Verkettet - Lucy van Tessel - E-Book

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Lucy van Tessel

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Beschreibung

Yoga kann auch verbinden: Physiotherapeutin Judy gibt nebenbei Kurse und verliebt sich in die Goldschmiedin Levke. Es könnte eine glückliche Beziehung werden, wenn sich Levke nicht plötzlich um ihre Ex Vivica kümmern müsste, die sich das Bein gebrochen hat. Aus dem »Kümmern« wird intensive Pflege, und Judy denkt bereits über einen Schlussstrich nach, da taucht Vivica als Patientin in ihrer Praxis auf - und entpuppt sich als äußerst attraktiv und liebenswert. Judy ist hin- und hergerissen, da wird die Verwirrung komplett, denn Vivica versucht sich Judy anzunähern - auf einmal sind alle drei irgendwie miteinander »verkettet«, denn ein Goldhalsband bringt unerwartete Geheimnisse ans Licht ...

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Seitenzahl: 347

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Lucy van Tessel

VERKETTET

Roman

© 2015édition el!es

www.elles.de [email protected]

Alle Rechte vorbehalten.

ISBN 978-3-95609-148-3

Coverfoto: © JLPfeifer – Fotolia.com

1

»Hey, nicht!« Kichernd neigte Levke den Kopf zur Seite. »Das kitzelt.«

»Ach so?« Judy lächelte und zog sich ein wenig zurück. Aber nur gerade so weit, dass sie die Wärme, die von Levkes Haut ausging, weiterhin spüren und den zarten Duft ihrer Halsbeuge wahrnehmen konnte. Parfum. Ein Hauch von Rosenblüten. Und Levke pur.

»Wusstest du eigentlich«, fragte sie leise, »dass es ein Zeichen für große Sinnlichkeit sein soll, wenn jemand kitzelig ist?«

Levke zog den Kopf noch ein Stückchen weiter zwischen die Schultern und gab ein leises Quietschen von sich. Judys Atem hatte ausgereicht, um einen erneuten Beweis für die eben postulierte Sinnlichkeit zu liefern. »Ist das so, ja?«, erkundigte sie sich.

»Na, und ob.«

In Wirklichkeit hatte Judy überhaupt keine Ahnung, ob hinter dieser These auch nur ein Fünkchen Wahrheit steckte. Sie wusste nicht einmal mehr, woher sie das hatte. Vermutlich im Internet gelesen, irgendwo gehört oder auf sonstige Weise aufgeschnappt. Quelle: unbekannt. Wahrheitsgehalt: schwer überprüfbar. Doch Judy gefiel diese Vorstellung. Kitzelig zu sein, das war eine Eigenschaft, die sie nie als sonderlich angenehm wahrgenommen hatte, und jeder, der schon einmal Opfer einer zwar freundschaftlich gemeinten, aber dennoch brutalen Kitzelattacke geworden war, würde das wohl bestätigen. Doch aus einer anderen Perspektive betrachtet wurde aus dem Gefühl der Verletzlichkeit plötzlich eine Empfindsamkeit, die ganz eindeutig positiv besetzt war. Zumindest in Situationen wie dieser hier.

Es wurde Zeit, dachte Judy, die These noch einmal zu überprüfen.

Langsam beugte sie sich wieder vor und hauchte Levke einen ganz sanften Kuss auf den Hals. Dann arbeitete sie sich weiter nach unten in Richtung Schlüsselbein.

»Ehrlich gesagt . . .«, begann Levke.

Judy unterbrach ihre Abwärtsbewegung nicht. »Hm?«

»Was du da gesagt hast –«

»Ja?«

»Über die Sache mit der Kitzligkeit –«, der Laut, den Levke jetzt von sich gab, klang eindeutig nicht wie ein Lachen, »also, da gibt es noch eine andere Theorie.«

»Ach ja?«

»Nämlich«, hörte Judy Levke sagen, »dass es eine Art Abwehrmechanismus ist.«

Abwehr? Jetzt unterbrach sie sich doch, ließ ihre Lippen allerdings dort, wo sie waren.

»Ich meine«, fuhr Levke mit bebender Stimme fort, »wenn das Erregungsniveau zu heftig wird. Dann«, ein kurzes Zusammenzucken, »also, dann passiert so etwas. Hab ich mal gelesen«, fügte sie rasch hinzu, als würde der Verweis auf ein schriftliches Zitat ihren Worten mehr Gewicht verleihen.

»Verstehe«, sagte Judy leise, und Levke erschauerte erneut, als der Atemhauch ihre Haut streifte. »Nun ja, prinzipiell bin ich ja immer dafür, das Niveau zu halten. Aber in diesem, ganz speziellen Fall würde ich sagen: Entscheide du.«

Levke stöhnte leise. Dann, zögernd, hob sie die Hand und legte sie in Judys Nacken. Sie gab keinen Druck darauf. Die Geste war vielmehr eine Bitte.

»Also gut.« Judy lächelte versonnen vor sich hin. »Dein Wunsch ist mir Befehl.« Und umgehend machte sie sich daran, diesem Wunsch zu entsprechen.

Seit Judy Levke kannte, insbesondere seit dem Zeitpunkt, als sie begannen, einander wirklich kennenzulernen, hing Judy einer ganz bestimmten Frage nach. Und dabei handelte es sich keineswegs um das obligatorische Ob sie wohl solo ist . . .? Na ja, zugegeben: Das beschäftigte sie durchaus auch. In gewissen Momenten sogar mehr als alles andere.

Doch einer der ersten Gedanken, die Judy mit Levke verband, war folgender: Wieso ging eine so süße Frau mit einem so zaghaften Gesichtsausdruck durch den Tag, ja scheinbar durch ihr ganzes Leben? Levke war zwar nicht wirklich schüchtern, aber ihr Auftreten, ihr ganzes Wesen schienen darauf hinzudeuten, dass sie am liebsten unsichtbar gewesen wäre. Sie sprach stets leise – am Anfang hatte Judy sogar Mühe gehabt, sie zu verstehen. Ihre Schritte waren fast unhörbar, selbst wenn sie nicht auf Zehenspitzen schlich, sondern ganz normal ging. Bei lauten Geräuschen zuckte sie zusammen. Sie wirkte wie ein scheues Reh, das beim kleinsten Schrecken auf Nimmerwiedersehen im Gesträuch verschwinden würde.

Judy hatte sich schon gefragt, ob sie vielleicht vom Land stammte und den Lärm und die Hektik der Stand nicht gewohnt war. Und war mit dieser Erklärung sehr zufrieden, weil sich daraus der perfekte Vorwand für ein Date ergab. Dennoch hatte sie eine ganze Weile gebraucht, um ihren Mut zusammenzunehmen und den entsprechenden Plan an Levke heranzutragen: »Ein Picknick in der Natur«, hatte die Idee gelautet. »Nur wir beide. Wie wär’s?«

Zu Judys Überraschung hatte Levke sofort zugestimmt. Keine formale Zurückhaltung. Kein vage hingemurmeltes »Ja, ja. Klar. Super Idee. Machen wir. Irgendwann einmal.« Kein demonstratives Zücken eines Terminkalenders.

Nichts von alldem. Stattdessen hatte Levke einfach nur gelächelt. Und leise gesagt: »Das klingt großartig.«

Heute war der endlich der große Tag gekommen, an dem sie den Plan tatsächlich in die Tat umsetzten. Und Judy wurde nicht enttäuscht: Schon als sie die Stadtgrenzen hinter sich gelassen hatten und auf eine breite, freie Landstraße abbogen, auf der kaum ein anderes Fahrzeug unterwegs war, schien eine Spannung von Levke abzufallen. Beim Spaziergang zum Badesee waren ihre Gesten dann eifriger, ihre Sprache lebhafter geworden. Schließlich hatte sie sich sogar bei Judy untergehakt. Sie hatte es ganz selbstverständlich getan, so als sei gar nichts dabei. Als würden sie sich schon eine Ewigkeit kennen, als wären sie seit Jahren derart vertraut miteinander. Judy ihrerseits hatte, als sie so unvermittelt Levkes Nähe spürte, beim Gespräch kurzzeitig den Faden verloren, und die Luft schien plötzlich um einige Grad wärmer zu werden.

Als sie dann die Picknickdecke ausbreiteten, flegelte sich Levke wie ein kleines, zufriedenes Kind auf den Stoff, breitete die Arme aus und hielt das Gesicht in die Sonne. Mit geschlossenen Augen lächelte sie vor sich hin. Dann beschattete sie ihr Gesicht mit der Hand, öffnete die Augen zu winzigen Halbmonden und strahlte zu Judy hinauf. »Danke«, sagte sie.

»Wofür?«, fragte Judy.

»Dafür, dass du mich hierhergebracht hast. Ich glaube, das war genau das, was ich gebraucht habe, um mal den Kopf freizubekommen. Aber«, sie grinste Judy an, »das hast du natürlich gewusst, oder?«

Judy sagte ihr nicht, dass sie zumindest so eine Ahnung gehabt hatte. Sie stellte einfach nur den Picknickkorb ab und ließ sich neben Levke nieder. Still, beinahe vorsichtig. Denn Levke hatte die Augen wieder geschlossen. Sie atmete tief und regelmäßig, und um ihre Lippen spielte immer noch dieses sanfte, selbstvergessene Lächeln. Ein Lächeln, das nun niemand Bestimmtem mehr galt. Aber das war okay für Judy. Sogar absolut okay. Insgeheim freute sie sich sogar über die Gelegenheit, die Frau, die sich neben ihr auf der Decke entspannte, einige kostbare Momente lang ungestört und vollkommen ungeniert betrachten zu können. Levkes schulterlanges, dunkles Haar war wie ein Fächer um ihren Kopf herum ausgebreitet. Ihre Wangenknochen gaben ihrem Gesicht Struktur und ließen es zugleich mädchenhaft jung wirken. Levke hatte die bezauberndsten Jochbeine, die Judy je gesehen hatte. Das hätte sie ihr gern gesagt, war jedoch bisher immer davor zurückgeschreckt. Das Jochbein war nicht unbedingt die erste Wahl, wenn es darum ging, jemandem ein Kompliment zu machen. Zunächst einmal war es kein sonderlich hübsches Wort, die Klangfärbung hart, unmelodisch, beinahe grob. Außerdem, und das war der weitaus riskantere Teil des Ganzen, konnte man nicht mit hundertprozentiger Sicherheit davon ausgehen, dass das Gegenüber das Jochbein auch dort einordnete, wo es hingehörte. Manch eine vermutete es nämlich gar nicht im Gesicht, sondern verwechselte es mit dem Steißbein. Das war definitiv viel zu nahe am Hintern, um noch unschuldig und schicklich zu sein. So konnte sich ein einfaches Kompliment im Kopf der Adressatin in eine billige Anmache verwandeln. Und spätestens da wurde es peinlich für alle Beteiligten.

Vielleicht, dachte Judy, sollte sie lieber erst mal Levkes Augen loben, wenn diese wieder zu sehen waren. Sie waren nämlich noch erstaunlicher als die sanfte Schwingung ihrer Wangenknochen. Klar und tief waren sie, wie ein blauer Bergsee. Deutlich hübscher als der Teich, neben dem sie gerade lagerten. Der glitzerte zwar auch ganz nett in der herbstlichen Sonne, hielt dem Vergleich mit Levkes Augen aber nicht stand.

Auch das hätte Judy Levke gern gesagt. Aber alles zu seiner Zeit. Und vielleicht nicht gerade mit leerem Magen.

Als Judy den Picknickkorb öffnete, wurde ihr zum ersten Mal bewusst, dass die Idee mit dem Kurztrip ins Grüne einen kleinen Schönheitsfehler hatte. Sobald sie nämlich anfing, die mitgebrachten Leckereien auf der Decke auszubreiten, bekamen sie Gesellschaft: Von allen Seiten schwirrten Insekten heran, die buchstäblich auch ein Stück vom Kuchen haben wollten. Dabei war es für Wespen eigentlich schon zu spät im Jahr. Nur hatten die Exemplare, die sich nun auf dem mitgebrachten Obstsalat und Topfkuchen niederließen, das offensichtlich noch nicht mitbekommen.

Na toll, dachte Judy ein wenig verstimmt. So viel also zum Thema Romantik.

Levke hingegen begegnete den Flug- und Stechtierchen mit bewundernswerter Gelassenheit. Aber sie, befürchtete Judy, hegte vielleicht auch nicht unbedingt dieselben romantischen Hoffnungen.

Trotzdem entbehrte es nicht einer gewissen Faszination, Levke zu beobachten. Wenn sich eine Wespe auf ihrem Essen niederließ, dann wartete sie einfach ab, bis diese die Lust verlor und wieder davonsummte. Wenn sie ein Brummen dicht an ihrem Ohr hörte, dann neigte sie den Kopf ein wenig zur anderen Seite. Ihr weiches Haar umwehte ihr Gesicht dabei wie ein Vorhang. Judy beobachtete sie hingerissen. Und war insgeheim dennoch ganz froh darüber, dass sie selbst sich heute für einen praktischen Pferdeschwanz entschieden hatte. Als sie ein Kind gewesen war, war ihr einmal eine Biene in die langen Haare geflogen. Die darauf folgende Panikattacke, sowohl ihre eigene als auch die der Biene, reichte ihr eigentlich fürs ganze Leben.

Jedenfalls war Judy der Meinung, dass sie das Gebrumme und Gekrabbel wirklich schon eine ganze Weile tapfer ausgehalten hatte. Doch dann schwirrte etwas Großes, jedenfalls eindeutig größer als eine Biene, an ihrem Ohr vorbei und brachte dabei jene Haarsträhnen, die zu kurz waren, um sie im Pferdeschwanz zu verstauen, in beträchtliche Bewegung. Da war es um ihre Beherrschung geschehen. Sie schrie leise auf und holte, rein aus Reflex, mit der Hand aus, um das unbekannte Flugobjekt zu verscheuchen.

Der Griff, der ihr Einhalt gebot, war nicht fest. Er war vielmehr überraschend sanft, so wie man ein zappelndes Kleinkind festhalten würde, sorgsam darauf bedacht, keinen Schmerz zu verursachen.

»Bitte nicht«, hörte sie Levke sagen.

Judy folgte Levkes Blick. Auf ihrem Oberschenkel hatte sich ein beeindruckendes Exemplar von Libelle niedergelassen. Ihre Flügel zitterten sanft. Genau wie Judy, die unwillkürlich schauderte. Sie glaubte beinahe, die Beinchen des Tieres auf ihrer Haut zu spüren, durch den Stoff der Jeans hindurch.

»Nicht«, wiederholte Levke. »Tu ihr bitte nichts.«

Judy schluckte. »Wollte ich ja gar nicht«, presste sie rasch hervor. »Ich hab mich nur erschrocken.«

Levke nickte ein wenig geistesabwesend. Ihr Blick war dabei auf die zuckenden Insektenflügel geheftet. »Sie ist wunderschön. Findest du nicht?«

Judy beäugte das Tierchen misstrauisch. Sie hätte Levke ja gern zugestimmt. Aber dann hätte sie lügen müssen, und das widerstrebte ihr ganz im Allgemeinen – und bei Levke im Besonderen. »Geht so«, sagte sie deshalb.

»Geht so?«, echote Levke und klang überrascht.

»Ich weiß nicht. Ich finde sie . . .«, Judy suchte nach dem richtigen Wort, »irgendwie unheimlich.«

Levke hob die Brauen. »Unheimlich? Wieso denn?«

Diese Art von Nachfrage war typisch für Levke: Sie schaute genau hin, griff die Details auf und hatte ein besonderes Talent dafür, zwischen den Zeilen zu lesen. Und wenn sie Fragen stellte, dann interessierten die Antworten sie auch. Judy hätte sich, wäre sie an Levkes Stelle gewesen, damit zufriedengegeben, dass Krabbelviecher jeglicher Couleur einfach nicht ihr Ding waren. Levke nicht.

Also begann Judy zu überlegen, während sie die Libelle wachsam im Auge behielt. Schließlich erklärte sie: »Ich glaube, es sind die Augen. Die sind einfach so riesengroß, ich meine, im Vergleich zum Rest des Körpers. Und außerdem«, sie legte den Kopf schief, »weiß man nie, wohin sie gerade blicken.«

Einen Moment lang betrachteten beide Frauen das Tier, das weiterhin seelenruhig auf Judys Schenkel hockte, so als wolle es sich dort häuslich einrichten. Wohin auch immer das kleine Geschöpf gerade mit seinen übergroßen Augen blicken mochte, es hatte jedenfalls keinerlei Probleme damit, sich anstarren zu lassen.

»Ehrlich gesagt«, hob Levke schließlich an, »mir haben es gerade die Augen angetan. Ich finde, das Facettenauge ist eines der faszinierendsten Dinge, die unsere Natur je hervorgebracht hat. Und schau dir nur mal ihre Flügel an! Voller fantastischer Farben.«

»Ähm . . .« Judy runzelte die Stirn. Blickte auf das Tier hinunter und dann wieder auf. »Wir reden aber schon noch von dieser Libelle, ja? Ich meine, du bist jetzt nicht plötzlich zu Schmetterlingen umgeschwenkt?«

Levke lächelte wortlos. So lange, bis Judy sich genötigt sah hinzuzufügen: »Also für mich sehen die Flügel ziemlich durchsichtig aus.«

»Dann schau doch einfach noch mal hin.«

Judy tat es. Und plötzlich sah sie, wie die Sonnenstrahlen in den Flügeln des Tieres funkelten, wie diese das Licht in allen möglichen Farben reflektierten und dabei schimmerten wie Perlmutt. »Wow«, entfuhr es ihr.

Levke erriet ihre Gedanken und lächelte still.

Judy musste grinsen. »Hey«, sagte sie, »du hast aber auch einen unfairen Vorteil. Schon von Berufs wegen. Ich hätte wissen müssen, dass eine Goldschmiedin alles toll findet, was glitzert und glänzt.«

In diesem Moment hatte die Libelle endgültig genug davon, so ausgiebig begutachtet zu werden. Die schimmernden Schwingen sirrten, das Tier hob von Judys Bein ab und sauste davon.

»Huch«, rief Judy und zog den Kopf ein. Dann sah sie Levke verlegen an, und beide lachten.

»So viel zum Thema beruflicher Vorteil«, bemerkte Levke. »Du bist ganz schön nervös – für eine Yogalehrerin.«

Judy wollte schon verlegen vor sich hin brummeln, etwas möglichst Zusammenhängendes von Reflexen und dergleichen erzählen. Außerdem war sie gar nicht wirklich Yogalehrerin. Eigentlich arbeitete sie als Physiotherapeutin und studierte nebenbei Medizin. Hatte Medizin studiert, sollte man wohl eher sagen. Aber das war nun wirklich kein schönes Thema für ein Date.

Doch während sie sich in Gedanken noch eine Antwort zurechtlegte, bemerkte sie plötzlich etwas ganz anderes. Etwas, das ein kribbeliges Prickeln durch ihren ganzen Körper jagte. Sie blickte auf die Decke hinunter. Und wieder zu Levke hinauf. »Sag mal«, fragte sie schließlich mit belegter Stimme, »kann es sein, dass du gerade die ganze Zeit meine Hand gehalten hast?«

Levke folgte ihrem Blick. Als sie wieder zu Judy hochsah, waren ihre Wangen von einer feinen Röte überzogen.

Einen Moment lang wussten sie beide nicht, was sie sagen sollten. Und dann fasste sich Judy ein Herz und beschloss, ihre Lippen auf andere Weise sprechen zu lassen.

Diesmal war es Levke, die hinterher flüsterte: »Wow!«

Den Rest des Nachmittags hatten sie geredet. Sich dann erneut geküsst. Wieder geredet. Und wieder geküsst, mal vorsichtig, zaghaft, mal neckend, mal lange und innig. Sie hatten dabei zugesehen, wie die Sonne ihre Bahn zog und gegen Abend alles mit flüssigem Gold flutete. Sie hatten das Ballett der Wasserläufer beobachtet und den Reigen, mit dem die Mücken die Luft zum Flirren brachten. Allmählich wurde es dunkel, doch der Boden gab noch ein bisschen Restwärme her. Und als auch diese nicht mehr ausreichte, dachten sie immer noch nicht daran, aufzubrechen. Sie rückten einfach enger zusammen und kuschelten sich in die Decke ein.

»Darf ich dir was verraten?«, fragte Levke schließlich, den Blick gen Himmel gerichtet.

»Klar«, sagte Judy.

»Aber du musst mir versprechen, dass du mich dann nicht auslachst«, verlangte Levke.

»Würde ich doch nie tun.«

»Ich meine es ernst.« Levke drehte sich auf die Seite, stützte den Ellbogen auf und legte den Kopf in die Hand. »Ich will nicht, dass du denkst, ich wäre irgendwie komisch.«

Wieso sollte Judy denn so was denken? Sie fand Levke klasse. Sie konnte sich gar nicht vorstellen, dass Levke irgendwelche Eigenschaften haben sollte, die sie seltsam finden könnte. Aber manchmal hatten Menschen ja gewisse kleine Marotten, die man ihnen auf den ersten Blick gar nicht zugetraut hätte.

»Okay«, meinte sie. »Ich verspreche dir, ich werde nicht lachen. Und jetzt erzähl schon.« Lachend knuffte sie Levke in die Seite. »Spann mich nicht so auf die Folter.«

Levke räusperte sich. »Libellen sind meine Lieblingstiere.«

»Echt?« Judy blinzelte.

»Ja«, meinte Levke und sah plötzlich verlegen aus. »Ehrlich gesagt«, fuhr sie dann fort, »ich finde Insekten im Allgemeinen ziemlich toll.«

»Hm . . .« Das war in der Tat etwas Unerwartetes. Aber wenn sie genau darüber nachdachte, überraschte es sie nicht. Ganz im Gegenteil. Offenbar hatte sie also doch recht gehabt: Levke war eher ein Landkind als eine Großstadtpflanze.

»Weißt du«, erzählte Levke, »als ich klein war, da habe ich mir immer vorgestellt, all diese Bienen, Mücken und Schmetterlinge, das wären die Bewohner der Anderswelt. «

»Du meinst, so was wie Feen?«, fragte Judy.

»Ja. Und die Libellen haben es mir eben am allermeisten angetan.« Levke musterte Judy und schlug dann die Augen nieder. »Jetzt hältst du mich doch für komisch, stimmt’s?«

»Nein«, versicherte Judy. »Ich habe es nur noch nie so betrachtet. Vielleicht fehlt mir einfach die nötige Phantasie.«

Levke schüttelte den Kopf. »Mir inzwischen leider auch«, gab sie zu. »Man könnte sagen, die Realität hat mich eingeholt.« Einen Moment später lächelte sie wieder. »Aber Insekten liebe ich immer noch.«

»Dann hättest du vielleicht Naturforscherin werden sollen.«

»Bloß nicht!« Levke verzog das Gesicht. »Ich fürchte, dafür wiederum hatte ich trotz allem immer zu viel Phantasie.«

»Dann mach doch mal eine Schmuckkollektion mit Insektenmotiven.«

»Dran gedacht hab ich schon.« Levke zuckte die Achseln: »Aber so was kauft doch kein Mensch.«

Während des Schweigens, das darauf folgte, beobachtete Judy nachdenklich den kleinen See. Im Schilf zeigten sich allmählich die ersten Glühwürmchen. Feen, hm? So abwegig, dachte sie, waren Levkes Überlegungen gar nicht. Dann fiel ihr plötzlich etwas ein, das sie nervös machte. »Deine kleine Schwäche für alles, was kriecht und krabbelt, schließt aber hoffentlich doch keine Spinnen ein, oder?«, fragte sie.

Levke hob die Brauen. »Wie bitte?«

»Ich meine ja nur«, fügte Judy rasch hinzu. »Gegen Libellen und das ganze Zeug hab ich nichts. Aber solltest du in deiner Wohnung ein ganzes Terrarium voller haariger Vogelspinnen haben, dann sag mir das lieber gleich.« Sie überlegte kurz, wie sie ihre Bitte vernünftig motivieren konnte, ohne Levke vor den Kopf zu stoßen. Nur für den Fall, dass diese wirklich ein Rudel Vogelspinnen als Haustiere hielt. Schließlich meinte sie: »Damit ich mich wenigstens seelisch darauf vorbreiten kann.«

Levke lächelte. »Ich will ja nicht altklug erscheinen, Judy. Aber«, sie hob eine Schulter, »Spinnen sind streng genommen gar keine Insekten.«

Ja, dachte Judy etwas zerknirscht. Richtig, da war ja was. Allerdings konnte man von ihr als bekennende Spinnenphobikerin wirklich nicht verlangen, dass sie sich mit diesen Biestern mehr beschäftigte als unbedingt nötig, oder?

»Aber falls es dich beruhigt«, fuhr Levke in diesem Moment fort, bevor Judy die kleine zoologische Ungenauigkeit richtig peinlich werden konnte, »nein, ich habe keine Vogelspinnen. Und ich hab auch nicht vor, mir in Zukunft welche zuzulegen.«

»Na, dann ist ja gut«, meinte Judy. Keine achtbeinigen Mitbewohner also. Wieder ein Pluspunkt. Mit Levkes Faible für Insekten hingegen, echte Insekten mit nur sechs Beinchen, würde Judy klarkommen. Und Levkes Phantasie fand sie alles andere als komisch. Sie fand sie sogar ziemlich bezaubernd.

Der Abend schritt voran. Irgendwann hatten sie wieder angefangen, sich zu küssen. Leidenschaftlicher diesmal. Judy war überrascht, wie sehr sich Levke ihr öffnete, wie anschmiegsam sie war. Ihre Zärtlichkeiten hatten etwas Hungriges, ein Zug, den Judy noch gar nicht an ihr wahrgenommen hatte. Nicht, dass sie etwas dagegen gehabt hätte – sie hatte nur nicht damit gerechnet. Schließlich hatte sich Judy, ermutigt durch Levkes Empfänglichkeit, zunächst zu deren Ohr hinaufgearbeitet und zärtlich daran herumgeknabbert. Levke hatte gekichert, was zu dem kurzen Exkurs über Kitzligkeit geführt hatte.

Anschließend hatte Judy sich Stück für Stück über Levkes Hals nach unten vorgetastet. Sie hatte es nach einigem Zögern sogar gewagt, Levkes Kleidung ein wenig zur Seite zu schieben, so dass sie auch ihre Schulter liebkosen konnte. Levke hatte sie mit großen Augen angeschaut. Und dann, ganz langsam, den Reißverschluss, der ihren Sweater vorn zusammenhielt, heruntergezogen.

Judy hatte um ihre Beherrschung ringen müssen, als sie im Dämmerlicht mehr und mehr von Levkes nackter Haut erahnte.

»Bist du sicher . . .«, begann sie.

Doch Levke legte ihr einen Finger an die Lippen. »Sch«, machte sie nur. Und öffnete mit der anderen Hand den Verschluss ihres Sport-BHs.

Judy musste heftig schlucken.

»Bitte . . .«, flüsterte Levke.

Judy versuchte, ihren Puls zu beruhigen.

»Bitte«, wiederholte Levke, »schau mich nicht einfach nur an, ja? Sonst komme ich mir dumm vor.«

»Oh Gott«, stieß Judy hervor. »Wer hat dir denn das eingeredet?«

Levke zog sie an sich heran. »Nicht . . . Bitte nicht reden, ja?«

Und in der Tat sprachen sie daraufhin eine ganze Weile lang nicht.

Schließlich war es Levke, die wieder das Wort ergriff, ihr Gesicht ganz eng an Judys Stirn gedrückt, so dass sich ihr Atem miteinander vermischte: »Wusstest du eigentlich, dass man sehr wohl sehen kann, wo eine Libelle gerade hinschaut?«

»Ach so, kann man das?«, gab Judy zurück. Ihr Atem ging genauso schwer wie Levkes.

»Ja, es . . . es gibt da . . . einen Punkt . . .«

»Einen Punkt?«

»Ja, im Innenauge.« Levke stöhnte rau. »So eine . . . Art Pupille, weißt du? Je nachdem . . . wohin die sich ausrichtet . . . das ist die Blickrichtung der Libelle.«

»Aha«, keuchte Judy und nahm Levkes Brustwarze zwischen die Lippen.

»Die Libelle von vorhin . . . zum Beispiel . . .«

»Zum Beispiel?«

»Die hat . . . die ganze Zeit . . . dich angestarrt. Als wäre sie . . . oh Gott, ist das gut . . . als wäre sie vollkommen hin und weg von dir.«

Judy kicherte, die Wange an Levkes Brust geschmiegt. »Hin und weg, ja?«

Levke streichelte ihr übers Haar. »Na ja. Wer könnte es ihr verübeln?«

Ein Mobiltelefon läutete so unvermittelt, dass beide zusammenschraken. Judy erstarrte in der Bewegung. Dann begann sie leise zu lachen und kuschelte sich noch fester an Levke. »Na toll«, grinste sie in Levkes weiche, duftende Haut hinein.

Eine Weile schielten beide zu Levkes Handtasche hin, die einige Meter entfernt im Gras lag. Aus ihrem Inneren läutete es munter vor sich hin.

»Tut mir leid.« Levke drehte verlegen ihr Gesicht zur Seite. »Ich hab glatt vergessen, es auszuschalten.«

Judy hob den Blick. »Du hast doch wohl nicht etwa vor, da jetzt ranzugehen?«

»Wo denkst du hin?«, empörte sich Levke. Dann beugte sie sich vor und küsste Judy erneut. »Mach weiter«, bettelte sie. »Mach einfach weiter . . .!«

Das ließ Judy sich natürlich nicht zweimal sagen. Das Telefon schrillte noch ein paarmal, dann hörte es auf.

Na also.

Gerade als Levkes Brustwarzen zwischen Judys Lippen erneut hart wurden, schrillte das Handy ein zweites Mal los.

»Nicht beachten«, flüsterte Levke und streichelte sanft Judys Wange. »Einfach nicht beachten . . . das hört gleich auf.«

Das tat es auch. Doch diesmal vergingen zwischen dem zweiten und dem dritten Anruf nur wenige Sekunden. Danach wurde das Läuten zur Dauerbeschallung.

»Also ehrlich . . .« Judy lachte kurz und trocken. »Da meint es jemand offenbar ernst.«

Levke verdrehte die Augen. »Scheint wohl so.« Dann begann sie sich unter Judy hervorzuschlängeln. »Ich gehe mal nachsehen«, erklärte sie, richtete sich auf und zog ihre Jacke notdürftig über dem Oberkörper zusammen. »Sonst haben wir ja doch keine Ruhe.«

Judy schaute mit großen Augen zu ihr auf.

»Und dann«, sagte Levke lächelnd, »mache ich es aus. Versprochen.«

Judy sah ihr nach, wie sie, die Jacke mit einer Hand festhaltend, behände zu ihrer Tasche hinübersetzte und darin herumkramte. Immerhin, dachte sie sich, bekam sie so noch einmal einen Gratis-Ausblick auf Levkes Hintern. Es war ein ausgesprochen hübscher Hintern, der in dieser Jeans verdammt süß aussah.

Als Levke das Handy endlich aus der Tasche fischte, läutete es immer noch. Oder schon wieder – so langsam kam Judy durcheinander. Das Display beleuchtete für eine Sekunde den unteren Ansatz von Levkes Brust. Fast war Judy schon wieder versöhnt.

»Hallo?«, hörte sie Levke in diesem Moment sagen. Levke lauschte kurz, dann runzelte sie die Stirn. »Was . . .? Ja, aber . . . Du?« Ein kurzes Augenschließen, ein scharfes Ausatmen. Als Levke die Augen wieder öffnete, hatte sich ihr Ausdruck vollkommen verändert. »Okay, Vivica. Was ist los?«

Judy ließ sich auf die Decke zurücksinken und seufzte lange und tief.

Vivica. Ausgerechnet.

Judy wusste nicht viel über Levkes Exfreundin. Was an sich auch kein Wunder war, denn Levke sprach so gut wie nie von ihr. Die Trennung, so weit war Judy im Bilde, war jetzt sechs Monate her. Also nicht taufrisch, aber auch noch keine Ewigkeit alt.

Zu den Gründen hatte Levke sich nie geäußert. Und Judy hatte nicht gefragt. Es war schlechter Stil, den neuen Flirt über Verflossene auszuhorchen. Außerdem erfuhr man dabei nebenher vielleicht Dinge, die man gar nicht wissen wollte. Und ganz davon abgesehen ging es sie nichts an.

So oder so: Die Sache mit Levke und Vivica war Vergangenheit. Aber es war eine ziemlich ernste Sache gewesen. Die beiden hatten sogar schon ein gemeinsames Haus gekauft, ein Reihenhaus irgendwo in einer Wohnsiedlung. Nichts Spektakuläres, aber immerhin: Wenn eine Beziehung schon so weit gewesen war, dann hatte sie zwangsläufig Auswirkungen bis in die Gegenwart und vielleicht sogar auf die Zukunft, Trennung hin oder her. Dieser Anruf war ja das beste Beispiel dafür.

Judy und Levke flirteten schon eine ganze Weile miteinander. Doch am heutigen Tag war es das erste Mal gewesen, dass sie einander wirklich nahekamen. Dass sie über einen netten Abend, über ein paar angenehme gemeinsame Stunden hinausgingen. Dass die Nähe körperlich wurde.

Und ausgerechnet jetzt musste die Exfreundin dazwischenfunken und alles verderben . . . Levkes Gesicht sprach jedenfalls Bände. Die Stimmung war futsch, so viel war sicher.

Der Ausdruck, der über ihre Züge geglitten war, nachdem sie Vivicas Stimme erkannt hatte, war symptomatisch. So sah Levke immer aus, wenn der Name der Ex fiel. Über ihre Augen schien sich dann so etwas wie ein Schatten zu legen. Der klare, blaue Bergsee wurde plötzlich dunkel und trübe, war von einem Moment auf den anderen nur noch ein Tümpel, von einer Algenplage befallen und krank.

Judy gab sich wirklich Mühe, diese Vivica neutral zu betrachten, keine Wertung über sie vorzunehmen, ja, sie am besten völlig auszublenden. Natürlich wusste sie, dass es andere Frauen in Levkes Leben gegeben hatte. Genau wie bei ihr selbst. Sie waren beide über die Teenagerzeit hinaus. Levke war dieses Jahr einunddreißig geworden. Klar, dass es da eine Vergangenheit gab. Alles andere wäre ja auch irgendwie merkwürdig gewesen.

Außerdem konnte Judy sich gar kein Urteil über Vivica erlauben. Sie kannte sie schließlich nicht. Vivica war nur ein Name, ein Konzept. Auch wenn es wohl in der Natur der Sache lag, dass man das Konzept Exfreundin per se nicht so klasse fand.

Nein, Judy hatte nichts gegen Vivica. Versuchte zumindest, nichts gegen sie zu haben.

Trotzdem spürte sie jetzt ein nagendes Gefühl in der Magengegend. Vivica und Levke waren einander ziemlich nahe gewesen. Und ein Rest dieser Nähe schien immer noch da zu sein, zumindest ausgeprägt genug, dass Vivica glaubte, zu jeder Tages- und Nachtzeit anrufen zu können.

Levke hatte inzwischen angefangen, auf und ab zu laufen. Eigentlich wollte Judy gar nicht hinhören, wollte von einem Gespräch, das sie weder betraf noch etwas anging, nichts mitbekommen. Doch inzwischen hatte Levke die Stimme gehoben, so dass es praktisch unmöglich war, nicht zuzuhören.

»Jetzt mal langsam, Vivica«, sagte Levke gerade. »Wenn du so schnell sprichst, dann kann ich dich nicht verstehen . . . was? Wo bist du . . .? Unfall?! Ja, aber . . . was denn für ein Unfall . . .?« Im nächsten Moment schraubte sich ihre Stimme um ganze zwei Terzen höher. »Krankenhaus? Moment mal . . . Vivica, jetzt beruhige dich doch!«

Judy horchte auf, plötzlich alarmiert. Das war eindeutig mehr als eine lästige nächtliche Ruhestörung. Krankenhaus? Sie biss sich auf die Lippen. Jetzt klang es sogar nach einem ziemlich guten Grund, die ehemalige Langzeitfreundin mitten in der Nacht anzurufen.

»Vivica«, rief Levke zum wiederholten Male. »Bitte! Jetzt hör doch bitte auf zu weinen . . . ich kann dir doch nicht helfen, wenn . . . Was? Ja, aber – was soll ich denn da jetzt machen? Ob ich . . .? Nein, Vivica, ich kann jetzt nicht zu dir kommen . . . Nein, hör mir doch zu! Ich habe doch gar nicht gesagt, dass ich nicht will. Ich bin . . . hör mal, ich bin gar nicht in der Stadt.«

Judy hatte sich wirklich nicht einmischen wollen. Doch jetzt ahnte sie, dass sie es musste. Also stand sie auf und ging langsam auf Levke zu. Es dauerte eine Weile, sie zu erreichen, denn inzwischen lief Levke mit schnellen Schritten im Kreis. Judy schien sie vollkommen vergessen zu haben.

»Vivica«, wiederholte sie immer wieder. »Bitte! Ich weiß doch auch nicht . . .«

Sanft legte Judy ihr die Hand auf die Schulter. Levke fuhr herum und blickte sie verstört an. Ihre Augen waren weit offen und feucht. Ein stürmischer Bergsee, der gerade über die Ufer zu treten drohte.

»Ruhig«, sagte Judy und drückte Levkes Schulter. »Ganz ruhig.« Sie streckte die Hand aus. »Lass mich mal mit ihr reden.«

»Aber . . .«

»Schon gut«, sagte Judy. »Ihr seid gerade beide viel zu aufgeregt. Komm. Gib mir das Telefon.«

Levke gehorchte. In ihrem Gesicht war kein Widerstand zu lesen, vielmehr war sie fügsam wie ein verunsichertes Kind, das sich in einer Situation befand, die der Fähigkeiten eines Erwachsenen bedurfte.

Judy hielt sich den Hörer ans Ohr. »Hallo?«, sagte sie. »Hallo, Vivica?«

Am anderen Ende herrschte ein kurzes, verwirrtes Schweigen. Judy hörte Atemgeräusche. Es klang, als ob jemand leise weinte und gleichzeitig mit Gewalt versuchte, es zu unterdrücken.

»Mein Name ist Judy«, stellte Judy sich vor. »Ich bin eine . . .«, ein kurzer Blick zu Levke, ». . . Freundin von Levke.«

»Levke«, wimmerte eine Stimme am anderen Ende der Leitung. Sie klang ganz dünn und vibrierte stark. »Bitte . . . Levke soll kommen . . .«

»Schon gut«, sagte Judy in einem, wie sie hoffte, beruhigenden Ton. »Hören Sie, Vivica. Können Sie mir sagen, wo Sie sind?«

»Wo . . .« Schluchzen. »Wo ist Levke?«

»Sie steht hier, direkt neben mir«, versicherte Judy. Sie gab Levke, die, offensichtlich ohne es zu merken, einen Finger in den Mund geschoben und an der Nagelkuppe herumgekaut hatte, nun aber wieder etwas hatte sagen wollen, das Zeichen, still zu sein. »Bitte, Vivica, Sie müssen sich jetzt konzentrieren, ja? Wir kriegen das alles hin. Aber Sie müssen ein bisschen mithelfen. Okay?«

Am anderen Ende wurde geräuschvoll die Nase hochgezogen. »O. . .okay.«

»Sagen Sie mir, in welcher Klinik Sie sind.«

Diesmal schien die Besitzerin der Stimme ernsthaft zu überlegen. Schließlich nannte sie den Namen eines Krankenhauses in der Innenstadt. Judy kannte es.

»Alles klar«, sagte sie, immer noch in demselben sanften Tonfall. »Danke, Vivica. Levke wird bald bei Ihnen sein. Wir kommen, so schnell es geht. Durchhalten, in Ordnung? Also, bis gleich.« Sie drückte auf die Auflegetaste.

Levke stand vor ihr und starrte sie an.

»Erstes Semester Medizinstudium. Da hab ich beim Roten Kreuz gejobbt«, erklärte Judy. »So was lernt man da.«

Levke starrte immer noch. »Sie ist im Krankenhaus«, sagte sie tonlos.

»Ja«, sagte Judy.

»Hatte einen Unfall . . .«

»Ja«, wiederholte Judy.

Levkes Arme hingen kraftlos herab. Die Jacke über ihrem geöffneten Sweater klaffte auf, doch Judy hatte keinen Blick mehr dafür. Levke zitterte. Judy nahm sie in den Arm und drückte sie fest.

»Mist«, murmelte Levke. »Mist, Mist, Mist, Mist!« Dann hob sie den Kopf und sah Judy an. »Tut mir leid. Ich . . . bin gerade völlig daneben.«

»Oh, nicht doch . . .« Judy drückte sie noch fester an sich. Sie wartete noch einen Moment, nur so lange, bis Levke zu zittern aufhörte. »Wir sollten langsam los«, sagte sie dann.

Levke starrte sie an. »Du willst mich da wirklich hinfahren?«

»Sicher«, erklärte Judy ernst. Dann kam ihr ein Gedanke. »Vorausgesetzt natürlich, du möchtest das. Tut mir leid, ich . . . wollte das jetzt nicht über deinen Kopf hinweg entscheiden.«

Levke sah sie an, als spräche Judy chinesisch.

»Also, wenn du willst«, sagte Judy, »hier bin ich. Im Korb sind die Autoschlüssel. Und mein Wagen steht dort hinten.« Sie deutete mit der Hand vage in die Richtung, in der sie vor einigen Stunden geparkt hatten, und versuchte ein aufmunterndes Lächeln. »Also? Wollen wir?«

»Danke!« Ehe Judy sich versah, hing Levke an ihrem Hals. »Oh Gott, danke! Danke, dass du es verstehst. Du hast was gut bei mir, wirklich. Den Abend holen wir nach. Versprochen.«

»Na, na.« Judy löste sich aus der Umarmung und gab Levke einen zärtlichen Knuff. »Immer eines nach dem anderen. Wie wär’s, wenn du dich erst mal wieder ordentlich anziehst, hm? So«, sie zupfte an Levkes offenem Reißverschluss, »kannst du jedenfalls nicht gehen. Das ist dir schon klar, oder?«

Die Zubringerstraße war fast völlig leer. Kein Wunder um diese Tageszeit. Eigentlich liebte Judy Nachtfahrten, weil man dann immer das Gefühl hatte, die Straße gehöre einem ganz allein. Das war noch so eine Sache, die sie und Levke gemeinsam hatten. In einem ihrer zahllosen Gespräche und schon beschwipst von mehr als einem Glas Wein war Levke damit herausgerückt, dass sie Autofahren eigentlich hasste, besonders, wenn es um Stadtverkehr ging. Gerade im Berufsverkehr war sie immer heilfroh, wenn sie unbeschadet von A nach B kam, jedes Mal schweißgebadet und mit den Nerven am Ende. Doch nachts war es anders. Dann gab es sie nämlich nicht, diese Spaßvögel, die einem den Fahrspaß gehörig vermiesen konnten. Diese Drängler auf der Überholspur, die knappen Einscherer, die gleich zwei Spuren auf einmal nahmen und den Blinker bestenfalls der Form halber antippten. Wenn Levke nachts über den Autobahnzubringer kurvte, dann machte sie sich manchmal einen Spaß daraus, entweder ordentlich aufs Gas zu treten oder zu schleichen wie eine Schnecke. Als sie das sagte, hatten ihre Augen eigentümlich gefunkelt. Das sei, hatte sie erzählt, ihre ganz persönliche, heimliche Rebellion. Wogegen, das hatte sie allerdings nicht gesagt.

Unter anderen Umständen wäre die Situation dafür prädestiniert gewesen, Judy in die Hände zu spielen. Oh ja, sie wäre liebend gern mit Levke an ihrer Seite und mit einem ordentlichen Bleifuß über die nächtlichen Straßen gejagt. Oder in Schrittgeschwindigkeit dahingekrochen. Vorbei an dem fest installierten Blitzer, den sie so gut kannte, diversen tagtraumverschuldeten Bußgeldbescheiden sei Dank. Tempo drosseln. Den Blick frontal in die Kamera. Und bitte lächeln.

Doch für den Moment war Judy so gar nicht nach Lächeln zumute. Obwohl sie sich bemühte, konzentriert auf die Straße zu schauen, glitten ihre Augen immer wieder zu Levke hinüber. Die saß auf dem Beifahrersitz, hatte die Augen starr nach vorn gerichtet und die Lippen zu einem dünnen, blutleeren Strich zusammengepresst. Und sie hatte erneut angefangen, an ihren Fingerkuppen zu nagen.

An Judy wiederum nagte das schlechte Gewissen. Wie engstirnig und kleinkariert sie gedacht hatte, vorhin, als sie erkannt hatte, wer die nächtliche Anruferin war. Sie hatte Vivica – dem Konzept Vivica – prompt böse Absichten unterstellt und sich selbst dabei in den Mittelpunkt gerückt. Herrje, sie war doch keine zwölf mehr. Ein bisschen mehr Weitblick konnte man da wohl erwarten. Und wie hätte das Telefongespräch denn bitte verlaufen sollen, wenn es nach ihr gegangen wäre?

»Oh, hi, Vivica, geschätzte Exfreundin. Was ich so mache? Och, ich knutsche gerade die Kleine aus dem Yogastudio. Macht echt Spaß. Und bei dir? Wie, du hast einen Unfall gehabt? Und musst ins Krankenhaus? Na, Donnerwetter! Dann ist ja bei uns beiden heute mächtig was los, was? Du, wir sollten wirklich mal wieder einen Kaffee miteinander trinken gehen. Sind schließlich Freunde geblieben. Also bis dann, ja? Küsschen und Tschüsschen!«

So etwa? Also ehrlich. Judy schüttelte innerlich den Kopf: Dann wäre das Date auch für sie gelaufen gewesen, noch bevor es richtig begonnen hatte.

Levke bewegte sich derweil auf ihrem Sitz und fuhr sich mehrmals durch die Haare. Zuerst schien es nur eine unbewusste Geste zu sein. Doch dann stoppte ihre Hand plötzlich, und sie hielt die dunklen Strähnen unentschlossen zwischen den Fingern.

»Hoffentlich erkennt sie mich überhaupt«, murmelte sie. »Ich meine, sie war vorhin ziemlich verwirrt. Hat vielleicht einen Schock oder so. Und sie . . . hat meinen neuen Haarschnitt noch gar nicht gesehen.«

Judy unterdrückte einen Seufzer. Nein, sie würde sich nicht zu der Behauptung versteigen, Levke habe sich vor allem wegen der Trennung eine neue Frisur zugelegt. Doch Judy erinnerte sich dunkel, wie Levke irgendwann einmal erwähnt hatte, dass sie ihre Haare noch nicht lange so trug. Derzeit reichten sie, gerade geschnitten, etwas über das Schlüsselbein. Und der Pony war neu. Das hatte Judy daran erkannt, dass Levkes Hände, die ohnehin immer in Bewegung waren, häufig darin herumfingerten. Er reichte schon ein gutes Stück über die Augenbrauen hinaus, vermutlich, weil seine Besitzerin den nächsten Friseurbesuch hinauszögerte. Und das tat sie, weil sie überlegte, ob sie die ungewohnten Fransen nicht doch lieber wieder herauswachsen lassen sollte. So viel hatte Judy schon kombiniert.

Sie hätte Levke sagen können, dass sie ihre Haare, so wie sie waren, einfach wunderschön fand. Aber das hier war schon wieder nicht der richtige Zeitpunkt für ein Kompliment. Levke wollte jetzt nicht hören, ob sie mit ihrer neuen Frisur gut oder schlecht aussah. Sie wollte Vivica beistehen und ihr durch ihre bloße Anwesenheit ein bisschen Stabilität vermitteln. Wenn ein neuer Haarschnitt nun ihren ganzen Typ veränderte, wenn sie plötzlich anders, vielleicht sogar fremd aussah, würde das vielleicht nicht funktionieren.

Ja, so war Levke. Immer die Details im Blick und auch deren mögliche Wirkung.

»Sie wird dich schon erkennen«, meinte Judy. Ihrer bescheidenen Meinung nach war Levkes Frisur im Moment sicherlich Vivicas geringste Sorge. Aber das sagte Judy natürlich nicht laut.

»Ja, wahrscheinlich schon.« Levke nickte abwesend. Dann wandte sie Judy das Gesicht zu. »Tut mir leid.«

Judy nahm den Blick kurz von der leeren Straße und sah Levke direkt an. »Was tut dir leid?«

»Na, das alles hier«, sagte Levke. »Ich meine, es war heute ein richtig schöner Abend. Unser Abend. Zumindest hätte er das werden können, wenn –« Sie stockte. Judy spürte ihren Blick. »Du hast dir das sicherlich ein bisschen anders vorgestellt.«

Judy lächelte kurz. »Du dir doch auch, hoffe ich?«

»Ja, natürlich.« Levke seufzte. »Deswegen bin ich doch so enttäuscht, weißt du? Und gleichzeitig komme ich mir schlecht vor, weil ich so denke, während sie . . . na ja, während Vivica –«

»Hey.« Judy streckte die Hand aus und streichelte Levkes Schulter. »Immer schön eins nach dem anderen, hm?« Rasch sah sie wieder auf die Straße, drückte aber weiterhin zärtlich Levkes Arm. »Pass auf«, sagte sie, »wir tun jetzt Folgendes. Wir fahren in die Klinik und machen uns erst mal ein Bild der Lage. Und dann sehen wir weiter. Okay?«

»Okay«, murmelte Levke. Für eine Sekunde griff sie nach Judys Hand und drückte sie fest.

Den Rest der Fahrt legten sie schweigend zurück. Als die Lichter des Krankenhauses in Sicht kamen, verspannte sich Levke erneut. Judy suchte einen Parkplatz, was in Anbetracht der Tages- beziehungsweise Nachtzeit recht einfach war; der Besucherparkplatz war fast komplett leer. Während sie die Handbremse anzog, hörte sie, wie Levke ein weiteres Mal scharf und viel zu flach einatmete.

»Tja, dann«, sagte Levke, »gehe ich mal.«

»Klar.« Judy griff nach ihrem Sicherheitsgurt, um sich abzuschnallen. Und spürte, wie sich Levkes Finger über ihre legten.

»Nicht«, sagte Levke. »Ich . . . denke, ich sollte allein gehen.«

Judy hob den Blick. Suchte Levkes Augen. »Bist du sicher?«

Levke zögerte.

»Ich meine«, hakte Judy rasch nach, »ich komme gern mit. Macht mir nichts aus, wirklich nicht.«

Levke nickte kurz. »Ich weiß. Danke. Aber . . .« Sie holte erneut Atem. »Das hier ist wirklich nicht dein Problem.«

Erneut forschte Judy in Levkes Augen. Und begriff, dass die Entscheidung bereits gefallen war. Sie hätte Levke gern begleitet. Ganz im Ernst. Doch sie spürte, dass das hier eine Ebene war, zu der sie keinen Zutritt hatte.

»Okay«, sagte sie. »Kann ich gut verstehen.« Trotzdem löste sie nun den Anschnallgurt, wenn auch nur, um Levke zu umarmen. Sie spürte ihre Nähe, spürte die Wärme, die von ihr ausging. Doch zugleich spürte sie eine Steifheit, eine Abwesenheit. Levke war körperlich noch hier, doch in Gedanken schon längst ganz woanders.

Bei jemand anderem.

Judy drückte sie noch eine Spur fester. Sie wollte sagen: Alles wird gut. Ich denke an dich.

Doch stattdessen sagte sie: »Ruf mich an, wenn du Näheres weißt, ja? Egal, wie spät es wird.«

»Danke«, flüsterte Levke ihr ins Ohr. Ihr Atem streifte warm Judys Wange. Sie hauchte einen kurzen, trockenen Kuss darauf. Dann stieß sie die Beifahrertür auf und schlüpfte ins Freie.

Judy sah ihr nach, wie sie auf die Türen zuging, eine schmale Silhouette, schattenhaft vor gleißendem Weiß. »Keine Ursache«, murmelte sie, unwillkürlich nach der Wärme greifend, die Levke hinterlassen hatte. Dann startete sie den Motor und wendete den Wagen.

In ihrer Wohnung angekommen, holte sie sich als Erstes eine Flasche Wein und ein Glas aus dem Schrank und schenkte sich großzügig ein. Das hatte sie sich jetzt redlich verdient.

Wow, dachte sie, während sie sich auf das Sofa fallen ließ. Was für ein Abend.

2

Als sie ihren Wein ausgetrunken hatte, begann Judy sich in ihrer Wohnung umzusehen. Ganz automatisch rückte sie die Sofakissen zurecht. Dann ging sie in die Küche und spülte das Weinglas ab. Anschließend dann noch das restliche Geschirr, das dort schon eine ganze Weile herumstand. Sie trocknete ab und stellte alles fein säuberlich in den Schrank. Wieder im Wohnzimmer angekommen, blickte sie sich erneut kritisch um. Staubwischen wäre demnächst mal wieder dran. Und wann hatte sie eigentlich das letzte Mal ihre Blumen gegossen?

Einen Moment lang stand sie unschlüssig mitten im Raum. Dann identifizierte sie das kurz aufgeblitzte und eigentlich für sie völlig untypische Bedürfnis nach Ordnung als das, was es war: ein wenig Aktionismus. Der Wunsch, etwas Sinnvolles zu tun, anstatt auf dem Sofa zu sitzen und zu warten.