Frischlufttherapie - Gudrun Bernhagen - E-Book

Frischlufttherapie E-Book

Gudrun Bernhagen

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Beschreibung

90 Jahre Zeltplatzleben: Rund um die Uhr frische Luft im Wald und am See. So manch einer findet dabei die nötige Erholung und Genesung. Anderen wiederum steigt die Frischluftzufuhr zu Kopf und bringt sie auf dumme Gedanken. Überlieferte und selbst erlebte Geschichten der Autorin werden hier unterhaltsam und zum Schmunzeln erzählt.

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Seitenzahl: 164

Veröffentlichungsjahr: 2019

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© Gudrun Bernhagen 2019

Umschlaggestaltung: Rudolf Bernhagen

Verlag und Druck:

tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg, Deutschland

ISBN Paperback: 978-3-7482-4601-5 ISBN Hardcover: 978-3-7482-4602-2 ISBN e-Book: 978-3-7482-4603-9

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Gudrun Bernhagen

Frischlufttherapie

Aller Anfang

Also wenn man sich fragt, wie alles anfing, bis wohin muss man dann zurückgehen? Reicht es, sich auf das Jahr 1928 zu beschränken oder liegen die eigentlichen Anfänge schon weit davor? Wald- und Wiesenlandschaften gab es schon seit Jahrhunderten. Aber was wäre der Zeltplatz ohne den See? Und der ist vielleicht noch mehr als 10 Jahre älter. Und wäre der See nicht gewesen, hätten sich die ersten Zeltler sicherlich ein anderes schönes Fleckchen Erde gesucht.

Diesen Brandenburger See in der Nähe von Berlin und viele andere in der Umgebung der Hauptstadt verdanken wir der Industrialisierung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. In jener Zeit entstanden in Berlin viele Großbetriebe. Die dafür notwendigen Arbeiter kamen aus allen Himmelsrichtungen in die damalige Reichshauptstadt. Es mussten Wohnhäuser, Schulen, Krankenhäuser, Bahnhöfe und vieles andere mehr in großer Zahl gebaut werden. Und dazu wiederum benötigte man Ziegelsteine. Unmengen von Ziegelsteinen. Da es dafür rings um Berlin die natürlichen Ressourcen gab, entstanden an die Hundert Ziegeleien und die dafür notwendigen Tongruben in der Umgebung der Stadt. Die dort gebrannten Ziegel wurden mit Schmalspurbahnen oder über Gewässer auf Schiffen nach Berlin transportiert. Um jedoch die Transportzeiten zu verkürzen, wurden später die schon vorhandenen Eisenbahnlinien weiter ausgebaut. Das war zwar teurer aber zeiteffizienter. Nach Beendigung der Abbauarbeiten wurden die Tongruben mit Wasser gefüllt und es entstanden über wenige Jahrzehnte herrliche zusätzliche Badeseen in Berlins Umgebung.

1928 waren somit wichtige Voraussetzungen für einen zukünftigen Zeltplatz gegeben: Wald, Wiesen, Sandflächen und ein Badesee mit sauberem Wasser, das auch viele Jahre als Trinkwasser genutzt wurde. Die schon vorhandenen Eisenbahn- und Buslinien ermöglichten den jungen Leuten die Eroberung der Natur in Brandenburg auch ohne Fahrräder.

Zwischen 15 und 30 Jahre waren die jungen Leute, die als erste 1928 das Gelände an solch einem See für sich entdeckten. Es handelte sich vor allem um Sportler aus der linken Arbeiterbewegung und aus dem Arbeitersportverein „Fichte“. Durch die Weltwirtschaftskrise waren viele der Zeltplatzpioniere arbeitslos und hatten somit kein Geld. Einige meldeten sogar den Sommer über Strom und Gas für ihre Wohnungen in Berlin ab und fuhren nur einmal wöchentlich zum Stempeln in die Stadt. Natürlich konnten sie erst recht nicht die Miete für Hallen oder Sportplätze bezahlen. Es war für sie aber kein Problem, sich draußen in der Natur eine Wiese zu suchen, um dort Sport zu treiben. Und so trafen sich die jungen Berliner Sportler regelmäßig, um Handball, Volleyball und später Faustball zu spielen. Dafür wurde mit Hacke und Spaten ein Spielfeld planiert. Der Torf für die Stabilisierung der Sandfläche wurde vom nahen Moor herangeschafft. Schnell wurden auch Zelte aufgestellt, um abends nicht wieder in die Stadt zurückkehren zu müssen. Der Sport, die Lagerfeuerromantik mit Gesang und Gitarrenbegleitung und FKK-Baden sorgten für genügend Spaß und eine gewisse Freiheit in einer schweren Zeit.

Und weil sich dort alle so wohl fühlten, wurde schließlich der Beschluss gefasst, das Stück Wald mit der Wiese zu pachten. Erfolgreich! Der „Grundstein“ für den Zeltplatz und für mehrere nachfolgende Generationen war damit gelegt. Schnell entwickelte sich daraus eine große Gemeinschaft, denn es kamen zunehmend auch junge Leute vom Üdersee und aus Nassenheide dazu, die von den Nazis ihres ursprünglichen Geländes verwiesen worden waren.

Bei allen Aktionen auf dem Gelände ging es aber nicht nur darum, Spaß zu haben und die Weltwirtschaftskrise „auszusitzen“. Sportfreunde, die Mitglieder des Rotfrontkämpferbundes waren, strebten die Entwicklung einer eigenen Ethik an. Sie wollten das vorherrschende Bildungsmonopol bekämpfen, unterrichteten sich gegenseitig und studierten Theaterstücke ein. Die Schaffung einer neuen Gesellschaft aus eigener Kraft mit eigenen Ideen war ihr Ziel, das sie unter anderem in der Natur zu erreichen versuchten.

Da dies offiziell verboten war, gründeten sozialdemokratische Bewegungen Vereine, eigentlich illegale Parteizellen, die ihr eigenes Bildungspotenzial entwickelten: Züchter-, Naturfreunde- und Sportvereine. Es ging nicht nur um eine gemeinsame Freizeitgestaltung schlechthin, sondern ebenso um eine sinnvolle Lebensgestaltung. So wurden auch schon frühzeitig Sportfeste organisiert. Schwimmen, Ballweitwurf, Kugelstoßen und Laufen waren immer wiederkehrende Disziplinen.

Die Jahre des Nationalsozialismus waren eine schwere Zeit, in der Mitglieder der Arbeiterbewegung verfolgt, eingekerkert oder sogar ermordet wurden. Von der Gestapo aus politischen Gründen Gesuchte und Juden waren auf dem Zeltplatz erst einmal in Sicherheit. In diesen Jahren wurden auf dem Gelände illegal Flugblätter gedruckt und von einem der Sportfreunde, genannt der „Rote Radfahrer“, nach Berlin geschafft. Darin wurde gegen die verstärkte Aufrüstung und Kriegstreiberei aufgerufen. Leider vergeblich. Unter Hitlers Führung brach der zweite Weltkrieg aus und das Sportgelände wurde Aufenthaltsort und Versteck auch für die Zeltler, die in der Illegalität tätig waren.

Nach dem Krieg ruhte das Zeltplatzleben, da die Überlebenden in der Stadt für den Wiederaufbau gebraucht wurden. Erst im Sommer 1946 nahmen die Zeltler nach und nach wieder ihre angestammten Plätze auf dem gepachteten Gelände ein. Da der Zeltplatzverein mit wechselndem Namen bis heute aktiv ist, kann er auf eine Geschichte durch vier historische Epochen zurückblicken: Weimarer Republik, Nazi-Deutschland, Deutsche Demokratische Republik und Bundesrepublik Deutschland. Von den ursprünglichen Mitstreitern, die den Grundstein legten, lebt inzwischen keiner mehr. Jedoch leben die vielen Geschichten, die immer wieder erzählt, jedoch bis dato nie aufgeschrieben wurden, in den Köpfen der Nachfolgegenerationen weiter. 90 Jahre Zeltplatzgeschichte waren nun Anlass, einen großen Teil davon endlich einmal schriftlich festzuhalten. Die Erzählungen sind in alphabetischer Reihenfolge angeordnet, ohne die zeitliche Abfolge zu berücksichtigen.

Brillantblau-Metallic

Wie kommt man zur Lieblingsfarbe für sein Auto, wenn diese bei dessen Kauf nicht im Angebot ist? Na, in eine Spezialwerkstatt fahren und das Fahrzeug mit der Wunschfarbe lackieren lassen, so einfach! Aber das war Hansi offensichtlich zu einfach. Er liebt es etwas komplizierter.

Hansi hatte eine Anmeldung für einen Trabbi, wie wahrscheinlich jeder DDR-Bürger. Da ihm die Wartezeit von mindestens 10 Jahren zu lang war, entschied er sich Mitte der70er Jahre für einen Saporoshez. Den gab es schon nach drei Jahren Wartezeit, allerdings nur in Weiß.

Der Saporoshez wurde in der Ukraine, in der damaligen Sowjetunion hergestellt. Schelme behaupten, dass er mit drei Goldmedaillen auf der Allunionsaustellung als kleinster, leisester und komfortabelster Traktor ausgezeichnet wurde. Immerhin war er mit einem luftgekühlten Vier-Takt-Zylinder-Motor, einer Sirokko-Heizung und vier luftbereiften Rädern ausgestattet. So originell wie er war, so waren auch seine Spitznamen: Stalins letzte Rache, Chruschtschows Rache, Sabberfrosch oder Zappelfrosch, Kremlwanze, Russenpanzer, Soljankaschüssel oder Kolchosentraktor. „Wer früher einen Ochsen drosch, fährt heute einen Saporoshez.“, hieß es auch im Volksmund. Ganz so abwegig können die letzten Bemerkungen nicht gewesen sein, denn immerhin hat Hansi die Mazda fahrende Marie mit seinem „Sappo“ überholt, indem er über einen abgeernteten Acker an ihr vorbeiraste.

Das Auto war, wie schon erwähnt, weiß, bis ihm ein anderer Verkehrsteilnehmer hinten auffuhr. Ist da Hansi wohl kurz mal auf die Bremse getreten, um einen Grund für eine neue Lackierung zu haben? Wird aus dem weißen nun endlich sein brillantblaues Auto? Blau schon, aber nur ein schnödes einfaches Blau. Mehr gab es zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Die Traumfarbe gab es erst später und auch nur in einer Basdorfer Werkstatt. Doch wiederum das Auto dann nur einfach neu lackieren zu lassen, dafür war ihm das Geld dann doch zu schade.

Der Zufall eilte ihm jedoch auf dem Zeltplatz zur Hilfe. Oder hatte er wieder nachgeholfen? Jedenfalls wollte er eigentlich zum Ende der Zeltsaison sein Auto vom Parkplatz zum Zelt fahren, überlegte es sich dann anders und ließ es stehen. Kurz danach musste er mit ansehen, wie eine altersschwache Birke sich der Länge nach mittig auf seinem Autodach zur Ruhe legte. Der Saporoshez wurde aber nicht umsonst als Panzer bezeichnet. Er setzte sich tüchtig zur Wehr, um den größtmöglichen Schaden von sich abzuwenden. Da hielt schon mal der Dachgepäckträger einige Last ab. Auch das acht Millimeter dicke Blech ließ sich nicht so ohne weiteres falten. Die Windschutzscheibe war allerdings hinüber. Aber man höre und staune: Sogar die Türen ließen sich noch problemlos öffnen und wieder schließen. Und so konnte Hansi im Auto auf dem Rücken liegend mit beiden Beinen das Dach so weit wieder nach oben drücken, dass er seinen geliebten Saporoshez später aufrecht sitzend noch in die Werkstatt zur Reparatur fahren konnte.

Und was war nach der Reparatur angesagt? Ja, eine neue Lackierung! In Basdorf! Sein Traum vom Brillantblau-Metallic wurde endlich wahr!

Chaotischer Anblick

Die Sport- und Ballspielwiese auf dem Gemeinschaftsgelände wird in den Augen der Zeltler sehr unterschiedlich wahrgenommen. Für die älteste Generation war sie das Ergebnis harter körperlicher Arbeit, indem sie Torf aus dem nahe gelegenen Moor holten und eine Spielfläche für Ballsportarten schufen. Für viele ursprünglich aktive Hand- und Faustballer war sie dann in den Sommermonaten ein Übungs- und Austragungsort für und von Wettkämpfen. Für die weniger aktiven Sportfreunde war und ist sie eine Sonnenoase. Als die Bäume noch nicht so hoch und die Kronen nicht so dicht gewachsen waren, konnte man stundenlang das Zentrum unseres Planetensystems genießen. Für die Kleineren war sie in erster Linie eine Spielwiese, die vor allem zu den Kindertagfesten stark strapaziert wurde.

Bis in die 70er Jahre hat sich der Rasen immer wieder von all diesen sportlichen und spielerischen Strapazen erholt und konnte allen aktiven und weniger aktiven Mitgliedern und Gästen eine stabile Grundlage für ein gemeinschaftliches Leben bieten. Gegen Ende des Jahrzehnts wurde die Fläche zum ersten Mal ruiniert. Die Spuren der Schuldigen sind heute noch zu erkennen. Das genaue Jahr lässt sich allerdings nicht nachvollziehen.

Einige Sportfreunde fuhren gerne außerhalb der Zeltsaison zum Platz, um zu sehen, ob der Wald und der See vom Winter unbeschadet auf uns warteten, oder ob Handlungsbedarf bestand, zum Beispiel ob umgekippte Bäume beseitigt werden mussten. So wollten auch Margrit und Heinrich einmal vor dem Beginn der Zeltsaison nach dem Rechten schauen. Draußen angekommen, waren sie höchsterstaunt darüber, dass das gesamte Gelände abgesperrt war. Auch unser Vereinsschild war durch ein darüber geworfenes Tarnnetz nicht mehr erkennbar. Was war hier los? Es bedurfte einer Erklärung. Die sofortige Nachfrage erreichte den Zeltplatzchef im Dienst. Er machte sich gleich von der Arbeit aus auf den Weg nach draußen, um zu sehen, was dort los war. Nachdem er trotz der Absperrung das Gelände betreten hatte, wurde er umgehend auch dessen wieder verwiesen.

Die NVA hatte ohne Genehmigung, die sie für Übungen im Wald auch nicht brauchte, auf der Wiese ein Feldlager mit Zelten hergerichtet. Lediglich der Forst und der Besitzer des Waldgrundstücks waren informiert. Vorbildlich für sie, nicht für uns, hatten sie um ihre Zelte herum tiefe Gräben für Regenwasser gezogen. Sie versprachen, nach Beendigung ihrer Übung den ursprünglichen Zustand wieder herzustellen.

Versucht haben sie es, aber es ist ihnen nicht gelungen. Für die Abfälle hatten sie eine extra Grube gebuddelt. Die Essenreste jedoch wurden einfach in den Regenwassergräben verteilt. Diese wiederum wurden mit Erde aufgefüllt. So weit, so nicht gut! Denn da waren ja immer noch die lieben Wildschweine, die sehr schnell herausgefunden hatten, wo sie leckere Fressereien finden konnten. Der gelockerte Boden ließ sich von ihnen einfach wieder aufwühlen.

Als die Zeltler die Saison beginnen wollten, bot sich ihnen ein chaotischer Anblick. Die notwendigen Aufräum- und Reparaturarbeiten ließen sich zwar durchführen, das Spielfeld jedoch hat sich von dieser Zerstörung nie wieder richtig erholt, zumal die Wildschweine auch in den Folgejahren immer wieder ihr schweinisches Chaos anrichteten.

Trotz der jährlichen Reparaturversuche, war die Fläche zunehmend nicht mehr bespielbar. Löcher und Unebenheiten ließen sich nicht so ohne weiteres beseitigen, sodass die Gefahr, unglücklich zu stürzen und sich zu verletzen, immer größer wurde. Ein professionelles Planieren wäre vielleicht eine Lösung. Jedoch will und kann sich die Zeltgemeinschaft diese finanzielle Ausgabe nicht leisten. Natur ist nun mal Natur!

Das Ferienlager

Für besondere Veranstaltungen müssen behördliche Genehmigungen beantragt werden, für kleinere reicht die der Zeltplatzleitung. Diese gibt manchmal auch für unmögliche Dinge ihre Zusage. Ob sich die Leitungsmitglieder das im Folgenden geschilderte Ereignis auch genau überlegt hatten? Ganz zu schweigen von den beiden Antragstellerinnen, Marie und Kati? Sie wollten doch tatsächlich schon vor dem offiziellen Termin die Zeltsaison eröffnen. Hatten sie noch nie etwas von einem Langzeitwetterbericht gehört? Jeder hätte ihnen davon abgeraten, damit sie sich nicht den Arsch abfrieren. Und … es sollte nicht nur ihr eigener sein, nein, sie wollten auch noch mehrere Kinder mitbringen. Da schon Osterferien waren, wollten sie eine Art Ferienlager durchführen. Dazu benötigten sie die Genehmigung der Zeltplatzleitung, die sie auch ohne jegliches Bedenken erhielten.

Und so bauten die zwei Frauen bei winterlichen Temperaturen ihre Zelte auf. Klamme Finger und zittrige Hände erschwerten den Aufbau. Da half nur eins. Schnell und ordentlich heizen. Die fünf am Ferienlager teilnehmenden Kinder sollten sich in der Natur und an frischer Luft austoben. Aber bei der Kälte war jeder froh, wenn er sich im Zelt möglichst in der Nähe der Propanheizung aufhalten konnte. Ein Austoben war so nicht möglich. Die Kinder mussten immer wieder motiviert werden, nach draußen zu gehen. Das Ergebnis dieser Motivation war meistens nur von kurzer Dauer. Verständlich!

Und so ging es ständig rein und raus. Tanja und ihre Schwester, Peter, Sahra und Rike suchten bei dieser Kälte mehr die Wärme als die wilde Natur. Der Reißverschluss des beheizten Zeltes wurde einer harten Bewährungsprobe ausgesetzt. Hoch, runter, auf, zu und … es passierte, was passieren musste. Man sollte meinen, dass sich der Verschluss nicht mehr reißen ließ. Aber nein, die Zeltleinwand riss entlang des Reißverschlusses auf. Das schöne alte Steilwandzelt war kaputt. Was für eine Katastrophe! Die Wärme ließ sich nicht mehr im Zelt halten.

Hier half nur eine Reparatur. Aber wie? Guter Rat musste her. Wer konnte hier helfen? Die erfahrenen Altzeltler mit ihren tollen Ideen waren ja noch nicht da. Eine Möglichkeit war auf alle Fälle der Baumarkt. „Da werden Sie geholfen!“ Kurzer Hand, warum eigentlich… (?), wurde die Tür rausgeschnitten. Wer kam bloß auf diese seltsame Idee? Rike erhielt als ältestes der Kinder den Auftrag, auf die anderen vier aufzupassen, während sich Kati und Marie mit der ausgeschnittenen Tür im Gepäck auf den Weg zum nächsten Baumarkt machten.

Marie, die hauptsächlich mit dem Angeln beschäftigt war, hatte sich nicht einmal die Zeit genommen, sich umzuziehen. In Räuberzivil, nach Knoblauch riechend, dreckig und verschmiert, versuchte sie, einem Mitarbeiter des Baumarkts anhand der mitgebrachten Tür das Problem zu schildern. Dieser war jedoch so entsetzt von ihrem Erscheinungsbild und der ungewöhnlichen Anfrage, dass er sich, ohne auch nur ein Wort zu sagen, gleich aus dem Staub machte und in Sicherheit brachte. Das war nicht sehr hilfreich für die beiden Frauen. Auch Anfragen an andere Baumarktmitarbeiter blieben ohne Erfolg. Letztendlich fanden sie selbst eine unorthodoxe Lösung, für deren Umsetzung sie einen Tacker und dünne Leisten kauften.

Zum Zeltplatz zurückgekehrt, tackerten die Frauen mit Enthusiasmus die Tür mit Hilfe der Leisten wieder am Zelt fest. Dafür hätten sie diese ja nun wirklich nicht erst herauszuschneiden brauchen. Ich kann es gut verstehen, wenn so manch handwerklich begabter Mann jetzt überlegen lächelt und vielleicht sogar noch ein „Typisch Frauen!“ fallen lässt. Aber es ist doch anerkennenswert, dass sie sich zu helfen wussten. Verschlossene Tür bedeutete nun auch wieder genügend Wärme im Zelt.

Der so reparierte Zelteingang hielt trotz der häufigen Nutzung stand. Glückwunsch! Und so ging das Ferienlagerleben weiter seinen Gang. Marie ging Angeln und Kati kümmerte sich um die Kinder. Eigentlich war diese Rollenverteilung allen klar.

Dennoch schien Marie für bestimmte Tätigkeiten die Prädestiniertere zu sein. Wie es so ist, muss natürlich auch jeder hin und wieder auf die Toilette. Manchmal auch wegen eines größeren Geschäfts. Die anschließende Reinigung sollte jedes Kind im Ferienlager eigentlich schon alleine können. Tanja allerdings, die Jüngste von allen, wollte da offensichtlich noch etwas verwöhnt werden. Und diesmal nicht von Kati, sondern ausgerechnet von Marie, die so mit ihrem Angeln beschäftigt war und Unterbrechungen überhaupt nicht mochte.

„Marie“, schrie Tanja, so laut sie konnte. „Kannst du mir den Po abwischen?!“ War das nun eine Frage oder ein Befehl? Marie interessierte das überhaupt nicht und zeigte auch keine Reaktion. Nach einer gefühlten Viertelstunde, Tanja war offensichtlich auf dem Zeltklo noch nicht erfroren, versuchte sie noch einmal ihr Glück. „Marie, kannst du mir den Po abwischen?!“ Und wieder zeigte diese keine Reaktion. Wahrscheinlich wurde es dann dem Mädchen langsam doch zu kalt und sie fühlte sich vernachlässigt. Hier half nur noch: „Marie, wenn du jetzt nicht kommst, dann habe ich dich nicht mehr lieb!“ Oho, da hatte sie wohl genau den Nerv getroffen. Wutschnaubend warf Marie ihre Angelsachen hin und rief auf dem Weg zum Klo für alle laut hörbar: „Ich hasse Erpresserkinder!“

Und was sage ich dazu? „Typische Ferienlagerstimmung!“

Das H-H-Problem

Oder auch das Ho-Hä-Problem …? Oder Hä-Ho-Problem …? Das hängt ganz davon ab, was zuerst gemeint ist: das Hohmann-Handy-Problem oder das Handy-Hohmann-Problem … Aber genug der Probleme! Jeder hat es sicherlich verstanden: Diethard Hohmann kann offensichtlich nicht mit Handys oder sie können nicht mit ihm. Er schenkte ihnen nicht die gewünschte Aufmerksamkeit und so verließen sie ihn regelmäßig. Nun, zugebenermaßen ging es ja früher auch ohne. Er hatte keins und brauchte keins. Also gab es auch keinen Grund, diesem neumodischen und aus seiner Sicht überflüssigem Ding, Aufmerksamkeit zu schenken.

Aber eines Tages hatte er nun dieses neumodische und überflüssige Ding doch von seiner Frau geschenkt bekommen und musste erfahren, dass der Umgang mit einem Handy erlernt sein wollte. Wie das so im Leben ist, er machte erst einmal die typischen Anfängerfehler. Sein erstes war recht klein und so wanderte es in irgendeine Hemd- oder Hosentasche und wurde auch sofort vergessen. Bloß keinen Gedanken daran verschwenden!

Während einer Sightseeing-Tour mit seinem Kumpel fing es stark zu regnen an. Ohne Schirm und ohne Gummistiefel blieb ihnen zwischen den einzelnen Sehenswürdigkeiten nur das wiederholte schnelle Überspringen der Pfützen übrig. Ideale Übungen, bei denen Handys unbemerkt aus Taschen springen können. Ob er seins wirklich bei diesen sportlichen Herausforderungen verloren hatte, lässt sich nicht nachvollziehen. Zumindest liegt die Vermutung nahe, denn es war und blieb verschwunden.

Seine Frau erkannte das Problem sofort und kaufte ihm ein wesentlich Größeres, ein Motorola, das er nicht mehr einfach in eine Tasche stecken konnte, sondern in der Hand tragen musste. Schließlich wollte sie ihn immer erreichen können, vor allem wenn er im Wald Pilze suchte. Man weiß ja nie!

Der Pilze gab und gibt es bei günstigem Wetter viele, oft bereits vor dem Ende der Zeltsaison. Hier ein Pilz und da ein Pilz. Schnipp und schnapp! In einer Hand das Messer, in der anderen der Korb. Da störte das Motorola. Dafür war kein Platz. Also wurde es an einem festen Punkt abgelegt. Irgendwann war der Korb voll und Diethard lieferte stolz sein Sammelergebnis zu Hause ab. Die Freude darüber währte jedoch nicht lange, als die Sprache auf das Telefon kam. Diethard hielt es nicht in der Hand, es lag nicht auf den Pilzen und auch nicht darunter. Es war schlicht und einfach wieder einmal weg! Irgendwo im Wald vergessen!

Zum Glück – fürs Handy … oder für Diethard (?) – konnte er sich genau erinnern, wo er gesammelt hatte. Also schnell hin und nachgeschaut! Und tatsächlich, man sollte es nicht glauben, lag es dort noch drei Stunden später auf einem Baumstumpf.

Allerdings hätte es auch ruhig verloren bleiben können, denn es war von der Größe her völlig unpraktisch. Ein „Verlorengehen“ wäre doch einfach und bei Diethard sicherlich glaubhaft gewesen. Aber nein! So etwas macht er nicht!