Die Bibliothekarin - Peter Marius Huemer - E-Book

Die Bibliothekarin E-Book

Peter Marius Huemer

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Beschreibung

»Du stehst um acht Uhr auf. Um neun Uhr sitzt du an deinem Tisch und betätigst den Hebel. Der Arm legt ein Buch auf den Tisch. Du siehst dir das Buch an und füllst die Liste aus. Du betätigst den Hebel erneut. Der Arm greift sich das Buch und stellt es zurück. Du betätigst den Hebel erneut. Wenn die Liste voll ist, lochst du sie und legst sie in den Ordner. Wenn der Ordner voll ist, stehst du auf und wirfst ihn in die Klappe. Du nimmst einen neuen Ordner aus einer der Truhen neben der Klappe. Jedes neue Blatt Papier versiehst du mit einem Raster und machst daraus eine Liste nach Vorlage derer, die ich dir soeben gezeigt habe. Du liest niemals mehr als notwendig. Das ist deine Arbeit bis acht Uhr abends. Um ein Uhr darfst du eine halbe Stunde pausieren und etwas essen. Hast du verstanden?« In einer Welt ohne freien Himmel, einer Welt strenger Segmentierung dominiert lediglich die Pflicht. Sprache ist auf das Nötigste reduziert, das Lernen zielgerichtet und der Alltag streng geregelt. Zwischenmenschliche Kontakte gibt es nicht und Kommunikation beschränkt sich auf ein Rohrpostsystem. Die Bibliothekarin lebt in Abteilung F-23 und ihre Pflicht besteht darin, die literarischen Werke der Vergangenheit, das kulturelle Erbe einer anderen Zeit zu katalogisieren. Lesen darf sie die Werke nicht – das liegt nicht im Rahmen ihrer Pflicht und was nicht der Pflichterfüllung oder dem Überleben dient, ist verboten. Sie hat sich mit ihrem Dasein abgefunden, kennt nichts anderes, bis sie in den Sog der Sprache gerät, in den Sog von Menschlichkeit, Kommunikation und Nähe.

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Seitenzahl: 260

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Inhaltsverzeichnis

Cover

Impressum

Autor und Klappentext

Titelseite

Buchanfang

I. Fiktion

II. Konstruktion

III. Kommunikation

IV. Konversation

V. Zirkulation

Wir bedanken uns für die finanzielle Unterstützung bei der Stadt Wien.

© 2023, Septime Verlag, Wien

Alle Rechte vorbehalten.

Lektorat: Erika Unterpertinger

Cover: Jürgen Schütz

coverbild: © i-stock

EPUB-Konvertierung: Esther Unterhofer

ISBN: 978-3-902711-96-0

Printversion: Hardcover, Schutzumschlag

ISBN: 978-3-99120-023-9 

www.septime-verlag.at

www.facebook.com/septimeverlag

www.instagram.com/septimeverlag

Peter Marius Huemer

geboren 1991 in Haag am Hausruck und aufgewachsen in Wels, lebt heute in Wien. Er studierte Komparatistik an der Universität Wien. Der freie Schriftsteller, Journalist und Übersetzungsberater veröffentlicht seit 2012 Lyrik und Prosa in Anthologien sowie in Einzelbänden. Nach Dies unfassbare Ding (2021) ist Die Bibliothekarin sein zweiter Roman bei Septime. Im vergangenen Jahr erschien mit Das Mädchen mit dem Bären des ukrainischen Schriftstellers W. Domontowytsch ein Roman, den er gemeinsam mit seiner Ehefrau Ganna Gnedkova ins Deutsche übertrug, ebenfalls bei Septime.

Klappentext:

»Du stehst um acht Uhr auf. Um neun Uhr sitzt du an deinem Tisch und betätigst den Hebel. Der Arm legt ein Buch auf den Tisch. Du siehst dir das Buch an und füllst die Liste aus. Du betätigst den Hebel erneut. Der Arm greift sich das Buch und stellt es zurück. Du betätigst den Hebel erneut. Wenn die Liste voll ist, lochst du sie und legst sie in den Ordner. Wenn der Ordner voll ist, stehst du auf und wirfst ihn in die Klappe. Du nimmst einen neuen Ordner aus einer der Truhen neben der Klappe. Jedes neue Blatt Papier versiehst du mit einem Raster und machst daraus eine Liste nach Vorlage derer, die ich dir soeben gezeigt habe. Du liest niemals mehr als notwendig. Das ist deine Arbeit bis acht Uhr abends. Um ein Uhr darfst du eine halbe Stunde pausieren und etwas essen. Hast du verstanden?« In einer Welt ohne freien Himmel, einer Welt strenger Segmentierung dominiert lediglich die Pflicht. Sprache ist auf das Nötigste reduziert, das Lernen zielgerichtet und der Alltag streng geregelt. Zwischenmenschliche Kontakte gibt es nicht und Kommunikation beschränkt sich auf ein Rohrpostsystem. Die Bibliothekarin lebt in Abteilung F-23 und ihre Pflicht besteht darin, die literarischen Werke der Vergangenheit, das kulturelle Erbe einer anderen Zeit zu katalogisieren. Lesen darf sie die Werke nicht – das liegt nicht im Rahmen ihrer Pflicht und was nicht der Pflichterfüllung oder dem Überleben dient, ist verboten. Sie hat sich mit ihrem Dasein abgefunden, kennt nichts anderes, bis sie in den Sog der Sprache gerät, in den Sog von Menschlichkeit, Kommunikation und Nähe.

Peter Marius Huemer

Die Bibliothekarin

Roman | Septime Verlag

»Patiently madness waits in line

in the reception room of my mind

waiting for the thought to be left

unattended and open for an unwanted guest

and it’s so busy I’d be surprised if I even noticed«

Enter Shikari – Live Outside

»Da schwärmen sie, die Wespen,

treiben uns ins Dunkel

wo wir kauern,

die Fenster schließen

und über den freien Himmel lachen

wie über eine ferne Erinnerung

derer wir uns heute schämen.«

Hannah Brauner - Drinnen

I. Fiktion

1.

Wenn ich davon schreibe, jemandem etwas mitgeteilt zu haben, müssen Sie sich dies folgendermaßen vorstellen: Ich verlasse meinen Arbeitsplatz, erhebe mich aus meinem metallenen Stuhl, dessen hinteres linkes Bein kürzer ist als die anderen, steige durch das kreisrunde Loch in der Stahlbetonwand, das ich manchmal Tür nenne, und lasse, während ich mich durch die Dunkelheit taste, stets eine Hand an der Mauer entlang streifen. Am Ende des Korridors ziehe ich ein Blatt rauen Papiers vom Stapel auf dem schmalen Tischchen, warte darauf, dass der Bewegungsmelder über mir meine Anwesenheit erkennt, den Stromfluss in die Leuchtstoffröhre freigibt, Licht spendet und verfasse eine Handvoll Zeilen in makelloser Handschrift, forme ein Röllchen, schiebe das Röllchen in ein Röhrchen und das Röhrchen in die Mündung eines Rohrs über dem Tisch, wo es verschluckt wird, eingesaugt und verschickt. Wenn ich mir vorstelle, dass es einmal so einfach gewesen sein muss zu sprechen mit wem auch immer man auf der Welt sprechen wollte, direkt zu sagen, was man sagen wollte oder schreiben, was einem in den Sinn kam und diese Botschaft durchs Nichts versenden! Sprache, die dem Willen gehorcht, die auf die Reise geht und stets ihr Ziel erreicht. Ein Wunder! Was am Ende des Rohrs auf meine Nachricht wartet, wer sie entrollt und liest, wusste ich lange nicht, aber ich bin daran gewöhnt. Die Antworten waren immer gleich. Auch daran bin ich gewöhnt. Es ist nicht schlimm. Nun teile ich jedoch Ihnen etwas mit und der Prozess könnte mir nicht fremder sein. Befremdlich ist er nicht. Mit dem ersten Wort, dem »wenn« scheint ein Bann von mir abzufallen. Meine Hände krampfen schon, aber der Schmerz verblasst neben der Entdeckung. Vier Zeilen. Mehr hatte ich bisher nicht im Fluss verfasst, ohne zwischen den Wörtern abzusetzen. »Rationen (7), Wasser (50l), Toilettenpapier (4 Rollen). Vielen Dank.«, steht auf dem Papierstreifen neben diesem Blatt. Ich weiß nicht, warum ich es abschreibe. Aber hier, zwischen den anderen Zeilen, ist es, so scheint mir, mehr als meine wöchentliche Bestellung. Vielleicht sollte es immer mehr sein, vielleicht kann ich der Nachricht etwas beifügen, das sie nicht benötigt, einfach, um …  einfach so. Ich schreibe also darunter: »Ich wünsche Ihnen allen eine wunderschöne Woche und beste Gesundheit!« Mit Ausrufezeichen! Es durchzuckt mich wie damals, als das Kabel meiner Schreibtischlampe brach und ich mit dem Ellbogen dagegen kam, also für einen Moment mein Armhaar zu Berge stand und ich, weil ich das Gefühl nicht kannte, weder wusste woher es kam, noch ob ich schreien sollte. Jetzt denke ich, dass ein Schrei nicht angebracht ist. Ein innerer Schrei sehr wohl. Innerlich schreie ich oder jauchze. Wäre der Papierstreifen damit nicht bereits voll, würde ich weiter schreiben, aber so rolle ich ihn zusammen, stecke ihn in sein Röhrchen und schicke ihn ab. Nicht wirklich. Ich habe es bereits getan. Zwischen »jauchze« und »Wäre« bin ich aufgestanden und habe das Röhrchen in das Rohr gesteckt und das Rohr hat es eingesaugt, wie immer. Mit einem trockenen Schluckgeräusch verschlungen. Ich liebe dieses Schluckgeräusch, wünschte, dass ich es öfter hören könnte. Aber es geziemt sich nicht, mehr Röhrchen zu versenden als geboten ist. Es ist Papierverschwendung und da ich meist auf jedes meiner Röhrchen auch bloß eines zurückbekomme, fürchte ich, dass unnötige Nachrichten nur dazu führen könnten, dass mir irgendwann die Röhrchen ausgehen. Um Papier mache ich mir keine Sorgen. Ich habe so viel davon, dass ich mir sicher bin, niemand könnte es in einer Lebenszeit verbrauchen. Es ist in Kartons, kaum größer als die Blätter selbst, an der Wand zur Rechten meines Tisches die ganze Mauer entlang zweireihig bis unter die Decke gestapelt. Ein Karton enthält 500 Blatt. Ich könnte mir ausrechnen, wie viele Seiten ich also habe, doch der Gedanke, sie seien unendlich, genügt mir.

Sie sehen, ich bin es nicht gewöhnt etwas mitzuteilen. Ich habe noch nicht einmal richtig angefangen zu beschreiben, was ich wollte, und bin trotzdem bereits vom Thema abgekommen. Ich wollte, habe beschlossen, Ihnen, wer auch immer Sie sein werden, von meiner Arbeit zu berichten, von dem Ort, an dem ich lebe und davon, was sich in den vergangenen Monaten hier zugetragen hat.

2.

Ich lebe in Abteilung F-23. Wie viele Abteilungen es gibt, weiß ich nicht und ebenso wenig könnte ich Ihnen meine Heimat auf der Landkarte zeigen, obwohl ich Bücher mit Landkarten besitze. Einen Hinweis könnte meine Sprache liefern. Ich spreche auf Deutsch, auch wenn ich lange selten gesprochen habe. Ich schreibe Deutsch und schreiben ist, was ich täglich tue. Von acht Uhr, jenem acht, das meine Uhr als acht begreift, bis zu ihrem anderen acht sitze ich an meinem Schreibtisch und trage die Titel ein, die Erscheinungsdaten, Autorinnen, Autoren, Seitenzahlen, Einbandzustände und was es sonst noch festzuhalten gibt. Ich schreibe diese Informationen auf Papier, staple die Seiten und loche sie am Abend. Bevor ich meinen Tisch verlasse, sortiere ich die Listen in einen Ordner und wenn der Ordner voll ist, beschrifte ich ihn und schicke ihn ins Archiv. Das ist meine Aufgabe, meine Pflicht. Ich bin eine Bibliothekarin. Bevor ich zur Bibliothekarin wurde, war ich nichts. Es gab mich nicht wirklich. Wenn der letzte Ordner des Tages verschickt ist oder halbvoll auf der Tischplatte verbleibt und meine Uhr acht – die Acht des Abends – anschlägt, verlasse ich den Lichtkegel meiner Leselampe, mache die zuvor beschriebenen Schritte durch die Dunkelheit in den Korridor, warte auf die Leuchtstoffröhren und verlasse den Gang an seinem anderen Ende, wo sich der Durchgang in mein Quartier befindet. Dort steht mein Bett, ein Nachttisch, ein Waschbecken und eine Toilette. Im Vorbeigehen stecke ich meine Hand in das Rohr neben dem Rohr, in das ich meine Röhrchen stecke, und hole daraus mein Abendessen. Die Rationen schickt man mir wöchentlich, aber ich lasse das länglich runde Paket im Rohr und ziehe eine Ration nach der anderen heraus, bis es bis auf Toilettenpapier leer ist. Das spart Platz und ich habe mich daran gewöhnt. Das Abendessen besteht aus 500 Kalorien und schmeckt neutral, aber es sättigt und mir fehlt an nichts.

3.

In den Regalen meiner Bibliothek befinden sich fünfunddreißig Millionen Bücher und wie groß sie ist weiß ich nicht. Sie ist nicht breit. Vielleicht dreißig Schritt. Ich habe nie den Versuch gewagt, ihre Länge abzugehen, weil es genügt einen Hebel zu betätigen und ein mechanischer Greifarm mir das jeweils nächste Buch aus dem aus dem Regal bringt. So kommen mir die Bücher entgegen. Noch bin ich beim ersten Regal und werde wohl beim ersten Regal bleiben. Wie viele Bücher ich pro Tag eintrage variiert, aber vermutlich werde ich sterben bevor ich auch nur die Hälfte geschafft habe. Eins nach dem anderen. Der mechanische Arm hebt sie aus dem Regal über meinen Kopf und legt sie vor mir auf den Tisch. Wenn ich fertig bin, lege ich das Buch genauso zurück wie es vor mich gelegt wurde, damit der Arm es richtig greifen kann. Er bewegt sich so langsam. Manchmal reizt es mich aufzustehen, selbst die wenigen Meter zu den Büchern zu gehen und mir das nächste zu holen, aber das ist nicht so nicht vorgesehen. Ich habe mich also dagegen entschieden es zu versuchen. Das Archiv, oder der Weg, den meine Ordner dahin nehmen, ist im Übrigen ein Loch in der Wand, eine Klappe und dahinter ein Schacht. Man hört sie nicht aufschlagen. Was auch immer mein Heim verlässt, meine Abteilung, macht kein Geräusch. Nicht einmal die Toilette spült laut genug, um es durch den Deckel richtig zu hören – bloß ein Murmeln – und sie spült nur, wenn er geschlossen ist. Das gilt auch für die anderen Abteilungen, vermute ich. Sie hören nur sich selbst und das Schluckgeräusch ihrer Röllchen als Abschiedsgruß.

4.

An Abteilung G-12 erinnere ich mich nur dunkel. F-23 und G-12 sind alles, was ich kenne, und G-12 nicht einmal wirklich. Dort wurde ich geboren. Dort sind rund um eine quadratische Halle Schlafsäle angeordnet. In der Halle stehen halb durchsichtige Zelte mit weißen Krankenbetten. Die Zelte sind mit Korridoren aus Plastikplanen verbunden. In einem der Zelte wurde ich geboren und von einer der Schwestern in den Raum zwischen den Zelten gebracht – in ein Kinderbett. Irgendwann kam ich dann in einen der Schlafsäle. Sobald ich denken konnte, starrte ich dort stets auf die Tür, die zurück in die Halle führte. Das hat man mir erzählt. Erinnern kann ich mich natürlich nicht daran. Durch diese Tür durften nur die Schwestern ein und aus gehen. Dahinter der Korridor in mein Geburtszelt. Da lag ich in meinem Bett, starrte zur Tür und eine der Schwestern, sie hatte keinen Namen denke ich, saß an meinem Bett – es war Abend, weil die Uhr sagte, dass es Abend war – und ich fragte sie, woher all die neuen Kinder kamen. Sie sagte sie kämen aus der großen Halle, wo sie zur Welt kämen und dann in Kinderbetten rund um die Zelte schliefen, bis sie groß genug seien, um zu uns zu kommen. G-12 war viel kleiner als F-23, aber trotzdem habe ich dort mehr gesehen. Es war nicht dunkel, sondern immer hell, sogar wenn wir schlafen sollten. Erst konnte ich kaum einschlafen als ich in die Bibliothek kam, in mein stockfinsteres Quartier, das aber nur finster ist, wenn ich möchte, dass es finster ist … Mein Quartier gehorcht mir und meiner Hand, die wann sie will an der Schnur über meinem Polster ziehen kann – schon wird es hell. Ob das jeder Erwachsene kann? Das meiste von G-12 habe ich schon vergessen. Nur an den Schlafsaal kann ich mich erinnern und an die Schwester, die über ihn herrschte. Das Klassenzimmer betraten wir jeden Tag, aber davon sehe ich, wenn ich die Augen schließe, heute bloß noch meinen Tisch, den Tisch des Lehrers, das gesprungene Glöckchen darauf, die Tafel und höre die Stimmen der anderen. Auch an die Lehrbücher erinnere ich mich gut. Zuerst lernte ich lesen. Dann schreiben, wie es sich gehört, und dann ein wenig rechnen und weil ich eine so schöne Handschrift hatte, wurde ich Bibliothekarin. Nein, ich war Bibliothekarin und man hat es erst mit meiner Handschrift herausgefunden. Wie hätte man es vorher auch wissen sollen?

5.

Aber ich will eigentlich nicht von G-12 berichten. Sollte es mir noch einmal passieren, entschuldige ich mich. Dabei fällt mir auf, dass ich beinahe alles erzählt habe, was es über F-23 zu wissen gibt, wie es aussieht, was ich dort tue und alles, aber es fühlt sich nicht so an. Wie kommt das? Ich bin keine gute Erzählerin. Das muss der Grund sein. Wenn nicht, komme ich noch darauf, was ich vergessen habe. Ich komme darauf. Nur Geduld.

6.

Ich habe zuvor gelogen. Das Röllchen mit den Grüßen, von dem ich schrieb, habe ich bereits vor zwei Monaten verschickt. Vor zwei Monaten habe ich allerbeste Gesundheit gewünscht und vor zwei Monaten fühlte ich mich elektrisiert. Dieser Akt der Rebellion, wie ich ihn für mich nannte. Als ich ihm diesen Namen gab, kehrte die Elektrizität in meinen Arm zurück, löste nichts aus. Etwas anderes löste im Gegenteil den Akt aus und daher spreche ich davon als der Anfang des Mitzuteilenden. Vor zwei Monaten entdeckte ich einen Abstellraum. Diese Entdeckung erweckte einen Gedanken in mir, vor dem ich einmal gewarnt worden bin. Es war der dreiundzwanzigste März, Frühling, endlich Frühling, wie man einmal gesagt hat, als ich entlang des dritten Regals in die Finsternis hinein spazierte, um mir die Beine zu vertreten. Früher wusste ich nicht, was Frühling heißt und was ein Datum ist und ich muss zugeben, dass ich überhaupt nicht weiß, ob es wirklich der dreiundzwanzigste März war. Über mir sprangen, wie überall in F-23, die Lichter an und warfen einen grellen Käfig, eine leuchtende Blase, über mich. Die Lichter erlaubten es mir nie, echte Dunkelheit zu erleben, außer im Korridor und dort ebenfalls bloß einige Augenblicke lang. Dunkel ist es nur wenn ich schlafe und nur in meiner Kammer. Erstaunlich, dass mich gerade dort das Einschalten des Lichts beeindruckte.

Ich strich im Gehen mit den Fingern über die zwischen Buchdeckeln gepressten Seiten, besah sie mir und malte mir in Gedanken ihre Titel aus, pickte mir die schönen Wörter aus den Namen der Werke des Tages heraus und fügte sie zu neuen zusammen. Dabei entstanden hässliche Wortschlangen. Mehr noch als sonst wünschte ich, es sei finster. Das Gehirn soll bei manchen Menschen im Finstern besser funktionieren. Womöglich hätte ich in der Dunkelheit schönere Schlangen kreieren können. Hin und wieder gelang mir doch ein brauchbares Wort: »Hausdoktorsonatenbaum«. Erst heute, da ich es den Büchern entrungen habe, weiß ich was all die Komponenten meiner Schlangen bedeuten. Vieles davon ist enttäuschend. Auch mit dem Wörterbuch bleibt das Schreiben ein schleppender Prozess, den Sie als Lesende nicht aus den Zeilen ziehen können. Oder zwischen den Zeilen lesen können? Jedenfalls können Sie es nicht. Ich kann nicht bei der Sache bleiben. Vor langer Zeit, als all diese Bücher, all diese Abermillionen Bücher in meinem Rücken, verfasst wurden, hätte nach mir ein Lektor meine Verwirrung behoben. Aber weder ist jetzt damals, noch denke ich, dass meine Abschweifungen unwichtig sind. Irgendwann hätte jemand das alles ohnehin erzählt – hoffe ich.

Ich entdeckte eine Abstellkammer. Als ich einer Wortschlange den Hals umdrehte, den Kopf abbiss und ihre beiden Enden »Wolkenhautfarmgabelhoffnung-« und »-raum« verwarf, spazierte ich weiter und weiter am dritten Regal zur einen und dem Beton zur anderen Seite entlang, marschierte von Lichtkegel zu erwachendem Lichtkegel weiter in die Bibliothek hinein als jemals zuvor. Den Schein meiner Schreibtischlampe konnte ich kaum noch hinter mir ausmachen. Es ist unmöglich, sich in der Bibliothek zu verirren. Selbst ohne Anhaltspunkt hätte ich mich mit geschlossenen Augen an den Buchrücken entlang zurück zum Durchstieg, in den Korridor und in mein Quartier zu tasten vermocht – solange ich vor und zurück nicht aus den Augen verlor. Aber einen Ort zu erreichen, an dem ich noch nie gewesen war, auch wenn er sich nicht von allen vorhergehenden Orten und anderen Stellen meines Zuhauses unterschied, war aufregend und neu. Ich dachte: Von nun an will ich jeden Tag weiter spazieren als am Tag zuvor. Ein utopischer Gedanke. Meine Pause wurde nicht länger, nur weil ich es mir wünschte.

»Du stehst um sieben Uhr auf. Um acht Uhr sitzt du an deinem Tisch und betätigst den Hebel. Der Arm legt ein Buch auf den Tisch. Du siehst dir das Buch an und füllst die Liste aus. Du betätigst den Hebel erneut. Der Arm greift sich das Buch und stellt es zurück. Du betätigst den Hebel erneut. Wenn die Liste voll ist, lochst du sie und legst sie in den Ordner. Wenn der Ordner voll ist, stehst du auf und wirfst ihn in die Klappe. Du nimmst einen neuen Ordner aus einer der Truhen neben der Klappe. Jedes neue Blatt Papier versiehst du mit einem Raster und machst daraus eine Liste nach Vorlage derer, die ich dir soeben gezeigt habe. Du liest niemals mehr als notwendig. Das ist deine Arbeit bis acht Uhr abends. Um ein Uhr darfst du eine halbe Stunde pausieren und etwas essen. Hast du verstanden?« So wurde mir mein Leben erklärt. Der alte Mann, er war mein Vorgänger, saß mir in der Schleuse gegenüber. Er trug dieselbe Kleidung, die ich nun trage: ein Overall, darunter ein Hemd und auf dem Kopf eine Mütze. F-23 stand in Lettern darauf, als hätte sie eine Schreibmaschine geschrieben. Ich war so verängstigt. Ich hatte noch nie einen alten Mann gesehen und als erst die eine Schleusentür sich aufschob, metallisch kreischte, mein Vorgänger in eine undurchdringliche Finsternis trat, und dann die andere, um mich in eine ebensolche Finsternis zu entlassen, verankerten sich seine Worte so tief in meinem Schädel als seien sie die einzige Gewissheit und als ob ich mich nur an sie zu halten brauchte, um alles Unheil von mir fern zu halten. In meiner ersten Nacht alleine, meiner allerersten Nacht in der Bibliothek, auf den Leintüchern, auf denen nur Stunden zuvor noch ein anderer geschlafen hatte, wiederholte ich, was mir gesagt worden war, tausendmal und weiter im Schlaf träumte ich davon. »Du stehst um sieben Uhr auf. Um acht Uhr sitzt du an deinem Tisch und betätigst den Hebel. Der Arm legt ein Buch auf den Tisch. Du siehst dir das Buch an und füllst die Liste aus. Du betätigst den Hebel erneut. Der Arm greift sich das Buch und stellt es zurück. Du betätigst den Hebel erneut. Wenn die Liste voll ist lochst du sie und legst sie in den Ordner. Wenn der Ordner voll ist stehst du auf und wirfst ihn in die Klappe. Du nimmst einen neuen Ordner aus einer der Truhen neben der Klappe. Jedes neue Blatt Papier versiehst du mit einem Raster und machst daraus eine Liste nach Vorlage derer, die ich dir soeben gezeigt habe. Das ist deine Arbeit bis acht Uhr abends. Um ein Uhr darfst du eine halbe Stunde pausieren und etwas essen. Hast du verstanden? Hast du verstanden? Hast du verstanden?« Ich wagte nicht, meine Pause zu überziehen. Was konnte nicht alles geschehen? Die Regeln waren denkbar einfach.

Ich verlangsamte meine Schritte, wie einen Güterzug – so sagte man einmal – schob es mich aber noch unter die nächste Leuchtstoffröhre und als deren frischer Schein – ihr Bewegungsmelder hatte sie seit Jahren nicht geweckt – auf den einförmigen Grund direkt vor meinen Füßen fiel und ich wie durch ein Wunder in einen Schatten zwischen den Kegeln geriet, hielt ich inne und besah mir meine Umgebung zum ersten Mal als eine Beobachterin, ein schwebendes Paar Augen außerhalb des Raums.

Was sahen nun diese Augen? Staub. Vor allem Staub in der Luft, der wirbelte, in Figuren tanzte. Und sonst? Erst einmal nichts. Aber da ich mich nicht rührte, bezaubert war von meinem schmalen Streifen außerhalb der Welt, erlosch auch das Licht vor meinen Zehenspitzen. F-23 hatte beschlossen, dass ich fort war und dass es nichts mehr zu verbergen hatte. F-23 offenbarte mir aus Versehen ein Licht. Ein warmes Licht, nicht kalt, kein Leuchtstofflicht, sondern orange ins Gelbe fließend das Strahlen einer Glühbirne. Nur ein einziger Strahl davon drang durch einen Spalt in der Mauer und zog mich aus meinem Starren. Eine Bewegung des Handgelenks genügte, F-23 in Panik zu versetzen. Vor und hinter mir riss es die Augen auf und strahlte grell und eisig, um mich rasch zu blenden, mir die Sicht zu rauben und mich zu desorientieren, damit ich vergaß, was ich gesehen hatte. Tatsächlich zweifelte ich daran. Ein Leuchten dieser Art war mir fremd und eine Glühbirne kannte ich zwar, konnte mir darunter jedoch nichts vorstellen. Aber obwohl ich mich irren mochte und trotzdem meine Pause ihrem Ende zuging, rannte ich entfesselt zur Mauer, strich und wischte mit den Handflächen über den Beton. Nur eine Sekunde dauerte es wohl, vielleicht fand ich den Spalt schon mit dem erstem Finger, den ich im Halbkreis über die Wand fahren ließ, und führte ihn vorsichtig in die Öffnung. Ich fand Halt hinter einer bloß wenige Zentimeter breiten, grau angestrichenen, kunstvoll gefälschten Stahlbetonmauer aus gepresstem Holz und riss die getarnte Tür mit einem Ruck, dem sie nicht im Geringsten standzuhalten versuchte, auf. Als ich in die stockfinstere Kammer trat, erloschen die Lichtkegel hinter mir verzagt und das warme Glühfadenleuchten präsentierte mir einen Schatz.

7.

Über die vergangenen Monate habe ich zu schreiben gelernt. Natürlich meine ich damit nicht, Buchstaben zu formen, nicht einen Stift zu halten, sondern Worte, einen Schatz an Worten zu gebrauchen, um eine Geschichte zu erzählen. Ich habe gelernt, Geschehenes wiederzugeben und zu gestalten, Metaphorik zu verstehen und zu kreieren, Wortspiele, Verweise und Redensarten. Das Handwerkszeug jener Menschen, die all diese Bücher in meinem Rücken über Jahrhunderte hinweg verfassten. Sie haben es mir überlassen müssen. Ich habe es mir genommen. Ich bin mir bewusst, dass die überwältigende Mehrzahl der in den Büchern festgehaltenen Geschichten schlichtweg erdacht ist und dass auch jenen, die behaupten die Wahrheit zu sein, nicht zu trauen ist. Aber bitte vertrauen Sie, die Sie lesen was ich berichte, mir ausnahmsweise. Um Ihr Vertrauen nicht zu missbrauchen, muss ich, bevor ich auch nur ein weiteres Wort weit in meine Erzählung vordringe, etwas gestehen. Ich habe schon wieder gelogen und kann auch nicht versprechen, dass es mir nicht noch einmal passieren wird. Es ist bereits fast ein Jahr vergangen seit meiner Entdeckung. Ich versichere Ihnen, dass es ein ehrlicher Irrtum gewesen ist. Ich habe keinen Kalender. Einzig eine Wanduhr dient mir zur Zeitmessung, während ich seit meiner Entdeckung die Tage auf einem Stück Papier zähle. Sie werden verstehen, dass ich solche Fehler nicht im Nachhinein berichtigen kann, will ich den Text nicht verunstalten, ihn mit Durchstreichungen vernarben. Ich kann Ihnen nur versprechen, auf meine Fehler hinzuweisen, wenn ich es nicht vergesse und wenn sie mir auffallen.

Das Handwerkszeug genügt nicht, um etwas Gutes und Funktionelles damit zu erzeugen. Ich schaffe es nicht, bei der Sache zu bleiben. Aber wie könnte ich? Wann hätte ich üben sollen? Vielleicht sollte ich mich darauf besinnen, was ich tatsächlich beherrsche, darauf, was ich seit einem Jahrzehnt täglich tue. Einen Versuch ist es wert.

8.

Zuerst war es bloß ein Kabelknäuel, lose Enden mit Steckern oder freigelegtem Kupfer, die aus einer Eisentruhe quollen: wie die schlaffen Ranken des Efeus in den Töpfen von G-12. Diese Pflanzen standen in allen Ecken und hingen von den Decken und verströmten den angenehmen Geruch von Lebendigkeit. Ganz anders als der Schweiß der Kinder. Man erzählte uns, es gäbe eine ganze Abteilung, in der bloß fünf Menschen lebten – nur hier in der Bibliothek und ähnlichen Abteilungen sind es weniger – und die Tausenden Efeupflanzen Heimat war, die die Luft für alle Abteilungen filterten und über die Lüftungsschächte verteilten. In der Kammer – schwarzer Efeu. Toter Efeu ohne Laub, nutzlos und weggesperrt.

Es war erst mit dem Blick in die Truhe von Nahem und impulsivem Wühlen in dem Kunststoffgeflecht, dass sich mir eine dunkelgraue Box offenbarte, dunkelgrau wie die Mauern und das Metall der Bücherregale. Aus ihrem Rücken sprossen drei der Kabel, deren Enden mit verchromten Steckern versehen waren. Ein paar der losen Kabel hatten ebenfalls Stecker an ihren Enden, andere nicht. Und im Rücken der grauen Box klafften einige Löcher, aus denen keine Kabel sprossen. Die Vorderseite voller Knöpfe und Regler, ein Ziffernblatt hinter Glas, eine Anzeige von 130 kHz bis 140 kHz. Ein Funkgerät: Das wusste ich freilich nicht. Nichtsdestotrotz faszinierte mich die Kiste, obwohl ich sie vorerst an ihrer Ruhestätte beließ, um mich weiter in der Kammer umzusehen. Einige Konserven, ein Hocker, leere Notizblöcke und Bleistifte, ein verstaubtes Leintuch und darunter zwei himmlisch weiche Kissen, die Urform meines eigenen. Sie und die Dosen waren für mich zunächst die eigentlichen Schätze.

Ich hatte meine Pause um drei Minuten überzogen. Seit drei Minuten hatte ich kein Buch eingetragen, keinen Titel, keinen Autor identifiziert und die reinste Furcht überkam mich als ich auf die Zeiger meiner Uhr blickte, dass ich des Nachts im Schlaf aus meinem Zuhause geholt werden würde, bestraft und einer neuen Aufgabe zugeführt. Bis ich wieder an meinem Schreibtisch saß, hatte sich mein rasendes Herz leidlich beruhigt und ich nahm Platz, vollendete meinen Arbeitstag mit demselben Fleiß wie jeden Tag und bevor ich mich zurückzog, um zu essen und zu schlafen, öffnete ich noch einmal die Kammer, griff nach einer der Konserven und versteckte sie unter meinem Hemd wie ein Dieb. Im Innern des Blechs verbargen sich eingelegte Pfirsiche, etwas, was ich noch nie in meinem Leben kosten durfte. Die Süße der Früchte und des klebrigen Safts packte mich wie ein Rausch oder wie ich mir einen Rausch vorstelle. Ich verschlang die gesamte Konserve und daraufhin meine Abendration. Es war ein Festessen, ein großes Fressen und als ich mich erschöpft vom Gelage hinlegte, wünschte ich, ich hätte auch die Kissen aus der Kammer mitgenommen, wurde mir licht im Inneren und ich fürchtete nichts mehr in meiner engen Welt.

9.

Das Funkgerät und seine Kiste entnahm ich erst als es in der Kammer, die über die folgenden Tage ein Füllhorn der Genüsse geworden war, – da waren Ananasringe, Feigen, mit Reis gefüllte Paprika in Soße, Chili Con Carne, das hieß Fleisch (!), eine Sache, die ich bisher bloß aus Buchtiteln kannte – als auch die letzte Dose geleert, ausgeleckt, ausgespült und am Fuße meines Bettes aufgereiht an der Seite aller vorhergehenden stand. Das hieß, erst siebenundzwanzig Tage später zerrte ich abends die Truhe ins Licht der Bibliothek, schob sie unter größter Mühe bis an den kreisrunden Durchstieg in den Korridor und ließ sie dort stehen. Meine Arme zitterten bereits vor Anstrengung und ich strich keuchend über die Haut, massierte die Muskeln in dem Instinkt, es sei das richtige zu tun. Nie zuvor hatte ich etwas Schweres tragen müssen und nie zuvor hatten meine Arme auf diese Art und Weise gebrannt. So lernte ich, dass ich schwach war, zu schwach um alles zu tun, was ich wollte. Heute bin ich stärker. Mein Rücken schmerzt nun nicht mehr am Ende des Tages. Ich dachte, das sei nun einmal so. Abends schmerzt der Rücken. Das verlangt die Menschlichkeit. Eine Lüge, wie so vieles. Aber woher kam die Kraft, die in mir entstand? Woher kam der verbreiterte Umfang meiner Glieder? Es kam einem Wunder gleich, doch dieses Wunder war in jener Nacht und am folgenden Morgen noch so fern und das Ziehen der Muskulatur so nahe und so überwältigend, dass ich zwei Minuten zu spät an meinem Arbeitsplatz eintraf. Beim Klettern in die Bibliothek verhedderte sich mein Knöchel in einem der Kabel und ich kam beinahe zu Fall. Um ein Haar hätte ich die Truhe im Zorn zurück in ihre Kammer gebracht, wäre ihr Gewicht nicht gewesen und das drängende Ticken der Uhr über dem Schreibtisch.

Ich betätigte den Hebel, um den Greifarm zu bewegen – an diesem Arbeitstag bloß dreiundvierzig mal. Dreiundvierzig Bücher wurden von mir katalogisiert. Dreiundvierzig von über vierunddreißig, beinahe fünfunddreißig Millionen Büchern. Unzählbare Lebensjahre bräuchte ein Bibliothekar, sie alle zu erfassen und noch einmal so viel, sie alphabetisch zu ordnen – auch das gehörte zu meiner Pflicht, doch dazu würde ich nie kommen, nicht mit dreiundvierzig Titeln pro Tag und auch nicht mit eintausend. Das war mir gleichgültig. Das war es noch nie gewesen! Eine Entdeckung, noch eine: Leiden triumphiert über Furcht. Darin lag eine ganz andere Furcht. Besorgnis ob der Herrschaft des Geistes über den Körper, die ich für absolut gehalten hatte. Die Hierarchie Pflicht › Geist › Körper war eisern gewesen als der Lehrer sie mit kreischender Kreide jeden Morgen an die Tafel des Unterrichtsraums gekratzt hatte. Nun war sie flüchtig, schon fast verflogen. Wenn Schmerz über dem Geist stehen konnte, konnte er auch über der Pflicht stehen. Deshalb starrte ich das Ziffernblatt der feindseligen Uhr minutenlang trotzig an, starrte ihm trotzig ins unaufhaltsame Gesicht und erhob mich, lang bevor ein Zeiger die Acht erreicht hatte und die anderen die Zwölf. Dieses Mal benutzte ich die Truhe und das Funkgerät als Stufe, um mich ächzend – auch das Ächzen war mir neu – nach oben und durch das Loch zu ziehen. Vor dem Schlafen glitt mein Blick wehmütig über die leeren Dosen und erinnerte mich ihres ehemaligen Inhalts.