Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Die Blaue Zitrone Gibt es eine blaue Zitrone? Ja! In diesem Roman, der in und um Augsburg spielt. Utes Leben plätschert friedlich dahin mit moderaten Ausschlägen nach oben und unten. Dann flattert die Einladung zu einem Klassentreffen in den Briefkasten. Soll sie nach Jahrzehnten überhaupt teilnehmen? Welche der damaligen Schülerinnen interessiert das heute noch? Neugier und Erwartungen besiegen ihre Zweifel. Nach dem Treffen vertiefen sich alte Freundschaften. Ute erlebt massive Veränderungen im Leben, besonders den Unfall ihres Mannes. Ein Wohnungswechsel steht an, später eine Reise nach Italien. Fremde Menschen treten in ihr Umfeld, und dann erscheint auch noch ein Kripobeamter und ermittelt wegen einer Anzeige. Begleiten Sie Ute durch ihre Erinnerungen an die Jugend und die Ereignisse im Herbst ihres Lebens. Der erste Roman der Autorin nach der Kurzgeschichtensammlung Ein falsches Vogelkind und Beiträgen in Anthologien.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 339
Veröffentlichungsjahr: 2024
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Vorwort
Der Brief
Nördlingen
Schulzeit und Jugend
Klassentreffen
Ein interessantes Angebot
Die Entscheidung
Planung
Vroni
Maximilian
Renovierungen
Umzugsvorbereitungen
Neues Heim
Vorbereitung Treffen
Klassentreffen in der Villa
Nachlese
Neues Arbeitsgerät
Der Koffer
Der Anruf
Urlaubsplanung
Besuch im Seniorenheim
Befragung
Entwarnung
Post aus Holland
Urlaub
Wieder daheim
Vorbereitung der Ausstellung
Waldemar und Anton
Kennenlernen
Neuigkeiten aus Köln
Abgehauen
Hausbesichtigung
Das Event
Advent und Weihnachten
Meine letzten Wochen
Reisebericht vom Italienurlaub
„Wer ist wer?“ der Protagonisten
Danksagung
Uli Karg
Dieser Roman ist in meinem Kopf entstanden. Ich wusste zunächst nicht, wie er enden würde. Also schrieb ich 2015 die Geschichte auf, die aus mir heraussprudelte und verwahrte sie im Datenspeicher.
Jahre später drängte sie wieder ans Tageslicht. Ich versuchte zu korrigieren, zu kürzen, umzuschreiben. Immer wieder kamen Lebenssituationen auf mich zu, die wichtiger waren, als an meiner Geschichte zu arbeiten.
Im Sommer 2023 wollte ich endlich fertig werden. Im Wesentlichen sollte die Geschichte so bleiben. Trotzdem hat sich inzwischen einiges geändert.
Die Handlung ist ohne KI entstanden und frei erfunden. Genauso hätte es sich zutragen können, oder auch nicht. Wer weiß?
Donnerstag, kurz nach zwanzig Uhr. Endlich Feierabend! Ute Müller verließ ihr Büro bei einem Innenarchitekten und stöckelte über den Parkplatz. Sie öffnete den Wagen, einen Opel Astra Kombi in Opa-Silber-Metallic, wie sie die Lackierung sarkastisch nannte. Weder diese Marke noch diese Farbe hatte sie jemals gewollt. Die beiden hatten sich dann doch aneinander gewöhnt wie ein altes Ehepaar.
Ute legte ihre Tasche auf den Beifahrersitz, betätigte den elektrischen Fensterheber, um Frischluft in den Wagen zu bekommen und stellte das Radiogerät an. Nachrichten und Wetterbericht waren bereits vorbei, keine Staumeldung auf der A 8 in ihrer Richtung verhieß eine zügige Heimfahrt. Je nach Verkehrsaufkommen sollte sie in fünfundzwanzig Minuten daheim sein.
Ihr Mann erwartete sie schon mit einem innigen Begrüßungskuss und fragte: „Na, wie war es heute im Büro?“
„Ganz gut. Die Neukunden kamen auf Empfehlung und hatten realistische Vorstellungen von der Einrichtung. Ich denke, wir können gemeinsam eine gute Lösung erarbeiten. Zum Kochen bin ich heute nicht mehr aufgelegt. Reicht dir eine Kleinigkeit als Abendessen? Es ist bald neun Uhr!“, erklärte sie Johann.
„Ja, schon recht. Anschließend trinken wir ein Glas Wein. Ach ja, deine Post liegt auf dem Küchentisch! Ein Brief mit einer besonders schönen Sondermarke ist dabei, von einer Ilse, handgeschrieben mit Tinte.“
„Ich schau die Post später an. Lass mich erst etwas Bequemes anziehen. Bin gleich wieder da.“
Ute entledigte sich der unbequemen Pumps und des Business-Outfits, bestehend aus Leinenhose, Seidentop und Blazer. Ein älteres etwas ausgeleiertes Shirt, die Freizeithose und die Gesundheitspantoffel mit Fußbett, die sie seit letztem Herbst schätzte, waren doch viel bequemer. Der Orthopäde hatte Senk- und Spreizfuß festgestellt, nachdem sie sich mit heftigen Rückenschmerzen eine Woche lang gequält und die Treppe von ihrem Büro zum Erdgeschoss fast nicht mehr geschafft hatte. Auf Rezept ließ sie sich dann zwei Paar lose Einlagen fertigen und kaufte passende Schuhe dazu. Die meisten, die sie zuhause hatte, waren dafür nicht geeignet. Wenn man bedenkt, was gute modische Schuhe kosten und diese bequemen Treter? Wenn es der Gesundheit dient, ade Mode!
Nach gründlichem Händewaschen ging sie in die Küche und goss sich erst mal ein Glas Wasser ein. Der letzte Kundenkontakt war angenehm, aber nach drei Stunden dann doch anstrengend gewesen. Sie leerte das Glas in einem Zug und blätterte die Post durch. Es handelte sich um Bankauszüge, Telefonrechnung, das Gemeindemitteilungsblatt und einen Sammelaufruf für Altkleidung, Schuhe und Spielzeug. Den Brief von Ilse hatte Johann oben draufgelegt. Die Handschrift kam ihr nicht mehr bekannt vor, jedoch der Name und die Adresse. Ja, das war eine Mitschülerin aus dem Gymnasium. Neugierig schnitt sie den Umschlag mit dem alten Brieföffner ihres Vaters vorsichtig auf, das Werbegeschenk eines Lieferanten. Die Schneide aus Messing passte perfekt zum verzierten, brünierten Griff, der die Gravur eines Radio- und Fernsehherstellers trug. Sie nahm den sorgfältig gefalteten Büttenbriefpapierbogen heraus. Es handelte sich um die Einladung zum Klassentreffen des Neusprachlichen Gymnasiums der „Englischen Fräulein“. Ilse hatte sogar ein Foto aller Mädchen aus der Zehnten mit der Klassenleiterin beigelegt. Sie setzte sich an den Tisch und betrachtete das Bild.
„Meine Güte, ist das lange her!“, überlegte Ute halblaut.
Es wurde 1968, ihrem letzten Schuljahr, von einem Profifotografen aufgenommen. In Gedanken ging sie die Reihen durch, erinnerte sich zwar noch an die Mädels, aber nicht mehr an alle Namen.
„Wie ist das jetzt mit der Brotzeit?“, riss Johann sie aus ihrer Erinnerung. „Ist der Brief so wichtig?“
„Entschuldige bitte, ich mach’ gleich den Salat an und erzähle dir alles.“
Ute legte das Schriftstück beiseite und kümmerte sich um das Abendbrot. Als der Tisch eingedeckt, Salat, Schinken und Käse angerichtet waren, holte sie das frisch aufgeschnittene Brot aus der Küche und rief Johann.
„Hm, sieht ja fein aus! Ist das der rohe Schinken aus Südtirol?“
„Ja, hauchdünn aufgeschnitten, damit man darunter Zeitung lesen kann. Nur so schmeckt er ausgezeichnet.“
„Wer ist diese Ilse und was schreibt sie denn so Wichtiges?“
„Ilse saß in der Schule zwei Jahre lang neben mir. Damals waren wir befreundet und nach ihrer Heirat haben wir uns, wie so manch andere, aus den Augen verloren. Es dürfte jetzt etwa fünfunddreißig Jahre her sein, dass wir uns das letzte Mal gesehen hatten. Sie berichtet, dass es ihr über diverse Umwege gelungen wäre, einige Adressen ausfindig zu machen. Sie würde sich freuen, wenn ich zum Klassentreffen kommen würde.“
„Willst du hingehen? Da sitzen die aufgedonnerten, aufgehübschten Hühner und gackern um die Wette! Es wird doch nur verglichen! Bei uns Männern lief das letztes Mal so ab wie in diesem Werbespot: mein Haus, mein Wagen, mein Boot, meine Harley, meine Familie! Bei Frauen wird das nicht viel anders sein. Vielleicht: mein Psychiater, mein Schönheitschirurg? Es geht darum, wer was wann womit geschafft hat. Willst du dir das wirklich antun? Wir haben keine Kinder, kein Haus, keine Haustiere, …“
„Hab’ ich gesagt, dass ich hingehe?“, unterbricht ihn Ute leicht aufgebracht. „Außerdem ist noch Zeit, sich das zu überlegen. Das Treffen findet erst in drei Wochen statt. Ilse will wegen der Platzreservierung im Bistro bis in ein paar Tagen Bescheid haben.“
„Hast du denn nicht gemerkt, dass ich das ironisch mit einem Augenzwinkern gesagt habe? Du kannst doch teilnehmen, wenn du möchtest. So, jetzt bitte wieder lächeln und lass uns essen. Guten Appetit!“
„Sorry, ich habe überreagiert. Lass es dir schmecken.“
*
Für diesen Abend war das Thema durch, so dachte Ute. Doch schon beim Abräumen des Tisches, kurzem Saubermachen der Küche und Polieren der Weingläser schlich sich wieder das Klassenfoto der Zehnten in ihre Gedanken. Geübt schnitt sie mit dem Kellnermesser die Kapsel der Weinflasche ab, entkorkte den kühlen Chardonnay und ging mit den gefüllten Gläsern ins Wohnzimmer. Johann hatte bereits eine Kerze am Couchtisch angezündet und nur den Deckenfluter eingeschaltet. Das indirekte Licht und der Schein der Flamme tauchten das Zimmer, das mit Kirschbaummöbeln eingerichtet war, in eine romantische Stimmung.
„Also dann, cin cin!“, prostete sie Johann zu.
„Salute!“, entgegnete er und nahm einen Schluck. „Hervorragend und genau richtig temperiert. Von der Sorte sollten wir uns ein paar Flaschen kaufen. Was hast du eigentlich morgen vor?“
„Nichts Besonderes. Wenn das Wetter wieder so gut ist, werde ich in der Früh die Betten frisch beziehen und gleich eine Maschine voll waschen. Bis zum Abend ist alles trocken. So einen warmen Juli hatten wir lange nicht, oder?“
„Stimmt, aber das ist Jahre her. Nach den verregneten, kalten Junitagen sollten wir das trockene Wetter nützen. Die Wäsche läuft nicht davon. Ich würde gern mal wieder nach Nördlingen fahren. Was hältst du davon?“
„Ja, warum nicht? Dort waren wir lang nicht mehr. Wir könnten auf der Stadtmauer den Ort umrunden. Anschließend genehmigen wir uns beim Italiener einen Eiskaffee!“
„Gut, das machen wir.“
„Ich freue mich drauf!“
Sie schauten noch die TV-Nachrichten an und lüfteten großzügig, da sie eine Dachmansarde im zweiten Stock bewohnten, die vom Vermieter nicht sonderlich gut isoliert war und sich die Hitze des Tages staute.
Ute erinnerte sich dabei, wie sie die Wohnung damals besichtigten:
Das Schönste daran war der große Balkon, von zwei Gauben überdacht und von Wohnzimmer und Schlafraum aus zu betreten, der Hauptauslöser, diese Wohnung zu nehmen. Ursprünglich hatten sie sich für die darunterliegenden Räume interessiert. Die Wohnfläche wäre ausgereichend gewesen. Ute hatte bei der Besichtigung schon die Küche vermessen, als der Vermieter ihnen anbot, auch die Dachwohnung anzusehen, die auch gerade leer stand. Im ersten Obergeschoss gab es drei Wohneinheiten, in der Dachetage nur zwei.
Nach dieser Entscheidung betrachteten sie die Altbauwohnung in der Stadt mit anderen Augen, obwohl sie in jahrelanger Eigenarbeit alles renoviert hatten. Nun freuten sie sich auf das bevorstehende Landleben.
*
Johann arbeitete als freiberuflicher Verkaufstrainer für einen Unternehmensberater und war zu dieser Zeit in ganz Deutschland unterwegs. Daher konnte er sich nicht groß um den Umzug kümmern. Da Ute den Schlüssel bereits zwei Wochen vor Einzug bekommen hatte, fing sie an, die unzähligen Bücher und Schallplatten in Kartons zu verstauen. Auch Küchenutensilien wurden verpackt, die in den nächsten Wochen bestimmt nicht gebraucht werden würden, wie Flotte Lotte, Fonduegeschirr, Rumtopf, Blumenvasen, die sie von entfernten Tanten zur Hochzeit bekommen hatten, Weihnachtsausstecher, Osterlammform, Bierkrüge und Weißbiergläser. In jeder freien Minute fuhr Ute einen Kombi voll Kisten und Kartons zur neuen Wohnung und schleppte sie in den zweiten Stock. In der Tiefgarage bekamen sie einen Doppelstellplatz mit verschließbaren Toren. Daher konnten dort die sperrigen oder zu schweren Dinge abgestellt werden.
So, wie sich Johanns berufliche Situation darstellte, war er auch zur Zeit des Wohnungswechsels zu Seminaren unterwegs. Ute überließ den Haupttransport der Habseligkeiten zwei Profis, die mit einer Fuhre den größten Teil der Möbel abbauten und wieder aufstellten.
Sie kaufte in einem kleinen Möbelhaus ab Ausstellung eine Schlafzimmereinrichtung und ließ diese anliefern. Bisher bestanden die Möbel in der alten Wohnung aus umgearbeiteten Jugendzimmern oder selbst entworfenen und gezimmerten Stücken. Jetzt freute sie sich auf einen Kleiderschrank aus Ahorn mit Schiebetüren. Auch eine richtige Einbauküche wollte sie jetzt haben! Die niedrige Brüstungshöhe der Fenster im Altbau ließ nur eine Arbeitshöhe von achtzig Zentimetern zu. Wegen des Denkmalschutzes, unter dem das etwa vierhundert Jahre alte Haus stand, durften die Fenster nicht verändert werden. Es war damals unglaublich schwierig, einen Schreiner zu finden, der Holzfenster mit Sprossen anfertigen konnte und wollte, davon jedes der zwölf Exemplare in einem Sondermaß.
Jetzt sollte Ute eine ergonomisch richtige Arbeitshöhe bekommen, nicht zuletzt wegen ihres angeschlagenen 5. Lendenwirbels. Für sich selbst eine Einbauküche zu planen ist etwas anderes als für einen Kunden, stellte sie fest. Da der Raum Richtung Nord-Nordwest nur ein Gaubenfenster hatte und nicht sehr hell war, wählte Ute eine glatte Front aus lichtgrauem Schichtstoff mit Multiplex-Holzkanten aus. Als Akzentfarbe sollte Kernbuche dem Raum etwas Wohnlichkeit geben zu den Edelstahlfronten der Geräte. Auf Zuraten ihres damaligen Chefs bestellte sie nach kurzer Überlegung wegen des Budgets die Arbeitsplatte aus Naturstein in Azul Platino. Alle anderen Möbel konnten sie mit geringen Umbauten verwenden.
Endlich befand sich alles an Ort und Stelle, die Stadtwohnung war geputzt, besenrein übergeben und der Schlussstrich gezogen. Ute suchte passende Postkarten aus, um ihren ehemaligen Schulkameradinnen, mit denen sie noch in Kontakt stand, die neue Adresse mitzuteilen. Post ging an Ilse nach Augsburg und an Ursula nach Oldenburg.
*
Ute wusste noch genau, wie ungewohnt es am Anfang auf dem Land war, gegen vier Uhr von Vogelgezwitscher geweckt zu werden. In der Stadt gab es vorwiegend Tauben, deren Krallen Scharrgeräusche in der Blechdachrinne verursachten. Ein Stadtmensch ohne Balkon, Terrasse oder Grün um sich herum kann sich kaum vorstellen, wie wundervoll es ist, das erste Mal Wäsche im Freien trocknen zu lassen und dann zu bügeln – dieser Duft.
So hatten sich beide schnell an die angenehmen Dinge des Lebens nördlich von Augsburg gewöhnt und hatten keinerlei Heimweh und Sehnsucht nach der Stadt. Die Leute waren freundlich und zuvorkommend, hier gab es fast nur „Eingeborene“.
In der Altstadt hatten sie unter vielen Nationalitäten gelebt und waren einige der wenigen Deutschen. Rundum waren Lokale, Bistros und Cafés an ausländische Pächter gegangen. Meist war die ganze Großfamilie in die Arbeit mit eingebunden. Südländer sprechen nicht gerade leise, und bis die Lokale geschlossen wurden, dauerte es oft bis zwei Uhr nachts. Während des Sommers waren die Stühle und Tische im Freien und wurden nachts mit Ketten und Vorhängeschlössern gesichert. Das Rasseln hallte laut nach oben in den engen Gassen. Die letzten Gäste, oft Jugendliche, die sich mit ihresgleichen trafen und aus der Oberstadt kamen, hatten laut gekichert und telefoniert. Es war des Öfteren drei Uhr morgens geworden, bis die letzte Vespa die Altstadt unter Geknatter und den typischen Zweitaktgeräuschen und -gerüchen verlassen hatte.
Sicher ist es auf dem Land auch nicht immer ruhig. Manchmal ruft nachts das Käuzchen vom Wald gegenüber, oft ist auch Fauchen bei Katzenkämpfen zu hören. Mal schreit tagsüber ein Kind, wenn es vom Dreirad gefallen ist. Das sind jedoch andere, natürlichere Geräusche. Ute bildete sich ein, auch die Luft sei besser. Letztlich fühlten sich beide hier richtig wohl!
Nach zwei Monaten teilten sie ihrem Vermieter mit, dass sie die Wohnung kaufen möchten. Das gab allerdings von seiner Seite aus Schwierigkeiten, denn seine Bank stimmte dem Verkauf einer einzelnen Wohnung in der Anlage nicht zu. Ute und Johann blieben also als Mieter, denn es gefiel ihnen dort. Außerdem waren Küche und Schlafzimmer neu angeschafft worden. Im Laufe der Jahre, die sie hier wohnten, hatte es doch einige Veränderungen im Haus gegeben. Dennoch, sie wollten das Landleben aber nicht mehr missen und gegen die Stadt eintauschen.
Ute hatte die Arbeitsstelle vor zweieinhalb Jahren gewechselt. Vor kurzem war sie auf eigenen Wunsch in Altersteilzeit gegangen. Die Jahre waren nicht spurlos an ihr vorübergegangen. Sie war nicht mehr so belastbar und ertappte sich gelegentlich, dass ihr trotz angestrengtem Nachdenken manches nicht mehr einfiel, was doch immer auf der Festplatte gespeichert war und abrufbereit sein sollte. Johann bekam in letzter Zeit weniger Aufträge. Die Firmen sparten in der Wirtschaftskrise an der Ausbildung der Mitarbeiter und buchten weniger Seminare. So war er öfters daheim. Gemeinsam genossen sie die freie Zeit.
Also – morgen stand Nördlingen an, prima, dachte sie und drehte sich zufrieden auf die Seite.
Ute hatte tief geschlafen und konnte erholt den Ausflug mit Johann genießen.
Der Rieskrater entstand durch den Einschlag eines Asteroiden vor etwa vierzehn Millionen Jahren, so die Erkenntnisse von Wissenschaftlern. Der Rand des Kraters umfängt ein Becken mit einem Durchmesser von fünfundzwanzig Kilometern, darin eingebettet Nördlingen.
Johann stellte den Wagen außerhalb der Stadtmauer ab. Über ausgetretene Holzstufen am Reimlinger Tor begannen sie ihren Rundkurs und begegneten vielen Touristen der Romantischen Straße. Von den um Sechzehnhundert herum erbauten Wehrtürmen und Schießscharten in der Mauer konnte man einen Blick auf das sommerliche Umland werfen. Nach wie vor wird die Gegend von bäuerlichem Umfeld geprägt. Aber auch Handwerk und Industrie sind hier angesiedelt.
Auf ihrem Rundgang warfen sie einen Blick auf das Bauwerk einer 1608 gegründeten Brauerei und die vielen jahrhundertealte Häuser.
Die Gebäude, oft mit Fachwerk, zum Teil saniert, kleine gepflegte Dachterrassen, verlassen scheinende Hinterhöfe, aber auch liebenswerte alte Häuser, denen der Verfall droht, waren von dort einsehbar. Zu kaufen gab es ständig Objekte, wie in den Aushängen der Banken und Immobilienfirmen zu lesen war.
Die spätgotische St. Georg-Kirche mit dem begehbaren Turm, Daniel genannt, ist fast immer auf einer Seite wegen Restaurierungsarbeiten eingerüstet. Am Brunnen und Vorplatz beginnt die Fußgängerzone. Diese erstreckt sich nach Osten, seitlich begrenzt von kleinen Lebensmittelgeschäften, Cafés, alteingesessener Buchhandlung, aber auch Boutiquen mit modernen Klamotten und Schuhen. Einige Italiener hatten sich dort niedergelassen, und manch alte Gastwirtschaft wurde jetzt von Wirten aus Griechenland, Thailand oder der Türkei gepachtet.
Nach ihrem Rundgang auf der Stadtmauer war es für Ute und Johann Tradition, in der Buchhandlung nach Lesestoff und ausgefallenen Glückwunschkarten zu stöbern. Danach kehrten sie in „ihrem“ Eiscafé ein. Das Lokal liegt an einer Einbahnstraße, die man wohl als Altstadtring bezeichnen könnte. Sie suchten sich einen Tisch an der Hauswand mit Blick zur Straße. Die verschnörkelten Metallstühle hatten auch schon bessere Zeiten gesehen und waren mit weißer Farbe überstrichen worden, ohne dass vorher jemand mit dem Schleifpapier drüber gegangen war. Runde Sitzkissen mit floralem Muster in Pastellfarben zeigten ausgefranste Kanten an den Rändern, aber zum Sitzen waren sie bequem. Ute und Johann schauten in die Karte, die neben dem obligatorischen Aschenbecher auf dem Tisch lag, bestellten jedoch dann doch das Übliche: für Ute Espresso und einen Joghurteisbecher mit Früchten, für Johann Cappuccino und ein Tartufo Bianco. Der Kellner, stets in schwarzer Hose, weißem Hemd und Geldbörse hinten in den Bund gesteckt, notierte die Bestellung auf einem schmalen Papierblock, obwohl die Theke nur fünf Schritte entfernt war, mit einem freundlichen „subito“. Den duftenden Cafè servierte er mit einem „Signora“ und „Signore“, um nach zehn Minuten die Eisspezialitäten zu bringen. Beides war exzellent, wie immer.
Wenn dieses Café von November bis März geschlossen war, sind Ute und Johann schon mal zu einem anderen Italiener ausgewichen. Dort tippte der Kellner die Bestellungen mit einem PDA-Stift auf sein Display, die Einrichtung war moderner, sehr kühl, das Porzellan hatte andere Formen und Farben, aber – die Atmosphäre war dort nicht so familiär.
Doch an diesem herrlich sonnigen Tag genossen die beiden ihr Eis und blieben noch ein Weilchen sitzen. Der schwarze Sportwagen eines bayerischen Herstellers kam schon zum sechsten Mal vorbeigefahren.
Aus dem restaurierten Käfer-Cabrio mit offenem Stoffverdeck ertönte Techno-Musik. So mancher Fußgänger holte sich ein Eis in einer Waffel, to go würde man heute sagt. Am Nebentisch hatten sich nacheinander drei ältere Italiener eingefunden, die sich offensichtlich öfters hier trafen, um ein Glas Amaro zu trinken, italienische Zigaretten zu rauchen und zu diskutieren. Aus Wortfetzen zu schließen, die zu Ute herüberdrangen, ging es um Politik und Fußball.
„Il conto, per favore“, winkte Johann dem Kellner zu. Nach einem „Subito, Signore“ kassierte er nach der Addition auf dem Papierblock. Mit einem freundschaftlichen „Ciao“ verabschiedeten sie sich in Richtung Parkplatz. Auf dem Rückweg kauften sie eine Kleinigkeit fürs Abendessen und fuhren über Harburg und Donauwörth nach Hause.
Es war ein schöner Tag.
Ute fiel erst während der Zubereitung des Abendessens wieder Ilses Brief ein. Auf welchem Weg sie wohl an die Adressen gekommen war? Sicher schwierig, da ja die meisten Mädchen geheiratet hatten und einen anderen Familiennamen trugen. Zu der Zeit war es üblich, den Namen des Ehemannes anzunehmen. Doppelnamen oder gar den Mädchennamen zu behalten waren eine absolute Ausnahme.
Ute Müller dachte gerne an die Schulzeit und versank gerade in Erinnerungen:
Sie war in der Schule sehr beliebt. So wurde sie auch in den beiden Jahren nach dem Ausscheiden aus der Schule, während sie schon in der Ausbildung war, ins Skilager eingeladen. Dies war hauptsächlich der Sportlehrerin, Frau Elisabeth Müller, zu verdanken. Ute war im Turnen mittelmäßig. Aber sie war immer sehr engagiert, wenn es um Theateraufführungen ging, Jazzmessen in der Kapelle oder Konzerte des Madrigalchores. Sie spielte leidlich gut Gitarre, was sie sich autodidaktisch mit Notenheft und Stimmgabel beigebracht hatte. In einem Ringbuch hatte sie eine Sammlung von Liedern und Akkorden angelegt. Das Repertoire reichte von „Sur le pont d`Avignon“ bis Folk, Gospel und Protestsongs, eben alles, was sie beim Radiohören mitschreiben konnte.
Ihre erste Schallplatte, eine Single, war von Gus Backus mit A-Seite „Da sprach der alte Häuptling der Indianer“ und der B-Seite „Muss i denn, muss i denn zum Städtele hinaus“.
Später kamen andere Platten dazu. Ihr Vater hatte ein Elektrogeschäft. Er verkaufte und reparierte Radios, Fernsehgeräte und Plattenspieler. Daher gab es bei einem Großhändler unverkäufliche Muster, die nicht aus Vinyl gefertigt waren, sondern aus einem ganz dünnen, biegsamen Kunststoff. Musiklabels prägten darauf die Anfangsstücke von neuen Songs. Diese Exemplare bekam später Ute. „Black ist Black“ war ein Song aus dieser Zeit.
Nachdem sie zuvor ein Zimmer mit den beiden jüngeren Schwestern teilen musste, durfte sie mit achtzehn Jahren endlich ein winziges Zimmer unter dem Dach beziehen. Sie hat sich so sehr nach einem eigenen Nest gesehnt. Doch erst nach längeren Verhandlungen mit dem Vater wurde es ihr letztendlich zugesprochen. Sie war glücklich und stolz. Ein kleines Fenster nach Osten lockte das Morgenlicht in die Kammer und hat ihr einen weiten Blick über die Dächer der Altstadt ermöglicht.
Der Wäscheschrank, ursprünglich aus dem Jugendzimmer ihrer Tante, war in einer Wandnische untergebracht, mit zwei weiß lackierten Kassettentüren ausgestattet und mit einem einfachen Bartschlüssel zu öffnen. Kranzgesims und Sockelfüße glänzten schwarz. Links befanden sich Wäschefächer, deren Einlegeböden mit Schrankpapier bezogen waren und an der Unterseite mit Reißnägeln fixiert, wie damals üblich. Hinter der rechten Tür gab es oben eine Hutablage, darunter eine hölzerne durchgebogene Kleiderstange. Das Bettgestell war ein Relikt aus dem Jugendzimmer ihrer Mutter. Ein Tischchen mit Aufsatz, vom Großvater handgezimmert, hat sie blau gestrichen – es war ursprünglich rosa, also nicht gerade ihre Farbe. Einen einzelnen übrig gebliebenen Kaffeehausstuhl hat sie abgebeizt und ebenfalls blau aufgepeppt. Außerdem verschönerte ein bunter Fleckerlteppich den Raum. Das Röhrenradio konnte mit einer Wurfantenne und einem Erdungsdraht am Heizungsrohr immerhin München, AFN, Stuttgart und Ö3 empfangen, je nach Wetterlage. Der Soldatensender AFN, American Forces Network, sendete damals mit Wolfman Jack das beste Programm. Sie fand diese Musik aus Amerika großartig. Der Bayerische Rundfunk München brachte am Freitagabend die „Schlager der Woche“, die Fred Rauch moderierte. „Pop nach acht“ war ebenfalls beliebt.
Später bekam sie nach mehrmals geäußertem Wunsch einen Kofferplattenspieler. Im Deckel war der Lautsprecher eingebaut und die Geschwindigkeit konnte zum Abspielen von Singles und Langspielplatten umgestellt werden. Das Klangerlebnis war nicht gerade überwältigend, aber Ute war nicht verwöhnt und freute sich riesig über das Geburtstagsgeschenk. Die Sammlung begann mit Platten der Ofarims, Joan Baez, Santana und das Originalalbum von Woodstock.
Den Blockflötenunterricht brach sie im Alter von sechzehn Jahren ab. Zur Zeit der Beatles und Stones war allerdings die Gitarre das Instrument aller Dinge. Ihre Oma bestellte damals bei einem Kataloghändler, wo Bettwäsche und Kittelschürzen ausgesucht wurden, eine Wandergitarre mit Notenheft zum Selbststudium. Ute war ganz aus dem Häuschen und versuchte erst mal, das Instrument richtig zu stimmen. Mit Probieren, Fleiß und Übung gelang es ihr bald, sich einige Akkorde anzueignen und sich bei den Songs zu begleiten. Nachdem die Eltern Erfolge sahen, bekam sie nach drei Jahren eine richtige Konzertgitarre, dazu eine Tragetasche aus grünem Skai-Kunstleder und einen zusammenklappbaren Notenständer.
In ihrer Parallelklasse am Gymnasium gab es eine Schülerin namens Lioba, die Ute vom Madrigalchor kannte. Diese spielte das Instrument passabel. In einem neuen Schuljahr sollte ein junger Kaplan den Religionsunterricht halten. So kam das Thema auf die Gestaltung der Gottesdienste durch die Mädchen mit eigenen Fürbitten und Gesang, das Ganze ohne Orgelbegleitung. Die beiden taten sich zusammen und übten nach dem Unterricht Kirchenlieder von Duval, Gospels und Spirituals. Ute lernte von Lioba einiges. Die Schülermessen waren gut besucht. Der Kaplan wurde im folgenden Jahr durch einen altehrwürdigen Pater vom nahegelegenen Kloster St. Stephan beim Religionsunterricht abgelöst, die Schulmessen wieder mit Orgelbegleitung gehalten. Alles andere war den Klosterfrauen dann doch zu modern.
Ute erinnerte sich mit Schrecken an den Verweis, den sie am letzten Schultag vor den großen Sommerferien in einem blauen Umschlag zur Unterzeichnung durch die Erziehungsberechtigten nach Hause geschickt bekam. Sie hat zu spät bemerkt, dass sie die Strickweste vergessen hat, ohne die der Zutritt in die Schulkapelle nicht gestattet war. Es war ein heißer Augusttag und außer der Schülermesse nur noch die Zeugnisübergabe und Verabschiedung durch die Klassenleiterin zu erwarten. Das kurzärmelige Sommerkleid war den Klosterschwestern zu unzüchtig. Zuhause verursachte der blaue Brief ein heftiges Donnerwetter, obwohl sie meinte, ein Sechser in Latein wäre doch viel schlimmer. Ihr Vater ließ das jedoch nicht gelten, zahlte aber, wie abgemacht, für jeden Einser im Zeugnis eine Mark, für jeden Zweier fünfzig Pfennig, wie auch ihrer Schwester Lisa. Dreier waren zu begründen.
Zum Ferienbeginn durfte Ute nach dem Mittagessen den Nachtisch in einer Eisdiele holen. Die Cassata war eine Halbkugel aus drei Schichten, außen Vanilleeis, dann Schoko, der Kern innen aus Sahne mit kleingeschnittenen kandierten Früchten. Es war etwas Besonderes!
So, nun endlich große Ferien! Der Lichtblick, der sich bot, war ein mehrwöchiger Aufenthalt bei den Eltern der Mutter. Die Großeltern bewohnten ein Häuschen auf dem Land in einer kleinen Ortschaft Richtung Donauwörth. Das Dorf liegt an der Schmutter, die nach Norden zur Donau fließt. Opa war gelernter Zimmermann, hatte beide Weltkriege mit- und überlebt und arbeitete in den letzten Berufsjahren vor seiner Rente im Sägewerk, das zu einem großen Gut mit Pferdezucht in der Nähe gehörte.
Der Fluss trieb die Maschinen an. Das Plätschern am Wasserrad war bis zum Hof der Großeltern zu hören. Für die Stadtkinder waren diese Wochen das Paradies!
Dreißig Kilometer von der Strenge des Vaters entfernt genossen Ute und Lisa, die zwei Jahre jüngere Schwester, ungezwungene Tage. Mitten in der Natur, alle Arten von Tieren ganz nah und ungewohnte Arbeiten im Stall und auf den Feldern forderten die beiden. Sie lernten viel und entwickelten dabei eine ganz andere Sicht auf Lebensmittel. Eine wichtige Erfahrung fürs Leben.
*
So schön die Ferien auf dem Land auch waren, am Ende freute sich Ute wieder auf den Schulanfang und die Klassenkameradinnen. Was hatten die wohl zu erzählen?
(Anmerkung: wir befinden uns am Ende der 60er Jahre.)
Gespannt auf den ersten Schultag richtete Ute die Aktentasche her. In der Volksschule hatte sie damals einen braunen Rindslederranzen, der vier Jahre lang seinen Dienst tat. Im Gymnasium jedoch waren mehr Bücher mitzuschleppen. Man denke nur mal an den braunen Dierckes Weltatlas. Zu dieser Zeit musste man die Schulbücher selbst kaufen. Außerdem war Schulgeld zu entrichten.
Zum Schuljahresbeginn stellten sich folgende Fragen: Welcher Raum, welche Klassenleiterin, welcher Stundenplan, kommen neue Mitschülerinnen dazu? Diejenigen, die die Klasse wiederholen mussten, kannte man ja und traf sie im Pausenhof wieder.
Ute hatte sich etwas früher auf den Weg gemacht, um vor Unterrichtsbeginn ihre Freundinnen zu treffen. Ilse erwartete sie schon vor der Schulpforte.
„Na, wie waren deine Ferien?“, begrüßten sich beide mit dem gleichen Satz und mussten lachen. Ute berichtete von den Wochen auf dem Land, Ilse schwärmte von Borkum. Die See war etwas ganz Besonderes mit Ebbe und Flut, wie auch die frischen Krabbenbrötchen, von denen Ilse berichtete.
Kurz darauf stieß auch Riccarda zu den beiden und wurde mit großem Hallo begrüßt. Birgit folgte ein paar Minuten später.
Die schrille Schulglocke beendete schnell das allgemeine Geschnatter. Die Mädchen gingen gemeinsam in das Schulgebäude und suchten in den langen Gängen nach dem neuen Unterrichtsraum. Neben jeder Türe hing ein Schild mit Klassennummer und Leiterin, daneben befand sich ein Garderobenschrank, dessen Türen oben mit Lamellengitter ausgestattet waren und innen Platz boten für Kleiderschürzen oder Röcke. Diese musste man im Winter über den Keilhosen tragen, denn die waren als unästhetisch eingestuft und während des Unterrichtes nicht erlaubt. Fast alle Schülerinnen besaßen irgendwann diese Hosen, die damals perfekt war zum Skilaufen oder Schlittenfahren. Sie wies vorne und hinten eine scharfe Falte auf, unter der Fußsohle sorgte ein breites Gummiband für gespannten Sitz. Ute hatte eine in schwarz bekommen, eine gute Ausstattung für den Schulweg im Winter. Im Sommer trugen die Mädchen knielange Kleider mit kurzen Ärmeln oder Röcke. Wenn man sich vorstellt, dass einige Jahre später Schülerinnen im Minirock, Hot Pants und Tops mit Spaghettiträgern rumliefen und, außer dem Religionslehrer, auch Männer unterrichten durften, war die Schulzeit von Ute fast noch mittelalterlich geprägt. Einige Lehrkräfte waren Klosterfrauen, die zum Orden der „Englischen Fräulein“ gehörten, die Weltlichen waren meist alleinstehend und kinderlos.
Ute und ihre Mitschülerinnen sahen sich im Klassenzimmer erst mal um. Dieser Raum war mit Tischen und Stühlen aus freundlichem hellem Holz eingerichtet. Die grüne Wandtafel bestand aus drei Teilen zum Klappen, ein Ständer für Landkarten wartete hochkant in der Ecke auf seinen Einsatz, ein dreifüßiges Metallgestell mit Waschschüssel und Schwamm fand daneben Platz. Hinter dem Lehrerpult hingen Riesenzirkel, mit Kreide zu bestücken, und Geodreiecke an der Wand. Der große Schrank beinhaltete die Leihbücher für diese Klasse. Darauf war Ute, ein Bücherwurm, schon sehr gespannt. Oft hatte sie bereits vor den Osterferien jedes Exemplar gelesen. Wie jedes Jahr sollte sie die Bücherei führen. Jeder Titel trug den Schulstempel, die fortlaufende Nummer und war durchsichtig eingebunden.
Ilse belegte wie selbstverständlich eine Bank neben Ute am Fenster in der zweiten Reihe links. Fast alle Mädchen kannten sich und setzten sich nach eigenem Wunsch zusammen. Zwei neue Gesichter kamen in die Gemeinschaft. Eine war Wiederholerin aus der höheren Klasse, die sich gleich hinten in die letzte Reihe platzierte. Wegen ihrer Körpergröße eine gute Entscheidung. Eine Neue stand noch etwas unschlüssig am Eingang. Die Schulglocke läutete zum Unterrichtsbeginn und pünktlich erschien die Klassenleiterin. Wie beim Militär standen alle auf und grüßten mit „Guten Morgen, Frau Hanser!“
Vor ihr hatten ältere Schülerinnen schon gewarnt. Frau Hanser wäre streng, unnachgiebig und äußerst korrekt. Sie war nicht sehr groß, trug eine langärmlige, cremefarbene Bluse mit Schluppe zu einem grauen geradegeschnittenen Rock, der handbreit unter dem Knie endete. Die wiederum grauen blickdichten Strümpfe steckten in schwarzen schlichten Lederschuhen mit einem vier Zentimeter hohen Blockabsatz. An einer langen dünnen Gliederkette baumelte unterhalb der Brust eine kleine goldene Uhr mit Deckel. Das ergraute Haar war hinten senkrecht mit einem Kamm zusammengesteckt. Erst gegen Mittag konnte es passieren, dass sich die eine oder andere Strähne dem Kamm entzog und aus dem Knoten löste.
Ursula wurde als neue Mitschülerin vorgestellt. Ihr Vater diente als Zeitsoldat am Fliegerhorst Jagel und war nach Lechfeld versetzt worden zum Jabo 32. Später unterrichtete er an der TSLw 2 (Technische Schule der Luftwaffe). Die Familie stammte aus Oldenburg und war im Juli nach Bayern gezogen.
Auch die Wiederholerin Anita wurde vorgestellt.
Frau Hanser unterrichtete Deutsch und Englisch und notierte den Stundenplan an der Tafel zum Abschreiben. Die Unterrichtsstunden begannen um acht und endeten um dreivierteleins, auch samstags. Auf die Nachmittage fielen Wahlfächer und Chorprobe.
In Utes Klasse gab es drei Internatsschülerinnen, die wochentags im Kloster lebten und von auswärts kamen. Die Nonnen bezeichneten sie als Zöglinge, ein fürchterliches Wort, das Ute schon damals störte. Sie wurden mittags zu Tisch- und Küchendienst eingeteilt: Tische eindecken, Geschirr nach der Mahlzeit abtragen, spülen, abtrocknen und in die Schränke räumen. Über die Mahlzeiten kamen manchmal Klagen, vor allem, wenn Haschee serviert wurde. Ein Resteessen, fein zerkleinert aus undefinierbaren Zutaten. Heute könnte man sich solch ein Internatsleben mit riesigen Schlaf- und Gemeinschaftswaschräumen nicht mehr vorstellen. Im Studierzimmer erledigte man unter Aufsicht einer Klosterfrau schweigend die Hausaufgaben. Freizeit gab es im großen Klostergarten. Damals wurde Völkerball gespielt, später Volley- und Basketball.
An diesem ersten Schultag stellte sich jede Lehrkraft in der Klasse vor, schrieb die Lehrbuchtitel an die Tafel, die besorgt werden mussten und gab an, welche Größe und Lineatur die Hefte haben sollten. Auch die Umschlagfarbe wurde für jedes Fach definiert.
Als die Pausenglocke läutete, standen die Mädchen in den üblichen Gruppen zusammen und packten die Brote aus. Die Runde um Ute erfuhr von den anderen Mitschülerinnen deren Ferienerlebnisse.
Birgit war mit ihren Eltern in den Allgäuer Bergen beim Wandern.
Riccardas Papa, freiberuflicher Architekt, verbrachte mit seiner Familie drei Wochen in ihrer Ferienwohnung an der Küste bei Dubrovnik.
*
Diese Gedanken stellten sich beim Herrichten des Abendessens bei Ute ein. Vielleicht sollte sie sich doch zum Klassentreffen anmelden? Ein wenig Bedenkzeit blieb ja noch.
Im Büro vergingen die Tage bei der Arbeit schnell. Durch die Urlaubszeit war die Personaldecke ausgedünnt und Ute musste einspringen, wenn Not an Frau war.
Am Sonntag eröffnete sie Johann, dass sie doch zu dem Termin hingehen möchte, um die alten Kameradinnen mal wieder zu sehen. Er hatte selbstverständlich nichts dagegen. Sie füllte die Antwortkarte aus, steckte sie in einen Umschlag und frankierte diesen mit einer besonders schönen Sondermarke. Irgendwie freute sie sich jetzt darauf. In der Zwischenzeit suchte sie alte Fotos aus der Schulzeit, die sie in ein kleines Fotobuch mit Steckfächern sortierte und zum Treffen mitnehmen wollte. Dabei kamen Bilder vom Fasching zum Vorschein, von den Pantomime- und Theateraufführungen und Skilagern.
Viele Namen gingen ihr wieder durch den Kopf. Was mag wohl aus den Mädchen geworden sein? Wer würde überhaupt kommen?
*
Das Treffen war auf einen Montagabend festgelegt worden, Beginn ab neunzehn Uhr in einem Bistro. Im Büro sagte sie Bescheid, dass sie eine Stunde früher gehen wolle.
In der Früh hatte sie einen Teller mit Johanns Abendbrot vorbereitet und in den Kühlschrank gestellt. Dann überlegte sie, was sie anziehen wollte. Sie entschied sich für einen Hosenanzug mit Top, eine flotte Halskette und den dekorativen Ring mit dem Schwarzopalstein. Das war im Studio prima, nicht overdressed und passte genauso für den Abend.
Wie immer, wenn man es eilig hat, kam natürlich gegen halbsechs noch ein Kunde ohne Anmeldung zu ihr, um über die Elektroinstallationen der neu einzurichtenden Räume zu sprechen. Sie notierte diese Änderungswünsche und versprach ihm, die aktualisierten Pläne per E-Mail zu schicken, sowie eine Kopie an den Elektriker. Das war dem Kunden sehr recht und Ute konnte pünktlich das Studio verlassen.
Auf dem Weg zum Bistro hoffte sie darauf, dass kein Stau auf der Autobahn die Fahrzeit unnötig in die Länge ziehen würde. Sie kam jedoch trotz des Feierabendverkehrs gut voran und fuhr kurz vor neunzehn Uhr auf den Parkplatz des Restaurants.
Gespannt wie ein Flitzebogen betrat sie den Gastraum und sah sich um. Auf der linken Seite waren mehrere Tische zu einer langen Tafel zusammengeschoben und eingedeckt. Darauf stand ein Hinweisschild: RESERVIERT. Bestimmt galt das dem Treffen.
Als sie ihren Blazer auszog, kam schon Ilse um die Ecke. „Schön, dass du kommen konntest!“, begrüßte sie die Freundin und nahm sie in den Arm.
„Du hast ja auch frühzeitig die Einladung geschickt“, entgegnete Ute. „Wir haben uns ewig nicht gesehen! Wie geht es dir denn?“
„Mittlerweile ganz gut. Schau, da kommt Birgit!“
„Tatsächlich, das freut mich.“
Gemeinsam begrüßten sie die Schulfreundin und setzten sich am Tisch zusammen.
„Wer hat denn alles zugesagt?“
„Das verrate ich nicht. Es soll eine Überraschung sein. Ihr werdet schon sehen!“, entgegnete Ilse.
Geschäftig kam die Bedienung zu ihnen und nahm die Getränkebestellungen auf.
„Sehr verändert habt ihr euch beide nicht, wir sind nur alle ein paar Jährchen älter geworden, oder?“ Alle mussten lachen.
„Das stimmt, wenn ich euch so anschaue“, stellte Birgit fest.
Keine zehn Minuten später ging die Tür auf und Riccarda betrat den Gastraum. Auch sie sah aus wie das blühende Leben, nur ein paar Fältchen hatten sich über der Nasenwurzel eingegraben. Das helle Haar war vielleicht etwas lichter geworden. Doch wie schon damals war sie flott gekleidet. Sie setzte sich gleich zu ihnen. Mehr als zehn Mädels wurden es allerdings nicht an diesem Abend.
Ilse, die das Treffen ins Leben gerufen hatte, erzählte von den Nachforschungen, die sie angestellen musste, um die Adressen ausfindig zu machen. Es war ein Stück Arbeit, denn viele waren verheiratet und hatten oft zueinander keinen Kontakt mehr. Einige waren weggezogen und sahen keine Möglichkeit zu kommen. Der harte Kern allerdings saß am Tisch.
Außer den vier, die schon da waren, kamen an diesem Abend noch Angela, Jutta, Rita, Verena, Vroni und Gabi dazu.
Nach der freudigen Begrüßung bestellte sich jede eine Kleinigkeit zu essen und Ilse erzählte von den Briefen, die sie als Antwort auf ihre Einladung hin erhalten hatte:
„Gerlinde lebt mit ihrer Familie an der Ostsee und betreibt eine Gästepension. Claudia gehört in München ein Antiquitätengeschäft und hält sich gerade im Ausland auf. Herta ist Allgemeinmedizinerin und derzeit mit einer Gruppe von Kollegen in Tansania und errichtet eine Krankenstation in einem Kinderheim.“
„Wenn das kein Engagement ist, meine Hochachtung!“, kommentierte Riccarda.
„Und Petra“, fuhr Ilse fort, „betreibt mit ihrem Partner zusammen eine Immobilienfirma. Sie weilt gerade auf Rhodos zur Besichtigung einer neu entstehenden Ferienhaussiedlung, wo sie sich um Verkauf und Vermietung kümmern will. Ursula ist nach dem Ausscheiden ihres Vaters aus dem Militärdienst wieder zurück nach Oldenburg gezogen. Sie hat dort nach der Dolmetscherprüfung ein Büro übernommen und übersetzt technische Fachbücher aus dem Englischen.“
„Das stimmt. Wir haben uns immer gut verstanden und halten losen Briefkontakt mit besonderen Postkarten“, pflichtete Ute bei.
Die Adressen und Aufenthaltsorte der anderen Mitschülerinnen hatte Ilse nicht ausfindig machen können und bat daher alle Anwesenden um Mithilfe.
„Vor vierzig Jahren haben die meisten von uns Abitur gemacht und sind dann ihrer Wege gegangen. Ich freue mich, dass ich doch so viele heute Abend zusammenbringen konnte und – alle, die sich angemeldet haben, sind auch gekommen. Darauf sollten wir trinken!“
„Wenn das kein Anlass ist, also – zum Wohl und auf unser Treffen nach vielen Jahren!“, meinte Rita und hob ihr Glas. Alle anderen taten es ihr nach und stießen darauf an.
„Ich schlage vor, dass wir uns wenigstens einmal im Jahr treffen sollten, ganz zwanglos. Wir merken doch alle, wie die Zeit davoneilt. Es tut gut, mal wieder alte Freundschaften zu pflegen. Was haltet ihr davon?“, fragte Ilse in die Runde.
Das fand allgemeine Zustimmung.
Rita antwortete als erste:
“Ich finde es prima und kann es mir gut einrichten!“ Sie trug einen flotten Kurzhaarschnitt mit ein paar roten Strähnchen im Pony und erzählte von der Ausbildung zur Modeschneiderin, weil sie Kostümbildnerin am Theater werden wollte. Bei dieser Arbeit waren auch Kopfbedeckungen herzustellen. Das Hutmachen gefiel ihr noch besser als das Nähen. So lernte sie nebenbei Modistin und ergriff die Chance, einen Hutsalon zu übernehmen. Die damalige Besitzerin kannte Rita, die öfters bei ihr einkaufte. Mit Fleiß, Einsatz und Innovation hatte sie sich einen Namen in der Branche erarbeitet. Sie fertigt einmalige Hutkreationen an. Prominente aus München und vom Starnberger See zählen zu ihren Kundinnen und tragen ihre Modelle bei passenden Veranstaltungen der Bussi-Bussi-Gesellschaft, so dass sie immer wieder Empfehlungen bekommt. Vor kurzem durfte sie eine Anfertigung zu einem Kleid für die Wagner-Festspiele in Bayreuth kreieren und einen Entwurf für eine Neukundin aus Hamburg, die ein verrücktes Unikat für das Pferderennen sucht. Gebannt hatten die Zuhörerinnen gelauscht.
„Dann wirst du bald vom Britischen Königshaus eingeladen werden“, lachte Birgit und alle stimmten ein.
„Wer weiß das schon?“, sinnierte Rita amüsiert und fuhr fort: „Vor vierzig Jahren hätte ich nicht gedacht, dass ich mal ein eigenes Atelier haben würde.“
„Nach der Schule weiß man das auch nicht“, meinte Jutta. Sie hatte nichts von ihrem rassigen Aussehen verloren, nur das dunkle Haar war jetzt silbergrau geworden. Sie berichtete:
„Ich habe von meinen Eltern das Farbengeschäft übernommen, geheiratet und zwei Kinder bekommen. An jeder Ecke sind damals Baumärkte aus dem Boden geschossen. Wir hatten massive Umsatzeinbrüche. Es zeichnete sich keine Verbesserung der Situation ab. Daher haben wir den Laden an eine Galeristin vermietet, die uns als Kundin bekannt war und Räumlichkeiten suchte. Mein Mann ist leider vor zwei Jahren verstorben, beide Kinder haben eigene Familien und leben weiter weg. Ich arbeite an drei Wochentagen in der Galerie mit, erledige das Kaufmännische, organisiere die Ausstellungen und kann zusammen mit den Mieteinnahmen gut leben. Auf das Wiedersehen mit euch habe ich mich sehr gefreut. Ein großes Dankeschön an Ilse, die sich so viel Mühe mit den Einladungen gemacht hat. Danke dafür!“
Mit Beifall schlossen sich alle anderen Frauen an.
„Für das nächste Treffen, das ja bestimmt stattfinden wird, kann ich gerne die Organisation übernehmen, wenn ihr wollt!“, meldete sich Jutta nochmal zu Wort.
„Gerne, Jutta, wenn du das machen würdest, wäre ich froh“, entgegnete Ilse. „Ich bin noch berufstätig und das musste alles nebenher gehen. Ich glaube, außer dir, Ute, weiß hier niemand, dass ich nach wenigen Ehejahren meinen Mann verloren habe.“ In ihre Augen schlich sich eine Träne.
„Ich erinnere mich noch an deine Nachricht“, sagte Ute zu ihr. „Dein Mann war Kunde im Geschäft meiner Eltern und kaufte öfters für sein Ingenieurbüro ein. Ihr habt euch im Zug nach München kennengelernt, wo du deine Ausbildung zur Versicherungskauffrau gemacht hast. Er war an der TU. Bei eurer Hochzeit im Augsburger Dom habe ich mir gedacht, dass er gar nicht aussieht wie Wolfgang Overath, für den du früher so geschwärmt hast.“ Allgemeines Lachen verbreitete sich am Tisch. „Dein Mann war blond wie du. Ihr wart ein schönes Brautpaar. Später durfte ich euch besuchen in der ersten gemeinsamen Mansarde in der Nähe von Mühlhausen. Als sich dann euer Kind angekündigt hat, seid ihr nach Haunstetten gezogen, wo du ja heute noch lebst. Die Adresse auf der Einladung kam mir gleich bekannt vor.“
„Das stimmt. Die Wohnung haben wir damals gekauft. Ich bin gern dort. Meine Tochter Karin arbeitet als Europasekretärin in Brüssel und kommt alle paar Monate zu mir. Ich habe es allein geschafft, die Wohnung zu halten, das Studium von Karin zu finanzieren und arbeite nach wie vor bei der Versicherung, jetzt jedoch in Augsburg. Mit den öffentlichen Verkehrsmitteln komme ich ins Büro und habe nette Arbeitskolleginnen, mit denen ich zum Teil befreundet bin. Anfangs war es für mich allein mit der kleinen Tochter schon schwierig. “
„Das glaube ich“, stimmte Vroni zu, die schon als Teenager klein und mollig war. Sehr freigiebig half sie jedem, der sie brauchte. Vermutlich war sie in ihrem Leben mehr als einmal ausgenützt worden. Sie erzählte:
