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Als erstes von fünf Kindern hatte Hanna eine schwierige Kindheit auf dem Bauernhof der Großeltern. Trotz einer verkorksten Schulzeit meisterte sie mit Erfolg ihre Berufsausbildung und gründete eine Familie. Nicht nur ihre Ehe ging in die Brüche. Viele Auf und Abs hatte sie zu bewältigen und an deren Folgen bis ins Rentenalter zu tragen.
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Seitenzahl: 322
Veröffentlichungsjahr: 2022
Gudrun Bernhagen
Die blöde Schuberten
Romanbiographie
Die Handlung der Romanbiographie basiert auf Tatsachen. Die im Roman vorkommenden Namen sind frei erfunden. Das Titelfoto wurde von der Protagonistin zur Verfügung gestellt. Die Zitate am Anfang und Ende des Romans wurden auf ihren Wunsch hin eingefügt.
© 2022 Gudrun BernhagenCoverdesign von: Rudolf Bernhagen
ISBN Softcover:
978-3-347-70231-8
ISBN Hardcover:
978-3-347-70232-5
ISBN e-Book:
978-3-347-70233-2
Druck und Distribution im Auftrag des Autors: tredition GmbH
Halenreie 40-44, 22359 Hamburg, Germany
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Für die Inhalte ist der Autor verantwortlich. Jede Verwertung ist ohne seine Zustimmung unzulässig. Die Publikation und Verbreitung erfolgen im Auftrag des Autors, zu erreichen unter: tredition GmbH, Abteilung „Impressum Service“, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg, Deutschland.
„Das Leben ist etwas so Zerbrechliches, und das Glück lässt sich nicht festhalten.“
(Astrid Lindgren in „Jenseits von Bullerbü – Die Lebensgeschichte der Astrid Lindgren“ von Maren Gottschalk)
Nichts ahnend von all dem, was das Leben bringen würde, erblickte am 31. August 1957 ein kleines Mädchen im sächsischen Leipzig das Licht der Welt. Seine Eltern, Ella und Walter Schubert, waren überglücklich, nachdem auch die Entbindung in der Frauenklinik komplikationslos verlaufen war. Voller Stolz registrierte die junge Mutter das Lob der Hebamme: „Das haben Sie gut gemacht.“ Und sie wollte auch weiterhin alles gut machen. Die tatkräftige Unterstützung ihres Mannes sollte dabei nicht fehlen.
Eine Woche nach der Geburt ihres ersten Kindes wurde Ella mit ihrem Töchterchen nach Hause entlassen, wo sie von nun an alle Hände voll zu tun haben würde, das Kind gut zu versorgen. „Mach’s gut, kleine Hanna, und komm gut durch die Welt!“, gaben die Schwestern der neuen Erdenbürgerin mit auf den Weg.
Da Ella zum ersten Mal Mutter geworden war, fühlte sie sich noch recht unsicher im Umgang mit dem Baby. Sie war froh darüber, dass sie in den ersten Tagen nach der Entbindung von den Schwestern der Klinik die wichtigsten Pflegehinweise erhalten hatte. Wie dankbar war sie dann auch noch ihrer Mutter, dass diese ihr mit ihren Erfahrungen noch drei Wochen zuhause zur Seite stehen konnte.
Bei ihr wohnten sie am Stadtrand in einem kleinen Holzhaus, in dem es sich trotz der kleinen Zimmer durchaus gut leben ließ. Aber mit einem Kind war es dann doch sichtlich enger geworden. Zum Glück bot sich ihnen die Aussicht auf ein geräumigeres Zuhause und auf eine Arbeit mit einem höheren Verdienst als bisher. Diese Möglichkeit ergab sich aus der Notwendigkeit, dass Walters Eltern dringend Hilfe brauchten. Somit gaben sie nun ihre Arbeit in der Leipziger Wollweberei, wo sie sich einst kennengelernt hatten, auf und verließen vier Wochen nach der Geburt ihrer Tochter die Stadt.
Walters Eltern, Martha und Arthur Schubert lebten in der Oberlausitz, in Niesky. Als Vertriebene noch im zweiten Weltkrieg aus Schlesien kommend, hatten sie in diesem Ort eine neue Heimat gefunden. Da Arthur Fleischer war, und sein Handwerk dringend gebraucht wurde, verdankte er seinem Beruf eine vorzeitige Rückkehr von der Front und somit vielleicht sein Leben und auch das seiner Frau und der beiden Söhne.
Nach dem Krieg sah Walters Vater für seine Familie eine Möglichkeit für einen Neuanfang. In den ländlichen Regionen der sowjetischen Besatzungszone wurde eine Bodenreform durchgeführt. Die damit verbundene Umwandlung der Besitzverhältnisse von Grund und Boden und die baldige Gründung der LPG, der Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft, boten Ella und Arthur eine günstige Gelegenheit, sich gemeinsam einen Bauernhof zu kaufen.
Während Martha und Arthur mit dem Bauernhof in der Lausitz heimisch wurden, zog es ihre Söhne, als sie erwachsen waren, in die weite Welt hinaus.
Ganz so weit wie gedacht kamen die beiden Brüder jedoch nicht, denn bereits in Johanngeorgenstadt fanden sie eine Arbeit als Kohlenträger. Während sein Bruder dort sesshaft wurde, zog es Walter schon nach kurzer Zeit weiter nach Leipzig, wo es mehr und bessere Arbeitsangebote gab, und … wo er schließlich seine große Liebe fand.
Obwohl Arthur und Ella in der Fleischerei stets viel und schwer arbeiten mussten, hatten sie keine wirkliche Vorstellung davon, wie viel Arbeit so ein Bauernhof mit allem Drum und Dran machen würde. Hinzu kam, dass sie auch nicht mehr die Jüngsten waren, sodass ihnen die Arbeit auf den Feldern, im Wald und mit den Tieren mit zunehmendem Alter immer schwerer fiel.
Da zu Walters Bruder jeglicher Kontakt verloren gegangen war, bot es sich regelrecht an, dem ihnen verbliebenen Sohn mit seiner kleinen Familie ein neues Zuhause zu geben. Auf dem Bauernhof wurden fleißige Hände gebraucht, und im Haus gab es genügend Platz für alle. Ella und Arthur boten als stolze Großeltern auch an, sich um das Kind zu kümmern, wenn die Eltern anderweitig beschäftigt sein sollten. Mittlerweile gab es in der Region genug Arbeitsangebote, sodass auch der Unterhalt für die Familie gesichert sein würde.
Und so zog die kleine Hanna mit ihren gerade mal vier Wochen zum ersten Mal in ihrem Leben um. Noch war Hanna nicht getauft. Ellas Mutter gehörte keiner Kirche an, und Walters Eltern sollten dafür nicht extra nach Leipzig kommen. Die Taufe wurde dann gleich an einem der ersten Tage in der evangelischen Kirchengemeinde, in der die Familie Schubert Mitglied war, nachgeholt. Schließlich sollte das Kind unter Gottes Schutz aufwachsen.
Nachdem sich Mutter und Vater mit ihrem Kind auf dem Bauernhof häuslich eingerichtet hatten, ging Walter auf Arbeitssuche. Er konnte sofort in der LPG als Traktorist anfangen zu arbeiten. Und als das Töchterchen aus dem Gröbsten heraus war und durchaus von den Großeltern betreut werden konnte, folgte auch Ella seinem Beispiel. Sie wurde in der Gärtnerei der LPG eingesetzt. So verdienten nun beide Eltern den Lebensunterhalt für ihre kleine Familie, halfen aber auch täglich noch nach der eigentlichen Arbeitszeit auf dem elterlichen Bauernhof. Das war sehr anstrengend. Bei der Doppelbelastung blieb ihnen selbst am Wochenende kaum Zeit, um mit ihrem Töchterchen kindgerecht zu spielen.
Hanna war inzwischen schon über ein Jahr alt, hatte laufen gelernt und eroberte sich die bäuerliche Welt. Da war der große Hof zum Spielen, der Stall mit den vielen Tieren, der Gemüsegarten für erste kleine „Arbeiten“ und zum Naschen, aber auch der Wald und die Felder, wohin sie von ihren Eltern oder Großeltern immer mitgenommen wurde, und wo es ebenfalls viel zu helfen gab. Noch war vieles davon für sie ein Spiel. Am liebsten half sie bei der Fütterung der Tiere, wobei Oma, Opa, Mama oder Papa sie stets im Auge behielten, denn noch war Hanna zu klein, um sie allein zu den Tieren gehen zu lassen.
Diese Aufmerksamkeit bekam dem kleinen Mädchen sehr gut. Stand es doch dann wenigstens im Mittelpunkt des familiären Geschehens.
Als Hanna jedoch zwei Jahre alt war, änderte sich das schlagartig, denn ihre Mutter gebar ihr zweites Kind. „Du bist nun die große Schwester“, sagte ihr die Mutter bedeutungsvoll und jedes Wort betonend, und Hanna erzählte überall, wo man es hören oder nicht hören wollte: „Ich bin die große Schwester von meiner kleinen Schwester.“ Deren Namen auszusprechen, fiel ihr noch sehr schwer. Statt Bärbel, nannte sie ihre Schwester einfach nur Babel.
Wiederum ein Jahr später bekam Hanna ein weiteres Schwesterchen, Gisela, von Hanna liebevoll Gesi genannt. Während sich alle um die kleineren Mädchen kümmerten, war Hanna nun zunehmend sich selbst überlassen und musste mit ihren inzwischen fast vier Jahren schon kräftig mit zupacken und kleinere Arbeiten in Haus und Hof regelmäßig erledigen.
Die Tiere gemeinsam mit dem Opa zu füttern, das machte ihr Spaß. Die Schweine schmatzten zufrieden, wenn sie das Futter aus dem Eimer in den Trog schüttete.
In den Hühnerstall durfte sie sogar schon ganz alleine gehen und die Eier einsammeln. Wenn alle heil geblieben waren, kehrte sie dann stolz mit dem vollen Eierkorb in die Küche zurück. Dort musste sie anschließend noch den Hühnerdreck abwaschen und die gesäuberten Eier stempeln, da ein großer Teil der Eier an die LPG abgeliefert werden musste.
Auch das Füttern der Hühner gehörte mittlerweile zu ihren Aufgaben. Die Trinknäpfe mussten mit frischem Wasser gefüllt werden, und die Fressnäpfe mit Getreidekörnern. Die Körner stellte ihr der Opa in einem Eimer bereit. Mit Hilfe einer kleinen Schaufel sollte sie die Futterschalen auffüllen. Sie mochte es jedoch, die Körner für die Hühner gleich neben ihre Füße zu streuen, liefen diese doch dann aufgeregt darauf herum. Mit leichtem Schuhwerk im Sommer oder gar barfuß pikten die Krallen der Hühnerfüße, was sie nicht störte, da sie so auch immer mal wieder ein Huhn streicheln konnte. Am liebsten hätte sie jedem Huhn einen Namen gegeben, aber sie zu unterscheiden, das fiel ihr schwer. Dafür waren es einfach zu viele.
Nur der einzige Hahn, der immer erhaben herumstolzierte, kam in den Genuss, von ihr liebevoll „Großer“ genannt zu werden. Hüpfte er auf eine Henne, mischte sich Hanna unvermittelt ein und scheuchte ihn weg. In ihrer kindlichen Naivität wollte sie nicht, dass der Hahn ihren Hühnern Schmerz zufügte. Warum sich die Erwachsenen darüber lustig machten, wusste das kleine Mädchen nicht und fühlte sich dann unverstanden.
Es gab für Hanna aber auch durchaus Aufgaben, die sie überhaupt nicht mochte. Schon im Kleinkindalter gehörte es zu ihren Pflichten, den Müll oder die Küchenabfälle auch bei Wind und Regen täglich herauszubringen. Im Frühling, Sommer und Herbst bereitete ihr das keine große Mühe. Im Winter sollte sie jedoch zusätzlich, vor dem morgendlichen Heizen, die Asche vom Vortag hinausbringen. Das war für das kleine Mädchen eine der unangenehmsten Aufgaben, war es doch nicht nur mitunter eisig kalt draußen, es war auch noch rabenschwarz dunkel. Das spärliche Hoflicht reichte nicht einmal bis zum Komposthaufen, geschweige denn bis zur Aschentonne, die noch weiter vom Haus entfernt stand.
So kämpfte sich die kleine Hanna jeden Morgen tapfer durch die Kälte und Dunkelheit. Ins Haus zurückgekehrt, hätte sie sich sicherlich über ein „Dankeschön“ oder „Gut gemacht!“ gefreut, aber die Eltern waren so beschäftigt, dass sie für diese selbstverständliche Pflichterfüllung keinen Blick hatten.
Während im ersten Winter auch alles so weit gut ging, wurde ihr im darauffolgenden Jahr diese Aufgabe gründlich verleidet. Ihren Wintermantel übergeworfen und die Füße in die Stiefel gesteckt, näherte sie sich wie immer noch schlaftrunken mit dem Ascheeimer ihrem Ziel, wo sie plötzlich von einem großen schwarzen Hund angegriffen wurde. Reflexartig hob sie den Arm, um ihr Gesicht zu schützen. Das war Glück im Unglück. Wollte der Hund ihr wohl ins Gesicht beißen, so war es nun nur der Unterarm. Vor Schmerz, Angst und Entsetzen ließ sie den Ascheeimer fallen und rannte schreiend zum Haus zurück. Ihr Vater, der durch den Lärm alarmiert war, kam ihr auch schon entgegen und konnte den Hund, der ihm nicht unbekannt war, mit einem schnell ergriffenen Spaten vertreiben.
Es war für Walter nun wichtig, sich sofort um seine Tochter zu kümmern. Er beruhigte Hanna und entschied nach Begutachtung der stark blutenden Bisswunde, dass sie dringend einen Arzt brauchte.
Während Ella ihrer Tochter notdürftig einen Verband anlegte, um die Wunde vor Schmutz zu schützen und möglichst zu stillen, rannte Walter zur nächst gelegenen öffentlichen Telefonzelle, um einen Notarzt zu rufen. Es dauerte eine gefühlte Ewigkeit, bis das Signal des näherkommenden Martinshorns zu hören war und der Krankenwagen endlich vor dem Tor stand. In der Zwischenzeit hielt Ella ihre Tochter tröstend in den Armen. Hanna genoss diese Umarmungen und Zärtlichkeiten ihrer Mutter, sodass der Schmerz gelindert wurde und nur noch halb so schlimm war.
Gemeinsam mit ihren Eltern wurde Hanna im Krankenwagen ins nächste Krankenhaus gebracht, wo ihr Arm fachgerecht medizinisch versorgt wurde. Die gereinigte und desinfizierte Wunde wurde genäht und steril verbunden. Leider musste die kleine Hanna auch noch eine Spritze über sich ergehen lassen, als ob der Schmerz und Kummer nicht schon groß genug waren. Die Ärzte hielten es für sehr wichtig, sie vorsichtshalber noch gegen Tollwut zu impfen.
Nach der Behandlung wurde Hanna für ihre Tapferkeit während der ärztlichen Behandlung noch von ihren Eltern mit einem großen Eis belohnt. Drei Kugeln durfte sie sich sogar aussuchen. Sie nahm von jeder Sorte eine: Schoko, Erdbeere und Vanille. Auch auf dem Heimweg mit dem Bus genoss sie sichtlich die neugierigen Fragen und das Mitgefühl der anderen Fahrgäste, die auf ihren dick verbundenen Arm aufmerksam wurden. „Oh, das tat ja bestimmt ganz doll weh“, bekam sie zu hören. „Ach, das war alles gar nicht so schlimm“, erklärte Hanna mit kindlichem Stolz. Nach so viel Zuwendung konnte Hanna dem Hundebiss momentan sogar etwas Positives abgewinnen.
Auch wenn die Eltern und später die Großeltern Hanna über die Schmerzen hinwegtrösten konnten, und die Bisswunde nach wenigen Wochen bereits verheilt war, so würden Hanna die Angst vor Hunden und die Narbe am Unterarm ein Leben lang begleiten.
Noch am gleichen Tag machte sich ihr Vater auf den Weg zum Hundebesitzer und forderte ihn auf, seinen Hund nicht mehr frei herumlaufen zu lassen. Der Bauer bestritt natürlich, dass es sein Hund gewesen war, denn dieser sei nicht aggressiv. „Sollte ich deinen Hund noch einmal frei rumlaufen sehen, zeige ich dich an!“ Mit diesen Worten ließ er den Bauern stehen und hoffte inständig, dass dieser seinen Hund ab sofort anleinen würde. Zudem leerte der Vater seit diesem Vorfall jeden Morgen den Ascheeimer selbst, um seine Tochter nicht wieder einer solchen Gefahr auszusetzen. Hanna war darüber sehr froh, und ihre kindliche Seele liebte den Vater daraufhin noch mehr, glaubte aber auch, dass es Gott war, der ihre kleinen Gebete erhört hatte.
Zur Geburt ihrer ersten Schwester hatte Hanna eine Puppe geschenkt bekommen, damit sie wie ihre Mutter ein Baby hatte. Diese Puppe liebte sie über alles. Und obwohl sie ihr ständiger Begleiter war, vergaß sie es wenige Tage nach der Hundeattacke, diese abends mit in ihr Zimmer zu nehmen. Als sie im Bett lag und die Oma ihr eine Gute-Nacht-Geschichte erzählte, fiel ihr die fehlende Puppe auf. Sie wagte es jedoch nicht, ihre Oma zu bitten, noch einmal aufstehen zu dürfen. Auch wollte sie nicht ihre Oma die Treppe runter- und wieder raufschicken, um ihr die Puppe zu bringen. Und so blieb diese über Nacht im Hof auf dem Fensterbrett sitzen.
Als Hanna am nächsten Morgen wieder mit ihrer geliebten Puppe spielen wollte und auf den Hof hinausging, war sie bei deren Anblick schockiert. Die Puppe lag entsetzlich entstellt und zerbissen auf dem Boden. Sie rief sofort nach ihren Eltern, die jedoch diesmal für das Geschrei und die Tränen wegen einer Puppe nicht so viel Verständnis aufbrachten. Dennoch versprach ihr Vater: „Das kriegen wir wieder hin. Der Puppendoktor wird das schon richten.“
Bedauerlicherweise konnte der Vater dieses Versprechen nicht halten, denn die Puppe war so stark zerbissen, dass eine Reparatur nicht mehr möglich war. Der Schäferhund hatte ganze Arbeit geleistet. „Na, dann bekommst du sicherlich zum Geburtstag eine neue Puppe geschenkt“, hörte Hanna einen der Erwachsenen sagen. Sie hingegen fragte sich schon, warum sie nicht sofort eine neue bekommen könnte, aber das laut zu sagen, traute sie sich nicht. Hanna hatte keine Zeitvorstellung davon, wann sie wieder Geburtstag haben würde. Sie wusste nur, dass es irgendwann im Sommer sein müsste, und bis dahin würde es noch sehr lange dauern.
Wenn es auch für Hanna erst einmal keine neue Puppe gab, so machte ihr Vater wenigstens seine Ankündigung wahr, denn das war er seiner Tochter schuldig, und ging zur Polizei, um den Bauern und seinen Hund anzuzeigen. Zufriedenstellend konnte die Familie in den darauffolgenden Wochen und Monaten feststellen, dass der Hund nicht mehr zu sehen war. Somit war die Anzeige wohl erfolgreich gewesen.
Die Angst vor Hunden war nicht nur die einzige Sorge, da Hanna schon überhaupt ein recht ängstliches Kind war. Leider trugen die Erwachsenen nicht gerade dazu bei, ihr die Ängste zu nehmen. Ganz im Gegenteil, sie schürten sie oft noch.
Seit ihrer Geburt war Hanna ein klassischer Daumenlutscher. Während der Daumen im Mund steckte, hatte der Zeigefinger die darüber liegende Nase fest im Griff. Da kam es dann auch schon mal vor, dass der Daumen wund gebissen war. Um das Lutschen möglichst zu unterbinden, wickelte ihre Mutter den Daumen in Mullbinden ein und klebte alles mit einem Pflaster an der Hand fest. Vergeblich … Denn trotz aller Sorgfalt, die die Mutter beim Verbinden walten ließ, fand sie am darauffolgenden Morgen Pflaster und Mullbinde stets auf dem Fußboden liegend vor.
Onkel Otto, der eigentlich nicht ihr Onkel, aber ein guter Freund der Großeltern war, fühlte sich besonders schlau und drohte dem kleinen Mädchen damit, das Problem zu lösen, indem er ihr den Daumen mit einer Schere abschneiden würde. Was für ihn sicherlich ein Spaß war, erschütterte Hannas kindliches Gemüt. Die Vorstellung vom abgeschnittenen Daumen ließ diesen erst recht Schutz suchend in den Mund wandern.
Ihre Oma, die sie eigentlich sehr mochte, war da genauso ungeschickt, wenn es darum ging, das Kind zum Schlafen zu bewegen. Wie oft hörte Hanna von ihr den Hinweis: „Wenn du nicht schläfst, dann wird das Käuzchen rufen. Und jedes Mal, wenn es ,Kewitt‘ ruft, stirbt jemand. Möchtest du das?“ Verängstigt und tief in ihr Bett versunken, schüttelte Hanna den Kopf. Nachdem die Oma dann das Zimmer verlassen hatte, bekam das kleine Mädchen Angst vor dem Käuzchen und versteckte sich unter der Bettdecke.
Unter „Jemand“ konnte sich Hanna nichts vorstellen. Für sie hörte es sich immer so an, als ob ein Mitglied der Familie sterben sollte. Also sendete sie unter der Bettdecke schnell ein Gebet zu Gott: „Lieber Gott, bitte lass Mama, Papa, Oma, Opa, Babel und Gesi nicht sterben!“ Wenn dann am nächsten Morgen alle wieder am Frühstückstisch saßen, war die Welt für sie wieder heil, und sie bedankte sich leise bei Gott für seine Hilfe.
Hannas Schwestern wuchsen heran und wurden damit auch ihre ständigen Spielgefährten. Da sie nun für die großelterliche Obhut alle drei alt genug waren, ging ihre Mutter wieder arbeiten. Und obwohl die Oma und der Opa immer wieder mal ein Auge auf die Mädchen warfen, waren sich die drei sehr oft selbst überlassen. Während allerdings Babel und Gesi eher ruhig und pflegeleicht waren, war Hanna ein echter Zwirbel, ein kleiner Wirbelwind, der die meiste Aufmerksamkeit der Erwachsenen forderte.
Die Altersunterschiede zwischen den drei Geschwistern waren eigentlich nicht so groß, trotzdem fühlte sich Hanna oft als das dritte Rad am Wagen. Ihre beiden Schwestern hielten zusammen wie Pech und Schwefel, vor allem wenn es um Schuldzuweisungen ging. Immer schoben sie die Ältere vor, sodass sie trotz ihrer Geschwisterliebe oft in Streit gerieten. Unterstützt wurden die jüngeren Schwestern auch durch ihre Eltern, die den Kleineren nicht so viel Unfug zutrauten. Schließlich hatte Bärbel einen Herzfehler und war damit sowieso schon die Schwächere, während Gisela von Natur aus ein sehr ruhiges Kind war. Und Hanna, der kleine Freigeist, trug nun auch noch als Älteste immer die größte Verantwortung. Sie musste für den Blödsinn, den die drei Mädchen zusammen oder die beiden Schwestern allein ausheckten, oft die Schelte der Eltern ertragen. Diese verbalen Vorhaltungen und handgreiflichen Strafen empfand Hanna meist als ungerecht. „Warum immer ich?“, wehrte sie sich wiederholt und bekam als profane Antwort meist nur zu hören: „Weil du die Älteste bist.“
Hanna fühlte sich mit ihren Sorgen oft allein gelassen. Wenn sie sich wehren oder verständlich machen wollte, bekam sie immer ein abfälliges „Ach, du …!“ zu hören. Und so fühlte sie sich in ihrem Kummer meist nicht ernst genommen. Wie schön wäre es für sie gewesen, wenn sie für die ordentliche Erledigung ihrer Aufgaben ein wenig Anerkennung erhalten hätte. Aber wehe, sie erfüllte eine Aufgabe mal nicht zur Zufriedenheit ihrer Eltern … Dann gab es sogar Schläge.
In ihrer Hilflosigkeit hielt sich Hanna für dumm. Und es gab niemanden in der Familie, der ihren Kummer ernsthaft wahrnahm. Als sie es eines Tages nicht mehr aushielt, suchte sich ihr kindliches Gemüt ein Ventil. Sie kletterte auf den Apfelbaum und schrie so laut sie konnte. Und … endlich wurde sie erhört! Ihr Geschrei wurde wahrgenommen. Doch als die Eltern sahen, dass nichts passiert war, riefen sie ihr zu: „Hörst du auf zu schreien! Komm da sofort runter!“ Oh, oh …! Dieser Ton verhieß nichts Gutes. Sie wurde vom Baum geholt und bekam den Hintern versohlt. „Du hast wohl ne Meise! Was ist los mit dir?! Was sollen denn die Leute denken?!“, warf ihr die Mutter vor. Doch wie sollte das Mädchen ihren Eltern ihr Verhalten erklären?!
Es gab aber auch schöne Momente, Momente der völligen Freiheit. Da das Grundstück nicht eingezäunt war, waren die Mädchen in ihrem Bewegungsradius nicht eingeschränkt. Wenn alle Aufgaben erledigt waren, ging es unter der Aufsicht und Verantwortung der älteren Schwester früh raus und nur zum Essen und abends, wenn es dunkel wurde, wieder ins Haus.
Der Spielmöglichkeiten auch mit anderen Kindern aus dem Ort gab es viele. Sehr oft waren sie im nahe gelegenen Wald und bauten sich aus Bruchholz kleine Höhlen und Hütten. Sie spielten Verstecken, Räuber und Gendarm und kletterten auf die Bäume. Je höher, umso besser. Leider blieb dabei auch so manches Kleidungsstück, oft aus Spenden der Kirche stammend, an den Ästen hängen. Die Risse wurden dann von der Oma wieder in mühevoller Handarbeit repariert. Zur Strafe musste Hanna dann eben Flickenkleider tragen. Für Neues reichte das Geld angeblich nicht.
Auf dem offenen LPG-Gelände ließ es sich ebenfalls wunderbar spielen, zumal es gleich neben dem Bauernhof gelegen war. Ansässig war dort auch die örtliche Stellmacherei, in der Räder, Wagen und andere landwirtschaftliche Geräte aus Holz hergestellt und repariert wurden. Davor standen mehrere große Wannen für die Holzbearbeitung bereit. Wofür diese dienten, wussten die Kinder allerdings nicht. Aber die Flüssigkeit darin eignete sich sehr gut zum Spielen. Matsch, das war das große Zauberwort. Sand und Wasser und Dreck … Das machte Spaß! Da lohnte sich die abendliche Reinigung.
Eines Tages endete dieses Reinigungsritual mit einem Transport ins Krankenhaus, denn Hanna hatte beim Spielen dummerweise Flüssigkeit aus der Wanne getrunken, und ihr Gesicht lief abends rot und blau an. Die herbeigerufene Gemeindeschwester tendierte in ihrer Diagnose zu einer Vergiftung. Den Transport ins Krankenhaus übernahm dieses Mal ihr Vater höchstpersönlich mit seinem inzwischen in der LPG-Schmiede aufgebauten Moskwitsch. Das ging schneller. Hannas Mutter begleitete die beiden.
Im Krankenhaus wurde Hanna sofort der Magen ausgepumpt. Das war ein furchtbares Gefühl. Sie hatte Angst und rief nach ihrer Mutter und ihrem Vater, die draußen warten mussten. Sie beruhigte sich erst wieder, als ihre Eltern an ihrem Bett saßen und sie fest in den Armen hielten. „Hatte es dir hier so gut gefallen, dass du ein zweites Mal herkommen wolltest?“, fragte der Vater mit einem schelmischen Lächeln. „Na, wollen wir mal hoffen, dass es kein drittes Mal geben wird“, meinte ihre Mutter. „Für heute musst du erst einmal hierbleiben. Und wenn alles gut geht, dann dürfen wir dich morgen wieder abholen. Das wird es doch, oder, meine kleine Hanna?“ Das Mädchen lächelte, nickte ihrer Mutter brav zu und war glücklich ob der Zuwendung und Aufmerksamkeit ihrer Eltern. Muss ich immer erst krank werden, damit sie mich liebhaben, fragte sich Hanna, für die in diesem Moment die Welt wieder heil war.
Am nächsten Tag holte sie ihr Vater wieder mit dem Auto ab, da sich Hanna sehr gut erholt hatte. Als sie gemeinsam das Krankenhaus verließen, nahm Hanna allen Mut zusammen und fragte ihren Vater: „Darf ich mir heute wieder ein Eis kaufen?“ Ihr Vater, der wohl wusste, worauf seine Tochter mit dem „wieder“ anspielte, hatte jedoch keine Zeit. „Nein, Hanna, tut mir leid, heute nicht, ich habe es ganz eilig.“
Einen Tag nach ihrem sechsten Geburtstag wurde Hanna in die Polytechnische Oberschule eingeschult. Da beide Tage hintereinander lagen, gab es nur ein Fest und nur einmal Geschenke. Der Geburtstag fiel sozusagen aus. Dadurch wurde die Einschulung für Hanna ein ganz besonderer Tag, zumal sie dafür auch noch ordentlich ausstaffiert wurde.
Es war ihre Oma, die mit ihr in die Stadt gefahren und ins Kaufhaus gegangen war, da ihre Eltern wie schon so oft keine Zeit und auch kein Geld hatten. Walters Mutter wollte unbedingt für ihre älteste Enkeltochter ein schönes Kleid kaufen. Schließlich wird das Kind nur einmal im Leben eingeschult. Zu einem blauen Kleid kaufte die Oma sogar noch weiße Kniestrümpfe und passende Schuhe dazu. Selbst die Unterwäsche wurde neu gekauft. Das war noch nie zu irgendeinem Geburtstag der Fall, soweit sich Hanna daran erinnern konnte. Sie schloss daraus, dass die Einschulung ein ganz besonderes Ereignis sein müsste.
Nun hätte sie eigentlich glücklich sein können, zumal ihre Patentante Marlies die Füllung der Zuckertüte übernommen hatte und genau wusste, was da hineingehörte. Tante Marlies war für Hanna eine Art Vorbild, arbeitete sie doch als Erzieherin im Kindergarten. Selbst wenn sie selbst nie diesen Kindergarten besucht hatte, so beobachtete sie ihre Tante sehr genau dabei, wie sie mit kleinen Kindern umging. Das gefiel Hanna so gut, dass sie dieses Verhalten unbewusst auch im Umgang mit ihren jüngeren Schwestern und Spielkameraden imitierte. Wenn sie „Mutter-Vater-Kind“ spielten, wünschten sich die anderen Kinder stets, dass sie die Rolle der Mutter übernehmen sollte. Durch diese Spielerfahrungen entwickelte Hanna sogar zunehmend den Wunsch, später auch einmal Kindergärtnerin zu werden wie ihre Patentante Marlies.
Am Tag der Einschulung fühlte sich Hanna trotz oder gerade wegen der neuen Kleidung nicht wohl in ihrer Haut. Noch nie war sie so hübsch angezogen gewesen. Die Angst, sich womöglich schmutzig zu machen, war viel zu groß. Hinzu kam noch ihre neue Frisur. Ihre Mutter hatte ihr in aller Eile einen frischen Topfschnitt verpasst. Die ersten Milchzähne hatte sie ebenfalls noch vor der Einschulung verloren. Beim Lächeln kam die blöde Zahnlücke, für jedermann deutlich sichtbar, zum Vorschein. Oh …, oh …! Hanna fühlte sich trotz der hübschen Bekleidung so hässlich und war überhaupt kein stolzer ABC-Schütze. Vom ersten Tag an wurde somit ihr Weg zur Schule von zweifelhaften Ängsten begleitet.
Bis zur Einschulung hatte Hanna kaum Kontakt zu anderen Kindern gehabt, da sie ja nie den Kindergarten besucht hatte. Neben ihren Schwestern gab es noch einige Dorfkinder und Kinder aus der Kirche, zu denen sie Kontakt hatte. Ihr hauptsächlicher Spiel- und Lebensbereich war jedoch nun mal der Bauernhof, wo jede Hand gebraucht wurde. Auch ihre kleinen Hände. In dieser häuslichen Umgebung fühlte sie sich sicher, in der Schule jedoch fehlte ihr diese Sicherheit.
In ihrer Schule gab es nur eine erste Klasse mit sechzehn Kindern, fünf Mädchen und elf Jungen. Da sie keines der Kinder kannte, hatte Hanna das Gefühl, nicht dazuzugehören. Die anderen zeigten ihr auch deutlich, dass sie nichts mit ihr zu tun haben wollten, auch die Mädchen nicht.
Sie schämte sich, da sie im Schulalltag grundsätzlich irgendwelche alten Klamotten, reparierte Almosen von anderen Familien, abtragen musste, und hatte eine wahnsinnige Angst davor, von ihren Mitschülern ausgelacht zu werden.
Auch hatte sie Angst vor den strengen Lehrern und ihren festgelegten Regeln. Die Schüler mussten ruhig in der Schulbank sitzen und durften im Unterricht nicht auf die Toilette gehen. Beides trug sicherlich dazu bei, dass sie wiederholt nasse Hosen hatte und deshalb nach Hause geschickt wurde, wofür ihre Mutter dann leider überhaupt kein Verständnis zeigte.
Hanna versuchte in der Schule zwar gehorsam zu sein, aber sie war nun mal ein lebhaftes Kind und hielt sich ungerne an die Regeln. Besonders in den Pausen tobte sie gern herum, obwohl das Rennen auf dem Schulhof verboten war. Hin und wieder kam es auch zu einem Zusammenstoß mit anderen Schülern, durch die sie sich lautstarke Ermahnungen der Lehrer einhandelte, auf die sie wiederum patzig reagierte. Auf dem Zeugnis wurde ihr dieses Verhalten oft mit der Note Vier in Betragen quittiert. Trotz all dieser unrühmlichen Begleitumstände fand sie in den ersten Schuljahren durchaus noch Freude am Lernen. Besonders das Schreiben und Lesen machten ihr Spaß.
Ein Jahr nach Hannas Einschulung kauften ihre Eltern unweit ihres jetzigen Zuhauses einen eigenen Bauernhof. Er war noch in einem sehr guten Zustand und bot mehr Platz, sodass die Großeltern ihren Bauernhof verkauften und mit in das nunmehr ihrem Sohn und der Schwiegertochter gehörende Haus zogen. Mit der Familie zogen auch alle Tiere in die neuen Ställe und Gehege ein. Der Tiere gab es viele. Zwei Schweine, eine Kuh, ein Ochse, ein Pony, ein Pferd, Hühner, Enten, Gänse, Tauben, Hasen, Ziegen, eine Katze und ein Hund.
Zum Hof gehörten auch wieder Felder, eine Wiese und Wald. Die Felder wurden mit der Hand bestellt und bewirtschaftet. Der Ochse und der Haflinger waren dabei eine große Hilfe. Während die Feldarbeit hauptsächlich in den Frühlings-, Sommer- und Herbstmonaten bewältigt wurde, musste man sich um die Tiere unabhängig von der Jahreszeit jeden Tag kümmern. Auch an den Wochenenden. Das war schwere Arbeit, besonders auch für die drei Töchter, die mit zunehmendem Alter schwierigere Aufgaben übernehmen mussten.
Hanna wurde zu ihrem Leidwesen meistens zum Führen des Ochsen vor dem Pflug eingesetzt. Sie hasste diese Arbeit, da ihr das Tier immer wieder auf die Füße trat. Der Vater hatte kein Verständnis für diese Ungeschicktheit seiner Tochter und trieb den Ochsen mit der Peitsche tüchtig an. Bei jedem einzelnen Peitschenknall zuckte Hanna zusammen. Vor der Peitsche hatten sie großen Respekt. Jeder Schlag klang wütend und brutal. Dazu kamen die antreibenden Tiraden ihres Vaters: „Stell dich doch nicht so blöde an! Nun zieh ihn ordentlich am Kopf!“ „Das mache ich doch, aber der Ochse stellt sich stur“, hätte sich Hanna gerne erklärt. Stattdessen sagte sie sich immer wieder aus Angst, dass sie ein Peitschenhieb treffen könnte: „Bloß nicht widersprechen. Bitte, bitte, hilf mir, lieber Gott!“
Während der neue Bauernhof in den ersten beiden Jahren nur sieben Personen ernähren musste, waren es zwei Jahre später schon neun, da sich Walter unbedingt noch einen Sohn gewünscht hatte. Hanna war da bereits zehn Jahre, als ihr kleiner Bruder, Friedrich, geboren wurde. Zwei Jahre später sollte noch ein Bruder folgen, aber es wurde wieder ein Mädchen. So bekam Hanna noch eine kleine Schwester dazu, Inge. Damit war sie die älteste von fünf Geschwisterkindern. Als auch die zwei Nachzügler aus dem Windel- und Stillalter heraus waren, war es nun die Aufgabe der Ältesten, zunehmend die Elternrolle zu übernehmen, da ihre Mutter und ihr Vater aufgrund der vielen Arbeit zur Versorgung der nunmehr neunköpfigen Familie nicht genügend Zeit für die Kinder hatten.
Somit hatte auch Hanna kaum noch Zeit für sich, denn, obwohl sie sich durchaus liebevoll und zeitintensiv um ihre Geschwister kümmerte, musste sie noch im Haushalt und auf dem Hof helfen. Da blieb weder Zeit zum Lernen, geschweige denn zum Spielen übrig. Sie wurde früh geweckt und fütterte noch vor dem eigenen Frühstück die Kleintiere. Nach dem Frühstück ging sie zu Fuß zur Schule, ab der dritten Klasse ihre Schwester Bärbel im Schlepptau und wiederum ein Jahr später auch noch ihre Schwester Gisela.
In all den Jahren spielte die religiöse Erziehung in der Familie eine große Rolle. Jeden Sonntag nahm die Mutter sie zum Gottesdienst in die Kirche mit. Da Hanna getauft war, besuchte sie selbstverständlich auch die Kinderstunde, die Christenlehre und den Konfirmandenunterricht. Die Wirkung blieb nicht aus, denn sie lernte, sich mit Gott zu arrangieren. Sie glaubte fest an ihn und baute gerade in Krisensituationen auf seine Unterstützung. Selbst wenn trotzdem nicht alles so lief, wie sie es sich vorgestellt hatte, dann war sie Gott nicht böse. Dann sollte es so sein. Dann war es die Schuld von anderen Menschen oder ihre eigene.
Es gab aber auch Momente, wo er ihre Gebete erhört haben musste, wie zum Beispiel bei der neuen Puppe, die sie doch tatsächlich, wie lang ersehnt, zum Geburtstag geschenkt bekommen hatte. Auch der Daumen verschwand nie von ihrer Hand, und Gott ließ auch niemanden aus der Familie sterben. Selbst den Ochsen, wer hätte das gedacht, brachte er bei der Feldarbeit zum Laufen.
Die Kirche gab ihr Halt, weil die Kinder sich dort untereinander akzeptierten … und zwar so, wie sie waren. Geld und Ansehen der Familien spielten keine Rolle. Es wurde kein Unterschied zwischen arm und reich gemacht. Sie hatte in dieser Gemeinschaft ein gesundes Selbstwertgefühl, besonders auch durch den kirchlichen Musikunterricht, wo sie im Chor sang und Zither und Flöte spielen lernte.
Ein Höhepunkt war jedes Jahr zu Weihnachten das Krippenspiel, in dem Hanna anfänglich nur ein Engel sein durfte, bis sie eines Tages sogar die Rolle der Maria spielen konnte. Darauf war sie sehr stolz und wurde dafür sogar von ihren Eltern und Großeltern gelobt. Dann musste es wirklich etwas Besonderes gewesen sein.
In der Schule hingegen fiel es Hanna von der ersten Klasse an schwer, sich wohlzufühlen. Schließlich kam sie aus einer Großfamilie, die auch noch regelmäßig in die Kirche ging. Die meisten Kinder stammten aus nicht religiösen Familien, sodass Hanna in deren Ahnungslosigkeit dem falschen Klischee „Dumm und arm“ ausgesetzt war.
Außerdem trug sie keine besondere Kleidung, nur einfache Trainingshosen und Pullover, die oft auch noch geflickt waren, während andere Kinder Westverwandschaft hatten und schicke Kleidung trugen. Schon allein durch ihre Kleidung fiel sie stets negativ auf.
Den anderen Kindern gegenüber wagte sie es nie, Wünsche zu äußern. Wie gerne hätte sie mit den anderen gespielt! Sie wurde jedoch immer nur ausgelacht und hörte auch hier dieses abfällige „Ach, du …!“. Keiner traute dem Lumpenmädchen besonders viel zu. Dabei wollte sie doch einfach nur dazugehören, mitmachen und anerkannt werden.
Ein wenig Trost fand sie in einigen Fächern, die ihr Spaß machten und in denen sie auch ein klein wenig Anerkennung fand, wie zum Beispiel in Sport oder im Werkunterricht. Eigentlich zeichnete sie auch gerne, malte jedoch nicht so, wie der Lehrer es wollte, und erhielt nicht nur dort schlechte Noten, denn Grammatik, Rechtschreibung und Rechnen fielen ihr ebenso schwer.
Schrecklich fand sie ebenfalls, dass die Noten vor allen Mitschülern laut angesagt wurden. Selbst wenn die Fünfen vom Lehrer nicht namentlich benannt wurden, so erfuhr doch gerade deshalb jeder, wer die Versager waren. Hanna bekam von ihren Mitschülern schnell einen Spitznamen, nämlich „Die blöde Schuberten“, den sie dann jedes Mal von ihren Mitschülern zu hören bekam: „Ist ja wieder typisch … Die blöde Schuberten!“ Oder: „Wer sollte es auch anders sein als die blöde Schuberten!“
Um mehr Hilfe bei den Hausaufgaben und dadurch vielleicht bessere Noten zu bekommen, empfahlen die Lehrer Hannas Eltern, ihre Tochter am Nachmittag den Hort besuchen zu lassen. Zuhause war für Hausaufgaben und Lernen keine Zeit. Außerdem gab es dort auch leider niemanden, der mit ihr ausdauernd geübt hätte. Die schulischen Probleme interessierten niemanden. Bücher zu lesen, das galt als Zeitverschwendung, und so wurden die Schubertschen Kinder zuhause auch nicht zum Lesen angehalten. Es gab gerade mal zwei Kinderbücher in ihrem Haushalt: „Max und Moritz“ und „Däumelinchen“.
Die beiden Lausbuben Max und Moritz waren Hannas Welt. Gerne wäre sie so frech und mutig gewesen. Däumelinchen hingegen fand sie eher langweilig und konnte sich schon bald nicht mehr für diese Geschichte begeistern.
Ihre Oma hätte ihr schon gerne geholfen, ihre schulischen Leistungen zu verbessern, war jedoch aufgrund ihres Alters nicht mehr in der Lage, mit ihr ausgiebig, geduldig und dauerhaft zu üben. Außerdem war Hanna nun mal das älteste von fünf Kindern und hatte sich um die jüngeren zu kümmern. Zusätzlich war sie inzwischen auch für die Pflege ihrer in die Jahre gekommenen Großeltern zuständig, was sie auch gerne tat. Aber all das war für die Familie wichtiger als Schule und erst recht als Hausaufgaben.
So war es auch nicht verwunderlich, dass ihre schulischen Leistungen immer schlechter und die Mitschüler immer grausamer zu ihr wurden. Die Schikanen nahmen kein Ende. „Die blöde Schuberten“ wurde geschubst, getreten und geschlagen. Da sie nirgends Hilfe erwarten konnte und auch nicht damit rechnete, diese von ihren Eltern zu bekommen, behielt sie ihren Kummer lieber für sich, denn sonst wäre sie ja zudem noch eine Petze gewesen. Das hätte alles nur noch schlimmer gemacht. Da sich Hanna auch niemandem so richtig offenbaren konnte, auch nicht ihren jüngeren Geschwistern, verstand keiner, weder aus der Familie noch aus der Schule, warum ihre Noten immer schlechter wurden. Sie musste schließlich die vierte Klasse wiederholen.
In der neuen Klasse wurde es nicht besser. „Jetzt ist die mit dem Bart am Schuh auch noch in unserer Klasse!“, riefen sie gleich laut in Anspielung auf ihren Namen und ihre abgetragenen Schuhe. Auch die Jungen in dieser Klasse fanden in ihr schnell einen Sündenbock und genügend Anlässe, um sie immer mal wieder zu verprügeln. Hanna war todunglücklich … in der Klasse und in der Schule überhaupt. Verzweifelt fragte sie sich jeden Tag, warum sie wohl keiner mochte. Ihr mangelte es an einem notwendigen Selbstbewusstsein, sodass sie ziemlich eingeschüchtert und aufgrund ihres geringen Allgemeinwissens zudem auch noch sehr naiv war.
Bei den Lehrern fand sie auch keine Hilfe. Immer wieder wurde sie vor der Klasse bloßgestellt. Ihrem Mathe-Lehrer schien es sogar Spaß zu machen, sie zu demütigen. Erst munterte er sie dazu auf nachzufragen, wenn sie etwas nicht verstanden hatte, und dann bekam sie bei dem Wunsch einer nochmaligen Erklärung die lapidare Antwort, dass er das jetzt nicht mehr machen würde, weil er das nicht bezahlt bekäme. Die Lacher der Mitschüler hatte er auf seiner Seite.
Zum schulischen Leben gehörten auch Klassenfahrten. Es wäre für Hanna so schön gewesen, daran teilnehmen zu können. Auch ihren Geschwistern blieb in den Folgejahren diese Möglichkeit verwehrt, weil ihre Familie grundsätzlich kein Geld dafür hatte.
So rechtfertigten sich jedenfalls ihre Eltern, denn eigentlich ging es ihnen mehr um die fehlende Arbeitskraft. Klassenfahrten waren durchaus nicht teuer. Aber der eigentliche Grund ließ sich offiziell nicht so gut verkaufen. Vor allem ihren Töchtern gegenüber.
Hanna war die ersten Male zwar traurig, gab sich aber später damit zufrieden. Wenn das Geld dafür nicht reichte, dann war das so. Sie kannte es nicht anders.
Hannas Leistungen in fast allen Fächern waren nach wie vor in keiner Weise mehr zufriedenstellend. Sie konnte sich kaum noch auf das Unterrichtsgeschehen konzentrieren, da sie aufgrund der körperlichen Arbeit auf dem Bauernhof ständig müde war. Die Leistungsausfälle waren dadurch vorprogrammiert. Schließlich musste sie auch die fünfte Klasse wiederholen.
Wieder neue Mitschüler! Wieder neue Schikanen! Sie entwickelte einen regelrechten Hass gegen alles, was mit der Schule zu tun hatte, und ging all die verbliebenen Jahre nur noch ungerne dorthin.
Sie trug sich auch durchaus mit dem Gedanken, die Schule zu schwänzen. Aber diese Blöße wollte sie sich letztendlich doch nicht geben und somit womöglich noch zum weiteren Gespött beitragen. Außerdem hätte sie zuhause auch nur wieder eine Tracht Prügel bekommen, da die Schwänzerei den Eltern garantiert mitgeteilt worden wäre. Und wo hätte sie diese vermeintlich gewonnene Freiheit im Dorf auch verbringen können, ohne gesehen zu werden. Nein, das Schwänzen war für sie keine Option.
Mit vierzehn Jahren endete Hannas religiöse Ausbildung mit der nun möglichen Aufnahme in den Erwachsenenkreis durch die Konfirmation. Parallel dazu wurde von staatlicher Seite die Jugendweihe angeboten. Die Kirche sah es nicht gern, wenn die jungen Leute an beiden Festakten teilnahmen. Die staatliche Seite hingegen wünschte sich eher nur die Teilnahme an der Jugendweihe, jedoch ohne irgendwelche Bedingungen zu stellen.
