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In der Frühe eines dunklen Wintertages, am Morgen ihres sechzehnten Geburtstags, packt die zielstrebige, energische Maggie Drum ihre Reisetasche und verläßt ihr Elternhaus und die kleine schottische Bergwerkstadt Pitmungo, entschlossen, sich einen Mann zu suchen. In einem Bade- und Fischerort findet sie den erträumten Lebensgefährten: einen großen, starken, gutaussehenden Hochländer. In dem Augenblick, als sie Gillon Cameron am Strand begegnet, weiß sie, daß er der Mann ist, den sie heiraten, mit dem sie nach Pitmungo zurückkehren und Kinder haben wird. Und sie weiß auch, daß Gillon und ihre Söhne eines Tages so viel Geld zusammengebracht haben werden, daß sie und ihre Familie das düstere Pitmungo für immer verlassen und ein neues, schöneres Leben beginnen können. Dieser Roman erzählt die Geschichte der Camerons, von Maggie und Gillon und ihren sieben Kindern. Er erzählt von ihren Hoffnungen und Enttäuschungen, ihren Träumen und ihren Rückschlägen, ihren Siegen und ihren Niederlagen in der dunklen und in der schönen Welt Schottlands um die Jahrhundertwende. Er erzählt die Geschichte der Liebe und der Spannungen zwischen der vom Ehrgeiz getriebenen Maggie und dem romantischen Träumer Gillon, der jedoch im Augenblick der Not seinen Mann steht und mit ruhiger Entschlossenheit handelt.
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Seitenzahl: 822
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Robert Crichton
Die Camerons
Aus dem Englischen von Hermann Stiehl
Ihr Verlagsname
In der Frühe eines dunklen Wintertages, am Morgen ihres sechzehnten Geburtstags, packt die zielstrebige, energische Maggie Drum ihre Reisetasche und verläßt ihr Elternhaus und die kleine schottische Bergwerkstadt Pitmungo, entschlossen, sich einen Mann zu suchen. In einem Bade- und Fischerort findet sie den erträumten Lebensgefährten: einen großen, starken, gutaussehenden Hochländer. In dem Augenblick, als sie Gillon Cameron am Strand begegnet, weiß sie, daß er der Mann ist, den sie heiraten, mit dem sie nach Pitmungo zurückkehren und Kinder haben wird. Und sie weiß auch, daß Gillon und ihre Söhne eines Tages so viel Geld zusammengebracht haben werden, daß sie und ihre Familie das düstere Pitmungo für immer verlassen und ein neues, schöneres Leben beginnen können.
Dieser Roman erzählt die Geschichte der Camerons, von Maggie und Gillon und ihren sieben Kindern. Er erzählt von ihren Hoffnungen und Enttäuschungen, ihren Träumen und ihren Rückschlägen, ihren Siegen und ihren Niederlagen in der dunklen und in der schönen Welt Schottlands um die Jahrhundertwende. Er erzählt die Geschichte der Liebe und der Spannungen zwischen der vom Ehrgeiz getriebenen Maggie und dem romantischen Träumer Gillon, der jedoch im Augenblick der Not seinen Mann steht und mit ruhiger Entschlossenheit handelt.
Robert Crichton, 1925 in Albuquerque (USA) geboren, kam während des Krieges nach Europa und lebte längere Zeit in Schottland, wo er sich mit der Mentalität und den Lebensgewohnheiten seiner Vorfahren vertraut machte. Ab 1946 studierte er für vier Jahre an der Harvard University und begann zu schreiben. Einer seiner großen Erfolge war bereits der komödiantische Roman voller Don Camillo-Komik «Das Geheimnis von Santa Vittoria».
Für Kyle Crichton, der mich anregte, diese Geschichte zu schreiben, und für Robert Gottlieb, der mir half, sie zu formen
Ein Mann muß essen – oder nicht? Und eines Mannes Kinder müssen essen – oder etwa nicht?
Sie war wach.
Eben hatte sie noch fest geschlafen, nun starrte sie mit weit geöffneten Augen in die Schwärze der Zimmerdecke. Sie mochte die Nacht nicht, aber sie hatte sich gezwungen, mitten in der Nacht aufzuwachen. Es war eine Frage der Willenskraft, und auf die kam es an. So gefiel es ihr.
Sie lag zusammengekuschelt unter ihrem Federbett und suchte mit den Augen die Zimmerdecke nach einem Lichtflackern ab. Doch in dem Kamin am anderen Ende des Zimmers glühten keine Kohlen mehr.
«Selbstsüchtige Ziege», sagte sie laut.
Man sollte sie ruhig hören. Das Feuer war ausgegangen, und im Zimmer war es eiskalt. Ihre Mutter hatte gegen die Hausregel verstoßen und, ehe sie zu Bett gegangen war, das Feuer noch einmal geschürt, um sich seine letzte Wärme zu stehlen.
«Die denkt nie an den Morgen.»
«Was ist?» fragte ihr Vater im anderen Zimmer drüben. «Was ist los?»
«Nichts. Schlaf ruhig weiter, Vadder. Es ist noch Nacht.»
Das mußte sie loswerden, bis sie wiederkam. Vadder.
Sie lag in ihrem Bett, eine kleine, warme Kugel in dem kalten schwarzen Kastenbett, und übte das Wort. Vater. Vater. Es war ein ungewohntes Wort, aber es war das korrekteste Wort, und Vater sollte es von jetzt an heißen, auch wenn es ihm nicht paßte.
«Kind», hatte er in der Woche zuvor zu ihr gesagt, «ich bin Schotte und kein verdammter Engländer. Ruf mich Vadder.» Aber sie hatte es nicht getan.
Weder im Haus noch draußen ein Laut. Kein Hahn krähte, keine Holzschuhe klapperten über das Kopfsteinpflaster. Kein Geräusch drang von der Stadt her oder von den Gruben unten herauf. Die ganze Welt – ihre Welt, die Welt von Pitmungo – lag stumm und tief in Schlaf gehüllt da. Sie fuhr entsetzt auf. Das konnte nur eines bedeuten: Schnee. Es war nie ganz still in Pitmungo, außer wenn die Stadt unter einer dichten Schneedecke lag.
Das war gemein, dachte sie, das durfte nicht sein. Es durfte im April nicht so schneien, nicht an ihrem Tag. Sie tastete nach ihren Holzschuhen, konnte sie aber nicht finden. Sie würde an den Füßen frieren auf dem eisigen Steinboden. Dann hörte sie die Grubenponies im Garten auf der Suche nach einer windgeschützten Ecke umherstapfen. Der stumpfe Laut der Hufe verriet, daß der Boden gefroren war.
Und ja, sie hörte jetzt, wie der Wind an den hinteren Fenstern rüttelte. Also kam er aus dem Norden, vom Hochland herunter. Gemein, dachte sie, gemein. Schnee in ganz West Fife, das stand fest, die Cairngorm-Berge unter Schnee begraben und die gewöhnlich offenen Pässe vom Schnee verstopft. Viele Junglämmer würden heute sterben. Und sie würde bei dem Schnee niemals zu Fuß nach Cowdenbeath gehen können, um dort den Zug nach Norden zu erreichen. Sie würde Mr. Japps Einspänner mieten müssen. Wieder ein vergeudeter Shilling, oder gar zwei, wenn er schäbig war. Sie merkte, wie ihr die Tränen kamen, was sonst nicht ihre Art war. Es hatte keinen Zweck, jetzt aufzustehen.
Als sie wieder aufwachte, hatte sich der Wind gelegt und Mondlicht fiel in breiten Streifen schräg in das Zimmer. Sie setzte sich in ihrem Bett auf und sah im seitlichen Fenster den frostigen Mond, fahl und flach. Keine Schneewolken trieben über ihn hin. Die Ponies waren ums Haus herum nach vorn gekommen. Am Klang der Hufe auf dem Kopfsteinpflaster erkannte sie, daß nicht allzuviel Schnee gefallen sein konnte, und sie stand auf. Der Steinfußboden war so kalt, daß ihr die Füße brannten.
Wie töricht, daß sie die ganze Zeit im Bett vertan und über etwas geweint hatte, was gar nicht geschehen war. Sie griff nach dem Nachttopf, aber die bloße Berührung des eisigen Steinguts schreckte sie ab. Die Asche im Kamin bildete einen Kegel, der beim leisesten Stochern leblos in sich zusammenfiel.
«Selbstsüchtiges Biest», sagte sie.
«Was ist denn schon wieder?» fragte ihr Vater. Sie hatte gar nicht gemerkt, daß sie laut gesprochen hatte.
«Nichts, schlaf nur weiter.»
«Ich hab schon gehört, was du gesagt hast. So reden die Grubenmädchen. In meinem Haus gibt es das nicht.»
«Ja, Vater.»
«Vadder.»
Sie schaufelte die Asche zur Seite und sah zu ihrem Erstaunen, daß plötzlich drei große Brocken wieder lebendig wurden und im kalten Luftzug aufflackerten. Das Feuer würde sich leicht anfachen lassen. Im stillen tat sie ihrer Mutter Abbitte. Das mußte man Pitmungo trotz allem lassen: die Kohle hier war sehr kohlenstoffhaltig und ließ einen nicht im Stich, wenn man sie nur richtig hegte. Sie legte einen Brocken nach dem anderen auf die nun schon brennenden Kohlenstücke.
«Mal langsam mit der Kohle da drüben, Frollein», rief ihr Vater herüber. «Das hört sich ja an, als ob du eine ganze Wagenladung auflegst.»
«Bin schon fertig, Vadder.»
Ihn heute bloß nicht aufregen. Sie legte die letzten Kohlenstücke so vorsichtig auf, als verziere sie eine Torte. Als der Kamin Wärme zu verbreiten begann, nahm sie die Grubenkleidung ihres Vaters und hängte sie vor das Feuer. Die Jacke war steifgefroren und taute jetzt leise zischend auf und fing an, nach Schweiß und Grubenstaub zu riechen. Auch das würde anders werden, wenn sie wiederkam. In manchen Häusern wurde die Arbeitskleidung jeden Tag gewaschen. Bei den Drums nur einmal in der Woche.
Sie ging barfuß in die Waschküche, und als sie durch den leichten Schnee zurückeilte, in den Händen den Hasen und den Fisch, die sie dort versteckt hatte, kam ihr der Steinfußboden geradezu warm vor. Über Nacht gefroren, polterten der Hase und der Fisch wie Steine, als sie beide auf den Tisch fallen ließ.
«Was ist das schon wieder?»
«Ein Brocken Kohle. Schlaf ruhig weiter.»
«Ich hab dir doch gesagt, du sollst sparsam mit der Kohle umgehen.»
«Ja, Vadder.»
Ihn bloß nicht aufregen.
Es würde seine Zeit brauchen, bis der Hase aufgetaut war, das hatte sie nicht bedacht, und jetzt würde sie ihre Reisekleider anziehen und riskieren müssen, daß sie einen Fleck darauf bekam, denn es würde nun schon etwas dauern, bis sie das Frühstück fertig hatte, und danach blieb ihr fürs Umziehen keine Zeit mehr. Sie zog sich nackt aus und wusch sich mit Wasser aus dem Kochtopf. Was ihre Eltern nicht wußten, konnte sie auch nicht ärgern. Das Wasser kochte schon, und eine Dampfwolke hüllte ihren Körper ein. Ihre Haut fühlte sich angenehm weich und sauber an. Sie zog einen Unterrock an, eine schlichte Leinenbluse, die sie sich in der Woche zuvor genäht hatte, und dann das neue Tweedkostüm, das Mr. Lansburgh in Dunfermline, der Jude, für sie hatte machen lassen.
«Du hast dem Juden bares Geld gegeben? Siller? Du hast es ihm in die Hand gedrückt und ihn damit fortgehen lassen?» hatte ihr Vater sie gefragt.
«Ja, das hab ich.»
«Und du erwartest allen Ernstes, daß du das Geld oder ihn je wiedersiehst?»
«Ja, das tu ich.»
«Dann bist du dümmer, als ich dachte.»
Sie brauchte sich nicht erst in dem Kostüm im Spiegel zu betrachten, um zu wissen, daß sie hübsch darin aussah – daß sie sehr hübsch darin aussah. Als sie fertig angekleidet war, zog sie die Jacke wieder aus und machte sich in der Leinenbluse an die Arbeit. Für ein junges Mädchen hatte sie volle Brüste. Die enge Bluse spannte sich über ihnen, und sie hielt die Jacke immer griffbereit, weil sie ihren Vater nicht verlegen machen wollte, wenn er hereinkam. Sie hatte sich erst in der letzten Zeit so entwickelt, und beide, sie und ihr Vater, waren sich doch nicht ganz sicher, wie sie sich dazu stellen sollten.
Sie zog dem Hasen rasch das Fell ab und war froh darüber, daß das Tier gefroren war, denn das Fleisch war fest, und das Fell ließ sich leicht entfernen. Sie schnitt ihn in zehn Stücke und tat die Stücke in den Topf, zusammen mit dem Lauch und den Kartoffeln, und während das Ganze kochte, röstete sie das Hafermehl, das die Brühe andicken und ihr den Nußgeschmack verleihen sollte.
Als der Hase fertig war, machte sie sich an den Fisch, einen schönen goldenen Findon-Schellfisch, dessen Seiten butterblumengelb schimmerten. Sie kochte ihn zuerst, um den Fischgeschmack zu mildern, bestrich ihn dann dick mit Rahm und stellte ihn ans Feuer, bis es in dem Bett aus Rahm und Butter leise zu blubbern begann. Danach bereitete sie die Hafermehlfladen zu, die bannocks, die kurz vor dem Auftragen erhitzt wurden, bis sie dampften, legte die Scheiben Dunlopkäse zurecht, für die ihr diese Halsabschneider vom Konsumladen in Pitmungo einen Shilling berechnet hatten, setzte das Teewasser auf und ging ihren Vater wecken.
«Mit geröstetem Hafermehl. Och, du verwöhnst deinen Vadder aber.» Er lachte wieder laut. «Das glaubt mir unten keiner. Bawd bree zum Frühstück.»
«Das ist kein bawd bree, das ist eine gute Hasensuppe», sagte sie.
«Aber es ist bawd bree, und ich nenne es so.»
Das gefiel ihr an ihm. Er gab nicht gern Geld aus, aber wenn es einmal ausgegeben war, bereute er es nicht. Die meisten Kumpels in der Straße verschwendeten ihr Geld und hatten nie welches übrig, oder aber sie hatten schon vor langem den Mut verloren, es auszugeben, und gönnten sich nichts.
Er sah zu, wie sie noch etwas mehr gebräuntes Hafermehl in den Suppentopf tat, so daß die dünne Brühe dick und sämig wurde. Im ganzen Zimmer roch es wie nach gerösteten Nüssen.
«Na schön, Maggie – was soll das alles?»
Aber sie holte nur zwei irdene Näpfe herunter und füllte sie mit Brühe. Sie aßen schweigend, um der Brühe die gebührende Ehre zu erweisen, und erst als er sich über seinen dritten Napf hermachte, gab sie ihm Antwort.
«Also zunächst einmal ist heute mein Geburtstag.»
«Oh, das hättest du uns sagen sollen. Wir hätten dir vielleicht etwas gekauft.»
«Das habt ihr doch noch nie getan.»
«Man kann nie wissen. Noch etwas Brühe, bitte.»
Als der Napf leer war, fragte er, wie alt sie denn geworden sei.
«Sechzehn.»
«Oh, ein hübsches Alter für ein Mädchen.»
«Ja, und jetzt brauche ich euch auch nicht mehr um Erlaubnis zu fragen.»
«Erlaubnis? Wozu?»
«Zum Heiraten.»
Er zeigte keine Überraschung. Er hatte sich einen bannock in den Mund gestopft, und die Butter tropfte ihm auf die Grubenjacke. Er aß weiter. In Pitmungo zeigt keiner Überraschung: es könnte einem als Schwäche ausgelegt werden.
«Nein, das glaubt mir keiner. Bawd bree und heiße bannocks zum Frühstück! Alle halten dich für so ein gerissenes kleines Biest, weißt du? Hochnäsig und so. Denen will ich schon was erzählen!»
«Warum denn? Es stimmt ja.»
Er wußte, daß es stimmte, und deshalb mußte er lachen. Sie hörten die Pfeife von Lady Jane Nr. 2, und aus alter Gewohnheit stand er vom Tisch auf.
«Es pfeift erst zum Wecken, noch nicht zur Arbeit. Setz dich wieder. Und sollten wir nicht Mutter wecken?»
«Wenn sie jetzt noch nicht wach ist, dann hat Gott nicht gewollt, daß sie aufwacht», sagte ihr Vater. «Gib mir noch einen Fladen.»
Er würde die bewußte Frage schon noch stellen – zu seiner Zeit und auf seine Weise, so wie man in Pitmungo Fragen stellte. Sie nahm den Tontopf von der Kaminglut, und als sie den Deckel abhob, blubberte der Rahm noch immer, und der Schellfischgeruch stieg ihnen in die Nase.
«Findon?»
Sie nickte.
«Mein Leben lang hab ich gewußt, daß ich einen richtigen Findon sofort erkennen würde, wenn ich mal einen vor mir habe. Mein Leben lang hab ich mir einen richtigen Findon gewünscht. Jetzt kann ich sterben. Wo hast du ihn denn her?»
Sie sagte es ihm.
«Du bist also den ganzen Weg nach Cowdenbeath runtergegangen, um für mich einen Findon zu kaufen?»
«Für mich, Vater. Für mich. Das ist mein Hochzeitsfrühstück, verstehst du jetzt?»
Er aß weiter, kaute genüßlich die Fischstückchen und zog sogar der Köstlichkeit zu Ehren die Grubenjacke wieder aus.
«Na schön», sagte er schließlich. «Aber was soll das alles? Wer ist der Junge?»
«Es gibt keinen, aber es wird bald einen geben. Ich bin sechzehn.»
«Mit sechzehn ist man ein Mädchen. Ein Kind.»
«Nein, mit sechzehn ist man Frau. Mit sechzehn trifft man seine eigenen Entscheidungen.»
Er hielt den Kopf gesenkt, Fisch und Rahm löffelnd. Dann blickte er zu ihr auf. Im Vorderzimmer war es jetzt hell. Sie hatte vergessen, ihre Jacke anzuziehen, und beide wurden sich zur gleichen Zeit der körperlichen Reife bewußt, die sie jetzt besaß, und er errötete unter seiner dunklen Gesichtshaut.
«Und weiß der Junge schon davon?»
Sie schüttelte den Kopf.
«Wo wohnt er denn?»
«Ich weiß es nicht. Ich weiß nur eines: wenn ich einen finde, wird es keiner von hier sein.»
Draußen wurde es jetzt laut. Man hörte das Klappern von Nagelstiefeln und Holzpantinen auf dem Steinpflaster.
«Was hast du gegen die Jungens von hier? Ich bin auch von hier.»
«Komm mit ans Fenster», sagte seine Tochter. Sie öffnete das beschlagene Fenster und deutete auf den tiefer gelegenen Teil von Pitmungo, auf die Dächer der Rotten Row und der Wet Row unten bei den Gruben und auf den kohlschwarzen Fluß dahinter.
«Sei ehrlich. Wäre dir das genug, wenn du ein anderes Leben führen könntest?»
Obwohl die Tagschicht gerade erst begonnen hatte, war der Schnee schon nicht mehr weiß, und bald würde er schmelzen und sich als schwarzes Wasser über die Straße ergießen.
«Hier lebe ich. Hier verdiene ich Brot und Salz.»
«Ja, aber ist es genug für ein Leben?»
«Ein Mann muß essen, und hier esse ich nicht schlecht. Kumpel verdienen ein schönes Geld.»
Er war ein guter Kumpel und war stolz darauf.
«Aber das ist es ja, Vater. Bergarbeiter verdienen Geld, aber dann sitzen sie auch, wo sie sind, in der Falle, eben weil sie Bergarbeiter sind. Ich werde einen Mann heiraten, der hier sein Geld verdient, aber nicht ewig hier bleibt.»
Er machte sich zur Arbeit fertig. Er griff nach seiner Dose mit dem Margarinebrot und der Flasche mit kaltem Tee und setzte die Kappe mit der Talglampe daran auf.
«Na, dann heirate man einen zähen Burschen. Wir Drums sind hartnäckige Leute.»
«Ich weiß.»
«Drums sind unverwüstlich. Drums geben nie auf.»
«Ich weiß, ich weiß.»
Sie brauchte ihn nur anzusehen: klein und dunkelhäutig, das Haar noch nicht angegraut, von stämmiger Gestalt, kantig wie ein Brocken Kohle, gutaussehend auf eine derbe Art, aber gezeichnet von der Grubenarbeit. Er war noch keine vierzig und arbeitete schon seit 29 Jahren unter Tage – gebeugter Rücken, hängende Schultern, krumme Beine, das Gesicht blaunarbig tätowiert von kohlenstaubverklebten Schrunden. Ein Kumpel, ein Püttmann, so gewiß dazu bestimmt, in der Grube zu sterben, wie nur irgendein Bergwerkssklave oder Grubensträfling der Vergangenheit.
«Zähe Leute.»
«Ich weiß. Deshalb kann ich ja auch fortgehen und mir einen suchen –»
«Der besser ist als wir? Meinst wohl, du bist zu gut für uns, wie? Was hast du denn an uns auszusetzen?»
Sie ging rasch auf ihn zu und zog ihn noch einmal ans Fenster. Die letzten Kumpels gingen gerade vorbei.
«Sieh sie dir an.» Sie war zornig auf ihn.
«Was ist denn mit ihnen?»
«Düstere, vierschrötige kleine Leute, zur Welt gebracht, um Kohle zu hauen. So einen will ich nicht. Kleine Leute mit schwarzen Gesichtern, dazu geboren, in der Erde zu wühlen. Wie die Maulwürfe.»
«Deine Leute.»
«Bergarbeiter – das steht ihnen übers ganze Gesicht geschrieben. Bergarbeiter – das ist in ihre Zungen eingebrannt. Sie können nicht einmal die Sprache ihrer Königin sprechen. Von denen will ich keinen.»
«Sie sprechen die Sprache ihrer Heimat!» schrie ihr Vater sie an. «Das ist besser, als Fremde nachzuahmen, wie gewisse Leute, die ich kenne, das tun.»
«Ihrer Heimat!» Sie lachte spöttisch. «Schon in Edinburgh versteht man sie nicht mehr. Nein, von denen will ich keinen. Ich suche mir einen Mann, den man auch in London versteht.»
«Na, was du nicht alles willst!» sagte er und schloß das Fenster. Er mußte sich jetzt beeilen, damit er den letzten Förderkorb noch erwischte. Er suchte den Rest seiner Sachen zusammen, aber er mochte so nicht gehen.
«Was soll das Ganze?» fragte er. Er hatte sich beruhigt. Auch dies war etwas, das ihr an ihm gefiel. Er konnte niemandem länger zürnen, trug niemandem etwas nach, wenn es sich vermeiden ließ. Er hätte jetzt vielleicht sogar den Arm um sie gelegt, wenn sie etwas mehr als ihre Bluse angehabt hätte. «Warum schreien wir uns an, wo du mir ein solches Festessen gemacht hast? Du gehst also fort?»
«Ja.»
Er wollte gehen, weil der Lohn gekürzt wurde, wenn man zu spät kam – um einen vollen Stundenlohn für je zehn Minuten Verspätung –, aber er wollte wissen, was los war.
«Meg? Maggie?»
«Ja?»
«Was hast du – was treibt dich denn so um, Meg?»
«Ich weiß es nicht. Ich will einfach etwas Besseres haben als das hier. Ist das so schlimm?»
Wieder hatte sie ihn verletzt. Er war stolz auf seine Mühsal, stolz darauf, daß er sich als Mann in einer Bergarbeiterstadt behauptet hatte, und jetzt blickte sein einziges Kind geringschätzig auf sein Leben herab.
«Hör zu, Vater, versteh mich doch.» Sie nahm seine harte schwarze Hand in ihre beiden Hände. Sie konnte sich nicht erinnern, das jemals zuvor getan zu haben. «Erinnerst du dich noch, wie du mir von diesen Fischen erzählt hast, die zurückmüssen, die nichts aufhalten kann, wenn sie zurückmüssen, an den einzigen richtigen Ort, um ihre Jungen zu haben?»
«Die Aale?»
«Nein, nicht die Aale. Die anderen.»
«Die Salme?»
«Ja, die Lachse. Die Lachse, Vater», sagte sie. Sie strich über die Haare auf seinem Handrücken, die sich borstig wie eine Bürste anfühlten. «So geht es mir, Vater. Ich bin genau wie sie. Es ist in mir, Vater. Ich muß einfach fort, verstehst du?»
Er stand vom Tisch auf. Er mußte noch die kleinen schwarzen Pulverstampfer, die er am Abend zuvor gemacht hatte, in seine Pulverbüchse tun, und dann war er fertig.
«Und wenn ich dir nun nicht erlaube, daß du gehst?»
Sie trat auf ihren Vater zu und küßte ihn auf den Mund, was sie beide überraschte.
«Du weißt, daß ich dann trotzdem gehen würde.»
Jetzt war er verlegen und wich vor ihr zurück. Ein solches Maß an Gefühlsäußerung gestattete man sich sonst nicht in Pitmungo.
«Dann viel Glück, aber eines vergiß nicht», sagte ihr Vater. «Du magst auswärts heiraten, aber verleugne nie die Deinen. Am Ende sind sie alles, was du hast. Vergiß das nie, Maggie. Verleugne nie die Deinen.»
Er ging zur Tür hinaus, ohne sich umzusehen, und lief los. Sie blickte ihm nach, bis er beim Colliers Walk die Straße zur Grube hinunter verschwand. Grau lag die Stadt da.
Sie zog ihre Jacke an und stellte sich vor den Spiegel neben dem Fenster. Die Jacke war ausgezeichnet geschnitten, und auch mit dem Gesicht, das ihr da entgegenblickte, war sie nicht unzufrieden. Es war zu braun für ihren Geschmack und zu klein, aber es hatte ein kräftiges Kinn, zart geschwungene Lippen – ungewöhnlich für Pitmungo –, genau im richtigen Abstand liegende, sehr dunkle, aber hell leuchtende Augen, und das alles war eingefaßt von dichtem, schimmerndem Haar. Sie war in der Tat wohlgeraten. Zwar hatte es ihr noch niemand gesagt, aber sie wußte es. Die Gestalt ihrer Mutter erschien im Spiegel. Sie beobachtete sie von der Türschwelle her.
«Also das begreife ich einfach nicht», sagte ihre Mutter. «Was glaubst du eigentlich, wer du bist?»
Das ließ sich nicht beantworten. Sie wußte es selbst nicht. Auf der Straße standen ein paar der halb blinden Grubenponies herum und warteten darauf, daß ein Junge kam und sie zur Heide hinaufführte.
«Du weißt doch», sagte sie zu ihrer Mutter, «es gibt Grubenponies, und es gibt Rennpferde auf der Welt, und ich will lieber ein Rennpferd sein.»
Draußen spielte eines von den Kindern der Hopes. Es versuchte einen Schneemann zu bauen, ehe der Schnee schwarz wurde. Sie rief das Kind und gab ihm einen halben Penny mit dem Auftrag, Mr. Japp zu sagen, er solle mit seinem Wagen kommen.
«Eines weißt du jedenfalls nicht», sagte ihre Mutter. «Nämlich daß du bist, was du bist. Du bist eine Drum und eine Hope, und mir ist nicht klar, warum sich ein Rennpferd seine Nachkommen mit deinem Blut verderben sollte.»
Sie war schlau, ihre Mutter. Dick und nachlässig, aber schlau.
«Jede Frau kann jeden Mann kriegen, wenn sie weiß, wie sie es anstellen muß», sagte Maggie. «Denk nur an dich.»
«Dein Großvater war ein Sklave mit einem Eisen um den Hals. Vergiß das nicht. Alle anderen vergessen es bestimmt nicht.»
Ihre Mutter lächelte sie an. Maggie lächelte zurück.
«Ja, dein Blut und mein Blut. Aber nicht das Blut meines Mannes. Nicht das Blut meiner Kinder.»
Sie tat ihre letzten Sachen in die Reisetasche. Sie haßte sie, diese Reisetasche – wie sie sich anfühlte, wie sie aussah, wie sie roch. Sie roch nach Kohlenstaub und Grube. Sie war das einzige, was nicht zu ihrer Ausstattung paßte, der einzige Makel. Hätte sie diese Tasche nicht mitnehmen müssen, dann hätte sie alles hinter sich gelassen, hätte sie alles, was sie mit ihrer Heimatstadt verband, abgestreift. Aber das letzte eine Pfund Sterling für eine neue Tasche hatte ihr gefehlt, und so reiste jetzt ein Stück Pitmungo überallhin mit ihr. Sie hörte Mr. Japp, wie er seinem Pferd zurief und es antrieb, den verschneiten glatten Hang vom unteren Stadtteil herauf. Sie mußte sich fertigmachen.
«Und was soll in der Schule werden?» fragte ihre Mutter. «Wer soll jetzt den Unterricht geben?»
«Ich weiß es nicht.»
«Du gehst einfach fort und läßt die kleinen Kinder im Stich? Ohne Lehrerin? Ohne auch nur ein Wort zu sagen? Die große, hingebungsvolle Lehrerin!»
«Mutter, ich habe diesen Kindern in zwei Jahren mehr beigebracht, als sie früher in fünf Jahren gelernt haben. Sie haben genug gelernt.»
«Wahrscheinlich hast du sie drangsalisiert, ihnen zugesetzt – wie du das in allem tust.»
«Hätte ich es nicht tun sollen? Sie haben bei ihrer Miss Drum etwas gelernt.»
«Kein Wunder, daß sie dich nicht mochten.»
«Das macht nichts. Ich habe sie auch nicht gemocht. Ich habe nur unterrichtet, um zu bekommen, was ich wollte. Und ich habe es bekommen.»
Sie trug die volle Reisetasche zur Tür.
«Ich habe dir jedenfalls etwas Frühstück aufgehoben», sagte Maggie. «Ich habe dir den guten Crowdie-Käse aufgehoben – wegen deiner Zähne.»
«Och, das ist aber nett von dir.»
«Es tut mir leid, daß wir uns noch gestritten haben. Gibst du mir wenigstens gute Wünsche mit auf den Weg?»
«Ja», sagte ihre Mutter, «natürlich.» Aber beide brachten es nicht fertig, aufeinander zuzugehen.
«Und wo gedenkst du diesen herrlichen Mann zu finden?»
«Irgendwo im Norden, irgendwo im Hochland, wo die Menschen noch nicht gebeugt worden sind.»
«Ach, Unsinn, Maggie. Alle Schotten sind gebeugt worden. Frag nur deinen Vater. Das gehört nun einmal zur Geschichte unseres Landes», sagte ihre Mutter.
Aber Maggie schüttelte den Kopf. «Nein, das ist nicht wahr. Schottland mag besiegt worden sein – aber nicht alle Schotten.»
Draußen hörte man das Quietschen von Bremsen und das scheppernde Schlittern von Wagenrädern. Mr. Japp war vorgefahren.
«Dann leb wohl, Mutter.» Noch immer vermochten sie sich nicht zu rühren. «Wenn ihr mich wiederseht, dann bin ich Mrs. Soundso. Mrs. Hochland Soundso.»
«Hoffentlich sprichst du dann noch mit uns!»
«Wieso denn nicht? Ich habe vor, bei euch zu leben.»
Mr. Japp klopfte nicht erst an, sondern stieß, wie es in Pitmungo üblich war, die Tür auf. «Wer will denn nun nach Cowdenbeath, die Mutter oder die Tochter?»
«Wenn Sie nicht blind sind, sollten Sie das doch sehen», sagte Maggie.
Er musterte sie von oben bis unten.
«Allerdings, das kann man wohl sagen!» Er hatte sie noch nie zuvor als Frau betrachtet. Er deutete auf die Reisetasche. «Das da?» Er nahm die Tasche, trug sie hinaus zum Wagen und kam wieder herein. «Ich hatte eine Ladung Fisch, aber der Tasche macht das nichts aus. Dann wollen wir mal. Gib mir die Hand, Maggie, damit ich dir aufhelfe.»
Sie rührte sich nicht. «Für Sie bin ich Miss Drum», sagte sie.
«Oho!»
«Ich bin heute sechzehn geworden und damit erwachsen.»
«Oho!»
«Ich verdiene meinen Lebensunterhalt als Lehrerin, und ich bin von heute an für Sie Miss Drum.»
«Tja. Wenn Sie’s denn so wollen, dann soll’s wohl auch so sein.»
«Ich will es so.»
Sie fuhren den oberen Weg entlang, von Doonietoon, der Unterstadt, hinauf über die Sportheide nach Uppietoon, der Oberstadt, weil der untere Weg überschwemmt war, und dann weiter über die Hochheide. Bevor sie den Hügelkamm überquerten, sah Maggie sich noch einmal um. Die Stadt sah klein aus von hier oben, klein und schwarz. Ja, das war sie, schwarz, ein Fleck in der Heide und im Schnee ringsum, aber ein Ort, wo man Geld verdiente. Sie war froh, von hier fortzukommen.
Sie fuhren stumm dahin. Sie hatte ihn beleidigt. Als sie von der Hochheide herunterkamen, sah sie den Zug in der Bahnstation Cowdenbeath stehen. Die Lokomotive dampfte heftig im Morgenfrost.
«Na, Sie haben es geschafft, daß ich meinen Zug verpasse, Mr. Japp.»
«Ihr Hintern, Miss Drum, wird längst in dem Zug sitzen, wenn er aus dem Bahnhof fährt. Und im übrigen muß ich wegen des Schnees und der längeren Fahrzeit einen Shilling extra berechnen.»
Sie warf ihm den gleichen Blick zu, mit dem sie die Schüler ihrer Klasse bedacht hatte, wenn sie ihre Hausarbeiten nicht gemacht hatten und dumme Antworten gaben.
«Weil es Gott gefällt, es schneien zu lassen, soll ich dafür zahlen?»
Er schlug zornig mit der Peitsche auf das Pferd ein, und es legte den Rest des Weges nach Cowdenbeath im Trab zurück. Am Bahnhof konnte er trotz seines Zornes seine Neugierde nicht unterdrücken und fragte sie, was sie denn im Zug nach Aberdeen zu suchen habe.
«Ich will mir einen Mann suchen.»
Er nickte, als wäre dies für ein sechzehnjähriges Mädchen aus Pitmungo das selbstverständlichste Vorhaben von der Welt.
«Tja, ich verstehe. Und wissen Sie was? Sie kriegen auch einen. Das steht für mich fest.»
«Woher wissen Sie das denn so genau?»
«Sie kriegen doch immer, was Sie wollen, oder etwa nicht?»
«Versuchen wir das nicht alle?»
Er überlegte bedächtig.
«Nein», sagte Mr. Japp schließlich. «Die meisten lernen sich zu bescheiden.»
«Und das ist der Grund, weshalb ich nicht wie die meisten bin, Mr. Japp.»
Sie ließ sich von ihm die Reisetasche in den Zug tragen und unter der Sitzbank verstauen, damit auf der langen Reise nach Norden nicht jeder gleich sah, daß die Tasche ihr gehörte. Sie war das letzte, das sie äußerlich noch mit Pitmungo verband.
Sie wußte nicht recht, wie die Stadt, die sie suchte, aussehen sollte. Sie wußte nur, daß sie sie erkennen würde, wenn sie sie sah. Als der Zug in Strathnairn hielt, wischte sie das beschlagene Fenster blank und bat den Schaffner, dafür zu sorgen, daß ihre Reisetasche hinausgetragen wurde.
«Aber Sie haben doch eine Fahrkarte bis Inverness, Miss.»
«Ja, aber ich möchte hier aussteigen.»
«Tja, Miss, dann einen angenehmen Aufenthalt. Ist ein hübsches Fleckchen hier für den Urlaub.»
Alles erwies sich als richtig, das weiche Tweedkostüm und die kleine Schottenmütze, die ihr schief auf dem hochgesteckten braunen Haar saß – ein echter Tam, wie ihr der Schneider in Dunfermline versichert hatte, klassenlos und zeitlos, in der alten Tradition eines Clans und eines bestimmten Hochlandgebietes, dessen Namen sie vergessen hatte. Ihre Schuhe waren neu. In Strathnairn lag kein Schnee.
Vom Bahnhof aus, der etwas landeinwärts oberhalb der Küste liegt, kann man ganz Strathnairn überblicken, die längste Stadt in ganz Schottland, wie man immer wieder gesagt bekommt. Da die Hügel hinter ihr jäh ansteigen, zieht sich die gesamte Stadt den schmalen Landstreifen zwischen den Hügeln und dem Wasser des Moray Firth entlang. Und daher hat sie auch, so lang sie ist, nur eine einzige Straße, und alle Häuser sind dem Firth zugewandt.
«Zu welchem Haus woll’n Sie denn, Miss?»
Ein Träger hatte, ohne zu fragen, ihre Reisetasche auf das Dach der Kutsche gehoben, die die Fremden zu ihren Ferienquartieren brachte.
«Highland Lodge, Fiddich House, Ashton Burn, Royal Golf, Royal Marine, Glendriddle Inn, The Links?»
Er hielt sie trotz der Reisetasche mit den Kohleflecken für eine Dame, die hier ihre Ferien verbringen wollte.
«Ja, es ist nämlich so … Ich wollte meine Tante besuchen, in … Wie heißt doch die Hauptstraße hier?»
«Lovatt.»
«Ja, in der Lovatt Street.»
«Wir haben nur diese eine Straße. Wie heißt denn die Dame?»
«Ja, ich habe ihren Namen vergessen, da sie inzwischen geheiratet hat, aber ich erkenne das Haus wieder, wenn ich es sehe.»
Sie gab dem Mann einen Shilling, und obwohl er eigentlich nur die Ferienplätze zu bedienen hatte, half er ihr in die Kutsche, die erste ihres Lebens, und sie fuhren die kurvenreiche Straße vom Bahnhof zur Stadt hinunter.
Sein schleppender, gutturaler Akzent störte sie. So hatte sie sich das nicht vorgestellt. Er sprach ja einen richtigen Dialekt.
«Sprechen hier alle so wie Sie?»
Er drehte sich zu ihr um, das Gesicht vor Zorn gerötet.
«Stört Sie vielleicht was an meiner Sprache?»
«Nein, gar nicht. Sie hört sich sehr anheimelnd an. Was ist das für ein Dialekt?»
Der Mann war beleidigt.
«Englisch!» bellte er. «Reines Englisch.»
Er versetzte dem Pferd einen heftigen Schlag mit der Peitsche.
Sie sah, wie nacheinander in den Glasveranden der Hotels und Gasthöfe die Lampen angingen, als befolge man ein Ritual. Ein Ferienort war ein guter Ort, ideal für ihre Zwecke, dachte sie, obwohl sie noch nie in einem solchen Ort gewesen war. Etwas von dem Gebaren der Feriengäste, von ihrem Stil, ihrer weltmännischen Art mußte auf die Arbeiter abfärben. Wer in Pitmungo wußte schon, wie er sich in einem Restaurant zu benehmen hatte? Lord Fyffe und Lady Jane und Mr. Brothcock, der Grubendirektor, und ein paar von den anderen auf Brumbie Hill. Sonst niemand. Außer ihnen hatte wahrscheinlich niemand je in einem Restaurant oder an einem weißgedeckten Tisch gegessen. In Strathnairn wußten es wahrscheinlich Hunderte von Leuten, wenn auch manche von ihnen so arm sein mochten wie Feldmäuse. Das sagte einem einfach die Logik, daß Menschen, die den Launen der Reichen gefällig waren, eine Stufe über den Leuten standen, die in Grubenstädten lebten und schwer arbeiten mußten.
«Na, jedenfalls spreche ich mindestens schottisches Englisch, und so gut wie jeder andere, den ich kenne.» Sein Zorn hatte sich etwas gelegt. «Eben Schottisch.» Er schien nachzudenken. «Tja, Schottisch. Warum soll man auch nicht seine Muttersprache sprechen? Was ist dabei?»
«Gar nichts, bei Ihnen klingt das sehr schön. Ich wollte nur wissen, ob alle hier so sprechen.»
«Nö», sagte er verächtlich. «Nur die Leute aus dem Heringsviertel. Alle anderen haben nichts Besseres zu tun, als die aus dem Süden nachzuahmen. Sie lassen einen hier in den Ferienhotels nicht arbeiten, wenn man schottisch spricht. Können Sie sich das vorstellen? Wir sind stolz darauf, daß wir ehrliche Schotten sind, verstehen Sie?»
Das war erfreuliche Kunde für sie.
«Dann gibt’s da noch die Hochländer. Die kommen hier herunter, wenn sie am Verhungern sind oder wenn’s zu kalt ist oder wenn sie sich untereinander nicht mehr ausstehen können. Ich weiß nicht, warum sie hier herunterkommen. Faule Schweine, die meisten. Entschuldigen Sie schon, Miss.»
«Und wie sprechen die?»
«Manche sprechen gälisch, aber nicht viele. Aber schottisch sprechen sie nicht, das weiß ich. Da, jetzt können Sie das Hochland sehen.»
Er deutete nach Westen über die grünen Wasser des Moray Firth hinüber. Dort sah sie die dunklen Bergwände aus dem Meer aufsteigen. Vor den Kämmen der höheren Berge standen schwere dunkle Wolkenbänke.
«Da oben wird’s bald schneien», sagte der Kutscher. «Zwei Welten, verstehen Sie? Dort Winter, hier Frühling. Ich mag die Hochländer nicht. Sie bilden sich ein, sie wären was Besseres.»
Sie waren jetzt den Hang hinuntergefahren und rollten die Lovatt Street entlang. Selbst in der Kutsche spürte sie den kalten Wind, der über den schmalen Strand vom Wasser herüberwehte. Es war ein harter Wind, aber er erinnerte an den Wind auf der Hochheide, und da hatte sie plötzlich das Gefühl, daß hier alles gutgehen und daß sie in Strathnairn schon zurechtkommen werde.
«Sagen Sie, wo ich halten soll, Miss.»
«Ja, ich passe schon auf.»
Sie wußte genau, was sie suchte. Sie hatte sie in Dunfermline gesehen – herrschaftliche Häuser, die einmal bessere Zeiten erlebt hatten, mit diskreten Schildern im Fenster, die auf freie Zimmer hinwiesen, so unauffällig, als lege man eigentlich keinen Wert auf Gäste. Sie wollte ein kleines Zimmer zum Vorsaisonpreis verlangen, denn schließlich hing der Winter noch in der Luft. Mit zwei Brötchen zum Frühstück und zwei bannocks zum Lunch und einer Tasse Tee am Nachmittag konnte sie hier ewig ausharren. Die Leute hatten keine Ahnung, dessen war sich Maggie sicher, mit wie wenig ein Mädchen aus einer Bergarbeiterstadt notfalls auskam. Wenn sie Glück hatte, konnte sie einen Teil ihrer Zimmermiete mit ein paar Stunden leichter Hausarbeit abdienen.
«Das hier nennen wir das Stadtviertel», sagte der Kutscher. «Das da draußen ist das Heringsviertel, wo die Fischer wohnen. Meine Leute. Dort heißt jedes Schwein – entschuldigen Sie, Miss – MacAdams. Und dahinter im Westen, wo die Ferienhotels und die Golfplätze sind, das ist das Villenviertel.»
Je mehr sie sich dem Geschäftsviertel und den großen alten Häusern näherten, um so mehr Schilder sah man, auf denen «Zimmer frei» stand. Manche hingen in den Fenstern, manche versteckten sich verlegen zwischen salzfleckigen Narzissen in kärglichen kleinen Vorgärten.
«Hier ist es», sagte Maggie.
«Ach, dann heißt Ihre Tante wohl Bel Geddes.»
«Ja, ganz recht.»
«Mrs. Alexander Bel Geddes.»
«Richtig.»
«Und sie dürfte – oh – so vor acht, neun Jahren gestorben sein.» Er grinste sie an, und zwischen seinen vom Wind zerklüfteten Lippen sah man schwärzliche Zahnstummel. Schieläugiger Kerl, dachte sie. Es mußte die Reisetasche sein. Er bugsierte die Kutsche in den schmalen, von der Lovatt Street abgehenden Seitenweg, der zu dem Haus führte. Das Haus war größer als die übrigen Häuser. Graustein, Balkone mit dunklen Holzgeländern, düster, aber beruhigend und respektabel.
Er stand da mit der Reisetasche, und zwar so, daß sich die Kutsche zwischen der Tasche und dem Haus befand.
«Kennen Sie die Worte poor boire, Miss?»
«Sicher.»
«Nun, für ein kleines Trinkgeld, sagen wir für einen Shilling, Miss, könnte ich vielleicht das hier die Hintertreppe hinaufschaffen, damit Mr. Bel Geddes es nie zu Gesicht bekommt. Was ist bloß damit passiert?»
«Sie ist vom Zug heruntergefallen.»
«Aha, und den ganzen Weg von Aberdeen hinterhergeschleift.» Es war ein Spiel, und sie war ihm gewachsen.
«Ja», sagte sie, «die ganze Strecke.» Sie gab ihm einen Shilling.
«Sagen Sie ihm, Ihr Gepäck wird vom Bahnhof geschickt. Wenn Sie in Ihrem Zimmer sind, machen Sie das Fenster auf, dann weiß ich, wo ich die Tasche hintragen muß. Und noch etwas, Miss.»
«Ja, Mr. MacAdams?»
«Wenn Sie mal irgendwas brauchen, einerlei was, dann wenden Sie sich nur vertrauensvoll an Cherry MacAdams.»
«Jerry?»
«Cherry. Und ich würde rot werden, müßte ich Ihnen sagen, warum.»
«Das glaube ich Ihnen gern.»
Beide hatten einander von Anfang an durchschaut.
Wenn sie später an diesen Tag zurückdachte, später, als er der Vergangenheit angehörte, freute sie sich immer über die zwei kleinen Streiche, die sie dem jungen Rodney Bel Geddes, der am Empfangstisch saß, gespielt hatte.
«Miss Drum, sagten Sie? Miss Drum, nicht wahr? Drum wie die Trommel in der Kapelle!»
«Wie in Botanisiertrommel.»
Dieser junge Lümmel, hatte sie gedacht, wie er da vor ihr gesessen hatte, das glatte schwarze Haar mit Makassaröl an den Kopf geklatscht, daß es aussah wie Lackleder. Er sprach ein so affektiertes Englisch, daß die Worte kaum den Weg durch die Nase fanden.
«Und was, wenn ich fragen darf …»
«Sie dürfen.»
«… führt Sie hierher? Fischen, Bäder, Golf?»
«Die Jagd.»
Er merkte gar nicht, daß sie ihn aufzog.
«Adresse?»
«Carnegie Terrace. Dunfermline. Fife.»
«Oooh.» Er zeigte sich flüchtig interessiert. «Kennen Sie den großen Mann?»
«Nur von fern – wir in unserer Familie halten nicht viel von den Carnegies. Die stammen nämlich von Webern ab.»
«Ach, das wußte ich gar nicht.»
«Sie hatten einen Webstuhl direkt im Haus. Den haben sie auch als Eßtisch benutzt.» Mr. Bel Geddes blickte verwirrt auf. «Ja, als Eßtisch.»
«Oooh.»
«Da wir gerade davon sprechen – wann wird hier gegessen?»
«Wir essen hier nicht. Wir dinieren.»
«Oooh.» Und Maggie wußte, daß er jetzt sie aufgezogen hatte.
An diesem ersten Abend hatte sie nicht bis zum Essen oder auch zum Dinner warten können. Sie war die Lovatt Street hinuntergegangen zu einem Laden, den sie im Vorüberfahren bemerkt hatte, um sich zwei kleine, heiße, runde Hammelpasteten, das Stück zu zwei Pence, zu kaufen und mit auf ihr Zimmer zu nehmen. Die Menschen, die sie auf der Straße sah, gefielen ihr. Hier würde sie schon finden, was sie suchte.
Ihr Zimmer, das sie wie gewünscht zum Vorsaisonpreis bekommen hatte, war hell und luftig, trotz der Düsternis des Hauses. Das Bett hatte eine Eiderdaunenmatratze, die erste, auf der sie je geschlafen hatte. Das Zimmer lag, vom übrigen Haus getrennt, im Dachgeschoß und hatte eine eigene Wendeltreppe. Sie fühlte sich von der Welt abgeschlossen, aber nach Pitmungo war ihr das nur recht.
Sie lag auf dem Bett und dachte an den Mann, den sie sich einfangen wollte. Vor allem sollte er groß und blond sein. Er mußte gutes Englisch sprechen, auch das war wichtig, und möglichst einen alten schottischen Namen haben. Während sie so dalag, fiel das Licht in ihr Zimmer, das seltsame Spätnachmittagslicht des Nordens, ein golden schimmerndes Licht, das den ganzen Raum durchflutete. Dämmerflut nannten sie es in Pitmungo. Und sie wußte, ja, sie war sicher, daß sie den Gälen, den sie suchte, finden würde.
Es klopfte an der Tür.
«Miss Drum?»
«Ja?»
«Wir dinieren jetzt.»
«Danke.»
Es war nicht gerade ermutigend, daß die Männer am Tisch mindestens dreißig Jahre alt oder noch älter waren und allesamt keineswegs ihren Vorstellungen entsprachen.
Sie hatte es auf einen heiratsfähigen Gälen abgesehen, aber sie stellte fest, daß es gar nicht so leicht war, einen zu finden. Die Jungen aus dem Hochland gingen entweder zur See und blieben lange fort, oder sie arbeiteten in den Ferienhotels und kamen so gut wie nie heraus. Wenn das die für ihre Kühnheit in der Schlacht so berühmten Gälen waren, dann hatten sie alle Kühnheit auf den Schlachtfeldern zurückgelassen. Sie waren die schüchternsten Männer, denen sie je begegnet war. Fing sie einmal ihren Blick ein, wandten sie sich ab wie beim Äsen überraschte Rehe.
Und das Wetter war auch nicht mit ihr im Bunde. Tagelang wehte der Wind heftig vom Firth herein und überzog die Steine mit Salz. Und wenn der Wind heftig wehte, kam der Nebel und füllte den langen Halbmond des Hafens mit Dunst. Dann schabten die Reinigungsmänner den Schimmel von den Mauern, und das Läuten der Glockenbojen draußen vor dem Hafen hatte für Maggie einen wirklicheren Klang als das Schlagen ihres Herzens.
Es war langweilig, an solchen Tagen im Zimmer zu hocken und darauf zu warten, daß sich der Nebel lichtete und der Himmel aufklärte. Aber als Mädchen aus einer Stadt im Kohlenrevier lernte sie schnell, sich die Zeit zu vertreiben an einem Ort, wo die Zeit stillzustehen und es außer der Arbeit nichts anderes zu geben schien.
Wenn der Wind richtig wehte, ging sie die Lovatt Street entlang und dann durch das Villenviertel und noch weiter hinaus. Der Wind und die gelegentlich scheinende Sonne hatten ihrer Haut eine Frische verliehen, die sie in Pitmungo nie gehabt hatte, und ihr Gesicht war von der kargen Kost schmal und durchsichtig geworden. Wenn sie nicht bald etwas dagegen tun konnte, würde sie hager und ausgezehrt aussehen. Damit die ‹Grubenmädchen› von Pitmungo wieder schlank wurden, gab es nichts Besseres als ein paar Tage Arbeitslosigkeit, doch wenn die Arbeitslosigkeit zu lange andauerte, sahen die gerade erworbenen schmalen Gesichter bald wie Totenschädel aus.
Und dann drehte der Wind, der Nebel wallte herein, es regnete, und sie war wieder allein in ihrem Zimmer. Da wurde die Zeit dann zu einem Problem, nicht weil sie Langeweile bedeutete, sondern etwas anderes: Zeit hieß Geld, und das bekam sie erbarmungslos zu spüren.
Ihre Ersparnisse schmolzen dahin. Da ein Shilling, dort zwei – das siller entrann ihrer Börse mit der Gleichmäßigkeit der Gezeiten im Heringshafen.
Sie liebte das Wort siller. Das war das schottische Wort, von dem sie sich am schwersten trennen konnte. Denn siller war siller, und kein anderes Wort konnte es je wirklich ersetzen. An manchen Nachmittagen, wenn Regen, Wind und Nebel sie in ihrem Zimmer einschlossen, lag sie auf dem Bett, nachdem sie ihre Münzen gezählt hatte, und dann hörte sie, halb wach, halb im Schlaf, das Klirren der Münzen, wie sie bei ihr zu Hause in die Kassette fielen, jede Woche ein wenig mehr siller, das Kling, Kling, Kling der Münzen, wie sie fielen und ganz hinunterrutschten, gleichzeitig hart und weich, etwas Seidiges, etwas Besänftigendes: ihr Hochzeitsgeld. Für sie hatte Silbergeld etwas Warmes.
Was sie ausharren ließ, war der Umstand, daß sie Tag für Tag den Typ von Mann sah, den sie sich wünschte, groß und stets schlanker als die Männer in Pitmungo, blond, mit schmalem, hellem Gesicht oder bisweilen mit Haar so dunkel wie Krähenflügel, mit einem zugleich eckigen und lässigen Gebaren, einer Anmut in der Haltung, die den Grubenkumpels fremd war, mit einem Stil, durch den sie der ganzer Welt kundtaten, daß sie etwas anderes waren als Objekte, die man sich zur Arbeit mieten konnte. Wenn sie sprachen, gefiel ihr der ruhige Ton, das Knappe, Schlichte ihrer Sprechweise, der Akzent, der so sauber und klar war wie ihre Worte, der leicht singende Tonfall, der, wie sie vermutete, ihr keltisches oder gälisches Erbe war – über diesen Unterschied war sie sich nicht ganz im klaren –, ihr Hochlanderbe jedenfalls. So einen wollte sie haben.
Bei günstigem Wetter spazierte sie nachmittags durchs Villenviertel und suchte den Eindruck zu erwecken, als sei sie hier zu Hause, als gehöre sie in dieses Ferienreich. Das waren die traurigsten Stunden. Keiner nahm Notiz von ihr außer den Caddies auf den Golfplätzen, und sie wollte unter keinen Umständen etwas mit Männern zu tun haben, die einem anderen die Schlägertasche nachtrugen, während dieser hinter einem kleinen weißen Ball herging.
Nach solchen Tagen gab es Nächte, da sie auf dem Bett lag und zusah, wie der Widerschein der Laternen der Heringsboote an ihrer schwarzen Zimmerdecke wirre Muster wob, und dann fragte sie sich, warum sie nicht einfach ins Heringsviertel ging und das tat, was andere junge Frauen mit Männern taten, und sich dafür eine Handvoll siller geben ließ.
Wer hatte doch gesagt, der gleiche Akt könne am Donnerstag Sünde und am Freitag Gottes heiliger Wille sein – bei denselben zwei Menschen im selben zerwühlten Bett?
«Unzucht», dachte sie, «houghmagandie!»
Sie sprach das Wort laut aus dem Dunkel ihres einsamen Zimmers.
«Unzucht.»
«Hurerei.» Was war daran so schrecklich?
Es war Mr. MacCurry, der Pfarrer der Freikirche in Pitmungo, der sagte, die Ehe sei eine Institution, die dazu diene, die jungen Menschen von der Sünde abzuhalten. Womit er, wie Maggie weiterdachte, zugab, daß entweder die Institution sündhaft war oder der Akt dies nicht war, weil man es ja nicht so und so haben konnte. Das war etwas, was ihr Vater ihr beigebracht hatte.
Sünde war Sünde oder war gar nichts.
So lag sie da, und ihre Gedanken wanderten hinunter zu Mr. Pomeroy, dem eleganten Mr. Pomeroy, Reisevertreter der Firma Plymouth Cordage, Schiffstaue und -garne, der seine Hände einfach nicht bei sich behalten konnte, weder bei Begegnungen in der Diele noch beim Dinner, wenn ihre Knie in seiner Reichweite waren. Mr. Pomeroy, der alle paar Tage nach Strathnairn kam, der mehr als einmal – mindestens acht- oder neunmal, genauer gesagt –, während Mr. Bel Geddes seine Gäste nach dem Essen mit Klaviermusik unterhielt, hatte durchblicken lassen, daß er, falls sie je Schwierigkeiten wegen ihres Zimmers bekommen sollte, mehr als bereit sei, ihr einen vernünftigen Weg zu zeigen, wie sie ihre Mietkosten bestreiten könne.
Das siller, so dachte Maggie, konnte sehr verschieden klirren, wenn man genötig war, auf seinen Klang zu horchen.
Wenn sie äußerst vorsichtig mit ihrem Geld umgegangen wäre, so vorsichtig, daß es schon an Überspanntheit grenzte, wenn sie die letzten Pennies mit der Liebe einer Mutter zu ihrem ersten Kind gehegt hätte, so dachte sie später, als alles vorüber war, dann wären ihr noch zwei Wochen Zeit geblieben, als sie ihn endlich fand.
Es war für sie ein trüber Tag gewesen. Sie war nach Fiddich House hinausgewandert, dem entferntesten Ferienplatz, und als dort niemand zu sehen war, hatte sie den Krocketrasen überquert, den Hut im Wind festhaltend, und war, da sie dieses Gebiet noch nicht kannte, weitergegangen bis zum Golfplatz Rothesay und dann hinunter zum Sandstrand am Firth. Der Strand lag, wie sie befürchtet hatte, verlassen da.
Es klappte nicht, es klappte überhaupt nicht. Jeden Tag mußte sie sich das zu einer etwas früheren Stunde eingestehen. Sie war müde, was sie richtig auf ihren Hunger zurückführte, und die Müdigkeit machte sie mutlos. Sie spürte, daß sie nahe daran war aufzugeben. Der Gedanke, daß sie den ganzen Weg bis zu ihrer Unterkunft zurücklaufen mußte, erfüllte sie mit Verzweiflung. Nichts klappte.
Und dann war da noch der Wind, der Wind von Strathnairn, der ewig von der See hereindrängte, der sie anblies, sie anstieß, der sie kalt durchwehte und ihre Hoffnungen und ihr Herz frösteln ließ. Sie fand eine hohe Düne, deren Flanke den Wind abhielt, eine Sandmulde, gegen den Wind abgeschirmt und doch den Blick auf die See freigebend, wo einige junge Segler in der Brise der Bucht kreuzten und einander mit hoher Stimme zuriefen. Für Maggie hörte es sich immer so an, als begegneten sie sich zum erstenmal in ihrem Leben, obwohl sie sie schon oft zusammen hatte segeln sehen.
«Hallooo!»
«Oh, hallooo.»
Große Überraschung und Lebhaftigkeit in den Stimmen. Wie töricht von ihnen, dachte sie, ihr Leben so zu verschwenden in diesen kleinen Booten, wo sie das Geld hatten, etwas Richtiges damit anzufangen. Es setzte sie immer wieder in Erstaunen, daß Menschen wie diese Hallooo-Rufer es fertiggebracht hatten, die Schotten zu besiegen.
Als der Wind nachließ, hatte sie zum erstenmal in Strathnairn außerhalb ihres Bettes das Gefühl, daß ihr warm wurde. Sie öffnete ihre Tweedjacke und legte sich in die Sonne, schloß die Augen und lauschte dem Wasser, das zischend den Strand hinaufjagte und unter dem Geräusch durcheinanderwirbelnder Kieselsteine wieder ins Meer zurückspülte. Als sie aufwachte, war er da. Er stand unten am Strand, ein paar Meter draußen im Wasser, und machte sich an der Seite eines großen Felsens zu schaffen. Sie beobachtete ihn, zunächst ohne sich zu bewegen, und fragte sich, was er da wohl tat. Eine entschlossene Bewegung, als drehe er an einer großen Schraube und lege dann etwas in einen Fischkorb – eine seltsame Bewegung. Und sie wußte ohne den leisesten Zweifel, während sie ihn beobachtete, daß dies der Mann war, den sie gesucht hatte.
Er trug einen Kilt, und sie mußte lächeln, weil sie noch nie einen Mann im Kilt gesehen hatte, jedenfalls keinen, der einer alltäglichen Beschäftigung nachging. Einmal mehrere Soldaten, ja, die irgendwo vom Weg abgekommen waren und in der Coaledge Tavern tranken – aber bei ihnen war der Kilt die Uniform gewesen. Und gelegentlich Lord Fyffe, wenn er den Colliers Walk zur Hochheide hinaufstapfte, um ein paar Schneehühner zu schießen, und dabei etwas befangen dreinschaute, so als könnte jemand auf seinen Kilt schießen oder, schlimmer noch, sich darüber lustig machen. Aber dieser Mann hier trug einen Kilt, als sei das ganz natürlich.
Sie setzte sich auf, ganz langsam, um ihn nicht zu beunruhigen, so wie sich ein gut abgerichteter Vorstehhund draußen im Feld bewegt, und als sie sich zurechtgemacht hatte und sich bereit fühlte, schritt sie durch den Sand auf den Felsen zu. Der Mann im Kilt bemerkte sie gar nicht. Er war groß, nach Pitmungo-Maßstäben sogar sehr groß, bestimmt fast einsfünfundachtzig, obwohl jemand von ihrer Größe das schlecht schätzen konnte, und schlank. Schlank selbst nach Hochlandmaßstäben, aber von einer starkknochigen, windgegerbten Härte, die ihn nicht hager erscheinen ließ. Alles an ihm war sehnig. Er konnte arbeiten, das sah sie sofort.
Er war blond, und er war für sie der echte Hochländer. Sein Haar schimmerte rötlich-golden, und zuweilen, in der Sonne, schien es fast wie pures Gold. Er trug es nach Hochlandsitte lang, wohl um es nicht so oft schneiden lassen zu müssen, dachte sie. Seine Haut war weiß. Nur die Wangen leuchteten rot, als wäre er geohrfeigt worden. Es war jene helle Haut, die keinen Sonnenbrand bekam und sich nach dem Trinken nicht rötlich färbte. Reine, helle Haut, das stand für sie von Kind auf fest, war das Merkmal des geborenen Aristokraten. In Pitmungo hatten alle eine Haut wie verwitterter Ziegelstein oder so grau wie schlecht gewaschene Wäsche oder Gesichter wie dicke Pflaumen, zu stark durchblutet und gleichsam reif für einen frühen Tod.
Als er schließlich aufblickte, erschrak er wie ein Reh in einer Waldlichtung. Sein Kopf flog hoch, die Augen waren weit aufgerissen, und dann glitt er, fast ohne sich dabei zu bewegen, wie es schien, um den Fels herum auf die andere Seite. In seiner Hast mußte er den Fischkorb zurücklassen, und der war, wie Maggie sogleich erkannte, das Werkzeug, dessen sie sich zu bedienen haben würde.
Sie wartete darauf, daß er wieder um den Felsen herumkam. Sie war an sich nicht geduldig, doch nun überkam sie eine gleichsam endlose Geduld, so als hätte sie ein Leben lang Zeit. Das Wasser reichte ihm da, wo er jetzt stand, bis an den Saum seines Kilts, und der Wind hatte sich wieder erhoben. Wellen klatschten gegen den Felsen, und der Mann wurde naß. Es war eine Frage der Zeit und der Flut. Die Zeit verging, und das Wasser stieg.
«Was sind denn das für gräßliche Dinger?» rief sie zu ihm hinüber. Aber er antwortete nicht.
«Ich meine, was ist das für Viehzeug in Ihrem Korb?»
Keine Antwort. Stolz spielte keine Rolle mehr, für so etwas war jetzt nicht der Augenblick. Sie mußte so tun, als hätte er sie nicht gehört, mußte es noch einmal versuchen.
«He, Sie da hinter dem Felsen, was ist das für Meeresgetier, das Sie da sammeln?»
Es überraschte sie, daß ihr das Herz im Halse schlug.
«Das wissen Sie doch», rief er zu ihr hinüber. Er schien zornig, und auch dies überraschte sie, denn sie hatte eher mit einer scheuen Stimme gerechnet.
«Nein. Ich habe dies Zeug noch nie gesehen.»
Er kam ein wenig hinter dem Fels hervor, um einen flüchtigen Blick auf sie zu werfen.
«Entenmuscheln», sagte er. «Jetzt wissen Sie’s.»
«Die sind aber häßlich. Was machen Sie denn damit?»
«Was ich mit ihnen mache?» Seine Stimme klang spöttisch. Er kam ganz um den Fels herum und musterte sie. Er war tatsächlich zornig auf sie – sie sah es ihm an und konnte es sich nicht erklären.
«Ich esse sie. Verstehen Sie jetzt?»
Er trat wieder hinter den Felsen, und sie wartete. Es blieb ihm gar keine Wahl, wenn er nicht ertrinken wollte, und sie glaubte nicht, daß er die Schüchternheit so weit treiben würde. Als der Wind nachließ, sagte sie, sie komme nicht aus einer Küstengegend. Sie sprach in einem eher gleichmütigen Ton, als hätte sie seinen Zorn nicht wahrgenommen.
«Wo kommen Sie denn dann her?» fragte er schließlich.
«Südlich von hier.»
«Aha – eine Engländerin?»
Sie spielte die Beleidigte.
«Ich bin eine gute Schottin, jawohl.» Sie ließ in einem leisen, gutturalen Ton eine Andeutung von Gefühl mitschwingen. «Aus der Nähe von Edinburgh.»
Sofort war er wieder argwöhnisch. «Das ist aber doch am Meer.»
«Na ja, West Fife. Ich war noch nie am Meer.»
Er kam ganz um den Felsen herum, blieb aber noch im Wasser stehen. Er schien verlegen wegen seiner nackten Beine. Aber sie wußte, er würde herauskommen. Das Wasser war eiskalt.
«Und wie gefällt Ihnen das Meer?»
«Sehr gut, aber ich bin noch nie darin gewesen.»
«Ich liebe das Meer», sagte er, und sie bemerkte, wie sich sein Gesicht bei diesem Gefühlsausbruch rötete. Sie hatte noch nie einen Mann das Wort ‹lieben› so aussprechen hören.
Und dann gab es nichts mehr zu sagen. Er stand im Wasser, nachdem er sich einem fremden Menschen offenbart hatte, und sie wußte nichts zu sagen, was natürlich geklungen hätte. Das Wasser spülte herein und spülte um seine Knie zurück und näßte ab und zu seinen Kilt. Sie hatte Gelegenheit, seine feingeschnittenen Gesichtszüge zu bewundern, die große, schmale Adlernase, die genauso war, wie die Nase eines Edelmanns sein sollte.
«Warum kommen Sie da nicht heraus?» sagte sie plötzlich. «Sie frieren sich ja zu Tode.»
Das war gut. Dadurch hatte sie das Schweigen auf natürliche Weise gebrochen. Denn er fror tatsächlich.
«Ja, ich komme heraus. Es gibt hier sowieso keine Entenmuscheln mehr zu holen.»
Sie war überrascht, wieviel größer er wirkte, als er neben ihr stand. Abermals senkte sich Schweigen zwischen ihnen herab. Er wollte seine Strümpfe anziehen, mochte das aber nicht vor ihren Augen tun, und so standen sie beide bei dem Korb mit den Entenmuscheln. Er stieß mit dem Fuß gegen den Korb.
«Eigentlich Gänsemuscheln.»
«Ah.»
«In alten Zeiten haben die Leute geglaubt, daß die Gänse aus diesen Muscheln kommen.»
«Komisch, wenn man sich überlegt, was die Menschen so alles geglaubt haben.»
Dann gab es nichts mehr in dem Korb zu betrachten, und Maggie fiel keine Frage nach den Muscheln mehr ein, die natürlich geklungen hätte. Sie deutete über den Moray Firth hinweg.
«Und was sind das für Berge?»
Er blickte sie wiederum an, um zu sehen, ob sie ihre Frage ernst meinte.
«Na, das ist das Hochland.»
Die Berge sahen jetzt schön aus. Wolkenschwaden flossen an ihnen herunter und verliehen den bräunlichen Heidefarben der unteren Hänge einen dunklen samtenen Ton.
«Die Cromarty-Berge», sagte er mit leidenschaftlicher Stimme. Er sah sie an. «Meine Familie ist von dort vertrieben worden, wie Vieh von einem Feld. Die Vertreibung aus dem Hochland.»
Ein gelegentlicher Fleck Frühlingsgrün hob sich von einem der Hänge ab, wo irgendein Kleinpächter seine Farm behalten und das Land bestellt hatte.
«Und meine Leute sind hierhergekommen und gestorben. Buchstäblich erfroren.» Wieder errötete er darüber, daß er einer Fremden so viel von sich offenbarte. «Kann ich mich jetzt anziehen?»
«Oh, entschuldigen Sie.»
Sie ging um die Düne herum und wartete. In Pitmungo nahmen die Männer ihr Wannenbad im Wohnraum vorm Feuer, und hier war ein Mann, der allein sein mußte, um sich die Kniestrümpfe anziehen zu können. Sie wartete und wartete, und als sie wieder um die Düne herumging, sah sie, daß er sich den Strand entlang auf den Weg gemacht hatte, nicht nach Strathnairn, sondern in die entgegengesetzte Richtung. Sie war verabschiedet worden.
Die Dünen verliefen wenigstens über eine Viertelmeile hin parallel zur Küste. Er ging auf der Seeseite der Dünen. Wenn sie auf der Landseite losrannte, mußte sie ihn eigentlich überholen und dort, wo die Küste einen Bogen machte und die Dünen endeten, auf ihn warten können. Sie rannte los. Sie stolperte durch den Sand und über die Steine, aber sie rannte immer weiter und versuchte, jedes Keuchen zu unterdrücken, damit er sie auf der anderen Seite der Dünen nicht hörte. Sie wußte, daß sie einige Zeit vor ihm zur Stelle sein mußte, damit sie nicht mehr nach Luft rang, wenn er um die Nase der Dünen herumkam.
Ihr Anblick verwirrte ihn beim zweitenmal noch mehr als beim erstenmal. Er sah sie an und konnte sich das nicht erklären. Mehrmals öffnete er den Mund, um etwas zu sagen, und schloß ihn dann wieder. Er muß doch eigentlich hören können, wie mir das Herz in der Brust klopft, dachte Maggie.
«Sie müssen doch in die andere Richtung gehen», sagte er endlich.
«In die andere Richtung?»
«Strathnairn liegt dort drüben, Miss.»
«Aber ich hätte schwören können …»
«Nein.»
Er hob sich den Korb auf die eine und dann auf die andere Schulter, auf den Kopf und dann auf das eine Knie und das andere Knie. Er war sich bewußt, daß er lächerlich wirkte, und das erzürnte ihn.
«Ich hab noch nie einen Mann einen Kilt tragen sehen.»
Auch das ärgerte ihn.
«Viele Männer tragen ihn», sagte er trotzig. «Dort oben.» Er deutete auf den Cromarty und seine Hänge. «Soldaten», fügte er hinzu. Sie verstand nicht, was er meinte.
Sie ging weiter, die Küste entlang von Strathnairn fort, so selbstverständlich, als ginge sie die Lovatt Street hinunter nach Hause, und er schloß sich ihr an.
«Soldaten?»
«Ich hab beim Militär gedient, bei den Cameron Highlanders –» die Erinnerung daran schien ihn mit Bitterkeit zu erfüllen – «und man hat mich in dieser Kleidung entlassen und heimgeschickt.»
«Wenigstens hat sie Sie nichts gekostet.»
«Sie ist alles, was ich habe, verstehen Sie?» Er wurde rot vor Verlegenheit, aber er war auch zornig. Und er ließ keinen Zweifel daran aufkommen. «Ich habe nie genug verdient, um mir etwas anderes kaufen zu können. Verstehen Sie jetzt?»
«Dort, wo ich herkomme, haben die Männer einen einzigen Anzug, und der muß ihnen fürs ganze Leben reichen. Sie werden darin in den Sarg gelegt.»
Er sah sie ungläubig an. Eine alte Mauer versperrte den weiteren Weg die Küste entlang. Er stieg über die Mauer, und als er drüben war und sich von ihr verabschieden wollte, hielt sie ihm die Hand hin, und er sah zuerst die Hand und dann sie an und ergriff dann die Hand und half ihr über die Steine hinüber. Dabei fielen einige Entenmuscheln aus dem Korb in den Sand. Sie bückte sich sofort und half ihm, sie aufzulesen.
«Lassen Sie das», sagte er. «Eine Dame tut das nicht.»
Sie knieten inzwischen beide im Sand, und ihre Gesichter berührten sich fast. Ihr Blick fiel auf seine Hände, sie waren lang und weiß, schlank, aber kräftig, nicht wie die kurzen braunen Pratzen der Männer in Pitmungo. Ihre eigenen Hände, das wußte sie, waren härter, fester. Jetzt war sie an der Reihe, und sie drückte sich so deutlich aus, wie sie nur konnte.
«Ich bin keine Dame.»
