Verlag: dotbooks Verlag Kategorie: Gesellschafts- und Liebesromane Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2019

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E-Book-Beschreibung Die Druidin - Birgit Jaeckel

Eine fesselnde Saga voller Geheimnisse, Intrigen und Gewalt: der historische Roman »Die Druidin« von Birgit Jaeckel jetzt als eBook bei dotbooks. Wohin kannst du gehen, wenn dir deine Heimat genommen wird? Süddeutschland im Jahre 120 vor Christus: Die Geschicke der Menschen werden von machthungrigen Fürsten und Druiden bestimmt. In dieser gefährlichen Zeit erlernt das Waisenmädchen Talia die Kunst des Heilens. So entdeckt sie, welche besondere Gabe in ihr schlummert – sie vermag, in die Seelen der Menschen zu sehen. Aber darf eine Frau solche Macht besitzen? Der oberste Druide wird zu Talias erbittertem Feind; ihr bleibt keine andere Wahl, als zu fliehen. An der Seite des jungen Kriegers Atharic gelangt sie nach Alte-Stadt und findet Aufnahme im Haus des Stammesherren Caran. Doch den verbindet ein dunkles Geheimnis mit ihr … Eine junge Frau auf der Suche nach einer sicheren Zukunft, eine verbotene Liebe und Gegenspieler, die keine Skrupel kennen: »Ein phantastischer Roman, der den Leser wie magisch in die Zeit 120 v. Chr. hineinzieht.« Frankfurter Stadtkurier Jetzt als eBook kaufen und genießen: „Die Druidin“ von Birgit Jaeckel, ein packendes historisches Lesevergnügen über die Zeit der Kelten und Germanen. Wer liest, hat mehr vom Leben: dotbooks – der eBook-Verlag.

Meinungen über das E-Book Die Druidin - Birgit Jaeckel

E-Book-Leseprobe Die Druidin - Birgit Jaeckel

Über dieses Buch:

Wohin kannst du gehen, wenn dir deine Heimat genommen wird?

Süddeutschland im Jahre 120 vor Christus: Die Geschicke der Menschen werden von machthungrigen Fürsten und Druiden bestimmt. In dieser gefährlichen Zeit erlernt das Waisenmädchen Talia die Kunst des Heilens. So entdeckt sie, welche besondere Gabe in ihr schlummert – sie vermag, in die Seelen der Menschen zu sehen. Aber darf eine Frau solche Macht besitzen? Der oberste Druide wird zu Talias erbittertem Feind; ihr bleibt keine andere Wahl, als zu fliehen. An der Seite des jungen Kriegers Atharic gelangt sie nach Alte-Stadt und findet Aufnahme im Haus des Stammesherren Caran. Doch den verbindet ein dunkles Geheimnis mit ihr …

Eine junge Frau auf der Suche nach einer sicheren Zukunft, eine verbotene Liebe und Gegenspieler, die keine Skrupel kennen: »Ein phantastischer Roman, der den Leser wie magisch in die Zeit 120 v. Chr. hineinzieht.« Frankfurter Stadtkurier

Über die Autorin:

Birgit Jaeckel, geboren 1980, studierte Ur- und Frühgeschichte, Paläontologie und Alte Geschichte. Während sie ihre Magisterarbeit über eine Siedlung der Kelten in Süddeutschland schrieb, reifte in ihr der Plan, ihr umfassendes Wissen in einen Roman fließen zu lassen. So entstanden »Die Druidin« und die Fortsetzung »Die Tochter der Druidin«. Birgit Jaeckel arbeitete außerdem als PR-Consultant – unter anderem für den »Alternativen Nobelpreis« – und ist als Drehbuchautorin, Story-Coach und Beraterin für die Buch-, Film- und Kommunikationsbrache erfolgreich.

Die Autorin im Internet: www.birgitjaeckel.com

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eBook-Neuausgabe März 2019

Copyright © der Originalausgabe 2008 bei Knaur Verlag

Ein Unternehmen der Droemerschen Verlagsanstalt Th. Knaur Nachf. GmbH & Co. KG, München

Copyright © der Neuausgabe 2019 dotbooks GmbH, München

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Titelbildgestaltung: Nele Schütz Design, München, unter Verwendung von Bildmotiven von shutterstock/Theo Malings, Nejron Photo, Natalia Yankelevich und Miriam Doerr Martin Frommherz

eBook-Herstellung: Open Publishing GmbH (ts)

ISBN 978-3-96148-394-5

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Birgit Jaeckel

Die Druidin

Historischer Roman

dotbooks.

Inhalt

Prolog

I. Süddeutschland, 120 v. Chr.

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

II. Süddeutschland, 111 v. Chr.

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

Epilog

Anhang

Die wichtigsten Personen im Überblick

Die wichtigsten Orte und Flüsse

Die wichtigsten Volksstämme

Kelten

Nordvölker (Germanen)

Lesetipps

Prolog

Der Abendwind wehte einen Hauch von verbranntem Fleisch über den zertrampelten Platz vor der Herberge. Kleine Rauchwolken kräuselten sich über verkohltem Ried und zerfaserten knapp über dem Boden in der Luft. Unter herabgestürzten Balken schwelten noch immer Flammennester. Schreie, die aus dem Inneren des halb zerstörten Hauses drangen, übertönten das verstohlene Knistern des Feuers.

»Wir sollten nicht hier sein!« Vebromara warf Bandagen voller Blut in den Kessel über der Feuerstelle. Heißes Wasser spritzte auf und zischte, als es in die Flammen tropfte. Talia trat vorsichtshalber einen Schritt zurück.

»Luguaedon ist mein Lehrmeister. Es ist meine Aufgabe, hier zu sein!«

Vebromara sah sie aufgebracht an. »Du warst bis jetzt noch nicht einmal in diesem Haus!«, erinnerte sie Talia. »Du hast nicht gesehen, was dich da drinnen erwartet!«

Talia beobachtete, wie sich die feinen Härchen auf Vebromaras Unterarmen aufrichteten. Kurz darauf kroch die Gänsehaut auch ihr die Arme hinauf. »Kranke fühlen sich wohl in meiner Nähe«, sagte sie und ärgerte sich, wie dünn ihre Stimme klang. Die Schreie der Sterbenden drangen noch immer durch die herausgebrochene Tür des Hauses, peitschten über die blutbefleckte Schwelle hinweg und gegen die Nerven des Mädchens. »Sogar Luguaedon sagt das! Er sagt, Kranke würden in meiner Nähe ruhiger werden.«

»Diese hier nicht.« Vebromara wischte Talias Einwand mit einer Handbewegung weg. »Diese Männer sind nicht krank, Talia, sie sind verbrannt! Du hast ihre Wunden noch nicht gesehen, hast noch nicht den Gestank verkohlter Haare gerochen, sonst würdest du anders reden! Wenn die Haut Blasen wirft, aufplatzt und …«

Talia wandte sich ab. In der Ferne, am schmalen Saum zwischen Wald und Feldern, konnte sie die weißen und blauen Umhänge der Geweihten erkennen. Die Gestalten ihrer Schüler huschten zwischen ihnen hin und her, beladen mit Holz für das Feuer, das die Toten verschlingen sollte.

»… und wer weiß, ob die Boier nicht wiederkommen, um ihr Werk zu vollenden.« Vebromara rührte die eingeweichten Leinentücher um, als hinge ihr Leben daran. Ihre Lippen waren zusammengepresst, die Brauen unter dem von grauen Strähnen durchzogenen Haar gerunzelt.

Talia schüttelte den Kopf. »Weshalb sollten sie zurückkommen und uns angreifen? Luguaedon meint, unsere Druiden würden sich nicht an Kämpfen mit den Boiern beteiligen.«

»Und wenn es anders wäre, glaubst du, du würdest es als Erste erfahren?« Vebromara fischte eine der Bandagen aus dem Wasser und legte sie auf die hölzerne Brunneneinfassung. Sie berührte sie mit den Fingerspitzen, doch das helle Leinen war noch zu heiß, um es auszuwringen. Vebromara rieb sich die Hände am Saum ihres Hemdes ab und kramte nach ihrer Schere.

Das Schreien endete abrupt. Kurz darauf erklang Luguaedons ärgerliche Stimme. Irgendetwas fiel im Inneren des Hauses zu Boden, dann stolperte einer der Schüler über die Schwelle nach draußen. Neben den Pfosten des Vordachs stürzte er auf die Knie und übergab sich. Der Schatten seines Lehrers fiel auf ihn.

»Talia!« Luguaedon ignorierte die Würgegeräusche zu seinen Füßen. »Komm her! Du wirst mir helfen! Vebromara, sieh zu, dass wir endlich frische Verbände bekommen!«

Ohne auf eine Reaktion zu warten, drehte er sich um und verschwand im Inneren des Gebäudes. Wenig später trugen zwei ältere Schüler die Leiche eines Mannes nach draußen. Sie gingen gebückt unter der Last und mit unsicheren Schritten. Als sie an den beiden Frauen vorbeikamen, sah Talia die kleine Stichwunde in der Brust des Toten, direkt über dem Herzen. Aufgeplatzte Haut und Blasen bedeckten die Hälfte seines Oberkörpers, das Gesicht war vom Hals bis zum rechten Ohr bis zur Unkenntlichkeit verbrannt. Talia spürte, wie ein Schweißtropfen die Innenseite ihrer Schenkel nach unten rann. Ihr Magen verkrampfte sich.

Vebromara strich ihr über den Kopf und die plötzlich kalten Wangen. »Ich kann ihm sagen, dass du zu jung bist …«

»Ich bin vierzehn Jahre alt!« Talia riss sich los. Verärgert nestelte sie an den gelben Bändern in ihrem Haar und wich dem scharfen Blick ihrer Ziehmutter aus.

Vebromara stützte die Hände in die Hüfte. »Du bist ein Kind!«, schnappte sie. Einen Herzschlag später bereute sie ihre barschen Worte. Mit einer ausholenden Armbewegung deutete sie auf den zerstörten Hof, die angrenzenden Felder und den schmalen Pfad, der von der Straße fort in den Wald führte. Sanfter murmelte sie: »Du solltest einfach nicht hier sein! Wir beide sollten nicht hier sein.«

Talia kniff die Augen zusammen. Ihre Eingeweide zogen sich schmerzhaft zusammen, und ihre Stimme war heiser, als sie plötzlich begriff. »Es war hier, nicht wahr? Damals, als ich geboren wurde? Hier bei diesem Hof! Du hast immer gesagt, es wäre an der Straße von Menosgada nach …«

»Nein, es war nicht hier!« Vebromara zupfte an den weiten, mit bunten Karos bestickten Ärmeln ihres Kleides, die sich mit Wasser vollgesogen hatten. »Es war in der Nähe, aber nicht hier. Diesen Hof gab es damals noch nicht. Sonst wären deine Eltern hier abgestiegen, und ich wäre ihnen nie begegnet.«

Mit weit aufgerissenen Augen sah Talia zu dem Pfad hinüber, der zwischen den Bäumen verschwand. Beinahe glaubte sie, ihren Vater zu sehen, wie er auf seinem hochgewachsenen Rappen über die Felder floh. Der Mantel flatterte wie eine dunkle Wolke in seinem Rücken – der Schatten eines Feiglings.

Vebromara vergewisserte sich, dass niemand sie belauschen konnte, bevor sie sich vorlehnte und flüsterte: »Pass auf, dass du nicht zu nahe an den Fluss gehst, der hinter den Bäumen fließt. Vielleicht ist die Flussgöttin immer noch wütend, dass ich …«

»Wenn die Göttin glaubt, dass ihr etwas genommen wurde, soll sie es sich von meinem Vater holen!«

Der Hass in Talias Stimme ließ Vebromara einen Schritt zurückweichen. Langsam schüttelte sie den Kopf. »Manchmal frage ich mich, ob es nicht ein Fehler war, dir die ganze Geschichte zu erzählen.«

»Hättest du mich lieber mein Leben lang belügen wollen?«

»Manchmal sind Lügen gnädiger.«

In der unangenehmen Stille, die Vebromaras Worten folgte, steckte Luguaedon erneut seinen Kopf durch den Türbogen und rief: »Seid ihr taub? Wie lange möchtest du uns denn noch warten lassen, Talia? Hier sind Verletzte, hast du das vergessen? Und bring frisches Wasser mit!«

Luguaedons Kopf verschwand abermals im düsteren Inneren des Gebäudes. Talia blickte Vebromara noch einmal aufgebracht an, dann griff sie nach einem Eimer. Sie warf ihn in den Brunnen und zog das andere Ende des Seils durch den Haken am Gestell, während sie darauf wartete, dass er volllief. Sie dachte, dass Vebromara ihr helfen würde, ihn hochzuziehen, doch nichts geschah. Mit dem Seil in der Hand drehte Talia sich um.

Vebromaras Blick ging an ihr vorbei und nach oben. Kaum merklich deutete sie mit dem Kinn in die Richtung. Talia sah zum Stall hinüber, dessen Tür ebenfalls herausgebrochen war. Das verdrehte Bein einer toten Kuh lag hinter dem Eingang, umschwirrt von einer Wolke aus Fliegen. Talia wollte Vebromara schon fragen, was sie meinte, dann bemerkte sie es.

Eine Eule saß auf der Kante des Stallgiebels. Sie war klein und zerzaust und blickte aus großen, goldfarbenen Augen zu den beiden Frauen hinunter. Die Büschel an den Ohren zuckten im leichten Wind, und die scharfen Klauen bohrten sich so fest in das Dach, dass das Holz splitterte. Talia fuhr zusammen, als eine Welle aus Schmerz durch ihren Unterleib schoss, so als würden die Klauen des Vogels sich in ihr Innerstes krallen und es zerreißen.

»Wieso zeigt sie sich uns?«, flüsterte Vebromara an Talias Ohr. »Wir sind keine Seher! Was hat das zu bedeuten?«

Talia zuckte mit den Schultern. Sie wusste nicht viel über Eulen und die Botschaften, die sie brachten, denn sie war kein Druide, und dieses Wissen war geheim. Eigentlich hätte sie sich sogar abwenden sollen, erinnerte sie sich, denn es war Uneingeweihten verboten, einer Eule in die Augen zu sehen. Aber sie konnte den Blick nicht losreißen. Der Schnabel der Eule stand leicht offen, so als würde sie lachen. Talia glaubte, ein leichtes Blitzen um ihren Kopf herum zu sehen – wie aufstiebende Funken eines hungrigen Feuers –, doch als sie blinzelte, war der Eindruck verflogen. Einen Moment später breitete die Eule die Flügel aus. Sie tauchte in einem sanften Bogen nach unten und flog dicht an den beiden Frauen vorbei. Talia meinte einen Augenblick lang, eine leichte Berührung wie von Federn an ihrer Schläfe zu spüren, aber es war nur ihr eigenes dichtes Haar. Kurz darauf verschwand die Eule in der Dunkelheit des Waldes auf der anderen Straßenseite.

»Ich lasse es besser Ientus wissen«, murmelte Vebromara nach einem weiteren Moment, in dem sie zu der Stelle gestarrt hatten, wo die Eule zwischen den Kiefern verschwunden war. »Sollen sich die Druiden darüber Gedanken machen, was dieses Omen bedeuten mag!«

Talia verwischte, ohne hinzusehen, einen weiteren Schweißtropfen zwischen den Knien. Sie erinnerte sich an das Seil in ihrer Hand und begann, den Eimer hochzuziehen. Als sie ihn schließlich zum Haus schleppte, war Vebromara bereits auf halbem Weg über die Felder.

Im Inneren des Gebäudes war es nur unmerklich dunkler, aber deutlich wärmer. Hitze strahlte von den verkohlten Balken im hinteren Teil nach vorne, wo die Verwundeten versorgt wurden. Der beißende Gestank von verbranntem Fleisch und Haaren hing noch immer in der Luft. Die Brise, die draußen wehte, schien ihn im Inneren des Hauses einschließen zu wollen. Holz knackte und bildete eine düstere Geräuschkulisse zum abgehackten Atmen der Verwundeten. Über allem erhoben sich die Intonationen der Heiler.

Elf Verwundete lagen aufgereiht an der Nordwand bis zu den herabgestürzten Balken der hinteren Haushälfte, sechs weitere ihnen gegenüber an der anderen Seite. Der Anblick brachte Talias Schläfen zum Pochen. Sie stellte den Eimer neben den Eingang und presste Zeigefinger und Daumen auf die Innenseiten ihrer Brauen, aber der Schmerz ließ nicht nach.

»Wenn dir auch schlecht wird, kannst du draußen bleiben!« Luguaedons Stimme war ungeduldig. Er schob sie beiseite, um eine Schüssel mit rot gefärbtem Wasser vor der Tür auszukippen. Mit einem Schöpfer nahm er frisches Wasser aus Talias Eimer.

»Es geht schon.« Noch immer blitzten Punkte hinter ihren Augen auf so wie tausend stumme Stimmen, die alle ihre Aufmerksamkeit verlangten. Talia bemühte sich, sie zu ignorieren. Sie wusste nicht, was mit ihr los war, und schämte sich für ihre Schwäche.

»Was soll ich tun?«

»Der Dritte in der Reihe. Er wird überleben, wenn ihn der Schmerz nicht umbringt.« Talias Blick folgte Luguaedons ausgestrecktem Finger. Sie sah einen Jungen, der mit nacktem Oberkörper und einem breiten Verband um die Taille auf einer Decke lag. Seine Lippen bewegten sich, als würde er ein lautloses Gespräch führen, der Rest seines Gesichts war verzerrt.

»Ich habe ihn genäht. Sieh zu, dass er sich nicht zu stark bewegt, sonst reißt die Wunde wieder auf.«

Talia entspannte sich etwas. Luguaedon schien ihre Erleichterung zu bemerken, denn ein knappes Lächeln huschte über sein Gesicht und er klopfte ihr auf die Schulter.

Talia griff nach einem Lappen und einer Schüssel, die sie mit Wasser füllte. Sie umrundete die Feuerstelle in der Mitte des Hauses und trat an die Seite des Jungen. Links von ihr, nur einen Schritt entfernt, lag ein älterer Mann. Blut überkrustete das eine Auge, die Brauen waren versengt, ebenso der nach unten gebogene Schnurrbart. Sein rechtes Ohr hing in Fetzen. Die Schulter war eine einzige formlose Masse, die ein rosafarbenes Sekret absonderte. Er bewegte sich nicht. Talia stellte fest, dass sie wie gebannt auf seine zerstörten Züge starrte, und musste sich zwingen, wegzusehen.

Etwas berührte ihren Fußknöchel. Der Junge mit der Schwertwunde hatte sich bewegt, und seine Hand war über ihre Sandale gefallen. Als Talia in die Hocke ging und die Schüssel abstellte, bemerkte sie Blut an der Innenseite ihrer Schenkel. Entsetzt starrte sie es an. Der Schmerz in ihrem Kopf kehrte mit aller Macht zurück, bohrte glühende Krallen in ihre Seele und zerriss sie.

Talia fiel zur Seite und stieß mit dem Kopf gegen die zerstörte Schulter des Mannes neben ihr. Ein Brüllen drang aus seiner Kehle, dann krallten sich schwarze Nägel in Talias Fleisch. Sein Körper bog sich nach oben. Blaues Feuer explodierte vor ihren Augen. Sie sah die schrillen Farben einer Seele, die das Leid nicht mehr ertragen konnte und gegen sie anbrandete, sie überschwemmte mit ihrer Pein und dem Wunsch nach einem Ende. Sie hatte das Gefühl, sich aufzulösen, ausgelöscht zu werden von noch mehr Licht in schillernden Blautönen, das blitzte und beladen war mit rotem Schmerz. Wie glühender Stahl hämmerte es von allen Seiten auf sie ein, und seine Farben waren Schreie.

In der Ferne hörte Talia Luguaedons Rufe. Der Boden bebte unter hastigen Schritten. Starke Hände lösten den Griff des Mannes von ihrem Handgelenk. Etwas Schweres prallte gegen ihren Kopf, dann ertränkte Dunkelheit das Feuer.

I.Süddeutschland, 120 v. Chr.

Kapitel 1

»Ich habe keinen Vater!«

Vebromaras Kopf sank auf die Decken, ohne den Blick von Talia zu wenden, die mit verschränkten Armen vor der Lagerstatt stand. Kalte Luft wehte an ihr vorbei ins Innere des Hauses, vorbei am Herdfeuer, das kurz aufloderte, und weiter zu Vebromara, die schaudernd die Decken bis zum Hals zog.

»Denk darüber nach!«, drängte Vebromara. »Er ist der Einzige …«

»Nein!«

»… Verwandte, den du hast!«

Talia riss ihren Mantel an sich und stürmte nach draußen. Die Tür schlug hinter ihr zu. Vebromara schloss die Augen.

Vor dreizehn Nächten hatte das neue Jahr begonnen; jetzt wartete der Winter darauf, Einzug zu halten. Auf der Hochfläche der Alb hatte es bereits zweimal geschneit. Die kalte Luft verschlimmerte Vebromaras Husten und ließ sie ununterbrochen frieren. Dauernde Erschöpfung und schmerzende Muskeln fesselten sie an ihr Lager, während sie kaum mehr Hunger verspürte und immer weniger aß. Eine Zeit lang hatte Vebromara ihren Körper gehasst, seine Schwäche und die schleichende Krankheit verflucht, aber jetzt empfand sie nur noch Müdigkeit. Sie wusste, sie führte einen Kampf, den sie nicht gewinnen konnte, und das Einzige, was ihr blieb, war, darauf zu warten, dass die Herren der Anderen Welt ihre Seele endlich zu sich riefen.

Vebromara glitt in den leichten Schlaf einer alten Frau, der keinen Frieden brachte. Gesichter geisterten vor ihren Augen: das bleiche Antlitz von Talias Mutter Netacari, die zwischen ihren Händen verblutete, Talias zerknitterte Stirn, die Male, die den Handrücken ihres Vaters zierten, als er sich selbst biss, um den Schmerz erträglicher zu machen. Regen fiel auf das Dach der Hütte, tränkte seinen Mantel binnen Augenblicken, als er davonritt. Seine jungen Augen waren tot gewesen. Vebromara erinnerte sich nicht mehr, welche Farbe sie gehabt hatten. Damals schienen sie schwarz – so dunkel wie die Löcher in der Lunge des Stiers, den Ientus zum Seelenfest geschlachtet hatte. Talias Eltern verblassten hinter den neuen, kaum einen Monat alten Bildern, die sich wie Geister aus den Schatten erhoben und an Vebromara vorbeiströmten, sie in ihrer Ohnmacht verhöhnten. Im Traum erlebte sie erneut, wie der Druide die dampfenden Organe aus dem Inneren des Stiers gezogen und in Schüsseln gefüllt hatte. Eines der Gefäße war umgefallen und hatte seinen Inhalt vor Vebromaras Füßen verschüttet. Blut war auf ihre hellen Hirschlederschuhe gespritzt, rostbraune Flecken, die sich nicht mehr auswaschen ließen. Vebromara war keine Seherin, dennoch wusste sie, was die löchrigen Lungen des Stiers und das Blut auf ihren Schuhen bedeuteten.

Laute Rufe weckten Vebromara. Sie hörte jemanden draußen am Versammlungshaus vorbeilaufen, dicht gefolgt von einem leisen Knarzen, als das große Tor der Hofanlage geschlossen wurde. Ientus überdröhnte die aufgeregten Stimmen der Schüler und befahl Stille. Vebromara wartete geduldig. Sie war allein. Die Köchin aus dem Dorf, die ihre und Talias Pflichten während Vebromaras Krankheit übernommen hatte, war bei den Getreidespeichern, und ihr Mann besserte zusammen mit seinen Söhnen den Bohlenweg aus, der das schlammige Stück Weg zum See hin überquerte. Die Druiden hatten ihre Lehre für diesen Tag schon mittags beendet und die Schüler fortgeschickt. Bis auf Vebromaras schweres Atmen war im Versammlungshaus alles still.

Vebromara verstand kein Wort von dem, was draußen gesprochen wurde. Pferde wieherten, dann schien das Tor wieder geöffnet zu werden. Die Stimmen wurden leiser, dafür liefen viele Beine an der Tür vorbei, schnell in die eine Richtung, ins Innere der Gebäudeanlage, langsamer, wie von Gewicht beladen, wenn sie zurückkamen. Sanft quietschend wurde ein Leiterwagen vorbeigeschoben. Das Herdfeuer begann, herabzubrennen.

Sonnenuntergang war bereits lange vorbei, als Talia wieder zur Tür hereinkam. Sie hängte ihren Mantel an einen Haken und trat an den großen, silbrig schimmernden Topf, der auf einem Gestell über dem Herdfeuer befestigt war. Sie hob den Deckel, und der Geruch von Fleisch und Zwiebeln erfüllte den Raum. Auf einem flachen Tisch standen Schüsseln und Brote bereit.

»Es sind Söldner gekommen – Nordvolk«, erzählte Talia, während sie sich auf einen Schemel neben Vebromaras Lagerstatt setzte. Ihr schlanker Körper beugte sich vor. »Sie haben ihre Familien und einen Teil der Männer bei Menosgada und den Hundewächtern zum Überwintern zurückgelassen. Sie wollen nach Süden, nach Alte-Stadt. Es sind etwa einhundertzwanzig Krieger, zwanzig von ihnen sind krank. Sie werden einige Nächte lang nicht weiterziehen können. Ientus und Luguaedon lassen sie neben dem Weg ein Lager aufschlagen.«

Abermals öffnete sich die Tür, und die ersten Schüler strömten in das Versammlungshaus. Sie nahmen sich Schüsseln, füllten sie mit Eintopf, rissen sich Brot ab und setzten sich auf die Felle vor dem Tisch. Ihre aufgeregten Stimmen füllten den Raum.

Es kam selten vor, dass sich eine große Gruppe von Kriegern an der Schulanlage einfand. Sie lag abseits der Straße und diejenigen, die zum Heiligtum wollten, bogen vorher in den Wald ab. Aber die älteren Schüler erinnerten sich noch gut an den Sommer vor sechs Jahren. Damals hatte es schlechte Ernten gegeben, und die Hundewächter waren in Kämpfe mit den Boiern verwickelt worden. Plündernde Horden aus den Gebieten jenseits des Berglands hatten die Kämpfe zwischen Vindelikern und Boiern ausgenutzt und waren an Menosgada vorbei weit nach Süden vorgedrungen. Die Nordmänner hatten Siedlungen verwüstet und Vieh geraubt. Es hatte zwei Monate gedauert, bis die Straßen wieder sicher waren. Seitdem war es ruhig geblieben. Der Handel mit den Stämmen des Nordens blühte, und so mancher Herr bezahlte von Zeit zu Zeit nordische Söldner für ihre Dienste. Einige meinten jedoch, dies sei nur die Ruhe vor dem Sturm. Besorgniserregende Gerüchte machten die Runde, genährt von Händlern, die die Flüsse entlang nach Norden bis an das große Meer fuhren. Sie berichteten von schlechten Ernten, Stürmen und von zu vielen Menschen auf zu wenig Land. Nachbarstämme überfielen sich gegenseitig. Ganze Sippen verlegten ihre Wohnplätze, aber wo sie auch hinkamen, trafen sie auf besetzte Siedelplätze und ausgelaugte Felder. Einige Männer, hieß es, nutzten die Situation, beseitigten die größten Landherren und nannten sich Könige. Die wenigsten blieben es lange.

»Gut, dass Suadurix gestern das Mehl gebracht hat«, bemerkte Vebromara beiläufig und unterbrach damit Talias müßige Gedanken. »Dann haben wir wenigstens genug, um alle verpflegen zu können. – Hast du ihn gesehen?«

»Wen?«

»Suadurix.«

Talia schüttelte stumm den Kopf. Über ihren Köpfen setzte ein leises Prasseln ein – Tropfen, die auf das riedgedeckte Dach fielen.

»Ich verstehe immer noch nicht, warum du ihn verschmäht hast. Er hätte gut für dich gesorgt.«

»Lass es!«

»Ich will dich nur warnen, Talia! Du zählst bald neunzehn Jahre. Wenn ich tot bin und kein Verwandter Anspruch auf dich erhebt – oder wenn du nicht heiratest –, werden sie dich für sippenlos erklären!«

»Ich habe hier einen Platz! Luguaedon und die Druiden werden meine Sippe sein.«

»Und das willst du? Sie sind keine Familie! Willst du dein Leben in die Hände von Fremden legen? Deine wahre Sippe lebt …« Vebromara verstummte. Ihre Hände krampften sich in die Decken, die ihren mageren Körper umhüllten. Einen Moment lang waren beide Frauen still. Draußen wurde der Regen stärker.

»Warum tust du das?« Talias Stimme klang gefährlich ruhig.

»Was?«

»Er wollte mich töten lassen! Wie kannst du mir vorschlagen, ihn zu suchen? Du selbst hast mir erzählt, wie …« Talia stockte kurz. »Du selbst hast mir das Gold gegeben, das er bezahlt hat!«

Vebromara holte tief Luft. Sie wollte Talia erklären, dass dies nicht die Zeit war, in der sie sich Bitterkeit erlauben konnte, aber ein Hustenanfall war alles, was folgte. Vebromara krümmte sich trotz des Stechens zwischen ihren Rippen. Dunkle Blutflecken zierten den hellen Stoff des Ärmels, den sie gegen den Mund gepresst hielt. Verstohlen krempelte sie ihn um, aber sie ahnte, dass Talia es bereits gesehen hatte – ebenso wie Luguaedon, der gerade den Raum durchquerte und neben sie trat.

»Der Regen hält an. Wir werden die Kranken hierher schaffen lassen«, sagte Talias ehemaliger Lehrer, während er neben Vebromara in die Knie ging. Sein hagerer Körper unter dem dünnen Mantel roch nach Thymian. »Vielleicht willst du lieber zu den Schülern ziehen?«

Vebromara griff dankbar nach dem Aufschub, den die Frage des Heilers ihr gewährte. Sie wollte nicht mit Talia streiten. Im Grunde hatte sie auch keine Ahnung, was sie ihr sagen sollte. Talia wusste genauso gut wie sie, was damals, kurz nach ihrer Geburt, geschehen war.

Vebromara schluckte das Blut in ihrem Mund herunter und räusperte sich. »Ich bleibe hier!«

Luguaedon verzog das Gesicht. »Die Grippe ist in die Söldner gefahren. Sie springt von einem starken Mann zum nächsten, und Amulette können sie nicht aufhalten. Sie wird auch deine Kräfte verbrennen, Vebromara, und du hast nicht mehr viel Kraft übrig!«

Vebromara erwiderte nichts, aber ihr störrisch vorgeschobenes Kinn sagte alles. Luguaedon seufzte. Talia war nicht die Einzige, die regelmäßig an der Sturheit der alten Frau scheiterte.

»Es sind etwa zwanzig Männer, die hier untergebracht werden müssen«, fuhr Luguaedon kurz darauf fort. »Talia wird dir gesagt haben, dass es sich um Nordvolk handelt, trotzdem sprechen einige von ihnen unsere Sprache. Wenn es dir zu laut wird, Vebromara, lass es mich wissen, dann bringen wir dich woandershin. Du brauchst Ruhe!«

Hinter Luguaedons Rücken beendeten die letzten Schüler ihre Mahlzeit. Sie wischten die Schüsseln mit dem restlichen Brot sauber, stellten sie in die Regale zurück und begannen, die Felle, die um den Tisch lagen, an den Längsseiten des Hauses auszulegen. Drei von ihnen hoben den Tisch an und trugen ihn an das andere Ende des Gebäudes. Die Köchin stellte einen Topf mit heißem Wasser neben die Feuerstelle. Sie winkte Luguaedon zu sich.

»Frierst du?«, fragte Talia, nachdem der Heiler gegangen war.

Vebromara nickte.

»Sie werden das Feuer bald anschüren, und mit zwanzig Männern wird es gleich wärmer werden.«

»Einer würde auch schon reichen.«

Talia lächelte. Im Licht des Kochfeuers schimmerten ihre Augen golden. »Wirst du auf deine alten Tage genügsam?«

»Du ahnst nicht, wie es früher war …« Vebromara wusste, das stimmte nicht ganz. Talia war acht Jahre alt gewesen, als sie zum ersten Mal gesehen hatte, wie einer der Schüler unter Vebromaras Decken gekrochen war. In der Nacht war sie wach geblieben und hatte den gedämpften Geräuschen gelauscht, die von Vebromaras Lager ertönten. Am nächsten Tag hatte sie sich ein Stück Brot und einen Krug Wasser genommen und sich im Getreidespeicher versteckt. Es hatte den ganzen Tag, die ganze Nacht und weit in den nächsten Tag hinein gedauert, bis Vebromara sie endlich fand. Vebromara hatte Talia nicht fragen müssen, weshalb sie weggelaufen war. Sie wusste es. Sie wusste, dass Talia Angst hatte, ihre Ziehmutter würde schwanger werden. Bestimmt würde sie ein leibliches Kind mehr lieben als sie! Talia wollte nicht noch einmal verraten werden!

Ihre Ängste hatten sich jedoch als unbegründet erwiesen: Trotz zahlreicher Liebhaber, die Vebromara im Laufe ihres Lebens gehabt hatte, hatte sie nur zwei Kinder geboren. Beide waren kurz vor Talias Geburt gestorben.

Laute, unverständliche Stimmen und das Knarren der Tür zerrissen die lebhaften Bilder von Vebromaras Erinnerungen. Männer strömten in den Raum; sie stützten ihre Kameraden oder waren beladen mit Decken und Fellen. Nässe glänzte auf Mänteln und schlammbespritzten Stiefeln. Hemden und Hosen waren einfarbig und dunkel; die Gürtel mit den zungenförmigen, eisernen Schnallen trugen die einzigen erkennbaren Verzierungen. Ihre Waffen hatten die Söldner abgelegt, wie es für Gäste üblich war.

Im Schatten der Tür stand ein Mann, den Vebromara nicht sehen konnte, denn das frisch geschürte Feuer blendete sie. Sie vernahm lediglich seine ruhige Stimme, die halblaute Anweisungen gab. Männer wurden auf mit Fellen bedecktes Stroh gelegt und ihre Schuhe zum Trocknen säuberlich neben der Herdstelle aufgereiht. Feuchte Kleidungsstücke wurden ausgezogen und an Haken an die Wand gehängt oder an Schnüre, die man rasch von einer Seite des Hauses zur anderen spannte. Der Geruch nach feuchter Wolle, Schweiß und Krankheit breitete sich in der Halle aus.

Vebromara beobachtete, wie die Köchin ihre Söhne anwies, ihre Decken die Leiter hinauf auf das schmale Podest knapp unter dem Dach zu schaffen. Stroh rieselte herab, als die Jungen oben ihre Lagerstätten einrichteten. Vebromaras und Talias Schlafplätze lagen zwischen der Seitenwand einer Vorratskammer und einer großen Truhe. Auf diese Art hatten sie einen kleinen Raum für sich geschaffen, der sie vom Hauptteil des Hauses trennte. Unter der Tür sprach Ientus mit dem Mann, der draußen in der Dunkelheit stand. Zwei Schüler Luguaedons drängten an ihm vorbei und zu den Kranken. Ein kurzer Ruf ertönte, dann verließen die gesunden Söldner das Haus. Die Tür schloss sich hinter ihnen und sperrte die klamme Feuchtigkeit der Nacht aus. Vebromara schlief ein.

Vom nächsten Morgen an herrschte geschäftiges Treiben im Versammlungshaus. Dreimal täglich schauten die Heiler mit ihren Schülern nach den Kranken, brühten Kräuter und sprachen magische Schutzformeln. Ein paar Männer verließen das Haus schon am nächsten Tag, aber so wie die einen sich bald besser fühlten und in das eigentliche Söldnerlager außerhalb der Schulanlage zogen, erkrankten andere neu.

Vebromara unterhielt sich viel mit dem Söldner, der neben ihr lag. Walamer war schon recht alt, Ende vierzig, und graue Strähnen durchzogen seinen Bart. Er zeigte ein breites Grinsen, in dem jeder zweite Zahn fehlte, und sprach mit einem schwerfälligen Akzent. Der Söldner wusste viele Abenteuer und Geschichten zu erzählen, nordische Sagen und Lieder, berichtete Vebromara vom Meer, von Fahrten zu weit entfernten Inseln und von den großen Stämmen des Nordvolkes, den Kimbern, Ambronen und Teutonen.

Talia runzelte die Stirn, als sie sah, wie dicht Vebromara und Walamer nebeneinander saßen. Sie machte sich Sorgen, dass der fiebernde Söldner Vebromara anstecken könnte, aber Vebromara wischte ihre Einwände beiseite. »Du kannst mir kein zweites Leben verschaffen«, sagte sie.

»Nein, aber vielleicht ein paar Wochen mehr.«

»Für dich oder für mich?«

»Macht das einen Unterschied?«

»Mir ist es nicht wichtig.«

»Ich glaube dir nicht!«

»Dann finde es heraus!«

Talia presste die Lippen zusammen. Vebromara beobachtete, wie sie die Schultern in die Höhe zog und vergeblich versuchte, ihre Unruhe zu verbergen. Seit jenem Tag bei der Herberge vor knapp fünf Jahren, als Talia zur Frau geworden und ihre Gabe wie ein roter Sturm über sie hereingebrochen war und ihre Seele beinahe vernichtet hätte, hatte Talia die Macht, Seelen sehen zu können, als Fluch betrachtet, voller Argwohn und Angst. Sie wusste nicht, wie sie sich gegen den Ansturm fremder Gefühle wappnen sollte, wenn sie es zuließ, dass ihre Seele sich mit der eines anderen Menschen verband. Sie fürchtete die rätselhafte Macht, die in den schillernden Farben verborgen war, das Unkontrollierbare, vor dem die Druiden sie bei jeder Gelegenheit warnten. Sie sei eine Gefahr, hatte Luguaedon ihr erklärt, als er ihr einige Nächte nach jenem schicksalhaften Tag mitteilte, dass er sie nicht weiter in der Heilkunst unterrichten würde. Sie sei eine Gefahr für sich und alle, die ihr nahe kamen. Talia würde das Leid der Kranken und Sterbenden nicht ertragen können, wenn sie Heilerin würde, und wer konnte wissen, was das für ihre Seele und die Seelen der Kranken bedeuten konnte! Vielleicht würde sie selbst sterben, vielleicht würde sie die Seelen der Menschen, die sie berührte, verletzen! Selbst wenn ihre Gabe Talia zu Dingen befähigen mochte, die sonst einzig den Druiden vorbehalten waren, würde sie sie niemals beherrschen können.

Im Laufe der Jahre hatte Vebromara immer wieder versucht, Talia davon zu überzeugen, dass ihre Gabe auch ein Geschenk sein konnte, kein Fluch. »Macht ist immer zweischneidig«, pflegte sie zu sagen. »Man kann sie zum Guten wie zum Schlechten verwenden.« Macht ließ nicht zu, dass jemand vor ihr floh. Wenn Talia nicht nach ihr griff und ihr ihren Willen aufzwang, würde die Macht sie irgendwann einholen, wenn sie am wenigsten damit rechnete. Und dann würde sie Talia vernichten.

»Glaubst du, dass du mich fürchten musst?«, fragte Vebromara sanft. Einen Moment lang war es still. Talia knabberte noch immer an ihrer Unterlippe. Schließlich sah sie sich um, ob sie auch niemand beobachtete, dann streckte sie die Finger aus. Ganz sacht berührte sie Vebromaras Schläfe. »Wenn du keine Angst hast, brauche auch ich keine Angst zu haben«, murmelte Talia und schloss die Augen. Sie musste sich nicht konzentrieren, in den Tagen ihrer Blutung war die Gabe am stärksten.

Talia sah die verblassenden Farben von Vebromaras Seele: ein nebelhafter blauer Schimmer, der vor ihren Augen zu zerfasern schien. Es war, als wenn nur der Rauch von einem Feuer übrig blieb, das einst hell im Körper brannte und dessen Schein nun immer mehr verblasste. Trotz der Trauer, die der Anblick in ihr weckte, atmete Talia erleichtert auf. Da waren kein Schmerz, keine Angst und keine Verzweiflung, keine Blitze, die sie versengten. Vebromaras Seele war im Einklang mit dem Weg, der vor ihr lag.

Talia entspannte sich und unterbrach die Verbindung. Flüsternd begann sie die Intonationen, die ihr die Druiden beigebracht hatten. Sie lenkten ihre Gedanken ab und sperrten das Feuer der Seelen in ihrer Umgebung fort. Als sie die Augen schließlich wieder öffnete, stand Ientus vor ihr.

Sein Schlag traf sie auf der Wange und riss ihren Kopf zur Seite. Durch das Rauschen in ihren Ohren hindurch hörte Talia Vebromaras Fluch und das Rascheln ihrer Decken, als sie sich bemühte, aufzustehen. Ientus drückte die alte Frau unsanft auf die Decken zurück.

»Ich dachte, du wärst vernünftiger!« Seine Stimme war leise, dennoch schnitt sie tiefer als sein Schlag. »Du weißt, was passieren kann, wenn du deine Gabe benutzt! Willst du all die Schmerzen dieser Menschen« – er deutete mit einer weiten Bewegung auf die Söldner – »auf dich lenken, sie spüren? Hast du nichts gelernt? Ihre Seelen werden dich ertränken und vielleicht werden sie nicht wieder in ihre eigenen Körper zurückfinden! Willst du das tatsächlich riskieren?«

Talia presste eine Hand auf ihre Wange. »Es tut mir leid!«, murmelte sie. »Ich wollte nur …«

»Es interessiert mich nicht, was du wolltest! Du hast dich an die Regeln zu halten, die wir aufstellen! Es beschämt mich, dass du so wenig Respekt vor jenen hast, die dir nur helfen und dich beschützen wollen! Oder glaubst du wirklich, alles besser zu wissen als wir?«

»Was ist passiert?«

Talia zuckte zusammen, als Luguaedons Stimme neben ihr ertönte. Sie hatte nicht gehört, dass ihr ehemaliger Lehrmeister hinter sie getreten war. Ihr Gesicht brannte vor Scham und von Ientus’ Schlag. Sie versuchte, etwas zu sagen, aber Ientus kam ihr zuvor.

»Talia glaubt, Seelen seien zum Spielen da«, höhnte er. »Vielleicht hält sie sich aber auch für einen Gott! Oder einen Druiden!«

»Nein! Ich …«

»Es gibt nichts, was dein Verhalten entschuldigen könnte, Talia! Du musst lernen, dass deine Taten Konsequenzen nach sich ziehen, und das wirst du auch! Wir können nicht zulassen, dass du dich uns weiterhin widersetzt – schon zu deinem eigenen Besten nicht!« Ientus griff nach Luguaedons Arm. Er atmete tief durch. »Wir müssen uns unterhalten – ungestört!« Er zerrte den Heiler mit sich.

Mit großen Schritten durchquerten die beiden Männer den Raum. Die neugierigen Blicke der Söldner folgten ihnen. Grabesstille lag über der Halle. Als Ientus die Kapuze seines Mantels hochschlug, spürte Talia nochmals seinen Blick auf sich ruhen. Dann verschwand sein Gesicht im Schatten, und Talia sah nur noch den scharfen Grat seiner Nase. Krachend schlug die Tür hinter ihm zu.

Vebromaras kalte Finger krochen in die Innenfläche von Talias Hand. »Versprich mir, dass du nach Alte-Stadt gehst!«, drängte sie. »Deine Mutter muss ebenfalls Familie gehabt haben! Sie werden dich bestimmt nicht verstoßen! Sie werden dich lieben, so, wie Netacari dich geliebt hätte! Sie sind bestimmt nicht wie dein Vater!«

Talia seufzte. Sie ließ sich neben Vebromara auf ihr Lager fallen und versteckte das Gesicht zwischen den Knien. »Du hast doch selber gesagt, dass all deine Nachforschungen über meine Mutter zu nichts geführt haben! Sie war eine Fremde, und womöglich hatte sie gar keine Familie in Alte-Stadt. Was also soll ich dort? Weshalb sollte ich mehr Erfolg haben, Netacaris – meine – Familie zu finden als du?«

»Weil du dort wärst! Selbst wenn dein Vater sich weigert, dich anzuerkennen, wird er dir vielleicht sagen, wo deine Familie lebt! Deine Sippe! Siehst du nicht, wie wichtig es ist? Willst du wirklich hier bleiben? Was erwartet dich denn hier?« Vebromara gestikulierte wild zu der geschlossenen Tür. »Geh fort! Du wirst Caran niemals v…«

»Sprich leiser!«, zischte Talia erregt und zog unwillkürlich den Kopf zwischen die Schultern. »All die Jahre hast du mir eingebläut, niemandem seinen Namen zu verraten! Du hast sogar deine Nachforschungen eingestellt, damit keiner Verdacht schöpft! Und jetzt schreist du seinen Namen durch ein Haus voll mit fremden Söldnern?«

»Vielleicht haben wir zu lange geschwiegen.« Die Falten in Vebromaras Gesicht bildeten dunkle Rillen und verwandelten ihr Gesicht in etwas Fremdes. Vorsichtig, beinahe schüchtern, berührte sie Talias Handgelenk. Ihre Haut war kalt und feucht. Sie sah Talia nicht an, sondern blickte stattdessen auf ihre fleckigen Finger, die auf Talias glattem, hellem Unterarm grau und hässlich wirkten. Sie atmete noch immer schwer. »Es tut mir leid.«

»Was tut dir leid?«

Dass ich dir beigebracht habe, deinen Vater zu hassen, anstatt eine Enttäuschung zu lieben, dachte Vebromara. »Dass ich dir beigebracht habe, den leichten Weg zu gehen«, sagte sie laut.

»Ich gehe nicht …«

»Talia?«

Sie drehte sich um. Ein Junge stand hinter ihr, blass und mit einer ausgefransten Decke um die mageren Schultern. Er schwenkte einen leeren Becher vor Talias Nase und deutete auf seinen Mund. Talia nickte zum Zeichen, dass sie verstanden hatte.

Vebromara löste ihre Finger von Talias Handgelenk und musterte den Jungen blinzelnd. »Das ist Hari, nicht wahr? Wie alt ist er? Zwölf? Ziemlich jung, um mit lauter Söldnern unterwegs zu sein.«

Talia atmete erleichtert auf. »Ja, das stimmt«, antwortete sie. »Er war sehr krank, aber es scheint ihm jetzt besser zu gehen. Sein Fieber ist gesunken, und er isst wieder etwas. Sein Bruder soll der Anführer der Söldner sein, aber ich habe ihn noch nicht kennengelernt.« Talia legte Hari eine Hand auf die Schulter. »Ich muss mich um ihn kümmern. Wir reden später weiter, ja?«

Sie folgte Hari zu seiner Lagerstatt und ließ sich den leeren Wassereimer mit der Schöpfkelle zeigen. Talia nahm ihn und ging nach draußen, um Wasser zu holen. Als sie zurückkam, kauerte Hari gerade über seinem Nachttopf. Er stand auf, bedeckte die Schüssel mit einem Stück Rinde und reichte sie ihr. Er lächelte verlegen.

Abermals durchquerte Talia die Halle. Als sie diesmal an dem niedrigen Tisch vorbeikam, an dem einige Söldner saßen und würfelten, verstellte ihr einer der Männer den Weg. Er sagte etwas, was sie nicht verstand, dann griffen seine Hände nach ihrer Taille und zogen sie an sich. Seine Finger strichen über ihren Hintern. Talia reagierte, ohne nachzudenken. Sie stieß den Söldner mit den Ellbogen von sich, holte aus und schleuderte ihm die Schüssel an den Kopf. Würgend stolperte der Mann zurück. Der Inhalt von Haris Nachttopf überzog seinen Scheitel und tropfte von dort langsam an Wangen und Nase entlang nach unten. Gelächter brandete um Talia herum auf, als sich die anderen Männer in ihren Decken aufsetzten. Sie johlten und klopften beifällig auf den Boden.

Talia floh nach draußen. Sie hörte das Lachen der Söldner noch, als sie schon zum Tor hinauseilte. Es vermischte sich mit Vebromaras Worten, der Geschichte einer Geburt und eines Verrats, der Talia wie ein Schatten verfolgte und niemals starb, und dem Pochen in ihrer Wange, wo Ientus’ Hand sie getroffen hatte. Es war nicht der Schlag, der am meisten schmerzte. Wütend wischte sich Talia eine Träne weg, dann begann sie zu rennen.

Am nächsten Morgen erwachte Talia reichlich spät mit dunklen Ringen unter den geröteten Augen. Normalerweise begann sie den Tag bei Sonnenaufgang, doch jetzt fiel warmes Licht durch die offen stehende Tür und spiegelte sich auf einer weißen Decke, die alle Geräusche dämpfte. Kalte klare Luft strömte ins Innere des Gebäudes und vertrieb den Geruch von Krankheit und zu vielen verschwitzten Leibern auf engem Raum.

Vebromaras Augen glänzten. »Bringst du mich nach draußen?«, drängte sie, als Talia begann, ihr die Haare zu kämmen. »Bitte, Talia! Es ist so schön draußen! Ich will noch einmal den Schnee sehen!«

»Du solltest nicht …«

»Ich weiß, ich weiß! Doch welchen Unterschied macht das schon? Eine Nacht, zwei?«

Talia seufzte. Sie ging zur Tür und starrte hinaus. Der Himmel war wolkenlos und die Luft so still, dass es beinahe unwirklich war. Talia atmete tief durch und stellte überrascht fest, dass sie lächelte.

»Das Wetter wird halten. Ich bringe dich mittags nach draußen. Dann ist es etwas wärmer.«

Vebromara nickte eifrig. Talia versuchte sich daran zu erinnern, wann ihre Ziehmutter das letzte Mal so munter gewesen war. Sie holte Brot und Käse, an dem Vebromara mit mäßigem Appetit knabberte; die andere Hälfte gab sie Hari. Der Junge lächelte sie dankbar an und verschlang das Frühstück wie ein hungriger Wolf.

Talia verbrachte den Vormittag damit, ihre Winterkleidung auszubessern. Sie war froh, dass Vebromara Garn und Tuche immer von einer Frau aus dem Dorf kaufte, denn sie selbst hatte fürs Spinnen und Weben nur wenig Geduld. Aber auch so gab es genug zu tun: Die verfilzte Wolle ihres Mantels wies Brandlöcher auf, und der Saum war eingerissen. Talia schlug ihn um und machte sich daran, ihn festzunähen. Sie hätte lieber draußen gearbeitet, in der Sonne und der frischen Luft, aber sie wollte Vebromara nicht allein lassen. Die alte Frau nickte an ihrer Seite immer wieder ein, doch kaum hatte die Sonne ihren höchsten Stand erreicht und war das Tropfen des schmelzenden Schnees lauter geworden, zupfte sie an Talias Ärmel. Ergeben legte diese ihr Nähzeug beiseite und schlang sich einen karierten Schal um die Schultern. Er war so breit, dass er ihren Oberkörper bis zu den Brüsten bedeckte und hinten weit über den Rücken fiel. Sie befestigte ihn mit einer schmucklosen eisernen Fibel, dann griff sie nach den blaugrünen Bändern in ihrer Schmuckschatulle. Während sie noch damit beschäftigt war, die Haare hochzubinden, knarzte hinter ihr die Tür, und die Stimmen der Söldner erhoben sich zum Gruß. Jemand antwortete und übertönte dabei mühelos das aufbrandende Gelächter. Aus den Augenwinkeln beobachtete Talia, wie sich ein Mann durch die Reihen der Kranken schob und sich über Haris Lager beugte.

»Ist das ihr Anführer? Haris Bruder?« Vebromaras Blick ging an Talia vorbei und blieb an dem Mann hängen. Talia achtete nicht weiter darauf. Sie zog Vebromara weite Hosen, Stiefel und zwei Hemden an, dann warf sie sich ein paar Decken über die Schulter und bückte sich, um Vebromara aufzuhelfen.

So leicht Vebromara mittlerweile geworden war, lastete ihr Gewicht doch schwer auf Talia. Sie fasste ihre Ziehmutter unter den Achseln und legte sich Vebromaras Arm um die Schultern. Mit gebeugten Knien näherten sich die beiden Frauen der nur angelehnten Tür. Talia zwängte einen Fuß in die schmale Öffnung und hebelte sie vorsichtig auf. Einen Moment lang balancierte sie auf nur einem Bein und wankte bei dem Versuch, das Gleichgewicht zu halten.

Starke Hände griffen zwischen ihre Arme und hoben Vebromara so mühelos auf, als wöge sie nichts. Talia, plötzlich von ihrer Last befreit, hob überrascht den Kopf und blickte in klare blaue Augen unter dunkelblonden Haaren. Ein Netz von feinen Lachfältchen wurde sichtbar, als der Söldner Vebromara in seinen Armen zurechtrückte und mit dem Kopf nach draußen wies. »Wohin soll’s gehen?«, fragte er.

Talia trat hastig einen Schritt zurück. »Nach draußen«, sagte sie.

»Tatsächlich?« Sein Lächeln wurde breiter. »Hätte ich nicht gedacht!«

Der Anführer der nordischen Söldner war groß, mindestens einen Kopf größer als Talia, mit breiten Schultern und einem gebräunten Gesicht. Er trug rostbraune Hosen und ein sandfarbenes Hemd. Die Ärmel reichten nur bis knapp über die Ellbogen, so dass Talia deutlich die Sehnen an seinen Unterarmen erkennen konnte. Er hatte große, langfingrige Hände mit sorgfältig geschnittenen Nägeln und einer schmalen Narbe auf dem linken Handrücken. Bis auf den breiten Mund sah er Hari kaum ähnlich, stellte Talia geistesabwesend fest. Vebromara starrte den Söldnerführer verzückt an.

»Wir wollten vor die Palisade«, erklärte sie, als Talia nichts sagte. »Dort steht rechts neben dem Tor eine Bank.«

Sie traten nach draußen. Vebromara schlang einen Arm um Atharics Hals und legte ihre Hand in seinen Nacken. Seine Haarspitzen fielen locker über ihre Finger.

Hoffentlich krault sie ihn nicht!, dachte Talia peinlich berührt und kniff die Augen angesichts der blendenden Helligkeit zusammen, die von dem Schnee und den weiß getünchten Häusern reflektierte. Die Schüler hatten einen Weg zwischen den Gebäuden und zum Tor hin freigeschaufelt, und unter den warmen Sonnenstrahlen war der Boden aufgeweicht. Nach drei Schritten waren Talias Schuhe mit einer Schicht aus Matsch überzogen, der hoch aufspritzte, wenn sie versuchte, ihn abzuschütteln. Davon abgelenkt, hörte sie gerade noch, wie Vebromara ihren Träger fragte, wieso sie ihn nicht früher gesehen hatte.

»Ich dachte, hier gibt es nur alte Männer«, antwortete Atharic. Er sah zu Talia hin und lächelte sie an. »Von hübschen Frauen hat keiner was gesagt.«

Talia spürte, wie Röte ihren Hals hinaufkroch, und war dankbar für den breiten Schal. Sie senkte den Blick auf ihre Stiefelspitzen und wäre kurz darauf beinahe gegen die Kante des Tors gelaufen. Vebromara kicherte schadenfroh.

»Dort, die Bank!« Sie wies ihn mit der Hand nach rechts. Atharic setzte sie vorsichtig ab. Sein Blick wanderte hinüber zum Lager seiner Männer, dann weiter zum Waldrand und zum See. Talia machte es Vebromara unterdessen bequem und deckte sie zu.

»Das ist ein guter Platz.« Atharic fing Talias Blick ein. Er verbeugte sich leicht. »Ich muss dir noch danken. Hari meinte, du hättest dich sehr gut um ihn gekümmert, und das bedeutet schon was! Jungen in seinem Alter sind normalerweise recht geizig mit ihrem Lob.«

»Ist er nicht noch ein bisschen zu jung, um Söldner zu spielen?«

»Er ist zwölf – alt genug. Was nicht bedeutet, dass es meine Entscheidung war, ihn mitzunehmen.«

»Wessen dann?«

Atharic grinste kläglich. »Einhundertzwanzig Männer folgen meinen Befehlen. Sie alle würden jederzeit für mich in den Tod gehen. Hari ist mein Bruder. Er würde mir nicht einmal einen Schuh bringen, wenn ich ihn darum bitte!«

Talia musste lachen. »Er ist euch heimlich gefolgt?«

Atharic nickte. Seine Augen hielten ihre noch einen Moment lang fest, und sie bildete sich ein, dass sich sein Lächeln vertiefte. Fasziniert und ein bisschen aufgeregt kam Talia nicht umhin zu bemerken, dass Atharic offenbar noch alle Zähne hatte.

»Macht es euch etwas aus, wenn ich Hari herbringe? Er langweilt sich.«

»Es wird dem Jungen bestimmt guttun«, erwiderte Vebromara mit erstaunlich fester Stimme, bevor Talia etwas sagen konnte. »Und ich würde mich über etwas Gesellschaft freuen.«

Talia wollte protestieren. Sie hatte eigentlich nicht vorgehabt, Vebromara hier draußen alleine zu lassen, aber was besondere Heilkräfte betraf, hatte sie offenbar das falsche Geschlecht.

»Ich bin gleich wieder da.«

Die beiden Frauen starrten dem Söldnerführer nach.

»Wie alt, glaubst du, ist er?«

»Ende zwanzig.« Talia antwortete, ohne nachzudenken.

»Wenn ich jünger wäre …«

»Bist du aber nicht!«

»Würde ich …«

»Lass das!«

»Wieso?«

»Weil …«

Talia fiel nichts ein. Sie ließ sich neben Vebromara nieder. Es tat gut, in der Sonne zu sitzen und die Wärme zu spüren, die durch die Kleiderschichten in ihre Knochen drang. Sie entspannte sich.

»Seine Seele ist bestimmt ein riesiger Feuerball«, fuhr Vebromara wie beiläufig fort.

»Das ist kein Spiel! Du hast doch gehört, was Ientus gesagt hat!«

»Ientus macht sich wichtig wie alle Druiden! Glaub mir, ich kenne ihn lange genug.«

Talia hatte keine Lust, mit Vebromara zu diskutieren. Um sie abzulenken, sagte sie: »Es heißt, Ientus hätte eine alte Seele – eine, die viele Male aus der Anderen Welt wiedergekehrt sei. Ich wüsste gerne, ob das stimmt.«

»Ientus wird dich nicht nahe genug an sich heranlassen, um das herauszufinden. Er fürchtet dich.«

Sie schwiegen. Talia knabberte an ihrer Unterlippe. Nachdenklich fragte sie sich, ob Vebromara womöglich recht hatte. Talia wusste, dass die Druiden glaubten, ihre Gabe sei so stark, dass sie die Seelen in ihrer Umgebung beeinflussen konnte. Aber die Geweihten kannten doch bestimmt Mittel und Wege, um sich dagegen zu schützen, oder etwa nicht? Es waren Druiden! Weshalb sollte Ientus sie also fürchten?

Wenig später kehrte Atharic mit seinem Bruder zurück. Talia rutschte zur Seite, damit Hari sich setzen konnte. Der Junge beachtete sie nicht, sondern schnatterte die ganze Zeit in seiner eigenen Sprache auf Atharic ein.

»Du musst hier nicht sitzen bleiben«, sagte Vebromara leise zu Talia. »Wenn etwas ist, kann der Junge jemanden holen.«

Es war eine deutliche Entlassung. Unschlüssig stand Talia auf. Atharic unterbrach sein Gespräch mit Hari. »Ich bringe die beiden später zurück«, versprach er. »Mach dir keine Sorgen!«

»Gut.« Talia bemerkte, dass sie ihre Hände knetete, und zwang sich, damit aufzuhören. »Dann – bis später.«

Als sie zum Tor zurückging, kamen ihr weitere Nordmänner entgegen. Sie begrüßten Talia mit einem breiten Grinsen und winkten Hari schon von weitem zu. Kurz bevor sie durch das Tor trat, drehte sich Talia nochmals um. Vebromara war hinter einer Gruppe Männer verschwunden. Talia hörte sie lachen.

Vebromara starb am nächsten Morgen.

»Vielleicht hätte ich sie früher zurückbringen sollen.« Atharic ließ sich neben Talia nieder und streckte die langen Beine aus. Geistesabwesend klopfte er die Schuhspitzen gegeneinander, um den Matsch der aufgeweichten Wege abzuschütteln. Sein Blick ruhte auf ihr und registrierte die Tränenspuren auf den bleichen Wangen. Talia wischte sie hastig fort.

Es war vier Nächte her, seit sie Vebromara verbrannt hatten. Der Scheiterhaufen war am Rande des Heiligtums errichtet worden, auf einer sumpfigen Lichtung mit einem Tümpel in der Mitte. Es hatte geschneit, und ein kalter Wind hatte die Flammen zur Seite gedrückt. Nachdem das Feuer ausgeglüht war, hatten die Druiden Vebromaras Asche zusammengekehrt und in eine Schale gefüllt. Ientus hatte das Gefäß genommen und zum Heiligtum getragen. Dort hatte er die Asche am Fuße der Eichen verstreut. Sie hatte dunkle Flecken auf der dünnen Schneedecke gebildet.

Die eigentliche Totenfeier hatte jedoch am Abend zuvor stattgefunden, nach Sonnenuntergang auf dem freien Platz in der Mitte der Schulanlage. Ein Barde hatte mit Gesängen Vebromaras Seele auf ihrem Weg in die Andere Welt begleitet. Nachdem die letzten Sonnenstrahlen hinter der Palisade verschwunden waren, hatten die Druiden einen Kreis aus Eicheln um die Versammelten gezogen, um sie vor der Anderen Welt zu schützen. Bei Totenfeiern wurden die Grenzen zwischen den Welten dünn, und es war die Aufgabe der Druiden, die Seelen der Lebenden und der Toten voreinander zu schützen.

Ientus hatte bereits nachmittags das große Tor schließen lassen, so dass kein nordischer Söldner an der Totenfeier teilnehmen konnte. Fast alle Söldner waren mittlerweile gesund, und das Versammlungshaus bildete nun wieder den Mittelpunkt des Schulbetriebs. Atharic hatte eigentlich vorgehabt, am nächsten Morgen weiterzuziehen, aber dann war das Wetter umgeschlagen, hatte Stürme und mehr Schnee gebracht und die Söldner in ihrem behelfsmäßigen Lager festgesetzt. Seit gestern taute es nun wieder. Die Männer würden bald aufbrechen.

»Nicht einmal ein Gott hätte Vebromara dazu bewegen können, vor Sonnenuntergang wieder ins Haus zu kommen«, erwiderte Talia nach einer Weile.

»Wahrscheinlich nicht. Sie schien recht stur zu sein.«

Talias Lachen klang selbst in ihren eigenen Ohren bitter. »Anscheinend war ein Nachmittag genug, um das zu bemerken.«

»Bist du ihr einziges Kind?«

»Sie war nicht meine Mutter. Nur meine Ziehmutter.«

Atharic zog eine Augenbraue in die Höhe. »Solche Dinge scheinen plötzlich wichtiger zu werden, wenn jemand stirbt, nicht wahr?«

»Nein!« Zu ihrem Ärger bemerkte Talia, dass Tränen in ihren Augenwinkeln brannten. »Nein!«, wiederholte sie und verschränkte die Arme vor der Brust.

Sie wollte Atharic nicht ansehen und blickte daher angestrengt zu den kleinwüchsigen Pferden der Söldner hinüber, die neben dem Bach in Gehegen eingesperrt waren. Ihre Köpfe wippten auf und ab, und die langen Rücken wogten scheinbar ohne Unterlass von einer Seite der Einfriedung zur anderen. Die Tiere waren unruhig, und Talia konnte es ihnen nicht verdenken. Zu lange waren sie nun schon auf engstem Raum gefangen.

Atharic war ihrem Blick gefolgt. »Sie sehen vielleicht nach nicht viel aus, aber sie sind zäh und schnell. Sie können es mit jeder boischen Reiterei aufnehmen.«

»Ich dachte, ihr hättet für die Boier gekämpft?«

»Für den, der uns bezahlt hat. Einmal waren es Menosgadas Hundewächter, öfters dagegen die Boier. Meistens wurden wir jedoch von anderen Stämmen des Nordens angeheuert.«

»Und was treibt euch jetzt so weit nach Süden?«

Atharic verschränkte die Arme hinter dem Kopf und lehnte sich zurück, bis sein Rücken das Holz der Palisade berührte. Talia musste sich umdrehen, um ihn ansehen zu können.

»Der Norden ist in Aufruhr. Kimbrische Stämme sammeln sich, um gemeinsam nach Süden zu ziehen. Sie überfallen ihre Nachbarn und alle, die auf ihrem Weg liegen, um ihren Zug zu versorgen. Es werden viele Tausende sein – unzählbar viele mit Familien, Wagen und Vieh. Sie werden den Flüssen durch das Land der Boier flussaufwärts folgen, bis sie den Danuius erreichen. Was dann passiert …« Er zuckte mit den Achseln.

»Was hat das alles mit dir und deinen Männern zu tun?«, fragte Talia. »Wenn die Kimbern den Norden verwüsten, solltet ihr dann nicht zu Hause sein, um eure Familien zu beschützen?« Erschrocken hielt sie inne. Sie hatte Atharic nicht beleidigen wollen, aber er schien nicht darauf zu achten.

»Die Mehrzahl unserer Leute tut das auch. Uns gehört Land direkt an einem der Flüsse. Mein Bruder ist Händler. Er reist jedes Jahr nach Norden zu den Bernsteinstränden. Er hat uns erzählt, was er gesehen hat und was wir zu erwarten haben. Er sprach von Banden junger Männer, für die es kein Land gibt und die ihre Nachbarn berauben und ermorden, von Frauen, die nichts essen, damit ihre Kinder nicht hungern müssen, und von Feldern, die so ausgelaugt sind, dass kein Halm mehr auf ihnen wächst. Seine Berichte haben den Stamm gespalten. Dreihundert Männer und ihre Familien haben sich mir und meinem Schwager angeschlossen. Im Spätsommer sind wir fortgezogen.«

»Und wo sind eure Familien und der Rest eurer Krieger jetzt?«

»Sie bleiben den Winter über bei den Hundewächtern und verdingen sich dort. Meine Frau und meinen Sohn habe ich zuletzt in Menosgada gesehen.«

Talia runzelte die Stirn. »Warum seid ihr nicht zu den Boiern gezogen, wenn ihr schon häufiger von ihnen angeheuert worden seid? Weshalb wollt ihr nach Süden, nach Alte-Stadt?«

»Wir sind auf Landsuche. Meine Männer und ich werden versuchen, uns bei vindelikischen Herren zu verdingen, und dafür das Recht zu siedeln erbitten. Zumindest für einige Jahre, bis sich die Lage in unserer Heimat wieder entspannt hat.« Atharic zuckte mit den Achseln. »Bei den Boiern gibt es kein freies Land. Und selbst wenn es das gäbe: Wenn erst Tausende von Nordmännern ihr Gebiet durchqueren, werden sie wohl kaum Platz für uns finden wollen, nicht wahr?«

»Und was ist mit dem Rest eures Stammes? Der, der im Norden geblieben ist?«

Die blauen Augen blickten gedankenverloren in die Ferne. »Wir wissen nicht, ob sie noch da sein werden, wenn wir in einigen Jahren zurückkehren. Vielleicht wird es kein Land mehr geben, das wir unser Eigentum nennen können. Entweder gehst du mit der Welle mit oder sie drückt dich unter Wasser. Verstehst du, was ich meine?«

Ehe Talia antworten konnte, ertönte Walamers barsche Stimme hinter ihr: »Was erzählst du dem Mädchen für Sachen, Junge? Versuchst du wieder, anderer Leute Weisheit zu versprühen?«

Aufgeweichte Erde quakte unter seinen Stiefeln, als Walamer neben sie trat. Er hatte sich Wangen und Kinn rasiert und die Enden des Schnurrbarts zu Zöpfen geflochten. Seine schulterlangen grauen Haare waren locker zurückgebunden. Am Ende des Bandes, das die Haare im Nacken zusammenhielt, baumelte eine Rabenfeder. Ein Bogen hing über seiner Schulter, und ein paar Pfeile steckten in seinem Gürtel. Wie die meisten Söldner hatte es ihn in der langen Zeit, in der sie jetzt schon festsaßen, immer wieder in den Wald zum Jagen getrieben.

Walamer bemerkte Talias bewundernden Blick und wuschelte ihr durch die Haare. »Lass dich nicht um den Finger wickeln! Atharic ist nicht so klug, wie er tut.«

»Ach ja? Und warum sitze ich dann neben der einzigen hübschen Frau weit und breit? Und ich habe noch nicht einmal einen Nachttopf ins Gesicht bekommen – oder seinen Inhalt!«

Talia schoss das Blut in die Wangen. Mit auf einmal großem Interesse starrte sie auf ihre Schuhspitzen und begann mit Nachdruck den Schlamm von ihren Sohlen zu kratzen.

Walamer kicherte. »Hat sich schnell rumgesprochen.«

»Ich wäre zu gern dabei gewesen!«

»Hari hat sich deswegen eine Ohrfeige eingefangen und musste drei Abende lang Latrinen schaufeln! Ich glaube, er wäre lieber noch länger krank geblieben.«

»Dabei hat er eigentlich gar nichts dafür gekonnt. Das mit dem Durchfall war einfach Pech.«

Talia suchte nach einem Loch, in das sie kriechen konnte. Schließlich rettete sie der Wagen eines Bauern, der dicht neben ihnen zum Tor hinausfuhr. Sein Rumpeln übertönte das Gelächter der beiden Männer und lenkte ihre Aufmerksamkeit ab.

»Euer Leben hier scheint recht angenehm zu sein«, stellte Atharic fest, während der leere Karren den Weg entlangrumpelte. »Euer Volk, die Vindeliker, sorgt gut für seine Druiden.«

»Und es weiß auch, warum!«

Talia zog unwillkürlich die Schultern in die Höhe, als Ientus so plötzlich zu der kleinen Gruppe trat. Irgendwie hatte er es fertiggebracht, durch den Matsch zu gehen, ohne den Saum seines langen weißen Gewandes zu beschmutzen. Wie meistens ignorierte er Talia und wandte sich direkt an die beiden Söldner. »Wann werdet ihr aufbrechen?«

»Wir werden nicht noch mehr Zeit verlieren«, erwiderte Atharic, nachdem er ein paar Worte mit Walamer gewechselt hatte. »Morgen Vormittag.«

Ientus neigte den Kopf zur Seite. »Der Mann, über den wir gesprochen haben, ist nicht der Einzige mit einem großen Namen in unserem Volk. Es gibt andere, die ebenfalls viel Einfluss haben, trotzdem würde ich mich an Caran wenden, sobald ihr nach Alte-Stadt kommt. In den letzten Jahren hat er seine Gefolgschaft ständig vergrößert und kontrolliert jetzt große Teile der Südstraße und die wichtigsten Zollstationen. Ich bin nicht mit allem einverstanden, was er tut, aber er sorgt gut für die Sicherheit der Wege. Mit all den Überfällen, die es dieses Jahr gegeben hat, mag er durchaus Arbeit für euch haben.«

Die Männer waren aufgestanden, während Ientus sprach. Langsam schlenderten sie auf das Tor zu und verschwanden aus Talias Blickfeld. Ihre Stimmen verklangen. Talia blieb alleine und mit klopfendem Herzen auf der Bank zurück.

Caran.

Allein seinen Namen aus Ientus’ Mund zu hören, trieb ihr eine Gänsehaut über den Körper und ließ sie einen Moment lang die Trauer um Vebromara vergessen. Ientus schickte Atharic und seine Söldner zu ihrem Vater. Nach Alte-Stadt. War das ein Zeichen?

Ärgerlich schüttelte sie den Kopf. Sie sah Götter, wo keine waren.

Talia presste die Hände in den Rücken und streckte ihr Kreuz. Pflichten warteten auf sie. Die Köchin war bereits am Morgen mit ihrer Familie in ihr Dorf zurückgekehrt. Jetzt war es Talias Aufgabe, die Arbeit Vebromaras fortzusetzen und den Haushalt der Druidenschule zu führen. Vebromara hätte das von ihr erwartet. Sie hätte niemals gewollt, dass Talia sich auf eine Bank verkroch und in Trauer und Selbstmitleid schwelgte. Ihre Ziehmutter hätte erwartet, dass Talia die Ärmel hochkrempelte und ihr Leben anpackte.

Aber nicht heute.

Talia erhob sich und wandte sich von der rechteckigen Hofanlage ab. Sie folgte der Straße bis zur Abzweigung zum Heiligtum. Es war ein schmaler, im Sommer gut gepflegter Pfad, der zum heiligen Hain führte, aber jetzt war er voller Pfützen und Schlamm. Zu seinen beiden Seiten lagen brachliegende Felder und Wiesen, die erst in niedriges Buschwerk übergingen, dann in einen lockeren Fichtenwald, der kurz darauf Mischwald wich. Die kahlen Äste der Laubbäume reckten sich dunkel in den Himmel; nur an wenigen Stellen lag unter den schützenden Nadeln kleiner Tannen noch Schnee. Talia überquerte die Lichtung, auf der die Druiden vor vier Nächten den Scheiterhaufen entzündet hatten. Verkohlte Holzscheite und niedergetrampeltes braunes Gras erinnerten an den schwarzen Rauch und die Flammen, die Vebromaras Körper verschlungen hatten.

Talia folgte dem gewundenen Trampelpfad, den Ientus mit der Schale voll Asche beschritten hatte, zwischen den Eichen hindurch und den Hang hinauf. Sie sah sich aufmerksam um, aber der Schnee war geschmolzen und die verbrannten Überreste Vebromaras hatten sich mit den halb verrotteten Blättern und Zweigen des Bodens vermischt. Sogar hier schien es, als hätte es Vebromara nie gegeben, als hätte sie nichts in dieser Welt hinterlassen, was Talia dabei helfen konnte, die Erinnerung an ihr Gesicht, ihre Stimme, ihre Wärme und die leuchtenden Farben ihrer Seele zu bewahren. Talia blinzelte aufsteigende Tränen fort und stolperte weiter.

Wenig später ersetzten Buchen die Eichen, als sie sich dem Zentrum des Heiligtums auf der Kuppe der Anhöhe näherte. Hier formte ein großer Kalksteinfelsen, dessen Oberfläche von Moosen bewachsen war, eine kleine Höhle. An ihrem hinteren Ende führte ein schmaler Spalt senkrecht nach unten. Talia hatte als Kind heimlich Steine hineinfallen lassen und gelauscht, wie sie auf dem Boden aufschlugen. Ientus hatte sie geschlagen, als er sie einmal dabei ertappte. Er hatte gesagt, es sei ein heiliger Spalt, der tief in die Erde hinabreiche. Seit Urzeiten warfen die Menschen Opfer hinein: Keramik, Essen, Schmuck, sogar Menschen hatte die Tiefe verschlungen.

Talia umrundete den Felsen. Auf seiner Ostseite wuchs weniger Moos; der Stein war heller und bildete eine Art natürliches Dach, das den Boden direkt an der Felswand trocken hielt. Es war einer von Talias Lieblingsplätzen – ruhig und vom Pfad aus nicht zu sehen.

Sie ließ sich nieder und zog die Knie eng an den Körper. Ihr Blick wanderte über das Gehölz des Waldes, das sich kahl und licht vor ihr erstreckte. Die Wurzeln der Bäume und die Erde um sie herum waren getränkt mit der Asche von Toten. Bauern und Handwerker aus den umliegenden Dörfern brachten die verbrannten Überreste ihrer Familienmitglieder hierher und verstreuten sie zwischen den Eichen. Es hieß, dass die Nähe zu den heiligen Bäumen die Seelen der Toten davon abhielt, auf der Suche nach ihren Körpern in diese Welt zurückzukehren. Wenn ein Baum, an dessen Fuß die Asche eines Menschen verstreut worden war, im nächsten Jahr Misteln trug, war dies ein Zeichen dafür, dass die Seele in der Anderen Welt glücklich war.