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Ein verlassenes Hochhaus am Rande der Stadt soll abgerissen werden. Ein maroder mittelständischer Familienbetrieb kann sich diesen monumentalen Auftrag sichern und schickt Sprengmeister Johannes Eichinger unter engen Zeitauflagen ans Werk. Schnell erkennt der von Schlaflosigkeit geplagte Johannes, dass sich hinter den grauen Mauern des von außen unscheinbaren Gebäudes Geheimnisse verbergen. Der vom Leben gebeutelte Sprengmeister beginnt sich auf eine investigative Irrfahrt, um den Mysterien des Turmes auf die Spur zu kommen. Der ehemalige Besitzer, der Architekt und der bankrotte Hotelier von gegenüber sollen Aufschluss geben, doch die Frage nach der ehemaligen Bestimmung des Hauses ist komplexer als Johannes hätte ahnen können. Peter Marius Huemer malt in seinem Roman das Bild einer Odyssee voll unstellbarer Fragen und ungreifbarer Antworten. In seiner Geschichte über die Vernichtung und die Dekonstruktion unfertiger Dinge stellt er uns vor die Herausforderung über das Ist der Welt hinaus zu blicken und verlangt uns den Mut ab, uns der großen weißen Wand der Wahrheit zu stellen.
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Seitenzahl: 269
Veröffentlichungsjahr: 2021
Cover
Impressum
Autor und Klappentext
Titelseite
Buchanfang
Prolog
Erster Teil - Die Sprengmeister
Zweiter Teil - Einer des Anderen
Dritter Teil - Diener der Zukunft
Gefördert von der Stadt Wien Kultur.
© 2021, Septime Verlag, Wien
Alle Rechte vorbehalten.
EPUB-Konvertierung: Esther Unterhofer
ISBN: 978-3-903061-85-9
Lektorat: Elvira M. Gross
Cover: Jürgen Schütz
Printversion: Hardcover, Schutzumschlag
ISBN: 978-3-99120-002-4
www.septime-verlag.at
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www.twitter.com/septimeverlag
Peter Marius Huemer
(geb. 1991) in Haag am Hausruck und aufgewachsen in Wels, lebt heute in Wien. Er studierte Komparatistik an der Universität Wien. Der freie Schriftsteller, Journalist und Übersetzungsberater veröffentlichte seit 2012 Lyrik und Prosa in Anthologien sowie in Einzelbänden. 2017 erschien sein viel beachteter Roman Die Bewässerung der Wüste.
Dies unfassbare Ding ist Peter Marius Huemers erster Roman bei Septime.
Klappentext:
Ein verlassenes Hochhaus am Rande der Stadt soll abgerissen werden. Ein maroder mittelständischer Familienbetrieb kann sich diesen monumentalen Auftrag sichern und schickt Sprengmeister Johannes Eichinger unter engen Zeitauflagen ans Werk. Schnell erkennt der von Schlaflosigkeit geplagte Johannes, dass sich hinter den grauen Mauern des von außen unscheinbaren Gebäudes Geheimnisse verbergen. Der vom Leben gebeutelte Sprengmeister beginnt sich auf eine investigative Irrfahrt, um den Mysterien des Turmes auf die Spur zu kommen. Der ehemalige Besitzer, der Architekt und der bankrotte Hotelier von gegenüber sollen Aufschluss geben, doch die Frage nach der ehemaligen Bestimmung des Hauses ist komplexer als Johannes hätte ahnen können. Peter Marius Huemer malt in seinem Roman das Bild einer Odyssee voll unstellbarer Fragen und ungreifbarer Antworten. In seiner Geschichte über die Vernichtung und die Dekonstruktion unfertiger Dinge stellt er uns vor die Herausforderung über das Ist der Welt hinaus zu blicken und verlangt uns den Mut ab, uns der großen weißen Wand der Wahrheit zu stellen.
Peter Marius Huemer
Dies unfassbare Ding
Roman | Septime Verlag
für Ganna,
ohne die ich schon lange dem Wahnsinn verfallen wäre.
»Er will, obwohl er Verwüstung betreibt,
sich in die Zukunft verlängern!
Strahlender Untergang, Christoph Ransmayr
»It’s the Black Sea in a midnight gale. – It’s the unnatural combat of the four primal elements. – It’s a blasted heath. –
It’s a Hyperborean winter scene. –
It’s the breaking-up of the icebound stream of Time.
Moby Dick, Herman Melville
Prolog
Es erhebt sich aus der Tiefebene am Stadtrand. Seit Monaten ist das Haus streng eingezäunt, die Fenster der unteren Stockwerke sind vernagelt, das Gitter der Tiefgarage geschlossen und die Stromversorgen abgestellt, der Hauptwasserhahn zugedreht.
Das Haus mit seinen 23 Stockwerken ist nicht verlassen, es war niemals bewohnt, auch nie dazu gedacht. Die verbarrikadierten Fenster sind lediglich in den unteren Geschossen verglast worden. Die ehemaligen Buntglas-Mosaik-Scheiben liegen nun hinter den Brettern nach innen gesplittert in noch kleinteiligeren Mustern am Boden. Die Fassaden sind verputzt, wurden aber nie gestrichen, und so ragt das Haus ohne seine einst farbenfrohe Front als weißgrauer Monolith aus dem Meer einstöckiger Lagerhallen, Alteisenhalden und heruntergekommener Reihenhaussiedlungen. Ein einzelner abgestorbener Schneidezahn. So steht es ausgehöhlt, ist in die Vergessenheit zurückgefallen, noch bevor es sich daraus hätte erheben können. Was hätte es jemals werden sollen, für wen und auf wessen Weisung ist es errichtet worden? Wer ist Herr des Hauses?
Man flüstert, man dichtet, man weiß, ohne zu wissen. Wer im Schatten des Hauses lebt, hat sich an die vor- oder nachmittägliche Finsternis gewöhnt und den Turm sogar ins Herz geschlossen. Aber für solch romantische Gefühle ist kein Platz, für das Grübeln über vergangene Bestimmung keine Zeit. Das Gebäude steht nicht nur den verarmten Menschen, sondern aller Zukunft in der Sonne. Es muss weichen – Johannes Eichinger soll es niederreißen.
Erster Teil
DIE SPRENGMEISTER
I
Der Anblick einer Abrissprozession im zaghaft aufhellenden Dunkel der frühen Morgenstunden füllte Johannes’ verschlafene Augen mit Reminiszenzen fantastischer Erzählungen. Ein Wurm, der sich mit hundert glühenden Augen durch die seichten Schluchten gewunden hatte und dessen Pupillen strahlend das Sehen in sein Gegenteil verkehrten, denn sie waren blind.
Er selbst hatte das Grundstück bereits gegen Mitternacht erreicht, hatte das Kettenschloss am Tor der Umzäunung mit einem Bolzenschneider geöffnet, weil man ihm keinen Schlüssel ausgehändigt hatte, und war mit einer Thermoskanne Kaffee im Schoß auf dem Rücksitz seines Wagens immer wieder eingenickt. Wäre die trockene Kälte dieser Nacht nicht gewesen, hätte er das Areal bereits im Dunkeln zu erkunden begonnen. Erst hatte er noch geflucht, hatte sich gelangweilt und eingeschlossen gefühlt, war dann trotzdem eingeschlafen und hatte eine Stunde lang traumlos auf die Kolonne gewartet, der er nun den Weg über die unbeleuchtete Zufahrt wies.
Johannes wurde am Vorabend eines jeden Projekts unstet, entfloh Bett und Schlafzimmer, marschierte stundenlang vor den hohen Fenstern zum Balkon auf und ab, bis ihn seine Schritte in der Stille und der Geruch seiner Zigarette in den Wahnsinn trieben und er den Fernseher einschaltete. Der Hintergrundlärm beruhigte ihn. Das Gerede, die Musik fügten sich in ein weißes Rauschen, einen arrhythmischen Singsang, und die wirbelnden Rauchfäden tanzten dazu. Nach der ersten Tasse Kaffee halfen auch die verwaschenen Stimmen nicht mehr, Johannes verließ die Wohnung, machte sich auf den Weg, es war ihm egal, wohin er führte, durch das halbe Land oder bloß durch die Stadt. Diesmal musste er nur ans Ende des benachbarten Bezirkes. Er kannte den Turm. Stets sah er ihn vom Wohnzimmerfenster aus und der Schatten des Monstrums kroch allabendlich bis an die gegenüberliegende Seite der Ausfallstraße vor Johannes’ Wohnblock.
Er sog den Rauch ein, die Arbeiter deuteten ihm durch das halb herabgelassene Fenster einen Gruß, er nickte ihnen zu. Gut, dass er noch an der Tankstelle gehalten, sich Zigaretten gekauft hatte. Die Rücklichter der in Formation geparkten Kastenwägen und Baufahrzeuge strahlten hüfthoch über das Gelände und blendeten ihn. Er hielt sein Telefon in Taschenlampenfunktion vor sich zu Boden gerichtet, um in dessen Lichtkegel nach Stolperfallen Ausschau zu halten. Es half nicht. Er wandte sich zurück zum Tor, das erste Orange des Morgens war bereits hinter den Dächern zu erkennen. Er musste doch einige Stunden geschlafen haben. Mehr als sonst. Rebecca würde stolz auf ihn sein. Er würde sie mittags anrufen, stellte den Wecker auf 12:30 Uhr ein. Zu gegebener Zeit würde er ihn wie immer ignorieren. Unruhiger Schlaf hinter dem Steuer war nicht das, was Rebecca ihm ans Herz gelegt hatte. War es denn ihr Schlaf? Seinen eigenen erlaubte Johannes sich so darzustellen, wie es ihm beliebte, und das sollte ihm auch keiner nehmen. Vor allem jetzt, da er alleine war. Dass seine Frau ihn verlassen hatte, nichts mehr von ihm wissen wollte, war ihm egal. Auch die Enttäuschung der Eltern spielte keine Rolle. Sie würden weiterleben, die Frau genauso wie die Alten im Heim. Nichts davon wies in die Zukunft. Eine Konsequenz, die bereits gezogen war, bereitete ihm keine Sorgen mehr.
Er war nun seit einer Woche 45 Jahre alt und viel zu müde, um noch ein Anderer zu sein. Johannes war Sprengmeister und damit zufrieden, stolz sogar. Er erfüllte sein Werk mit eiserner Gewissenhaftigkeit. So war er an jenem wie an jedem anderen Tag der Erste, der das Abbruchobjekt betrat. Der erste Schritt über die Rampe hinab zum vorgeschobenen Gitter der Tiefgarage, der erste Blick in die unterirdische Finsternis und das ergebnislose Betätigen des Lichtschalters, um zu prüfen, ob man den Strom auch wirklich abgestellt hatte, all das war ihm vorbehalten. Nachdem er selbst allein die erste Runde zwischen den Stützpfeilern über die leeren Parkflächen gedreht hatte, erlaubte er den Arbeitern, ihm zu folgen, und wies sie an, wo und womit sie ihr Werk zu beginnen hatten. Sobald das Stimmengewirr und der Lärm der Baugeräte die Nachtruhe durchbrach wie ein städtischer Hahnenschrei, lehnte er sich an eine der tragenden Säulen, seine flache Hand wie zum Trost am Steißbein gegen den Stein gedrückt. In diese Säule würde man in Kürze die ersten Löcher bohren.
Inzwischen hatte man außerhalb des Geländes einige umfunktionierte Baucontainer in zwei schmalen Reihen aufgestellt, rechts davon sechs mobile Toilettenkabinen, ein paar Bierbänke und Tische auf der linken Seite. Heimelig. Johannes fand seinen Container, den Schreibtisch, den niedrigen Aktenschrank, die vier klapprigen Stühle so vor, wie er sie am Ende der letzten Sprengung zurückgelassen hatte, ganz so als habe sich sein kleines Reich nicht von der Stelle gerührt. Auch die Pläne des Turms lagen fein säuberlich ausgebreitet auf der Tischplatte, an allen Ecken beschwert, doch sie zu studieren hatte er keine Lust. Der Papierkram war ihm ein Gräuel, erst gestern Nachmittag war er genötigt worden, die abgesegnete Vorgehensweise, den Zeitplan und die Sicherheitsvorkehrungen ein weiteres Mal anzusehen, zu bestätigen, der Geschäftsleitung den Abschluss der Vorbereitungen mit tausendfacher Versicherung, man werde den Sprengtermin strengstens einhalten, zu verkünden, der Chefetage, die nur noch aus Herbert bestand. Ein Gebäude dieser Größenordnung vom Stadtplan zu entfernen, versetzte wohl auch die Finanzabteilung bei dem Gedanken an berstenden Stahlbeton in freudige Erwartung von Staub und Lärm. Die Druckwelle würde die Zahlen noch vor Jahreswechsel ins Schwarze katapultieren.
Dabei war der Auftrag so unerwartet wie der frühe Frost in diesem Herbst durch die aufgerissenen Türen des bereits verlassenen Büros hereingebrochen. Er selbst war noch zwischen den Bürowürfeln seiner Kollegen auf der Suche nach einem im Arbeitsprozess verschollenen Dokument umhergeirrt, als er den Jubel des Juniorchefs durch die papieren mitschwingenden Rigipswände aus dessen Büro vernahm.
»Johannes, du wirst mir diese blöde Ruine schon sprengen. Du machst das, und dann können wir uns mal eine Weile zurücklehnen. Betriebsurlaub, irgendwohin.« Kaum hatte Johannes sich ihm gegenübergesetzt, drückte Herbert Loos ihm ein Glas Whiskey in die Hand. Sie stießen an – einen solchen Fisch habe er an Land gezogen! Herbert triumphierte über den Papieren auf seinem Tisch. Er stützte sich auf der Schreibtischkante ab und schwenkte die bereits halb geleerte Flasche vor Johannes Gesicht hin und her. »Johannes, weißt du, wie lange es her ist, dass wir von der Stadt selbst etwas bekommen haben? Von der Stadt! Das ist großartig! Weißt du, wie hoch der Turm ist? Da brauchen wir ja … ja hunderte Leute. Mindestens hundert. Ich muss gleich den alten Herrn anrufen. Und du bleibst noch hier, oder? Du musst da bleiben! Wir trinken das Ding heute noch aus.« Die Flasche entleerte sich in bodenlose Gläser. Johannes verließ das Büro erst in den frühen Morgenstunden. Herbert Loos schlief in seinem Stuhl. Im Traum brachte er das Unternehmen an die Börse. In Wahrheit sabberte er auf sein zerknittertes Hemd, der Speichel vermengte sich mit den Schweißflecken unter seinen Achseln und er erwachte nicht, um den Anruf seiner Mutter entgegenzunehmen, die ihm mitgeteilt hätte, dass der Senior soeben einem Herzschlag erlegen sei.
Johannes hatte sich krank gemeldet. Er hatte auf der Heimfahrt einen Hydranten und eine Hauswand touchiert und sich über den Teppichboden im Wohnzimmer übergeben. Durch das offenstehende Balkonfenster begutachtete er den Schaden an der Stoßstange seines Wagens und den Winkel, in dem er aus dem Parkplatz auf die Straße hinausragte. Ein Strafzettel flatterte unter dem Scheibenwischer im feuchten Wind. Herbert Loos hinterließ seinem favorisierten Sprengmeister an jenem Tag acht Sprachnachrichten. Johannes solle sich zusammenreißen. Noch heute, jetzt, am besten schon vergangene Nacht müssten die Vorbereitungsarbeiten beginnen, die Sprengsätze seien schon scharf.
Besuch hatte sich angekündigt. Ein Vertreter der Stadt hatte Herberts Sekretär angerufen, sich mit dem Chef höchstpersönlich verbinden lassen, war nach wenigen Minuten zu Johannes weitergeleitet worden, um ihm mitzuteilen, ein Beamter wolle die Sprengvorbereitungen begutachten und werde um die Mittagsstunde des ersten Tages, vielleicht auch erst nachmittags, an der Baustelle eintreffen. Er setzte eine Erinnerung im Kalender, vergaß darüber, dass er Rebecca anrufen wollte. Ungehört verhallte der Alarm, das Telefon lag auf dem Schreibtisch von Johannes’ Container, vibrierte über die Tischplatte und kam im Papierkorb zum Liegen. Am Abend würde es mit den Verpackungsresten des Mittagessens entsorgt werden. Während ihn sein Handy verließ, erwartete Johannes den staatlichen Besuch an der Einfahrt zum Gelände. Eine frisch polierte pechschwarze Limousine hielt neben seinem angeschlagenen Pick-up.
»Mag. Nim – Roderik. Fragen Sie nicht, wie meine Eltern darauf kamen.« Der Ausgestiegene ergriff Johannes zögerlich hingestreckte Hand und drückte sie fest. Er zog sie ein Stück zu sich und sich einen Schritt weiter auf Johannes zu.
»Achtung! Baustelle. Finden Sie das nicht ein wenig zynisch?« Er kicherte verhalten. »Sollten Sie das Schild nicht lieber umgekehrt aufstellen? Das wäre doch eine Idee! Poetisch.« Eine Weile standen die beiden schweigend einander schräg gegenüber vor dem Schild. »Sie müssen Herr Eichinger sein.« Johannes besann sich. »Ja, natürlich, Sie wollen sich unserer Arbeit ansehen? Noch gibt es nicht viel zu sehen. Wir haben gerade einmal unser kleines Dörfchen aufgebaut und bereiten die Tiefgarage vor. Kommen Sie mit. Wir können einen Rundgang machen. Da links geht es hinunter. Wir nehmen die Rampe.« Johannes bedeutete den Arbeitern, ihm zu folgen, die eben dabei waren, die ersten Baustellenlichter unter die Erde zu bringen. »Oh, danke, aber ich kenne mich schon aus. Ob Sie es glauben oder nicht, ich war schon ein paar Mal hier.«
»Entschuldigen Sie, ich hätte mir natürlich denken können, dass die Stadt das Haus schon einmal inspiziert hat. Die Entscheidung, das Objekt abzureißen, kann ja nicht an einem Tag gefällt worden sein.«
»Oh, das wurde sie aber, mein Lieber. Ganz oben wurde das entschieden, soviel ich gehört habe, aber ich komme nicht im amtlichen Sinne von der Stadt. Ich bin natürlich der angekündigte Besuch, nur … Keine Sorge, Sie führen hier keinen verrückten Fremden umher.« Sie hielten vor Johannes Container.
»Mit wem habe ich das Vergnügen, wenn Sie nicht von der Stadt sind?«
»Mir hat dieses Prachtstück einmal gehört!«
»Ich nehme an, Sie haben Ihre Gründe, uns über die Schulter schauen zu wollen.«
»Nein, ich könnte Ihnen nicht sagen, was mich bewegt. Vielleicht ist es eine Art Therapie für mich, Ihnen zuzusehen. Lassen Sie es mich so sagen: Ich habe Jahre meines Lebens damit zugebracht, mein Geld in dieses Loch zu schaufeln. Es wird mir beim Einschlafen helfen, wenn das Ding endlich nicht mehr vor meinem Fenster emporragt wie ein riesig großer Mittelfinger. Ich habe die Idee dieses Baues für faszinierend gehalten, aber irgendwann muss sich ein solches Wolkenschloss an der Realität messen. Nun ja. Das alles hier hat anderen wohl mehr bedeutet als mir selbst. Erlauben Sie mir, noch eine Runde um das Haus zu machen. Begleiten Sie mich.«
Der Sprengmeister und Mag. Nim umschritten das Areal gemessen und ohne jede Hast. Nim wies auf die Fensterreihen, deren Glas so schwer zu beschaffen gewesen sei. Eine neuartige Sorte Panzerglas, das in Kriegsgebieten gegen Kugel- wie Granatbeschuss schützen sollte, im Rest der Welt gegen Lärm und verirrte Vögel. Die Qualität der Scheiben habe mit jeder Budgetbesprechung seine Taschen tiefer ausgebeult. Genauso wenig wie an den Scheiben habe man an allem anderen gespart, aber das wisse der Herr Sprengmeister ja bestimmt. Er habe ja die Pläne studiert und sich informiert. Johannes fühlte sich überrumpelt und ein wenig betrogen. Sein Gefühl richtete sich gegen niemand Bestimmtes, vielleicht gegen den Himmel, gegen sein Schicksal; einem Mann gegenüberzustehen, dessen ehemaliges Eigentum er im Begriff war abzureißen. Im Grunde hörte Johannes ihm gar nicht zu. Mit einem Ohr, mit einem Auge verfolgte er die ausladenden Gesten Nims und war mit dem Rest seiner selbst anderswo. Zuhause? Nein, da wollte er nicht sein. Schon lange war ihm die Wohnung zum Gewohnheitsgefängnis geworden. Sein Heimweg, das war die Zwischenzeit, jene fünfzehn Minuten zwischen Arbeitsschluss und dem Aufsperren der Wohnungstür im dunklen Flur, die ihn in gerechter Unentschiedenheit beließen.
»Diese Wand«, sagte Nim und vollführte eine Kreisbewegung mit weit von sich gestreckten Armen. »Diese Wand, die Nordwand, ist, wie Sie sehen, gänzlich ohne Fenster. Wer baut so etwas? Es fasziniert mich, aber verstehen kann ich es nicht.«
»Vielleicht gibt es keinen Grund. Womöglich hat man einfach auf sie vergessen.« Johannes schmunzelte über seinen Scherz, war gleich darauf peinlich berührt, doch Nim schien nicht weiter auf ihn zu achten. Er sprach unbeirrt weiter. »Diese weiße Wand. Sie ist nicht mehr weiß, klar, sie war nie so weiß, wie sie es hätte werden sollen. Der Putz ist weiß, aber schmutzig, stellenweise grau. Sie hätten das Weiß sehen sollen, das wir zur Grundierung über dem Putz ausgesucht hatten. So strahlend. So eine Farbe lässt sich natürlich nicht instand halten, also hätte sie übermalt werden sollen.«
»Welche Farbe?«
»Alle Farben. Zumindest viele. Wir hatten einen Künstler engagiert. Wie hieß sie noch gleich? Den Namen könnten Sie sogar kennen. Ganz berühmt, kann ich Ihnen sagen, aber diese Dinge sind nicht meine Welt. Eine Entdeckung, sagt man. Ich hatte ihr die Hälfte für das Wandgemälde als Vorschuss bezahlt, damit sie sich nach den Vorstellungen des Architekten etwas einfallen ließe. Ausfallshonorar! Wir hatten dann ja keine Verwendung mehr dafür. Das kleine Bild für meine große weiße Wand ist mittlerweile wohl in irgendeinem Lager gelandet oder auf einer Müllhalde.«
»Schade, aber besser, dass wir jetzt kein Kunstwerk mit abreißen müssen.«
»Sie haben recht. Ein Kunstwerk pro Sprengung reicht ganz und gar.«
Sie hatten ihre Runde beendet und standen vor der Rampe zur Tiefgarage. Er glaube, er habe genug gesehen für heute. Morgen, wenn es recht sei, morgen komme er noch einmal vorbei und besehe sich das Erdgeschoss, vielleicht werfe er auch einen Blick in die Garage. Nim verschwand mit einem Winken aus Johannes Sichtfeld.
Wie war sein Lächeln zu deuten? War es Wehmut oder Vorfreude? Es mochte keines von beiden sein.
Johannes blieb eine Weile mitten auf der Rampe stehen, wand den Kopf der unterirdischen Düsternis, dann dem grauen Himmel zu und beschloss, endlich seine Leute unbehelligt ihre Arbeit verrichten zu lassen. In seinem Container bereitete er sich eine Tasse Kaffee, suchte nach dem Telefon, fand es nicht. Bis zum Abend blieb er untätig an seinem Schreibtisch sitzen, berichtete nicht von den Fortschritten des Tages und ließ sich von Herbert auch nicht noch einmal zur höchsten Eile einschwören. Der Verlust des Telefons war Glückseligkeit.
Bevor die Nacht einfiel, verließ er die Containerstadt. Es zog ihn zur Nordwand, auf die er wie zuvor auf die tragende Säule im Untergeschoss seine flache Hand presste. Dieses schartige, zeitgemusterte Weiß der Mauer, durch die der Sprengstoff in einigen Tagen schlagen sollte. Es war ihm, als befände sich dahinter nicht bloß das Innere eines verlassenen Hauses. Die Undurchsichtigkeit und Unform verweigerten ihm, so nahe an der ehemals sauber verputzen Fassade, die Hand an der Mauer, den Blick auf Anfang und Ende des Hauses, und sie waren es auch, die ihn nun beinahe in Angst und Schrecken versetzten. Er wandte sich ab, musste dringend mit Rebecca sprechen.
Im flachen Flutlicht versperrte Johannes, nachdem der letzte Arbeiter das Gelände verlassen hatte, das Tor mit einem schweren Vorhängeschloss. Als er den Schlüssel in der Zündung seines Wagens drehte, die Gedanken schweifen ließ, sich der Ruhe hingab, als das Radio zu sprechen begann und ihm freie Straßen bis nachhause in Aussicht stellte, stotterte sein Fahrzeug, der Motor protestierte und erstarb schließlich mit den Stimmen, der aufwogenden Musik. Johannes tastete nach seiner Taschenlampe und besann sich, sie im Container zurückgelassen zu haben. Was hätte es ihm gebracht, hätte er sie bei sich gehabt? Ihren Schein unter die Motorhaube zu richten, die Schläuche, die Tanks, die Kolben und Riemen zu erleuchten, hätte nichts an seiner Unkenntnis geändert und seiner Ohnmacht gegenüber der Maschinerie. Bevor er sich auf den Weg machte, zu Fuß, fröstelnd, erwog er, den Notdienst zu kontaktieren, suchte in seinen Taschen nach dem Telefon, doch es war ebenso unerreichbar fort wie die Taschenlampe.
Ein scharfer Wind war aufgekommen, zog von Osten über die Stadt und durch die Gassen. Die Temperatur war über den Tag hinweg stetig gesunken, und hätte es nun geregnet, wären die Tropfen als Schnee in den Straßen angekommen. Also schlug Johannes den Kragen seiner Jacke hoch, zog die überlangen Ärmel über seine Hände und begann seinen Marsch durch die Lagerhallenallee. Bei genügend Licht hätte er eine Abkürzung über Gässchen zwischen verlassenen Ruinen hindurch gewagt, sich anhand der Landmarke des Turmes im Rücken ausreichend zu orientieren vermocht – so jedoch folgte er lieber der breiten Ausfallstraße.
Die vierspurige Bundesstraße säumten zu beiden Seiten abwechselnd geschlossene Autowerkstätten, Gebrauchtwagenhändler, Supermärkte, geöffnete und lärmende Bars, durch deren schmutzige Fensterscheiben nur die Umrisse vornübergebeugter Trinker und Rauchschwaden zu erkennen waren. Die wenig dezenten schwarzen Fassaden von Bordellen mit rot aufgemalten Silhouetten tanzender Frauen unterbrachen diese Monotonie und stachen dennoch nicht heraus. Sie gehörten zum Bild und waren so gewöhnlich wie die Werkstätten. Johannes hatte diesen Weg oft genug bestritten, um ihre Namen wiederzuerkennen. Je weiter man der Straße von der Stadt fort Richtung Süden folgte, umso zahlreicher mischten sich diese Etablissements, die einander ebenso glichen wie der Rest der Händler, Handwerker und Bars. Je länger man ihnen folgte, umso mehr verloren sie sich ineinander, wurden zu einander, als bewegte man sich auf einem aufgeschnittenen und flach ausgelegten Armband, dessen Muster sich selbst replizierte. Das war genau, was er nicht wollte, wenn er auf dem Weg nachhause war: über seine Umgebung nachdenken. Deshalb genoss er die engen Lichtkegel auf der Straße, richtete seinen Blick auf die Füße und auf nichts als den bereits ausgestreuten Schotter auf dem Trottoir. In endlich abdriftenden Gedanken errichtete sich seine Umgebung aus deren Teilen neu und der Straßenlärm, die Musik und die tanzenden Lichter der Nacht wurden zu etwas Bedeutsamem ohne Form, wie des Morgens die herannahenden Baufahrzeuge. Die wartenden Autos an den Ampeln wurden für den Moment zu Würmern, zu über Land schwimmenden Walen.
Am Ende der Geraden teilte sich die Bundesstraße Richtung innere Stadt in spitzem Winkel in zwei schmalere Sträßchen, deren begrünter Trennstreifen sich zu einem dreieckigen Park verbreiterte, durch den zahlreiche Fußwege kreuz und quer verliefen. Auf Parkbänken lungerten Jugendliche, oft schliefen dort Obdachlose, jedoch nicht mehr um diese Jahreszeit. Johannes folgte keinem der Wege und auch nicht den Trampelpfaden durch den Park. Er hielt inne, wechselte die Straßenseite. Vor der tiefschwarz mit Sichtschutzfolie verklebten Eingangstür streckte er seine Hand aus, sein Finger zögerte, bevor er auf die Klingel des Etablissements drückte. Ein aggressives Summen antwortete seinem Wunsch auf Einlass, die Tür gab nach und er betrat das Bordell mit klingendem Namen: Rachel. Eine Frau dieses Namens hatte dort wohl niemals gearbeitet.
Anders als zu Zeiten seiner Ehe begleiteten Johannes Schuldgefühle über die Schwelle, als er eintrat, gleichzeitig kindliche Aufregung, er spürte seinen Puls, die angenehme Furcht, jemand könnte ihn dabei beobachten, wie er etwas tat, das verboten, verflucht und verdammt war. Doch wer sollte hier über ihn urteilen? Er war unter Gleichen in gleicher Zone am Rand. Alles Unangenehme verflog, als er sich setze, die Beine vom Barhocker baumeln ließ, hinter ihm die Undurchsichtigkeit der Tür, die er ins Schloss fallen hörte. Rebecca beugte sich über die Bar hinweg, zwischen Erdnussschalen hindurch zu ihm, um Küsse links und rechts auf die Wange auszutauschen.
II
Sie war nicht stolz auf ihn gewesen. Rebecca hatte ihm zugehört, ihm Bier eingeschenkt, aber nichts gesagt. Erst als er fertig war, sein gesamter Tag, der Besuch des Baumeisters oder Landbesitzers, das verlorene Telefon, das verhinderte Wandgemälde, erzählt gewesen war und Johannes versonnen auf die Schaumreste am Boden seines Glases blickte, hatte sie Luft geholt und nach einem vorwurfsvollen Seufzer gefragt, ob er denn öfter im Auto schliefe? Ob das jetzt wichtig sei, hatte Johannes sie angeherrscht, warum sie das frage? Sie verschränkte die Arme, schwieg. Johannes hatte den traurigen Überrest seines Getränks zurückgelassen und war, früher als sonst, nachhause gegangen. Er hätte gar nicht hierherkommen, das Rachel unter der Woche gar nicht betreten sollen, es war eine Enttäuschung.
In Schuhen und Mantel saß er für einige Stunden auf der Couch, starrte durch das Flimmern seines Fernsehgeräts hindurch in den unbeleuchteten Essbereich und dachte an nichts. Nur an Rebeccas Blick, an ihr Seufzen. Sie war nicht stolz auf ihn gewesen. Vielleicht hatte sie ihn einfach so, ganz ohne Hintergedanken gefragt, ob er häufig in seinem Wagen schlafe. Was kümmerte es sie, wo er es tat, wenn er es endlich tat. Als ob er ihr mit seiner jähen Flucht Unrecht getan hätte. Johannes beschloss, es sei andersrum gewesen. Für einen Moment war er glücklich allein, bis er sich erinnerte, dass er das Rachel verlassen hatte, ohne vorsichtshalber den Kragen seines Mantels hochzuschlagen und sich erst durch die spaltbreit aufgeschobene Tür umzusehen, wie er es für gewöhnlich tat. Eine neue Panik, die ihn schon nach seinem ersten Besuch dort überfallen hatte, die Panik, erkannt worden zu sein, ersetzte ihm Rebeccas Verrat. Er begann eine große Rekonstruktion, ein müßiges Zusammenfügen von Erinnerungsfetzen und Bildern, ein Anfertigen von Phantomzeichnungen vorüberlaufender Passanten, in deren Gesichtern er nun nichts als Abscheu für sich sah. Retrospektiv hatten ihn alle angesehen und alle hatten ihn erkannt. Er stand auf, um sich Kaffee zuzubereiten, füllte ihn ab und verließ die Wohnung. Der Turm starrte ihn durch die unverhüllten Balkonfenster aus den Unaugen eines schwarzen Obelisken heraus an. In der Nacht, da er keinen Schatten warf, der bis an Johannes’ Haus herankriechen konnte, wurde er selbst zu seinem Schatten und verriet sich. Doch als was er sich verriet, verstand Johannes nicht.
Es war noch nicht fünf Uhr, als Johannes das Gelände erreichte und vergeblich im Dunkeln nach dem Schlüssel für das neue Schloss tastete. Er hatte ihn zuhause gelassen. Er hatte vergessen. Er vergaß, dass er vergessen hatte, und kniete sich hin, die Arme suchend über den Schotter zu seinen Füßen führend. Der Schlüssel lag nicht auf der Ablage, also musste er hier sein, hier im Rollsplitt. Seine Suche sollte den Rest der Nacht füllen, sollte ihm zum Inhalt werden und die Zeit mit sich in den Morgen reißen.
Rebecca hatte Johannes zweimal angerufen, einmal um zwei und einmal um vier Uhr früh. Das erste Mal auf seinem Mobiltelefon, sie hatte vergessen, ob sie ihm damit Unannehmlichkeiten einbrächte, und einmal am Festnetz. Er hatte nicht abgehoben. Sie wollte ihm sagen, dass, was immer sie auch getan habe, es ihr leid tue, sie einfach um ihn besorgt sei. Er sehe müde aus, so müde, und jedes Mal, wenn sie ihn sehe, wenn er, den Kragen hoch ins Gesicht gezogen, das Bordell betrete, versinke er tiefer in seiner Kleidung. Ob er denn noch etwas zu sich nehme? Abgesehen von den Erdnüssen im Bordell. Nach ihrem zweiten Anruf gab sie auf, sie hatte vorher nie mit Johannes telefoniert und hegte den Verdacht, er wolle es nicht. Als sie einander kennengelernt hatten, hatten sie Nummern ausgetauscht, eingespeichert und niemals verwendet. Es gab nichts zu sagen. Auch weil Johannes stets verlässlich freitags und samstags ins Rachel kam, sich auf einen der samtbezogenen Hocker an die Bar setzte, um mit ihr zu sprechen. Sie sprachen über alles, was eine Woche einem Menschen an Gesprächsmaterial liefern konnte, und dann schwiegen sie fünf Tage lang. Als seine Frau ihn verlassen hatte, war er ein Wochenende ferngeblieben, und als er dann wiederkam, redeten sie umso mehr. Rebeccas Dienste beschränkten sich auf vier Nächte in der Woche, doch selbst wenn sie frei hatte, erwartete sie ihn. Dann saßen sie an einem Tisch in der hintersten Ecke oder in einem freien Separee und ließen sich zu trinken bringen. Stets reichlich, um geschwätzig zu werden und in Maßen, um sich zu verstehen.
Sein Besuch an jenem ungewohnten Tag hatte sie noch mehr beunruhigt als sein rascher Aufbruch. Es war beinahe Freitag. In ein paar Stunden würde er wiederkommen. Oder nicht? Der Gewohnheit zum Trotz blieb Rebecca unruhig. Eine gesunde Unruhe, wie sie feststellte.
Die anrückenden Arbeiter, dieses Mal gänzlich ohne Lichterzug, fanden Johannes vornübergebeugt auf dem zurückgelassenen Drehstuhl im Büro des Nachtwächters in der Tiefgarage. Den Bolzenschneider hatte er an den Spind gelehnt, das aufgebrochene Schloss lag auf seinem Schoß. Sie weckten ihn beim Eintreten, erschraken bei seinem Anblick, entspannten sich wieder, als er die Augen öffnete und zu husten begann. Die Asche einer bis an den Filter heruntergebrannten Zigarette hatte sich auf seinem Körper im kaum merklichen Luftzug der aufgeschobenen Tür verteilt und das Loch freigegeben, dass sie in die Brusttasche seines Hemds gebrannte hatte.
Johannes hörte, wie die Arbeiter ihre Arbeitsgeräte über die schmale Treppe ins Erdgeschoss schleppten, hörte sie tuscheln, störte sich aber nicht daran. Einige Minuten später folgte er. Sie wussten ja, was zu tun war. Bis zu Mittag hatten sie das Erdgeschoss fertig zu machen, am Nachmittag den ersten Stock, ein straffer Zeitplan. Dennoch gab es ein Murren, als Johannes sie alleine ließ. Entgegen seinen Ankündigungen hatte Herbert Loos keine neuen Leute eingestellt. Mit dem Tod des Seniors hatte es sogar Entlassungen gegeben. Weder Johannes noch der Rest der Belegschaft nahmen es ihm übel. Die Bücher ließen wenig anderes zu, und Herbert versicherte stets, höchste Transparenz bei derlei Entscheidungen an den Tag zu legen. In einer weiteren Rede vor den anwesenden Mitarbeitern legte er ihnen sämtliche Zahlen offen, zwar nicht im Detail, aber doch klar genug, um den Ernst der Lage zu verstehen. Der alte Herr – betonte er immer wieder – sei eben ein alter Herr gewesen, ein Urgestein, jedoch nichtsdestoweniger ein Stein, der weder willens noch in der Lage gewesen sei sich zu bewegen. Nun da er selbst, Herbert, sich Überblick verschafft habe, gebe es einen Plan, eine klare Linie, der es zu folgen gelte.
Die Entlassenen verabschiedete Herbert mit einem Händedruck und dem Ausdruck größten Bedauerns. »Dieses Gebäude muss fallen«, sagte er, und zu Johannes: »Du musst das mit den Leuten schaffen, die wir haben. Wir können schließlich auch auf den anderen Baustellen nicht alles stehen und liegen lassen. Wir haben Verträge.« Darauf hatte Johannes nichts erwidert. Ja, natürlich. Er würde seine Arbeit tun, wie er sie immer zur Zufriedenheit erledigt hatte, und keinen Plan vorlegen, den er nicht imstande war umzusetzen.
Daher das Murren der Arbeiter. Er nahm es hin. Sie haderten mit dem Pensum, das ihnen auferlegt war. Sie sollten einfach machen, was zu machen war. Schließlich hatte er alles bis ins Detail vorbereitet, ihnen die Pläne gezeigt, die Bohrstellen an tragenden wie nicht tragenden Elementen markiert. Für den Moment musste das genügen. Zwei Stockwerke pro Tag und wenn möglich noch viel mehr. Dass Herbert ihn an diesem Morgen, während er im Drehstuhl geschlafen hatte, zweimal angerufen hatte, kümmerte ihn wenig. Der Klingelton war von einer Tonne darauf abgeladener Bäckereiabfälle erstickt worden. Weder kümmerte es ihn, ob Herbert ruhig schlafen konnte, noch, ob er ihn für seine Unerreichbarkeit zurechtweisen würde. Das alles, aller Ärger, aller Zorn, würde vergessen und bedeutungslos sein, lag erst dieser Turm in Trümmern. Und auch die Möglichkeit dessen, was der Gigant einmal sein hätte können, welche Kreatur sie vor ihrem Werden zunichte zu machen bereit waren, verlor im Angesicht ihres Verschwindens an Gewicht. Sie war nicht gewesen und würde nicht mehr werden – egal ob der Rohbau stand oder stürzte.
Noch während seiner erfolglosen Schlüsselsuche waren dem Sprengmeister die blinkend zum Leben erwachenden und sogleich wieder periodisch ersterbenden Neonschriftzüge eines Hotels gegenüber der Zufahrt ins Auge gefallen. Die Lettern hatten in jedem Augenblick, da sie ihr erbärmliches Licht über die Straße in den Schotter warfen, grausame Hoffnung geschenkt, er könnte doch noch entdecken, wonach er suchte. Das flache Kieselschatten werfende, zwischen Rot, Blau und Grün changierende Farbenspiel hätte allerdings kaum zur Wiederauffindung beigetragen. Die Farben verfremdeten mehr, als sie offenbarten. Jedoch hatten sie gerade dadurch eine Idee geweckt – einen Fluchtplan.
Als er an seinem Pick-up vorüberkam, stieg Johannes noch einmal auf den Fahrersitz, drehte den Schlüssel. Ein erbärmliches Röcheln, ein ermattendes Seufzen. Beide sanken vorn über. Das Auto und der Fahrer. Er umkreiste die nutzlose Karosserie und ihren toten Geist. Eine Schlaufe seines Mantels verfing sich an einem klingenförmig abgebrochen abstehenden Stück der Rückspiegelfassung, dem Zeugnis einer verschwommenen Heimfahrt. Tiefe Frustration, eine natürliche Erweiterung des Seufzens der Maschine, wanderte vom Hals her durch die Brust, in den Arm und Johannes’ Faust fuhr von oben nach unten auf den Spiegel nieder, der ihr, angeschlagen wie er war, keinen Widerstand mehr bot, abgerissen wurde und in ein Scherbenbild zerbrach. Ein loses Kabel verband die Splitter noch mit dem Gefährt.
Johannes querte die Straße, die Handkante pochte, aber er sah sich nicht nach seinem Auto um, dessen Eigentümerschaft er verwarf und verfluchte. Die Rückkehr zur Idee des frühen Morgens, der Entscheidungsschluss waren genug, solange er nur nicht zögerte.
