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"Die Börsendinos", das sind Dr. Friedhelm Busch, Hermann Kutzer, Dr. Bernhard Jünemann, Stefan Riße und Raimund Brichta - fünf der renommiertesten und beliebtesten ¬Börsenjournalisten Deutschlands. Zusammen bringen sie es auf mehr als 150 Jahre Marktbeobachtung. "Rettet die Aktie!" ist ein Weckruf für die Aktienkultur in Deutschland: Börsenlehrbuch, Ratgeber und Schlaglicht auf die aktuelle Situation der Märkte gleichermaßen.
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Seitenzahl: 232
Veröffentlichungsjahr: 2013
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DIE BÖRSENDINOS
ANDREAS FRANIK (HRSG.)
Fünf der bekanntesten Börsenjournalistenüber Altersvorsorge, Vermögensaufbauund erfolgreiche Geldanlage
Copyright 2013:© Börsenmedien AG, Kulmbach
Cover-Illustration: Timo WuerzGestaltung und Herstellung: Johanna WackBuchsatz: Bernd RaubbachLektorat: Claus RosenkranzDruck: CPI – Ebner & Spiegel, Ulm
ISBN 978-3-86470-096-5eISBN 978-3-86470-104-7
Alle Rechte der Verbreitung, auch die des auszugsweisen Nachdrucks,der fotomechanischen Wiedergabe und der Verwertung durch Datenbankenoder ähnliche Einrichtungen vorbehalten.
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Vorwort
des Herausgebers
Vorwort
Dr. Christine Bortenlänger
Prolog
Zurück zur Vernunft
Teil 1
Vom Sinn der Aktie
Teil 2
Aktien richtig bewerten
Teil 3
Die erfolgreiche Aktien-Strategie
Teil 4
Das richtige Timing
Teil 5
Die Werkzeuge des Investierens
Teil 6
Staatsschuldenkrise – die Folgen für die Aktie
Teil 7
Die Aktie als Sachwert
Teil 8
Die Aktie als Langfristanlage
Teil 9
Die Risiken von Aktien
Teil 10
Sind Börsen effizient?
Teil 11
Alternativen zur Aktie
Teil 12
Rettet die Aktie – aber wie?
Epilog
Wir über uns
Im Porträt
Dr. Friedhelm Busch • Hermann KutzerDr. Bernhard JünemannRaimund Brichta • Stefan Riße
Es war wieder einmal einer dieser berühmten Zufälle im Leben. Irgendwann im Herbst des Jahres 2009 traf ich auf dem Frankfurter Hauptbahnhof Börsenlegende Hermann Kutzer, meinen guten Freund und Wegbegleiter aus unzähligen gemeinsamen Sendungen beim Fernsehsender n-tv. Wir fuhren mit demselben Zug und so beschlossen wir, zwei passende Sitzplätze zu suchen, um nach langer Zeit mal wieder ein wenig ausführlicher zu plaudern. Natürlich kamen wir sehr schnell auf die Auswüchse der damals erst beginnenden Finanzkrise zu sprechen, übrigens zu diesem Zeitpunkt noch ohne den Schwerpunkt Griechenland. Es ging um die Folgen der Pleite der US-Investmentbank Lehman Brothers ein Jahr zuvor, um die crashartig fallenden Aktienkurse und die sich abzeichnende Rezession in der Eurozone. Wir machten uns große Sorgen über das anhaltend geringe Interesse der Deutschen am Thema Aktie und die Folgen für die Wirtschaft. Und wir kritisierten die nicht immer ganz glückliche Rolle der Medien bei der Börsenberichterstattung.
Hermann war wie immer streitbar, aber großartig in der Analyse – sehr zur Freude der um uns sitzenden Fahrgäste, zumal er wie gewohnt einfache und verständliche Worte für komplexe Zusammenhänge wählte. Hermann war schnell so richtig in seinem Element. Es war ein Fest, ihn zu erleben, und so kam mir noch während der Zugfahrt eine Idee, die mich nicht mehr loslassen sollte. Was würde wohl passieren, wenn ihm bei dieser ebenso anregenden wie angeregten Diskussion sein alter Kollege Dr. Friedhelm Busch gegenübersitzen und mächtig Kontra geben würde? Oder noch besser: wenn auch der langjährige „Telebörsen“-Moderator Raimund Brichta dabei wäre? Und Dr. Bernhard Jünemann, viele Jahre bei „Börse Online“ und nun Chefmoderator beim DAF Deutsches Anleger Fernsehen? Und als Abrundung vielleicht noch der vergleichsweise junge Kostolany-Wegbegleiter Stefan Riße, der schon mit 17 Jahren seine ersten Finanzgeschäfte tätigte? Alle fünf sind seit Jahrzehnten untrennbar mit dem deutschen Börsen- und Wirtschaftsfernsehen verbunden und bringen unschätzbare Erfahrungen bei der Einordnung der Entwicklungen an den Kapitalmärkten mit. Jeder hat seine ganz speziellen Interessen, Facetten und Ansichten. Gesagt, getan. Hermann konnte ich noch während der Zugfahrt von der Idee der TV-Börsendinos begeistern, die anderen erreichte ich in den Tagen danach peu à peu per Telefon. Größere Überzeugungsarbeit war nicht notwendig.
Ein paar Monate später – im Frühjahr 2010 – stand das Konzept und pünktlich zur Finanzmesse „Invest“ in Stuttgart versammelten sich alle fünf Experten auf der Bühne der Börse Stuttgart, um das erste Mal überhaupt gemeinsam öffentlich in großer Runde aufzutreten. Was für ein Erfolg! Es dauerte nur wenige Minuten, bis selbst die Stehplätze komplett besetzt waren. Kein Wunder, denn die Dinos waren schon bei diesem ersten Auftritt so emotional und energiegeladen wie die Börse selbst. Es wurde gestritten und gelacht, getobt und getalkt. Die Messebesucher waren sich schnell einig: Das wollen wir wieder sehen. Und so folgten Auftritte in unterschiedlichen Dino-Konstellationen auf diversen Veranstaltungen und Kongressen. Nur auf die Idee, ein Dino-Buch zu machen, kam ich nicht.
Es ist Sebastian Grebe vom Börsenbuchverlag zu verdanken, dass die vorliegenden Seiten überhaupt zustande kamen. Er bearbeitete mich über Monate hinweg, ich lehnte immer wieder dankend ab. Ein Buch mit diesen fünf widerspenstigen und kaum zu bändigenden Gesellen? Oh nein, dafür ist mir die Zeit zu schade. Das geht schief. Die Herren können sich doch nicht mal auf einen gemeinsamen Buchtitel einigen, geschweige denn auf ein passendes Cover! Doch irgendwann siegte Sebastians Hartnäckigkeit und so schlossen wir uns für ein Wochenende in einen Konferenzraum eines Frankfurter Hotels ein, ausgerüstet nur mit einem Diktiergerät, ausreichend Getränken und dem Mut – manche nannten es auch Wahnsinn –, dieses Experiment zu wagen.
Herausgekommen ist keine wissenschaftliche Abhandlung über die Aktienkultur in Deutschland. Das war auch nie das Ziel dieses Buches. Es ging eher darum, schwierige wirtschaftspolitische Zusammenhänge populär zu erläutern – statt staubtrockene Definitionen allgemein verständliche Erklärungen, kein erhobener Zeigefinger, eher ein Austausch unterschiedlicher Meinungen und Positionen. Das Buch soll dabei helfen, den aktienskeptischen Deutschen einen ersten kleinen Einblick in die Welt der Börse zu geben. Es geht darum, die Aktie nicht als Spekulationsobjekt zu sehen, sondern als Teil des Vermögensaufbaus, ja sogar als Baustein einer effizienten Altersvorsorge. Der Leser soll, nein, er muss sich jedoch am Ende selbst eine Meinung bilden, welchem Börsendino er folgen möchte. Abgerundet wird das Ganze mit einem Blick auf die Anfänge der TV-Börsenberichterstattung in Deutschland.
In der Hoffnung, dass uns dies alles gelungen ist, wünsche ich Ihnen nun eine ebenso unterhaltsame wie informative Lektüre.
Andreas Franik
Fünf „Börsendinos“ haben sich zusammengefunden, um sich dem Thema „Rettet die Aktie“ zu widmen. Sechs Jahre nach Beginn der Finanzkrise und zehn Jahre nach dem Ende des Neuen Marktes scheint dies vordergründig notwendiger denn je zu sein. Allerdings ist der statistische Befund zumindest widersprüchlich, wenn nicht paradox: Die Zahl der Aktionäre ist seit geraumer Zeit wieder gestiegen und der DAX erreichte zum Jahreswechsel 2012/2013 einen 5-Jahres-Höchststand. Eigentlich bedarf es da keiner Rettungsaktion für die Aktie – oder etwa doch?
Auf der anderen Seite ist die Aktie – und mit ihr der gesamte Kapitalmarkt – im Zuge der Finanzmarktkrise in Verruf geraten. Außerhalb des vergleichsweise kleinen Kreises der privaten Aktienbesitzer und professionellen Kapitalmarktteilnehmer gilt die Aktie weithin vor allem als „Risikopapier“. Dass mit ihr gleichzeitig erhebliche Chancen für jeden Einzelnen, aber auch für die gesamte Volkswirtschaft verbunden sind, wird oftmals nicht gesehen. Dies trifft leider auch auf weite Teile der Politik zu, die den Kapitalmarkt „bändigen“ zu müssen glaubt. Besser wäre es, ihn als Lösung für anstehende Probleme, zum Beispiel in der Altersvorsorge breiter Bevölkerungskreise, zu nutzen. Das populistisch begründete Vorhaben einer Finanztransaktionssteuer, die vor allem den privaten Aktionär treffen würde, obwohl sie angeblich auf ganz andere Geschäfte zielt, ist nur das markanteste Beispiel für eine gut gemeinte, aber im Ergebnis schädliche Kapitalmarktpolitik.
Aufklärung und Information über Zusammenhänge und Wirkungsmechanismen sind deshalb dringend erforderlich. Wissen muss aber nicht zwangsläufig bierernst vermittelt werden, ganz im Gegenteil. Wer wäre besser für unterhaltsame und trotzdem fundierte Information geeignet als die „Börsendinos“, die sich seit Jahrzehnten mit Aktie und Börse auseinandersetzen und aus dem gesammelten Schatz ihrer Erfahrungen über den Tellerrand der jüngsten Krise hinausschauen können?
Niemand kann für sich in Anspruch nehmen, die volle Wahrheit über die Börse zu kennen. Unterschiedliche Anschauungen und Bewertungen sind nicht nur unvermeidbar, sondern auch notwendig, damit die Börse in Bewegung bleibt. Aber es gibt eben einen gemeinsamen Erfahrungsschatz mit einfachen und gleichzeitig wirkungsvollen Regeln im Umgang mit der Aktie, auf den sich auch die Bösendinos einigen können und an dem sie die Leser teilhaben lassen. Auch – oder gerade weil – sie nicht in allen Punkten einer Meinung sind, ist das in diesem Buch dokumentierte Ergebnis ihrer Diskussion extrem lehrreich.
Dem Leser wird nicht zu jedem Problem eine fertige Antwort vorgesetzt, sondern er bekommt die Fülle unterschiedlicher Argumente und Sichtweisen vor Augen geführt. Das zwingt zur eigenen Auseinandersetzung mit Aktie und Börse – und führt damit zu dem, was wir am Kapitalmarkt wirklich dringend brauchen: zum mündigen Anleger.
Zurück zur Grundfrage: Bedarf die Aktie der Rettung? Nein – zu diesem Schluss kommt völlig zu Recht auch die Runde der Diskutanten. Die Aktie bedarf deshalb keiner Rettung, weil sie umgekehrt uns und unsere Volkswirtschaft retten wird. Es gibt Ergänzungen zur Aktie, aber keine Alternative. Wer dieses Buch gelesen hat, weiß mehr darüber und versteht, warum die Aktie nicht nur die Börsendinos begeistert.
Die echten Dinosaurier sind bekanntlich zum Ende der Kreidezeit ausgestorben. Dieses Schicksal droht weder der Aktie noch den Erfahrungen der Börsendinos. Jedem Leser und jedem Anleger kann nur dringend empfohlen werden, von diesen Erfahrungen zu profitieren und die Aktie zu nutzen.
Dr. Christine Bortenlänger
Geschäftsführendes Vorstandsmitglied des
Deutschen Aktieninstituts e. V., Frankfurt
Andreas Franik: Pimco-Chef Bill Gross sagt: „Der Aktienkult ist tot.“ Und er fügt hinzu, dass aus seiner Sicht langfristige Aktienrenditen wie ein Schneeballsystem seien. Die Statistik der vergangenen Jahre ist denn auch niederschmetternd: Wer Anfang 2001 in Aktien investiert hat, musste sich bis Ende 2011 mit einer jährlichen Rendite von 1,3 Prozent zufriedengeben. Und nur rund jeder zwanzigste Deutsche ist ein direkter Aktionär (4,5 Prozent). Zuletzt das Hickhack um den Börsengang von Facebook und die zeitweise Kurshalbierung des Social Network. Börsendinos, seid ihr nicht ein bisschen verrückt oder gar masochistisch veranlagt, wenn ihr ausgerechnet jetzt sagt: „Rettet die Aktie“?
Raimund Brichta: Wer sagt, seit dem Jahr 2001 gibt es keine anständige Rendite für Aktien, dem kann man durchaus recht geben. Aber die Aktie ist ja eine langfristige Sache. Und wenn man sich den langfristigen Verlauf der Aktien anguckt, muss man einfach sagen: Die Aktien sind gestiegen. Es ging 20 Jahre nach oben, von Anfang der 80er bis zum Jahr 2000. Dass es dann mal zehn oder auch 20 Jahre eine Verdauung gibt, ist völlig normal, und in dieser Verdauungsphase sind wir halt immer noch. Früher oder später kommt der Ausbruch, der nächste große Börsenaufschwung. So ist das. Sorry!
Dr. Friedhelm Busch: Es ist natürlich absoluter Unsinn, den höchsten Punkt einer Spekulationsblase als Ausgangspunkt zu nehmen. Dieses Jahr 2001 war genau der Zeitpunkt, zu dem ein wahnsinniger Spekulations- oder Herdentrieb zusammenbrach, von allen vorhergesagt. Jedem war klar: Was hier passiert am Neuen Markt, ist Wahnsinn. Nun kann man doch nicht hingehen, den Wahnsinn sozusagen als Basis nehmen und beklagen, dass es von dort aus leider kaum nach oben gegangen ist. Mit anderen Worten: Schon die Bezugsgröße, das Jahr 2000 oder 2001, ist Unsinn.
Brichta: Aber das Wahnsinnige ist, dass es über diesen Wahnsinn hinaus noch weiter nach oben gehen wird – irgendwann.
Busch: Das ist das Erstaunliche. Als der Neue Markt damals förmlich explodierte, bin ich in einem Interview gefragt worden: „Sind Sie jetzt nicht begeistert? Sie haben immer für die Aktie geworben und jetzt ist sie in aller Munde.“ Darauf habe ich geantwortet: „Das ist für mich die größte Niederlage meines Berufslebens, denn genau das habe ich nicht gewollt. Ich habe genau das vermeiden wollen, dass die Leute die Aktie nur nutzen, um kurzfristige Gewinne zu erzielen.“ Ich wollte die Aktie immer als eine langfristige Anlage verstehen. Insofern gebe ich Raimund völlig recht. Die Aktie sollte dem normalen Bürger die Möglichkeit geben, sich an der Wirtschaft zu beteiligen. Für mich stand die Aktie immer als Demokratisierungsmittel im Vordergrund und nicht als Renditebringer. Ich wollte nicht, dass die Anleger reich werden. Ich wollte sie vielmehr zu Wirtschaftsbürgern erziehen, sagen wir es ruhig so. Und das ist meiner Ansicht nach immer noch das Ziel, das man vertreten und wofür man kämpfen sollte. Ich hoffe, dass ich am Ende meiner Tage sagen kann: Das habe ich erreicht. Und ich glaube, wir sind jetzt wieder auf dem Weg zurück zur Vernunft, raus aus dieser Spekulation der Jahre 2000 und 2001.
Dr. Bernhard Jünemann: Ich würde es gerne in eine historische Perspektive rücken und nicht nur über die letzten zehn Jahre reden. Die Aktie gibt es seit rund 450 Jahren. Übertreibungen und Korrekturen gab es immer. Die Aktie als wichtiger Bestandteil einer Unternehmensfinanzierung war eine richtig tolle Erfindung. Da wurden ganz normale Leute an der Finanzierung von Firmen beteiligt. Da wurden Risiken verteilt. Da wurde der Aufschwung der Wirtschaft von vielen mitfinanziert. Das ist eine Erfindung, die sich über Jahrhunderte bewährt hat. Sie wird jetzt auch nicht verschwinden. Mit anderen Worten: Wir brauchen die Aktie. Andererseits muss man sagen: Wahrscheinlich stehen wir vor einer Wiederentdeckung des Produktivkapitals in den nächsten Jahren, sodass die Aktie wieder gute Zeiten vor sich hat. Ich wollte das hier zum Start einfach noch mal richtig einordnen, denn es gab immer Übertreibungen. Wenn Friedhelm davon redet, dass er Spekulation doof findet und eher auf langfristige Engagements setzt, hat er ja durchaus recht. Aber wir brauchen auch die Spekulation. Insofern würde ich das nicht gleich als etwas Schreckliches verdammen wollen. Wenn alle nur langfristig anlegen, würde dieser Aktienmarkt überhaupt nicht mehr funktionieren. Von daher: Wir brauchen die Aktie nicht zu retten, denn die Aktie rettet sich selbst. Die Situation ist dieser Tage wahrscheinlich ähnlich wie Ende der 70er- oder Anfang der 80er-Jahre, als die Aktie zu einem langen Aufschwung startete.
Brichta: Man muss aber auch sagen, lieber Bernhard, dass der Durchschnittsanleger in der Regel keine 400 Jahre Zeit hat, um den Erfolg seines Aktien-Engagements zu genießen.
Jünemann: Das ist natürlich völlig richtig. Aber wenn der Anleger in den vergangenen zehn Jahren die richtigen Aktien ausgewählt hätte, dann hätte er durchaus auch Gewinne einfahren können. Nehmen wir zum Beispiel die BASF-Aktie, die man Anfang der 2000er-Jahre für circa 22 Euro kaufen konnte. Seitdem haben die Ludwigshafener ganz ordentliche Dividenden gezahlt, die sich mittlerweile auf insgesamt rund 15 Euro summiert haben. Selbst wenn also der Kurs der Aktie in dieser Zeit zurückgegangen wäre, würde man immer noch im Plus sein. Und heute wissen wir: Die BASF-Aktie liegt bei etwa 60 Euro und das ist dann schon eine schöne und solide Entwicklung gewesen. Klar, das gilt nicht für jede Aktie. Aber es zeigt eben, welches grundsätzliche Potenzial die Aktie als langfristige Geldanlage hat.
Brichta: Aber wie weiß ich denn im Vorhinein, welche Aktie ich nehmen soll? Da kann ich doch nur den Durchschnitt nehmen und das ist in Deutschland der DAX oder MDAX.
Jünemann: Natürlich weiß ich das nicht im Vorhinein und genau deswegen muss ich auch spekulieren.
Hermann Kutzer: Vielleicht erst einmal ein Wort zur historischen Einordnung, liebe Freunde. Ich möchte jetzt nicht philosophisch oder spirituell werden, aber es klang schon an: Das Geldprinzip ist ein Polaritätsprinzip. Es kann nur raufgehen, wenn es auch wieder runtergeht und umgekehrt. Das Ganze spielt sich an der Börse in Wellen ab. Das müssen wir uns immer wieder vor Augen führen. Ich bin davon überzeugt, dass die Aktie als Beteiligung am Produktivvermögen in ihrer Bedeutung wieder wachsen wird. Die Langfristigkeit, die hier bisher betont wurde, ist aber nur die eine Seite der Medaille, denn durch die enorme Digitalisierung und Vernetzung der Welt hat die Kurzfristigkeit des Handelns eine völlig neue Bedeutung bekommen, insbesondere an den Finanzmärkten. Das heißt, wir erleben gleichzeitig eine Zunahme des Tradings ähnlich wie zu Zeiten des Neuen Marktes um die Jahrtausendwende.
Ich habe das damals selbst erlebt. Ich hatte Nachbarn, die hatten keine Ahnung von der Börse – keinen blassen Schimmer. Die haben einfach die Sanierung ihres Hauses verschoben. Und warum? Sie sagten: „Wir kaufen jetzt im Herbst mal ein paar Aktien am Neuen Markt. Dann können wir im Frühjahr für die Renovierung des ersten Stocks mehr Geld ausgeben.“ Tja, und dann war alles aus. So ging das damals. Seitdem hat diese Kurzlebigkeit zugenommen. Wir erleben das doch jeden Tag. Diese hohe Volatilität und diese ständigen Zuckungen der Kurse deuten darauf hin, dass es immer mehr Marktteilnehmer gibt, die schnell raus- und schnell reingehen – anders als früher. Wir hatten früher Versicherungen, Banken und andere institutionelle Anleger, die auf viele Jahre hinaus angelegt haben. Das war diese klassische „Buyand-Hold“-Strategie. Heute dagegen haben wir immer mehr Spieler im Markt. Ich glaube, mit den beiden Extremen werden wir leben müssen.
Busch: Einspruch, Hermann! Wir haben in der Tat unterschiedliche Anleger am Markt. Die hatten wir aber schon immer. Und heute überwiegen eben die Anleger, die du Spieler nennst. Ich glaube, das sind Leute oder Firmen, die einen gewissen Anlagenotstand haben. Sie wissen einfach nicht wohin mit ihrem Kapital. Denn es gibt nirgendwo mehr eine hohe oder gute Verzinsung. Also gehen sie heute mal eben in Aktien. Sie sind aber morgen schon wieder draußen, wenn sich woanders eine lukrativere Möglichkeit anbietet. Ich rede hier jedoch von dem kleinen Privatanleger, für den ich immer auch meine TV-Sendungen gemacht habe. Ich rede von dem ganz normalen Anleger, der auf lange Sicht sein Geld anlegt, um im Alter etwas zu haben. Und diese Leute sind nicht diejenigen, die heute rein- und morgen wieder rausgehen. Gott sei Dank! Und wir müssen sie auch darin bestätigen, dass sie bei dieser Einstellung bleiben. Wir dürfen nie wieder diese Hysterie der kleinen Anleger zulassen, wie wir sie zu Zeiten des Neuen Marktes erlebt haben. Um Gottes willen! Das zu verhindern ist die Aufgabe von Börsianern und Journalisten.
Franik: Bitte nicht gleich zu tief rein ins Thema! Stefan Riße soll auch erst einmal ganz grundsätzlich zu Wort kommen.
Stefan Riße: Deine Frage vorhin war ja auch, ob wir masochistisch seien, das Thema „Rettet die Aktie“ gerade jetzt auf die Agenda zu setzen. Ich sage: „Ganz im Gegenteil!“ Ich bin eingefleischter Antizykliker und ich habe dieses Zitat von Bill Gross, der den Aktienhype für beendet erklärt hat, auch mit großem Interesse und großer Freude gelesen. Denn im Jahre 1979 kam die Business Week mit dem Titel „The Death of Equities“ – auf Deutsch: „Der Tod der Aktien“ – in den Handel. Und zwei Jahre später begann der größte Bullenmarkt in der Geschichte der Aktien. Das sind Phasen, wo die Anleger einsteigen müssen. Meistens tun sie ja leider das Gegenteil. Aber zum Thema Timing kommen wir später noch. Deswegen möchte ich das jetzt nicht vorwegnehmen.
Brichta: Die Sätze von Bill Gross sind in der Tat interessant, denn Gross ist ja ein Anleihemensch. Und vielleicht ist es ja auch eher umgekehrt. Vielleicht droht der Tod der Anleihe – in diesem von Schulden dominierten Umfeld. Möglicherweise ist die Anleihe die Gefährdete, vor allen Dingen die Staatsanleihe. Eventuell müssen wir eher die Anleihe begraben.
Busch: In der Tat. Wenn Herr Gross gegen die Aktie redet, spricht er ja eigentlich in diesem Moment für „seine“ Anleihen.
Franik: Also halten wir fest: In den vergangenen Jahrzehnten oder gar Jahrhunderten lief es eigentlich gar nicht so schlecht für die Aktie. Immerhin gab es schon im Jahre 1288 eine Urkunde, die 1/8 einer schwedischen Kupfermine verbriefte, was als Geburtsstunde der Aktie gilt. Trotzdem hat sie einen schlechten Ruf, die Deutschen gelten als Aktienmuffel. Was ist seitdem schiefgelaufen?
Jünemann: Diese Aktien-Hysterie, von der wir gerade schon gehört haben, taucht alle paar Jahrzehnte wieder auf, vielleicht zwei- oder dreimal in einem Jahrhundert. Und dann wird sozusagen eine ganze Generation durch diese Erfahrung verbrannt. Das wird die Aktie nicht umbringen. Sie kommt dann einfach wieder, wenn sich die nächste Generation auf die Aktie besinnt. Ich meine, dass die Aktie aktuell hochinteressant ist, weil sie ganz ansehnliche Dividendenrenditen von bis zu sechs Prozent liefert. Ganz anders bei Anleihen. Da bekommen wir für das Risiko, das ein Staat mit all seinen Schulden darstellt, heute praktisch nichts mehr.
Brichta: Apropos Börsenhype. Mir ist gerade etwas aufgefallen. Der vorletzte Börsenhype war Ende der 50er-, Anfang der 60er-Jahre mit der VW-Privatisierung und dem Thema Volksaktie. Danach ging es 20 Jahre seitwärts mit den Aktien in Deutschland, um dann Anfang der 80er bis zum Jahr 2000 wieder zu steigen. Achtung! 2000 kam dann der nächste Börsenhype. Und jetzt lasst uns mal in die Zukunft schauen. Von da an wären es wieder rund 20 Jahre bis zum Jahr 2020. Dann könnte der nächste Aufschwung beginnen und bis zum Jahr 2040 andauern.
Franik: Gab es einen Punkt, Friedhelm, wo du sagst, da ging es den Bach runter mit der Aktie?
Busch: Es gab eigentlich nicht diesen einen Punkt. Das war ein längerer Prozess. Die Aktie ist im Nachkriegsdeutschland über Jahrzehnte verteufelt worden, auch von Leuten aus der Finanzbranche. Ich kann mich an eine Geschichte aus der Gründungsphase der „Telebörse“ in den 80er-Jahren erinnern. Ich bin zum damaligen Sparkassenpräsidenten gegangen und habe ihm gesagt: „Herr Geiger, ich möchte gerne von Ihnen Geld haben, denn ich will eine Sendung aufbauen, die den Zweck und das Ziel hat, die Aktie populär zu machen.“ Er hat geantwortet: „Warum soll ausgerechnet ich dafür Geld geben? Wir – die Sparkassenorganisation – sind dagegen!“ Und dann habe ich ihn gefragt: „Warum stimmen auch Sie jetzt in den Chor derjenigen ein, die die Aktien als Spekulationsobjekte verteufeln?“ Er daraufhin: „Warum soll ich dafür sein? Ich möchte, dass meine Kunden – die kleinen Leute, die ihre Sparkassenkonten haben – ihr Geld auf dem Konto lassen und Sparkassenbriefe kaufen und nicht diese Aktien!“ Gott sei Dank gab es dann später im Verband auch noch andere Stimmen. Aber das zeigt, dass vieles, was gegen die Aktie gesagt worden ist und immer wieder gesagt wird, auch interessengeleitet ist. Das heißt, man will die Aktie als Konkurrenz aus dem Weg schaffen und deswegen sind wir als Journalisten immer wieder dazu aufgerufen, neutral und seriös dieses Thema aufzugreifen und die Aktie als eine wichtige volkswirtschaftliche Institution darzustellen. Aus diesem Grunde müssen wir gegen diese interessengeleitete Verteufelung vorgehen.
Kutzer: Eines sollten wir an dieser Stelle aber auch mal sagen: In Deutschland ist bis Mitte der 90er-Jahre – bis zum Börsengang der Deutschen Telekom – nie für die Aktie geworben worden, nicht einmal bei Volkswagen ein paar Jahrzehnte vorher. Das war wirklich noch die Zeit, als die Aktie verteufelt wurde und nur wenige aufstanden, um deren Bedeutung hervorzuheben. Dagegen waren andere Anlageformen wahnsinnig erfolgreich. Ich kann mich an die erste Rohstoff-Hausse in den späten 70ern erinnern. Das war die berühmte Schweinebauch-Hausse nach zwei Ölpreiskrisen, als die Deutschen gigantische Beträge in Warentermingeschäfte gesteckt haben. Alle waren damals dabei, vom kleinen Selbstständigen bis hin zum Großunternehmer. Das Marketing spielt einfach eine wirklich große Rolle beim Erfolg oder Misserfolg. Es gab früher keine starke Lobby für die Aktie. Das änderte sich erst mit der T-Aktie und dann nahmen auch die Aktionärszahlen spürbar zu.
Riße: Was wir auch mal erwähnen sollten, denn wir haben hier ja Gott sei Dank ein bisschen Zeit zum Reden und müssen nicht wie im Fernsehen alles in 2:30 Minuten rüberbringen: Der Grund, dass speziell Deutschland ein Land der Aktienmuffel ist, hat sicher auch viel mit dem Holocaust zu tun. In Deutschland wurden ja viele Menschen, die mit der Finanzindustrie zu tun hatten, von den Nazis umgebracht. Manche sind auch ins Ausland immigriert. Die Finanzmarktkultur, diese Aktienkultur ist damit komplett zerstört worden. Und so waren wir dann über viele Jahre hinweg diesen plumpen Aktienkritikern ausgeliefert. In der Folge wollte in Deutschland keiner mehr etwas von Aktien wissen. In den angelsächsischen Ländern war und ist das ganz anders. Darin liegt eine gewisse Tragik.
Ich will auch etwas zu diesen langfristigen Rendite-Berechnungen sagen, die hier schon zitiert worden sind. Es heißt ja immer so schön: „Aktien sind die bessere Geldanlage. Du hast zwischendrin zwar immer mal ein paar Verluste, aber langfristig steigen die Aktien wieder.“ Das hat man auch den Leuten ab Mitte der 90er-Jahre bis 2000 erzählt. Und das haben die Kleinanleger dann nicht nur auf die Telekom, sondern auf jede einzelne Aktie des Neuen Marktes übertragen. Die Leute haben das Buch „Die erste Million in sieben Jahren“ von Bodo Schäfer gelesen und bei all diesen Rendite-Berechnungen haben sie die Telekom eben bei 80 oder gar 100 Euro noch gekauft und haben Prügel bezogen. 2008 folgte auch noch die Pleite von Lehman Brothers. Da kamen nicht nur die Börsen ins Taumeln, auch die Lehman-Zertifikate sind abgestützt. Das hat die Leute verständlicherweise komplett verschreckt. Und das ist das große Drama, das wir haben.
Busch: Weil die Anleger eben nicht richtig informiert sind. Wir kommen heute wahrscheinlich immer wieder auf diesen Punkt zu sprechen. Der Anleger muss informiert sein. Wir brauchen einen mündigen Anleger und nicht einen Anleger, der immer wieder nur seinen Bankberater fragt oder sich die Fernsehkommentare anhört und daraufhin seine Entscheidungen trifft. Wir brauchen mündige Wirtschaftsbürger, die nie das Ziel aus den Augen verlieren.
Riße: Und ich füge hinzu: Wer seinen gesunden Menschenverstand einschaltet, wird die allermeisten Fehler an der Börse vermeiden können.
Brichta: Aber wir wissen alle: Das kann nur für einen ganz, ganz kleinen Teil der Bevölkerung gelten.
Busch: Ja, leider. Wir müssen versuchen, dass es möglichst viele werden, die ihren gesunden Menschenverstand einschalten.
Franik: Mittlerweile wird oft, wenn die Rede von Aktienbesitzern ist, etwas abfällig über Spekulanten statt Investoren gesprochen. Dabei schwingt immer gleich eine Form von Geringschätzung oder gar Missbilligung mit. Zu Recht?
Jünemann: Die Aktionäre sind ganz klar beides. Natürlich ist auch der langfristig denkende Investor gewissermaßen ein Spekulant, weil er bestimmte Erwartungen an die Rendite seiner Aktie hat. Das war auch bei den Telekom-Aktionären nicht anders, von denen damals sicher auch viele der riesigen Werbekampagne mit Manfred Krug erlegen sind. Ich glaube, es wurden 50 Millionen D-Mark ausgegeben – Geld, das dazu da war, um die Leute heiß zu machen. Und so schön die Werbekampagne war, so schön, dass die Aktie populär gemacht wurde, es war eben auch das Unglück, dass damit dieser Aktienhype in Gang gesetzt wurde. Das muss man sich mal vorstellen: Die Telekom-Aktie kam zu umgerechnet circa 14 Euro an die Börse und marschierte bis 104 Euro durch, um dann zusammenzubrechen. Und jetzt liegt sie seit Jahren in der Nähe der 10-Euro-Marke und dümpelt vor sich hin. Die Telekom war also einerseits gut für die Popularisierung der Aktie, andererseits aber auch genau das Problem. Die emotionale Ebene wurde so stark ausgereizt, dass damit eine ganze Generation verbrannt wurde.
Riße: Was ist der Aktionär denn nun? Spekulant oder Investor eines Unternehmens? Ich sehe da einen ganz großen Unterschied. Ein Spekulant setzt auf eine steigende Börse, weil er hofft, dass durch die Notenbanken immer mehr Liquidität kommt oder dass es noch Dümmere gibt, die ihm seine Aktien noch teurer abkaufen. Ein Investor beteiligt sich über die Aktie, die zufälligerweise an der Börse notiert ist, an „seinem“ Unternehmen. Und deswegen kann er hier täglich die Kurse ablesen, was er vielleicht gar nicht will. Der Investor will von den langfristigen Renditen profitieren, die durch die Ausschüttung von Dividenden zustande kommen. Das ist ein Riesenunterschied! Warren Buffett ist kein Spekulant. Mit seinen klassischen Investments ist Buffett von seiner Philosophie her kein Spekulant. Er ist allein Investor in Unternehmen.
Busch: Ich möchte Bernhard da auch widersprechen.
Jünemann: Investor oder Trader? Damit bin ich auch einverstanden. Aber der Begriff Spekulant besagt nichts anderes, als dass ich bestimmte Erwartungen an die Zukunft eines Investments hege und eben auf höhere Kurse spekuliere.
Busch: Wenn du den Begriff Spekulant so weit fasst, hast du natürlich meistens recht. Aber ich neige eher dazu, Stefan zuzustimmen. Zumindest diejenigen, die ich meine und die ich ansprechen will, sollen eine Aktie kaufen, weil sie sich an einem Unternehmen beteiligen wollen, weil sie sich vorher umfassend darüber informiert haben. Die spekulieren nicht. Es sei denn, du sagst, Spekulation ist alles, was mit Zukunft zu tun hat.
Riße: Und das ist genau der Punkt. Dafür ist das Buch ja auch da. Es soll begreiflich machen, dass du dich mit einer Aktie an einem Unternehmen beteiligst. Es soll mit dem Fehlglauben in Deutschland aufräumen, Aktienbesitz sei immer Spekulation. Das ist ja der Irrglaube. Und deswegen ist die Aktie so verrufen.
Franik: Für viele ist die Aktie mittlerweile ein rein ideelles Produkt geworden, eingedampft auf eine anonyme Wertpapierkennnummer oder ISIN, jederzeit im Millisekunden-Bereich handelbar. Vielleicht erklärt ihr erst einmal, was eine Aktie überhaupt ist. Und kommt mir jetzt bitte nicht mit irgendwelchen staubtrockenen Definitionen.
Kutzer: Ohne Definition?
