12,99 €
Die grandiose Fortsetzung von "Der letzte Magier von Manhattan", der Urban Fantasy-Saga von Bestseller-Autorin Lisa Maxwell: Eine zeitreisende Diebin und ein junger Magier mit nur einem Ziel - die Zukunft der Magie zu retten. Alles, was Esta über Magie zu wissen glaubt, hat sich als Lüge entpuppt. Ihre Eltern sind tot, alte Verbündete wurden zu Feinden, und das Buch der Mysterien war nicht der Schlüssel zur Befreiung der Mageus, wie Esta geglaubt hatte. Nachdem der Magier Harte das Buch stehlen wollte, lebt dessen gefährliche Macht nun in ihm - und kann jederzeit aus ihm herausbrechen. Die dunkle Magie kann nur durch die fünf elementaren Steine gebrochen werden, die über den Kontinent verstreut sind. Gemeinsam mit Harte muss Esta die magische Schwelle überwinden, die New York umgibt, und sich auf eine gefährliche Reise durch das Land begeben. Doch auch ihre Feinde brauchen die elementaren Steine für ihre dunklen Pläne. Und währenddessen droht auch in New York das Chaos auszubrechen … Der magische zweite Teil der Urban Fantasy-Reihe um die junge Diebin Esta, dunkle Magie und die Gangs in New York. Aus der Reihe "Die Rätsel des Ars Arcana" ist bereits erschienen: Band 1, "Der letzte Magier von Manhattan".
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 994
Veröffentlichungsjahr: 2020
Lisa Maxwell
Roman
Aus dem amerikanischen Englisch von Heide Franck
Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG.
Alles, was Esta über Magie zu wissen glaubt, hat sich als Lüge entpuppt. Ihre Eltern sind tot, alte Verbündete wurden zu Feinden, und das Buch der Mysterien war nicht der Schlüssel zur Befreiung der Mageus, wie Esta geglaubt hatte. Nachdem der Magier Harte das Buch stehlen wollte, lebt dessen gefährliche Macht nun in ihm – und kann jederzeit aus ihm herausbrechen. Die dunkle Magie kann nur durch die fünf elementaren Steine gebrochen werden, die über den Kontinent verstreut sind. Gemeinsam mit Harte muss Esta die magische Schwelle überwinden, die New York umgibt, und sich auf eine gefährliche Reise durch das Land begeben. Doch auch ihre Feinde brauchen die elementaren Steine für ihre dunklen Pläne. Und währenddessen droht auch in New York das Chaos auszubrechen …
Karte Manhattan
Karte St. Louis
Widmung
Motto
Die Diebin
Teil I
Die weiße Frau
Die Bowery brennt
Die Wahrheit über Macht
Zufluchtsort
Gemeines Gesindel
Blut und Wasser
Mutter der Verbannten
Das Ars Arcana
Die Sirene
Ein Hauch von Magie
Das New Brighton
Das Lächeln einer Schlange
Eine Vision von Licht und Macht
Die Entscheidung
Wallack’s Theatre
Ein Herz voller Sorge
Leere Straßen
Es könnte schlimmer sein
Eine Station in der Ferne
Teil II
Zurück an die Oberfläche
Eine neue Stadt
Berühmt-berüchtigt
Das Gegengift für Tratsch
Konsequenzen
Ein dunkler, sternenloser Himmel
Die Taschenuhr
Staub und Metall
Eine Zeitenwende
Mock Duck
Mutter Ruth
Riskante Magie
Der Arm der Justiz
Der Verräter
Bis zum Halse
Hütet euch vor der Diebin des Teufels
Eine unerwartete Herausforderung
Verantwortlichkeiten
Verpasste Chancen
Teil III
Delmonico’s
Vernünftig
King’s Saloon
Unerwartet
Ein Prachtexemplar von einem Mann
Der Verband
Die Geheimnisse des Buchs
Rätselhaftes Dunkel
Mohnblumen
Ganz in der Nähe
Willkommene Nebenwirkungen
Fuchsteufelswild
Die Frau
Die Überreste der Vergangenheit
Zu spät
Ausmanövriert
Die Sirene
Die Weltausstellung
Die Vermessung der Messe
Der Stern des Dschinn
Die Straßen von Kairo
Niemals genug
Umgeben von unsichtbarer Energie
Der Verschleierte Prophet
Teil IV
Das Andenken an ihren Namen
Im Grenzland
Eine neue Ära in der Bowery
Ein blutgetränktes Land
Die Grundfesten der Welt
Der Pike
Die Last der Familie
Nicht wie geplant
Hausfriedensbruch
Seschat
Die Auflösung
Entdeckt
Nichts als Leere
Der Mann des Präsidenten
Die Rückkehr
Die Brauerei
Benedict O’Doherty
Nur ein Mädchen
Unterlegen
Das Geheimnis in der Orchard Street
Der Abwurf
Der Bethesda Fountain
Ein fügsames Mädchen
Die Socialist Workers Party
Der See
Der feine Unterschied
Der geeignete Moment
Der Armreif
Teil V
Es ist ruhig in Uptown
Nachtwanderung
Mitspracherecht
Das Nachspiel
Ferrara’s
Die frisch Erweckten
Libitina
Ein letzter Schachzug
Ein Schwall von Angst
Ins Feuer hinein
Eine Pfingstrose im Tomatenfeld
In die Fluten gezogen
Hilflos
Selbstbetrug
Nah an der Oberfläche
Drohungen und Versprechungen
Desillusioniert
Teil VI
Am Fluss
Bis zum Ende
Tableaux vivants
Ein einziges Mal noch
Gestrandet
Vorbereitungen
Der Teufel im Innern
Die Gala
Vor dem Sturm
Ein alter Feind
Kollateralschaden
Nichts zu verzeihen
Basta
Eine Art Wiedersehen
Der richtige Zeitpunkt
Der Alchemist
Ein Hauch von Magie
Der Ball des Verschleierten Propheten
Hungrig
Der Vorhang wird gelüftet
Circe
Was im Inneren hauste
Seschats Wiederkehr
Lebendig gewordener Albtraum
Das Blitzen einer Klinge
Ein monströses Chaos
Niemals genug
Der Dolch
Schlafwandeln
Discedo
Redite
Anmerkungen der Autorin
Danksagung
Für Olivia und Danielle
Es passiert nicht oft, dass jemand daherkommt, der ein guter Freund ist und ein guter Schriftsteller obendrein.
E. B. White
1902 – New York
Die Diebin kehrte der Stadt den Rücken – und allem, was einst ihr Leben ausgemacht hatte, all den Lügen, die sie mal geglaubt hatte. Der Schmerz zahlreicher Verluste hatte sie zurechtgeschliffen, und die Last der Erinnerung hatte sie zu etwas Neuem geformt, wie einen Diamanten. Mit diesen schmerzhaften Erinnerungen wappnete sich die Diebin für das, was ihr bevorstand, während sie die eindrucksvolle Brücke betrachtete.
Vor ihr lag die dunkle Straße, führte dorthin, wo die Nacht bereits den Horizont verfärbte und ihren Schatten auf flache Häuser und Baumwipfel fallen ließ. Wo sie nie hingelangen würde, jedenfalls hatte sie das gedacht. In Schritten gemessen lag es nicht allzu fern, aber zwischen ihr und dem anderen Ufer verlief die Schwelle – mit all ihrer zerstörerischen Macht.
Neben ihr stand der Magier. Früher war er ihr Feind gewesen, ihr stets ebenbürtig. Und nun war er ihr Verbündeter, und um seinetwillen hatte sie alles aufs Spiel gesetzt und war zurückgekommen. Er schauderte. Ob wegen der kühlen Abendluft an seinen nackten Armen oder wegen der schieren Unmöglichkeit ihres Vorhabens, war schwer zu sagen.
Seine Stimme erklang, ein gedämpftes Flüstern im Wind. »Gerade noch gestern hatte ich vor zu sterben. Ich dachte wirklich, ich sei bereit, aber …« Er sah kurz zu ihr herüber, und in seinen sturmgrauen Augen stand all das, was er verschwieg.
»Es wird klappen«, beruhigte sie ihn, nicht weil sie selbst davon überzeugt war, sondern weil es keine Alternative gab. Die Vergangenheit konnte sie vielleicht nicht verändern, konnte weder die Unschuldigen retten noch ihre eigenen Fehler wiedergutmachen, aber die Zukunft würde sie verändern.
Hinter ihnen näherte sich eine Straßenbahn und ließ den Boden unter ihren Füßen vibrieren.
Hier durfte sie niemand sehen.
»Gib mir die Hand«, befahl die Diebin.
Der Magier sah sie fragend an, aber sie streckte ihm die nackte Hand entgegen, auf alles gefasst. Mit nur einer Berührung könnte er all ihre Hoffnungen und Ängste lesen. Mit nur einer Berührung könnte er sie von diesem Weg abbringen. Am besten fand sie jetzt schon heraus, wo er stand.
Da ergriff er ihre Hand.
Kaum hatte er ihre Haut berührt, knisterte es machtvoll an ihrer Handfläche. Schon früher hatte sie die Wärme seiner Gabe gespürt, aber dies war neu. Eine Woge unvertrauter Energie floss über ihre Haut, tastete sie ab, als suchte sie einen Weg in ihr Inneres.
Das Buch.
Er hatte es zu erklären versucht, sie zu warnen versucht, als sie aus der vermeintlich sicheren Zukunft, in die er sie gesandt hatte, zurückgekommen war. Diese ganze Macht wohnt jetzt in mir, hatte er gesagt.
Sie hatte es nicht verstanden. Bis zu diesem Moment.
Jetzt wurde die wohlbekannte Wärme seiner Gabe überschattet von einer stärkeren Magie, einer Macht, die einst in den Seiten des Ars Arcana eingeschlossen gewesen war, das die Diebin in ihren Röcken verborgen hielt – ein Buch, für das geliebte Menschen gelogen, gekämpft und ihr Leben gegeben hatten. Jetzt kroch seine Macht langsam an ihr hinauf, schloss sich um ihr Handgelenk, fest und schwer wie der Silberreif an ihrem Arm.
Wie aus weiter Ferne meinte sie Stimmengeflüster zu hören.
»Hör auf«, forderte sie zähneknirschend.
Seine knappe Antwort klang angestrengt. »Ich versuch’s ja.«
Seine Miene wirkte gequält, doch seine Augen strahlten; in der Iris blitzten Farben auf, die sie nicht einmal benennen konnte. Er atmete hörbar ein, und kurz darauf erloschen die Farben in seinen Augen, bis sie wieder so sturmgrau waren wie eh und je. Die Wärme, die sich ihr um den Arm wand, zog sich zurück, und die Stimmen, die an der Grenze ihrer Wahrnehmung gekratzt hatten, verstummten.
Gemeinsam setzten sie sich in Bewegung. Fort von ihrer Stadt, ihrer Heimat. Fort von ihren Fehlern, ihrem Versagen.
Sie durchtraten das erste Bogenpaar aus Stahl und Backstein, und jeder Schritt brachte sie ihrem eventuellen Tod näher. So dicht an der Schwelle und ihrer kalten Energie spürte jeder mit einer Gabe für alte Magie die Warnung, auf der Stelle kehrtzumachen. Auch die Diebin spürte sie, spürte die eisigen Ausläufer von verdorbener Macht nach ihr greifen, nach ihrem innersten Wesen.
Aber davon ließ sie sich nicht abhalten.
Zu viel war vorgefallen. Zu viele Menschen waren verloren, und alles nur, weil sie bereitwillig den Lügen geglaubt und sich hatte irreführen lassen. Ein Fehler, den sie nicht wieder begehen würde. Die Wahrheit darüber, wer und was sie war, hatte sich ihr eingeprägt wie mit einem Brenneisen, hatte all die Lügen weggesengt, die sie einst geschluckt hatte. Lügen über ihre Welt. Über sie selbst.
Diese Flamme hatte ihre schmerzende Reue ausgebrannt und lauter Asche und Narben hinterlassen. Der Nachgeschmack all dessen ließ sie auf Rache sinnen. Er stärkte ihre Entschlossenheit, hielt ihre Füße in Bewegung. Denn nach allem, was geschehen war, was sie erfahren hatte, hatte sie nichts mehr zu verlieren.
Nichts – oder alles.
Die Diebin schob die düsteren Gedanken beiseite, holte tief Luft und tastete nach der Leere zwischen den Sekunden, die sie umgaben. Früher hatte sie weder die Zeit selbst noch ihre eigene Fähigkeit, sie zu beeinflussen, als etwas Besonderes betrachtet. Inzwischen war sie klüger. Zeit war das eigentliche Wesen jeden Daseins – Aether – die Substanz, die die Welt zusammenhielt. Nun wusste sie zu schätzen, dass sie alles erspüren konnte – die Luft und das Licht, selbst Materie –, was am Gewebe der Zeit zupfte.
Wie hatte sie das je übersehen können? Es war doch so offensichtlich.
Die Straßenbahn ließ nochmals die Warnglocke läuten, und diesmal zögerte sie nicht, die Sekunden mithilfe ihrer Gabe in die Länge zu ziehen. Während die Welt um sie herum zum Stillstand kam, verstummte das Rumpeln der Bahn. Und die Diebin keuchte auf.
»Esta?« Der Magier klang nervös. »Was ist los?«
»Siehst du es denn nicht?«, fragte sie erstaunt.
Vor ihr schimmerte die Schwelle im Licht der untergehenden Sonne, und ihre Macht wogte in Strahlenbändern aus Energie durch die Luft. Sichtbaren Bändern. Fast schon greifbar. Sie trugen alle nur vorstellbaren Farben, wie jene, die in den Augen des Magiers aufgeschienen waren. Wunderschön. Und schrecklich.
»Komm«, sagte sie und führte den Magier auf die Grenze zu. Sie sah, welchen Weg sie nehmen würden, sah die Leerräume zwischen den sich windenden Tentakeln der Macht, durch die sie unversehrt hindurchschlüpfen würden.
Inmitten der wirbelnden Farben, die feuchtkalte, steife Hand des Magiers in ihrer, bemerkte sie die Dunkelheit. Es begann in ihren Augenwinkeln, wie die schwarzen Flecken, die man nach einem Lichtblitz sieht. Nur feine Schwaden flossen zunächst in ihr Sichtfeld, wie Tinte in Wasser.
Vorhin war es ihr leichtgefallen, die Räume zwischen den Augenblicken zu ergreifen, aber jetzt schienen sie ihr zu entfleuchen, sich aufzulösen, als würde die Dunkelheit sie verschlingen.
»Lauf«, sagte sie, als sie spürte, wie ihr die Zeit entglitt.
»Was?« Der Magier sah zu ihr herüber, und auch in seine Augen kroch bereits die Schwärze.
Sie stolperte. Ihre Beine fühlten sich plötzlich an wie aus Gummi. Die kalte Macht der Schwelle glitt wie eine Klinge über ihre Haut. Alles wurde schwarz, und die Welt um sie herum löste sich in nichts auf.
»Lauf!«
1902 – New York
Die weiße Frau lag im Sterben, und es gab nichts, was Cela Johnson dagegen tun konnte. Cela rümpfte die Nase, während sie sich dem unförmigen Haufen aus dreckigen Lumpen in der Ecke näherte. Es stank nach Schweiß und Urin und irgendwie auch nach Verwesung. Dieser süßliche, schwere Verwesungsgeruch verriet Cela, dass die Frau das Ende der Woche nicht mehr erleben würde. Vielleicht nicht mal den nächsten Morgen. Als säße der Tod persönlich bereits hier im Raum und wartete nur auf den richtigen Augenblick.
Cela wünschte, der Tod würde sich ein bisschen beeilen. Morgen Abend kehrte ihr Bruder Abel zurück, und wenn er die Frau hier vorfand, würde es Ärger geben.
Es war unfassbar dumm von ihr gewesen, die Frau hier aufzunehmen. Was hatte sie vorgestern nur geritten, Harte Darrigans Bitte nachzugeben? Cela mochte den Magier zwar ganz gern – am Theater war er einer der wenigen, die ihr im Gespräch überhaupt in die Augen sahen –, und nachdem sie hinter seinem Rücken die sternenbesetzte Robe für Esta angefertigt hatte, stand sie wohl auch in seiner Schuld. Aber sicherlich nicht so tief, dass sie sich nun mit seiner drogensüchtigen Mutter herumschlagen musste.
Doch Harte war schon immer raffinierter gewesen, als ihm guttat. So wie die Strasssteine, die sie an die Kostüme der Schausteller nähte: Für das Publikum glitzerten sie wie von kostbaren Edelsteinen übersät – aber das lag nur am Licht und am Nebel. Ihre Gewänder mochten hervorragend genäht sein, mit schnurgeraden Säumen und tadellosem Stich, aber all der Glitzer und der Glanz waren unecht. Von Nahem sah man sofort, dass die Steine lediglich aus geschliffenem Glas bestanden.
Ungefähr so verhielt es sich auch mit Harte. Leider ließen sich die meisten vom Glanz blenden.
Aber vermutlich sollte sie von einem Toten nicht so schlecht denken. Sie hatte gehört, was heute Vormittag an der Brooklyn Bridge geschehen war. Er hatte sich an irgendeinem dummen Trick versucht und war stattdessen in seinen eigenen Tod gesprungen. Was bedeutete, dass er nicht, wie versprochen, wiederkommen und seine Mutter abholen würde.
Trotzdem … So aalglatt Darrigan an der Oberfläche auch gewesen sein mochte, so lag darunter doch, genau wie bei den geraden, gleichmäßigen Nähten ihrer Kostüme, etwas Verlässliches, Robustes. Das hatte Cela von Anfang an vermutet, und ihr Verdacht bestätigte sich, als er vor ihrer Tür auftauchte und diese schmutzige Frau im Arm hielt, als wäre sie das kostbarste Gut auf Erden. Sie sollte wohl einfach seinen letzten Wunsch respektieren und seine Mutter auf ihrem Weg ins Jenseits begleiten.
Vor zwei Tagen war die Frau so tief im Opiumrausch versunken, dass sie sich überhaupt nicht gerührt hatte. Aber die Wirkung hatte bald nachgelassen, und sie hatte angefangen zu stöhnen. Ihr Sohn hatte mit Laudanum versetzten Wein für sie dagelassen, doch mit dem war noch vor Sonnenuntergang Schluss – im Gegensatz zu ihren Schmerzen. Immerhin schien sie jetzt zur Ruhe gekommen zu sein.
Seufzend raffte Cela ihre Röcke zusammen und kniete sich auf den dreckigen Kellerboden. Die alte Frau schlief gar nicht. Ihre glasigen Augen starrten hoch zur dunklen Zimmerdecke, und ihre Brust hob und senkte sich in unregelmäßigen Zügen. Ihr flacher Atem rasselte feucht. Ja, Hartes Mutter würde noch heute Nacht sterben.
Vielleicht sollte ihr das zu Herzen gehen, aber sie hatte Harte lediglich versprochen, sich um die alte Dame zu kümmern und ihr Leiden zu lindern, nicht sie zu retten. Schließlich war sie Schneiderin, keine Wundertäterin. Und bei Hartes Mutter – Molly O’Doherty hatte er sie genannt – war jede Hoffnung verloren. Das sah sogar ein Blinder.
Dennoch – egal, wie übel das Leben ihr mitgespielt hatte oder wie sehr sie stank, die Frau verdiente in ihren letzten Stunden ein wenig Trost und Zuwendung. Cela nahm die Schüssel mit sauberem, warmem Wasser, die sie von oben mitgebracht hatte, und strich ihr mit einem feuchten Tuch vorsichtig über die Stirn und die speichelverklebten Lippen. Die Frau rührte sich nicht.
Als Cela sie so behutsam wie möglich gewaschen hatte, hörte sie Schritte oberhalb der Holztreppe.
»Cela?« Das war Abel, ihr älterer Bruder, der eigentlich noch gar nicht zurück sein dürfte. Er war Schlafwagenschaffner bei der New York Central und sollte sich gerade auf dem Rückweg von Chicago befinden, nicht hier im Treppenhaus.
»Bist du das, Abe?«, rief sie, stand auf und strich sich das Haar aus dem Gesicht. In der feuchten Kellerluft kringelte es sich bestimmt schon an den Schläfen. »Ich dachte, dein Zug kommt erst morgen.«
»Hab getauscht, sodass ich einen früheren nehmen konnte.« Er betrat die obersten Stufen. »Was machst du da unten?«
»Ich komme hoch.« Sie schnappte sich ein Glas Pfirsiche als Vorwand für ihren Ausflug in den Keller und stieg die Treppe hoch, bevor er unten ankommen konnte. »Ich hab nur ein bisschen Obst fürs Abendbrot geholt.«
Abe trug immer noch seine Uniform. Die Müdigkeit hatte dunkle Ringe unter seine Augen gemalt – sicherlich von der Doppelschicht, die er für die schnellere Heimkehr in Kauf genommen hatte –, aber auf seinen Lippen lag das Lächeln ihres Vaters.
Abel Johnson senior war ein großer, drahtiger Mann gewesen, der sich seine Brötchen im Schweiße seines Angesichts verdient hatte. Er hatte sein Leben während der Aufstände im Sommer 1900 lassen müssen, nachdem Arthur Harris unwissentlich einen Zivilpolizisten erstochen hatte und verhaftet worden war. Mit der ganzen Geschichte hatte Celas Vater nichts zu tun gehabt, aber in der Woge aus Hass und Zorn, die damals durch die Straßen gebrandet war, war er dennoch untergegangen.
Manchmal schien Celas Erinnerung an ihren Vater schon fast zu verblassen – der Klang seiner Stimme, seines Lachens. Aber zum Glück sah sie sein Lächeln recht oft auf Abes Gesicht.
In solchen Momenten merkte sie immer wieder, wie ähnlich ihr Bruder ihrem Vater sah. Die gleiche hohe Stirn, das gleiche eckige Kinn. Die gleichen Sorgenfalten, der gleiche Ausdruck der Erschöpfung in dem jungen Gesicht nach langen Arbeitsstunden bei der Eisenbahn. Doch es gab auch Unterschiede zwischen den beiden. Die tief liegenden, kastanienbraunen Augen mit den goldenen Sprenkeln und die rötliche Haut – das kam von ihrer Mutter. Celas Haut hatte einen sehr viel dunkleren Ton, eher bräunlich, wie bei ihrem Vater.
Beim Stichwort Abendbrot erhellte sich Abels Miene. »Kochst du mir was Feines?«
Cela runzelte die Stirn. Sie war so damit beschäftigt gewesen, sich um die alte Dame zu kümmern, dass sie es nicht zum Markt geschafft hatte. Das Pfirsichglas war alles, was sie dahatte. »Da ich erst morgen Abend mit dir gerechnet habe, wirst du mit Haferbrei und Pfirsichen vorliebnehmen müssen, wie ich es auch für mich geplant hatte.«
Seine Mundwinkel rutschten herab, und er sah so verzagt aus, dass sie sich ein Lachen verkneifen musste. Sie nahm ihre Röcke zusammen und stieg die Stufen weiter hinauf. »Ach, mach nicht so ein …«
Da ertönte ein leises Stöhnen aus dem dunklen Keller.
Abe erstarrte. »Hast du das gehört?«
»Was denn?« Cela verfluchte sich und die alte Frau gleich mit. »Ich hab gar nichts gehört.« Sie ging noch einen Schritt auf Abel zu. Aber das dumme alte Weib stieß noch ein Stöhnen hervor, bei dem Abe endgültig misstrauisch wurde. Cela stellte sich weiter taub. »Du weißt doch, was für ein altes Gemäuer das ist … bestimmt nur eine Ratte oder so.«
Abel machte sich auf der schmalen Treppe an den Abstieg. »So klingt keine Ratte.«
»Abe«, rief sie, aber da hatte er ihr bereits die Lampe aus der Hand genommen und sich an ihr vorbeigedrückt. Sie schloss die Augen und wartete auf den unvermeidlichen Wutschrei, und als er kam, gönnte sie sich – und Abel – noch einen Augenblick Zeit, bevor sie zurück in den Keller hinunterstieg.
»Was zum Teufel hat das zu bedeuten, Cela?«, fragte er, über die Frau in der Ecke gebeugt. Er hielt sich den Stoff seines Uniformhemds über die Nase. Cela konnte es ihm nicht verübeln. Die Frau stank.
»Das braucht dich nicht zu kümmern«, antwortete Cela und verschränkte die Arme. Dem Magier zu helfen mochte ja eine dumme Entscheidung gewesen sein, aber immerhin ihre Entscheidung. Sosehr Abe sich auch dafür verantwortlich hielt, die Leere zu füllen, die ihr Vater hinterlassen hatte – Cela war kein Kind mehr. Sie brauchte nicht die Erlaubnis ihres großen Bruders für jedes kleine Schrittchen, vor allem, wenn er an fünf von sieben Tagen ohnehin nicht zu Hause war.
»Ich soll mich nicht darum kümmern?«, fragte Abe ungläubig. »Da liegt eine weiße Frau ohnmächtig in meinem Keller, und ich soll mich nicht darum kümmern? Was hast du dir diesmal eingebrockt?«
»Es ist unser Keller«, gab sie zurück. Den ihre Eltern ihnen beiden hinterlassen hatten. »Und ich hab mir nichts eingebrockt. Ich helfe einem Freund.« Sie zog die Schultern straff.
»Du bist mit der befreundet?« Skepsis lag auf Abes Miene.
»Nein. Ich habe einem Freund versprochen, nach ihr zu sehen, bis sie …« Doch irgendwie kam es ihr falsch vor, vom Tod zu sprechen, wenn er bereits hier bei ihnen im Raum saß. »Lange wird sie es doch ohnehin nicht mehr machen.«
»Das macht es nicht besser, Cela. Weißt du, was wir für Schwierigkeiten kriegen können, wenn jemand rausfindet, dass sie hier war?«, fragte Abel. »Wie sollen wir das erklären, dass eine weiße Frau in unserem Keller gestorben ist? Wir könnten das ganze Haus verlieren. Alles könnten wir verlieren.«
»Keiner ahnt überhaupt, dass sie hier ist«, sagte Cela, doch ihr zog sich der Magen zusammen. Warum nur hatte sie sich mit der ganzen Sache einverstanden erklärt? Sie wünschte, sie könnte in der Zeit zurückreisen und sich kräftig ohrfeigen. »Außer dir und mir hat niemand einen Schlüssel für den Keller. Keiner der Mieter da oben weiß irgendwas davon. Und sie werden auch nie etwas erfahren. Sie wird den Sonnenaufgang nicht mehr erleben, und dann musst du dir keine Sorgen mehr machen. Eigentlich solltest du gerade noch nicht mal zu Hause sein«, sagte sie, als würde das irgendetwas an der Situation ändern.
»Du wolltest mich also hintergehen?«
»Es ist genauso mein Haus«, erwiderte sie und drückte den Rücken durch. »Und ich bin keine Vollidiotin. Ich habe eine Aufwandsentschädigung bekommen.«
»Eine Aufwandsentschädigung«, wiederholte Abe hohl.
Sie erzählte ihm von dem Ring, den sie in ihren Rock eingenäht hatte. Die Fassung hielt einen riesigen, makellosen Stein, der vermutlich ein Vermögen wert war.
Abel schüttelte den Kopf. »Und damit läufst du einfach so zu einem feinen Juwelier auf der East Side und verhökerst ihn, richtig?«
Cela sank das Herz. Er hatte recht. Wieso habe ich das nicht bedacht? Diesen Ring konnte sie unmöglich verkaufen, ohne Verdacht zu erwecken. Auch wenn sie das zu diesem Zeitpunkt keinesfalls zugeben würde. »Es ist nur eine Absicherung, mehr nicht.«
»Dieses Haus hier ist unsere Absicherung«, sagte Abel und hob den Blick, als könnte er durch die Decke hinaufsehen ins Erdgeschoss, wo sie selbst lebten, zum ersten Stock, wo Familie Brown wohnte, und bis hoch zum Dachboden, wo eine Reihe Matratzen lag, die sie im tiefsten Winter an unglückselige alleinstehende Männer vermieteten. »Unsere Absicherung besteht im Erbe unserer Eltern.«
Da lag er nicht ganz falsch. Dieses Haus hatte ihr Vater durch harte Arbeit kaufen und abbezahlen können. Es war die Garantie dafür, dass niemand sie aufgrund ihrer Hautfarbe vor die Tür setzen oder ihnen eine zu hohe Miete abknöpfen konnte. Außerdem bestätigte es jeden Tag, welch eine gute Wahl ihre Mutter mit ihrem Vater getroffen hatte, egal, was die Familie darüber dachte.
Die Frau stöhnte wieder. Ihr Atem rasselte, als stehle der Tod selbst ihr die Luft aus der Lunge. Es klang so hilflos und verzweifelt, dass Cela sich unwillkürlich neben sie hockte.
»Cela, hörst du mir überhaupt zu?«, drängte Abel.
Die Frau war noch bleicher geworden. Ihre Augen blickten stumpf und leblos.
Cela berührte zögerlich die kühle Hand, nahm sie in ihre. Die Fingerspitzen unter den Nägeln waren bereits blau angelaufen. »Sie stirbt gerade, Abe. Ihre Zeit ist gekommen, und auch wenn es ein Fehler war, sie hierherzubringen – eine sterbende Frau lasse ich nicht allein, wer sie auch sein mag.« Cela sah zu ihrem Bruder hoch. »Du vielleicht?«
Er verzog unwillig das Gesicht, schloss dann aber die Augen und ließ die Schultern sinken. »Nein, Mümmel«, sagte er leise. Das war ihr Spitzname aus Kinderzeiten. »Natürlich nicht.« Er schlug die Augen wieder auf. »Was glaubst du, wie viel Zeit ihr noch bleibt?«
Cela runzelte die Stirn und blickte auf die gebrechliche Frau hinab. Mit Sicherheit konnte sie das nicht beantworten. Als ihre Mutter vor fünf Jahren an Schwindsucht gestorben war, war Cela kaum zwölf Jahre alt gewesen. Ihr Vater hatte sie bis zum letzten Moment vom Krankenbett ferngehalten, um sie zu schützen. Immer hatte er sie alle beschützen wollen.
»Hörst du, wie ihr Atem rasselt? Ihr bleiben nur noch wenige Stunden … vielleicht auch bloß Minuten. Ich weiß es nicht genau. Jedenfalls nicht lang.« Denn dieses Röcheln war das Einzige, was ihr vom Tod ihrer Mutter in Erinnerung geblieben war. Das kranke, papierdünne Röcheln, das überhaupt nicht klang, als könnte es von ihrer fröhlichen, herzlichen Mutter stammen. »Bevor die Nacht vorüber ist, wird sie von uns gehen.«
Gemeinsam warteten sie still auf den Moment, in dem sich die Brust der Frau ein letztes Mal senkte.
»Was machen wir, wenn sie dann tot ist?«, fragte Abel, nachdem sie sie eine Weile beobachtet hatten. »Wir können sie ja schlecht einfach abholen lassen.«
»Wir warten, bis es tiefe Nacht ist, und dann bringen wir sie zur St. John’s Church auf der Christopher Street«, antwortete Cela, selbst überrascht von dieser Idee. Aber sobald sie ausgesprochen war, kam sie ihr richtig vor. »Die wissen, was zu tun ist.«
Abel schüttelte den Kopf, widersprach aber nicht. Offenbar suchte er gerade nach einer besseren Lösung, als von oben ein lautes Klopfen ertönte.
Ihre Blicke kreuzten sich im flackernden Licht der Lampe. Es war schon nach zehn, viel zu spät für jeden Besuch. »Da ist jemand«, sagte er, als wäre das Cela nicht selbst klar. Aber in seiner Stimme lag dieselbe Sorge, die auch in ihr aufstieg.
»Vielleicht nur ein Gast, der ein Nachtlager sucht«, sagte sie.
»Dafür ist das Wetter zu schön«, murmelte er und starrte hoch an die Decke. Es klopfte wieder, lauter und dringlicher jetzt.
»Einfach ignorieren«, schlug sie vor. »Irgendwann geben sie auf.«
Doch Abel schüttelte den Kopf und kniff die Augen zusammen. »Du wartest hier, und ich sehe nach, was sie von uns wollen.«
»Abe …«
Nie hört er auf mich, dachte sie, während er im dunklen Treppenhaus nach oben verschwand. Wenigstens hatte er ihr die Lampe dagelassen.
Oben überquerten Abes Schritte den Fußboden. Das Klopfen endete, und sie hörte das Gemurmel von tiefen Männerstimmen.
Dann wurden die Stimmen laut.
Plötzlich klang es nach einem Handgemenge, und Cela sprang auf. Doch bevor sie noch zur Treppe laufen konnte, zerriss der Knall einer Pistole die Stille der Nacht. Ein dumpfer Schlag wie von einem leblosen Körper auf dem Boden nahm ihr den Atem.
Nein.
Noch mehr Schritte von oben. Schwere Schritte, wie von schweren Stiefeln. Männer – in ihrem Haus.
Abel.
Sie ging auf die Treppe zu, wollte unbedingt zu ihrem Bruder, doch dann legte sich in ihr ein Schalter um, ein primitiver Instinkt, gegen den sie nicht ankam, rastete ein. Als hätten ihre Füße Wurzeln geschlagen.
Sie musste zu ihrem Bruder. Aber sie konnte sich nicht bewegen.
Die Zeitungen waren voll von Berichten darüber, dass Wachtrupps die Stadt durchkämmten, Wohnungen plünderten und Häuser niederbrannten. Bisher hatten sich die Vorfälle auf die Einwandererviertel nahe der Bowery beschränkt. Westlich vom Greenwich Village, wo ihr Vater dieses Haus zehn Jahre zuvor erworben hatte, waren die Gebäude verschont geblieben. Aber Cela wusste, wie schnell sich der Wind drehen konnte – was letzte Woche noch als sicher galt, musste heute nichts mehr heißen.
Männer in ihrem Haus.
Sie hörte ihre Stimmen, spürte die Erschütterung ihrer Schritte im gesamten Erdgeschoss, während sie sich in den Räumen verteilten. Ein Raubüberfall? Eine Hausdurchsuchung?
Abe.
Alles andere war Cela fast egal. Sie musste nur wissen, ob es Abel gut ging. Sie musste nach oben, aber ihr Körper schien ihrem eigenen Willen nicht mehr zu gehorchen.
Ohne nachzudenken, wandte sie sich ab und ging zu der weißen Frau, die inzwischen eindeutig ihr Leben ausgehaucht hatte. Vorsichtig schloss Cela ihr die Augen, sprach ein kurzes Gebet für ihrer beider Seelen, und dann kletterte sie die kurze Rampe zum Kohlenschacht hinauf.
Cela drückte die Klappe auf und stieg in die kühle Nacht hinaus. Ihre Füße trugen sie fort, bevor sie innehalten oder auch nur ein Gedanke an ihren Bruder oder ihr Elternhaus aufkommen konnte. Selbst wenn sie es versucht hätte, hätte sie nicht mehr stehen bleiben können. Und so war sie bereits um die Ecke und außer Sichtweite, als die Flammen aus den Fenstern des Gebäudes leckten, das ihr einziges Zuhause gewesen war.
1902 – New York
Als Jianyu Lee den Weg von der Brooklyn Bridge bis zur Bowery zurückgelegt hatte, trieben ihn Mordgedanken um. Wie ironisch, dass er ausgerechnet mit einem Mord den Mann rächen wollte, der ihn einst aus der Gosse der Gewalt gerettet hatte. Vermutlich hätte sich Dolph Saunders darüber sogar amüsiert. Aber Dolph war tot. Der Anführer der Devil’s Own und der einzige sāi yàn, der Jianyu nie misstrauisch beäugt hatte wie so viele andere, war von einem seiner eigenen Leute in den Rücken geschossen worden – einem, dem er vertraut hatte. Dem sie alle vertraut hatten.
Nibsy Lorcan.
Jianyu scherte sich nicht darum, ob Esta und Harte es über die Schwelle geschafft hatten. Falls ihr wilder Plan, diese zerstörerische Macht zu durchqueren, aufgegangen war, kamen sie vermutlich sowieso nie wieder zurück. Warum auch, wenn sie auf der anderen Seite ihre Freiheit fanden? Sollte er es jemals aus dieser Falle von einer Stadt herausschaffen, würde er jedenfalls keinen Blick zurück verschwenden. Er würde das erstbeste Schiff nach Osten nehmen, in die Heimat, die er nie hätte verlassen sollen.
Würde das Land wiedersehen, das ihn einst geboren hatte.
Würde die saubere Luft des Dorfs in Sānnìng atmen, wo seine Familie lebte, und all seinen Ehrgeiz begraben.
Früher war er einmal so jung gewesen. So unschuldig in seiner dickköpfigen Zuversicht. Nach dem Tod seiner Eltern hatte sein großer Bruder Siu-Kao ihn aufgezogen. Siu-Kao war fast zehn Jahre älter als er und hatte eine Frau, die nicht nur wunderschön, sondern auch schlau wie ein Fuchs war. Sie hatte seinen Bruder sowohl wegen der Magie in seinen Adern als auch wegen der Ländereien seiner Familie geheiratet. Doch nachdem ihr Erstgeborenes nicht die Spur einer Gabe zu besitzen schien, ließ sie deutlich durchblicken, dass Jianyu in ihrem Haus nicht mehr willkommen war. Als ihm die erste Achselbehaarung spross, war er so wütend über seine Stellung im Haus seines großen Bruders, so begierig, seinen eigenen Weg zu gehen, dass er beschloss zu verschwinden.
Inzwischen begriff er, dass seine Jugend ihn geblendet und seine Magie ihn verführt hatte. Er geriet in eine Meute plündernder Banditen, von denen es in den ärmlichen Dörfern von Gwóng-dūng so viele gab. Dort lebte er eine Zeit lang in völliger Freiheit, verwahrte sich gegen die Kontrolle seines großen Bruders und wählte seinen eigenen Weg. Doch dann hatte er sich zu lange in einer Stadt aufgehalten, ein kleines Nest an den Ufern des Zyū Gōng, und hatte vergessen, dass Magie kein Heilmittel gegen Dummheit darstellte. Mit gerade einmal dreizehn Jahren wurde er beim Einbruch ins Haus eines Händlers erwischt.
Damals konnte er nicht zurück und seinem Bruder gegenübertreten. Er weigerte sich schlicht.
Damals hatte er geglaubt, er müsste seine Heimat verlassen und einen Neuanfang wagen.
Ihm war nicht klar gewesen, dass es Orte gab, an denen Magie eingekerkert wurde. Jetzt wusste er es nur zu gut. Im Gehorsam lag eine Sicherheit, die er damals nicht verstanden hatte; in den Zwängen familiärer Pflichten lag eine Freiheit, die er als Junge nicht zu würdigen gewusst hatte.
Sollte er jemals die Chance dazu bekommen, würde er reuig zurückkehren und das Leben führen, das ihm auferlegt wurde, das Leben, vor dem er weggerannt war. Keinesfalls würde er dieselben Fehler wieder begehen.
Hatte er nicht allein deswegen Dolph Saunders die Treue geschworen, weil eines Tages die Schwelle zerstört sein sollte? Hatte er sich nicht allein wegen der Hoffnung, eines Tages den Weg in seine Heimat zu finden, diesem riskanten Vorhaben angeschlossen? Natürlich wäre es einfacher gewesen, sich den langen Flechtzopf, der so viele neugierige und misstrauische Blicke auf sich zog, einfach abzuschneiden – wie etliche seiner Landsmänner vor ihm. Doch damit hätte er endgültig anerkannt, dass er nie mehr zurückkehren würde.
Esta allerdings hatte ihm von einer Bedrohung erzählt, die jede Rückkehr nach Sānnìng vollkommen sinnlos machte. Falls Nibsy Lorcan sich das Ars Arcana, das Buch, das die Quelle zur Magie selbst beinhaltete, an sich riss, oder die fünf Artefakte des Ordens ausfindig machte – uralte Steine, mit denen der Orden die Schwelle erschaffen und ihre Macht genährt hatte –, wäre der Junge unaufhaltsam. Kein Land, kein Mensch – Mageus wie Sundren – wäre vor seiner Macht sicher. Er würde sich die Sundren unterwerfen, und zwar mithilfe seiner Herrschaft über die Mageus.
Jianyu sah es jetzt als seine Pflicht an, eine solche Zukunft zu verhindern. Wenn er nicht in seine Heimat zurückkehren konnte, würde er sie wenigstens vor Nibsy Lorcan und seinesgleichen beschützen.
Darrigan hatte ihm genaue Anweisungen gegeben: Jianyu musste das erste der Artefakte beschützen – und die Frau, die es bei sich trug. Aber ihm blieb nicht viel Zeit. Bald würde der junge Mann, vor dem Esta sie gewarnt hatte, eintreffen – ein Mann mit der Macht, verlorene Objekte zu finden und in die Zukunft zu sehen. Ein Mann, der zu Nibsys loyaler Gefolgschaft gehörte. Er durfte keinesfalls Kontakt zu Nibsy aufnehmen, vor allem nicht, solange irgendwo in der Stadt einer der Ordenssteine auf seine Entdeckung wartete.
Jianyu würde lieber an fremden Ufern sterben und weit weg von seinen Vorfahren beerdigt werden, als Nibsy Lorcan den Sieg zu überlassen. Er würde das Artefakt finden und diesen Logan aufhalten. Und dann würde er Nibsy umbringen und den Mord an seinem Freund rächen. Oder bei dem Versuch sterben.
Als Jianyu sich seinen Weg durch die Bowery bahnte, roch es stark nach Asche und Ruß. Während der ganzen letzten Woche – seit Dolph Saunders’ Truppe den Orden seiner mächtigsten Artefakte beraubt und die Halle des Chephren niedergebrannt hatte – war der Großteil der Lower East Side von Rauch durchzogen. Als Vergeltung für den Raub war in den ärmsten Vierteln der Stadt ein Feuer nach dem anderen ausgebrochen. Schließlich musste der Orden zeigen, wer Herr im Hause war.
An der Ecke von Hester Street und der breiten Bowery kam Jianyu an den verkohlten Überresten eines Mietshauses vorüber. Auf dem Bürgersteig häuften sich die Überreste zerstörter Existenzen. In diesem Haus hatten Mageus gelebt, Menschen, für die Dolph gesorgt hatte. Jianyu fragte sich, wohin sie gegangen waren und an wen sie sich jetzt wandten, da Dolph tot war.
Auf der anderen Straßenseite, gerade außerhalb des Scheins der Straßenlaterne, lungerten ein paar dunkle Gestalten herum. Paul Kellys Männer. Sundren, alle miteinander; die Five-Pointers hatten vom Orden nichts zu befürchten.
Früher einmal hätten sich die Five-Pointers nie diesseits der Elizabeth Street gewagt oder sich der Bella Strega, Dolphs Saloon, auch nur auf fünf Blocks genähert. Doch jetzt spazierten sie dreist über die Straßen, die Dolph einst beschützte, wie als Absichtserklärung, das Gebiet zu besetzen. Zu erobern.
Das kam nicht unerwartet. Wenn sich die Nachricht von Dolphs Tod verbreitete, würden die anderen Gangs das Territorium, das bisher in der Hand der Devil’s Own lag, für sich beanspruchen. Die Five-Pointers waren in dieser Gegend ebenso wenig eine Überraschung, wie es Eastmans Leute oder irgendwelche der anderen sein würden. Vermutlich würde sogar Tom Lee, der Anführer der mächtigsten Triade in Chinatown, ein möglichst großes Stück vom Kuchen ergattern wollen.
Die Five-Pointers allerdings waren ein anderes Kaliber. Gefährlicher. Rücksichtsloser.
Sie stellten eine neue Splittergruppe innerhalb der Bowery dar, und deswegen kämpften sie umso furchtloser. Doch im Gegensatz zu den anderen Banden hatten Kellys Jungs es geschafft, sich unter den Schutz der Tammany Hall zu stellen. Im letzten Jahr hatten die Five-Pointers Köpfe rollen lassen und Wahllokale überflutet, um eine Marionette der Tammany ins Stadtparlament zu bugsieren, und seitdem sah die Polizei über jedes Verbrechen der Five-Pointers großzügig hinweg.
Schlimm genug, dass Kelly mit den korrupten Bossen in der Tammany gemeinsame Sache machte; doch in den Tagen vor Dolphs Tod waren sie unverfrorener vorgegangen denn je. Ein klares Zeichen, dass etwas im Argen lag. Jeder in der Strega hatte gewusst, dass es in der Bowery brodelte, und dennoch hatte niemand diesem Vorboten genug Aufmerksamkeit geschenkt.
Um sich den Blicken seiner Gegner zu entziehen, machte Jianyu Gebrauch von seiner Gabe und spaltete das Gewebe des Laternenlichts. Er hüllte sich darin ein wie in einen Mantel, sodass die Five-Pointers ihn nicht entdeckten. Im Schutz seiner Magie konnte er etwas entspannen. Sie schenkte ihm Sicherheit in Zeiten, in denen nichts mehr sicher war. Dann ging er einen Schritt schneller.
Ein paar Blocks weiter kam die vertraute goldäugige Hexe auf dem Schild der Bella Strega in Sicht. Für die meisten Menschen, die in der kühlen Nacht ein warmes Plätzchen suchten oder einen guten Schluck gegen den Schmerz eines Lebens am Rande der Gesellschaft, dürfte die Kundschaft der Bella Strega nicht anders ausgesehen haben als die jeder beliebigen Bierhalle oder jedes anderen Saloons in der Stadt. Ob nun legal oder illegal, stellten diese schummerigen Räume für die Armen eine Zuflucht vor den Enttäuschungen und Widrigkeiten ihres Lebens dar. Und doch unterschied sich die Strega von ihnen.
Zumindest früher einmal.
Innerhalb dieser Mauern fühlten sich Mageus aller Art sicher. Hier konnten sie furchtlos zusammenkommen, ohne ihr wahres Ich zu verstecken, weil Dolph Saunders Angst und Intoleranz keinen Raum geben wollte, genauso wenig wie den üblichen Spaltungen zwischen den Bewohnern der Bowery. Die Strega verhieß allen Gastfreundschaft – und Sicherheit – in einer gefährlichen Stadt, selbst Menschen wie Jianyu. An jedem Abend war die Bar erfüllt von verschiedenen Sprachen und unterschiedlichsten Menschen, zusammengehalten von der alten Magie, die in ihren Adern floss.
Das war alles, bevor eine Kugel Dolph ins Grab gebracht hatte, rief Jianyu sich in Erinnerung, während er unter dem aufmerksamen Blick der Hexe hindurchschritt. Jetzt, da Nibsy Lorcan die Devil’s Own befehligte, gab es in diesen vier Wänden keine Garantie mehr für Sicherheit. Vor allem nicht für Jianyu.
Esta zufolge besaß Nibsy die verblüffende Fähigkeit, Querverbindungen zwischen Ereignissen herzustellen und das Ergebnis vorherzusehen. Da Jianyu fest entschlossen war, Nibsys Herrschaft – und seinem Leben – ein Ende zu setzen, war es in der Strega viel zu gefährlich für ihn.
Dennoch hatte Nibsy nicht vorhergesehen, dass Dolph in der Halle des Chephren alle Pläne umgeworfen hatte oder Jianyu vor einigen Stunden zusammen mit Harte Darrigan dessen eigenen Tod auf der Brücke hatte vortäuschen wollen. Vielleicht war der Junge doch nicht so mächtig, wie Esta glaubte, oder vielleicht hatte seine Gabe einfach ihre Grenzen, so wie jede andere Gabe auch. Nibsy zu töten war nicht leicht, aber auch nicht unmöglich. Vor allem, da Viola einem Mann das Leben aushauchen konnte, ohne ihn zu berühren.
Doch das musste warten. Jianyu musste Viola überhaupt erst einmal finden und ihr alles erzählen. Vermutlich glaubte sie immer noch, dass er gar nicht auf der Brücke gewesen war und Harte Darrigan sie alle verraten hatte.
Jianyu ließ die Strega hinter sich. Er hätte die Straßenbahn oder die Hochbahn nehmen können, aber er ging lieber zu Fuß. So konnte er besser nachdenken und Pläne schmieden. Cela Johnsons Vertrauen zu gewinnen, würde ein heikles Unterfangen werden, da sie ihn überhaupt nicht kannte und in dieser Stadt kaum einer seinen Landsleuten über den Weg traute. Cela und den Stein zu beschützen könnte noch schwerer werden, da sie als Sundren keine Ahnung hatte, welche Gefahr der Ring darstellte. Aber er hatte es Darrigan versprochen, und ihm war klar, was alles auf dem Spiel stand. Versagen kam nicht infrage.
Als er das South Village erreicht hatte, bemerkte Jianyu erneut Rauch in der Luft. Je näher er an die Minetta Lane kam, wo Miss Johnson wohnte, desto stärker wurde der Geruch. Eine böse Vorahnung stieg in ihm auf.
Schon bevor er es mit eigenen Augen sah, wusste Jianyu, dass Celas Haus brannte. Flammen leckten aus den Fenstern, und das gesamte Gebäude glühte von innen. Selbst auf der anderen Straßenseite prickelte die Hitze auf seiner Haut, und ihm wurde in seinem leichten Wollmantel warm.
Ganz in der Nähe standen die Bewohner und sahen hilflos zu, wie ihr Zuhause von den Flammen verschlungen wurde. Dicht aneinandergedrängt versuchten sie, die dürftigen Besitztümer zu schützen, die sie hatten retten können; ein Feuerwehrwagen stand in der Nähe. Die Pferde scharrten mit den Hufen, sichtlich nervös angesichts des flackernden Feuers und der wachsenden Menschenmenge. Aber die Feuerwehrmänner taten gar nichts.
Wenig überraschend.
Jianyu wusste, dass die Brandwache mit voller Absicht untätig blieb. Die meisten Feuerwehrmänner waren Iren, aber da die Hungersnot und die gefährliche Schiffsreise hierher oft mindestens eine Generation zurücklagen, betrachteten sie sich als Einheimische. Auf die neuen Einwandererwellen, sowohl aus dem Osten als auch dem Süden, blickten sie ebenso geringschätzig herab wie auf jeden, dessen Haut nicht so hell war wie die ihre, egal, wie lange ihre Familien bereits in diesem Land lebten. Wenn deren Häuser brannten, rückte die Brandwache oft langsamer aus und ging beim Löschen viel weniger Risiken ein. Manchmal, wenn es ihren Zwecken diente, ignorierten sie das Feuer gänzlich.
Sprach man sie darauf an, sagten sie, es sei zu spät gewesen. Den weinenden, verzweifelten Menschen erzählten sie, das Feuer habe sich bereits zu stark ausgebreitet, und allein schon der Versuch, das Gebäude zu betreten, sei zu gefährlich. In einem aussichtslosen Kampf dürften sie ihr Leben nicht aufs Spiel setzen.
Ob das wirklich stimmte, spielte keine Rolle. Das Ergebnis war das gleiche. Selbst jetzt standen die Männer lediglich an ihren Wagen gelehnt, die Arme vor der dunklen Uniform verschränkt, so müßig wie die Messingknöpfe auf ihrer Brust. In ihren glänzenden Helmen spiegelte sich das Licht der Feuersbrunst, während sie dabei zusahen, wie sich ein Wohnhaus in Asche verwandelte. Wahrlich nicht zum ersten Mal – und ganz bestimmt nicht zum letzten Mal.
Immer noch im Schutz seiner Magie, näherte er sich langsam der Menschengruppe und lauschte auf Hinweise, ob Cela sich darunter befand. Seit Jahren schon hatte Jianyu als Dolph Saunders’ Augen und Ohren in der Bowery gedient. Nicht nur aufgrund seiner Gabe, sich völlig unbemerkt durch die Straßen zu bewegen. Nein, er hatte auch ein Talent dafür, Menschen zu verstehen und das herauszuhören, was unausgesprochen blieb – diese Fähigkeit hatte er sich auf seinen Reisen durch Gwóng-dūng angeeignet. Nach seiner Festnahme hatte er einen Neuanfang wagen und dieses Leben hinter sich lassen wollen. Aber in der Hoffnung, dass die Schwelle zerstört werden konnte, hatte Jianyu seine Gabe dann doch wieder für Dolph eingesetzt, um ihn vor drohenden Gefahren zu warnen oder Menschen aufzuspüren, die Hilfe brauchten und nicht wussten, wohin sie sich wenden sollten.
Diese Fähigkeit gebrauchte er jetzt und hörte den Gesprächen der kleinen Menschentraube zu, die die Familie trösten wollte.
»… gesehen, wie sie weggerannt ist, als wären ihr zehn Höllenhunde auf den Fersen.«
»Die kleine Cela?«
»Mhmm-hmm.«
»Ist nicht wahr …«
»Ihr glaubt doch wohl nicht, dass sie das Feuer selbst gelegt hat?«
»Jedenfalls ist sie nicht dageblieben, um mitzuhelfen, oder? Hat die Browns im ersten Stock nicht mal gewarnt.«
»Ich fand ja immer, dass das Mädchen irgendwie merkwürdig ist … ein bisschen zu hochnäsig, wenn ihr mich fragt.«
»Nein, so darfst du nicht über sie sprechen! Sie war ein gutes Mädchen. Hat immer hart gearbeitet. Sie würde niemals ihr eigenes Haus in Brand stecken.«
»Abel war nicht da, oder?«
»Weiß nicht genau …«
»Ihrem Bruder würde sie nie etwas antun. Man kann sagen, was man will, aber Abe hat das Mädchen vergöttert.«
»Wäre ja nicht das erste Mal, dass eine Töle die Hand beißt, die sie füttert. So ein großes Haus? Könnte sie verkaufen und sonst wohin gehen.«
»Abel hätte es niemals verkauft.«
»Aber das sage ich doch … für die Versicherung haben sie gezahlt, genau wie alle anderen.«
»Carl Brown meinte, er hätte einen Schuss gehört …«
Jianyu wandte sich von der Bitterkeit und dem Neid ab, die aus ihren Worten troffen wie Gift. Sie wussten auch nicht mehr als er, außer dass Cela sich nicht im Haus befand.
Der Schuss, das brennende Haus. Vielleicht Celas eigenes Werk, aber wie die Brandwache so reglos herumstand, statt das Feuer zu löschen, kam Jianyu ein anderer Verdacht. Das hier ähnelte zu sehr den Vorfällen in anderen Teilen der Stadt. Die Handschrift des Ordens.
Was bedeutete, dass irgendjemand schon ahnte, dass Cela das Artefakt des Ordens besaß. Solange sie allein und schutzlos in der Stadt herumlief, war sie in Gefahr.
Genau wie sie alle.
1902 – New York
An seinem Tisch im hinteren Bereich der Bella Strega balancierte James Lorcan das Stilett auf der Spitze, während er den Blick durch die Bar wandern ließ. Das Messer hatte früher Viola gehört, aber da er es tief in seinen Oberschenkel gegraben vorfand, beschloss er, er habe es sich verdient. Er beobachtete, wie das Licht von der tödlichen Klinge zurückgeworfen wurde – eine Klinge, die jedes nur denkbare Material durchschnitt –, und dachte über die zurückliegenden Ereignisse nach.
Er war nicht mehr auf einen Sitzplatz an der Seite verbannt, wie noch zu Dolph Saunders’ Lebzeiten. Jetzt saß James am Kopfende – an dem Platz, der dem Anführer der Devil’s Own zustand –, wo er immer schon hingehört hatte, und Saunders lag unter einem kleinen Stück Rasen auf einem Friedhof in der Nähe, wo er seinerseits hingehörte. Aber das reichte nicht. Nicht annähernd.
Am Tisch nebenan saßen Mooch und Werner – harte Jungs aus der Bowery, die einmal Dolph Saunders’ Mal angenommen und den Devil’s Own Treue geschworen hatten. Jetzt sahen sie, wie der Rest von Dolphs Gang, zu ihm als ihrem Anführer auf. Sie spielten Karten mit ein paar anderen. So wie der Aether um sie herum vibrierte und flackerte, bluffte einer aus der Runde – vermutlich Mooch – und würde bald verlieren. Allen Anzeichen nach wussten die anderen das und trieben den Einsatz absichtlich in die Höhe.
Sie hatten James nicht zu der Partie eingeladen, und er hätte auch nicht angenommen. Er hatte nie gern gespielt – jedenfalls nicht solche Spiele. Wie zum Beispiel Schach. Einfach gestrickte Menschen hielten es für eine Herausforderung, aber eigentlich war das Spiel viel zu vorhersehbar. Jede Figur auf dem Spielbrett unterlag ganz bestimmten Einschränkungen, und jeder Zug bescherte dem Spieler nur eine begrenzte Zahl weiterer Möglichkeiten. Jeder, der nicht völlig gehirnamputiert war, konnte die simplen Abläufe erlernen, die zum Sieg führten. Von einer echten Herausforderung konnte keine Rede sein.
Das Spiel des Lebens dagegen war so viel interessanter. Die Spieler waren vielfältiger, die Regeln änderten sich ständig. Und die Herausforderungen, die diese Variablen mit sich brachten – die versüßten den Sieg umso mehr. Denn mit einem Sieg endete es immer, zumindest für James Lorcan. Die Leute waren schließlich nicht endlos tiefgründig. Auch ohne seine Gabe begriff er, dass Menschen ihrem Wesen nach nicht anders waren als Tiere, getrieben von Hunger und Angst.
Leicht zu manipulieren.
Berechenbar.
Ja, auch ohne seine Gabe durchschaute James die menschliche Natur, aber seine Magie half natürlich dabei. Sie schärfte und vertiefte seine Wahrnehmung, und das verschaffte ihm einen Vorteil gegenüber jedem anderen Spieler am Tisch.
Es war keineswegs so, dass er konkret in die Zukunft sehen konnte – er war kein Hellseher. Mithilfe seiner Gabe erkannte er, sehr viel deutlicher als andere Menschen, ganz einfach die Möglichkeiten, die das Schicksal bereithielt. Schließlich waren die Welt und alle ihre Bestandteile durch Aether miteinander verbunden, genau wie Wörter auf einer Buchseite miteinander verbunden waren. Darunter lag ein Muster, wie die Grammatik eines Satzes oder der Aufbau einer Geschichte. Und seine Gabe befähigte ihn, diese Muster zu erkennen. Doch dank seiner Intelligenz konnte er diese Muster zu seinen Gunsten anpassen. Änderte man hier ein Wort, fügte sich der ganze Satz um. Strich man dort einen Satz, bekam die Erzählung eine andere Bedeutung. Womöglich ein ganz neues Ende.
Noch einen Tag zuvor hatte die Zukunft, die er entworfen und angestrebt hatte, in seiner Reichweite gelegen. Mit der Macht des Buchs hätte er die Magie wiederherstellen und den anderen Mageus zeigen können, worin ihre wahre Bestimmung lag – nicht darin, vor stinknormalen, machtlosen Sundren zu kuschen, sondern darin, sie zu beherrschen. Diejenigen zu vernichten, die ihnen die Macht stehlen wollten, mit der sie sich die Welt zu eigen machen konnten. Und allen voran hätte er die Mageus in ein neues Zeitalter geführt.
Doch das Buch war verloren. Er hatte damit gerechnet, dass Darrigan sich zur Wehr setzen würde – hatte sogar seine Flucht eingeplant –, aber dass Darrigan bereitwillig sterben würde, das hatte er nicht vorhergesehen.
Auch Estas Rolle dabei hatte er verkannt, was vielleicht ein Fehler war. Esta hatte er nie so richtig greifen können; ihre Verbindungen zum Aether hatten geflackert und waren von Anfang an unbeständig gewesen. Schlussendlich hatte James sich in ihr geirrt. Schlussendlich hatte sie sich als genauso verletzlich und unnütz erwiesen wie all die anderen Schafe, die Dolph Saunders gefolgt waren.
Ohne das Buch würde dieser besondere Traum womöglich nie Wirklichkeit werden, aber James Lorcan war noch lange nicht am Ende. Solange die Zukunft für jeden, der sich schlau genug anstellte, noch Chancen bereithielt, war sein Spiel nicht verloren. Er mochte vielleicht nicht die Herrschaft über die Magie erlangen, wie er es sich ausgemalt hatte. Womöglich verschwand die Magie sogar völlig vom Angesicht der Erde. Aber für ihn gab es immer noch so viele andere Wege zum Sieg. So viele andere Wege, um die, die ihm seine Familie – und seine Zukunft – genommen hatten, dafür zahlen zu lassen. So viele Wege, um ganz oben zu landen.
Schließlich war Macht nicht immer eine Frage von offensichtlicher Stärke. Man brauchte sich nur anzusehen, was James’ eigenem Vater widerfahren war, der nichts anderes hatte erreichen wollen als Gerechtigkeit für andere Arbeiter wie ihn selbst – sichere Arbeitsbedingungen, ein gutes Gehalt. Er hatte versucht, die Führung zu übernehmen, und sie hatten ihn zermalmt. Hatten James’ Haus niedergebrannt, seine Familie ermordet und ihnen alles genommen. Zu oft hatte James mit angesehen, was passierte, wenn man sich an die Spitze stellte.
Man machte sich zur Zielscheibe.
Er hatte keinerlei Ambitionen, Dolphs Schicksal zu teilen, also würde er seine übliche Methode anwenden. Er würde den richtigen Augenblick abwarten. Mit langem Atem und aus sicherem Abstand würde er zusehen, wie die Kleingeister mühevoll von einem Spielfeld zum nächsten rückten und sich gegenseitig vom Brett fegten. Das kostete nicht viel – hier eine Andeutung, da ein Vorschlag, und die Bandenchefs in der Bowery wären so damit beschäftigt, einander das Licht auszuknipsen und um die Überreste des Ordens zu streiten, dass sie sich um James überhaupt nicht scheren würden. Womit er alle Freiheit besaß, sich um Wichtigeres zu kümmern.
Nein, er war ganz bestimmt kein Hellseher, aber er konnte die Zukunft erkennen, die sich am Horizont abzeichnete. Ohne das Buch würde die Magie endgültig verschwinden, und die Schwelle wäre nur noch ein altertümliches Kuriosum. Welche Macht blieb dem Orden dann noch, obendrein ohne ihre wertvollsten Besitztümer?
Während ihre Macht schwand, würde James seine eigenen Figuren ziehen und ihnen mit einer Sprache gegenübertreten, die sie verstanden: mit der Sprache des Geldes. Des politischen Einflusses. Denn eins war klar: Ohne das Buch wären die Sieger nicht Menschen wie Dolph Saunders, die einer längst verlorenen Vergangenheit hinterhertrauerten, sondern die, die sich eine kühne, gefährliche Zukunft zu eigen machten. Leute wie Paul Kelly, der bereits begriffen hatte, wie er die Politiker zu seinen Zwecken gebrauchen konnte. Und wie James selbst, der wusste, dass Macht – wahre Macht – nicht bei denen lag, die mit Gewalt herrschten, sondern bei denen, die die Fäden in der Hand hielten. Wahre Macht war die Fähigkeit, andere dem eigenen Willen zu unterwerfen, während sie glaubten, ihre Unterwerfung sei ihre eigene Idee gewesen.
Vielleicht sollte James sich nicht länger von dem Buch abhängig machen. Vielleicht ließ sich die Magie nicht retten, aber sein Spiel war längst nicht verloren. Hier ein Zupfen, da ein Schubser, und er würde die Machthaber so auf Trab halten, dass sie überhaupt nicht mitbekämen, woher die eigentliche Gefahr drohte. Und im richtigen Augenblick hielt James Lorcan eine ganz eigene Waffe bereit – ein Geheimnis, von dem Dolph nichts gewusst hatte.
Ein Mädchen, das zum Untergang des Ordens und zum Schlüssel zu James Lorcans endgültigem Sieg werden würde.
1902 – New York
Cela stieg in den Spätzug der Straßenbahn, zog sich den Schal höher ins Gesicht und schluckte ein Schluchzen hinunter. Der Pistolenschuss, so laut und klar und unmissverständlich in der Stille der Nacht, klingelte ihr immer noch in den Ohren. Sie hatte regelrecht gespürt, wie über ihr ein Körper zu Boden gesackt war. Der Aufprall hatte in ihrer Brust widergehallt – dieses Geräusch und die Leere, die es mit sich brachte, würde sie nie wieder vergessen können.
Abe. Sie hatte keine Ahnung, wie sie es zu einem Sitzplatz schaffte, da sie doch kaum Luft bekam, und während die Bahn gleichgültig weiterrumpelte, fühlte es sich an, als klaffte ein riesiges Loch in ihrer Brust.
Sie musste zurück. Sie konnte Abe nicht dort lassen. Ihr Bruder war der einzige nahe Verwandte, der ihr noch geblieben war. Sie musste sich um seine Leiche kümmern und das Grundstück beschützen, für das ihr Vater sich abgerackert hatte … aber sie konnte einfach nicht. Jedes Mal, wenn sie auch nur darüber nachdachte, umzukehren, stieg eine solche Angst in ihr auf, dass ihr ganz schlecht wurde.
Die Straßenbahn fuhr weiter, und Cela überlegte, sich an die Familie ihrer Mutter zu wenden. Sie waren vor einigen Jahren in die West Fifty-Second Street gezogen, hatten Celas Vater jedoch nie so richtig ins Herz geschlossen. Ihre Onkel hatten ihn immer angesehen, als wäre er ihrer Schwester nicht würdig – als wäre er Abschaum. Seit dem Tod ihrer Großmutter gab es zwischen der abwertenden Haltung der Familie und Celas Gefühlen nicht mehr viel Puffer. Irgendwann würde sie bei ihnen aufkreuzen – erfahren mussten sie es ja schließlich –, aber noch verkraftete sie diese Begegnung nicht. Nicht jetzt, da alles noch so frisch war. Da es ihr immer noch zu schwer fiel, das Geschehene in Gedanken zu fassen, geschweige denn in Worte.
Vor allem vor Leuten, die Abe die Schuld an seinem eigenen Tod geben würden; denn genau das hatten sie auch bei ihrem Vater getan. Ihre Onkel wussten nicht, dass Cela sie nach der Beerdigung belauscht hatte, also hatten sie sich nicht zurückgehalten. Sie hatten gemault, dass ihr Vater im Haus hätte bleiben sollen, wo er hingehörte, statt auf der Veranda Wache zu halten, während die wütende Meute die Straßen überflutete. Ihrer Meinung nach hätte ihr Vater nicht so dumm sein sollen, sich ihnen entgegenzustellen.
Ihr Vater hatte die Familie beschützen wollen, genau wie Abe hatte Cela beschützen wollen. Sie wusste, sie konnte ihren Verwandten nicht einmal in die Augen sehen, ohne innerlich das Echo der damaligen Beleidigungen zu hören. Nicht jetzt, da ihre eigenen Schuldgefühle und ihre Trauer ihr Herz so fest im Griff hatten und mit jeder Sekunde wuchsen.
Abgesehen davon – sosehr ihre Familie ihr in der Vergangenheit wehgetan haben mochte, sie waren immer noch ihr eigen Fleisch und Blut. Cela durfte sie nicht in Gefahr bringen. Vielleicht wollten die Männer, die gegen die Tür gehämmert hatten, lediglich das Haus für sich. Es wäre nicht das erste Mal gewesen, dass jemand es für sich beanspruchte. Immer wieder waren Leute mit freundlichen Versprechen gekommen und hatten irgendwelche Papiere aus der Tasche gezogen, und erst ihr Vater, dann ihr Bruder hatten sie immer wieder abgewiesen.
Doch bewaffnet waren sie noch nie gewesen.
Und noch nie hatte im Keller eine weiße Dame im Sterben gelegen. Vielleicht hatten diese beiden Dinge überhaupt nichts miteinander zu tun, aber Cela hatte da so eine Vermutung.
Sie sollte zu ihrer Familie fahren.
Doch es war viel zu spät, um sie aus dem Bett zu trommeln.
Und ihr Onkel würde garantiert fragen, was denn überhaupt los war, und Cela würde die Worte keinesfalls aussprechen können und damit das Geschehene endgültig besiegeln. Noch nicht.
Sie war noch nicht so weit. Und würde es eventuell auch niemals sein, aber vermutlich fiel ihr das Ganze bei Tageslicht ein klitzeklein wenig leichter. Wobei sie sich natürlich auch da irren konnte.
Cela stieg an ihrer gewohnten Haltestelle aus und ließ sich von ihrem Körper in einer Mischung aus Erschöpfung und Erinnerung durch die Straßen leiten. Das Theater war halbwegs sicher, schließlich gehörte es einem reichen Weißen. Niemand würde vorbeikommen und es niederbrennen, und sie kannte das gesamte Gebäude wie ihre Westentasche – falls sie auch hier Schwierigkeiten bekommen sollte, könnte sie mühelos entschlüpfen.
Sie trat durch den hinteren Bühneneingang ein, der ausschließlich von dem Personal benutzt wurde, das jeden Tag für reibungslose Abläufe sorgte. Im Theater herrschte Stille. Selbst der letzte Hausmeister war inzwischen gegangen, und das war auch gar nicht schlecht. Cela wollte nicht unbedingt jemandem über den Weg laufen.
Ihre Kostümschneiderei lag im Keller, also ging sie hinab in ihr Reich. Sie arbeitete oft genug zu so später Stunde noch an einem Projekt, aber wenn sie nicht über irgendwelche Seile oder Requisiten stolpern und sich den Hals brechen wollte, brauchte sie Licht. Sie entschied sich gegen die elektrische Beleuchtung und nahm stattdessen eine der Öllampen, die hier für den Notfall gelagert wurden. Die Lampe hüllte sie in einen kleinen goldenen Lichtschein und erhellte den Weg ein, zwei Schritte vor ihr. Mehr brauchte sie nicht.
Sie stieg die Treppe hinab und zählte wie immer die Stufen, damit sie die dreizehnte überspringen konnte. Ihr zog sich das Herz zusammen – Abe hatte sie deswegen immer geneckt. Sie durchschritt die lautlose Dunkelheit des Kellers und wischte sich die Tränen von den Wangen, bevor sie die kleine Abstellkammer aufschloss, in der sie ihre Werkstatt eingerichtet hatte.
Cela stellte die Lampe auf den Arbeitstisch und setzte sich auf den Stuhl vor der schweren Nähmaschine. Auf diesem einfachen Stuhl mit der geraden Rückenlehne verbrachte sie den Großteil ihrer Tage, hier nähte und schnitt und bestickte sie die Meisterwerke, die der Bühne Leben verliehen. Einen Moment lang verspürte sie gar nichts – weder Angst noch Erleichterung, selbst Leere nicht. Einen Moment lang war sie nur ein Seufzer in der Nacht, umgeben von der Wärme ihres eigenen Körpers. Doch dann brach die Trauer über sie herein, und ein Schrei entrang sich ihrer Kehle.
Mein Bruder ist tot.
Sie ließ den Schmerz kommen, ließ sich von ihm mitreißen an einen düsteren Ort, an den nicht einmal der Schein ihrer Lampe hinreichte. Jetzt hatte sie nur noch die Kleider, die sie am Leib trug, und einen Ring, der zu vornehm war, um ihn zu verscherbeln, wenn sie nicht verhaftet werden wollte – oder Schlimmeres.
Und sie hatte ihre Arbeit …
Und sich selbst …
Sie wollte in der Düsternis verharren, tief unterhalb der Wogen von Trauer, aber ihre Gedanken trieben sie hoch, hoch, hoch … bis sie wieder ihre feuchten Wangen spürte und die Öllampe in der engen Werkstatt sanft leuchten sah.
Abel hätte niemals mit ansehen wollen, wie sie sich so in ihrem eigenen Leid suhlte. Nach dem gewaltsamen Tod ihres Vaters war es ausgerechnet Abe gewesen, der ihr den Arm um die Schultern gelegt und sie zum Weitermachen ermutigt hatte. Sie war ganz betäubt gewesen von ihrem Verlust. Die Stadt, die ihr so vertraut war, hatte ein hässliches Gesicht bekommen, nicht wiederzuerkennen. Und das Leben, das sie sich erträumt hatte, lag mit ihrem Vater begraben. Aber Abe hatte Cela beiseitegenommen und ihr gesagt, dass sie den Mut ihres Vaters mit einem guten, erfüllten Leben ehren sollte. Nur deswegen hatte sie sich nach einer Arbeit als Näherin umgesehen und dann auf eine Anstellung in einem der weißen Theater gedrängt, wo es mehr Lohn – und weniger Respekt vonseiten der Schausteller gab. Dank ihres Talents hatte Cela sich ihren Respekt schließlich hart erarbeitet. Diesen Traum hatte Abel aus dem Grab gerettet und sie dazu gedrängt, ihn weiterzuverfolgen.
Ihren Job, auf den er so stolz gewesen war, hatte sie immer noch, und sie hatte immer noch sich selbst. Sie besaß eine Familie in der Stadt, die Cela in Zeiten der Not bei sich aufnehmen würde, egal, was sie von ihr hielten. Und sie besaß einen Ring, einen wunderschönen Goldring mit einem Juwel, so groß wie ein Rotkehlchenei und so rein wie eine Träne. Das war kein Glas, das wusste Cela ganz sicher. Glas leuchtete nicht so und funkelte auch nicht wie ein Stern, wenn ein Lichtstrahl darauf fiel. Und Glas war nicht so schwer. Selbst im Sitzen spürte sie sein Gewicht in der Geheimtasche, die sie in ihren Rock genäht hatte.
Aber ihr Bruder …
Wieder krampfte sich ihr Herz zusammen. Doch bevor sie sich wieder von der Trauer überwältigen lassen konnte, hörte Cela etwas in der Dunkelheit: Schritte auf der Treppe. Um die Uhrzeit sollte eigentlich niemand mehr hier sein.
Sie griff nach ihrer Schere. Keine richtige Waffe, aber scharf wie ein Messer und ebenso gefährlich.
»Hallo?«
Eine weibliche Stimme. Jetzt fiel Cela auch auf, dass die Schritte leichtfüßig klangen wie die einer Frau. Die Schere legte sie trotzdem nicht weg. Stumm wünschte sie, die Frau möge wieder verschwinden.
»Hallooo?«, flötete die Frau. »Ist hier unten jemand?«
