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Sie sind literarische Legenden. Adrienne Monnier und Sylvia Beach haben mit ihren benachbarten Buchhandlungen über Jahrzehnte das literarische Paris geprägt. Doch 1940, mit der deutschen Besatzung, ändert sich auch für sie alles. Aus der literarischen Oase im Herzen der Stadt wird ein Zufluchtsort für deutsch-jüdische Exilanten und ein Ort des Widerstands. Uwe Neumahr erzählt in seinem bewegenden Buch die Geschichte dieses großen Paares und ihrer Freunde. In den wilden Zwanzigerjahren sind "Shakespeare and Company" und "Das Haus der Bücherfreunde", die Buchhandlungen von Sylvia Beach und Adrienne Monnier, Anlaufstellen für Schriftsteller, Intellektuelle und Künstler. Hier trifft sich die Avantgarde, von James Joyce und Ernest Hemingway über Pablo Picasso bis zu Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir. Mit dem Einfall der Deutschen in Frankreich im Mai 1940 aber gerät auch die Literatur in Gefahr. Zu den Besatzern gehört Ernst Jünger, während die amerikanisch-jüdische Schriftstellerin Gertrude Stein sich dem neuen Regime in Vichy anschmiegt. Adrienne Monnier und Sylvia Beach setzen alles daran, ihre Freunde Walter Benjamin, Gisèle Freund, Siegfried Kracauer und manche andere zu retten. Bis Sylvia Beach selbst von der Gestapo abgeholt und in ein Internierungslager gebracht wird. Auf der Grundlage von Archivstudien schildert Uwe Neumahr erstmals dieses dramatische Kapitel aus dem besetzten Paris. Es ist eine Geschichte von großer Literatur und ihrer Entstehung, von Verfolgung, Gewalt und Menschlichkeit und von der Liebe zweier ganz und gar ungewöhnlicher Frauen.
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Veröffentlichungsjahr: 2026
Uwe Neumahr
DIE BUCHHANDLUNG DER EXILANTEN
Paris 1940: Zuflucht und Widerstand
C.H.Beck
Cover
INHALT
Textbeginn
Titel
INHALT
VORWORT
PROLOG: PARIS, SEPTEMBER 1942
TEIL 1: FRATERNITÉ, KRIEG UND BESATZUNG
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Eine schicksalhafte Begegnung (1917)
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Innovatorin des Buchhandels
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Paris vor dem Einmarsch der Deutschen (1939)
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Années folles: Die Jahre nach dem Ersten Weltkrieg
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Menschenfreundliche Kunst
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Allein unter Männern
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Androgynie
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Jean-Paul Sartre gegen André Gide: Ein enttäuschendes Titanentreffen (Mai 1939)
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Shakespeare and Company (1919)
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Ausbruch des Kriegs (September 1939 – Mai 1940)
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Gertrude Stein ante portas (1920)
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Invasion und Besatzung (Frühjahr/Sommer 1940)
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Ernest Hemingway und die «verlorene Generation» (1921/22)
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Der schöne Schein der freundlichen Besatzungsmacht (1940)
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James Joyce: Geburt eines Jahrhundertromans (1922)
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Die Schönheit der Präraffaeliten
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Hungerwinter 1940/41
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Vom Boxen, Fliegen und einer Zeitschrift (1925)
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Säuberung des Buchhandels (1940/41)
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Die Nationalsozialistin im Haus der Bücherfreunde
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Ein Schicksalsschlag für Sylvia Beach (1927)
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Ein subversiver
Faust
(März 1941)
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Entfremdung von Joyce (1930)
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Ein grausamer Nachmittag: Ernst Jünger in Paris (Mai 1941)
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Verrückte Jungfrauen (1930): Adrienne Monnier als Schriftstellerin
TEIL 2: DEUTSCH-JÜDISCHE EXILANTEN, VERFOLGUNG UND WIDERSTAND
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Ein fast normaler Sommerurlaub nach zwei Todesfällen (1941)
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Eine Freundschaft im deutschen Sinne: Walter Benjamin (1930)
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Repressionen, Widerstand, Vergeltungsmaßnahmen (Sommer 1941 – Frühjahr 1942)
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Weltwirtschaftskrise 1931
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Die letzten Tage von Shakespeare and Company (Dezember 1941)
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«Haben Sie schon einmal eine Jüdin namens Gisela gesehen?» (1933)
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Gescheiterter Widerstand: Sartre im Frühjahr 1942
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Realismus-Fotografie (1934/35)
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Gesichter der Sprache
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Eine öffentliche Intervention für Jean-Paul Sartre (Frühjahr 1942)
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Notverkäufe (1935)
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Die Freunde von Shakespeare and Company
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Wehmut und potassoneske Résistance (Juli 1942)
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Sylvia Beach wird ersetzt (1936)
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Unter Spionageverdacht
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Von literarischer Gegenkultur und wüstem Antisemitismus (Sommer/Herbst 1942)
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Fotojournalismus (1936/37)
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Die Hölle des Winter-Velodroms (Juli 1942)
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Arbeit gegen den Kummer (1936/37)
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Eine Gestapo-Falle (August/September 1942)
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Siegfried Kracauer in Paris (1936/37)
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Die totalitäre Propaganda
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Im Affenkäfig (Herbst 1942)
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Adrienne Monniers Essay über den Antisemitismus (1938)
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Reaktionen
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Propaganda für Vichy: Gertrude Stein (1942)
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Der Freimaurer-Hasser
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Verliebte Zweisamkeit (1938/39)
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In privilegierter Gefangenschaft (Herbst 1942)
TEIL 3: RETTUNGSMISSIONEN, FLUCHT UND BEFREIUNG
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Französische Bedrohung für deutsche Exilanten (September 1939)
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Walter Benjamins Internierung
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Freiheitsentzug für Siegfried Kracauer
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Krank in Frontstalag 194 (Herbst/Weihnachten 1942)
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Der Beschützer in der Not (Herbst 1939)
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Codierte Nachrichten (Januar 1943)
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Gefangen in der Freiheit: Walter Benjamin (November 1939)
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Siegfried Kracauer kommt frei
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Gertrude Steins Rückzieher (Januar 1943)
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Erneute Hilfe für Walter Benjamin und Siegfried Kracauer (Mai 1940)
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Ein Versteck für Arthur Koestler
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Gisèle Freunds Flucht (Juni 1940)
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Eine letzte Nachricht von Walter Benjamin
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Ein Retter, dessen Namen man besser verschweigt (März 1943)
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Hilfe aus Argentinien (Juni 1940 – Juli 1941)
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Kummer im goldenen Käfig
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Untergrundpublikationen (1942 ff.)
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Der Zeigefinger aus dem Jenseits (Juni 1943)
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Fast wie in alten Zeiten (August 1943)
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Der Kampf um Françoise Bernheim geht verloren (September 1943)
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Terror und Depression (Frühjahr 1944)
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Résistance-Kapitän Goderville alias Jean Prévost (Sommer 1944)
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Hemingway befreit die Rue de l’Odéon (August 1944)
WIE ES WEITERGING
DANK
ANMERKUNGEN
Prolog: Paris, September 1942
Teil 1 Fraternité, Krieg und Besatzung
Teil 2 Deutsch-jüdische Exilanten, Verfolgung und Widerstand
Teil 3 Rettungsmissionen, Flucht und Befreiung
Wie es weiterging
LITERATUR
Archivbestände
Primärliteratur
Sekundärliteratur
BILDNACHWEIS
PERSONENREGISTER
Zum Buch
Vita
Impressum
Adrienne Française» – so nannte der Literaturnobelpreisträger Saint-John Perse die Pariser Buchhändlerin Adrienne Monnier und maß ihr damit einen Rang von nationaler Bedeutung bei. Gemeinsam mit ihrer amerikanischen Partnerin Sylvia Beach schrieb Adrienne Monnier in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts Kulturgeschichte.
Im Herzen der Stadt befand sich ihre 1915 gegründete Buchhandlung La Maison des Amis des Livres, gegenüber in derselben Straße, in der Rue de l’Odéon 12, Sylvia Beachs wenig später eröffnete amerikanische Buchhandlung Shakespeare and Company. Auf diese Weise konnten die Leserinnen und Leser von der einen Straßenseite zur andern quasi den Atlantik überqueren und literarische Grenzen überschreiten. Grenzüberschreitungen waren Programm der beiden Frauen, nicht nur wegen ihrer Unabhängigkeit von gesellschaftlichen Konventionen und ihrer sexuellen Identität, sondern auch durch die künstlerische Avantgarde, die sie bevorzugten. André Gide, Paul Valéry, Pablo Picasso, Eric Satie, Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir waren ebenso gern gesehene Gäste der beiden Buchhandlungen wie Ernest Hemingway, T. S. Eliot, Gertrude Stein oder James Joyce. Die Rue de l’Odéon wurde zum Treffpunkt für Schriftsteller, Intellektuelle und Künstler, denen Paris und die lebendige Atmosphäre um die beiden Frauen zum Mittelpunkt ihres Schaffens wurden. Die Berühmten und Bald-Berühmten der Pariser Moderne nutzten die Buchhandlungen als Bibliotheken, Veranstaltungsorte, Leihbüchereien, Salon und – im Fall von Paul Valéry und James Joyce – auch als Verlage. Als es sonst niemand wagte, veröffentlichte Sylvia Beach 1922 Joyces Roman Ulysses. In Anlehnung an den Straßennamen wurde so die legendäre «Odéonie» geboren, eines der aktivsten Zentren des Pariser Kulturlebens und Symbol der special relationship, die Amerika auf kulturellem Gebiet mit Frankreich verband.
Zahlreiche Monografien und Artikel, selbst Romane und Filme haben sich Sylvia Beach, Adrienne Monnier und der kulturellen Blütezeit der Odéonie gewidmet. Sie alle eint, dass sie sich auf die Jahre zwischen den Kriegen konzentrieren, von den années folles, den «verrückten Jahren» nach dem Ersten Weltkrieg, in denen die Fesseln eines angepassten Lebens gesprengt und queere Lebensformen frei gelebt wurden, bis zur deutschen Besatzung von Paris 1940. Die dunklen Jahre der Okkupation gelten als das Ende dieser Glanzzeit und werden, wenn überhaupt, nur am Rande erwähnt. Dabei begann mit Ausbruch des Zweiten Weltkriegs ein weiterer, «heroischer» Abschnitt im Leben der beiden Buchhändlerinnen, als ihre Buchhandlungen zu Zufluchtsstätten von deutsch-jüdischen Exilanten und Orten des Widerstands wurden. Insbesondere in La Maison des Amis des Livres kreuzten sich individuelle Schicksale und allgemeine Katastrophe.
Auf der Flucht vor den Nazis lebten seit den Dreißigerjahren viele deutsch-jüdische Exilanten in der Seine-Metropole, darunter die Fotografin Gisèle Freund, der Philosoph Walter Benjamin, der Soziologe Siegfried Kracauer und der Schriftsteller Arthur Koestler. Sie wurden in den Freundeskreis der Buchhändlerinnen aufgenommen und Teil der Odéonie. Mit Ausbruch des Kriegs sahen sie sich sowohl von den französischen Behörden als auch von den deutschen Invasoren bedroht. Ein französisches Dekret vom 1. September 1939 sah die ausnahmslose Zwangsgruppierung aller Männer aus «Feindesland» in französischen «Sonderzentren» vor. In diesen Internierungslagern fanden sich Walter Benjamin, Siegfried Kracauer und Arthur Koestler mit einem Mal neben überzeugten Nationalsozialisten wieder. Wären sie jedoch nach der Eroberung Frankreichs im Frühjahr 1940 in die Hände der deutschen Besatzer gefallen, hätte man sie in Konzentrationslager deportiert. Adrienne Monnier und Sylvia Beach ergriffen alle nur denkbaren Maßnahmen, um ihre Freunde zu retten. Für Gisèle Freund etwa arrangierte Adrienne Monnier eine Scheinehe und verhalf ihr zur Flucht aus Frankreich.
Dieses Buch erzählt, auf Basis von Archivstudien, zum ersten Mal in monografischer Form dieses Kapitel deutsch-französischer Geschichte, als sich insbesondere Adrienne Monnier auf furchtlose Weise für ihre deutschstämmigen Freunde einsetzte. Sylvia Beach, gleichermaßen bemüht um ihre jüdische Mitarbeiterin Françoise Bernheim und um jüdische Kinder, befand sich selbst in Lebensgefahr, nachdem sie von der Gestapo beobachtet und als feindliche Ausländerin 1942 in ein deutsches Internierungslager verschleppt worden war. Das Buch handelt von dramatischen Rettungsaktionen, von Humanismus, Gewalt und Antisemitismus, von großer Literatur und ihrer Entstehung, aber auch von der Liebesgeschichte der beiden Frauen. Zu ihnen gesellte sich mit Gisèle Freund 1935 eine dritte, die zeitweise den Platz von Sylvia Beach an der Seite von Adrienne Monnier einnahm und das Verhältnis der beiden Buchhändlerinnen für immer veränderte. Adrienne Monniers Aktivitäten im Widerstand – sie unterstützte Jean-Paul Sartres Résistance-Gruppe und vertrieb Untergrundpublikationen – werden ebenso thematisiert wie ihre Schriften, war sie doch auch eine herausragende Schriftstellerin. Der Einfluss der Kollaborations- und Besatzungskultur auf das literarische Paris wird in Kapiteln über Gertrude Stein und Ernst Jünger behandelt.
Da die Anfangsjahre der beiden Buchhändlerinnen und die Zwischenkriegsjahre, in denen die Freundschaften mit deutsch-jüdischen Emigranten begannen, für das Verständnis unabdingbar sind, wird das Buch auf zwei Zeitebenen, in zwei Handlungssträngen erzählt, die miteinander im Reißverschlussverfahren verbunden sind. Nach einem Prolog beginnt der erste Handlungsstrang während des Ersten Weltkriegs mit den aufsehenerregenden Anfängen von Sylvia Beach und Adrienne Monnier, der zweite 1939 kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs und den damit einhergehenden Bedrohungen. Im Jahr 1943 werden die beiden Erzählstränge zusammengeführt. Mit der Befreiung der Buchhandlungen durch Ernest Hemingway und seine Privatarmee im August 1944 endet das Buch. In einem Ausblick werden die Lebensgeschichten der Protagonisten nach 1944 knapp skizziert.
PROLOG:
Sylvia Beach wollte Honig. Ein Gerücht, dass es in der Nähe der Kirche La Madeleine Honig zu kaufen gebe, ließ sie auf ihr Fahrrad steigen, um sich dort in die Schlange der Wartenden einzureihen. Honig war im besetzten Paris ein kostbares Gut. Der Schwarzmarkt blühte, obwohl Schwarzmarkthandel von den Besatzungstruppen als «Verbrechen gegen die Gemeinschaft» streng geahndet wurde. Doch keine Pariserin wollte sich mit der erzwungenen Verknappung von Nahrungsmitteln begnügen. Und Sylvia Beach hatte Glück. Nachdem sie zwei Stunden in der Schlange gewartet und ihr Glas wider Erwarten hatte füllen können, fuhr sie nach Hause in die Rue de l’Odéon. Doch wenn sie gewusst hätte, was ihr wenig später bevorstehen würde, hätte sie wohl auf das mühsame Anstehen verzichtet. Madame Allier, ihre Concierge, die kurz zuvor von der Gestapo Besuch erhalten hatte, fing sie bereits an der Haustüre ab. Die Deutschen würden kommen und sie abholen, ließ sie Sylvia Beach mit tränenerstickter Stimme wissen, sie solle sich sofort fertig machen.[1]
Es war der 24. September 1942. Als die deutsche Armee in den frühen Morgenstunden des 14. Juni 1940 Paris kampflos besetzte, war sie auf eine große amerikanische Gemeinde getroffen. Obwohl der US-Botschafter bei Kriegsausbruch 1939 allen geraten hatte, die Stadt zu verlassen, waren fast 5000 geblieben, darunter die in Baltimore geborene Buchhändlerin Sylvia Beach. Viele hatten berufliche und familiäre Bindungen in Paris, und die meisten hegten eine spezielle Liebe zu Frankreich, die auf der besonderen Beziehung gründete, welche die beiden Länder auf kulturellem Gebiet verband. Als Bürger eines neutralen Landes glaubten sie, von den Deutschen nichts befürchten zu müssen. Sie irrten sich.
Die 55-jährige Sylvia Beach war zu diesem Zeitpunkt bereits eine literarische Legende. Ihre kleine amerikanische Buchhandlung Shakespeare and Company in der Rue de l’Odéon war Teil der Geschichte von Ernest Hemingway, James Joyce, André Gide, Simone de Beauvoir und vielen anderen geworden. 1922 hatte sie James Joyces Ulysses veröffentlicht, der wegen der Obszönität einiger Passagen die Zensurbehörden auf den Plan gerufen hatte, und dem irischen Autor zu Weltruhm verholfen. Die Buchhändlerin hatte sich ganz der Förderung seiner Arbeit verschrieben und sichergestellt, dass ihm und seiner Familie genügend Geld zur Verfügung stand. Mit ihrer kongenialen Partnerin Adrienne Monnier, die gegenüber in der Rue de l’Odéon 7 die französische Buchhandlung La Maison des Amis des Livres betrieb, hatte sie zwischen den Kriegen eine Literaturoase im Herzen von Paris geschaffen, in der Vertreter verschiedener neuer Strömungen «zusammen Genies sein konnten» (Robert McAlmon).
Doch mit der deutschen Okkupation Frankreichs änderte sich alles. Nach und nach wurden die beiden Buchhandlungen, die einst Veranstaltungsorte, Ideenplattformen und Anlaufstellen einer literarischen Elite gewesen waren, zu Orten der Zuflucht und des Widerstands. Deutsch-jüdischen Exilanten verhalfen die Buchhändlerinnen zur Flucht, französischen Juden und Résistance-Kämpfern gewährten sie Asyl. An sich selbst dachten sie selten.
An Flucht war an jenem 24. September 1942 ohnehin nicht mehr zu denken. Sylvia Beach stand unter Beobachtung der Gestapo. Seit Mai 1942 wurde diese in Paris von Heinrich Himmlers persönlichem Vertreter Carl Oberg, dem «Schlächter», kommandiert, der die Maßnahmen gegen die Juden massiv verschärft hatte. Obergs Handlanger wussten, dass die hoch aufgeschossene Amerikanerin in ihrem Laden einst Kunstdrucke verkauft hatte, um Geld für Spaniens republikanische Regierung im Kampf gegen den von den Nationalsozialisten unterstützten General Franco zu sammeln. Den Gestapo-Männern war auch bekannt, dass zu ihren besten Freunden Ernest Hemingway zählte, dessen 1941 in einem Exilverlag auf Deutsch erschienener Roman Wem die Stunde schlägt eine Anklage gegen den Faschismus war. Unter Sylvia Beachs zahlreichen jüdischen Freunden befand sich auch eine Mitarbeiterin ihrer Buchhandlung, Françoise Bernheim. Sylvia Beach hatte sie zeitweise in der leeren Wohnung über ihrem Laden versteckt. Eines Tages war die Amerikanerin offenbar denunziert worden, denn als die Gestapo sie abholte, schnauzte einer der Männer sie an: «Wegen deiner jüdischen Freunde steht dein Name auf der schwarzen Liste.»[2]
Als Händlerin von englischsprachigen Büchern und damit von Werken, die die Zensoren der Besatzungsmacht nur schwer kontrollieren konnten, war sie ohnehin besonders verdächtig, antinazistische Publikationen zu verbreiten. Bereits im Juli 1941 hatten Wehrmachtsoldaten in Paris eine Buchhandlung geräumt, deren Besitzer im Verdacht stand, Schriften der Résistance zu verteilen. Nachdem Deutschland den USA am 11. Dezember 1941 den Krieg erklärt hatte, sollten zunächst alle männlichen Amerikaner unter sechzig Jahren in Paris interniert werden. Die Frauen hatte man noch eine Weile verschont, doch damit war es nun vorbei. «Die Verhaftungen begannen am Donnerstagmorgen, 24. September 1942, und endeten am Abend des 26. September. In der Zwischenzeit wurde jede Frau nicht nur in medizinischer Hinsicht, sondern auch hinsichtlich ihrer Identität untersucht», berichtete das Schweizer Konsulat in Paris an die amerikanische Gesandtschaft in Bern.[3]
Als der deutsche Lastwagen vor Sylvia Beachs Wohnung hielt, war er bereits mit anderen Frauen beladen. Angsterfüllt verabschiedete Beach sich von Adrienne Monnier und packte rasch noch ein paar Bücher und warme Kleidung ein, weil sie dachte, man deportiere sie mit den anderen Amerikanerinnen in ein Lager in Deutschland. Keine der Insassinnen wusste, wohin sie gebracht wurden. Die erste, die Sylvia im Lastwagen erkannte, war Katherine Dudley, eine Freundin Picassos und selbst eine sehr talentierte Malerin. Ihre Schwester Caroline hatte einst dazu beigetragen, die junge Josephine Baker nach Paris zu holen, wo Baker singend, tanzend und praktisch nackt als Hauptdarstellerin der Revue Nègre zum Weltstar wurde, stets im Kampf gegen den grassierenden Rassismus.
Von Wohnung zu Wohnung fuhr der Lastwagen durch Paris auf der Suche nach weiteren Amerikanerinnen. Sylvia Beach freute sich insgeheim, wenn die Häscher niemanden antrafen und mit leeren Händen zurückkamen. Bei den vielen Unterbrechungen kamen sie nur langsam voran, schließlich fuhr der Fahrer in den Westen der Stadt. Als der Transport sein Ziel erreichte, war Sylvia Beach erstaunt: Sie hatte mit einem gefängnisartigen Gebäude gerechnet, umgeben von Stacheldraht, in das man sie internieren würde. Doch der Lastwagen hatte den Jardin d’Acclimatation angesteuert, einen Freizeitpark, in dem sich ursprünglich Tiere aus den Überseekolonien an das französische Klima hatten gewöhnen sollen. Dort, im Affenhaus, wurde Sylvia Beach eingesperrt. Affen waren in dem Gehege keine mehr, aber 350 weitere Amerikanerinnen.
TEIL 1
«Derjenige, der einem ‹gewöhnlichen› Beruf ein Gefühl der Berufung verleihen kann, gibt diesem Beruf seine Genialität zurück. Lincoln war ein Politiker, Melville ein Seemann […]. Sylvia Beach [und Adrienne Monnier] waren Buchhändlerinnen.»
Leslie Katz
Es war ein kalter, stürmischer Märztag des Jahres 1917, als Sylvia Beach und Adrienne Monnier sich zum ersten Mal begegneten. Adrienne Monnier bemerkte eine schlotternde Passantin in spanischem Mantel und Hut, die das Schaufenster ihrer Buchhandlung betrachtete. Kurzentschlossen bat sie die schüchterne Frau hereinzukommen. Sylvia Beach gab sich als Amerikanerin zu erkennen, beide waren sich auf Anhieb sympathisch, verbrachten mehrere Stunden miteinander und versicherten sich wechselseitig ihrer Liebe zur Sprache und Literatur des anderen Landes. Sylvia Beach war eigentlich auf der Suche nach einer literarischen Zeitschrift. Bei Recherchen in der Bibliothèque nationale hatte sie den Namen einer Buchhandlung gelesen und beschlossen, das kleine Geschäft in der Rue de l’Odéon 7 aufzusuchen.
Als Tochter von Reverend Sylvester Beach, der als presbyterianischer Pastor später Seelsorger von US-Präsident Woodrow Wilson wurde, war sie in Baltimore und Bridgeton aufgewachsen. Früh schon profitierte sie von der Weltläufigkeit ihrer Familie. 1902, als Sylvia gerade fünfzehn Jahre alt war, zogen die Beachs nach Paris, nachdem man Sylvester Beach beauftragt hatte, für die Amerikanische Kirche in Paris die Students Atelier Reunions zu betreuen – Zusammenkünfte, die dazu gedacht waren, Amerikaner in der Ferne Heimatluft schnuppern zu lassen. Dieser erste Aufenthalt in der Seine-Metropole im Kreis ihrer Familie hinterließ bei Sylvia Beach einen unvergesslichen Eindruck.
«Sylvia hatte ein lebendiges, scharf geschnittenes Gesicht», bemerkte Ernest Hemingway, «braune Augen, die so lebendig waren wie die eines kleinen Tieres und so fröhlich wie die eines jungen Mädchens. […] Sie hatte hübsche Beine, war freundlich, fröhlich, interessiert und liebte Scherze und Klatsch.»[1] Was Sylvia Beach aber vor allem liebte, war die französische Kultur. Nachdem sie mit ihrer Familie 1905 in die Vereinigten Staaten zurückgekehrt war und 1914 einige Monate in Spanien verbracht hatte, reiste sie 1916, mitten im Krieg, wegen des Sprach- und Literaturstudiums zurück in die Stadt, die sie als Teenager verlassen hatte. Paris elektrisierte sie, seine schiere Größe, die gotischen Kirchen, der Geruch von Pferdefleisch, Lavendel, Parfüm, die Rufe der Käseverkäufer. In der amerikanischen Gesellschaft, die im Begriff war, ihre puritanischen Werte wiederzuentdecken, hatten Homophobie und Moralismus der damals 29-Jährigen keine Luft zum Atmen mehr gelassen.
In Paris wartete auf sie ihre jüngere Schwester Cyprian, mit der sie in ein Zimmer im Palais Royal zog, jenem riesigen rechteckigen Stadtpalast, der 300 Jahre lang die Bühne für politische Intrigen, für Mode, Glücksspiel und käufliche Liebe abgegeben hatte. Cyprian – tatsächlich hieß sie Eleanor – war eine stadtbekannte Schönheit. Ohne Wissen ihrer Eltern hatte sie in Paris unter dem Namen Cyprian Giles als Filmschauspielerin Karriere gemacht. Als Sylvia zu ihr stieß, war Cyprian gerade als «Belle-Mirette» ein Star in der Krimi-Stummfilmserie Judex über den gleichnamigen verkleideten Rächer. Regelmäßig sah man sie in den Kinos. Gingen die Schwestern auf die Straße, wurde Cyprian oft von Autogrammjägern umringt.
Als sich Sylvia Beach und Adrienne Monnier 1917 zum ersten Mal in Paris begegneten, beschoss noch die «Dicke Bertha, das Lieblingsgeschütz der Deutschen», die Straßen der Stadt. Sylvia besuchte gerade einen Sprachkurs, in ihren Einreisedokumenten firmierte sie als Journalistin (journaliste littéraire). In ihren frühen Pariser Jahren veröffentlichte sie jedoch nur einen Artikel über das Musée Rodin und entwickelte zeitlebens keine Affinität zum Schreiben. Ganz anders verhielt es sich mit dem Lesen. Die Bibliophilie zieht sich wie ein roter Faden durch ihre Korrespondenz dieser Zeit, die voll von Rezensionen und Empfehlungen ist, von Victor Hugos Les Misérables bis hin zu amerikanischen Liebesromanen. Adrienne Monnier lud die vor Leben sprühende Amerikanerin, deren «ungemein fesselndes Gesicht» und deren Humor sie faszinierten,[2] zu einer Lesung in ihre Buchhandlung ein. Dort hörte Sylvia den Dichter Jules Romains in französischer Uniform aus seinem Antikriegsgedicht Europa lesen, einer weit über den Friedensschluss hinausgehenden literarischen Vision. Rasch wurde sie in Adriennes Kreis aufgenommen, wo sie sich inmitten der französischen Moderne wiederfand.
Während sie ursprünglich wegen des Sprach- und Literaturstudiums nach Paris gekommen war, holte der Krieg auch sie ein. Bereit, ihren Beitrag zu leisten, trat sie schließlich als freiwillige Hilfskraft den Arbeitsdienst auf dem Land an, wo sie mit ihren Hosen – Frauen trugen traditionell lange Röcke – und ihrer Kurzhaarfrisur die Bevölkerung nachhaltig schockierte. Wenig später verteilte sie mit ihrer älteren Schwester Holly auf Vermittlung ihres Vaters für das amerikanische Rote Kreuz Hilfsgüter in Serbien. Das kriegsgebeutelte Land pflegte sie auf dem Pferderücken zu erkunden, meist ohne Begleitung. Es waren ihre roaring years, eine stürmische Zeit, und es vergingen zwei Jahre, bis sie 1919 nach Paris zurückkehrte. Für Adrienne Monnier brachte sie ein Zigarettenetui mit, in das eine persönliche Widmung eingraviert war.
Sylvia Beach, geboren 1887, war fünf Jahre älter als Adrienne Monnier. Was sie an der ebenso resoluten wie herzlichen Französin faszinierte, war ihr Pioniergeist und ihr Mut zur Grenzüberschreitung. Das Geschäft des Buchhändlers, das Sylvia schon damals interessierte, war bei Adrienne Monnier ein intellektuell-künstlerischer Beruf, ganz anders, als Sylvia den Berufsstand zuvor gekannt hatte.
Bevor ein Buch im Regal oder in der Auslage ihrer Buchhandlung Platz fand, las Adrienne es, und es musste für gut befunden werden. Was in ihren Augen minderwertig war oder alt, mied sie. Im Fokus ihrer Aufmerksamkeit stand die gegenwärtige französische Literatur.[3] Den Werken ihrer Zeitgenossen galt ihre besondere Leidenschaft, und sie setzte sich ebenso für die Bücher wie für die Autoren ein. La Maison des Amis des Livres, das «Haus der Bücherfreunde» mit seinen zurückhaltend grau gestrichenen Wänden, wurde bald ein Salon, in dem berühmte Schriftsteller und solche, die es werden sollten, Lesungen abhielten, sich trafen und diskutierten, darunter Guillaume Apollinaire, Louis Aragon, André Breton und Paul Valéry. Viele später bekannt gewordene Literaten verdankten ihren Durchbruch der Förderung durch Adrienne Monnier. Ob Dadaisten, Surrealisten, Symbolisten, der großbürgerliche Individualist André Gide oder der erzkatholische, für seine Arroganz berüchtigte Schriftsteller-Diplomat Paul Claudel – Adrienne verstand es, mit allen auszukommen. Immer war sie bereit, «neuen Wahrheiten und Methoden zum Durchbruch zu verhelfen».[4] Selbst Jean Cocteau, verhätschelter Liebling in den Salons der Rive droite, den Adrienne für ein «verwöhntes Kind» hielt,[5] verkehrte im Haus der Bücherfreunde.
Der gemeinsame Pariser Nenner all dieser Schriftsteller war eben ihre Buchhandlung, und wenn es dort manchmal zu konfliktreichen Begegnungen kam, weil sich einzelne Gäste nicht ausstehen konnten, wusste Adrienne auszugleichen. Als einmal ein Herr die Buchhandlung verließ, kurz bevor Paul Claudel sie betrat, fragte Claudel Adrienne: «War das nicht Gide?» Da entgegnete sie: «Er war es, Exzellenz, aber wir haben geräuchert.»[6] Ob die Anekdote wahr ist oder erfunden: Das literarische Paris wusste, dass Claudel seit seiner Konversion zum Katholizismus mit Gide, einem skeptischen Rationalisten, verfeindet war, nicht zuletzt aufgrund von gescheiterten Bekehrungsversuchen. Wenn sie sich auch sonst aus dem Weg gingen, begegneten sich die einstigen Freunde regelmäßig in Adriennes Buchhandlung, dem heimlichen Mittelpunkt der französischen Literaturszene in den Zwanzigerjahren.
Dass Adrienne so unterschiedliche Künstler wie ein Magnet anzog, war auch der Tatsache zu verdanken, dass sie sich der literarischen Fraktionsbildung entzog. Die Literaten buhlten um ihre Gunst, doch sie wollte nicht an eine Bewegung gebunden werden und unternahm lieber eigene Entdeckungsreisen. Als Geschäftsfrau wusste Adrienne um die Bedeutung der Unabhängigkeit. André Bretons Versuch, sie als erste Frau für sein surrealistisches Bündnis zu gewinnen, verstärkte nur ihren Widerstand.
Neben Lesungen veranstaltete Adrienne Gesprächsrunden, Ausstellungen und musikalische Darbietungen. In ihren Veranstaltungen, die sie oft als «geistige Zusammenkünfte» (séances) annoncierte, verstand sie eine Atmosphäre zu schaffen, die zugleich intim, weihevoll und alltäglich war. Am 21. März 1919 fand eine der ersten öffentlichen Aufführungen von Erik Saties Komposition Socrate statt, einem Werk, dessen Text auf platonischen Dialogen basiert. Jean Cocteau, Hohepriester aller modernen französischen Kunstbestrebungen, führte in das Stück ein, am Klavier saß der Komponist, der die Sängerin Suzanne Balguerie begleitete. Im Publikum befand sich mit Georges Braque, André Gide, Pablo Picasso, Igor Strawinsky und Paul Valéry die Crème de la Crème der Pariser Kulturszene. Die Veranstaltungen wurden bald so beliebt, dass der Buchhandlung wegen des großen Andrangs die Überfüllung drohte.[7]
Bereits Adriennes Kleidung spiegelte den Geist der Buchhandlung wider. Sie sei «wie eine Äbtissin» erschienen, bemerkte die Journalistin Janet Flanner, eine gesetzte Erscheinung in ihrem immer gleichen Kostüm, einem langen, weiten grauen Rock, einer blauen Samtweste und einer weißen Bluse. Die von ihr gewählten Farben entsprachen ihrer Persönlichkeit, bekannte Adrienne, denn sie waren spirituell und materiell zugleich: Grau sei die Farbe der Großstädte, es repräsentiere Tätigkeit und Kraft; blau sei die Farbe der Ruhe, weiß hingegen die des reinen Gnadenzustands des Geistes.
Adriennes kometenhafter Aufstieg in der elitären Welt der Pariser Kunstszene erschien vielen wie ein Wunder, verfügte sie doch weder über Beziehungen noch über einen Universitätsabschluss. Es war ihre gewinnende Persönlichkeit, die ihren Erfolg ausmachte, eine Mischung aus mütterlicher Hilfsbereitschaft und Begeisterungsfähigkeit, dazu Intelligenz, Urteilskraft, Geselligkeit sowie beharrliche Ausdauer bei der Umsetzung ihres Bildungsauftrags. Adrienne, stets vorbildliche Gesprächspartnerin, wollte ihre Kunden und ihr Publikum bilden und die Lesegewohnheiten der Menschen verändern. Ihren Veranstaltungen galt es beizuwohnen, ihren Kanon galt es zu lesen. Immer war sie auch bestrebt, guten Büchern, die gescheitert waren, sei es durch Pech, Unzeitgemäßheit, Feindseligkeit oder Gleichgültigkeit der Kritiker, eine zweite Chance zu geben. So richtete sie in einer Ecke des Ladens ihr «Fegefeuer» ein. Dort «lege ich die kleinen Bücher ab […], die hier ruhig, mit ihrem schmalen Rücken aneinandergepresst, auf die Ankunft des Jüngsten Gerichts warten».[8] Das Inventar bestand neben belletristischen Werken und Zeitschriften auch aus historischen, philosophischen, religiösen und ökonomischen Büchern.
Das Bildungsanliegen ging bei Adrienne mit sozialem Bewusstsein einher. Ihren Kunden bot sie günstige Bände an, keine teuren Erstausgaben. Neu war auch, dass ihre Buchhandlung gleichzeitig eine Leihbücherei war, die erste in Frankreich überhaupt. Ein Subskriptionssystem ermöglichte es den Subskribenten, ein Buch vor der Kaufentscheidung erst zu lesen. Dafür wurde jeder entliehene Band vorab mit einem durchsichtigen Schutzumschlag versehen. «Es ist so gut wie unvorstellbar, dass man ein Buch kauft, ohne es zu kennen», bemerkte Adrienne.[9] Mit dieser aus buchhändlerischer Sicht ungewöhnlichen Einstellung bewies sie ökonomisches Geschick, denn sie verfügte mit dem Subskriptionssystem über eine zusätzliche Einnahmequelle. 1920 hatte sie fast 600 Subskribenten unter Vertrag. Freilich wusste sie, dass sie den Kritikern teurer Bücher – der Erste Weltkrieg hatte die Buchpreise in die Höhe schnellen lassen – durch das Leihmodell in die Karten spielte.[10] Dass die Bücherei den Abonnenten auch «für bibliographische Auskünfte und bibliophile Forschungen zur Verfügung» stand, wie Adrienne im Reglement schrieb,[11] war ein weiterer schlauer Schachzug, denn auf diese Weise wurde die Buchhandlung zu einem Ort des intellektuellen Austauschs.
Zu den Mitgliedern der Leihbücherei zählte auch die junge Simone de Beauvoir. Wie viele Studierende fühlte sie sich von Adrienne angezogen, denn die Buchhändlerin richtete die gleiche Aufmerksamkeit auf ihre bekannten wie ihre unbekannten Kunden, denen sie mit Offenheit und Ermutigung begegnete. «Für mich als Studentin symbolisierte diese Buchhandlung die faszinierende Welt der modernen Literatur, die so nah und doch so fern war; fern, weil ich noch keinen einzigen der Autoren kannte; nah, weil ich so viele ihrer Bücher verschlang, die ich aus Adriennes Leihbibliothek auslieh», schrieb de Beauvoir später. «Ich lauschte heimlich, wenn die Besitzerin dieses Heiligtums, die mich mit ihrem nonnenhaften Gewand und ihren noblen Freunden einschüchterte, sehr beiläufig und vertraut von berühmten Personen sprach, deren Namen mich irgendwie benommen zurückließen. Sie erzählte einem alten Kunden zum Beispiel, dass sie Valéry letzten Abend gesehen hatte, oder vielleicht, dass Gide sich nicht wohl fühlte. Léon-Paul Fargue und Jean Prévost waren zwei andere Schriftsteller, die man häufig in liebevoller Art mit Adrienne reden sah.»[12]
Im Frühjahr 1939 schien der Krieg mit Deutschland bereits unvermeidlich. Überall in der Stadt wurden unterirdische Schutzräume eingerichtet, in die sich die Bevölkerung während der Übungen zu begeben hatte und wo sich die Nachbarn, viele zum ersten Mal, mit einem «Enchanté!» begrüßten. Doch noch war keine Ausgangssperre verhängt, und so waren Kinos und Theater wie das Folies Bergère oder das Casino de Paris jeden Abend ausgebucht. Das populäre Lied der Stunde war J’attendrai («Ich werde warten»), eigentlich eine Liebesballade, der man nun mit schwarzem Humor auch die Bedeutung «Ich werde warten auf die Deutschen» unterlegte.
Am 10. März begann die Stadtverwaltung, Gasmasken an die Zivilbevölkerung auszugeben. Sie wurden kostenlos verteilt, doch Sylvia Beach wurde mitgeteilt, dass sie als Ausländerin für ihre Maske bezahlen müsse. Gasmasken waren für den Kampf bestimmt, dachte sie; sie und ihre amerikanische Buchhandlung aber waren im Kampf mit niemandem. Frauen wurde geraten, keine Wimperntusche unter der Gasmaske zu tragen, da sie die Augen reizte und die Trägerin dazu veranlasste, den Atemschutz zu entfernen. Die eigens entworfenen zylinderförmigen Handtaschen für Gasmasken von Jeanne Lanvin – eine aus grünem, die andere aus rotem Filz, mit kleinen Sternen übersät – wurden zu Verkaufsschlagern.
Bereits zwei Monate vor der Polenkrise waren Einschränkungen und Sicherheitsmaßnahmen in Kraft gesetzt worden. Sylvia und Adrienne wurden in den Bistros aufgefordert zu zahlen, wenn sie bedient wurden, denn jederzeit konnte eine Luftschutzsirene ertönen und für eiligen Aufbruch sorgen.[13] Die Angst vor deutscher Spionage führte so weit, dass die Kreuzworträtsel in der Zeitschrift Marianne eingestellt wurden: Sie bargen die Gefahr verschlüsselter Botschaften. Ab Mai informierten die Behörden regelmäßig im Petit Guide de défense passive (Kleine Anleitung zur passiven Verteidigung) über die wichtigsten Verhaltensmaßnahmen im Krieg.
Sylvia Beach vor Shakespeare and Company, 1939
Adrienne Monnier vor La Maison des Amis des Livres, 1937
Für die beiden Buchhandlungen in der Rue de l’Odéon hatte der drohende Krieg zunächst paradoxerweise positive Folgen. Studenten der nahen Sorbonne kamen, um in die Leihbüchereien eingeschrieben zu werden, da die Ausleihe von Büchern aus der Universitätsbibliothek eingeschränkt war. Das Leben vieler Menschen war aus dem Takt geraten. Nächtliche Fehlalarme und die ständige Angst vor einem Angriff führten zu einer allgemeinen Verunsicherung, die den Hunger nach Büchern und literarischen Gesprächen verstärkte. In einer aus den Fugen geratenden Welt sicherten persönliche Gewohnheiten den Menschen ein gewisses Maß an Ordnung. Sylvia verkaufte in Shakespeare and Company vor allem James Joyces Roman Finnegans Wake, der gerade erschienen war, Henry Millers Wendekreis des Krebses und T. S. Eliots gesammelte Gedichte. Ihr Bestseller aber war Herman Melvilles Roman Moby Dick, der mit seinem Sinn für Tragik, seiner Ironie und seiner Verzweiflung gut zur gegenwärtigen Situation zu passen schien. «Adrienne ringt nun mit der neuen Nummer der [von ihr herausgegebenen Zeitschrift] Gazette, deren Erscheinen unmittelbar bevorsteht», schrieb Sylvia wenig später einer Freundin. «Ich bin sicher, daß die Leser froh darüber sein werden, daß sie etwas zu lesen bekommen, ob Krieg herrscht oder nicht, und ich glaube, es wird sie beruhigen, wenn sie sehen, daß solche Dinge inmitten aller Wirren weiterlaufen.»[14] Tatsächlich kamen Sylvia und Adrienne in diesen Monaten immer erst spät ins Bett, derart überfüllt waren ihre Buchhandlungen bis in die Abendstunden.
Sylvia verbrachte die Sommerferien 1939 allein in Savoyen in der Nähe von Chambéry. Dort wurden gegen Ende des Sommers alle jungen Männer durch Anschläge aufgefordert, sich zu ihren Regimentern zu begeben, und in den Familien herrschte große Sorge. Bei ihrer Rückreise hatte Sylvia Glück: Sie erreichte noch den letzten Bus, der von ihrem Ferienort ins Tal von Chambéry fuhr, ehe der junge Busfahrer eingezogen und das Fahrzeug beschlagnahmt wurde. Der Bahnhof in Chambéry wimmelte bereits von Soldaten in voller Montur. Nur mit Mühe fand Sylvia noch einen Sitzplatz im Zug. Im selben Abteil saß eine junge Engländerin mit ihrem Baby, die wegen des drohenden Kriegs rasch nach England zurückkehren wollte. Ihr Mann, der erst später nachkommen würde, verabschiedete sich vom Bahnsteig aus und winkte ihr zu.
Sylvia selbst wäre trotz der düsteren Wolken am politischen Himmel nicht auf die Idee gekommen, Frankreich zu verlassen. Ihr Vater hatte sie mehrfach gebeten, wegen der Kriegsgefahr in die Vereinigten Staaten zurückzukehren. Doch für sie stand das nie zur Debatte. Während ihre in Paris ansässigen Landsleute Henry Miller, Robert McAlmon und Man Ray es vorzogen, in den Süden des Landes zu fliehen, fand Sylvia, dass sie nach Paris gehörte und anderswo nur unglücklich wäre. Die Schiffsreise in die USA wäre zu gefährlich gewesen, sie hätte dort nur schwer Arbeit gefunden, und sie hätte keine finanziellen Mittel gehabt, wieder nach Frankreich zurückzukehren. Überdies hatte Sylvia in Carlotta Welles Briggs eine Schulfreundin in Paris, die ihr anbot, in ihrem Landhaus Zuflucht zu suchen, sollte die Hauptstadt bombardiert werden. In ihrer Buchhandlung hatte Sylvia Wurzeln geschlagen und in ihrer vermögenden Freundin einen Fels in der Brandung. Was auch immer mit Shakespeare and Company geschehen würde, für Sylvia werde gesorgt, versicherte Carlotta ihr.
Sie nannten sich «Potassons» und meinten damit eine besondere Spielart der menschlichen Spezies. Freundlichkeit, Gutmütigkeit und der Sinn für das Schöne zeichneten die Potassons aus, Literatur, Musik, Kunst, aber auch die Freude an gutem Essen waren essenzielle Bestandteile ihres Lebens. Dabei konnte die einzigartige Beschaffenheit eines Pilzgerichts für sie die gleiche Bedeutung erlangen wie ein gelungenes Gedicht. Was besonders gefiel, dem wohnte ein Zauber inne; Außergewöhnliches wurde durch die Erfindung neuer Wörter geadelt. Potassons waren glücklich, wenn sie ohne Hektik zusammen sein konnten, herumalberten, geistreiche Witze oder Wortspiele machten.
Geraucht und gegessen wurde bei ihren Zusammenkünften viel, ein Kilo Butter reichte nicht lange. Adrienne Monnier, Königin aller Potassons, schätzte vor allem geräucherten Lachs mit frischer Butter, «meiner Ansicht nach eines der besten Dinge auf dieser Welt».[15] Bei Veranstaltungen im Haus der Bücherfreunde, dem Zentrum der Potassons, wurde Portwein gereicht, und kulinarische Genüsse wurden vorurteilslos verzehrt, denn Achtsamkeit gegenüber dem Körper gab es nicht. «Sie begann auf sehr poetische Weise, die Gerichte zu analysieren, die ihr serviert wurden», schrieb eine Bewunderin über Adrienne anlässlich eines Abendessens, an dem mit den Komponisten Erik Satie, Francis Poulenc, dem Schriftsteller Valery Larbaud und Sylvia Beach weitere Potassons teilnahmen. Adrienne «entdeckte in jedem Gericht so subtile, erfrischende Tugenden, dass wir das Gefühl hatten, Essen für Engel vor uns zu haben. Aber am Ende zeigte sie uns, versteckt unter etwas Brot, ein mit Pilzen gefülltes Etwas, das ihr besonders gut gefallen und das sie für la bonne bouche aufgehoben hatte – ein ganz eigener Ausdruck, der meinte, dass sie das Stück erst kurz vor dem Dessert genießen wollte.»[16] Auch wenn es nur die Speisenfolge war, die Adrienne missachtete, unkonventionelles Verhalten zeichnete die Potassons auf jeden Fall aus.
Der Schriftsteller Léon-Paul Fargue hatte den Begriff «Potasson» in Anlehnung an den Namen seiner gutmütigen Katze geprägt. Fargue galt als Papst der Gruppe, er war aber vor allem der Dichter der Stadt Paris. Deren Schönheiten, Eigenheiten und städtebaulichen Wandlungen beschrieb der Nachtschwärmer mit starker Suggestionskraft. So zelebrierte er den Geruch der Gassen oder beschwor die Schatten der Häuser. Dabei orientierte er sich am Impressionismus und löste die sprachliche Form zunehmend auf. Fargue, eigenwillig und exzentrisch, war der Inbegriff des Bohemiens. Regelmäßig saß der Flaneur zwischen dem langen Tisch und dem Ofen in Adriennes Buchhandlung und ruhte sich von seinen täglichen Wanderungen aus. Während seiner mit Metaphern gespickten Monologe war er von Zigarettenrauch umgeben, den er mit dem göttlichen Funken der Inspiration in Verbindung brachte. Freilich war Fargue berüchtigt, kaum etwas zu schreiben. Er scheute die Anstrengung und empfand sich als sein eigenes Kunstwerk. Man musste Tricks anwenden, um ihn zum Arbeiten zu bewegen. Fargue sei das einzige Hindernis bei der Veröffentlichung seiner Werke gewesen, konstatierte ein Freund nach dem Tod des Schriftstellers, und es war Adrienne Monniers unermüdlichem Eifer zu verdanken, dass Fargues frühe Dichtung vor dem Vergessen bewahrt wurde.
Dass der Gruppe etwas Elitäres anhaftete, gestand Adrienne später ein. Schon bald entschlossen sich die Potassons, zunächst gegen Adriennes Willen, eine Zwischenklasse einzuführen, die der «Potassonanwärter».[17] Qualifizieren mussten sich die Kandidaten über ihre Fähigkeit, sprachliche «Potassonereien» zu erschaffen. Damit war eine Sondersprache, reich an Anspielungen, ungewöhnlichen Wortverbindungen und Neologismen, gemeint, die als Distinktionsmerkmal diente.
Ein wahrer Spezialist für potassoneske Wendungen war der stets in einen schwarzen Anzug mit schwarzer Melone gekleidete Erik Satie. Als Spielanweisungen wählte der Komponist nicht etwa die üblichen italienischen Vorgaben wie «largo» oder «moderato». An bestimmten Stellen seiner Partituren stand zum Beispiel, man solle «wie eine Nachtigall mit Zahnschmerzen» spielen. Sein «Schlaraffenmarsch», in Anspielung auf die genussreichen Zusammenkünfte der Potassons, wurde deren Hymne. Sylvia Beach wiederum hatte als Amerikanerin einen natürlichen Vorteil bei den «Potassonereien». Ihr Französisch war zwar gut, aber nicht perfekt, so dass sie manchmal zum Vergnügen der anderen Wörter erfand, aus dem Englischen ableitete oder mit französischen Vokabeln vermischte. Ihre Kreationen waren bisweilen so entzückend, dass sie in den Sprachgebrauch der Potassons aufgenommen wurden.
Es waren die années folles, die sich durch eine allgemeine Vergnügungssucht auszeichneten. «Tanzen, Denken, lautes Herausschreien, endlich aufrechter Gang, Rufen, Schreien, sich Verschwenden, all das in Ekstase», schrieb der Maler Fernand Léger, der bei Verdun schwer verwundet worden war, als würde ein ständiges Feuer in ihm brennen.[18] Neben dem hedonistischen Vergnügen, dem auch die Potassons nach den katastrophalen Kriegsjahren huldigten, ging es ihnen jedoch um mehr: Ihre Vision war ein neuer Humanismus. Inspiriert durch den Unanimismus, eine philosophische Strömung, die den Menschen nicht als Individuum, sondern als Teil einer Gruppenseele auffasste, glaubten die Potassons, der Mensch sei keine Einzelgestalt, sondern Fragment einer Gemeinschaft im Sinne einer beseelten Einheit, die über die Summe der Persönlichkeiten hinausgeht. Daher musste die Individualisierung für humanitäre Zielsetzungen überwunden werden. Erreicht werden konnte dies vor allem durch einen pazifistischen Sozialismus, durch Solidarität, Gemeinschaftlichkeit, Freundlichkeit und Leichtigkeit, auch bei der Bewältigung schwieriger Probleme. «Wenn mehrere Potassons zusammenkommen, verlaufen die Dinge zu aller Zufriedenheit, mühelos werden Mittel und Wege gefunden […], die Welt ist hell und man durchquert sie von einem Ende zum anderen, […] bis hin zum Ende der Zeiten.»[19]
Kunst war für die Potassons friedensstiftend und horizonterweiternd. Sie war ein wesentlicher Bestandteil, um eine weltverändernde fraternité zu erreichen. Ein literarischer Schlüsseltext der Potassons wurde Raymonde Linossiers avantgardistischer Roman Bibi la Bibiste, der das Liebesleben eines verträumten Mädchens erzählt. Die Autorin, eine junge Juristin mit literarischen Ambitionen, die Léon-Paul Fargue aufgrund ihres schwarzen Künstler-Outfits «das schwarze Veilchen» nannte, legte großen Wert auf die Gattungsbezeichnung «Roman», obwohl ihr minimalistisches Werk nur aus vierzehn Seiten bestand. Das längste der insgesamt fünf Kapitel umfasste siebzehn Zeilen.
«Bibi» bedeutet in der französischen Umgangssprache «ich», der Titel so viel wie «Ich das Ichste». Raymonde Linossier spielte in ihrem charmanten Werk mit Versatzstücken des Dadaismus. In ihrer Sprache vermischte sich die Kunst des Primitiven mit Humor und barocker Ausschweifung. Der Unterschied zum Dadaismus bestand darin, dass Linossier das Zärtliche herausstellte, die Dadaisten hingegen ihre Verachtung für alle unerschütterlichen Werte zum Ausdruck brachten.[20] Der «Bibismus», wie man die Richtung im Umkreis der Potassons nannte, wurde zum heiteren Antlitz des Dadaismus. Eine Tabula-rasa-Mentalität und die kollektive Verweigerung jeglicher Ordnung, auf die die Vertreter des Dadaismus zielten, lagen den Potassons fern. Sie waren nicht konfrontativ, sondern menschenfreundlich, und nie hätten sie die Lust am Zerstörerischen zelebriert oder um der Provokation willen provoziert, wie es etwa der Pariser Dadaist Man Ray tat, als er 1921 seinen Film Elsa, Baronin von Freytag-Loringhoven, rasiert ihr Schamhaar drehte.
Sylvia Beach und George Antheil vor Shakespeare and Company, um 1935
Ernst nehmen konnten die Potassons die Bürgerschreckkünstler um Man Ray nicht, zumindest traf dies auf Sylvia Beach zu, die ihnen mit Augenzwinkern begegnete. 1923 war der amerikanische Komponist George Antheil nach Paris gekommen, der mit Man Ray zusammenarbeiten sollte, und zog mit seiner Frau in eine Ein-Zimmer-Wohnung oberhalb von Sylvia Beachs Laden. Beach wurde also seine Vermieterin und machte ihn mit anderen Künstlern bekannt. Nach seinem ersten aufsehenerregenden Konzert sprach tout Paris von Antheils antiromantischem, mechanistischen Klavierspiel und wartete auf den nächsten Skandal des bad boy of music. «Skandale wurden bei meinen Konzerten fast etwas Alltägliches», schrieb er in seiner Autobiografie, «weil ich einer der wenigen Pianisten jener Zeit war, die jedes Konzert mit einer modernen Gruppe abschlossen, am liebsten mit den Hypermodernen.»[21] Bei Antheils Auftritten gerieten ästhetisch konservative Zuhörer regelmäßig in Streit mit seinen Verehrern. Pfiffe und Buhrufe wurden mit Schlägen quittiert, es kam zu Rangeleien, so etwa am 4. Oktober 1923 in Paris, als die Polizei einschreiten musste. Während Antheil seine schlagzeugartige, dem Maschinenzeitalter huldigende Musik dem Publikum darbot, trug er üblicherweise eine Pistole im Schulterhalfter, um sich im Fall der Fälle den Fluchtweg freizuschießen.
Sylvia Beach, ganz Potasson, nahm ihn mit Humor. Ein Foto zeigt, wie der Komponist an der Außenfassade ihrer Buchhandlung hochklettert, um durch ein offenes Fenster in seine Wohnung zu gelangen. Sylvia Beach, die lächelnd dabei zusieht, weist mit der rechten Hand auf den ungehörig Kletternden, als wolle sie sagen: «Bühne frei für Antheils Auftritt.»
Mit Adrienne Monnier stand hinter der Gruppe der Potassons eine Frau, deren Einsatz für die fraternité nicht selbstverständlich war, denn sie selbst war gesellschaftlicher Benachteiligung und Anfeindungen wegen ihrer sexuellen Orientierung ausgesetzt. Nichts deutete anfangs darauf hin, dass die 1892 Geborene einmal zur Geburtshelferin modernistischer Literaturströmungen werden würde. Nicht aus privilegierten Verhältnissen stammend – ihr Vater war Postangestellter und sortierte unterwegs die Post in Nachtzügen –, fand sie sich in einer von Männern dominierten Literaturwelt wieder. Vor allem aber hielt sie sich nicht an die herrschenden Auffassungen von Sexualität.
Auch wenn Paris in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts die sexuell freizügigste Hauptstadt Europas war und Homosexuelle aus der ganzen Welt in die Seine-Metropole kamen, ging das Maß an Freiheit nie so weit, dass man sich einfach offen zu einer nonkonformen Sexualität bekennen durfte. Zwar gab es seit 1791 in Frankreich kein Gesetz mehr gegen Homosexualität, und vereinzelte reiche und einflussreiche Homosexuelle wie der Schriftsteller André Gide standen offen zu ihrer Neigung. Auch wurden – etwa in Marcel Prousts großem Romanwerk – unkonventionelle sexuelle Freiheiten anstandslos akzeptiert, solange der äußere Anschein gewahrt blieb. Doch unterdrückte der Staat gesellschaftliche Bestrebungen zur Gleichstellung von Homosexuellen. Der Schriftsteller Victor Margueritte wurde mit dem Ausschluss aus der Ehrenlegion bestraft, nachdem er in seinem Roman La Garçonne (Die Aussteigerin, 1922) das Leben einer jungen Frau beschrieben hatte, die sich von familiären Zwängen befreit und ihre Sexualität mit einer älteren Revue-Tänzerin auslebt. 1925 ließ die Staatsanwaltschaft die erste französische Homosexuellenzeitschrift Inversions wegen «Erregung öffentlichen Ärgernisses» über ein Gerichtsverfahren zerschlagen. Die Herausgeber wurden zu einer Gefängnis- und Geldstrafe verurteilt, weil das Gericht die Propagierung von «homosexuellen Leidenschaften» als erwiesen betrachtete.
