicht besonders interessiert haben, so machte ich mir ab und an meine eigenen Gedanken. Aber so wie die Bedenken kamen, so gingen sie auch wieder – ohne vorerst einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen. Mit faden Überlegungen wischte ich alle Bedrückungen hinweg. Meine Wenigkeit hatte keinerlei Verpflichtungen gegenüber dem Tier. Außerdem würde die Katze schon alleine zurechtkommen.
Einige Tage später erfuhr ich, dass an dem Abend eine Mieterin aus dem Dachgeschoss mehr Courage besaß als alle anderen im Haus und dem quirligen Tier Unterschlupf und Nahrung gewährte – sogar über die Nacht!
Nach diesem nächtlichen Katzenspuk im Treppenhaus verging die Zeit und ein Jeder, ob Tier ob Mensch, regelte und bewältigte auf verschiedene Weise die Herausforderungen seines Alltags.
Ab und zu konnte ich erstaunt beobachten, wie die Katze durch die nähere Umgebung streunte – ebenso in fremden Gärten lustwandelnd sich die Zeit vertrieb. Hierbei vielleicht die eine Maus, oder den andern Vogel jagte. Und, oh wie ein seltsames Wunder, fand das Tierchen auch immer öfter Zugang in unser Haus. Was wohl der strenge Hauswart dazu sagen würde, wenn er es denn wüsste?! Ich gewöhnte mich unheimlich schnell an den Anblick dieses schönen, geschickten Jägers und genoss aus sicherer Entfernung jeden Augenblick, ihr bei dem kurzweiligen Treiben zuzusehen. An ihre lauten Rufe, welche in den darauffolgenden Tagen durchs Kellergewölbe des Hauses schallten, vermochte ich mich hingegen nicht gewöhnen – hatte ich doch gleichzeitig die strengen Worte des gewissenhaften Hauswarts im Ohr.
Aber das ficht “Madame Bengale“ keineswegs an. Sie blieb ihrem lockeren, frechen Lebensstil treu und suchte bei passender Gelegenheit ein warmes Plätzchen. Dabei hatte sich bisher ein Verhalten als besonders erfolgreich erwiesen. Nämlich durch äußerst beharrliches Warten auf den Fensterbrettern der Wohnungen, gelangte sie immer wieder in unser Haus. Günstige Gelegenheiten hierfür gab es genug.
Diese erfolgreiche Taktik amüsierte mich und nötigte mir zugleich große Anerkennung ab. Hielt ich dieses Tierchen doch in seinen Möglichkeiten für sehr beschränkt. Und waren ihre Handlungen nicht letztlich durch ihren Instinkt, aber nicht durch Überlegung, noch Logik gesteuert? Trotz des smarten Auftretens verwehrte ich der hartnäckigen, unbekannten “Streunerin“ weiterhin Einlass in mein persönliches Domizil. Sie wirkt auf mich ungewöhnlich fremd und für mein Leben schlicht unbedeutend. Darüber hinaus blieb ich bisher im Umgang mit dieser besonderen Tiergattung mehr als ungeübt!
Bei den hartnäckigen Versuchen, um jeden Preis in unser Mietshaus zu gelangen, ließ ein erstes Aufeinandertreffen zwischen “Madame Bengale“ und meiner Wenigkeit natürlich nicht besonders lange auf sich warten!
Während das seltene Rassekätzchen tagsüber mit allerlei Geschick durch die Gärten der Nachbarschaft streifte und sich mit Raffinesse ihren Alltag abwechslungsreicher zu gestalten versuchte, stand bei mir eine ernsthafte Herausforderung auf dem Programm – der wöchentliche Einkauf in einem örtlichen Supermarkt!
Was für manchen meiner Zeitgenossen ein sehnlichst herbei gewünschtes Freizeitvergnügen darstellen würde – bei dem sie entspannt durch die Regale schlendernd, den neuesten Angeboten auflauerten – löste bei mir jedoch ein Wocheneinkauf mehr Furcht und Erschöpfungszustände aus. Selbst wenn ich als sparsamer Junggeselle den Erwerb benötigter Lebensmittel übersichtlich und auf das Notwendige beschränkte, füllte sich dennoch rasch der Einkaufswagen und anschließend jede Menge prall gefüllte Jutebeutel und Tragetaschen.
Scheinbar auf wundersame Weise entging ich bisher einem folgenschweren Herzinfarkt, dem ein empfindsamer Kunde beim Einräumen und Bezahlen an der Kasse leicht erliegen kann. Jene unheilvolle Hektik, die einen sonst ruhigen Menschen dort durch Geisterhand ergreift, würde nur ein leidgeprüfter Zeitgenosse nachempfinden können, dem diese unliebsamen Strapazen unlängst widerfuhren.
Aber alles Jammern und Stöhnen nützte nichts. Schließlich musste ich für mein leibliches Wohl sorgen. Und so stürzte ich mich, wie sooft wagemutig in die hemmungslosen Fluten der “Konsumdiscounter“.
Nach vollendetem Einkauf, mit einem geschunden Nervenkostüm und völlig durchgeschwitztem Baumwollhemd, kam ich vor dem Wohnhaus an.
Und während “Madame Samtpfote“ wahrscheinlich irgendwo bräsig auf der Bank lag und die Sonnenstrahlen ihren Pelz wärmten, wuchtete ich die erst kürzlich prall befüllten Jutebeutel über die Treppe in meine Wohnung im ersten Stock.
Bisher konnte ich für mich keine wohlwollende Hilfe zum Entladen des Fahrzeugs gewinnen. So allein blieb ich genötigt mehrmals zum Auto zu gehen und meine Arme und Beine knackten und ächzten unter der ständig schwerer werdenden Last.
Selbstverständlich stand während der gesamten Zeit die Haustür weit geöffnet, um schwer bepackt und damit ungehindert das Haus betreten zu können. Nebenbei bemerkt stand meine Wohnungstür ebenfalls, bis auf einen Spalt breit, offen. Ein leichter Stoß genügte schon und der Eintritt wäre erfolgreich geschafft.
Das Erstaunen zog unbehelligt über mein faltiges Gesicht! Denn wie ich die zahlreichen Tüten und Taschen voller leckerer Naturalien, unter Aufbietung meiner restlichen Kraftreserven, in die Wohnung verfrachtete, fand ich eine fremde Katze in meiner Küche vor. Das Tierchen lugte keck in die schon zuvor abgestellten, offenen Beutel hinein. Normalerweise lasse ich keine fremden Zeitgenossen, noch unbekannte Tiere meine sämtlichen Einkäufe inspizieren. Doch in diesem Fall hatte ich keine andere Wahl gehabt. Oder besser gesagt, kam ich viel zu spät! Denn ihre Dreistigkeit hatte eindeutig über meine Leichtfertigkeit triumphiert.
