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Greta besitzt nicht nur eine Buchhandlung, sondern auch ein gutes Gespür dafür, welche Bücher Ariane mag. Die fühlt sich bei Greta so geborgen, dass es zum Sex und zu so etwas wie einer Beziehung kommt. Doch Geschäftliches und Privates zu trennen ist nicht leicht, so dass die Beziehung zu zerbrechen droht. Wenn sich allerdings beide endlich eingestehen würden, was sie wirklich füreinander empfinden, könnte das Happy End in greifbare Nähe rücken ...
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Seitenzahl: 326
Veröffentlichungsjahr: 2014
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Roman
© 2014édition el!es
www.elles.de [email protected]
Alle Rechte vorbehalten.
ISBN 978-3-95609-103-2
Coverillustration: © alphaspirit – Fotolia.com
Das Erste, was Ariane an ihr auffiel, waren ihre Ohren.
Es waren sehr eigenwillige Ohren. Länglich und fein geschwungen, mit zarten Ohrläppchen, in denen je ein winziger Stecker schimmerte. Vielleicht, überlegte Ariane, war es einer dieser Stecker gewesen, der ihre Aufmerksamkeit erhascht hatte, ein kurzer Lichtreflex, der sich für einen Sekundenbruchteil in dem Schmuckstück gespiegelt und ihren Blick zum eleganten Schwung des Ohrläppchens gelenkt hatte.
Ja, vielleicht. Möglicherweise lag die Ursache aber auch darin, dass diese Ohren einfach nicht zu übersehen waren. Nicht wirklich groß im eigentlichen Sinne und sogar meilenweit davon entfernt, zu groß zu sein, doch sie standen eine Nuance zu weit vom Kopf ab, um vollkommen zu sein. Und eben dieses winzige Detail, diese Kleinigkeit, die auf so auffällige und unglaublich anziehende Weise nicht perfekt war, machte den Gesamteindruck absolut unwiderstehlich.
Da stand Ariane nun, mitten in dieser kleinen, gemütlichen Buchhandlung. Einem Impuls folgend, hatte sie dem Schriftzug Seitenweise über dem Eingang nicht widerstehen können. Der Name war zwar nicht unbedingt außergewöhnlich, aber witzig und originell: seitenweise – weise Seiten. Kreativität im Marketing fiel ihr schon aus beruflichen Gründen auf, aber dieser Name sprach sie auch persönlich an.
Eigentlich hatte sie bloß ein bisschen Zerstreuung gesucht, etwas leichte Lektüre. Gefunden hatte sie stattdessen die mit Abstand niedlichsten Segelöhrchen der Welt.
In diesem Augenblick war Arianes Welt durch und durch in Ordnung. Weit weg waren die Meetings, weit weg die nervenaufreibenden Verhandlungen, die endlosen Präsentationen, die Jonglage mit großen Geldbeträgen, die Hetze von einem Termin zum nächsten. Weit weg war sogar ihr Maserati, obwohl sie ihn direkt vor dem Laden am Bordstein geparkt hatte, nur wenige Meter von hier entfernt. Ariane hätte ihn durch die Schaufensterscheibe sehen können, wenn sie den Kopf nur um wenige Zentimeter gedreht hätte. Doch nun war all das, ihr Job, der Stress und auch das, was böse Zungen wohl eine Angeberkarre nennen würden, plötzlich nicht mehr existent. Als sei Ariane in ein Paralleluniversum versetzt worden, in dem Karriere und Status absolut keine Bedeutung hatten. Und für den Moment hatte sie auch keinerlei Bedürfnis, in die Realität zurückzukehren.
Doch selbst der perfekteste aller Augenblicke endete. Nämlich in der Sekunde, als das Lächeln, das zu den erstaunlichen Ohren gehörte, einen Knick bekam. Einen ganz winzigen nur. Gleichzeitig hoben sich die Augenbrauen. Das ganze Gesicht wies nun einen fragenden, beinahe verwirrten Ausdruck auf. Da dämmerte Ariane, dass sie ihr Gegenüber bereits viel zu lange angestarrt hatte. Jedenfalls eindeutig länger, als es sich mit den Gesetzen der Höflichkeit vertrug.
»Oh, ähm . . . also . . .« Ihre Stimme klang nicht so kräftig wie sonst, und sie musste noch einmal ansetzen. »Sie haben . . . mich irgendetwas gefragt, oder?« Sie lächelte, weniger routiniert als gewohnt, aber immerhin durchaus brauchbar, und ihr Tonfall fand zum gewohnten Volumen zurück. »Tut mir leid. Ich war mit meinen Gedanken gerade ganz woanders.«
»Kein Problem«, kam postwendend die Antwort, und der Knick verschwand aus dem warmen Lächeln. »Ich wollte nur wissen, ob ich Ihnen behilflich sein kann. Oder ob Sie sich erst einmal in Ruhe umschauen wollen.«
»Ja«, begann Ariane, immer noch darum bemüht, den Blick von den bezaubernden Öhrchen loszureißen.
Die Augen auf das Ziel, ermahnte sie sich selbst. Erstes Gebot in jedem Manager-Seminar: die Augen immer auf das Ziel richten. Und das waren in diesem Fall – leider! – nicht diese niedlichen Hörmuscheln.
»Klar können Sie mir helfen«, versuchte sie die Sache entsprechend in die richtige Bahn zu lenken. »Ich suche nämlich ein Buch.«
Au weia. Das machte die Blamage eher noch schlimmer.
Der Bubikopf der Verkäuferin neigte sich ein Stück zur Seite, und eine schmale Braue schob sich dezent in die Höhe. Ariane konnte förmlich sehen, wie es hinter dem Fransenpony arbeitete. Gleich, dachte Ariane, gleich würde sich dieses Lächeln unweigerlich in ein breites, spöttisches Grinsen verwandeln.
»Ach, wirklich?«, würde die kleine Frau sagen. »Na, da wäre ich ja nie drauf gekommen. Was genau sollte man in einer Buchhandlung denn sonst suchen? Klöppeldeckchen vielleicht? Oder einen neuen Gummibaum für den Wintergarten?«
Ariane saugte die Wangen ein und wartete auf das Unvermeidliche. Wappnete sich sogar dagegen. Wenn sie sich jetzt einen blöden Spruch einfing, dann würde sie kontern, so viel war sicher. Sie war hier immer noch die Kundin. Und in einem Laden war der Kunde König. Das lernte man vielleicht nicht im Manager-Seminar, aber auf jeden Fall auf der höheren Handelsschule.
Offensichtlich hatte die Verkäuferin jedoch im Unterricht aufgepasst. Oder vielleicht verfügte sie auch nur über eine gute Selbstbeherrschung. Jedenfalls nickte sie bloß. Knapp. Verständig. Ganz so, als hätte Ariane ein anspruchsvolles Anliegen vorgetragen und nicht bloß eine lächerliche Selbstverständlichkeit. »Verstehe«, sagte sie. »Und was für ein Buch genau?«
Arianes Kiefer entspannte sich. Kein dummer Kommentar also? Na schön. Ein Professionalitätspunkt für die niedliche Verkäuferin. Doch deren Gegenfrage stellte Ariane vor ungeahnte neue Hindernisse: Was für ein Buch? Na ja, ein Buch eben. So einen eckigen Gegenstand, wahlweise gebunden oder im Taschenformat. Etwas mit Deckeln und Seiten mit jeder Menge Text, der im Idealfall aus einer spannenden Geschichte bestand, passend auf ihren persönlichen Geschmack zugeschnitten. So etwas würde hier doch wohl zu kriegen sein?
»Ähm«, machte Ariane nur.
»Sachbuch oder Belletristik?«, half die Verkäuferin aus. »Oder vielleicht eine Biographie?«
Ach so. Das meinte sie. »Belletristik«, versetzte Ariane erleichtert. Na bitte. So langsam nahm die Sache Form an.
»Soll es ein Geschenk sein?«
»Nein, ich will es selbst lesen.«
Die Buchhändlerin nickte. »Also doch ein Geschenk«, bemerkte sie.
Ariane blinzelte, zum nunmehr dritten Mal in Folge dezent verwirrt. Nun ja, offen gestanden: mehr als nur dezent. »Wie bitte?«
»Na, Sie wollen sich selbst beschenken«, lächelte die Verkäuferin.
»Hm«, machte Ariane und fügte dann, relativ einfallslos, hinzu: »Ja.« So konnte man es natürlich auch sehen.
»Also dann.« Die Verkäuferin klatschte in die Hände. »Wollen wir doch mal sehen, womit wir Ihnen eine Freude machen können.«
Während des kurzen Weges zum Regal, auf dem die Belletristik-Bände standen, analysierte Ariane blitzschnell die Situation. Also, ihr Normalzustand war das nicht, so viel war mal sicher. Und die Verkäuferin war zwar unbestreitbar süß, verdammt süß sogar – und für diese Öhrchen, da brauchte man glatt einen Waffenschein, das musste man zu Arianes Gunsten an dieser Stelle einfach mal festhalten. Aber solche Frauen gab es zuhauf auf der Welt. Wenn Ariane jedes Mal derart ins Schleudern geriete, sobald sie einer von ihnen über den Weg lief, dann käme sie aus dem Starren und Stottern ja gar nicht mehr heraus. Infolgedessen wäre sie schon sehr bald vermutlich arbeitslos, pleite – und zu allem Überfluss immer noch Single.
Demzufolge war ihr holpriger Auftritt hier wohl weniger der Buchhändlerin, sondern vielmehr dem Stress zu verdanken. Natürlich. Was denn sonst? Der heutige Tag hatte es ganz schön in sich gehabt. Vor allem das letzte Meeting war eine mittlere Katastrophe gewesen: Zwei Stunden waren angesetzt, und dann waren ganze vier daraus geworden. Dazu kamen Stirnrunzeln während ihrer Präsentation, kritische Rückfragen im Anschluss, die Erwägung möglicher Alternativen, künstlich in die Länge gezogene Wartezeiten, lauter Dinge, die Arianes Stresspegel beträchtlich in die Höhe schnellen ließen. Und am Ende hatten sie dann doch alles so gemacht, wie Ariane es ihnen von Anfang an vorgeschlagen hatte. So etwas war sie durchaus gewohnt. Also hatte sie versucht, es locker zu sehen, sich auf den Gehaltsscheck gefreut und beschlossen, sich auf dem Weg nach Hause schon mal mit einer kleinen Shopping-Tour zu belohnen. Alles in allem war es also ein ganz normaler Tag gewesen. Unternehmensberater führten nun einmal ein solches Leben: schnell, herausfordernd und gelegentlich herzinfarktgefährdet. Doch eigentlich wollte Ariane es gar nicht anders haben.
Stress also. Völlig klar. Ein hausgemachtes Problem. Gar keine Frage.
Eines musste man der Buchhändlerin allerdings lassen: Sie war tatsächlich äußerst professionell. Mit nur wenigen gezielten Fragen hatte sie rasch Arianes literarische Interessen eingegrenzt. Anschließend überlegte sie kurz, ging dann zielsicher an eines der Regale und ließ den Finger suchend über die Buchrücken gleiten, bevor sie einen Band herauszog und ihn Ariane hinhielt. »Wie wäre es damit?«
Schon von Berufs wegen beeindruckte Ariane diese Effizienz, die in diesem Fall auch noch mit Empathie gepaart war. Sie nickte und überflog den Klappentext. Doch sie hatte Mühe, sich auf das Geschriebene zu konzentrieren. Die Buchstaben verschwammen vor ihren Augen und tanzten ein munteres Ballett quer über den Buchdeckel.
So langsam wurde die Sache beunruhigend. Fehlten ihr vielleicht Kaffee und etwas zu essen? Ein Stückchen Traubenzucker konnte manchmal Wunder wirken. Doch Ariane hatte ihren Vorrat während des Meetings bereits aufgebraucht. Und sie konnte die Verkäuferin ja wohl schlecht danach fragen, ob sie zufällig minderwertige Kohlenhydrate in Form von Dextrosebonbons da hatte. Dann hätte diese doch noch Gelegenheit, den Spruch anzubringen, den sie sich vorhin erfolgreich verkniffen hatte.
»Nein, tut mir leid. Wie gesagt: Das hier ist eine Buchhandlung. Eine Buchhandlung. Schlagen Sie doch bitte mal im Lexikon oder von mir aus im Handelsregister nach, was genau das bedeutet, Sie scheinen das Prinzip nämlich nicht ganz verstanden zu haben. Aber ich habe hier schon mal die Kurzfassung für Leute, die etwas langsam im Denken sind: Hier gibt es Bücher. Und zwar nur Bücher. Klar soweit?«
Ariane hielt den Blick weiterhin starr auf den Klappentext gerichtet, erkannte jedoch aus dem Augenwinkel, wie die Verkäuferin sie musterte. Diskret. Aber auch erwartungsvoll. Sie wartete wohl auf Arianes Urteil bezüglich der Buchempfehlung.
Ariane räusperte sich, um etwas Zeit zu gewinnen. »Es ist . . .«, begann sie und brach dann ab. »Ja«, setzte sie erneut an. Nächster Versuch. »Das klingt wirklich . . .«
Ach, verdammt!
Vielleicht, überlegte sie, wäre es das Beste, wenn sie den Roman einfach kaufte und als nächste Station eine Apotheke ansteuerte, um sich irgendetwas für den Kreislauf zu besorgen. Und danach würde sie einen Coffeeshop aufsuchen. Traubenzucker und eine überteuerte Kaffeekreation, diese beiden Zaubermittelchen hatten sie bislang noch jedes Mal wieder in Schwung gebracht.
Da fühlte Ariane plötzlich eine Berührung an ihrem Arm. Ganz sachte nur, kaum spürbar durch den Stoff ihres Blazers.
»Sagen Sie mal«, begann die Verkäuferin, sprach dann jedoch nicht weiter.
»Ja?«, fragte Ariane irritiert. Nicht genug damit, dass sie offenbar nicht mehr Herrin über sich selbst war. Jetzt schien sie sich auch noch im völlig falschen Film zu befinden.
»Ist mit Ihnen alles in Ordnung?«, erkundigte sich die Verkäuferin.
Ariane holte Luft und umfasste das Buch in ihrer Hand fester. »Sicher«, sagte sie automatisch und ganz entgegen ihrer wirklichen Empfindung. »Sieht man das etwa nicht?«
»Also, ehrlich gesagt«, bemerkte die andere, »sehen Sie furchtbar aus.«
Ariane schnaubte. »Na, herzlichen Dank auch! Genau das habe ich jetzt gebraucht.«
»Was? Oh . . .« Erst jetzt schien der Buchhändlerin klarzuwerden, was sie da gerade gesagt hatte. Sichtlich erschrocken über die allzu freimütige und bei genauer Betrachtung auch nicht eben schmeichelhafte Bemerkung war nun erstmals sie diejenige, die um Worte verlegen war. »Nein, nein! Um Gottes willen, so war das doch gar nicht . . . ich meine . . . ich wollte nicht . . .«, nuschelte sie etwas undeutlich. »Das kam jetzt völlig falsch rüber. Und war . . . auch eigentlich ganz anders gemeint. Also, eigentlich sind Sie nämlich . . .« Der Blick der Verkäuferin glitt an Ariane hinab und dann wieder hinauf. ». . . also durchaus . . .« Sie brach erneut ab. Jetzt sah sie aus wie ein kleiner, verschreckter Vogel. Doch sie lächelte tapfer weiter. »Ich fürchte, egal was und egal wie ich es jetzt zu sagen versuche, aus der Nummer komme ich nicht mehr raus, oder?«
Ariane grummelte zum Schein noch ein wenig vor sich hin, war aber ob dieser entwaffnenden Offenheit schon fast wieder versöhnt. Diesen Öhrchen konnte man unmöglich böse sein, zumindest nicht allzu lange.
»Tja«, meinte die Verkäuferin, »wissen Sie was? Wenn ich nun schon mal dabei bin, dann kann ich diese gnadenlose Ehrlichkeit auch genauso gut bis zum bitteren Ende fortführen. Also.« Sie holte tief Luft und straffte die schmalen Schultern. »Zu Ihrer Beruhigung: Sie sind die mit Abstand hübscheste Kundin, die heute in meinen Laden spaziert ist. Aber«, fuhr sie dann fort, ehe die völlig überraschte Ariane Zeit hatte, etwas Angemessenes zu erwidern, »ich will Ihnen auch die bittere Wahrheit nicht vorenthalten: Im Moment sind Sie leider nicht ganz so hübsch, wie Sie es beim morgendlichen Blick in den Spiegel vermutlich gewohnt sind. Sie sind nämlich ganz grün um die Nase.«
»Wie . . . ungünstig«, bemerkte Ariane, immer noch so perplex von dem unerwarteten Kompliment, dass sie kaum wusste, was sie eigentlich sagte. »Grün steht mir nämlich überhaupt nicht.«
Wenn das ein Scherz hatte werden sollen, war er nicht besonders gelungen. Obendrein spürte sie, wie sich zu dem – angeblichen – Grün um ihre Nase eine feine Röte gesellte, die ihr geradewegs in die Wangen stieg. Ariane mochte Komplimente, durchaus. Aber das hier hatte sie total überrumpelt.
Einen Moment lang blickten die beiden Frauen sich an. Die Verkäuferin lächelte. Ariane lächelte zurück. Aber entspannt sahen sie beide nicht aus.
Das hier, ging es Ariane durch den Kopf, war wirklich der seltsamste Besuch in einer Buchhandlung, den sie je erlebt hatte – und nicht so richtig geeignet für den Stressabbau, den das ganze Unternehmen eigentlich hätte bewirken sollen. Mehr denn je fühlte sie sich gereizt, müde und absolut nicht in Form.
Und die kleine Händlerin war . . . nun ja: ein ziemlich seltsames Mädchen, um es einmal diplomatisch auszudrücken. Zurückhaltend beim Verkauf und mit einem guten Gespür ausgestattet, aber erstaunlich forsch und zugleich ungeschickt im zwischenmenschlichen Umgang. Auch wenn sie es sicher gut gemeint hatte – die Bemerkungen über Arianes Aussehen hätte sie sich sparen können. Das Kompliment ebenso wie den Hinweis auf den Grünstich in der Nasengegend. Beides war einfach nicht angebracht in einem Verkaufsgespräch.
Vielleicht wurde es Zeit, die Sache zu einem halbwegs würdigen Abschluss zu bringen.
»Wissen Sie was?«, meinte Ariane, nun entschlossen, sich der Situation möglichst schnell und elegant zu entwinden. Sie deutete auf das Buch, das sie immer noch in der Hand hielt. »Ich glaube, das hier ist genau das Richtige. Ich nehme es.«
Die Verkäuferin blickte von Ariane zu dem Buch, das diese ihr entgegenstreckte, und dann wieder zu Ariane auf. »Ist das jetzt Ihr Ernst?«
Na bitte: ungeschickt. »Also, entschuldigen Sie mal«, sagte sie mit gehobenen Brauen. »Wollen Sie sich jetzt auch noch selbst um ein gutes Geschäft bringen, oder wie muss ich das verstehen?«
»Ich meinte eigentlich«, erklärte die Verkäuferin, »ob Sie jetzt wirklich ernsthaft gehen wollen, wo Sie derart blass um die Nase aussehen? Halten Sie das wirklich für eine gute Idee?« In ihrer Stimme lag nicht der leiseste Hauch von Ironie. Jetzt nahm sie Ariane das Buch ab, als sei diese nicht einmal mehr in der Lage, es festzuhalten. »Verstehen Sie mich bitte nicht falsch«, erklärte sie mit fester Stimme, während sie das Buch in den Händen wog. »Ich will Ihnen nichts vorschreiben. Wirklich nicht. Wenn Sie also darauf bestehen, dann ziehe ich Ihnen das hier jetzt selbstverständlich durch die Kasse, packe es Ihnen hübsch ein und wünsche Ihnen anschließend noch einen wunderschönen Tag. Vermutlich werde ich«, ein schiefes Lächeln blitzte auf ihrem Gesicht auf, »mir darüber hinaus einen gut gemeinten Ratschlag nicht verkneifen können. Ich würde Ihnen dringend empfehlen, bei nächster Gelegenheit wahlweise einen starken Kaffee oder ein Glas Sekt zu sich zu nehmen. Nur zur Sicherheit, damit Ihr Blutdruck nicht vollends in den Keller sackt. Und ich . . .« Sie betrachtete kurz das Buch, nahm es in die andere Hand und blickte dann mit einem winzigen Grinsen wieder zu Ariane auf. »Nun, ich werde mich wohl für den Rest des Tages fragen, ob Sie auch wirklich heil nach Hause gekommen sind. Tja.« Sie zuckte die Achseln, das Grinsen war erloschen. »Das wäre Option Nummer eins.«
Ariane musste unwillkürlich lächeln. Irgendwie war sie ja schon süß, diese Anteilnahme. Davon abgesehen fühlte sie sich tatsächlich nicht besonders gut. Und wenn von Optionen die Rede war, dann wurde sie automatisch hellhörig. Das war eine Sprache, die sie verstand. Berufskrankheit.
»So, wie sich das anhört«, ließ sie sich auf das Spiel ein, »scheint es fast, als gäbe es noch eine Alternative.«
»Klar gibt es die.« Es war, als hätte Arianes neugierige Reaktion das Lächeln und auch die Lebendigkeit in das kleine Gesicht zurückgezaubert. Als die Buchhändlerin weitersprach, hatte auch ihre Stimme den lockeren Klang von früher zurückgewonnen. »Wenn Sie sich nämlich dazu durchringen könnten, noch ein paar Minuten im meinem Laden zu bleiben, dann . . .«
»Dann?«, hakte Ariane nach. Jetzt hatte sie beinahe Angst, die andere könnte es sich anders überlegen und abwinken: »Ach, nichts, schon gut.«
»Dann würde ich Sie fragen«, erklärte die Verkäuferin, Arianes Befürchtungen zum Trotz, »ob Sie vielleicht Lust auf eine kleine Stärkung hätten. Etwas zu trinken zum Beispiel. Sekt kann ich Ihnen allerdings nicht vorsetzen, ich habe nämlich keinen da.«
Ariane blinzelte, neuerlich irritiert. War das jetzt etwa . . . eine Einladung? Irgendwie schon, oder? Da gab es ja wohl nichts misszuverstehen. Nur, wie genau war sie gemeint, diese Einladung?
»Etwas zu trinken?«, echote sie, ehe sie nachdenken konnte. »Mit Ihnen?« Eine Sekunde später hätte sie sich am liebsten fest auf die Zunge gebissen. Das war nun wirklich ein bisschen sehr spekulativ gewesen. Vorschnell. Und, zugegebenermaßen: ein wenig geleitet von Wunschdenken.
Die Verkäuferin lächelte. »Sagen wir mal lieber: Bei mir.« Sie winkte Ariane mit der Hand, ihr zu folgen. »Kommen Sie doch einfach mal mit.« Und während sie vor Ariane hermarschierte, drehte sie nochmals den Kopf zu ihr um und sagte mit einem hörbaren Ausatmen: »Puh – jetzt bin ich aber erleichtert, dass Sie so vernünftig sind. Ich hätte wirklich kein gutes Gefühl gehabt, wenn Sie jetzt einfach gegangen wären. Absolut kein gutes Gefühl.«
Au weia, dachte Ariane. Eine Frau, die ihr Herz derart auf der Zunge trug, die immer und unreflektiert das, was sie dachte, gleich aussprach, die würde über kurz oder lang Schiffbruch erleiden. Zumindest auf der geschäftlichen Ebene. Vielleicht, mutmaßte Ariane weiter, sollte ihr das einmal jemand sagen. Sie selbst würde allerdings nicht dieser Jemand sein. Ihr Fachwissen gab es nämlich nicht gratis. Und sie bezweifelte, dass diese süße, kleine Buchhändlerin mit dem Talent, sich um Kopf und Kragen zu reden, sich ihren Stundensatz leisten konnte.
Andererseits ertappte Ariane sich plötzlich dabei, wie sie gerade ernsthaft erwog, in diesem Fall eine Ausnahme zu machen. Öhrchen wie diese wären es allemal wert.
Es war keine wirklich private Einladung gewesen, wie Ariane wenige Augenblicke später feststellen sollte. Natürlich nicht. Eher etwas Halb-Geschäftliches, Halb-Privates, Halb-Öffentliches, beziehungsweise eine Mischung aus alledem.
Sie war der Verkäuferin in den hinteren Teil des Ladens gefolgt. Dort standen, in einem offenen Winkel zueinander ausgerichtet, ein Sofa sowie ein gewaltiger Ohrensessel und in der Mitte ein niedriger Couchtisch. Darauf befanden sich Kekse, appetitlich auf einem Teller angerichtet, sowie zwei Thermoskannen und ein Stapel Tassen.
»Meine Leseecke«, erklärte die Buchhändlerin. »Oder, anders ausgedrückt: mein ganz persönlicher Versuch, in der Alltagshektik einen kleinen Ruhepol zu schaffen.« Ihre Hand wies einladend zu den Sitzmöbeln hinüber. »Bitte Platz zu nehmen. Kaffee oder Tee? – Nein, halt!«, sagte sie rasch, als Ariane schon antworten wollte. »Darf ich raten?«
Ariane hob die Schultern. »Klar, nur zu.«
Daraufhin wurde sie eingehend gemustert. »Hmm«, machte ihre Gastgeberin. »Hmm, hmm, hmm. Also . . . vom Grundsatz her, würde ich vermuten, sind Sie überzeugte Kaffeetrinkerin, aber einem guten Tee gelegentlich nicht abgeneigt.«
»Und woher wissen Sie das?« Ariane beschloss, sich heute über gar nichts mehr zu wundern. Inzwischen hatte sie sich auf dem Sofa niedergelassen. Es war schon ein bisschen durchgesessen, so dass sie tiefer darin einsank, als sie erwartet hatte. Jetzt sah sie, wie ihr Gegenüber eine der beiden Kannen aufschraubte und eine braune Flüssigkeit in eine Tasse goss.
»Ganz einfach«, erklärte die Verkäuferin, ohne ihre Tätigkeit zu unterbrechen. »Ihrem Outfit nach zu urteilen, sind Sie eine vielbeschäftigte Frau, die über den Tag verteilt den einen oder anderen Kaffee zu sich nimmt. Genauer gesagt, zu sich nehmen muss, um den Stürmen des Alltags gewachsen zu sein. Sie mögen Tee zwar, machen sich aber Sorgen, dass er zu entspannend wirken und Sie zu sehr aus der energiedurchfluteten Alltagsroutine herausholen könnte. Sie stehen lieber unter Strom, denn so können Sie am besten arbeiten. Weswegen Sie dann doch lieber auf den Tee verzichten, rein aus Vernunftgründen. Sie tun so einiges rein aus Vernunftgründen. Trifft es das so ungefähr?« Sie lächelte und reichte Ariane die Tasse.
Tee. Kein Kaffee.
»Wow«, machte Ariane nur. Hätte sie nicht schon gesessen, dann hätte sie spätestens jetzt das Bedürfnis verspürt, genau dieses zu tun. Sie nahm die Tasse entgegen und rührte mit einem Löffel darin herum. Was bei genauerer Betrachtung eigentlich ziemlich überflüssig war, denn außer dem Tee hatte die Buchhändlerin nichts weiter hineingegeben, weder Milch noch Zucker oder Süßstoff. »Wo haben Sie das denn gelernt?«, erkundigte sie sich. »Arbeiten Sie nebenher fürs FBI oder so?«
»Wie bitte?« Die Verkäuferin lachte auf. »Oh Gott, nein. Entschuldigen Sie, ich fürchte, es ist wieder mal mit mir durchgegangen.« Sie kratzte sich verlegen am Kopf und brachte ihre kurzen Haare damit in ziemliche Unordnung. »Profiling ist bloß ein kleines Hobby von mir. Hat aber rein gar nichts mit dem FBI zu tun. Ich wäre eine lausige Agentin, ganz ehrlich. Als Kind konnte ich nicht einmal Süßigkeiten klauen, ohne dass man mir meine Missetat auf zehn Kilometer gegen den Wind ansah, und ich befürchte, daran hat sich auch bis heute nicht so viel geändert. Nein, Tatsache ist, ich habe einfach zu viele Krimis gelesen. Und wenn ich einen interessanten Menschen sehe, dann kann ich einfach nicht widerstehen. Ich wollte Ihnen damit nicht zu nahe treten. Und überhaupt –« Sie unterbrach sich erneut. »Herrjemine! Jetzt rede ich schon die ganze Zeit auf Sie ein. Dabei war doch der Sinn dieser ganzen Leseeckenaktion der, dass Sie ein bisschen zur Ruhe kommen. Tut mir wirklich leid.«
Nein, wollte Ariane rufen. Nein, nein, schon gut. Sie reden überhaupt nicht zu viel. Na ja, gut, Sie reden vielleicht durchaus viel, aber eben nicht zu viel, wenn Sie verstehen, was ich meine. Und auch wenn vieles, was Sie da sagen, scheinbar überhaupt keinen Sinn ergibt: Ich höre Ihnen gern zu. Ganz ehrlich. Ich mag Ihre Stimme, ich mag die Art, wie Sie reden.
Oh, und übrigens: Ich mag Ihre Öhrchen. Hat Ihnen schon mal jemand gesagt, was für bezaubernde Öhrchen Sie haben?
»Richtig«, hörte Ariane sich selbst stattdessen sagen. »Natürlich. Meine Ruhe. Ähm. Ja. Also dann . . .« Sie konzentrierte sich darauf, die richtigen Worte zu finden – und nicht einfach die auszusprechen, die ihr durch den Kopf gingen. »Danke, dass ich mich hier ausruhen darf. Danke für den Tee. Überhaupt danke, dass Sie so bemüht um Ihre Kundschaft sind. Aber jetzt«, schränkte sie dann ein, »gehen Sie ruhig wieder an Ihre Arbeit. Ich will Ihre Aufmerksamkeit nicht länger als nötig beanspruchen.«
»Ach was.« Die Verkäuferin lächelte. »Dafür bin ich doch da. Und keine Sorge, Sie halten mich nicht auf.«
In diesem Moment bimmelte das Glöckchen über der Tür.
»Tja . . .«, sagte die Buchhändlerin bedauernd. »Ich fürchte, die Situation hat sich soeben geändert. Schade eigentlich.« Sie hob die Schultern. »Also dann, trinken Sie Ihren Tee, spannen Sie kurz aus. Schauen Sie, ob Sie noch etwas Spannendes zum Schmökern finden. Das ist schließlich ein Buchladen hier.« Sprach’s, grinste Ariane ein letztes Mal an und eilte in den vorderen Teil des Ladens zurück. Immer dem Glöckchen hinterher. Als ob sie Tinker Bell folgen würde, dachte Ariane, der Fee aus der Geschichte von Peter Pan . . . Gedämpft hörte sie die freundliche Stimme zwischen den Regalen hindurch: »Hallo! Was kann ich für Sie tun?«
Ariane lächelte ein wenig grimmig in sich hinein. Was immer sie für dich tun kann, erklärte sie dem unbekannten Adressaten, auf ihr Sofa kommst du schon mal nicht. Hier bin nämlich erst mal ich. Und ich gedenke noch eine Weile zu bleiben.
Kurzentschlossen streifte sie sich die High Heels von den Füßen, hievte die Beine auf die Sitzfläche und streckte sich der Länge nach aus. Die Couch war wirklich nicht die allerneuste, bis auf die Sprungfedern durchgesessen von vielen Leuten, die Stunden um Stunden darauf verbracht hatten, versunken in die Seiten eines spannenden Buches.
Ariane stützte den Kopf auf die Lehne und betrachtete die dampfende Tasse.
Tee, hm? Die Botschaft war unmissverständlich. Und wenn sie darüber nachdachte, so war das nach diesem Tag, insbesondere nach dieser verrückten letzten halben Stunde, genau das Richtige. Sie setzte die Tasse an die Lippen, nippte vorsichtig und spürte dem Geschmack mit geschlossenen Augen nach. Das Aroma war ein bisschen holzig, aber auch würzig und intensiv, mit einer süßlichen Note, die ein wenig an Rooibos erinnerte.
So einen Tee, beschloss sie, genoss man am besten ohne Zucker. Zu viel Süße würde nur das Aroma überlagern. Und das wäre doch ziemlich schade drum.
Wirklich viel zu schade . . .
»He! He, Schlafmütze, aufwachen!«
Ariane fuhr mit einem Ruck in die Höhe. Im ersten Moment hatte sie nicht die leiseste Ahnung, wo sie sich befand. Orientierungslos blinzelte sie umher, drehte den Kopf erst nach rechts, dann nach links und wandte sich schließlich wieder dem Gesicht zu, das mit einem belustigten Lächeln über ihr schwebte. Es war ein sehr anmutiges Gesicht mit braunen Augen, einem kleinen, grübchenbewehrten Kinn und wirklich niedlichen . . .
»Öhrchen!«, rief Ariane laut.
Die Besitzerin der Genannten schrak zusammen und wich ein Stückchen vom Sofa zurück. »Wie bitte?«
»Oh, ähm . . . nichts«, wehrte Ariane schnell ab und hob sich mühsam in eine halbwegs aufrechte Position. »Gar nichts. Vergessen Sie’s. Ich war nur . . . ich meine . . . ich muss geträumt haben.« Gut gerettet, lobte sie sich selbst und klopfte sich in Gedanken auf die Schulter. Dann sah sie sich um, während die Erinnerungen allmählich zurückkehrten. Sie lag immer noch auf dem Sofa. Vor ihr auf dem Tischchen stand eine halb ausgetrunkene und wahrscheinlich längst erkaltete Tasse Tee. Und so langsam begann sie den Grund für ihre anfängliche Verwirrung zu ahnen: Die Leseecke in der Buchhandlung Seitenweise war offensichtlich ein klein wenig zu bequem gewesen.
»Wie lange habe ich geschlafen?«, fragte sie. Denn dass sie geschlafen hatte, stand außer Frage. Ein dunkler Fleck auf dem Ärmel ihres mintgrünen Blazers war ein deutlicher Hinweis darauf, dass sie, während sie selig im Reich der Träume dahingeschwebt war, überdies noch auf ihren Arm gesabbert haben musste. Hastig verschränkte Ariane die Arme, um den verräterischen Fleck zu verbergen. Herrje, sie ließ wirklich keine Gelegenheit aus, bei der Bücherfee mit den süßen Ohren einen denkbar schlechten Eindruck zu hinterlassen.
Bücherfee – so nannte Ariane sie bereits im Stillen.
Diese beantwortete Arianes Frage mit einem mitfühlenden: »Hoffentlich lange genug. Sie müssen todmüde gewesen sein.«
»Entschuldigung«, murmelte Ariane und setzte sich nun vollends auf. »Das ist mir wirklich unangenehm.«
»Ach, Unsinn«, winkte die Bücherfee ab. »Es war sogar irgendwie niedlich, wie Sie so dagelegen haben. – Ach, verflixt, jetzt habe ich schon wieder etwas gesagt, was ich nicht hätte sagen sollen, was?« Sie kicherte, doch diesmal schien es ihr schon erheblich weniger peinlich zu sein als beim letzten Mal. Ihr Lachen klang heiter und wirkte ansteckend. Ariane stimmte unwillkürlich mit ein.
Doch dann riss sie sich zusammen und tastete mit den Füßen nach ihren Schuhen. »Jetzt muss ich aber los. Wie spät ist es denn?«
»Feierabend«, antwortete die Buchhändlerin. »Ich mache gerade die Kasse zu und wollte danach den Laden abschließen.«
»Was?«, rief Ariane aus und verlor vor Schreck den einen Schuh, den sie bereits wieder angezogen hatte. »Du meine Güte, soll das heißen, ich habe den ganzen Nachmittag verschlafen?«
»Den ganzen Nachmittag und den halben Abend«, bestätigte die Bücherfee. Sie musterte Arianes bestürztes Gesicht und sah plötzlich zerknirscht aus. »Tut mir leid, ich hätte Sie eher wecken sollen, ich weiß. Aber Sie haben so selig geschlummert, und vorhin sahen Sie so erschöpft aus. Da hab ich’s einfach nicht übers Herz gebracht. War das . . . falsch von mir?«
Na ja, dachte Ariane. Zumindest war es nicht zu Ende gedacht in Anbetracht der Tatsache, dass die Bücherfee nicht wissen konnte, ob Ariane dadurch nicht womöglich irgendwelche beruflichen Termine verpasste. Oder gar ein wichtiges Date. Oder ob sie zu Hause jemand voller Sorge erwartete.
Doch aus irgendeinem Grund konnte sie dieser Frau einfach nicht böse sein. Zumal nichts von all den Dingen, die diese eigentlich hätte in Betracht ziehen sollen, tatsächlich zutraf. Leider. Zumindest was die nicht vorhandenen Verabredungen betraf und die leere Wohnung, in der so gar niemand auf sie wartete.
»Schon gut«, erklärte sie deshalb. »Sie haben es schließlich gut gemeint. Außerdem lässt es sich jetzt ja ohnehin nicht mehr ändern.« Sie rang sich ein schiefes Lächeln ab. »Dann muss ich jetzt aber wirklich los. Nichts für ungut nochmal, ja? War wirklich nett bei Ihnen. Und vielen Dank.«
»Wenn Sie wollen«, hörte sie die Bücherfee sagen, »können Sie bleiben.«
Ariane lachte auf, verblüfft über das reichlich seltsame Angebot. »Oh nein, vielen Dank. So bequem Ihre Couch auch sein mag, ich kann diese Nacht unmöglich in einer Buchhandlung –«
»Ich meinte eigentlich, dass Sie bei mir übernachten könnten.« Jetzt lächelte die Frau wieder ihr hübsches Lächeln. Mit dem Kinn deutete sie zu einer Tür im Hintergrund. »Meine Wohnung liegt direkt über dem Laden. Nur eine Treppe rauf, und da wären wir schon.«
Ariane zögerte. Sie musste zugeben, dass das Ganze eine gewisse Verlockung barg – vor allem, weil sie sich völlig zerschlagen fühlte. Das war immer so, wenn sie am Nachmittag geschlafen hatte, und einer der vielen Gründe, warum sie über den Tag verteilt so viel Kaffee und niemals Tee trank. Dann konnte es nämlich gar nicht erst so weit kommen. Außerdem war sie in diesem Zustand auch nicht wirklich erpicht darauf, sich hinters Steuer zu setzen. Und ihr Maserati würde einen Tag außerhalb der heimischen Garage schon überleben. Er war schließlich schon ein großer Maserati.
Halbherzig wandte sie ein: »Ich muss morgen früh raus.« Wobei das streng genommen nicht einmal stimmte. Sie hatte den Vormittag ausnahmsweise mal frei und wollte eigentlich nur ein paar Termine sichten und Dinge erledigen, die in der letzten Zeit liegengeblieben waren.
»Na und? Ich auch«, fegte die Bücherfee ihre Bedenken beiseite. »Kommen Sie schon. Da oben«, mit einem verheißungsvollen Lächeln wies sie mit dem Daumen in die Höhe, »gibt es auch noch mehr von dem Lapacho-Tee. Und im Gegensatz zu diesem hier ist er auch noch warm.«
Ariane blickte auf die halbleere Tasse. Lapacho-Tee also. Sie lachte und stand auf. »Überredet.«
Während sie hintereinander die Treppe hochgingen, kam Ariane nicht umhin, die Kehrseite ihrer unverhofften Gastgeberin zu betrachten. Sie tat es nicht aus anstößigen Motiven heraus, sondern hatte vielmehr kaum eine Möglichkeit, irgendwo anders hinzusehen.
Die Bücherfee hatte eine recht hübsche Kehrseite. Auch diese Feststellung war mit keinerlei Wertung von Arianes Seite verbunden, es war vielmehr ein Faktum. Der knallbunte Wickelrock über den Leggings brachte die schlanken Beine gut zur Geltung, ohne dass es auch nur ansatzweise billig aussah. Ihr schwarzer Rollkragenpulli wiederum ließ die grellen Farben des Rockes leuchten und betonte den schmalen Hals. Beim Besteigen der Treppe legte die Bücherfee den Kopf leicht in den Nacken, und ihr kurzes Haar streifte den Rollkragen. Der einzige Wermutstropfen war, dass aus dieser Perspektive ihre Öhrchen nicht zu sehen waren.
Diese Frau war eine eigenwillige Erscheinung, ganz ohne Zweifel. Ihr Outfit war auffällig, ohne dabei aufdringlich zu sein, alternativ, aber nicht zu schillernd. Und sie besaß die natürliche Anmut eines Menschen, der keine Ahnung hatte, wie attraktiv er eigentlich war. Irgendwie schade, ging es Ariane durch den Kopf, dass ein so bezauberndes Wesen sich in so einer kleinen, wenn auch gemütlichen Buchhandlung versteckte und Tag für Tag bloß eine Handvoll Leute zu sehen bekam. Und dass im Umkehrschluss auch nur diese wenigen Auserwählten das Vergnügen hatten, sie zu sehen.
Immerhin: Jetzt gehörte Ariane selbst auch dazu.
»So, da wären wir«, plauderte die Bücherfee in diesem Moment. »Sehen Sie sich bitte nicht zu genau um, ich habe nicht aufgeräumt.« Sie sperrte auf, winkte Ariane einzutreten und zeigte ihr, wo sie Blazer und Schuhe ablegen konnte. Derweil tat Ariane das genaue Gegenteil dessen, worum sie gerade gebeten worden war: Sie blickte sich sehr genau und ziemlich neugierig um. Die Wohnung trug unverkennbar Bücherfees Handschrift, und sie passte zu ihr. Ein bisschen zu klein, ein bisschen altmodisch, aber absolut anheimelnd und gemütlich. Hier hatte alles seinen Platz, ohne dabei durchgestylt zu wirken. Der Feng-Shui-Architekt, der Arianes Apartment eingerichtet hatte, hätte sicherlich die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen – doch dieser Architekt war ja nicht hier, und Ariane gefiel es. Das hier war wenigstens ein richtiges Zuhause, in dem auch gelebt wurde, während Ariane viel zu oft nur zum Schlafen in ihr Apartment kam. Und obwohl sie eine geradezu phänomenal ausgestattete Küche besaß, in der es alles gab, was das Herz eines begeisterten Kochs hätte höher schlagen lassen, vom mechanischen Zwiebelhäcksler bis hin zum japanischen Santokumesser, war Ariane ein echter Fan von Restaurants und Bringdiensten. Gerüche waren in ihrer Wohnung so gut wie nicht existent, vom Raumerfrischer einmal abgesehen. Hier hingegen roch es ein wenig nach Papier, nach Büchern, nach Kaffeeaufguss. Und nach . . .
»Kartoffelbrei«, erklärte die Bücherfee etwas verlegen. Sie musste gesehen haben, wie sich Arianes Nasenflügel schnuppernd blähten, und deutete diese Geste wohl irrtümlich als angeekeltes Naserümpfen. Jedenfalls entschuldigte sie sich: »Tut mir leid. Ich liebe Kartoffelbrei, aber ich übertreibe es jedes Mal mit dem Muskat. Sagen zumindest alle anderen. In Wirklichkeit liebe ich Muskat und kann eigentlich nicht genug davon kriegen, also –«
»Riecht lecker«, beruhigte Ariane sie rasch.
»Wirklich?« Die Bücherfee zog skeptisch das eigene Näschen kraus. »Na, dann ist ja gut. Falls Sie noch Hunger haben . . .?«
Sie vollendete den Satz nicht und sah Ariane stattdessen fragend an, doch diese schüttelte den Kopf. Nicht, weil sie zuvor gnädig geschwindelt hatte und den Geruch in Wahrheit gar nicht so lecker fand. Sie hatte einfach wirklich keinen Appetit mehr. Das hatte sie eigentlich nie um diese Uhrzeit. Sie konnte nicht einschlafen, wenn sie zu fortgeschrittener Stunde zu viele Kohlenhydrate zu sich nahm, von zu scharfer Würze ganz zu schweigen.
»Schön, dann also kein Kartoffelbrei«, plapperte die Bücherfee weiter. Ariane suchte in ihrem Gesicht nach Zeichen von Enttäuschung, weil sie ihre köstliche Muskatmatsche ausgeschlagen hatte, aber da war nichts zu sehen. Ihre Gastgeberin wirkte lediglich etwas zerstreut und sogar leicht verunsichert. Ganz anders als am Nachmittag, als sie völlig souverän Arianes halben Lebenslauf inklusive Gewohnheiten erraten hatte. Wieso machte sie es denn plötzlich so umständlich? Statt Ariane einfach zu zeigen, wo sie schlafen konnte, und ihr eine gute Nacht zu wünschen? Das wäre doch viel einfacher für sie beide. Und zeitsparender auch.
»Oh!«, rief die Bücherfee in diesem Moment aus, als sei etwas Wichtiges ihr plötzlich wieder eingefallen. »Ich hoffe, Sie haben kein Problem mit Tieren? Oder sind am Ende noch allergisch? Vielleicht hätte ich vorher erwähnen sollen, dass ich einen kleinen Mitbewohner habe. Normalerweise ist er sogar unten im Laden, dann hätten Sie ihn schon kennengelernt. Aber heute hatte er keine Lust, mich zu begleiten, und da habe ich ihn besser hier oben gelassen, weil –«
Noch während sie sprach, hörte Ariane ein Schnaufen. Aus einer halb geöffneten Tür kam etwas angekeucht, das sich vor Ariane platzierte und neugierig ihre Füße beschnupperte. Das Tier – den Atemgeräuschen nach musste es ein Hund sein, obwohl der Anblick das nicht zweifelsfrei bestätigte – bestand eigentlich nur aus Muskeln und Fett. Seine stämmigen Beine schienen zu kurz für den Körper und der Kopf im Vergleich dazu viel zu groß.
»Oh mein Gott«, stieß Ariane hervor. »Was ist denn das?«
»Das ist Watson. Eine englische Bulldogge.« Die Bücherfee hatte sich zu dem Tier hinuntergebeugt und tätschelte ihm liebevoll den Kopf. »Ich weiß, er ist kein Staatsstück«, bekannte sie mit einem verlegenen Grinsen. »Aber vielleicht mag ich ihn gerade deshalb so gern. Er war der hässlichste Welpe, den ich je gesehen habe. Und es war Liebe auf den ersten Blick.«
»Aha.« Ariane blickte zweifelnd auf das kleine Monstrum hinab. Dieses Vieh war wirklich kein Ausbund an Schönheit, nicht einmal der cleverste Werbetexter der Welt hätte diese Tatsache verschleiern können. Seine Lefzen hingen bis auf den Boden, und er röchelte, dass es zum Erbarmen war. So langsam befürchtete sie, das Tier würde gleich hier zu ihren Füßen einem asthmatischen Anfall erliegen. »Watson also?«, fragte sie, hauptsächlich um das Geräusch zu übertönen. »Wie der Typ aus den Sherlock-Holmes-Geschichten?«
»Ja, nur ohne Doktortitel.« Zarte Röte färbte die Wangen der Buchhändlerin und Hundebesitzerin. »Ich sagte doch, ich liebe Detektivgeschichten.« Wie um Ariane nicht ansehen zu müssen, wandte sie den Blick wieder ihrem Hund zu. Sie war unglaublich reizend, wenn sie verlegen war. Selbst ihre Öhrchen leuchteten in einem ganz zarten Himbeerrot. »Ich glaube, Watson mag Sie«, stellte sie fest.
Ariane hatte einen anderen Verdacht. Dass Watson ihre Füße so begeistert beschnüffelte, mochte genauso gut daran liegen, dass sie seit heute Morgen nicht aus den verflixten High Heels gekommen war – wenn man von ihrem Nickerchen auf dem Sofa unten im Laden einmal absah.
Doch diese Idee schien jenseits von Bücherfees Vorstellungskraft zu liegen. »Hunde haben ein gutes Gespür für Menschen«, führte diese gerade ihre Erörterungen fort. »Dich hat er sofort ins Herz geschlossen –« Sie unterbrach sich und sah wieder zu Ariane auf. Diesmal mit leicht geöffneten Lippen, als könne sie ihren eigenen Fauxpas nicht fassen. »Hab ich gerade Du zu dir gesagt?«, fragte sie etwas zweifelnd, nur um sich dann auf die Lippe zu beißen. »Herrje. Und dann gleich nochmal!«
Ariane musste lachen. Diese Verlegenheit, die Bücherfees Gesicht nun in dunklem Magentarot glühen ließ, war einfach zu bezaubernd. »Wenn einem so etwas mehr als einmal passiert«, meinte sie, »und dann auch noch so kurz hintereinander, dann sollte man es dabei belassen.« Sie streckte die Hand aus. »Hallo nochmal. Ich bin die Ariane.«
Der Griff wurde erwidert, erst zaghaft, dann fester. »Greta.«
»Hallo, Greta. Und –«, Ariane blickte abwärts, »hallo, Watson.«
Sie schüttelten sich die Hände, in diesem kleinen Flur, der nach Gemütlichkeit und Kartoffelbrei roch: Ariane und die Bücherfee, die in Wahrheit Greta hieß. Dabei lächelten sie sich an mit der üblichen Unsicherheit, die Menschen an den Tag legen, wenn sie die Grenze zwischen Fremdheit und Vertrautheit überschreiten und sich gleichzeitig fragen, ob es dafür nicht eigentlich noch viel zu früh ist.
Es war Greta, die als Erste ihre Sprache wiederfand. »Wie sieht es aus, Ariane?«, meinte sie. »Wollen wir unsere neue Duzfreundschaft mit einem Glas Wein begießen? Mir ist gerade irgendwie nach etwas Stärkerem als Tee.« Sie hob die schmalen Schultern.
»Gute Idee«, befand Ariane. Sie war plötzlich neugierig darauf, ob sich Gretas Öhrchen auch unter dem Einfluss von Alkohol noch einmal so wundervoll rot färben würden.
Der Wein war zwar kein 1982er Chablis, aber er erfüllte seinen Zweck. Bereits nach einem halben Glas fühlte sich Ariane viel gelöster, und die Anspannung des Tages war kaum mehr zu spüren.
Das mochte allerdings auch an der Gesellschaft liegen. Es war eine reine Freude, Greta zuzuhören. Oder besser gesagt: ihr beim Reden zuzusehen. Ihre Gestik war sehr lebendig und wurde mit voranschreitender Stunde – und steigendem Pegel – immer eifriger und ausladender, vor allem, wenn sie von ihren Lieblingsbüchern erzählte, Stärken und Schwachstellen aufzählte und sie miteinander verglich. Ihre Ohren röteten sich übrigens tatsächlich. Irgendwann glühten sie mit ihren Wangen um die Wette.
