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Walter Scott

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Beschreibung

'Die Chronik von Canongate' ist eine Sammlung von Scotts Kurzgeschichten, deren Hauptthema der tragische Zusammenstoß des Lebens, des Lebens und der Sitten des alten Schottlands mit der neuen, kapitalistischen Lebensweise ist. 'Die Chronik von Canongate' drehen sich um einen fiktiven Autor, den Schotten Chrystal Croftangry, der in seiner Jugend das Vermögen seines Vaters verpasst. Infolgedessen ging der Familienbesitz in die Hände eines Textilfabrikanten über, der an der Stelle des alten Herrenhauses ein hässliches Stadtgebäude errichtete. Nachdem er seine Schulden beglichen hatte, ließ sich Croftangry in Canongate, einem alten Viertel von Edinburgh, nieder. Der fiktive Autor erzählt vom Bedauern über die Vergangenheit, das eng mit dem Bewusstsein ihrer Unwiderruflichkeit verbunden is

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Veröffentlichungsjahr: 2023

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Walter Scott

Die Chronik von Canongate

 
Übersetzer: Franz Kottenkamp
e-artnow, 2023 Kontakt:

Inhaltsverzeichnis

Vorwort
Herrn Chrystal Croftangry's Geschichte
Die Witwe des Hochlandes
Die beiden Viehtreiber
Die Tochter des Wundarztes
Herrn Croftangry's Schluß

Vorwort

Inhaltsverzeichnis

Die früheren Romane des Verfassers wurden bekanntlich ohne Nennung seines Namens, unter der Bezeichnung »Verfasser des Waverley« herausgegeben; die Umstände, welche es für denselben unmöglich machten, sein Incognito länger zu bewahren, wurden 1827 in der Einleitung zur Chronik von Canongate mitgetheilt, welche außer einer biographischen Skizze des fingirten Erzählers »die Wittwe des Hochlandes,« »die zwei Viehtreiber« und »die Tochter des Wundarztes« enthielt.

Ich habe vielleicht bei früheren Gelegenheiten genug von dem Unglück gesagt, welches mich zur Niederlegung der Maske bewog, unter welcher ich mich der Gunst des Publikums so lange erfreut habe. Durch den Erfolg dieser literarischen Bemühungen war ich in den Stand gesetzt worden, meinen Neigungen nachzugehen, wie man sie bei einem auf dem Lande lebenden Manne meines Standes voraussetzen kann. In der Feder des namenlosen Romandichters schien ich gleichsam die geheime Quelle von Goldstücken und Perlen zu besitzen, welche das Mährchen des Orients dem Reisenden gewährt. Niemand glaubte, daß ich ohne albernen Unbedacht meine persönlichen Ausgaben beträchtlich über die Gränze hinaus dehnen würde, die ich mir für den Fall hätte setzen müssen, wären meine Mittel auf ein ererbtes Einkommen und auf den mäßigen Ertrag von Berufsgeschäften beschränkt gewesen, ich kaufte, baute und pflanzte, und galt bei mir selbst, sowie bei der übrigen Welt, als der sichere Besitzer eines nicht unbeträchtlichen Vermögens. Mein Reichthum jedoch, wie so mancher anderer dieser Welt, war Zufälligkeiten ausgesetzt, unter welchen es ihm zuletzt beschieden war, Flügel zu bekommen und hinwegzufliegen. Das Jahr 1825, welches so vielen Zweigen des Handels und der Industrie nachtheilig war, verschonte auch nicht den Buchhandel; ein plötzlicher Verlust, welcher so manchen Buchhändler traf, mußte eine Firma erschüttern, welche sich in ausgedehnter Weise in die Geschäfte dieses Standes eingelassen hatte. Kurzum, ich fand mich beinahe, ohne die geringste Ahnung in das Unglück jener Zeit verwickelt und mußte den Forderungen von Gläubigern, an ein mit mir schon lange in Verbindung stehendes Handels-Etablissement für 120,000 Pfund Sterling Genüge thun.

Da der Verfasser, wenn auch unbesonnen, Bürgschaft für die Zufälle von Handels-Compagnien geleistet hatte, so ziemte es ihm natürlich die Folgen seines Benehmens auf sich zu nehmen, und er überlieferte deßhalb auch sogleich jedes Eigenthum, das er sein zu nennen gewohnt gewesen war, den Gläubigern, von welcher Art auch seine Gefühle dabei sein mochten. Dasselbe wurde Herren übergeben, deren Rechtschaffenheit, Klugheit und Einsicht mit aller nur möglichen Rücksicht und Charaktergüte verbunden war, und welche bereitwillig ihren Beistand zur Ausführung von Plänen boten, von deren Erfolg der Verfasser die endliche Beseitigung seiner Verlegenheiten erwartete; dieselben waren solcher Art, daß er ohne diesen Beistand wenig Aussicht zu Durchführung derselben gehabt hätte. Unter andern Hülfsmitteln befand sich auch die vollständige Herausgabe seiner Romane; da der Verfasser aber seine Feder weiterhin so lange zu üben gedachte, als der Geschmack seiner Landsleute seinen Bemühungen Beifall geben würde, so hielt er es für Ziererei, ein neues Incognito anzunehmen. Somit wurde auch folgender persönliche Bericht der Chronik von Canongate, als eine Art Vorrede, vorangedruckt.

Alle diejenigen, welche mit der früheren Geschichte der italienischen Bühne bekannt sind, werden sehr wohl wissen, daß Arlechino in seiner ursprünglichen Auffassung kein Wunderthäter mit seinem hölzernen Schwerte, sowie auch keine Person wie auf unserem Theater war, welche aus dem Fenster und in dasselbe hinein springt, sondern, daß er, wie auch seine bunte Jacke zeigt, die Rolle eines Tölpels oder Narren spielte, dessen Mund, nicht wie bei uns ewig geschlossen, sondern mit Sticheleien, Schwänken und witzigen Einfällen gefüllt war, die sehr oft aus dem Stegreif gegeben wurden. Es ist schwierig nachzuweisen, wie er in den Besitz seiner schwarzen Maske gelangte, welche ursprünglich dem Gesicht einer Katze glich; es scheint jedoch, daß die Maske eine wesentliche Bedingung für die Darstellung der Rolle war, wie aus folgender Theater-Anekdote erhellt:

Ein Schauspieler des italienisches Theaters auf dem Foir de St. Germain in Paris, war wegen seines kecken und ungemeinen Witzes, wegen seiner glänzenden Einfälle und glücklichen Antworten berühmt, womit er gelegentlich die Rolle des Spaßmachers in bunter Jacke würzte. Einige Kritiker, deren gute Absicht in Bezug auf den Lieblingsschauspieler größer war, als ihr Urtheil, machten demselben, einem Lieblinge des Publikums, Vorstellungen über seine seltsame Maske. Sie gingen dabei schlau zu Werke, indem sie bemerkten, daß sein klassischer und attischer Witz, sein feiner Humor, seine glücklichen Wendungen des Dialogs, in gemeiner Weise possenhaft durch diese sinnlose und sonderbare Verkleidung würden; alle seine Eigenschaften würden bei weitem mehr Eindruck erregen, wenn der Geist seines Auges und der Ausdruck seiner natürlichen Gesichtszüge denselben zu Hülfe kämen. Die Eitelkeit des Schauspielers wurde in so weit erregt, daß er sich zu einem Versuch verleiten ließ, er spielte den Harlequin ohne Maske, worauf das ganze Publikum der Meinung war, er sei damit durchgefallen. Er hatte nämlich die Kühnheit, welche ihm das Bewußtsein seines Incognito ertheilte, und damit das ganze kecke Spiel seiner Scherze verloren, wodurch seinem ursprünglichen Spiel so viel Lebhaftigkeit ertheilt war. Er verfluchte seine Rathgeber und nahm wieder seine groteske Maske an; wie aber berichtet wird, vermochte er niemals wieder sich die sorglose und glückliche Leichtigkeit anzueignen, welche das Bewußtsein der Verkleidung ihm ertheilte.

Vielleicht befindet sich der Verfasser des Waverley jetzt in derselben Gefahr, und setzt seine Beliebtheit dadurch auf's Spiel, daß er sein Incognito bei Seite legt. Dieß Verfahren ist jedoch nicht bei mir, wie beim Harlequin, freiwillig, denn ich hegte ursprünglich die Absicht, während meines Lebens, diese Werke niemals anzuerkennen. Die Original-Manuskripte wurden sorgfältig aufbewahrt, obgleich eher durch die Sorgfalt Anderer als durch die meinige, um als nothwendiges Zeugniß der Wahrheit zu dienen, wenn die Zeit meines Todes eintreten würde. Da jedoch die Angelegenheiten meiner Buchhändler unglücklicherweise in die Leitung Anderer übergingen, so besaß ich nicht länger ein Recht, auf Heimlichkeit zu bestehen; und somit mußte ich, wie Tante Dinah im Tristram Shandy, meine Maske, als sie etwas abgetragen am Kinn wurde, gutwillig ablegen, wenn ich nicht wollte, daß sie mir in Fetzen vom Gesichte fiele.

Ich hatte jedoch nicht die geringste Absicht, die Zeit und den Ort zu wählen, wo die Enthüllung geschehen sollte; noch hatte ich eine Verabredung mit meinem gelehrten und geachteten Freunde, Lord Meadowbank, bei dieser Gelegenheit getroffen.

Am 23. Februar 1827 wurde die Mittheilung bei einem öffentlichen Gastmahle in Edinburg gemacht. Bevor wir uns zu Tische setzten, fragte mich der Lord, ob ich mein Incognito, hinsichtlich der Waverley-Novellen, bewahren wolle. Ich erkannte nicht sogleich die Bedeutung der Frage, obgleich ich dieselbe mir hätte denken können und erwiderte: Mir sei die Sache gleichgiltig, da das Geheimniß schon so vielen Leuten bekannt geworden sei. Lord Meadowbank wurde dadurch veranlaßt, beim Ausbringen meiner Gesundheit etwas über die Erzählungen zu sagen, wobei er dieselben mit mir, als dem Verfasser, in solche Verbindung setzte, daß ich durch mein Stillschweigen entweder der wirklichen Autorschaft überführt, oder des noch größeren Verbrechens verdächtig hätte werden müssen, ich wolle ein Lob mir erringen, auf das ich keinen gerechten Anspruch besitze. So wurde ich plötzlich und unerwartet zum Bekenntniß genöthigt und konnte nur bedenken, daß ich zu demselben durch eine freundschaftliche Hand geleitet sei und vielleicht keine bessere Gelegenheit finden könne, um eine Verkleidung abzulegen, die derjenigen einer erkannten Maske zu gleichen begann.

Ich mußte mich deßhalb der zahlreichen und achtbaren Gesellschaft als den alleinigen Verfasser dieser Erzählungen zu erkennen geben, was zu jener Zeit einen Streit von einiger Berühmtheit hätte erregen können, denn einige Belehrer des Publikums gaben hierüber, mit außerordentlicher Hartnäckigkeit, Versicherungen ihrer eigenen Erfindung. Ich halte es aber weiterhin für nothwendig, zu erklären, daß ich sehr oft, während ich selbst alle Verdienste und Mängel dieser Dichtungen auf mich nehme, Mittheilungen über Gegenstände und Sagen, von verschiedenen Seiten her mit Dankbarkeit angenommen, und dieselben zur Grundlage meiner Erzählungen gebraucht oder in der Form von Episoden eingewoben habe. Besonders muß ich die Güte des Herrn Joseph Train, Oberaufsehers der Accise zu Dumfries erwähnen, welchem ich wegen mancher merkwürdigen Ueberlieferungen und Umstände von antiquarischem Interesse verbunden bin. Herr Train vervollständigte mir das Material zu den Schwärmern und rief mir wieder meinen Gewährsmann für diesen Roman, jenen Greis, der die Gräber der Märtyrer der presbyterianischen Kirche in gutem Stand erhielt, in's Gedächtniß zurück. Ich hatte übrigens selbst 1792 eine lange Unterredung mit demselben, als ich ihn bei seiner gewöhnlichen Arbeit antraf. Damals besserte er die Grabsteine der Covenanters aus, die während ihrer Gefangenschaft, im Schlosse Dunnottar, gestorben waren, wo Viele zur Zeit von Argyle's Aufstand eingesperrt wurden. Ihr Gefängniß heißt noch jetzt der Kerker der Whigs. Herr Train gab mir jedoch weit ausgedehntere Kunde über jenen merkwürdigen, Patterson genannten Mann, als ich mir während meines eigenen Gespräches mit ihm verschaffen konnte. Derselbe war, wie ich schon in den Schwärmern erwähnt zu haben glaube, zu Closeburn in Dumfriesshire geboren; wahrscheinlich veranlaßte ihn häusliches Unglück eben sowohl als andächtiges Gefühl zu seinem wandernden Leben. Jetzt sind schon zwanzig Jahre seit Robert Patterson's Tod verflossen, welcher aus der Landstraße bei Lockerby stattfand, wo man ihn in den letzten Zügen antraf. Der weiße Klepper, der Gefährte seiner Pilgerfahrten, stand an der Seite seines sterbenden Herrn, und der ganze Auftritt war der Darstellung eines geschickten Malers würdig.

In einer andern Schuld, die ich mit Freuden anerkenne, bin ich gegen eine mir früher unbekannte, aber mit mir im Briefwechsel stehende Dame, die selige Frau Goldie. Dieselbe gab mir die Geschichte des aufrichtigen und charakterfesten Mädchens, welches ich im Kerker von Edinburg Jeanie Deans genannt habe. Der Umstand, daß sie das Leben ihrer Schwester durch einen Meineid zu retten sich weigerte, und daß sie eine Pilgerschaft nach London unternahm, um durch Vermittlung des Herzogs von Argyle die königliche Gnade für die Verurtheilte zu erlangen, sind von meiner schönen Correspondentin als wahre Begebenheiten geschildert. Ich kam dadurch auf den Gedanken, die Theilnahme für die Heldin meines Romans, durch alleinigen Seelenadel der Grundsätze, nebst gesundem Menschenverstand, Anspruchslosigkeit und reinem Gemüth zu erwecken, ohne Schönheit, Talent, Witz, Anmuth und Erziehung in Anspruch zu nehmen – Eigenschaften, auf welche eine Romanheldin, nach der öffentlichen Meinung, sonst ein Recht hat. Wurde das Bild mit Interesse vom Publikum aufgenommen, so bin ich mir bewußt, daß ich dieß der Wahrheit und Kraft der ursprünglichen Skizze, nach einer wirklichen Begebenheit, verdanke, und ich bedaure, daß ich dieselbe dem Publikum nicht darbieten darf.

Alte und seltene Bücher, sowie eine beträchtliche Sammlung von Familiensagen, öffneten mir einen weiteren Steinbruch für meine Bauten und zwar einen so ergiebigen, daß die Kraft des Arbeiters eher hätte erschöpft werden müssen, als daß ihm das Material ausgegangen wäre. Als Beispiel erwähne ich nur, daß die furchtbare Katastrophe in der Braut von Lammermoor, in einer hohen schottischen Familie wirklich vorgekommen ist. Das weibliche Mitglied derselben, welches mir die traurige Erzählung vor vielen Jahren mittheilte, war eine nahe Verwandte derselben und erzählte sie mir immer mit dem Ausdruck düsterer Heimlichkeit, welche die Theilnahme höher spannte. Sie hatte selbst in ihrer Jugend den Bruder gekannt, welcher dem unglücklichen Opfer zum verhängnißvollen Altare voranritt; derselbe war damals noch ein Knabe, und dachte beinahe an Nichts weiter, als an sein eigenes schmuckes Erscheinen im Brautzuge, bemerkte aber doch, die Hand seiner Schwester sei feucht und kalt, wie die einer Statue. Es ist unnöthig den Schleier von diesem Auftritt eines Familienunglücks hinwegzuziehen; auch würde dieß den Repräsentanten des betreffenden edlen Hauses nicht ganz angenehm sein, obgleich das Ereigniß mehr als hundert Jahre alt ist. Ich bemerke nur noch, daß ich blos die Ereignisse nachahmte, allein weder die Mittel hatte, noch die Absicht hegte, die Sitten oder die Charaktere der in der Geschichte wirklich betheiligten Personen zu schildern.

Ich erkläre hier überhaupt, daß ich zwar von historischen Personen annahm, daß ihre Schilderung mir frei stehe, daß ich aber nie die Achtung verletzte, welche man dem Privatleben schuldig ist. Daß Charakterzüge von verstorbenen oder noch lebenden Personen, mit denen ich in Gesellschaft verkehrt hatte, sich meiner Feder ausdrängen mußten, als ich den Waverley und die späteren Romane schrieb, versteht sich von selbst. Ich habe aber stets meinen Porträts einen allgemeinen Charakter zu ertheilen gesucht, so daß sie im Ganzen als Produkte der Phantasie, wenn auch nicht ohne Aehnlichkeit mit wirklichen Personen, erscheinen konnten. Ich muß jedoch gestehen, daß meine Versuche in letzterer Hinsicht nicht immer Erfolg hatten. Es gibt Männer, deren Charaktere so eigenthümliche Züge darbieten, daß die Schilderung einer vorherrschenden und in die Augen fallenden Eigenheit, die ganze Person als Einzelwesen euch vorführt. So war z. B. der Charakter von Jonathan Oldbuck im Alterthümler zum Theil auf denjenigen eines alten Freundes meiner Jugend gegründet, welcher mich in das Verständniß des Shakespeare einführte und mir andere unschätzbare Gunstbezeugungen erwies; ich glaubte jedoch die Aehnlichkeit so versteckt zu haben, daß seine Züge von keinem jetzt lebenden Menschen erkannt werden könnten. Indeß, ich irrte mich und brachte sogar das Geheimniß in Gefahr, worein ich damals meinen Namen zu hüllen wünschte; denn ich erfuhr bald darauf, daß ein sehr achtbarer Herr, einer der wenigen, jetzt noch lebenden Freunde meines Vaters und ein scharfsinniger Kritiker, bei der Erscheinung des Werkes erklärt habe, er wisse jetzt, wer der Verfasser sei, denn er erkenne im Alterthümler die Spuren vom Charakter eines Mannes, welcher in der Familie meines Vaters ein sehr genauer Freund gewesen sei.

Es mag hier noch angeführt werden, daß der gegenseitige Austausch der Großmuth, den ich, als zwischen Waverley und Oberst Talbot stattfindend, dargestellt habe, in einer wirklichen Thatsache besteht. Die wirklichen Umstände der Anekdote, welche sowohl den Whigs, wie den Tories zum Lobe gereichen, sind in Kurzem folgende:

Alexander Stewart von Invernahyle, ein Name, den ich ohne die wärmste Anerkennung und Dankbarkeit gegen den Freund meiner Kindheit nicht niederschreiben kann, welcher mich zuerst in die Hochlande, ihre Ueberlieferungen und Sitten eingeführt hat, hatte thätigen Antheil an dem Bürgerkrieg von 1745 genommen. Als er in der Schlacht von Preston mit seinem Clan, den Stewarts von Appine, einen Angriff machte, sah er wie ein Offizier des feindlichen Heeres allein bei einer Batterie von vier Kanonen stand, drei derselben auf die angreifenden Hochländer abfeuerte und dann seinen Degen zog. Invernahyle stürzte auf ihn zu und forderte ihn auf, sich zu ergeben. »Niemals Rebellen!« war die unerschrockene Antwort, von einem Hiebe begleitet, welchen der Hochländer mit seiner Tartsche auffing; anstatt aber mit seinem Degen seinem jetzt vertheidigungslosen Gegner niederzuhauen, parirte er damit den Streich einer Streitaxt, welche der Müller seines Gutes, einer seiner Leute und ein grimmig aussehender alter Hochländer gegen ihn führte, den ich noch selbst gesehen zu haben mich erinnere. So überwältigt, übergab Oberstlieutenant Allan Whitefoord, ein Herr von Rang und Ansehen, sowie auch ein braver Offizier, seinen Degen, zugleich mit Uhr und Börse, welche Invernahyle annahm, um dieselben vor der Plünderung seiner Leute zu retten. Nachdem der Kampf vorüber war, suchte Herr Stewart seinen Gefangenen auf; beide wurden von dem berühmten John Roy Stewart einander vorgestellt, welcher den Oberst mit dem Stande dessen, der ihn gefangen genommen hatte, bekannt machte und ihm die Notwendigkeit sein Eigenthum zurückzunehmen vorstellte, welches jener in den Händen desjenigen zurückzulassen gedachte, dem es während des Kampfes anheim gefallen war. Das Vertrauen zwischen Beiden wurde so groß, daß Invernahyle von Karl Edward die Freigebung seines Gefangenen auf Ehrenwort erlangte; bald darauf besuchte er, nach den Hochlanden zur Aushebung von Leuten ausgeschickt, den Oberst in dessen Hause und verbrachte zwei glückliche Tage mit demselben und seinen whigistischen Verwandten, ohne daß man von beiden Seiten an das damalige Wüthen des Bürgerkrieges dachte.

Als die Schlacht von Culloden den Hoffnungen Karl Edwards ein Ende machte, wurde Invernahyle, verwundet und unfähig sich zu bewegen, durch den treuen Eifer seiner Leute vom Schlachtfelde fortgetragen. Da er aber sich als Jacobit sehr hervorgethan hatte, wurde seine Familie und sein Eigenthum dem Systeme rachsüchtiger Zerstörung ausgesetzt, welches nur zu allgemein im Lande der Aufständischen zur Ausführung gebracht wurde. Die Reihe war jetzt an dem Oberst Whitefoord, seine Bemühungen auf den Retter seines Lebens zu verwenden; er ermüdete alle Militär- und Civilbehörden mit Gesuchen, um demselben die königliche Gnade zu verschaffen, oder wenigstens um seiner Gemahlin und seiner Familie Schutz zu gewähren. Seine Bemühungen waren lange Zeit vergeblich; wie Invernahyle sagte, war er auf jeder Liste, als ein schädliches Raubthier bezeichnet. Zuletzt wandte sich Oberst Whitefoord an den Herzog von Cumberland und unterstützte sein Gesuch mit jeder Begründung, woran er nur denken konnte. Als er wiederum eine abschlägige Antwort erhielt, zog er sein Patent aus der Tasche, erwähnte einiges über die Dienste, die er selbst und seine Familie dem Hause Hannover erwiesen habe und bat um seinen Abschied, da man ihm nicht erlaube, seine Dankbarkeit dem Herrn zu erweisen, welchem er sein Leben verdanke. Der Herzog über diesen ernstlichen Entschluß betroffen, bat ihn, sein Patent zu behalten, und gewährte den für die Familie von Invernahyle nachgesuchten Schutz.

Der Häuptling selbst lag in einer Höhle, in der Nähe seines eigenen Hauses, versteckt, vor welchem eine kleine Abtheilung regelmäßiger Truppen ihr Lager aufgeschlagen hatte. Er konnte das Verlesen derselben jeden Morgen, ebenso den Zapfenstreich des Abends vernehmen; er bemerkte sogar jede Ablösung der Schildwachen. Da man vermuthete, er liege in der Nähe seines Eigenthums verborgen, so wurde seine Familie genau beobachtet, und zur äußersten Vorsicht, um ihn mit Nahrung zu versehen, gezwungen. Eine seiner Töchter, ein acht- oder zehnjähriges Kind, wurde dazu als die Mittelsperson gebraucht, welche am wenigsten Verdacht erregen würde. Sie gab unter vielem Andern ein Beispiel, daß Noth und Gefahr eine frühzeitige Schärfe des Verstandes erzeugt; sie machte sich mit den Soldaten bekannt, bis sie so vertraut mit ihnen würde, daß ihr Hin- und Hergehen nicht weiter deren Aufmerksamkeit erregte; sie pflegte in der Nähe umher zu schweifen und die wenige Nahrung, welche sie zu ihrem Zweck mit sich führte, unter einem auffallenden Stein oder einer Baumwurzel zu verstecken, wo ihr Vater dieselbe finden könnte, wenn er des Nachts aus seinem Versteck herauskröche. Die Zeiten wurden milder, und mein trefflicher Freund wurde durch die Amnestieakte errettet. Dieß ist die interessante Geschichte, die ich vielleicht durch die Art meiner Erzählung im Waverley eher verschlechtert als verbessert habe.

Diesen Vorfall habe ich, nebst noch einigen andern, die meine Romane beleuchten, meinem verstorbenen Freunde, William Erskine, schottischem Richter und titulirtem Lord Kinedder, mitgetheilt, welcher mit zu großer Parteilichkeit, 1817, meine Romane recensirte. Der Artikel desselben enthält mehrere andere Erläuterungen zu meinen Werken; wer sich darüber zu belehren sucht, kann in dem Januarhefte von Quarterly Review 1817, das Original von Meg Merrilees und, wie ich glaube, von zwei andern Personen desselben Charakters vorfinden.

Ich erwähne auch noch, daß die tragischen und wilden Umstände, welche als der Geburt von Allan Mac Aulay vorhergehend, in der Sage von Montrose geschildert werden, sich in der Familie der Stewarts von Ardvoirlich wirklich ereigneten. Die Wette, hinsichtlich der Leuchter, deren Stelle durch hochländische Fackelträger ersetzt war, wurde von einem der Macdonals von Keppoch vorgeschlagen und gewonnen.

Es würde jedoch nur wenig Vergnügen bieten, wollte ich aus der Fülle des Erdichteten alle Wahrheitskörner herauslesen. Ehe ich aber diesen Gegenstand verlasse, mögen noch einige Anspielungen über die Oertlichkeiten in diesen Romanen hinzugefügt werden. So steht z. B. Wolfshope für Fastcastle in Berwickshire – Tillietudlem für Draphane in Clydesdale – und das Thal, welches im Kloster Glendearg heißt, für dasjenige des Flusses Allan oberhalb Somerville's Villa bei Melrose. Ich kann hier nur sagen, daß ich in diesen und andern Beispielen keinen besondern Platz beschreiben wollte; die Aehnlichkeit muß also derjenigen allgemeinen Art sein, welche zwischen Gegenden desselben Charakters stattfindet. Die schroffe Küste Schottlands hat auf ihren Vorgebirgen an fünfzig Schlösser wie Wolfshope; jede Grafschaft hat ein Thal, welches demjenigen im Kloster mehr oder weniger gleicht; wenn Schlösser wie Tillietudlem oder Wohnsitze wie derjenige des Barons von Bradwardine gegenwärtig weniger häufig vorkommen, so beruht dieß auf der Zerstörungswuth, welche so viele Denkmale des Alterthums entfernt oder zu Grunde gerichtet hat, wenn dieselbe durch ihre unzugängliche Lage nicht geschützt waren.

Die Stellen aus Gedichten, welche vor den Anfang der Kapitel gesetzt wurden, sind entweder nachgeschlagen oder aus dem Gedächtniß citirt, oft aber bloße Erfindungen. Es war mir zu mühsam in der Sammlung brittischer Dichter immer nachzulesen, um passende Motto's aufzufinden; wie der Maschinenmeister eines Theaters, welcher bei Darstellung eines Schneegestöbers braunes Papier regnen ließ, als ihm das weiße ausgegangen war, entnahm ich die Stellen aus meinem Gedächtniß so weit es ging, und half mir mit Erfindung, als mir dasselbe nichts weiter lieferte. Ich glaube, daß es bisweilen nutzlos ist, die Stellen in den Werken der Dichter aufzusuchen, wenn ich einen Namen darunter gesetzt habe. Bisweilen habe ich über den Umstand gelacht, daß bedächtige Schriftsteller sich vergeblich abmühten, um Stanzen nachzusuchen, für welche allein der Romanschreiber verantwortlich war.

Da ich mich nun einmal im Beichtstuhle befinde, so kann der Leser von mir erwarten, daß ich ihm die Beweggründe darlege, weßhalb ich so lang die Rechte des Verfassers bei meinen Schriften zurückwies. Hierauf kann ich schwerlich eine andere Antwort geben, als die des Korporals Nym – es war damals die Laune oder der Eigensinn des Verfassers. Ich hoffe, man wird es mir nicht als Undankbarkeit gegen das Publikum auslegen, dessen Nachsicht mehr als mein eigenes Verdienst mich so lang meine Kaltblütigkeit bewahren ließ, wenn ich gestehe, daß ich gegen Erfolg, wie gegen Durchfallen als Schriftsteller gleichgültiger bin als Andere, welche die Leidenschaft nach literarischem Ruhm vielleicht deßhalb mehr empfinden, weil sie desselben würdiger sind. Erst nach Erreichung des dreißigsten Jahres, machte ich ernstliche Versuche, mich als Schriftsteller auszuzeichnen, also zu einer Lebenszeit, worin die Hoffnungen und Wünsche der Menschen gewöhnlich einen entscheidenden Charakter angenommen haben und sich nicht rasch und leicht in einen neuen Kanal leiten lassen.

Als ich die Entdeckung machte – für mich war es eine solche – daß ich durch die mir selbst zum Vergnügen dienende Schriftstellerei zugleich Andern Vergnügen schaffen könne, – als ich ferner bemerkte, daß literarische Beschäftigungen einen beträchtlichen Theil meiner Zeit in Anspruch nehmen würden, empfand ich Besorgniß, daß ich diejenigen Gewohnheiten der Eifersucht und Empfindlichkeit annehmen könnte, welche sogar den Charakter großer Schriftsteller entwürdigten, und sie durch ihre Reizbarkeit, sowie ihre Zänkereien zum Gelächter der Welt machten. Ich beschloß deßhalb meine Brust mit dreifachem Erze zu schützen, und so viel wie möglich meine Gedanken und Wünsche von literarischem Erfolge abzuwenden, damit ich nicht meinen eigenen Seelenfrieden und meine Ruhe durch Vereitlung meiner Erwartungen in Frage stelle. Es wäre entweder einfältige Gefühllosigkeit oder lächerliche Ziererei, wollte ich meine Unempfindlichkeit gegen öffentlichen Beifall aussprechen, wenn ich mit den Zeugnissen desselben beehrt wurde; noch höher schätze ich die Freundschaft, welche einige vorübergehende Berühmtheit beim Publikum, mit Männern abzuschließen mich befähigte, die sich durch Talente und Geist am meisten auszeichnen – eine Freundschaft, von welcher ich hoffe, daß sie jetzt auf einer festeren Grundlage als die Umstände ruht, denen sie ihre Entstehung verdankt. Indem ich jedoch alle diese Vortheile nach Pflicht und Gebühr zu schätzen weiß, kann ich aufrichtig erklären, daß ich nach meiner Meinung nur mit Mäßigkeit den berauschenden Becher kostete, und daß ich weder im Gespräch noch im Briefwechsel Verhandlungen über meine literarischen Beschäftigungen ermuthigte. Im Gegentheil haben solche Materien der gegenseitigen Unterhaltung, sogar wenn sie aus Beweggründen, welche mir sehr schmeichelhaft waren, angeregt wurden, mich immer in Verlegenheit gebracht und sind mir unangenehm gewesen.

Ich habe jetzt mit Offenheit meine Beweggründe zur Verschweigung meines Namens mitgetheilt, soweit ich mir bewußt bin, welche zu haben, und das Publikum wird mir den Egoismus der Darlegung von Einzelnheiten verzeihen, da dieselbe nothwendig damit verknüpft ist. Der Verfasser ist auf der Bühne erschienen und hat dem Publikum seine Verbeugung gemacht. Bis dahin ist sein Benehmen eine Aeußerung der Achtung. Wollte derselbe länger auf der Bühne verweilen, so würde er sich dem Publikum aufdrängen.

Ich wiederhole hier nur, daß ich mich selbst für den einzigen und von Andern nicht unterstützten Verfasser der Romane erkläre, welche als die Werke des »Verfassers von Waverley« herausgegeben wurden. Ich thue dieß ohne Scham, denn ich bin mir nicht bewußt, daß ihnen in Bezug auf Moral oder Religion irgend ein Vorwurf gemacht werden kann. Ich gebe mich dabei auch keinem Gefühl des Triumphes hin, von welcher Art auch ihr augenblicklicher Erfolg gewesen ist, denn ich weiß wohl, wie sehr ihr Ruf vom Eigensinn der Mode abhängt; letzteres blieb immer ein Grund, weßhalb ich niemals begierig war, nach dem Besitz zu greifen.

Vor dem Schluß ist noch zu erwähnen, daß wenigstens zwanzig Personen wegen ihres freundschaftlichen Verhältnisses zum Verfasser oder aus andern Umständen um das Geheimniß wußten. Da meines Wissens kein Beispiel vorkam, daß Einer derselben es enthüllte, so bin ich denselben um so mehr verbunden, als der unbedeutende Charakter des Geheimnisses nicht geeignet war, eine große Achtung desselben bei denjenigen, denen man es anvertraut hatte, zu erwecken. Nichtsdestoweniger hegte ich das Vertrauen, daß ich die damit verknüpften Vortheile stets genießen würde, und wären nicht Ereignisse, die mich zur Enthüllung zwangen, eingetreten, so würde ich sie nur mit der größten Vorsicht aufgegeben haben.

Was das vorliegende Werk betrifft, so wurde es lange bevor diese Erklärung stattfand, ersonnen und zum Theil schon gedruckt; ursprünglich sollte es mit einer Erklärung beginnen, daß es weder eine Einleitung noch eine Vorrede erhalte.

Dieses lange Vorwort mag jedoch erweisen, wie menschliche Absichten bei den unbedeutendsten, wie bei den wichtigsten Angelegenheiten, durch den Lauf der Ereignisse vereitelt werden. So entschließen wir uns einen starken Strom zu durchschreiten und auf einem gewissen Punkte des gegenüber liegenden Ufers zu landen; allmählig weichen wir der reißenden Fluth und sind zuletzt erfreut, wenn wir vermittelst eines Zweiges oder Busches uns an einem entfernten und vielleicht gefährlichen Landungsplatze, weit unter demjenigen, welchen wir bestimmt hatten, zuletzt vor der Gefahr des Ertrinkens erretten.

In der Hoffnung, daß der gütige Leser einem ihm jetzt bekannten Verfasser einen Theil der Gunst erweisen wird, welche er dem verkleideten Kandidaten seines Beifalls nicht versagte, unterschreibe ich mich als sein unterthänigster Diener

Abbotsford, 1. Oktober 1827. Walter Scott.

Solcher Art war der kleine Bericht, den ich im Oktober 1827 drucken ließ; auch habe ich jetzt nicht viel hinzuzufügen. Als ich zum ersten Male in meinem eigenen Namen auftrat, kam ich auf den Gedanken, daß eine Art periodischer Herausgabe nach etwas Neuem aussehe, und ich wollte, wenn ich so sagen darf, die Plötzlichkeit meines persönlichen Auftretens dadurch etwas mildern, daß ich einem erdachten Gehülfen eine wenigstens ebenso bestimmte Existenz ertheilte, als ich dergleichen früher anderen Schatten derselben Art gegeben hatte. Natürlich kam es mir nicht in den Sinn, eine wirkliche Person zu meinem Gehülfen zu machen, um den schriftstellerischen Charakter und die Arbeiten mit mir zu theilen. Ich bin lange der Meinung gewesen, daß ein literarischer Pickwick Vergleichungen hervorruft, weßhalb er mit Recht als gehässig zu bezeichnen und zu vermeiden ist; auch habe ich wirklich die Erfahrung gemacht, daß Versprechungen des Beistandes, in Arbeiten dieser Art, einen weit prächtigeren Anschein haben, als die späteren Leistungen halten können. Ich entwarf deßhalb den Plan einer Unterhaltungsschrift, bei welcher ich, nach Art der englischen Schriftsteller, in der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts, mich allein auf mich selbst verlassen müsse; obgleich ich mir bewußt war, daß der Augenblick, welcher örtliche Wohnung und einen Namen dem Verfasser des Waverley ertheilte, auch dessen Zauber einer ernstlichen Gefahr ausgesetzt habe, fühlte ich Neigung zur Annahme eines Gedankens, den mein alter Held Montrose hegte, und sagte mir selbst, daß in der Literatur wie im Kriege

Zu sehr befürchtet sein Geschick Und ist des Werthes baar, Wer stets besorgt um Ruhm und Glück Nie keck im Wagen war.

Zu den Einzelnheiten, hinsichtlich des Planes dieser Chronik, welche der fingirte Herausgeber, Herr Croftangry, im zweiten Kapitel mittheilt, habe ich nur noch hinzuzufügen, daß die Dame, welche in dieser Erzählung Frau Baliol genannt wird, in den Hauptpunkten den interessanten Charakter meiner theuren Freundin, Frau Murray Keith, zeigen sollte, deren kurz zuvor eingetretener Tod einen weiten Kreis mit Betrübniß erfüllt hatte, welcher sowohl wegen ihrer Tugend und Liebenswürdigkeit des Charakters, als wegen ihrer manchfachen Kenntnisse und der angenehmen Weise, womit sie dieselben mitzutheilen verstand, große Anhänglichkeit zu ihr hatte. Der Verfasser verdankte wirklich bei vielen Gelegenheiten ihrem lebhaften Gedächtniß einen großen Theil der Unterlage seiner schottischen Dichtungen; sie konnte somit auch schon bei Beginn meines Auftretens als Schriftsteller, mich als den Verfasser sehr leicht erkennen.

Hinsichtlich der Skizze von Chrystal Croftangry's eigener Geschichte, wurde der Verfasser beschuldigt, einige nicht artige Anspielungen auf noch lebende Personen angebracht zu haben; nach seiner Meinung kann er aber eine solche Beschuldigung leicht übergehen.

Die erste der Erzählungen, die Herr Croftangry dem Publikum vorlegt, »die Wittwe des Hochlandes,« kommt von der so eben erwähnten Dame, und ist mit Ausnahme weniger hinzugefügter Umstände, deren Einführung ich beinahe zu bedauern geneigt bin, beinahe in derselben Art hier wieder gegeben, wie die ausgezeichnete alte Dame die Geschichte zu erzählen pflegte. Weder der hochländische Cicerone, noch die ernste Aufwärterin, sind der Einbildungskraft entnommen; als ich nach einigen Jahren meine Erzählung wieder durchlas, und deren Wirkung mit meiner eigenen Erinnerung an die sehr rührende mündliche Erzählung meiner würdigen Freundin verglich, mußte ich empfinden, daß ich deren Einfachheit durch Einschiebungen zerstört hatte, welche ich, als ich sie niederschrieb, ohne Zweifel für Verschönerungen hielt.

Die zweite Erzählung, mit dem Titel: »die zwei Viehhändler«, verdanke ich einem alten Freunde, und zwar demselben Herrn, der das Original meines Alterthümlers gewesen ist. Derselbe hatte den Assisen in Carlisle beigewohnt und erwähnte selten des ehrwürdigen Richters Anrede an die Geschworenen, ohne Thränen zu vergießen; was einen eigenthümlichen Eindruck machte, weil Thränen auf Gesichtszügen hinunter flossen, die eher einen sarkastischen, ja cynischen Ausdruck hatten.

Herrn Chrystal Croftangry's Geschichte

Inhaltsverzeichnis
Erstes Kapitel. Des Herrn Chrystal Croftangry's Bericht über sich selbst
Zweites Kapitel. Worin Herr Croftangry seine Geschichte fortsetzt
Drittes Kapitel. Herr Croftangry besucht wieder Glentanner
Viertes Kapitel. Herr Croftangry sagt Clydesdale Lebewohl
Fünftes Kapitel. Herr Croftangry läßt sich in Canongate nieder
Sechstes Kapitel. Herrn Croftangry's Bericht über Frau Bethune Baliol
Siebentes Kapitel. Frau Baliol hilft Herrn Croftangry in seinen literarischen Spekulationen

Erstes Kapitel. Des Herrn Chrystal Croftangry's Bericht über sich selbst

Inhaltsverzeichnis
Sic itur ad astra.

»Dies ist der Weg zum Himmel;« so lautet das alte Motto im Wappen von Canongate, welches mit größerer oder geringerer Zweckmäßigkeit an allen öffentlichen Gebäuden, von der Kirche bis zum Schandpfahl in dem alten Stadttheile Edinburgs, eingehauen ist, welcher in demselben Verhältniß zu der guten Stadt, wie Westminster zu London steht oder stand, denn es findet sich dort noch der Palast des Fürsten, wie auch früher der angesehenste Adel dies Stadtviertel durch seinen Wohnsitz beehrte. Ich kann deßhalb mit einiger Zweckmäßigkeit dasselbe Motto an den Anfang einer literarischen Unternehmung setzen, wodurch ich den bisher unbekannten Namen, Chrystal Croftangry, zu verherrlichen hoffe.

Das Publikum wünscht vielleicht etwas von einem Schriftsteller zu erfahren, welcher seine ehrgeizigen Hoffnungen so hoch hinauf schraubt. Der gütige Leser mag deßhalb – denn ich bin von der Laune des Capitain Bobadil, und könnte zu keinem andern Zweck so weitläufig von mir reden – der gütige Leser mag also erfahren, daß ich ein schottischer Herr aus der alten Schule bin, mit Vermögen, Temperament und Gestalt, welche sich alle drei nicht so bald abnutzen lassen.

Ich kenne die Welt schon vierzig Jahre, denn seit der Zeit konnte ich meinen Namen mit dem Beiworte »ein Mann« unterzeichnen, und wie ich glaube, hat sich die Welt in dieser Zeit nicht gebessert. Diese Meinung aber pflege ich zu verschweigen, wenn ich mich unter jüngeren Leuten befinde; denn ich erinnere mich, daß ich in meiner Jugend die sechszigjährigen Herren neckte, wenn dieselben ihre Vorstellungen eines vollkommenen Zustandes der Gesellschaft auf die Tage der Tressenröcke und der spitzen Manschetten und Einige sogar auf das Blut und die Schläge des Bürgerkrieges von 45 zurückführten; deßhalb bin ich sehr vorsichtig mit Uebung des Censor-Rechtes, welches bei Männern vorausgesetzt wird, die der geheimnißvollen Lebensperiode nahe sind, worin die Zahlen 7 und 9 mit einander multiplizirt, ein Produkt geben, welches die Weisen mit dem Namen des großen Stufenjahrs bezeichnet haben.

Von der früheren Zeit meines Lebens brauche ich nur zu sagen, daß ich den bretternen Fußboden des Parlamentshauses mit dem Saume eines Advokatenrockes während der gewöhnlichen Zahl von Jahren fegte, worin man von jungen Gutsherrn zu meiner Zeit erwartete, daß sie die Termine der Gerichtssitzungen besuchten – daß ich kein Honorar bekam, daß ich lachte, und Andere zum Lachen brachte, daß ich Rothwein in Bayle's, Walker's und der Fortuna Kaffeehause trank, und Austern im Covenant-Close verspeiste.

Als ich mein eigener Herr geworden war, übergab ich meinen Advokatenrock dem Gerichtspedell zur Aufbewahrung, und begann die Rolle eines Stutzers auf eigene Rechnung. In Edinburg ließ ich mich in die Gesellschaft von Verschwendern ein, wie sie die Stadt damals beherbergte. Wann ich mich auf mein Gut in der Grafschaft Lanark begab, suchte ich es reichen Grundbesitzern gleich zu thun, und hielt mir Jäger mit Hühnerhunden der vorzüglichsten Raçe, sowie auch Kampfhähne und deren Wärter. Diese Thorheiten kann ich mir leichter verzeihen, als einige andern von noch schlimmerer Art, die ich damals so gleichgültig ansah, daß meine arme Mutter genöthigt war, meine Wohnung zu verlassen, und sich in einen kleinen, unbequemen Wohnsitz zurückzuziehen, wo sie bis zu ihrem Tode wohnte. Ich glaube jedoch, daß ich nicht ausschließlich wegen dieser Trennung zu tadeln war, und daß meine Mutter ihre zu große Hast später bereuete. Gott sei Dank, das Unglück, welches mir die Mittel zur Fortsetzung der Verschwendung benahm, gab mir die Liebe meiner noch lebenden Mutter zurück.

Meine Lebensweise konnte nicht lange dauern; ich lief zu schnell um lang laufen zu können; als ich meinen Lauf anhalten wollte, war ich vielleicht dem Abgrunde schon zu nahe gekommen. Einiges Unglück hatte ich mir durch eigene Thorheit zugezogen, anderes brach unerwartet über mich ein. Ich übertrug mein Gut, um es zu pflegen, einem fetten Verwalter, welcher das Kind erstickte, das er mir gesund und kräftig hätte zurückbringen müssen; während ich nun mit diesem ehrlichen Herrn in Zank gerieth, erkannte ich wie ein geschickter General, daß meine Stellung am passendsten gewählt werden würde, wenn ich dieselbe in der Nähe der Abtey von Holyrood aufschlüge. Damals wurde ich zum erstenmal mit dem Stadtviertel bekannt, welches, wie ich hoffe, die Unsterblichkeit durch mein kleines Werk erlangen wird; ich wurde mit jenen prächtigen Wäldern bekannt, in welchen die Könige Schottlands den Edelhirsch jagten, die aber mir in jenen Tagen nur dadurch empfohlen wurden, daß sie jenen Personen unzugänglich waren, die gleich Gespenstern gefürchtet werden, und die man in dem benachbarten Lande, Haas, Spürhund und Richard Schnüffelnase nennt. Kurzum, die Banngegend des Palastes ist ja als bester Zufluchtsort für solche bekannt, welche wegen der Schuldgesetze des Civilrechtes sich nicht geheuer fühlen.

Gewaltig war der Streit mit meinem Verwalter und mir; während dieser Zeit wurden meine Bewegungen, wie diejenigen eines durch Beschwörungen eines Zauberers eingefangenen Teufels auf einen Kreis beschränkt, welcher am nördlichen Thore des Parkes beginnt, von dort sich nach Norden wendet, links von der Mauer der königlichen Gärten und einer Straßenrinne in einer Linie beschränkt ist, welche High-Street nach dem Water-Gate zu, durchschneidet und durch die Straßenrinne hindurch gehend, von der Mauer des botanischen Gartens begränzt ist u. s. w.

Diese Gränzen, die ich abgekürzt hier eintheile, umschlossen das Gebiet mit dem Bannrecht von Holyrood, welches als Zubehör des königlichen Palastes, das Vorrecht als Asyl für Schuldner behalten hat. Man sollte glauben, der Raum gewähre einem Manne genügende Ausdehnung, seine Glieder darin auszustrecken, da er außer einer beträchtlichen Ebene (in Betracht, daß der Schauplatz in Schottland liegt,) auch den Berg Arthur-Seat und die Felsen und Weiden der sogenannten Salisbury-Crays enthält. Ich kann jedoch meine Sehnsucht nicht ausdrücken, womit ich nach dem Verlauf einer gewissen Zeit den Sonntag erwartete, welcher mir die Ausdehnung eines Spaziergangs ohne Beschränkung erlaubte. Während der andern sechs Wochentage empfand ich eine Herzenskrankheit, die ich ohne die Annäherung des siebenten Freiheitstages kaum hätte aushalten können. Ich empfand die Ungeduld eines Bullenbeißers, welcher vergeblich an der Kette zerrt, um den Spielraum, welche sie ihm gestattet, auszudehnen.

Jeden Tag ging ich an der Seite der Straßenrinne spazieren, welche das Heiligthum von dem vorrechtslosen Theile Canongate's absondert; obgleich es Mitte Sommers war und der Schauplatz in der alten Stadt Edinburg, zog ich denselben doch der frischen Luft und dem grünen Rasen vor, die ich im Park oder unter dem kühlen und feierlichen Dunkel des Säulenganges hätte genießen können, welcher den Palast umgibt. Einer gleichgültigen Person hätten beide Seiten der Straßenrinne ziemlich gleich sein können; denn die Häuser sind in gleicher Weise schlecht, die Kinder zerlumpt und schmutzig, die Fuhrleute grob, und das Ganze bietet dasselbe Bild des Lebens niederer Stände in einem wenig bewohnten und verarmten Viertel der großen Stadt. Für mich aber war die Straßenrinne ein Bach Kidron; der Tod war jenem Manne als Strafe verkündet, wenn er ihn überschreiten würde, ohne Zweifel, weil die Weisheit dessen, welcher das Urtheil aussprach, vorhergesehen hatte, daß der Wunsch des dem Unglück Geweihten, das Verbot zu überschreiten, unwiderstehlich sein würde, sobald das Hinderniß den Strom zu überschreiten entfernt wäre; derselbe werde dann sicherlich auf sein Haupt die Strafe herabrufen, welcher er schon mit Recht verfallen war, weil er den Gesalbten des Herrn verfluchte. Was mich betrifft, so schien sich das ganze Elysium auf der andern Seite des Abzugskanals zu eröffnen, und ich beneidete die Straßenjungen, welche den Strom mit ihren Dämmen von Koth aufhaltend, ein Recht besaßen, auf jeder Seite der schmutzigen Lache nach Belieben zu stehen. Ich war sogar so kindisch, daß ich gelegentlich einen Streifzug über die Pfütze hinaus, wenn auch nur auf wenige Ellen machte, und dabei das Siegesgefühl eines Schulknaben empfand, welcher in einen Obstgarten eindringt, und mit klopfendem Herzen voll Freude und Schrecken wieder zurückläuft, indem seine Gemüthsbewegungen zwischen dem Vergnügen seinen Zweck erreicht zu haben und der Besorgniß in der Schwebe sind, daß man ihn einfangen oder entdecken werde.

Ich hatte mir bisweilen die Frage vorgelegt, was ich im Fall einer wirklichen Gefangensetzung thun würde, da ich nicht einmal eine Beschränkung ertragen konnte, welche verhältnißmäßig so unbedeutend ist; ich konnte jedoch die Frage niemals zu meiner Zufriedenheit beantworten. Ich habe mein ganzes Leben lang die verrätherischen Auskunftsmittel gehaßt, welche man die goldene Mittelstraße zu nennen pflegt, und vielleicht hätte ich bei dieser Stimmung eine gänzliche Freiheitsberaubung geduldiger ertragen, als die weit gemäßigteren Einschränkungen, denen meine Wohnung im Heiligthum mich aussetzte. Hätten sich jedoch die Gefühle, die ich in Bezug auf ein Gefängniß und meinen wirklichen Zustand damals hegte, in ihrer Kraft gesteigert, so hätte ich mich hängen oder zu Tode grämen müssen; eine andere Wahl wäre mir nicht geblieben.

Unter den vielen Bekannten, die mich natürlich vergaßen und vernachläßigten, als meine Schwierigkeiten unentwirrbar schienen, besaß ich einen wahren Freund, und dieser Freund war ein Advokat, welcher die Gesetze seines Vaterlandes genau kannte, sie zum Geist der Billigkeit und Gerechtigkeit, woraus sie entstanden, zurückführte, und zu wiederholten Malen durch wohlwollende Bemühungen den Sieg der selbstsüchtigen List über Einfalt und Thorheit verhinderte. Er übernahm meinen Prozeß mit Hülfe eines Sachwalters, welcher einen Charakter hatte, der dem seinigen ähnlich war. Mein Verwalter hatte sich bis an das Kinn mit gesetzlichen Laufgräben, Hornwerken und bedeckten Wegen verschanzt; allein die Bomben meiner zwei Beschützer vertrieben ihn aus seinen Vertheidigungswerken, und ich wurde zuletzt ein freier Mann, der nach Belieben gehen oder bleiben konnte.

Ich verließ meine Wohnung so hastig als sei sie ein Pesthaus; ich blieb nicht einmal lange genug, um ein kleine Münze in Empfang zu nehmen, die ich bei der Abrechnung mit meiner Wirthin noch herausbekam, und sah, wie die arme Frau in der Thür stehend, meiner eiligen Flucht nachsah, den Kopf schüttelte und die Silbermünze, die sie mir herauszugeben hatte, in ein besonderes Papierstück, abgesondert vom übrigen Inhalt meines Geldbeutels aus Maulwurfsfell einwickelte.

Janet Mac Evoy war eine ehrliche Hochländerin, welche eine größere Belohnung verdiente, hätte ich dieselbe ihr zu geben vermogt. Jedoch mein Eifer im Entzücken war zu groß, als daß ich hätte bleiben können, um der Janet eine weitere Erklärung zu geben. Ich drängte mich durch die Gruppen der Kinder, bei deren Spielen ich so oft ein müssiger Zuschauer gewesen war. Ich sprang über den Rinnstein, als wäre er der verhängnißvolle Styx und ich ein Geist gewesen, welcher der Herrschaft Plutos entwischend, sich auf die Oberwelt durchstehlen könne. Mein Freund hatte einige Mühe mich zurückzuhalten, damit ich nicht wie ein Verrückter die Straße hinabliefe; ungeachtet seiner Güte und Gastfreundschaft, durch welche ich einige Tage vergnügt zubrachte, empfand ich aber nicht eher das Gefühl des Glückes, als bis ich mich an Bord eines Fahrzeuges befand, und den Frith mit gutem Winde hinab fahrend, mit meinen Fingern den zurückweichenden Umrissen von Arthur's-Seat ein Schnippchen, schlagen konnte, nachdem ich in dessen Nähe so lange eingesperrt gewesen war.

Es ist hier nicht mein Zweck, mein späteres Leben darzustellen. Aus dem Dorngebüsch, aus dem Dickicht des Gesetzes hatte ich mich herausgewunden, oder war vielmehr von meinen Freunden daraus errettet worden; ich hatte jedoch, wie das Schaf in der Fabel, einen großen Theil meiner Wolle zurücklassen müssen. Indeß war mir noch einiges übrig geblieben; ich befand mich im Alter der Thätigkeit und, wie meine gute Mutter zu sagen pflegte, findet sich Lebensunterhalt immer für lebendige Leute. Die strenge Noth ertheilte meinem Mannesalter die Klugheit, welche meiner Jugend fremd gewesen war. Ich blickte der Gefahr in's Auge, ich dauerte Strapazen aus, besuchte fremde Klimate und bewies, daß ich dem Volke angehöre, welches Mühen erträgt und Leben verschwendet, wie kein zweites. Eine unabhängige Lage kam spät wie die Freiheit dem Hirten Virgils; sie kam aber doch zuletzt, zwar nicht mit großem Ueberfluß im Gefolge, allein mit genügenden Mitteln, um einen anständigen Unterhalt für mein übriges Leben mir zu gewähren, meine Vettern zur Höflichkeit und klatschende Gevattern zu Reden wie folgende zu bewegen: »Wen wohl der alte Croft zum Erben einsetzt? Er muß sich doch Etwas erworben haben, und es sollte mich nicht wundern, wenn es mehr wäre, als die Leute glauben.«

Als ich heim kehrte, ließ mich mein erster Antrieb zum Hause meines Wohlthäters eilen, des einzigen Mannes, welcher mir während meiner Noth Theilnahme gezeigt hatte. Er schnupfte Tabak, und ich setzte den Stolz meines Herzens darein, die ersten zwanzig Guineen, die ich ersparen konnte, in eine so geschmackvolle Schnupftabaksdose zu verwandeln, als die besten Meister irgend erfinden konnten. Ich steckte dieselbe der Sicherheit wegen in den Busen meiner Weste und eilte, um sie dem Herrn, für welchen sie bestimmt war, einzuhändigen, ungeduldig nach dessen Hause in Brown Square. Als ich die Vorderseite des Hauses ansichtig wurde, überfiel mich ein Gefühl von Besorgniß. Ich war lange aus Schottland abwesend gewesen; mein Freund war einige Jahre älter wie ich; er konnte zur Versammlung der Gerechten berufen worden sein. Ich hielt an und blickte auf das Haus, als hätte ich gehofft, mir nach dem äußeren Ansehen eine Vermuthung über den Zustand der darin wohnenden Familie zu bilden. Ich weiß nicht, wie es kam; da jedoch alle unteren Fenster verschlossen waren und Niemand sich regte, wurden meine üblen Ahnungen etwas bestärkt. Ich bedauerte jetzt, daß ich mich nicht erkundigt hatte, bevor ich den Gasthof verließ, wo ich aus der Postkutsche abgestiegen war; allein es war zu spät; somit trat ich in gespannter Erwartung an die Thüre, um das Schlimmste, was mir berichtet werden könne, zu erfahren.

Die Messingplatte mit meines Freundes Namen und Stand befand sich noch an der Thüre, und als dieselbe geöffnet wurde, schien mir der alte Bediente beträchtlich älter, als er nach meiner Meinung in Betracht der Dauer meiner Abwesenheit hätte sein sollen. »Ist Herr Sommerville zu Haus?« fragte ich, indem ich voran trat.

»Ja, mein Herr,« sagte John, indem er sich meinem Weiterschreiten entgegenstellte, »er ist zu Haus, aber« –

»Aber er ist nicht hier,« sagte ich. »Ich erinnere mich Eurer alten Phrase, John, kommt, ich will in's Zimmer gehen und ihm ein Billet zurücklassen.«

John kam offenbar durch meine Vertraulichkeit in Verlegenheit. Er sah wohl, ich sei Jemand, dessen er sich erinnern müsse, zugleich aber fiel ihm offenbar nicht ein, wer ich sei.

»Ja Herr, mein Herr ist zu Haus, in seinem eigenen Zimmer, aber –«

Ich wollte ihn nicht seine Rede beenden lassen, sondern ging ihm voran nach dem mir wohlbekannten Zimmer. Eine junge Dame kam ein wenig verlegen, wie es schien, heraus, mit den Worten: »John, was gibts?«

»Ein Herr, Miß Nelly, besteht darauf, meinen Herrn zu sehen.«

»Ein sehr alter und ihm verpflichteter Freund,« sagte ich, »wagt es, seinem hochgeachteten Wohlthäter bei der Rückkehr vom Auslande sich aufzudrängen.«

»Ach Herr,« erwiederte sie, »mein Oheim wird sich glücklich fühlen, Euch zu sehen, aber –«

In diesem Augenblick vernahm man, daß etwas wie ein Teller oder Glas im Zimmer auf den Boden fiel, und sogleich darauf rief meines Freundes Stimme ärgerlich und heftig nach seiner Nichte. Sie trat hastig in's Zimmer und ich ebenfalls. Ich mußte jedoch ein Schauspiel erblicken, in Vergleich zu welchem der Anblick meines Freundes auf der Todtenbahre ein glücklicher gewesen wäre.

Der mit Kissen gefüllte Lehnstuhl, die in Flanell gewickelten ausgedehnten Glieder, der weite Schlafrock und die Nachtmütze gaben ihm ein Zeugniß der Krankheit; das jetzt erloschene, einst von lebhaftem Feuer strahlende Auge, die herabhängende Unterlippe, deren Ausdehnung und Zusammenziehung einst seinem belebten Antlitz solchen Ausdruck verliehen hatte – die stammelnde Zunge, die einst solche Fluthen männlicher Beredsamkeit ergossen und die Meinung der Weisen, die er anredete, bestimmt hatte – alle diese traurigen Symptome bewiesen, daß mein Freund sich in jenem unglückseligen Zustande befand, wo das thierische Leben die geisten Kräfte überdauert hat. Er blickte mich einen Augenblick an, schien aber dann meine Gegenwart nicht zu merken und fuhr fort – einst ein so höflicher und wohlerzogener Mann! – unverständliche aber heftige Vorwürfe gegen seine Nichte und seinen Bedienten zu stottern, weil er selbst eine Theetasse bei dem Versuche sie auf den Tisch an seinem Ellbogen zu stellen, hatte zu Boden fallen lassen. Seine Augen glänzten wegen seiner Gereiztheit von augenblicklichem Feuer, er suchte aber vergeblich nach Worten, um sich seiner Heftigkeit gemäß auszudrücken, als er von seinem Diener auf seine Nichte und dann auf den Tisch blickend ihnen darzulegen sich bemühte, daß sie die Tasse in zu großer Entfernung von ihm hingestellt hätten, obgleich dieselbe seinen Armstuhl berührte.

Die junge Dame, welche natürlich einen madonnengleichen Ausdruck der Ergebung in ihrem Antlitz zeigte, horchte auf sein ärgerliches Schelten mit der demüthigsten Unterwürfigkeit, hielt den Diener zurück, welcher mit weniger Zartgefühl sich auf seine Rechtfertigung einlassen wollte, und milderte zuletzt, durch den süßen und sanften Ton ihrer Stimme, die Heftigkeit seines grundlosen Aergers.

Alsdann warf sie auf mich einen Blick, welcher zu sagen schien, »ihr seht hier Alles, was von eurem Freunde noch übrig ist.« Zugleich schien derselbe auszudrücken, »eure Gegenwart hier kann uns Allen nur peinlich sein.«

»Vergebt mir, junge Dame,« sagte ich, so gut es mir meine Thränen erlaubten, »ich bin ein Eurem Oheim ungemein verpflichteter Mann, mein Name ist Croftangry.

»Gott, daß ich Euch nicht erkannte, Herr Croftangry,« sagte der Diener, »ich erinnere mich, daß mein Herr viele Mühe mit Eurer Angelegenheit hatte, es ist vorgekommen, daß er um Mitternacht frische Lichter sich wegen derselben bringen ließ, und zwar zu wiederholten Malen. Wahrlich, Herr Croftangry, er sprach immer zu Euren Gunsten, wenn die Leute Euch böse Dinge nachsagten.«

»Schweigt, John,« sagte die Dame ärgerlich. Dann fuhr sie zu mir gewandt fort: »Sicherlich Herr, ist es Euch sehr leid, meinen Oheim in diesem Zustand anzutreffen, ich weiß, Sie sind sein Freund, ich habe oft gehört, wie er Euren Namen erwähnte, und wie er sich wunderte, daß er niemals von Euch etwas vernommen hat!« Dieß war ein neuer Vorwurf, und derselbe drang mir in's Herz; sie fuhr jedoch fort: »ich weiß wirklich nicht, ob es recht ist, daß Jemand – wenn mein Oheim Euch kennen würde, was ich kaum für möglich halte, so würde er sehr erregt werden, und der Doctor sagt, daß jede Gemüthsbewegung – aber hier kömmt der Doctor – um Euch seine eigene Meinung zu sagen.«

Der Doctor trat ein; ich hatte ihn als Mann in mittleren Jahren verlassen, er war jetzt ein ältlicher Herr, aber noch immer der barmherzige Samariter, welcher, um Gutes zu thun, umher wandelte, und die Segnungen der Armen für eine ebenso gute Belohnung seiner Berufsthätigkeit, als das Geld der Reichen hielt.«

Er sah mich mit Erstaunen an; die junge Dame stellte mich ihm aber vor, und ich beeilte mich, da der Doctor mich früher gekannt hatte, die Einführung zu vervollständigen. Er erinnerte sich meiner vollkommen und gab mir zu verstehen, daß er sehr wohl mit den Gründen bekannt sei, weßhalb ich eine so große Theilnahme am Schicksal seines Patienten hege. Dann gab er nur einen sehr traurigen Bericht von meinem armen Freund, indem er mich etwas bei Seite von der Dame zog. »Das Lebenslicht,« sagte er, »zittert und ist im Erlöschen begriffen, ich erwarte kaum, daß es zu einer augenblicklichen Gluth wieder emporflackert, mehr ist unmöglich.« Alsdann trat er zu seinem Patienten und legte demselben einige Fragen vor, die der arme Kranke, obgleich er die freundschaftliche und ihm vertraute Stimme zu kennen schien, nur stotternd und in unvollkommener Weise beantworten konnte.

Die jüngere Dame hatte sich ihrerseits zurückgezogen, als der Doctor seinem Patienten näher trat. »Ihr seht, wie es mit ihm steht,« sagte der Doctor zu mir hingewandt, »einst hörte ich, wie unser armer Freund in einer seiner trefflichen Reden vor den Gerichtsschranken eine Beschreibung eben dieser Krankheit gab, die er mit der von Mezentius anbefohlenen Folter verglich, als dieser einen Leichnam an einen Lebendigen fesseln ließ. »Die Seele,« sagte er, »ist in einem Körper von Fleisch gefangen, und obgleich sie noch ihre natürlichen unveräußerbaren Eigenschaften besitzt, kann sie dieselben ebenso wenig üben, wie ein Gefangener sich als ein mit Freiheit thätiger Mann betrachten läßt. Ach! daß wir ihn, welcher diese Krankheit so schön bei Andern beschreiben konnte, als die Beute desselben Leidens erblicken müssen! Niemals werde ich den feierlichen Ton seines Ausdrucks vergessen, womit er die Unfähigkeiten der vom Schlage Gelähmten – das betäubte Ohr, das verdunkelte Auge, die verkrüppelten Glieder – in den edlen Worten Juvenals zusammenfaßte.

» omni Membrorum damno major, dementia, quae nec Nomina servorum, nec vultum agnoscit amici.«
Blödsinn, herber fürwahr, als jeglicher Schaden des Leibes, Welcher die Namen der Sclaven, die Züge des Freundes vergessen.

– Als der Arzt diese Worte wiederholte, schien ein Strahl der Vernunft im Auge des Kranken aufzuflackern – erlosch wieder, leuchtete wieder auf – und er sprach deutlicher als zuvor und in dem Tone eines Mannes, welcher eifrig etwas sagen will, wovon er fühlt, daß er es vergessen muß, wenn er es nicht sogleich sagt. »Eine Frage, hinsichtlich eines Sterbenden, Doctor, – Withering gegen Willibus – über den Morbus sonticus. Ich war Advokat in der Sache für den Kläger – ich, und – und – wahrhaftig ich vergesse noch meinen eigenen Namen – ich, und – er war der witzigste Mann und hatte den besten Humor unter allen Lebendigen –«

Die Beschreibung befähigte den Doctor, die Lücke auszufüllen, und der Patient wiederholte vergnügt die ihm angegebenen Namen. »Ja, ja,« sagte er, »gerade der – Harry – armer Harry« – das Licht in seinem Auge erstarb, und er sank wieder in seinen Lehnstuhl zurück.

»Ihr habt unseren Freund besser angetroffen, als ich Euch zu versprechen wagte, Herr Croftangry,« sagte der Arzt. Jetzt aber muß ich die Gewalt meines Berufes in Anspruch nehmen und Euch bitten, daß Ihr Euch entfernt. Miß Sommerville wird Euch sicherlich rufen lassen, wenn zufällig irgend ein Augenblick eintreten sollte, in welchem ihr Oheim Euch sehen kann.«

Was konnte ich thun? Ich gab der jungen Dame meine Karte, nahm mein Geschenk aus dem Busen und sagte mit Tönen, die beinahe ebenso abgebrochen waren, als die meines Freundes – »Wenn mein armer Freund fragen sollte, von wem dieß kömmt, so nennet mich, sagt ihm, das Geschenk komme von einem Manne, der ihm höchst verbunden und dankbar ist. Sagt ihm, das Gold, woraus es bestehe, sei körnerweise früher erspart und so sorgfältig zusammengehäuft worden, als jemals dasjenige eines Geizhalses – ich habe 1000 Meilen zurückgelegt, um die Gabe zu überbringen, und jetzt finde ich meinen Freund in solchem Zustande!«

Ich legte die Schnupftabaksdose auf den Tisch und entfernte mich mit zögernden Schritten. Das Auge des Kranken fiel auf dieselbe, wie das eines Kindes auf ein glänzendes Spielzeug, und er stotterte mit kindlicher Ungeduld seine Fragen an seine Nichte. Mit gütiger Sanftmuth wiederholte sie ihm, wer ich wäre, woher ich komme u. s. w. Ich stand im Begriff mich umzuwenden und von einem so peinlichen Auftritt hinweg zu eilen, als der Arzt seine Hand auf meinen Aermel mit den Worten legte: »Bleibt noch, es ist eine Veränderung eingetreten.«

Eine Veränderung trat wirklich ein und zwar eine sehr auffallende. Eine schwache Röthe verbreitete sich über die blassen Züge; dieselben schienen das Aussehen des Bewußtseins wieder anzunehmen, welches der Lebenskraft angehört, sein Auge strahlte noch einmal, seine Lippe färbte sich, er richtete sich auf aus der nachlässigen Stellung, die er bisher eingenommen hatte und erhob sich ohne Beistand, der Doctor und der Diener eilten herbei, um ihn zu stützen. Er entfernte sie mit einem Wink und sie begnügten sich damit, eine Stellung hinter ihm einzunehmen, um bei Vorfällen sogleich bei der Hand zu sein, im Fall die neu erlangte Kraft ebenso plötzlich wieder verschwinden sollte, wie sie belebt worden war.

»Mein theurer Croftangry,« sagte er im Tone der früheren Tage, »es freut mich Euch zurückgekehrt zu sehen – Ihr findet mich im traurigen Zustande – allein meine kleine Nichte hier und Doctor – sind sehr gütig gegen mich – Gott segne Euch, theurer Freund, wir werden uns nicht eher Wiedersehen, als bis wir uns in einer bessern Welt treffen.« Ich drückte seine ausgestreckte Hand an meine Lippen – ich drückte sie an meinen Busen – ich wäre beinahe auf die Kniee gesunken, der Doctor aber trieb mich eilig aus dem Zimmer, indem er den Kranken der Dame und dem Diener überließ, welche seinen Lehnstuhl vorwärts rollten und ihn wieder daran zurecht setzten. »Mein theurer Herr,« sagte er, »Ihr müßt zufrieden sein, Ihr habt unsern armen Kranken seinem früheren Zustande ähnlicher gesehen, als es seit Monaten der Fall war und vielleicht auch nicht wieder der Fall sein wird, bis Alles vorüber ist. Die ganze Fakultät hätte Euch nicht einen solchen lichten Zwischenraum versprechen können – jetzt muß ich sehen, ob daraus nicht ein Vortheil gezogen werden kann, seine allgemeine Gesundheit zu verbessern, – bitte, gehen Sie.« Der letztere Satz brachte mich schnell vom Flecke, während peinliche Gefühle in Menge auf mich eindrangen.

Als ich den Schrecken über diese Vereitlung meiner besten Hoffnung überwunden hatte, erneute ich allmälig meine Bekanntschaft mit einem oder zwei alten Gefährten, welche zwar meinem Herzen weit weniger nahe standen, als mein unglücklicher Freund, allein den Druck wirklicher Einsamkeit milderten, und vielleicht meinen Freundschafts-Anerbietungen schon deßhalb entgegenkamen, weil ich ein etwas ältlicher Junggesell, aus fremden Ländern so eben zurückgekehrt, und sicherlich wohlhabend wo nicht reich war.

Einige betrachteten mich als einen nicht üblen Gegenstand der Spekulation, Anderen konnte ich nicht lästig werden: ich wurde deßhalb den gewöhnlichen Regeln der Gastfreundschaft von Edinburg gemäß ein willkommener Gast in mehreren achtbaren Familien, fand aber Niemanden, der mir den Verlust ersetzen konnte, welchen ich an meinem besten Freunde und Wohlthäter erlitten hatte. Ich brauchte etwas mehr, als mir eine bloße Bekanntschaft geben konnte. Wo sollte ich dieß suchen? Unter den zerstreuten Ueberbleibseln derjenigen, die einst meine muntern Freunde gewesen waren? – Ach,

Gar mancher Bursch, den ich geliebt, war todt, Und mancher Jüngling war zum Greis geworden.

Außerdem hatte jede Gemeinschaft der Bande zwischen uns aufgehört, und die jetzt noch lebenden früheren Freunde führten eine andere Lebensweise als ich.

Einige waren zu Geizhälsen geworden, und zeigten jetzt eben so viel Eifer in der Ersparung eines Sixpence, als sie früher auf die Verausgabung eines Goldstücks verwandt hatten. Einige waren Landwirthe geworden, sie schwatzten von Ochsen und waren allein passende Gesellschafter für Viehmäster. Andere hatten am Kartenspiele festgehalten, sie setzten zwar nicht hoch mehr ein, spielten aber lieber um Kleinigkeiten, als daß sie jenen Zeitvertreib aufgegeben hätten. Diese verachtete ich hauptsächlich. Den starken Antrieb zum Spiel hatte ich zu meiner Zeit auch erfahren – er ist ebenso heftig wie verbrecherisch, allein er erzeugt Aufregung und Spannung, und ich kann begreifen, wie er bei starken und gewaltigen Seelen zur Leidenschaft wird. Wenn man übrigens das Leben im Austausch von Fetzen bemalten Papiers an einem grünen Tische nur wegen des erbärmlichen Gegenstands von ein paar Schillingen vertrödelt, so läßt sich dieß nur durch Dummheit oder Schwäche des greisen Alters entschuldigen. Es gleicht dem Ritt auf einem Schaukelpferde, wo die äußerste Anstrengung dich keinen Fuß vorwärts bringt; es ist eine Art geistiger Tretmühle, auf welcher ihr stets hinanklimmt, ohne einen Zoll höher zu kommen. Aus diesen Winken wird der Leser erkennen, daß ich für eine der Vergnügungen des Alters unfähig bin, welche zwar Cicero nicht erwähnt, zu der man aber in unseren Tagen so häufig seine Zuflucht nimmt – ich meine eine geschlossene tägliche Gesellschaft und in derselben ein ruhiges Whistspiel.

Kehre ich zu meinen alten Gefährten zurück. Einige besuchten öffentliche Gesellschaften, wie der Geist des Stutzers Nasch, oder andere aus der verflossenen Hälfte des Jahrhunderts stammende Stutzer: sie wurden von der kichernden Jugend bei Seite geschoben und von ihren Altersgenossen bemitleidet. Einige waren auf Andacht eingegangen, wie die Franzosen zu sagen pflegen, und Andere, wie ich besorge, waren zum Teufel gegangen; wenige hatten ihre Zuflucht zum Studium der Wissenschaften und schönen Künste genommen; Einige waren Naturforscher in kleinem Maßstabe geworden, d. h. sie guckten in Mikroscope und machten sich mit Experimenten der Physik vertraut, die damals gerade in Mode gekommen waren; Einige vertrieben sich die Zeit mit Bücherlesen und zur Zahl der Letzteren gehörte ich.

Einige Grade Abstoßungskraft gegen die mich umgebende Gesellschaft – einige schmerzliche Erinnerungen der frühern Fehler und Thorheiten – einige Unzufriedenheit mit den lebendigen Menschen flößten mir Neigung zum Studium der Alterthümer und besonders derjenigen meines Vaterlandes ein. Wenn es dem Leser möglich ist, gegenwärtiges Werk durchzulesen, so wird er natürlich urtheilen können, ob ich nützliche Fortschritte in der Erforschung älterer Zeiten gemacht habe.

Diese Richtung meiner Studien verdanke ich zum Theil dem Gespräche mit einem gütigen Geschäftsführer, einem Sachwalter, welchen ich schon als Denjenigen erwähnt habe, welcher die Bemühungen meines unschätzbaren Freundes unterstützte, um den Prozeß zu einem günstigen Ende zu führen, als meine Freiheit und mein noch übriges Eigenthum auf dem Spiele stand. Er hatte mir bei meiner Rückkehr eine sehr höfliche Aufnahme zu Theil werden lassen. In die Geschäfte seines Berufes war er zu sehr versunken, und vielleicht auch in dessen Einzelheiten zu sehr befangen, um sich gern von denselben loszureißen. Kurzum, er war kein Mann von dem umfassenden Geiste meines armen Freundes Sommerville, sondern vielmehr ein Rechtsgelehrter, welcher in den Förmlichkeiten der Jurisprudenz sich gänzlich verwickelt hatte, er besaß aber darin große Geschicklichkeit, und außerdem einen ausgezeichneten Charakter. Als mein Landgut verkauft wurde, behielt er einige der ältern Urkunden, indem er aus seinen eigenen Gefühlen den Schluß zog, dieselben würden dem Erben meiner alten Familie von größerer Wichtigkeit wie dem neuen Käufer sein. Als ich nach Edinburg zurückkehrte, und ihn noch in der Uebung seines Berufes, welchem er zur Ehre gereichte, thätig fand, sandte er in meine Wohnung die alte Familienbibel, welche immer auf meines Vaters Tische lag, sowie auch zwei oder drei von Alter verwitterte Folianten und ein Paar mit Schweinsleder überzogene Mappen, welche mit Pergamenten und Papieren gefüllt waren, deren Aeußeres durchaus nicht einladend zu sein schien. Wie ich das nächste Mal an Herrn Fairscribe's gastlichem Tische saß, verfehlte ich nicht, ihm meinen schuldigen Dank für seine Güte zu erstatten – eine Anerkennung, die ich eher den Vorstellungen zollte, die er, wie ich wußte, über den Werth solcher Dinge hatte, als dem Interesse, womit ich dieselben selbst betrachtete. Als ich nun das Gespräch auf meine Familie wandte, welche alte Grundherrn in Clydesdale gewesen waren, wurde dennoch einiges Interesse bei mir allmälig erweckt, und nachdem ich mich in mein einsames Wohnzimmer zurückgezogen, übersah ich zuerst meinen Stammbaum oder eine Art Geschichte der Familie oder des Hauses von Croftangry, welches zuerst mit diesem Namen und nachher mit dem von Glentanner bezeichnet wurde. Die von mir gemachten Entdeckungen werden sich im nächsten Kapitel vorfinden.

Zweites Kapitel. Worin Herr Croftangry seine Geschichte fortsetzt

Inhaltsverzeichnis
Jener Acker, der jetzt nach Umbrenus Namen benannt ist, Kürzlich das Land des Ofellus, wird Keinem als eigen gehören. Bald wohl ist er mir eigen, doch bald auch dir.
Horaz, Sat. II. 2.