Die Drucker - Richard Mann - E-Book

Die Drucker E-Book

Richard Mann

0,0
12,90 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Die Handlung des Romans "Die Drucker" beginnt im Jahr 2040. Großfabriken gibt es nicht mehr. Die Fertigung von Bauteilen für Automobile, Flugzeuge oder Haushaltselektronik wird von Heimarbeitern erledigt, die mit 3D-Druckmaschinen in ihren Häusern und Wohnungen ihr Geld verdienen. Sie alle nehmen an diesem Geschäft über eine übermächtige digitale Plattform mit dem Namen CIPE teil. CIPE orchestriert Millionen von 3D-Druck-Heimarbeitsbetrieben und vermittelt zwischen ihnen und den wenigen noch existierenden Großkonzernen, die die produzierten Teile zu Endprodukten montieren. CIPE hat die vielen 3D-Druck-Heimarbeiter (die Drucker), die meistens Amateur-Selbständige sind, im Würgegriff. Doch dagegen regt sich Widerstand in einem oberpfälzischen Dorf. Das Problem: wie viele Orte ist auch dieses Dorf vollkommen von der 3D-Druck-Heimarbeit abhängig. Aber der reiche Digitalkommunist Wittig bietet seine Hilfe an... Literaturnobelpreisträger Gerhart Hauptmann veröffentlichte im Jahr 1892 das Sozialdrama "Die Weber". In seinem Stück geht es um den Strukturwandel, der durch die erste industrielle Revolution ausgelöst wurde; sie ersetzte die Weber-Heimarbeit durch Fabriken mit mechanischen Webstühlen und verursachte soziale Unruhen, die als Weberaufstände in die Geschichte eingingen. Der vorliegende Roman "Die Drucker" überführt Hauptmanns Stück in die Moderne, denn die nun beginnende vierte industrielle Revolution holt die Arbeit wieder aus der Fabrik und bringt sie zurück in unsere Heime. Der Arbeitsalltag der Drucker wird dem der Weber vor fast zwei Jahrhunderten erschreckend ähnlich sein.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 355

Veröffentlichungsjahr: 2020

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



„Menschen mit einer neuen Idee gelten solange als Spinner, bis sich die Sache durchgesetzt hat.“

- Mark Twain

Richard Mann

Die Drucker

Eine Dystopie über Digitalisierung und 3D-Druck aus dem Jahr 2040

© 2020 Richard Mann

Umschlag: Artkrieg

Verlag & Druck: tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg

ISBN

978-3-347-10648-2 (Paperback)

978-3-347-10649-9 (Hardcover)

978-3-347-10650-5 (e-Book)

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Vorwort

Die Digitalisierung, so sagt man, wird viele Menschen arbeitslos machen. Es existiert eine Rangliste von Berufen, die besonders gefährdet sind: Tätigkeiten in der Logistik und der Fertigung beispielsweise stehen ganz oben.1 Das Interessante dabei ist, wie sich die Diskussionen historisch gleichen: Immer, wenn eine technische Revolution die Produktions- und Einkommensverhältnisse verändert, kommt es zu Protesten, Verteufelungen und sozialen Unruhen. Die erste industrielle Revolution war zum Beispiel durch die Einführung von Dampfmaschinen gekennzeichnet und begann Ende des achtzehnten Jahrhunderts in Großbritannien. Weil diese technische Revolution viele Menschen um ihre Arbeit brachte, demolierten Aufständische diese Maschinen. Das wiederum führte dazu, dass das britische Parlament 1812 die Zerstörung von Maschinenwebstühlen sogar unter Todesstrafe stellte2. Die Geschichte kann mit unzähligen weiteren Beispielen dieser Art aufwarten: So wurde die Dampflokomotive von manchen als ein Werk des Teufels verdammt3 und auch dem Automobil begegnete man Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts mit Verboten oder Hass – Jugendliche auf dem Land beispielsweise, bewarfen die Automobile damals mit Steinen4. Man denke auch an weniger auffällige Disruptionen wie die Einführung des Seecontainers, der in den 1950ern die aufwendige Stückgutbe- und -entladung zugunsten des industrialisierten Massenumschlags mittels Container nahezu ablöste5. Auch dies führte zu einer erheblichen Veränderung der Beschäftigung an Seehäfen. Mit der zweiten (Elektrifizierung) und dritten (Automatisierung) industriellen Revolution gingen vergleichbare soziale Disruptionen einher. Sehen wir uns noch einmal an, welche industrielle Revolutionen es bisher gab6:

Nr.

Merkmal

Zeitpunkt

1(.0)

Mechanisierung von Produktionsprozessen7 mittels Dampf- und Wasserkraft (z.B. mechanischer Webstuhl)

Ende des 18. Jhdt.

2(.0)

Elektrifizierung von Produktionsprozessen (z.B. Elektromotor und Fließband)

Ende des 19. Jhdt.

3(.0)

Automatisierung von Produktionsprozessen (z.B. programmierte, roboterisierte Fertigung)

Mitte des 20. Jhdt.

4.(0)

Digitalisierung von Produktionsprozessen (z.B. cyberphysische, vernetzte und selbstlernende Fertigung)

heute

Die Digitalisierung, also die vierte industrielle Revolution, wird zweifellos bestimmte Berufe beziehungsweise Berufsbilder zerstören, aber auch neue erschaffen – warum sollte das bei dieser Revolution anders sein als bei den bisherigen? Das Automobil hat beispielsweise Berufe wie Wagner oder Stellmacher nahezu ausgelöscht, im Gegenzug sind aber unzählige neue Berufe und Branchen rund um das Auto entstanden.

Damit soll aber keineswegs ein rosarotes Bild vom industriellen Wandel gezeichnet werden, denn die vierte industrielle Revolution wird eine spezielle sein. Verantwortlich dafür ist der 3D-Druck, die eigentliche Revolution innerhalb der Digitalisierung; er wird das Ende der Industrie einläuten, wie wir sie kennen8. Dies deshalb, weil der Industrialisierung seit dem Ende des achtzehnten Jahrhunderts, egal ob es die erste, zweite oder dritte Revolution war, immer die Logik der Kapitalakkumulation zugrunde lag. Das heißt, um produzieren zu können, ist beziehungsweise war ein erheblicher Kapitaleinsatz in Form von Maschinen und Flächen notwendig. Industrie 1.0 bis 3.0 bedeuteten deswegen immer die große Fabrik, denn damit sich die Produktion unter massivem Kapitaleinsatz lohnt, mussten diese örtlich zusammengelegt9 und ausgelastet sein, sich also über Masse refinanzieren. Aus diesem Grund sind Skalen- und Verbundeffekte (auch economies of scale/scope) die dominanten Logiken, die diese industriellen Revolutionen begleiteten. Um diese Effekte zu erzielen, trat ein weiteres typisches Merkmal früherer Industrialisierungen auf: die Standardisierung. Um Massenfertigung zu realisieren, bildeten die Fabrikanten Normungs- und Standardisierungsausschüsse, um möglichst viel Gleichartigkeit und damit höhere Skaleneffekte zu erzielen. Auch der Taylorismus ist ein Merkmal dieser Logiken und schon fast eine Art industrielle Ideologie geworden, die in der Grenzkostenrechnung ihre formelhafte Zusammenfassung gefunden hat. Mit dem 3D-Druck ist aber Schluss damit: die Logiken von Skalen- und Verbundeffekten und die Tendenz zur Kapitalakkumulation werden durchbrochen mit einer neuen Fähigkeit, die unter dem Stichwort Batch Size One geläufig ist. Das ist Englisch und bedeutet: Losgröße Eins. Dieses Schlagwort der Industrie 4.0 bedeutet, dass heute mit dem 3D-Druck und neuen Produktionsverfahren, wie der flexiblen Zellenfertigung, auch Einzelanfertigungen wirtschaftlich sinnvoll und erschwinglich sind. Und das ist absolut revolutionär, denn vor der Industrie 4.0 war das nicht möglich. Der 3D-Druck erlaubt das Fertigen eines Bauteils, ohne dass Maschinen aufwendig umgerüstet werden müssen. Umrüstung war bisher nach dem klassischen industriellen Dogma eine Sünde: sie kostete Zeit und damit Geld. Aber nun gilt das nicht mehr, denn am Computer wird das Bauteil konstruiert und kann mit verschiedenen Materialien in verschiedenen Formen im Drucker unmittelbar realisiert werden.

Natürlich braucht es noch andere Elemente der Digitalisierung, um die Revolution komplett zu machen und dazu gehören insbesondere das schnelle Internet und die digitalen Plattformen (wie Uber, Ebay, Airbnb und viele andere). Schnelles Internet sorgt dafür, dass die 3D-Druckmaschinen weltweit verbunden sind und trotz ihrer Dezentralität gemeinsam etwas leisten können. Vermarktet und koordiniert wird dieses Netzwerk aus 3D-Druckmaschinen aber erst durch eine oder mehrere digitale Plattformen. Über diese virtuellen Marktplätze findet sich Angebot und Nachfrage.

Die Kombination aus 3D-Druck, schnellem Internet und Plattformen führt letztendlich dazu, dass die Arbeiten, die früher eine Fabrik vollführte, nun tausende im Netzwerk verbundene 3D-Druckmaschinen leisten können. Ein Kunde, der 3D-Druck-Erzeugnisse benötigt, verschickt über die Plattform 3D-Druck-Dateien an das Netzwerk, die anschließend viele kleine 3D-Druck-Unternehmer verarbeiten und ihr Produkt über Paketdienst und Spedition an den Empfänger senden. Orchestriert eine Plattform tausende in Kellern, Wohnzimmern oder Garagen stehende 3D-Druckmaschinen, dann ergibt das eine virtuelle Fabrik. Dieser Moment wird kommen, dass sich jeder eine solche 3D-Druckmaschine leisten und in die Wohnung stellen kann und wenn sie dort einmal steht, dann werden sich viele denken: „Warum damit nicht Geld verdienen?“ Um genau diesen Moment geht es im Roman Die Drucker: eine Zukunft, in der Deutschlands Wirtschaft auf Millionen über das Land verteilten 3D-Druckmaschinen ruht. Eine Wirtschaft, die den Strukturwandel zur (postindustriellen) Plattformökonomie vollzogen hat.

Plattformen bringen dezentrale Akteure zusammen, Anbieter und Nachfrager, und sorgen für den Abbau von Transaktionskosten: sie stellen Produkt- und Händlerinformationen bereit, standardisieren die Transaktion durch einheitliche Geschäftsbedingungen, sorgen für den elektronischen Vertragsschluss, besorgen Ausschreibungen und bieten ergänzende Dienstleistungen. Das Potential, tausende Heim-Drucker mittels Internet-Plattform zu orchestrieren, um damit den klassischen Fertigungsbetrieben mit ihren erheblichen Fixkosten Konkurrenz zu machen, ist fraglos jetzt schon erkennbar. Solche plattformbasierte Fertigungsnetzwerke aus dezentralen Druckern machen Fabriken alten Stils nicht nur Konkurrenz, sondern über kurz oder lang weitestgehend obsolet. Auf einer Plattform können die Hersteller von Flugzeugen oder Automobilen Druckaufträge einstellen, ausschreiben und dem besten Gebot einen Auftrag erteilen. Dieses Modell der dezentralen Fertigung ist noch nicht realisiert, könnte es aber bald werden. Denn momentan stellen sich die Industrieunternehmen die 3D-Druckmaschinen noch in ihre Fabrikhallen und erblicken in diesen Geräten eine Ergänzung ihres Anlagenparks, verkennen und verpassen damit aber das Potential dieser Technologie: jetzt braucht es nämlich keine teuren Fabrikhallen mehr; einige tausend Wohnzimmer, Garagen, Dachböden oder Keller tun es auch.

Und weil dezentrale 3D-Druck-Fertigung kostengünstiger und flexibler ist als die klassische, zentralisierte Fabrikfertigung, wird die vierte industrielle Revolution zu einer Renaissance einer Produktionsweise führen, die man aus vor- oder protoindustriellen Zeiten kennt: die großflächige Heimarbeit. Vor der ersten industriellen Revolution gab es keine riesigen Fabriken, maximal Manufakturen, die Kleinserien herstellten, aber das meiste wurde in dezentraler Heimfertigung hergestellt. Dieses System ist bekannt unter dem Begriff Verlagssystem. Das hat nichts mit dem Buchverlag zu tun. Der Begriff Verlag kommt von einem Mittler, der Verleger genannt wurde. Das Wort Verlag leitet sich von Vorlage ab, denn der Verleger trat mit Geld (Finanzierung) und/oder Rohstoffen in Vorlage. Von den Heimarbeitern erhielt er dafür Fertigprodukte zurück.

Eine Berufsgruppe, die sinnbildlich für das Verlagssystem steht, waren die Weber. Deren Verleger verteilte Rohstoffe wie Wolle an die Weber, die diese Vorlage als selbständige Heimarbeiter zu Tuch weiterverarbeiteten. In der Abbildung unten ist dieses System dargestellt, wobei in diesem Schaubild noch der Feudalherr hinzukommt, denn im neunzehnten Jahrhundert gab es noch den Adel, der Tribute einfordern konnte – heute macht das der Staat in Form von Steuern und Abgaben:

Abbildung: Das Verlagssystem nach Osburg, F., 1973, Tafelbilder im Geschichtsunterricht, Berlin (DDR), Volk und Wissen Verlag, Seite 33.

Bis die großen Textilfabriken mit ihren mechanischen Webstühlen kamen, was die so genannte erste industrielle Revolution markierte, war die Fertigung von Textilien also dezentral auf Heimbetriebe verteilt. Wenn von Heimarbeit gesprochen wird, dann waren ganze Familien in die Textilproduktion eingebunden: Großeltern, Eltern und Kinder. Die Situation der Weber, die in diesem Verlagssystem operierten, wurde durch die Einführung der Textilfabriken, die mit der Webmaschine arbeiteten, zunehmend prekär, denn die Webmaschine produzierte schneller, oft besser und war produktiver. Also konnten die Verleger nur dadurch mithalten, dass sie die Preise reduzierten, was aber das Ende dieser Produktionsweise nur hinauszögerte. In Deutschland wurde das erst in den 1840ern akut, weil man später industrialisierte als das in Frankreich und Großbritannien der Fall war – Deutschland hatte die Industrialisierung der ersten Stunde nämlich verschlafen. Diese Verelendung der Heimarbeiter im Zuge der Industrie 1.0 wurde nicht nur durch die Arbeiterbewegung, sondern auch in Kunst und Kultur rezipiert; ein Beispiel hierfür sind die Werke des Malers Carl Wilhelm Hübner.

Die soziale Not der Weber kulminierte im Jahr 1844 im sogenannten Weberaufstand im schlesischen Eulengebirge. Die Weber protestierten gegen die feudale Unterdrückung – es herrschte die preußische Monarchie – und die Lohnkürzungen durch die Verleger, die diese aber aufgrund der billigeren und teilweise auch besseren maschinellen Produktion durchführen mussten. Er war nicht der erste seiner Art und fand auch anderswo in Deutschland statt, aber dieser Aufstand bekam eine beachtliche mediale Aufmerksamkeit und die öffentliche Meinung war auf Seiten der Weber10 und kritisierte das harsche Vorgehen des preußischen Militärs gegen die Aufständischen.

Dem Weberaufstand wird zwar eine politische Wirkung auf die Märzrevolution von 1848 zugeschrieben, er konnte aber die Substitution der Heimarbeit durch die maschinelle Fabrikproduktion nicht verhindern. Im politischen Gedächtnis der Deutschen blieb dieser Aufstand aber sehr lange und Gerhart Hauptmann verarbeitete ihn in seinem Sozialdrama Die Weber. Dieses Theaterstück wurde 1892 veröffentlicht und 1894 nach der Aufhebung des Aufführungsverbots in Berlin uraufgeführt. Hauptmann kam selbst aus Schlesien und recherchierte sein Werk vor Ort, sodass von einer hohen Authentizität ausgegangen werden darf.

Der nun folgende Roman Die Drucker arbeitet daher bewusst mit Figuren, die an Hauptmanns Werk angelehnt oder sogar entnommen sind, denn es geht um ein Zukunftsszenario, in dem die Heimarbeit wieder die Norm ist, so wie es bei den Webern der Fall war. Die mittleren und großen Fertigungsbetriebe sind verschwunden und die Menschen haben sich in neuen Formen der Beschäftigung eingerichtet. Digitale Ausbildungsberufe sind entstanden, wie der 3D-Druck-Fachmann, und die Macht der Plattformen ist ins Unermessliche gestiegen – sie orchestrieren eine Armee von Heimarbeitern. Der soziale Konflikt, der in dieser Digitalisierungsdystopie thematisiert wird, besteht zwischen einer dieser übermächtigen Plattformen, die 3D-Druck-Netzwerke steuert, und den Druckern, die von dieser Plattform Aufträge erhalten. Auch der Titel dieses Buches Die Drucker ist daher nicht unbedacht gewählt und soll an das Werk Die Weber anschließen. Die Macht der Plattformen – analog zur Macht der Verleger vor fast zweihundert Jahren – und typische Gewinner- und Verlierergeschichten des Strukturwandels sind also die zentralen Themen des Romans.

Auch wenn die Geschichte fiktiv ist, basiert sie auf aktuellen Forschungsergebnissen zur Digitalisierung und beruht auf drei wesentlichen Annahmen:

I Die Industrie 4.0 führt direkt zurück zur vorund protoindustriellen Landschaft, die durch Kleinstfabriken und Heimarbeit geprägt war. Somit ist die vorindustrielle auch die postindustrielle Landschaft und die Industrie 5.0 wird die digitale Version des vorindustriellen Verlagssystems sein.

II Der 3D-Druck führt zu einer Arbeitsteilung zwischen plattformkoordinierten Kleinstherstellern und Heimarbeitern auf der einen, und den klassischen Großindustriebetrieben auf der anderen Seite. Diese alten Großbetriebe werden sich in Zukunft auf die Endmontage fokussieren, während die Teileherstellung durch die Kleinsthersteller und Heimarbeiter erfolgt.

III Die unterentwickelten oder randlagigen Regionen können von der Renaissance der Heimarbeit profitieren. Konnten sie bisher keine Industrieansiedlung anlocken, sind niedrige Infrastruktur- und Lebenshaltungskosten nun ein Vorteil. Es reichen ein Internetanschluss und ein Logistikdienstleister und man ist an das digitale 3D-Druck-Netzwerk, also die Plattform, angeschlossen. Ganze periphere Regionen, Dörfer, Gemeinden oder Landkreise, können – je nach Auftrag – zu einer gigantischen Fabrik virtuell zusammengeschlossen werden.

1 Studie des IAB. http://doku.iab.de/ kurzber/2018/kb0418.pdf (Aufruf: 07.03.20).

2 https://www.g-geschichte.de/plus/weber-aufstand/ (Aufruf: 07.03.20).

3 https://www.nrz.de/wochenende/die-angst-vor-neuer-technik-ist-so-alt-wie-die-menschheit-id209190935.html (Aufruf: 07.03.20).

4 Siehe hierzu: Fraunholz, U., 2002, Motorphobia: Anti-automobiler Protest in Kaiserreich und Weimarer Republik, Göttingen, Vandenhoeck & Ruprecht.

5 https://finanzkun.de/artikel/die-container-revolution/ (Aufruf: 07.03.20).

6 Nach https://www.tci.de/blog/2016/indus-trie-40-in-der-industrieautomation/ (Aufruf: 07.03.20) und https://www.xn--martina-rter-llb.-de/allgemein/von-der-industrie-1-0-bis-zur-in-dustrie-4-0/ (Aufruf: 25.08.20).

7 Der Begriff „Produktionsprozess“ schließt alle Arten von Geschäftsprozessen ein.

8 https://3druck.com/gastbeitraege/warum-industrie-4-0-keine-revolution-ist-3d-druck-schon-4267190/ (Aufruf: 07.03.20).

9 Örtliche Zusammenlegung zur Vermeidung unnötiger und kostspieliger Transportwege zwischen den Fabriken.

10 In Hauptmanns Die Weber beklagt Dreißiger diese fabrikanten- und regierungskritische Presse gleich im 1. Akt, verarbeitet also historische Fakten aus der Zeit der Weberaufstände.

Prolog

Wir schreiben das Jahr 2040. Um das heutige Wirtschaftssystem zu verstehen, muss man die drei Megaereignisse der letzten zwanzig Jahre kennen, die alles veränderten:

1 Das Platzen der deutschen Exportblase im Jahr 2029 (pünktlich zum hundertjährigen Jubiläum des Black Thursday im Oktober 1929).

2 Die Etablierung der Heimarbeit (Homeoffice), bedingt durch regelmäßige Epidemien wie beispielsweise das Coronavirus aus dem Jahr 2020.

3 Die fortschreitende Digitalisierung.

Ad 1) Als Beschäftigungsturbo setzte die deutsche Bundesregierung lange auf Exportweltmeisterschaft und Außenhandelsüberschuss. Und das obwohl das weise Stabilitätsgesetz aus dem Jahr 1967, welches der berühmte deutsche Wirtschaftspolitiker Karl Schiller initiierte, das außenwirtschaftliche Gleichgewicht vorschrieb. Politik und Wirtschaft erzeugten die Exportblase durch eine für die deutsche Volkswirtschaft unterbewertete Währung, also der Euro, der die Exporte billiger machte als hätte man noch eine nationale Währung wie die Deutsche Mark. Außerdem sicherte ein gewaltiger Niedriglohnsektor wettbewerbsfähige Kosten. Allerdings hatte diese Politik auch ihren Preis: ein ausgeprägter Sozialstaat musste die Folgen der Niedriglöhnerei ausgleichen und den gesellschaftlichen Frieden bewahren, trieb dafür aber die Steuerbelastung für den Mittelstand in ungeahnte Höhen. Die durch den deutschen Außenhandelsüberschuss aus dem Gleichgewicht gebrachten anderen Volkswirtschaften – also unsere Handelspartner - mussten zudem über verschiedene wirtschaftspolitische Maßnahmen auf europäischer Ebene gestützt werden. Hierzu gehörte zum Beispiel der Europäische Stabilitätsmechanismus (ESM), Wertpapierkaufprogramme des Eurosystems (z.B. Public Sector Purchase Programme, PSPP), die in den 2020ern eingeführte Schuldenunion oder andere Hilfen, für die alle im Wesentlichen Deutschland bürgte und letztendlich auch zahlte. Auch diese Maßnahmen kosteten Geld und bescherten den Menschen niedrige Zinsen, Kaufkraftverluste einer immer schwächer werdenden Währung und hohe Abgaben und Steuern. Im Jahr 2029 war dieses System aber am Ende seiner Möglichkeiten angelangt, weil Deutschland zunehmend seine finanziellen Möglichkeiten überstrapazierte und anfing, seine eigenen Exporte zu bezahlen – der Bumerang war endgültig zurückgekehrt.

Ad 2) Coronavirus und andere Epidemien (Pandemien) in den 2020er Jahren trieben die Menschen zurück ins Häusliche, was dazu führte, dass Heim- und Telearbeit (Homeoffice) sich gegenüber der Präsenzarbeit bei den Arbeitgebern langsam durchsetzten. Auch die freiberufliche und selbständige Beschäftigung von zuhause nahm enorm zu, weil die krisengebeutelten Unternehmen nicht mehr langfristig einstellten. Zweitens zeigten die Epidemien die Schwächen der Globalisierung auf, denn die nationalen Spezialisierungen machten gegenseitig abhängig. Somit wurden im Zuge der Pandemiebekämpfung viele Produkte wieder lokal oder regional produziert und bezogen.

Ad 3) An einem bestimmten Punkt waren 3D-Druckmaschinen so erschwinglich, dass sich viele Menschen diese kaufen konnten. Auch das schnelle Internet erreichte nach langer Zeit endlich auch die ländlichen Räume. Zunächst holten sich die Menschen die 3D-Druckmaschinen ins Haus, um Ersatzteile oder Spielzeuge für private Zwecke drucken zu können. Aber zunehmend stellten sie ihre freien 3D-Druck-Kapazitäten auch für andere zur Verfügung. Plattform-Geschäftsmodelle dominierten die Gründerszene und bald fanden sich viele Menschen mit 3D-Druckmaschinen auf Plattformen zusammen.

Fügte man nun diese drei Megaereignisse zusammen, ergab sich folgender Effekt: wegen des Export- und Währungscrashs regionalisierten sich die Volkswirtschaften (auch die deutsche) und versuchten, sich weitestgehend auf den Binnenhandel zu stützen; der Handel mit anderen Staaten wurde auf ein Minimum reduziert und Währungen reformiert; das bedeutete auch, Fertigung aus Asien zurück nach Deutschland zu holen, weil man sie nicht mehr bezahlen konnte. Da aber auch kein Geld da war, um die einst demontierten Industrieanlagen wieder aufzubauen, kam die Stunde eines Herrn Wilhelm Dreißigers und seiner Internetplattform CIPE11, über die 3D-Druck-Aufträge und vieles mehr an Mitglieder mit 3D-Druckmaschinen verteilt wurden. Denn in Zeiten von flächendeckendem schnellem Internet, feinmaschigen Logistiknetzwerken für das Home Delivery und für alle erschwinglichen 3D-Druckmaschinen, konnte man mittels einer orchestrierenden Internetplattform und angeschlossenen, über das ganze Land verteilten Druckern blitzschnell ein fabrikartiges Produktionsnetzwerk aufbauen. Dieses war auch noch wesentlich flexibler und günstiger als eine große, klassische Fabrik mit ihren hohen Fixkosten. Das war das Geschäftskonzept von CIPE, nämlich die 3D-Druck-Heimarbeit großflächig zu etablieren, an der jeder teilnehmen konnte, der eine 3D-Druck-maschine besaß.

CIPE wuchs seit Mitte der 2020er bereits rasant, musste sich aber immer noch der fernöstlichen Billigkonkurrenz stellen. Diesen Kampf gewann CIPE immer öfter für sich, da Kunden gleichartige Massengüter immer weniger nachfragten – der Trend zu Mass Customization und letztlich Batch Size One zerstörte den Kostenvorteil der Fertigung in Niedriglohnländern. Auch verteuerten strenger werdende Umweltauflagen die Fertigung in der zweiten und dritten Welt, denn die Umweltzerstörung in vielen asiatischen Ländern war unerträglich geworden. Ein weiterer Faktor, den man nicht vergessen durfte, war die Klimaausgleichssteuer, die bei Importen aus Ländern mit schlechter Treibhausgasbilanz zu zahlen war. Dem CIPEschen Heimarbeitskonzept kam als auch noch das Klima entgegen.

Somit waren die Voraussetzungen für CIPE bereits sehr gut, aber sie wurden hervorragend als 2029 nach dem Exportcrash nichts mehr ging. Dreißiger besorgte sich einen Termin beim Wirtschaftsminister und danach auch gleich im Kanzleramt und schlug ein Arbeitsbeschaffungsprogramm vor: Millionen von Menschen, die ihre Anstellung verloren hatten, sollten selbständige 3D-Drucker (kurz: Drucker) werden. Er würde dieses Heimarbeitsheer zu einer schlagkräftigen Produktionsarmee dank seiner Plattform machen, die wie eine Fabrik in der Lage war zu arbeiten. Die bereits beeindruckenden Wachstumsraten von CIPE machten den Politikern die Entscheidung einfach – sie akzeptierten sein Programm. Um den Massen-3D-Druck noch attraktiver zu machen, schrieb Dreißiger für das Wirtschaftsministerium auch gleich ein Gesetzespaket, das der Bundestag in einer spärlich besetzten nächtlichen Sitzung geräuschlos absegnete: das Heimarbeitsgesetz war damit abgeschafft, damit die Preisbildung ausschließlich über die CIPE-Plattform zustande kommen konnte. Zudem enthielt das Paket Gesetzesänderungen, wie Unternehmensgründung auf Knopfdruck, Flat Tax, niedrige Pauschalabgaben, einfachste Jahresabschlüsse und Steuererklärungen oder Vereinfachungen des Vertragsrechts im Bürgerlichen Gesetzbuch. Das war nötig, denn Millionen von Menschen wurden bald selbständig und die bisherige Gründungsbürokratie und hohen Unternehmerkosten standen diesem Konzept der Breitenselbständigkeit im Weg.

Dreißigers Konzept schlug ein, denn etwa zehn Jahre später gab es fast keine großen Fabriken mehr. Die großen Produktionsbetriebe, wie die Autokonzerne, Flugzeughersteller und Elektronikgiganten, montierten nur noch das, was sie von den Druckern dezentral herstellen ließen. Zwischen ihnen und den 3D-Druckern standen Plattformen wie CIPE. Nahezu die gesamte Produktion war an 3D-Druck-Plattformen vergeben worden und an diese waren wiederum Millionen über das ganze Land verteilte Drucker angeschlossen. Die Endmonteure konzentrieren sich auf Entwicklung, Design, Montage und Vertrieb. Was von den alten Fertigungsbetrieben übrig blieb, waren kleine und mittelständische Handwerksbetriebe – sie besetzten eine Nische und produzierten das, was 3D-Druckmaschinen nicht herstellen konnten, also meistens sperrige Teile oder solche mit sehr speziellen Anforderungen.

CIPE wurde von Dreißiger Anfang der 2020er gegründet, denn er erkannte das Potential des 3D-Drucks sofort. Auslastung und Skaleneffekte, früher die Maximen der Industrialisierung, waren nun kein Thema mehr. Das CIPE-Geschäftsmodell funktionierte so: CIPE warb um neue Drucker und half Interessenten beim Aufbau ihres 3D-Druck-Heimarbeitsbetriebes. Dieser Gang in die 3D-Druck-basierte Selbständigkeit war für viele eine interessante Möglichkeit, den Lebensunterhalt zu verdienen. Anfangs waren es ehemalige Facharbeiter aus den geschlossenen Fabriken oder Hausleute, die sich etwas dazu verdienen wollten. Später aber wurde daraus der Beschäftigungsstandard – es wurde normal, eine Arbeit als selbständiger Drucker anzustreben, so wie man früher Tätigkeiten auf dem Bau oder im Büro anstrebte. CIPE half auch bei der Finanzierung der 3D-Druck-Ausstattung und stand in Kontakt mit den Herstellern dieser Geräte, erhielt also Großabnehmerrabatte und gab diese an seine Mitglieder weiter. Darüber hinaus bot CIPE 3D-Druck-Lehrgänge an, rüstete also nicht nur aus, sondern bildete auch aus. Dreißiger gewann dadurch nicht nur die Unterstützung der Politik, sondern auch der Menschen, weil er eine Antwort auf die Arbeitsplatzverluste nach dem Exportcrash gab. Im Rahmen des Arbeitsbeschaffungsprogramms von 2030 finanzierte der Staat auch Umschulungen und gewährte Investitionshilfen, wodurch viele Drucker ihren Einstieg bei CIPE samt Erstausstattung und Ausbildung zum 3D-Druck-Fachmann mittels Staatshilfe schafften.

Wer bei CIPE selbständiger Drucker werden wollte, registrierte sich online mit Ausweisdokumenten, Lebenslauf und Bewerbungsvideo und wies die Qualifikation als 3D-Druck-Fachmann nach (eine Facharbeiterprüfung). Viele hatten diese Qualifikation auf der CIPE Academy erworben. Die zweite Stufe war die Gründung des 3D-Druck-Betriebes. Alles, was die Gründung des Unternehmens betraf, lief automatisch über CIPE, die dafür eine Rahmenvereinbarung mit der Bundesregierung abschloss: Steuernummer, Gewerberegister, Berufsgenossenschaft und so weiter – alles papierlos und vollautomatisch, dank dem Gesetzespaket, das Dreißiger diktierte. Notwendige Gebühren und Versicherungen waren bis zu einer bestimmten Umsatzhöhe pauschalisiert und äußerst günstig. Dadurch standen der Selbständigkeit als Drucker kaum Hürden im Weg. Die dritte und letzte Stufe der Zulassung war die Einrichtung einer 3D-Druckmaschine, damit man eben auch etwas drucken konnte. Die Einrichtung erfolgte online mit Zuweisung einer IP-Adresse, wobei für die Maschine auch ein Sachkundenachweis gefordert wurde, den man beim Hersteller erwarb. Das war in der Regel eine einwöchige Gratis-Schulung, da die 3D-Druckmaschinen-Hersteller ihre Geräte absetzen wollten und eine Gratis-Schulung Interessenten anzog. Manche Drucker mieteten oder leasten sich eine 3D-Druckmaschine, andere kauften sie.

Waren alle drei Stufen genommen, konnte man an Ausschreibungen teilnehmen und 3D-Druck-Aufträge annehmen. Das funktionierte so: ein großer Endmontagebetrieb, wie zum Beispiel ein Automobilhersteller, schrieb seinen 3D-Druck-Auftrag auf CIPE aus und die Drucker konnten Gebote abgeben (welche Menge, welcher Preis). Die Plattform vergab die Aufträge dann automatisch nach Zuschlagskriterien, die der Auftraggeber festlegte: Preis/Leistung, Zuverlässigkeit, Bewertung, Erfahrung. Meistens wurde ein umfangreiches Drucklos nicht von einem einzigen Drucker gemacht, sondern es teilten sich manchmal sogar tausende Drucker als eine Art Arbeitsgemeinschaft einen Auftrag. An einem Milliarden-Auftrag einer Werft waren mehr als hunderttausend Drucker beteiligt und mehr als ein Jahr voll beschäftigt.

War ein Auftrag erteilt, ging CIPE in Vorlage, finanzierte das Druckrohmaterial vor, was dann später mit dem Umsatz verrechnet wurde, den der Drucker erwirtschaftete. Bei Auftragserteilung teilte CIPE mit, wann das Rohmaterial per Spedition oder Paketdienst geliefert wurde; bei Auftragsannahme durch den Drucker ging der Druckauftrag online an die Maschine und das beauftragte Teil wurde gedruckt. Der Drucker führte dann am fertigen Produkt erste Qualitätskontrollen durch und reinigte und verpackte die guten Teile nach Anweisung des Auftraggebers. Je nach Druckplan gab es Zwischen- oder nur eine Gesamtlieferung, für die man von CIPE organisierte Paketdienstleister und Speditionen nutzte. Wer zu spät oder mit schlechter Qualität lieferte, bekam schlechte Bewertungen und sogar Vertragsstrafen – mehrfache Probleme führten zur Sperrung auf der Plattform.

Drucker war nicht gleich Drucker: es gab die Erfahrenen und Unerfahrenen, die Gut- und die Schlechtbewerteten. Und darüber hinaus noch unterschiedliche offizielle Level:

• Level A: erfolgreiche Abwicklung von mindestens fünfzig Druckaufträgen auf unterschiedlichen Geräten mit unterschiedlichen additiven Verfahren; mindestens fünf Jahre Mitglied bei CIPE und 90 % positive Bewertungen;

• Level B: erfolgreiche Abwicklung von mindestens 20 Druckaufträgen; mindestens drei Jahre Mitglied bei CIPE und 90 % positive Bewertungen;

• Level C: Anfänger.

Es gab Ausschreibungen auf CIPE, die nur für ein bestimmtes Level zugänglich waren, zum Beispiel nur A oder A und B. Dazu gab es noch unterschiedliche Rollen:

• Drucker: der 3D-Druck-Heimarbeitsbetrieb;

• Betriebsprüfer: ein Angestellter von CIPE, der Außenprüfungen durchführte und auf die Einhaltung der Community-Regeln, Allgemeinen Geschäftsbedingungen (AGB) und technischen Regeln achtete;

• Qualitätsprüfer: ein Angestellter von CIPE oder eines Auftraggebers, der Qualitätsprüfungen des Auftraggebers an bestimmten Druckprodukten, 3D-Druckmaschinen und/oder Druckrohmaterialien durchführte;

• Regionalleiter: er oder sie führte die Betriebs- und Qualitätsprüfer in einer bestimmten Region und betreute auch die in der Region ansässigen Hubs und Drucker;

• Hub: manche Drucker verfügten über ausreichende Räumlichkeiten für Zwischenlagerungen und größere Qualitätsprüfungen und stellten diese Auftraggebern und anderen Druckern zur Verfügung;

• Netzwerksprecher: je nach Anforderung schlossen sich Drucker zu festen Netzwerken zusammen, die gemeinschaftlich für Aufträge Gebote abgaben und diese Aufträge auch gemeinschaftlich abarbeiteten – sie mussten hierzu einen Sprecher ernennen, also den Netzwerksprecher (Netzwerke wurden von CIPE streng geprüft und nur unter bestimmten Voraussetzungen zugelassen).

Die Drucker standen zueinander in Konkurrenz. Natürlich gab es auch Dumpinganbieter, die laufend andere unterboten, wobei viele dieser Dumping-Drucker rasch wieder vom Markt verschwanden, weil sie insolvent gingen oder schlechte Qualität lieferten. Jegliche Versuche, Preise abzusprechen, verfolgte CIPE mittels Algorithmen, persönlicher und Online-Überwachung und bestrafte hart: Vertragsstrafe, Strafanzeige und Sperrung waren die Folge. Da auch der Jahresabschluss des 3D-Druck-Heimbetriebs über CIPE erfolgte, kannte CIPE Gewinne und Verluste seiner Mitglieder genau. CIPE war stets bemüht, immer neue Drucker zu gewinnen und damit die Konkurrenz zu erhöhen. CIPE verlangte von seinen Mitgliedern, 3D-Druckaufträge, die über Konkurrenzplattformen liefen, transparent zu machen. Die CI-PE-Plattform selbst war sehr anwenderfreundlich: es zeigte bei jedem Gebot für einen Auftrag an, wie hoch der Umsatz, der Bruttogewinn und der Nettogewinn waren, sofern die Selbstkosten des 3D-Druck-Heimbetriebs ordentlich in den Stammdaten gepflegt waren und bevor man einen Auftrag bekam, wurde das einem noch einmal vorgerechnet und das System fragte erneut: „Wollen Sie diesen Auftrag zu diesen Bedingungen annehmen?“ Die Drucker wussten also, auf was sie sich einließen, wenn sie einen Auftrag annahmen, zumindest in finanzieller Hinsicht.

CIPE finanzierte sich im Kerngeschäft (3D-Druck-Plattform) über eine Vermittlungsgebühr (Prozentsatz vom Umsatz) sowie durch Zinseinnahmen, denn CIPE verlangte nach einer bestimmten Frist Zinsen für die Vorlage und andere Kredite und Vorleistungen. CIPE generierte 2039 einen Jahresumsatz von 220 Milliarden Mark und verbuchte einen operativen Gewinn von 20 Milliarden Mark. Neben dem Kerngeschäft, der CIPE Platform, gab es noch zahlreiche andere Geschäftsgebiete:

• CIPE Financial (bot Umsatzausfallkredite und andere Finanzierungen);

• CIPE Materials (Marktplatz für gebrauchte 3D-Druckmaschinen, 3D-Druckmaterial und nicht abgenommene Druckerzeugnisse);

• CIPE Capital (3D-Druckmaschinen-Vermietung und -Wartung);

• CIPE Sharing (Tauschplattform für mobiles, tauschfähiges Anlagevermögen);

• CIPE Labs (Forschung und Entwicklung zum Thema 3D-Druck);

• CIPE Academy (3D-Druck-Aus- und -Weiterbildung);

• CIPE Ventures (investierte in interessante Start-ups mit 3D-Druck-Bezug);

• CIPE Designs (unterstützte 3D-Druck-Auftraggeber beim Erstellen von 3D-Druck-Ausschreibungen und -Aufträgen, um diese optimal auf der CIPE-Plattform platzieren zu können);

• CIPE Advisors (Beratung zum Thema 3D-Druck, speziell Produktionsoutsourcing).

Der CIPE-Marktanteil in Europa betrug 59%, das hieß, dass fast zwei Drittel aller 3D-Druck-Aufträge über CIPE liefen – in Deutschland lag der CIPE-Marktanteil noch wesentlich höher.

Die Drucker versuchten manchmal die harten Bedingungen, die bei CIPE herrschten, durch Regelverstöße zu umgehen. Typische Regelverstöße, die die Drucker begannen:

• „schwarze“12 Unteraufträge (man konnte im System auch Unteraufträge an andere Drucker vergeben);

• unerlaubter Handel mit vorgelegtem Druckrohmaterial (meistens wurde teures Material verkauft und durch billiges ersetzt);

• Hacken und Weiterverkauf der 3D-Druck-Vorlagen, die über das System direkt an die Druckmaschinen übermittelt wurden;

• Preisabsprachen;

• Phantomdruckmaschinen anmelden, um Kapazität vorzutäuschen;

• Verkauf von gemieteten Druckmaschinen;

• Schwarzverkauf von Lagerware;

• Schwarzbeschäftigung oder andere strafbare Handlungen.

Regelverstöße wurden hart geahndet und auf einem Arbeitsmarkt, der eigentlich nur noch die Arbeit als selbständiger Drucker hergab, war das ein Spiel mit dem Feuer.

Die Drucker versuchten, ihre Interessen gegenüber CIPE besser durchzusetzen, was zur Gründung einer 3D-Drucker-Interessengemeinschaft (kurz: Interessengemeinschaft oder IG3D) führte. Wer sich jedoch in ihr organisierte, wurde von CIPE unter Druck gesetzt: Mobbing durch wiederholte Betriebs- und Qualitätsprüfungen waren hierbei das Mittel der Wahl, um aufmüpfige Drucker aus der Plattform zu drängen. Die IG3D forderte dabei, den stetigen Zustrom neuer Drucker und damit den Wettbewerbsdruck zu drosseln. Außerdem setzte sich die IG3D dafür ein, die hohen Registrierungs-, Vermittlungs- und Weiterbildungsgebühren gesenkt werden, sowie die Monopole bei den 3D-Druckmaschinen-Herstellern aufgehoben werden, denn CIPE ließ nur bestimmte Hersteller zu, deren Preise für Anschaffung und Wartung erheblich gestiegen waren. Zudem verlangt CIPE für die Vorlage bei den Druckmaterialien/Druckrohstoffen Zinsen, die über dem Marktniveau lagen. Die IG3D hatte wegen des Drucks von CIPE aber zu wenige Mitglieder, um etwas ausrichten zu können.

Die Politik wusste um die Macht von CIPE und die harten Wettbewerbsbedingungen für die Drucker, mochte sich aber mit CIPE nicht anlegen. Denn CIPE sorgte für Beschäftigung, gerade in strukturschwachen Regionen. Den starken Rückgang von klassischen, sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplätzen in der Industrie konnte CIPE jedenfalls mehr als ausgleichen, wenn auch nur durch die weniger sichere Selbständigkeit als Drucker. Und das Versprechen, erhebliches Produktionsvolumen aus Asien wieder zurück nach Deutschland zu holen, hielt CIPE. Dreißiger weigerte sich deswegen, an seinem Konzept irgendetwas zu ändern: CIPE sollte bleiben, wie es war, allen Klagen zum Trotz.

11 CIPE war eine Abkürzung für Cooperative of Independent 3D Printing Enterprises, zu Deutsch: Kooperative Unabhängiger 3D-Druck-Unternehmen.

12 „Schwarz“ bedeutet hier und im weiteren Text so viel wie am System vorbei, unregistriert und unerlaubt.

Einleitung

Dreißiger saß Ende Dezember 2040 in seinem Büro in München und genoss den Ausblick auf die schneebedeckten Alpen. Der mittlerweile Sechzigjährige hatte es geschafft – er leitete das wertvollste Unternehmen der Welt und ging bei den mächtigsten Menschen ein und aus. Sein vollverglastes Büro im zehnten Stock – dem höchsten im Gebäude – hatte einen eigentümlichen Stil: moderne Stahl- und Glaskonstruktion verband sich mit Landschaftsmalereien aus seiner schwäbischen Heimat. Bei CIPE hatte er den Vorstandvorsitz mittlerweile an seinen Sohn abgegeben und nun fungierte er als Aufsichtsratschef. Es war sein Lieblingstag in der Woche: der Freitag, der den Gang ins Wochenende bedeutete, das ihm auch als Unternehmer stets heilig geblieben war.

Für den Vormittag hatten sich zwei Journalisten einer großen süddeutschen Zeitung für ein Interview angekündigt. Und danach würde er direkt in sein Stammhotel in den Bergen fahren, wo er das Wochenende häufig verbrachte und ein festes Zimmer hatte, in dem nur er wohnte. Ansonsten stand es leer.

Mitten in seine Tagträumerei meldete die Assistentin die Journalisten an. Eine Frau Pellham und ein Herr Jürgens. Dreißiger empfing sie am Besprechungstisch, der aus grobem Holz gemacht war und an einen Wirtshaustisch erinnerte – er mochte es deftig und gemütlich. Der Catering-Service der CIPE-Zentrale brachte Erfrischungen, die Gesprächspartner setzten sich, die Journalisten bereiteten ihre Aufnahmegeräte und Notizblöcke vor und das Interview konnte beginnen: „Herr Dreißiger, wir danken Ihnen, dass Sie sich für ein Interview bereit erklärt haben…so kurz vor Weihnachten. Ich denke, dass Ihr Wechsel in den Aufsichtsrat ein exzellenter Zeitpunkt für dieses Gespräch ist“, meinte Frau Pellham.

„Da gebe ich Ihnen recht. Ansonsten wäre es auch schwierig gewesen, denn ein CEO-Posten lässt einem kaum Zeit zum Atmen. Ich hoffe, mein Sohn macht es besser als ich, denn ich tat mich immer schwer, mich aus dem operativen Geschäft herauszuhalten.“

„Das hört man von vielen Unternehmensleitern, vor allem wenn sie zugleich Gründer sind. Aber dann können wir auch gleich einsteigen. Vielleicht beginnen wir mit der Frage, wie Sie sich jetzt fühlen, vor allem mit der Zeit, die Sie jetzt haben?“, fragte Herr Jürgens.

Dreißiger dachte kurz nach und sagte dann: „Einsam wäre zu negativ, aber manchmal stellt sich mir die Sinnfrage. Oder anders: Zeit zu haben ist ein Luxusproblem, denn ich hatte noch nie Zeit in meinem Leben. In meinen Zwanzigern und Dreißigern war ich ein besessener Angestellter, der sich in einem unbefriedigenden Job verbrannte. Als ich mit vierzig Jahren meine Anstellung verlor, bin ich ein Jahr lang kaum aus dem Haus gegangen. Das war auch kein Leben. Dann entwickelte ich am Küchentisch das Konzept für CIPE und setzte es um. Die nächsten zwanzig Jahre lebte ich nur für dieses Unternehmen und meine Idee – und jetzt muss ich mir erstmal ein neues Projekt suchen.“

„Muss es denn immer ein Projekt sein?“, fragte Frau Pellham.

„Wissen Sie, ich kann mit mir selbst wenig anfangen. Wenn ich zu viel Zeit habe, fange ich an zu grübeln, und das ist nicht gut, da ich auch ein wenig zu Depressionen neige. Arbeit war und ist auch Therapie für mich“, antwortete Dreißiger.

„Es gibt Leute, die sagen, dass die Depressionen auch ein Ergebnis des Raubbaus sind. Verzeihen Sie mir die provokante Fragestellung, aber Ihr Leben klingt nach Raubbau an sich selbst. Und kritische Stimmen sagen, dass CIPE Raubbau an den Druckern ist. Schlechtes Gewissen?“, fragte Frau Pellham.

Dreißiger lachte – noch vor zehn Jahren hätte er jeden für diese Frage zum Abschuss freigegeben, aber heute konnte er darüber lachen: „Schlechtes Gewissen. Warum?“

„Die Interessengemeinschaft der Drucker, die IG3D, wirft Ihnen vor, mit CIPE einen Quasimonopolisten aufgebaut zu haben, der einen ruinösen Wettbewerb unter den Druckern entfachte, also den Auftragnehmern der Plattform. Außerdem schmälern die zahlreichen Gebühren angeblich den Gewinn der Drucker und würden viele ruinieren“, ergänzte Jürgens.

„Dem kann ich nicht zustimmen: der durchschnittliche Drucker macht etwa 130.000 Mark Umsatz. Nach Abzug der Herstellkosten und der Gebühren bleibt ein durchschnittlicher Bruttogewinn von etwa 45.000 Mark. Davon muss er Gemeinkosten, Gehalt, Steuern und Finanzierung begleichen. Das wirkt auf mich nicht wie Abzocke. Und viele verdienen außerhalb von CIPE noch dazu.“

„Kann man von 45.000 Mark gut leben, wenn man davon noch Betriebskosten, ein kalkulatorisches Gehalt und Finanzierung begleichen muss? Sie setzen in Ihrem Nachhaltigkeitsbericht einen kalkulatorischen Unternehmerlohn an, der an der amtlichen Armutsgrenze liegt. Ich fasse das anders zusammen: Sie gehen also selbst davon aus, dass der durchschnittliche Drucker bei CIPE an der Armutsgrenze kratzt?“, fragte Jürgens nach.

„Wer Vollzeit-Drucker ist, kann davon gut leben. Man muss entsprechend viel arbeiten und Aufträge annehmen. Der Durchschnitt wird von solchen Druckern gesenkt, die nur Teilzeit aktiv sind und noch anderweitige Einkommensquellen haben. Und bitte nicht vergessen: wir sind kein Arbeitgeber, sondern Vermittler von Aufträgen. Die auftragnehmenden Drucker handeln eigenverantwortlich und steuern ihre Finanzen damit auch selbst“, antwortete Dreißiger und nippte immer wieder an seinem grünen Tee, der gut für sein Herz sein sollte, aber er mochte ihn nicht wirklich.

„Manche meinen aber, dass Sie aufgrund Ihres hohen Marktanteils Arbeitgeberfunktionen übernehmen und daher den Mindestlohn sicherstellen müssten?“ Es war wieder Frau Pellham, die nachbohrte. Sie war in dem Gespräch scheinbar der Bad Cop.

„Hierzu gab es bereits Gerichtsverfahren und diese gingen immer zugunsten von CIPE aus. Wir haben viele Drucker, die noch in der Angestelltenmentalität verhaftet sind. Manche verstehen nicht, dass man als Unternehmer nicht nur arbeiten, sondern sich auch seine Arbeit besorgen muss. Genau diese Leute – die Negativbeispiele – halten dann ihr Gesicht in die Kamera und klagen und jammern, wie unfair die Welt angeblich sei. Niemand ist gezwungen, bei CIPE mitzumachen. Es gibt auch andere Plattformen“, antwortete Dreißiger.

Die Journalisten blieben kritisch und Pellham entgegnete: „Da liegt für viele das Problem: fast zwei Drittel der europaweiten 3D-Druckaufträge laufen über CIPE. Viele Endmonteure wie Elektronik- und Automobilhersteller arbeiten nur noch mit CIPE.“

„Die niedrigste Form der Kritik ist, wenn man anderen ihren Erfolg zum Vorwurf macht. CIPE hat einfach ein Konzept, das viele 3D-Druck-Auftraggeber restlos überzeugt. Ansonsten gilt bei CIPE das Prinzip von Angebot und Nachfrage. Ich weiß, dass die IG3D gerne möchte, dass wir CIPE für einige Jahre für neue Drucker sperren. Was soll das denn? Sie macht mir den Monopolvorwurf, will aber letztendlich selbst das gleiche. Wir hatten schon mehrere Fälle von nachweislichen Preiskartellen unter den Druckern, was eindeutig gegen das Gesetz ist. Das Konzept von CIPE ist gesetzeskonform und steht allen offen. Ich kann also die Kritik nicht nachvollziehen und die Interessengemeinschaft verfolgt unlautere Ziele: sie will ein Preiskartell etablieren und andere Menschen von der Teilnahme am Erfolgsmarkt 3D-Druck abhalten. Wäre das fair? Glauben Sie mir: die IG3D ist kein selbstloser Robin Hood.“ Man sah Dreißiger einen steigenden Blutdruck an, denn sein Kopf wurde röter.

„Die Wahrheit liegt wohl irgendwo in der Mitte“, antwortete Jürgens.

Aber Dreißiger ergriff sofort wieder das Wort: „Nein. CIPE ist den Regeln des Marktes verpflichtet. Mehr können wir nicht tun. Wir vermitteln nur Aufträge. Außerdem bieten wir den Druckern umfangreiche Finanzdienstleistungen und Absicherungen, wie zum Beispiel den Umsatzausfallkredit – wenn ein Auftraggeber nicht wie geplant die Druckerzeugnisse abruft und dadurch der Umsatz sich verzögert, dann springen wir ein. Wo gibt es das denn sonst noch?“

„Was Sie sich aber auch gut verzinsen lassen, genauso wie die Vorlage“, entgegnete Pellham.

„Die Zinsen von CIPE Financial bewegen sich im marktüblichen Bereich zwischen sechs und zwölf Prozent. Wir vergeben auch Kredite an Drucker, die bei keiner anderen Bank einen Kredit bekommen würden“, antwortete Dreißiger trocken. „Schauen Sie sich an, wie die Unternehmensfinanzierung früher war: wenn ein Mittelständler einen Großauftrag bekam, dann rannte der erstmal zu seiner Hausbank und beantragte einen Kredit, denn selbst in Vorleistung zu gehen, war für 90 % der Betriebe Normalität. Bei CIPE gehen wir für die selbständigen Drucker automatisch in Vorlage und kaufen ihnen das Produktionsmaterial ein. Von so einem System träumten die Unternehmer früher.“

„Die Interessengemeinschaft…“, begann Jürgens, wurde aber von Dreißiger unterbrochen.

„Die IG3D verlangt von uns, einen sozialen Schiedsrichter zu spielen, wie ein Staat im Staat, aber was passiert dann? Ich sage es Ihnen: es gibt eine neue Plattform mit geringeren Standards, und dann wandert die Nachfrage eben zu dieser. Und dann sind wir wieder da, wo wir heute sind. Wir haben heute über eine Million registrierte Drucker. Wir bieten diesen Menschen einen geregelten Markt, einen einfachen Einstieg in die Selbstständigkeit. Eine Reichtumsgarantie können wir nicht geben. Keine Plattform kann das. Und was den Mindestlohn betrifft: wie sollen wir das praktisch machen? Dazu müsste ich die Drucker laufend überwachen und die Stunden genau registrieren. Aber während die Druckmaschine läuft, können die Drucker auch andere Sachen machen. Das heißt, die Laufzeit der Druckmaschine kann ich nicht nehmen, denn die laufen selbständig. Außerdem würde ich das unternehmerische Prinzip untergraben: soll ich einem Drucker, der viel Umsatz und viel Gewinn macht, seinen Gewinn wegnehmen und anderen geben, also umverteilen? Die würden CIPE dafür verlassen, das heißt ich verliere dadurch die Guten und Tüchtigen und am Ende bleiben mir die Schlechtleister. Dann kann ich CIPE zusperren. Hören Sie: diese Versuche, den Markt abzuschaffen, gab es in der Geschichte oft und alle sind gescheitert. Ich werde es bei CIPE bestimmt nicht versuchen.“

„Wie gehen Sie mit dem Vorwurf um, dass wegen CIPE nicht nur die Heimarbeit, sondern auch die Kinderarbeit zurückgekehrt ist?“, fragte Pellham.

„Was meinen Sie mit Kinderarbeit?“, wollte Dreißiger wissen.

Die Frage erregte ihn sichtlich, denn er fasste sich mehrmals nervös ans Kinn, was Frau Pellham gleich auffiel und sie erklärte den Hintergrund ihrer Frage: „Viele 3D-Druck-Heimarbeiter lassen auch ihre Familienangehörigen mitarbeiten, darunter auch Kinder, um das notwendige Volumen zu schaffen. Nur dann erzielen sie einen ausreichenden Umsatz.“

„Bei CIPE können nur volljährige Personen ein 3D-Druck-Unternehmen registrieren“, antwortete Dreißiger jetzt abgeklärt. „Alle Drucker haben einen Ethikcode unterschrieben, der illegale Beschäftigung untersagt. Wo die Beschäftigung gegen gesetzliche Vorschriften verstößt und wir davon Kenntnis erlangen, führt dies zu einem Ausschluss von CIPE. Wir können nur Betriebsprüfungen durchführen und haben keine polizeilichen Vollmachten. Sollten Sie oder Ihre Leser Kenntnis über illegale Beschäftigung in Verbindung mit CIPE haben, müssen Sie das der Polizei oder der Gewerbeaufsicht melden.“

„Wohin soll die Reise von CIPE gehen?“, fragte Pellham.

Dreißiger registrierte wohlwollend, dass seine Interviewpartner einen Themawechsel einleiteten, um das Gespräch zu entschärfen. Ihm ging dieses Gejammere und die Hetze der Interessengemeinschaft auf die Nerven: „CIPE wächst in Deutschland jedes Jahr um etwa 5 bis 10 %. Wir haben auf jeden Fall vor, dass Geschäft mit den Dienstleistungen auszubauen und hierzu ging erst vor kurzem unsere Beratungseinheit CIPE Advisors an den Markt. Außerdem wollen wir noch mehr für die Bildung tun und streben für die CIPE Academy die staatliche Anerkennung als Hochschule und vielleicht sogar als private Universität an. Damit können wir Studiengänge im 3D-Druck- und Plattformgeschäft anbieten und auch die Forschung und Entwicklung auf eine ganz neue Stufe heben.“

„Sie haben kürzlich in den Aufsichtsrat gewechselt und die Firmenleitung Ihrem Sohn übertragen, der erst fünfundzwanzig ist. Sehr viel Verantwortung für eine sehr junge Person. Wie macht er sich?“, fragte Jürgens und verdeutlichte, dass dies die letzte Frage des Tages war.

„Ich hätte mit Sicherheit nicht jeden Fünfundzwanzigjährigen in diese Position gehoben, aber meinen Sohn schon. Wir sind ja außerdem ein Familienunternehmen – die Dreißiger-Holding hält 51 % der Aktien. Und die Gründer dürfen nie den Fehler machen, den richtigen Zeitpunkt für die Stabübergabe zu verpassen. Das passiert leider oft. Meinem Sohn stehen außerdem ich und natürlich eine Reihe fähiger Manager zur Seite. Wir sind gut aufgestellt, wie das im Managementsprech so schön heißt. Ich bin zufrieden.“

„Herr Dreißiger – wir danken Ihnen für das Gespräch und Ihre wertvolle Zeit.“

„Ich danke Ihnen“, antwortete Dreißiger freundlich. „Zahlen und Fakten über CIPE können Sie im Anschluss mit unserem Pressesprecher abklären.“

Kapitel 1 – Der Großauftrag

I

Robert Baumert, ein gemütlicher, bodenständiger Mittvierziger, war Bürgermeister von Kleinaffing, einer Gemeinde mit etwa tausend Einwohnern im Landkreis Cham in der Oberpfalz. Der Ort verfügte über einen kleinen aber feinen Fremdenverkehr, da er noch in den Nordausläufern des Bayerischen Waldes lag. Im Dorf wohnten noch einige seiner Verwandten, davon der engste sein Bruder Sepp (offiziell Joseph). Robert lebte mit seiner Frau Maria und seinen beiden Töchtern auf dem Bauernhof seiner Eltern, die vor einigen Jahren verstorben waren. Nach der Aufgabe der großen Landwirtschaft vor etwa sieben Jahren, stieg auch er in das 3D-Druck-Geschäft ein und besaß mittlerweile zehn Druckmaschinen, die alle im ehemaligen Stall untergebracht waren. Robert war mittlerweile A-Level-Drucker und auch ein Hub, hatte es also in der CIPE-Hierarchie zu etwas gebracht. Dreißigers Interview, das er in der Wohnküche las, ließ ihn aber laut fluchen.

„Gut, dass die Kinder in der Schule sind“, meinte Maria, die gerade die Weihnachtsplätzchen backte und nebenbei noch das Mittagessen machte.

„Ach, der Dreißiger. Gut, ein bisschen recht hat er schon, aber zu behaupten, dass CIPE seine Marktmacht nicht ausnutzt, ist einfach gelogen. Übrigens: Wenn die Kinder zurück sind, müssen sie mithelfen. Ich habe heute noch einen Auftrag abzuschließen. Da brauche ich sie zum Verpacken.“

„Ja, aber lass sie nicht zu lange arbeiten“, sagte Maria.

Robert sah erzürnt auf und antwortete: „Meinst du, das macht mir Spaß? Mir wäre es auch lieber, die könnten den ganzen Tag spielen. Aber Bürgermeister bin ich ja auch noch – sonst würde ich es selbst machen. Und du weißt, wie hart die Strafen bei Verzug sind.“

„Ja, weiß ich.“

Robert stand auf, ging zu seiner Frau, umfasste ihre Hüften und sprach leise: „Wir müssen den Umsatz machen. Sonst lohnt sich die Investition in die neuen Druckmaschinen nicht. Irgendwann wird das besser. Versprochen.“

„Passt schon. Ich weiß es doch auch. Aber ich wünsche mir einfach mal wieder ein normales Leben und Freizeit.“

„Frag mich mal. Haben wir aber früher auch nicht gehabt, als wir noch eine Landwirtschaft hatten.“

Robert ging wieder zurück in den Stall, wo die 3D-Druckmaschinen brav vor sich hin ratterten. Der Auftrag eines großen Automobilendmonteurs musste fertig werden. Das ganze Dorf arbeitete daran. Die tausend Kleinaffinger lebten auf etwa dreihundert Haushalte verteilt, wovon zweihundert 3D-Druck-Heimarbeit betrieben und für die meisten war dies die einzige Einkommensquelle. Das ganze Dorf hatte sich vor einem halben Jahr zu einem Bieternetzwerk zusammengeschlossen, auf CIPE für den Automobilauftrag geboten und den Zuschlag erhalten. Weil Robert das einzige Hub im Ort war, brachten alle Einwohner zu ihm ihre verpackten Druckerzeugnisse, wo sie von einer Spedition einmal die Woche abgeholt wurden.