Ein falsches Vogelkind - Uli Karg - E-Book

Ein falsches Vogelkind E-Book

Uli Karg

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Beschreibung

Geschichten über ein falsches Vogelkind, den Klimawechsel, eine Mogelpackung, eine Fundsache, eine unerwünschte Schwiegertochter und italienische Gastfreundschaft, um nur einige zu nennen, haben es in diese Sammlung geschafft. Tauchen Sie ein in erlebte und erdachte Begebenheiten um Liebe, Enttäuschung, Spannung und Humor, auch aus dem Augsburger Raum, von damals und heute, zum Teil tauchen auch schwäbische Dialektworte auf und werden erklärt. Unterhaltsame Geschichten für Leser im Erwachsenenalter, teilweise auch für Teenager geeignet

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Seitenzahl: 251

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Inhalt:

Faszination Lesen

Neuer Frühling

Ein falsches Vogelkind

Genuss

Klimawechsel

Die Fundsache

Abenteuer Kühlschrankkauf

Ein geruhsames Wochenende

Schwiegertochter gesucht

Heidis Kindheit

Jetzt noch wechseln?

Der Außenseiter

Coffee to go

Alte Liebe rostet nicht

Dregg im Schächtele

Geheimnisse

Die Schiefertafel

In der Nacht

Gezeiten der Liebe

Erkenntnis

Der Hennaschlupf

Gastfreundschaft

Mogelpackung

Die Weihnachtswette

Ein besonderes Weihnachtsgeschenk

Jahreswechsel in Venedig

Danke

Vita:

Uli Karg wurde 1952 in Augsburg geboren und lebt seit vielen Jahren mit Mann und Katze im nördlichen Landkreis. Zu privaten Anlässen oder Firmenfeiern hatte sie schon immer gerne Sketche, Gedichte und Geschichten geschrieben. Mehr Zeit dafür blieb im technischen Berufsleben nicht.

2015 erreichte sie das Rentenalter und gewann damit neue Freizeit. Diese nutzt sie jetzt, Ideen im Kopf zu destillieren und mit Feder und Tastatur als unterhaltsame Geschichten festzuhalten.

Sie ist von Anfang an Mitglied des Autorenclub Donau-Ries.

Das erste gemeinsame Buch VIECHEREI enthält eine Katzengeschichte von ihr.

Drei weitere Geschichten in der zweiten Anthologie DEZEMBERHIMMEL stammen aus ihrer Feder.

Mit diesem Buch Ein falsches Vogelkind halten

Sie ihre erste eigene Geschichtensammlung in Händen.

Weitere Bücher sollen folgen.

E-Mail-Adresse: [email protected]

www.autorenclub-donau-ries.de

Faszination Lesen

Die Medien berichten immer mal wieder von schlechten Deutschnoten heutiger Kinder. Fehlt es an der Rechtschreibung, der Ausdrucksweise, am Satzbau, oder am Wortschatz überhaupt? Der soll ja bei manchen Jugendlichen, gelinde gesagt, eher kompakt sein. Eine eigene Jugendsprache hat sich längst etabliert.

Wie umfassend ist eigentlich mein eigener Wortschatz? Dazu habe ich mir noch nie so richtig Gedanken gemacht. Wozu auch. Ich komme damit ganz gut klar, obwohl er sich natürlich im Laufe der Jahrzehnte verändert und erweitert hat. Viel Neues ist heute selbstverständlich geworden. Die deutsche Sprache entwickelt sich ja stetig weiter, und Begriffe aus anderen Ländern und Kulturen halten bei uns Einzug und finden sich auch in den Printmedien wieder.

Literatur in jedem Genre kann man sich heute nicht nur mit Büchern zu Gemüte führen, sondern auch digital mit E-Readern als E-Books lesen und viele Titel speichern. Ich persönlich hänge noch sehr an den Papierausgaben und liebe den Geruch eines Buches und dessen Haptik.

Das Interesse an Büchern hat bei mir früh begonnen. Wie oft stand ich staunend vor dem gut bestückten Bücherschrank meines Vaters und befühlte ehrfürchtig die zum Teil mit geprägten Lederrücken versehenen Bände mit Goldschnitt. Aus meiner Sicht unbezahlbare Schätze. Besondere Ausgaben, zum Teil aus Großvaters Nachlass, wurden hinter Glas aufbewahrt. Als kleines Kind konnte ich natürlich nur Bilder anschauen, saß gerne auf Omas Schoß und ließ mir Märchen und Geschichten vorlesen. Ich hing an ihren Lippen und tauchte ein in geheimnisvolle Welten mit Feen, Prinzen, Kobolden, Hexen und Fabelwesen. Nachts verfolgten mich oft die Bösewichte in meinen Träumen. Aber dem Alltag zu entfliehen war etwas Wunderbares.

Mein sehnlichster Wunsch: endlich selber lesen zu lernen. Kindergarten oder Vorschule gab es für mich damals nicht. Also saugte ich in der ersten Volksschulklasse Buchstabe für Buchstabe ein, lernte sie zu schreiben und fügte sie zu Wörtern und Sätzen zusammen und damit zu Begriffen. Unsere Klosterfrau brachte uns auch die altdeutsche Schrift bei, hilfreich bei antiquarischen Buchausgaben. Dokumente bei Nachforschungen in Grundbucheinträgen, Kirchenregistern oder Urkunden lassen sich damit aufschlüsseln.

Die Welt der Bücher öffnete endlich ihre Tore und ließ mich eintreten. Ich war fasziniert. Unter anderem erinnere ich mich an besonders fesselnde Exemplare, Sie vielleicht auch?

Bei Pippi Langstrumpf durfte ich Blödsinn machen und mit dem Heißluftballon nach Taka-Tuka-Land aufbrechen, mit Nils Holgersson und den Wildgänsen fliegen und Heidi und den Geißen-Peter beim Ziegenhüten begleiten. Pünktchen und Anton von Erich Kästner und das Doppelte Lottchen verzauberten mich auch. Später wohnte ich bei den schwarzen Sklaven der Baumwollplantagen in Onkel Toms Hütte und litt mit ihrem Schicksal. Mark Twain ließ mich Abenteuer erleben mit Tom Sawyer und Huckleberry Finn. Bei den Yanomami-Indianern rührte ich Pflanzenfarben für die Körperbemalung an und verspeiste mit ihnen Maniok und selbst gefangenen Fisch aus dem Orinoco. Ich spürte in Erzählungen aus Kanada klirrende Kälte und fühlte an der Seite von Trappern die Einsamkeit in endlosen Wäldern. Als Teenager verschlang ich Romane wie die von Heinz Günther Konsalik. Ich zitterte unter feindlichem Beschuss mit den Soldaten in Stalingrad, wo der Autor vieles als Kriegsberichterstatter in Russlandfeldzügen erlebt hatte und selbst schwer verwundet worden war. Johannes Mario Simmel hatte erklärt: Liebe ist nur ein Wort. Das wollte ich als junger Mensch nicht glauben. Es muss nicht immer Kaviar sein erzählt von einem Banker, der als Geheimagent arbeitete – spannend! Alle Menschen werden Brüder, das wäre wirklich zu wünschen! Mit Pearl S. Buck näherte ich mich der Kultur des alten China und las Die gute Erde, Ostwind — Westwind, Die Frauen des Hauses Wu und viele andere und erfuhr vom Leben der Bauern, von Familienclans, Armut und Reichtum und über die Macht von Opium. Sämtliche Werke von Antoine de Saint-Exupéry begeisterten mich, besonders die Fliegergeschichten. Später brachte mir Peter Scholl-Latour Indochina und Nordafrika näher. Mit John le Carré spionierte ich geheimnisvollen Machenschaften und Netzwerken von Agenten hinterher.

Historische Bücher über Augsburg, meine Heimatstadt, liebte ich besonders, um über Handelsbeziehungen der bedeutenden Kaufmannsfamilien Fugger und Welser zu erfahren. Sie waren im 16. Jahrhundert die Nummer eins in Europa und verstanden es perfekt und nicht immer legal, mit geschicktem Marketing Geld zu verdienen und Macht und Einfluss zu erlangen.

In den letzten Jahrzehnten waren Fachbücher zur beruflichen Weiterbildung angesagt.

Jetzt, als Rentnerin, gibt es zur Entspannung wieder Romane, Erzählungen, Dokumentationen und Krimis. Science Fiction ist nichts für mich, und zu brutale und gruselige Romane mag ich auch nicht. Dafür begleite ich lieber ganz vorsichtig Commissario Brunetti durch feucht glänzende Gassen in der Serenissima, lüfte mit Tante Poldi das Geheimnis der Sizilianischen Löwen, sitze im Café am Ende der Welt und verschlinge Biografien von Fritz Egner, Eric Clapton, Zucchero und Leonard Cohen. Axel Hacke eröffnet mir Einblicke in Das Kolumnistische Manifest und erklärt zum Teil verlorene Werte in seinem neuesten Werk, das da heißt: Über den Anstand in schwierigen Zeiten und die Frage, wie wir miteinander umgehen.

Einen Buchvorrat von mindestens zwanzig jungfräulichen Exemplaren habe ich immer griffbereit. Allein schon die Vorfreude erfüllt mich, sie bald lesen zu dürfen.

Lesen ist Unterhaltung. Lesen ist Vergnügen. Lesen ist Bildung. Lesen ist lebensnotwendig und bietet ungeahnte Chancen, auch zum Schreiben von eigenen Geschichten.

Notieren Sie einen Termin im Kalender und vereinbaren ein Date mit IHREM Buch. Es schenkt nicht nur Entspannung, Lesefreude und Muse, sondern lässt uns eintauchen in Geschichten und mit den Helden kämpfen, weinen, lieben und dem Alltag entfliehen in unbekannte Welten.

Tun Sie das doch auch!

Und das ohne Fernreisen, Langstreckenflüge und Jetlag, sondern im kuscheligen Ohrensessel mit Katze oder Kater auf dem Schoß. Wie wunderbar!

Ich wünsche Ihnen faszinierende Lesestunden.

Neuer Frühling

Uschi wollte nur noch weg. Daheim hielt sie es nicht mehr aus. Sie sehnte sich nach Stille.

In den letzten Wochen hatte es ständig Streit zwischen ihr und Max gegeben. So auch an diesem Abend. Wegen nichts und wieder nichts hatten sie sich in der Wolle. Am Ende wurde es nur noch beleidigend. Nach zehn Minuten gegenseitiger Vorwürfe schnappte sich Uschi ihre Handtasche, die ihr Max aus Rom zum zwanzigsten Hochzeitstag mitgebracht hatte und verließ die Wohnung. Tränen der Wut füllten ihre Augen und schickten sich an, über die Wangen zu laufen, als sich die Tür ihrer neugierigen Nachbarin im Hausflur öffnete.

„Ja Frau Micheler, wo wollen Sie denn noch hin um diese Zeit? Ist er wieder ausgerastet?“, erkundigte sie sich mit gespieltem Mitleid.

„Ich brauch nur noch eine Nase frische Luft! Gute Nacht. Schlafen Sie gut.“ Uschi ließ sie einfach stehen und stolperte auf der Treppe nach unten.

Ziellos lief sie die Straße entlang. Die Dunkelheit nahm sie gütig auf und entließ sie wieder in die helle Einkaufsstraße. Sie hielt inne. Im Schaufenster eines Blumenhändlers entdeckte sie ihre allerliebsten Frühlingsboten. Die Tränen versiegten. Gelbe und rote Ranunkeln zauberten ihr ein Lächeln ins Gesicht. Gleich morgen früh wollte sie welche kaufen.

Im kleinen Pub an der Ecke brannte noch Licht. Ohne lange zu überlegen, betrat sie die Bar und bestellte einen Coconut Kiss. Die wenigen späten Gäste waren in Gespräche vertieft und registrierten sie zunächst nicht. Eine Gruppe junger Männer spielte Dart im offenen Nebenzimmer. Bei gedämpfter Hintergrundmusik entspannte sich Uschi langsam.

Was war nur mit Max und ihr los?

Was war aus ihrer Liebe geworden?

Wenn sie ihn in letzter Zeit fragte, warum es ihm nicht gut ginge, kam lediglich die Antwort: „Was du wieder hast.“

„Na, was machst du denn hier? Hab dich lange nicht gesehen“, stellte Alois fest und riss sie aus ihren Gedanken. „Dir geht es nicht gut! Das sehe ich.“

„Alois! So eine Überraschung. Schön, dich mal wieder zu treffen. Ist ja ewig her! Setz dich doch“, forderte ihn Uschi auf.

Alois, ein guter Freund aus ihrer Schulzeit, war nach seiner Scheidung und einem langen Auslandsaufenthalt wieder in seine Heimatstadt zurückgekehrt. So ganz hatten sich die beiden nie aus den Augen verloren. Als Teenager war Uschi in ihn verliebt gewesen. Davon wusste er allerdings nichts. Er war einfach ihr Gefährte und verstand sie ohne Worte.

„Er sieht immer noch verdammt gut aus“, dachte Uschi, während sie sich vertrauensvoll austauschten. Es tat gut, jemandem das Herz auszuschütten. Mit ihm konnte sie offen und ehrlich reden. Sie wurde zusehends ruhiger.

Rudi, ein Arbeitskollege von Max, kam zu ihnen an die Theke.

„Ja servus Uschi! Geht dir Max daheim nicht auf die Nerven?“

„Wieso? Wie meinst du das?“

„Na, seine Abteilung wurde vor einem viertel Jahr ins Ausland verlegt, angeblich wegen Umstrukturierung, und den Kollegen, die nicht mitgehen konnten, wurde gekündigt. Ich hoffe, Max findet bald wieder einen guten Job! Grüß ihn von mir!“

Endlich hatte sie den Grund für sein Verhalten erfahren. Ihre Gedanken fuhren Achterbahn. Max verhielt sich doch wie immer, ging morgens aus dem Haus und kam abends zurück.

Warum hatte er kein Vertrauen mehr zu ihr?

Uschi erfasste ein Gefühl von Mitleid, von Schuldbewusstsein und von unendlicher Liebe.

Jetzt passierte alles ganz schnell. Ihr Gesichtsausdruck veränderte sich schlagartig. Sie musste sich an der Theke festhalten, um nicht vom Barhocker zu kippen. Wie computergesteuert legte sie einen Geldschein auf den Tresen, schnappte sich ihre Tasche und küsste Rudi, der ganz verdutzt guckte, auf die Wange und auch Alois.

„Jungs, ich danke euch. Ich muss jetzt zu Max, er braucht mich!“

Ein falsches Vogelkind

Brunhilde begrüßte ihren Mann Hubertus bei seiner Rückkehr aufgeregt. Es war sowieso gerade eine äußerst aufregende Zeit für die beiden. Er hatte allerfeinstes Fleisch mitgebracht und überreichte es ihr sofort. Hungrig nahm sie es entgegen und verspeiste es mit Genuss. Proteine waren jetzt besonders wichtig. Sie sollten Nachwuchs bekommen. Als Erstbrüter hatten sie damit noch keinerlei Erfahrung, aber Instinkt. Die Natur hat das schon so eingerichtet. Bruni, wie sie Hubertus liebevoll nannte, rückte ein wenig zur Seite, sodass ihr Mann einen Blick auf das Gelege werfen konnte, das aus vier blaugrünen, dunkel gesprenkelten Eiern bestand, davon eines türkisfarben und etwas kleiner.

„Sieh mal, bei einem Ei ist die Schale oben schon etwas aufgesprungen. Alle anderen drei sind noch unversehrt“, zwitscherte sie ihm freudig entgegen.

Der Amselmann besah sich entzückt die feinen Risse an der Oberfläche des ovalen Etwas und meinte:

„Lass sie nicht auskühlen, mein Schatz. Ich sorge gleich nochmal für Futter“, versprach er und flog mit elegantem Schwung aus dem Nest in der großen Kiefer. Er wollte gut für den gemeinsamen Nachwuchs und seine Angetraute sorgen.

Glücklich dachte er an den Beginn ihrer Beziehung. Er hatte seine Auserwählte am Brunnenbach im südlichen Auwald von Augsburg vor kurzer Zeit zum ersten Mal gesehen und die Schöne beobachtet. Sie saß auf einem Kieselstein am Ufer und trank vom klaren Wasser. Ihr Gefieder war größtenteils dunkelbraun gepunktet und glänzte in der Frühlingssonne. Sofort war es um ihn geschehen. Liebe auf den ersten Blick. Dieses Gefühl hatte er noch nie verspürt! Sein kleines Amselherz klopfte wie verrückt, als wollte es aus dem Brustkorb springen. Unverzüglich flog er hin, machte sich aufgeregt tänzelnd um sie herum bemerkbar. Sie jedoch kokettierte und zierte sich. Auch andere Herren in schwarz-blau glänzendem Outfit hatten ein Auge auf sie geworfen und zeigten es ihm unverblümt. Hubertus musste sich ganz schön anstrengen, um sie zu gewinnen, und forschte nach, wie es ihm gelingen könnte. Brunhilde stand weder auf Schuhe von TOD´S, noch auf Designertaschen von Liebeskind, MCM oder Moschino. Er suchte nach etwas, wo sie nicht widerstehen konnte. Nach reiflicher Überlegung kam er auf die Lösung: ein perfekt gelegenes Grundstück für ihr gemeinsames Heim. Hubertus hatte einen Immobilienberater seines Vertrauens hinzugezogen und mit ihm sorgfältig einen passenden Standort ausgewählt.

„Dieses Nadelgehölz ist ein begehrter und häufig frequentierter Brutplatz!“, erklärte der Makler vor Ort. „Im oberen Teil liegt mein Sahnestückchen, das derzeit noch freie Penthouse. Entscheiden Sie sich schnell. Ich habe dafür mehrere vorgemerkte Interessenten.“

Hubertus sah sich genauestens um. Der kräftige Stamm des vorgeschlagenen Nadelbaumes war unten dicht bewachsen, dass Katzen keine Chance hatten, nach oben an ein Nest zu kommen. Geschützt gegen Raubvögel und allzu viel Regen bot der gegabelte Ast im zweiten Obergeschoss einen weiten Panoramablick zum Brunnenbach und in die Umgebung des Augsburger Stadtwaldes. Damit würde er Brunhilde für sich gewinnen können und alle anderen Mitbewerber ausstechen, und das waren nicht gerade wenig bei der Superfrau. Er sagte zu.

„Ich gratuliere Ihnen zu dieser äußerst klugen Entscheidung. Lage, werter Herr Turdus Merula, Lage und nochmals Lage! Das sollte Ihnen die Gebühr wert sein. Wie Sie mir erzählten, hatten Sie Ihre Braut in spe zum ersten Mal am Brunnenbach gesehen. Eine Bronzefigur dieses Gewässers ziert unter anderem den bekannten Augustusbrunnen im Herzen von Augsburg. So eine Geste wird Ihre Angebetete von einem Romantiker wie Ihnen zu schätzen wissen und sofort begeistert sein“, erklärte der Immobilienhändler. Zufrieden hatte er seine Courtage eingestrichen. Hubertus dachte bei sich: Ja, diese Lage war die exorbitante Ausgabe wert und seine Brunhilde natürlich auch!

Stolz holte er seine Liebste ab und präsentierte ihr das soeben erworbene Appartement. Nach ausführlicher Besichtigung hatte Brunhilde ihren Gefallen geäußert und gleich angefangen, Nistmaterial zu sammeln und das Heim zu gestalten. Das ist bei den Amseln Weiberarbeit. Nach der Fertigstellung lag täglich ein neues Ei im Nest. Sie bebrütete nun das Gelege. Das dauert in der Regel bei den Schwarzdrosseln etwa zwei Wochen. Diese Zeit war fast um. Sie freuten sich auf den Nachwuchs. Es sollte spannend werden.

Hubertus hatte ein frisch umgegrabenes Beet in der nahe gelegenen Schrebergartenanlage entdeckt. Dort war die Chance sehr gut, saftige Regenwürmer, muskulöse Schnecken oder knusprige Käfer zu finden. So war es auch, und mit reicher Beute kehrte er zurück zum Nest. Inzwischen war die angepickte Schale oben schon offen, und man konnte ein rosarotes Etwas beobachten, das sich unter großer Kraftanstrengung aus der Eihülle zu befreien versuchte und schließlich herausarbeitete. Total begeistert blickten die beiden Amseln auf dieses Wunder, ihr erstes gemeinsames Küken. Unter der durchscheinenden Haut waren große Augen zu erahnen. Der Schnabel war schon ausgeprägt und die Beinchen ebenso. Auch die kleinen Flügel bewegten sich bereits vorsichtig. Hubertus zwitscherte seiner Bruni etwas Liebes ins Ohr, während sie schmunzelnd wieder auf dem Gelege Platz nahm und es weiter wärmte. Der frisch gebackene Papa wusste, was er zu tun hatte. Insekten, Würmer und Larven waren für die Kinder herbei zu schaffen. Bald würden alle geschlüpft sein. Er war sehr gespannt. Schon an den darauffolgenden Tagen pickten sich die anderen Vögelchen ans Licht der Welt. Das letzte war aus dem kleinen türkisfarbenen Ei gekrochen. Sie tauften es Benjamin, weil es so winzig war, im Gegensatz zu den anderen.

„Das Ei war ja auch kleiner“, beruhigte ihn Bruni, als ihr Mann sich sorgte. „Das Küken bekommen wir schon groß, wenn wir es ordentlich füttern.“

Hubertus war nur noch auf Nahrungssuche und gönnte sich selbst kaum etwas.

Nach einiger Zeit hatten die Kleinen die Augen geöffnet. Weicher Flaum umschloss die Vögelchen. Gelbe Schnäbel bettelten ständig um Futter. Das hielt das Elternpaar auf Trab.

Aus dem Flaum wurden Federn, und die Küken nahmen täglich an Gewicht zu. Auch Benjamin, aber er blieb trotzdem der kleinste Vogel von allen. Das Futter bestand nun zusätzlich aus weichen Früchten und Beeren, die schon vereinzelt zu finden waren. Eine feine Abwechslung im Speiseplan.

Zwei Wochen nach dem Schlüpfen ging die Nestlingszeit zu Ende. Die Jungvögel konnten zwar noch nicht fliegen, verließen jedoch das Heim und sprangen mutig auf den Boden. Die Alten hatten Mühe, den Nachwuchs zu beschützen. Noch etwa vierzehn Tage mussten sie füttern, bevor die Küken selbst in der Lage sein würden, Nahrung zu finden. Inzwischen war das Federkleid der jungen Schwarzdrosseln ausgebildet. Benjamin tanzte aus der Reihe, er war am ganzen Körper grün befiedert, die Flügel jedoch blau und grau, das Schwänzchen ebenso, und in den gleichen Farben stellte er keck ein Schöpfchen auf dem Kopf nach oben wie ein Wiedehopf. Verblüfft nahmen das die Eltern wahr, liebten ihn aber genauso wie die anderen Drei. Benjamin war halt aus der Art geschlagen. Die Geschwister akzeptierten ihn.

Neugierig beobachteten andere Vögel aus der Nachbarschaft ebenfalls den Nachwuchs.

Wie zu erwarten, kam jetzt von allen Seiten blödes Gerede.

„Na, was haben wir denn da für ein falsches Vogelkind? Für einen Kuckuck ist er zu klein und zu bunt“, meinte der Buntspecht Vittorio.

„So ein schräger Vogel! Von euch kann er ja nicht sein. Habt ihr nicht aufgepasst und ein fremdes Ei untergeschoben bekommen?“, wollte Blaumeise Berta aus der ersten Etage des Baumes wissen.

„Das ist meiner Schwester auch schon passiert. Ein verwilderter Zebrafink hatte ihr ein Ei dazugelegt. Anfangs wunderten sie sich nur über den schwarzen Schnabel, der später rot wurde. Schwarze Striche verliefen senkrecht über die Augen, rotbraunes Rouge lag auf den Wangen, ein wellenförmiges Gefieder legte sich wie ein Schal um den Hals und unter den Flügeln hoben sich braun gepunktete Federn von der weißen Brust ab. Er sah aus wie ein Clown und war die Sehenswürdigkeit im Revier schlechthin. Die schöne Brunhilde wird halt fremdgegangen sein! So ein Prachtweib gefällt doch jedem Mann!“, stellte Claudius fest, der Star aus dem Schrebergarten.

„Hubertus, hast nicht aufgepasst?“, war ein Vorwurf der Jungs vom Spatzenstammtisch.

Solche und ähnliche Kommentare mussten sich die jungen Eltern anhören.

„Das glaubst du doch nicht von mir, Hubertus. Du bist mein Ein und Alles. Ich war dir treu! Das schwöre ich bei der heiligen Mutter der Gefiederten.“

„Natürlich glaube ich dir. Hast du nur kurz das Nest verlassen und das Ei wurde uns dazu gelegt?“

„Nein, ich war immer da. Das hätte ich doch mitbekommen.“

„Egal, wir lieben unseren Benjamin genauso wie die anderen Kinder. Mach dir keine Gedanken, Bruni. Soll er doch etwas aus der Reihe tanzen! So etwas passiert sogar in den allerbesten Adelsfamilien. Schau mal in so manche Königshäuser!“, beruhigte sie ihr Mann.

Die Jungvögel entwickelten sich gut und gingen eines Tages ihre eigenen Wege. Hubertus wollte trotzdem herausfinden, warum Benjamin anders aussah als die übrigen Kinder. Er hegte kein Misstrauen gegen seine Frau, war aber neugierig und wollte der Ursache auf den Grund gehen. Würde es sich aufklären?

Zusammen mit Bruni erstellte er auf seinem Tablet eine Ahnentafel. Die beiden baten all ihre noch lebenden Verwandten um Auskünfte, und bald war der Stammbaum bis auf wenige leere Felder ausgefüllt. Und siehe da, vor vier Generationen gab es bei Hubertus´ Vorfahren schon einmal ein grün gefiedertes Vögelchen. Das Geheimnis war gelüftet.

„Wir sagen es den Kindern, ja? Sie sollen es wissen, falls sie von anderen angesprochen werden.“

„Das finde ich auch. Vielleicht bekommen wir bei der nächsten Brut ja wieder ein besonderes Küken?“

„Ja Hubertus, darüber würde ich mich freuen. Und wehe, einer sagt nochmal zu Benjamin:

„Du falsches Vogelkind!“

Genuss

Kurz vor zehn Uhr im Einrichtungsstudio.

Helen erwartete Kundenbesuch und überprüfte den Besprechungsraum. Frische Blumen, gekühlte Getränke und Kekse standen bereit, gedämpftes Licht verbreitete eine angenehme Atmosphäre. Helen hatte Dreikantmaßstab, Füller und Notizblock bereitgelegt und machte sich nochmal frisch. Ein Hauch ihres Lieblingsduftes mit Verbene und Bergamotte versetzte sie in Hochstimmung. Duft war für sie Genuss pur.

Die Studiotür öffnete sich und zwei gut aussehende Herren kamen auf sie zu.

Herr Curtius, Architekt und Inhaber eines Planungsbüros, hatte diesen Termin mit ihr vereinbart. Der Fünfzigjährige trug ein schneeweißes Hemd mit hellgrauem Seidenschal zur schwarzen Leinenhose und italienische Slipper. Leicht gewellte, etwas längere Haare passten zum gepflegten Drei-Tage-Bart. Das Umwerfende waren jedoch seine von kleinen Fältchen umsäumten hellblauen Augen, die mit blendend weißen Zähnen ein gewinnendes Lächeln aussandten. Helen bemerkte sofort die neue Breitling Armbanduhr an seinem gebräunten Arm. Er war Segler wie sie. Nicht nur dieses Hobby verband die beiden. Sie schätzten gegenseitig Fachkompetenz und die Passion für kreatives Gestalten.

„Guten Morgen Frau Michels, Herr Dr. Abraham!“, stellte er seinen Kunden vor.

„Guten Morgen. Herzlich willkommen, meine Herrn. Was darf ich Ihnen anbieten?“

„Ein doppelter Espresso wäre fein.“

„Dem schließe ich mich an, Frau Michels. Herr Curtius ist mein Architekt und hat mir von Ihrer guten Zusammenarbeit erzählt. Nun bin ich gespannt.“

„Lassen Sie uns im Konferenzraum in aller Ruhe ihr Projekt besprechen. Bitte folgen Sie mir.“

Helen bestellte bei ihrer Sekretärin die Getränke, als sie Platz genommen hatten. Sie musterte ihren Gast, der gegenüber saß. Herr Dr. Abraham war wohl so Mitte fünfzig, groß, sportlich, kurzer Haarschnitt. Über eine modische Lesebrille blitzten sie wache, tiefblaue Augen an. Seine elegante Erscheinung wurde durch ein türkisfarbenes Poloshirt mit dunkelblauer Jeans von Baldessarini und weißen Sneakers besonders betont. Eine goldene Uhr von IWC glänzte am Arm. Trotz der feingliedrigen Finger hatte sie seinen festen Händedruck verspürt.

Er war also der neue Besitzer des alten Fabrikgebäudes im Textilviertel, das wieder mit Leben gefüllt werden sollte.

Seine Vision:

Im Erdgeschoss entstehen eine Galerie, ein Kunstgewerbeladen, daneben ein Bistro und eine Werkstatt für einen Oldtimer-Restaurator. Das Loft im Obergeschoss wird aufgeteilt in die eigene großzügige Wohnung und ein Atelier mit Büro für seine Frau Francine, einer Schmuckdesignerin.

Der Architekt entrollte die Pläne, Helen beugte sich interessiert über die Zeichnungen und sagte:

„Das wird eine Herausforderung!“

„Deshalb sind wir hier, Frau Michels.“

„Herr Dr. Abraham, ich soll Ihre Küche und den Essbereich gestalten. Das Loft erlaubt eine offene Raumplanung. Ich möchte Sie näher kennenlernen. Die Einrichtung soll ja zu Ihnen passen. Wie sehen Ihre Vorstellungen aus?“

„Nun, Frau Michels, ich bin Arzt und arbeite als Neurologe in der Klinik. Meine Frau ist Kunsthandwerkerin und hilft zusätzlich als gelernte Buchhändlerin ehrenamtlich zwei Tage pro Woche in der Stadtbibliothek, wo wir uns vor vielen Jahren kennengelernt hatten. Meine Leidenschaften sind Golfen und Kochen. Wir laden gerne Gäste ein. Sie sehen, in der Küche spielt sich das Leben ab. Das wird unser Kommunikationszentrum, und darauf lege ich allergrößten Wert.“

„Herr Doktor …“

„Lassen Sie bitte den Titel weg, Abraham genügt. Ich bin privat hier.“

„Wie Sie wünschen. Lassen Sie mich an Ihren Kochgewohnheiten teilhaben?“

„Unsere Reisen beeinflussen die Rezepte. Ich liebe die asiatische Küche genauso wie die aus Nordafrika. Italienisch und französisch zu speisen versteht sich von selbst. Ihre Aufgabe ist es, meine neue Traumküche zu gestalten. Kochen ist für mich schon Genuss vor dem Essen. Sie haben freie Hand, freies Budget, und ich entscheide mich unter drei Angeboten für die Planung, die mich anspricht. Natürlich müssen Qualität und Funktionalität passen. Und noch etwas: Wer den Auftrag erhält, wird mit mir für die große Einweihungsparty kochen! Die technischen Details besprechen Sie bitte mit Herrn Curtius. Er kümmert sich um alle Gewerke. Ich muss zum Dienst und darf mich verabschieden. Danke für den hervorragenden Espresso. Verraten Sie mir die Marke?“

„Das lässt sich machen. Danke für Ihren Besuch, Herr Abraham.“

„Gerne, ich bin neugierig auf Ihren Entwurf.“

Helen brachte ihn zur Tür und besprach noch wichtige Einzelheiten mit dem Architekten. Herr Curtius wusste, dass sie nicht nur gute Ideen hatte, sondern auch ein Faible fürs Kochen.

„Frau Michels, Sie stehen mit zwei weiteren Anbietern im Wettbewerb. Lassen Sie Ihrem Ideenreichtum freien Lauf. Wann kann ich mit Ihrem Entwurf rechnen? In zwei Wochen?“

„Ja, das sollte reichen. Ich melde mich. Lassen Sie mir die Pläne gleich da?“

„Natürlich. Ich bin gespannt. Bis bald.“

Helen freute sich auf diese Aufgabe. Eine Küche in einem Loft einzurichten, das kam nicht alle Tage vor. Sie war sich bewusst, dass Herr Curtius eine perfekte Planung erwartete. Sie würde ihn nicht enttäuschen und machte sich sogleich an die Arbeit.

„Chiara, teilen Sie bitte Herrn Dr. Abraham unseren Kaffeelieferanten mit. Der Espresso war perfekt. Wo kaufen Sie neuerdings ein?“

„Bei Mi Cafecito, der Bio-Kaffeerösterei am Ort.“

„Bestellen Sie bitte nächstes Mal zwei Kilo für mich privat.“

„Mach ich gern. Übrigens, Ihr nächster Termin ist erst nachmittags um vier auf der Baustelle der Familie Altenburger im Neubaugebiet. Soll ich Ihnen später etwas zu Essen mitbringen?“

„Oh, das wäre fein. Einen Gourmet-Salat vom Feinkostladen und ein Dinkelbrötchen. Chiara, Sie sind ein Schatz!“

Helen erfasste am PC den Grundriss im CAD-System und druckte ihn aus. Mit Transparentpapier und Bleistift skizzierte sie einige Ideen, die sie schon im Kopf hatte.

Ihr Konzept sah so aus:

Der Betonfußboden wird abgeschliffen und transparent lackiert. Stahlträger und Balken bleiben sichtbar. Die bodentiefen Metallfenster erhalten neue Dreifach-Verglasungen. Um den extrem langgezogenen Raum in Funktionsbereiche aufzuteilen, setzt man Kochen, Speisen und Wohnen in unterschiedliche Höhen auf Holzpodeste mit Industrieparkett.

Zur Küche:

Lichtgrau mattlackierte Möbelfronten werden kombiniert mit einer Arbeitsplatte aus weiß spiegelndem Lapitec, einem unempfindlichen, gesinterten Steingutwerkstoff. Die Sockelblenden in Spiegeldekor unten am Korpus werden beleuchtet, damit die Küche optisch schwebt. Eine neu zu fertigende Trennwand beherbergt frontbündig montierte Gerätehochschränke, die Dampfbackofen, Dampfgarer, Wärmeschublade, Vakuumierer und Kaffeeautomat aufnehmen. Dezente Spachteltechnik veredelt diese Abkofferung. Der Spülenblock dazu im rechten Winkel wird mit flächenbündig eingelassenem Edelstahlbecken versehen und einer professionellen Mischbatterie ausgestattet. Darunter findet ein Auszug zur Müllsortierung Platz. Seitlich begrenzen ein Highboard mit Vorratsauszügen und ein hochgebauter Geschirrspüler den Vorbereitungsblock. Die Faltklappenhängeschränke darüber bieten Stauraum und lassen hinter Schwarzglas Porzellan und Trinkgläser erahnen, als Blickfang darunter sitzt eine vollflächig beleuchtete Glasrückwand mit einem Motiv, das sich der Kunde aussucht. Gekocht wird auf der gegenüberliegenden Insel. Über breiten Auszugsschränken für Kochgeschirr finden Teppanyaki zum direkt darauf Braten, Wok-Kochstelle, Flächeninduktionsfeld und ein Salamander zum Gratinieren Platz, sowie eine kleine Wasserstelle mit Ausgussbecken. In der Größe des Kochblocks hängt ein Deckenkoffer an Stahlseilen und nimmt die Dunstabzugshaube auf. LED-Spots leuchten den Kochbereich aus, indirektes Licht nach oben sorgt für eine optische Raumaufteilung und reduziert damit die Raumhöhe. Die Insel schafft mit einer naturbelassenen, dicken Zirbenholz-Theke den Übergang zum freistehenden Esstisch, den Helen ebenfalls von einem Lieferanten aus Tirol bekommt. Allein schon der Duft der Zirbe ist ein besonderer Genuss. An den Außenwänden wird der abgebröckelte Putz nicht erneuert. Die Backsteine bleiben sichtbar. Davor soll ein Side-by-Side Kühl-Gefrierschrank mit Barfach und Eiswürfelspender Platz finden, passend als Solist aus Edelstahl zum nüchternen Fabrikraum. Ach ja, in der Hochschrankwand fehlen noch ein Humidor zum perfekten Lagern von Zigarren und der Weintemperierschrank.

Das Konzept stand, Helen begann mit der Ausarbeitung am PC. Genussvoll suchte sie danach passende Accessoires aus wie Teppiche, Leuchten, Barhocker und Dekorationselemente. Einen Künstlerfreund beauftragte sie, ihr Muster für die Gestaltung der Stellwände mit Spachteltechnik zu schicken.

Zwei Wochen vergingen wie im Flug. Helen hatte ihre Entwürfe mit dem Angebot fristgerecht und mit gutem Gefühl eingereicht. Der Tag der Entscheidung stand an. Würde sie zu ihren Gunsten ausfallen?

Helen kam zum Empfang ins Architekturbüro. Gespannt warteten die Gäste auf die Bekanntgabe des Siegers. Charmante Kellner trugen geübt Tabletts mit Champagner ins Foyer. Alle Augen richteten sich auf die Bürotür, aus der Herr Curtius mit Herrn und Frau Abraham vor die Wartenden traten.

„Herzlich willkommen, meine lieben Gäste. Ich freue mich, dass Sie der Einladung gefolgt sind und spanne Sie nicht länger auf die Folter. Familie Abraham hat sich entschieden, wer die Realisation der Einrichtung im Loft übernehmen darf.“

„ And the Oscar goes to ---“

Der Architekt machte eine Pause, öffnete theatralisch den Umschlag und las vor:

„Helen Michels. Ich gratuliere!“

Begeisterter Beifall erfüllte den Raum.

Helen wurde nach vorne gebeten und hoffte, dass der Puder die aufsteigende Wangenröte kaschieren würde. Sie war überglücklich und genoss den Augenblick mit pochendem Herzklopfen. Flipcharts mit ihren Skizzen wurden hereingerollt.

Herr Abraham kam auf Helen zu und stellte sie seiner Ehefrau vor.

„Francine, das ist Frau Michels.“

„Freut mich, Sie endlich kennen zu lernen.“

„Die Freude ist ganz meinerseits. Ihre Entwürfe haben mich sofort begeistert. Mein Mann ist zwar der Koch im Haus und schaut auch auf Funktionalität. Ich habe mich in Ihre Sprache der Optik verliebt und für Sie gestimmt. Auf gutes Gelingen!“

Sie stießen mit bestem Champagner an.

Mit Riesenschritten näherte sich der Tag der Eröffnungsparty, die Herr Dr. Abraham für seine Freunde ausrichten wollte. Er lud Helen frühzeitig ein, um Speisenfolge und Einkäufe zu besprechen. Sie besah sich Küche und Essbereich. Alles war von den Handwerkern zu ihrer Zufriedenheit umgesetzt worden. Ihre Kunden waren begeistert.

„Es ist jedes Mal ein Genuss, diesen Raum zu betreten. Ihre Idee mit dem Spruch an der Wand ist genial: De gustibus non est disputandum. Solche Details zeichnen den Charme aus. Und über Geschmack sollte man nicht streiten.“

„Danke, das sehe ich genauso. Das Menü schreiben wir auf eine Magnettafel und stellen sie auf eine Staffelei neben den Kühlschrank. Was meinen Sie?“

„Prima Idee!“

„Auf dem Stehpult am Eingang könnten Sie ein Gästebuch auslegen.“

„Genial! Besorgen Sie mir bitte ein passendes? Und Kerzen, Servietten und Blumendekoration?“

„Daran hatte ich bereits gedacht und bestellt. Sehen wir uns jetzt die Einkaufslisten an? Ich habe mal Ihre und meine Vorschläge durchgesehen und schlage Folgendes vor, wenn ich darf.“

„Schießen Sie los, ich bin neugierig!“

Helen hatte folgendes Genussmenü komponiert:

Kalt

Speckpflaumen, gefüllte Datteln, Vitello tonnato, Salatbuffet

Warm

klare Tomatensuppe mit Ginsahne, Blattspinatkuchen mit Pinienkernen, gefüllte Champignons, Dinkelfladenbrot vom Backstein mit Kräuteröl

Fisch

gedämpfter Lachs auf Kurkuma- Spinat, Zanderfilet mit Grappa-Schaum, Meeresfrüchte vom Teppanyaki

Fleisch

Kräuterlammkrone, mariniertes Filet vom Piemonteser Rind, Gewürz-Entenbrust mit Pflaumensauce

Beilagen

hausgemachte Tagliolini, Sesam-Kartoffelecken, Gemüsevariationen

Desserts

Erdbeer-Chaipi-Sorbet, Schokotörtchen Surprise

Getränke

San Pellegrino, Bionade, Pils vom Fass, Veuve Clicquot Bellini, Rosé, Chardonnay, Amarone, Brunello di Montalcino, Grand Crue Saint Émilion 2005

Dr. Abraham war einverstanden. Für Cocktails hatte Helen einen guten Barmixer engagiert. Die musikalische Unterhaltung übernahm eine bekannte Soulsängerin mit ihrer Band.

Das Fest war ein voller Erfolg. Die Gäste waren begeistert, von der Einrichtung und der Party.