Die dunkle Seite des Weiß - Paranormal Berlin 1 - Yalda Lewin - E-Book

Die dunkle Seite des Weiß - Paranormal Berlin 1 E-Book

Yalda Lewin

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Beschreibung

Beelitz-Heilstätten 1911: Eine junge Patientin verschwindet spurlos – und taucht einhundert Jahre später tot, jedoch kaum gealtert wieder auf. Ihr Körper wird in den Ruinen des ehemals berühmten Lungensanatoriums gefunden und stellt die Behörden vor beträchtliche Rätsel. Der Hochsensible Jakob Roth, einst bester Kriminalermittler an der „Akademie für paranormale Künste“ in Berlin, übernimmt den Fall der rätselhaften Leiche. Er – zwei Jahre zuvor aufgrund eines „unliebsamen Vorkommnisses“ unehrenhaft aus der „Akademie“ entlassen – kämpft aber nicht nur um die Aufklärung dieses Mysteriums, sondern auch um die Wiederherstellung seines Rufes und um die Liebe einer Frau, die er nicht vergessen kann. Dies jedoch könnte ihn das Leben kosten …

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Seitenzahl: 396

Veröffentlichungsjahr: 2013

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Paranormal Berlin 1

Die dunkle Seite des Weiß

Yalda Lewin

Für Yuti, ohne die diese Geschichte eine andere wäre.

Wichtige Hinweise:

Die Beelitzer Heilstätten befinden sich heute in Privatbesitz. Das Gelände und die Gebäude dürfen nicht ohne Genehmigung betreten werden. Führungen und Fototouren bietet www.go2know.de.

Der Inhalt dieses Romans ist frei erfunden. Eventuelle Ähnlichkeiten mit realen Begebenheiten, existierenden Unternehmen, Organisationen oder Namen und tatsächlich lebenden oder bereits verstorbenen Personen wären rein zufällig.

I'm hanging on your words Living on your breath Feeling with your skin Will I always be here? (Depeche Mode: In Your Room)

Kapitel 1

Was immer Mirella sich dabei gedacht hatte, mich mit Ernesto Sanchez bekannt zu machen – auf meinen Tod hatte sie sicher nicht spekuliert. Oder doch?

Beginnen wir von vorn: Ein Sonntag im April, Hagelschauer und aufblühende Narzissen, erste Mückenstiche wie die Ankündigung wilden neuen Lebens. Ich hatte mich in meine Wohnung zurückgezogen und das Telefon ausgesteckt. Gelegentlich brauche ich den Rückzug von der Welt. Von Lärm, Großstadttrubel, Menschenmengen und dem ganzen alltäglichen Wahnsinn. Ich bin ein Hochsensibler, auch HSP genannt. HSP steht für »hochsensible Person«. Diese Gabe ist mein Fluch. Und mein Segen. Denn genau damit verdiente ich früher mein Geld. Und genau deshalb klopfte auch Mirella am späten Nachmittag an meine Tür.

»Du solltest umziehen«, sagte sie so ungerührt, als wären nicht Jahre seit unserer letzten Begegnung vergangen, und drängte sich ohne Umschweife an mir vorbei in die Wohnung.

Ich verzog die Mundwinkel.

»Fühl dich wie zu Hause. Du kennst dich ja hier aus.«

»Berliner Altbauten. Es ist niemandem zuzumuten, in den vierten Stock zu steigen, nur um dich zu treffen. Dein Telefon funktioniert nicht. Und dein Handy ist aus.«

»Weil ich es eventuell genau darauf angelegt habe«, antwortete ich spitz und schloss sorgfältig die Tür. »Vielleicht will ich ja niemanden hören oder sehen?«

Mirella ließ sich auf meine Couch fallen, schlug die langen Beine übereinander und lächelte süffisant.

»Tatsächlich? Immer noch der alte Langweiler? Na, dann hätte ich mir den Aufwand ja sparen können.«

Sie sah noch immer hinreißend aus mit ihren langen dunkelbraunen Locken, den funkelnden grauen Augen und dem Talent, sich in eine umwerfende Aura zu kleiden. Sie wusste, dass ich den Blick nicht von ihr abwenden konnte, sobald sie es darauf anlegte. Es war ein Spiel. Wir hatten es beide gespielt, seit wir uns im Programm des Paranormal Arts Institute kennengelernt hatten. Fünfzehn Jahre war das her. Und seitdem war kein Tag vergangen, an dem ich nicht an Mirella gedacht hatte – auch wenn schon lange klar war, dass wir als Paar eine Katastrophe waren. Das Spiel hatte ein unrühmliches Ende gefunden. Eine Scheidung lässt sich nicht wegdiskutieren. Und doch spukte sie noch immer in meinen Gedanken herum. Sie war überall. Im samtigen Nachtblau und in den Schatten der Nachmittage am See, im flirrenden Staub der Straßen, im Trubel der Kreuzberger Kneipen und in den Küssen jeder Frau, die ich in meine Arme schloss. Mirella konnte Illusionen heraufbeschwören, aus denen sich niemand mehr lösen wollte, und blieb selbst unbeteiligt.

Das war ihre Gabe.

Sie legte den Kopf schief und musterte mich.

»Lange nicht gesehen, Jakob. Alles in Ordnung? Du siehst müde aus.«

Ich zog einen Stuhl heran und ließ mich darauf fallen.

»Mirella, ehrlich, mir ist nicht nach Plaudereien. Was zur Hölle willst du hier?«

Sie schenkte mir einen tiefen Blick.

»Begrüßt man so eine alte Freundin?«

Dann seufzte sie, griff nach ihrer Tasche und zog einen Stapel Papier hervor.

»Hier!«, sagte sie und drückte mir die Dokumente in die Hand. »Brenner meinte, du sollst dir das mal ansehen.«

Ich ließ das Papier fallen, als hätte es mit scharfen Zähnen nach mir geschnappt.

»Interessiert mich nicht.«

Rasch stand ich auf, ging zum Fenster und schob vorsichtig den Vorhang zur Seite. Mein Blick wanderte nach unten, die Straße entlang. Dicht gedrängt parkten Autos, hier und da eilten Fußgänger mit gesenkten Köpfen durch den Regen. Doch nirgends die dunklen Wagen der Akademie, die sich durch ihre auffällige Unauffälligkeit auszeichneten. Zumindest für Eingeweihte. Und keine verdächtig aussehenden Personen. Doch das musste nichts heißen.

»Lass mich raten: Scharfschützen auf den umliegenden Dächern?«

Der sarkastische Unterton in meiner Stimme blieb Mirella nicht verborgen.

»Keine Sorge, ich bin allein. Und du musst nicht mitkommen, wenn du das nicht möchtest«, sagte sie leise.

Ich wandte ihr den Blick zu und fiel für Bruchteile einer Sekunde in nebelgraue Augen. Dann straffte ich mich.

»Als ich das letzte Mal in die Akademie wollte, wurde ich fast verprügelt. Ich war es nicht, der die Sache unrühmlich beendet hat. Und jetzt hat Brenner dich geschickt? Damit ich was genau tue?«

Sie lächelte und deutete mit einem leichten Nicken auf die Papiere, die auf dem Parkettboden verstreut lagen.

»Steht alles da drin. Sieh es dir an, ja? Bitte. Ganz in Ruhe. Und dann melde dich.«

»Wohl kaum«, antwortete ich eisig.

Ich hatte allen Grund dazu, unfreundlich zu sein. Die Akademie hatte mich ausgebootet. Nicht einmal auf Mirella hatte ich mich verlassen können, als es ernst geworden war. Und das ließ sich nicht so einfach vergessen, auch wenn mein Herz bei ihrem Anblick einen Sprung machte – einen größeren als mir lieb war.

Unsere Beziehung war immer besonders gewesen. Wir waren wie zwei Pole, die sich gegenseitig abstießen und im nächsten Moment unwiderstehlich anzogen. Das hatte es so schwierig gemacht. Und so unausweichlich.

Mirella erhob sich und strich ihren kurzen Mantel im Uniformstil glatt, der typisch für die Mitarbeiter der Akademie war. Ihr Blick fiel auf meine Klarinette, die auf einem kleinen Tisch am Fenster lag. Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht.

»Spielst du noch?«

Ich nickte steif.

»Manchmal.«

Mirella ging zu dem Instrument und strich vorsichtig mit den Fingerspitzen darüber. Dann runzelte sie die Stirn.

»Ich wünschte, du wärst nicht so verdammt stur. Fehler passieren jedem von uns. Und niemand hat jemals deine großartigen Fähigkeiten angezweifelt, niemand …«

»Ich habe keinen Fehler gemacht«, antwortete ich kühl. »An der Sache war was faul. Von Beginn an. Und versuch erst gar nicht, mich zu manipulieren, Mirella. Du weißt genau, bei mir funktioniert das nicht.«

Mirella presste die Lippen zusammen. Dann nickte sie.

»Wenn du das so siehst, dann kann ich dir nicht helfen. Aber du solltest wissen, dass die Akademie dich schätzt. Und dass du fehlst. Gerade jetzt.«

»Das sind ja ganz neue Töne. Und wem genau fehle ich?«

Mirella blickte mich einen Moment schweigend an. Dann deutete sie nochmals auf die Papiere.

»Ich lasse das hier. Sieh es dir an!«

Damit drehte sie sich um und verschwand ohne ein weiteres Wort aus meiner Wohnung. Zurück blieb der leise Hauch ihres Parfüms, verschattet wie eine Ahnung.

*

Ich ignorierte die herumfliegenden Blätter in meinem Wohnzimmer ganze zwei Tage lang. Schritt über die bedruckten Seiten, als wären sie eine neue Art von Teppich, umrundete sie wie Pfützen, die sich zwischen Sofa und Bücherregalen ausgebreitet hatten, trat sie mit Füßen wie welkes Laub im Rinnstein.

Und von Minute zu Minute gingen sie mir mehr auf die Nerven. Es war, als bohrten sich die ungelesenen Fakten in meine Gedanken, verfolgten mich in meine Träume, so wie Mirella es seit Jahren tat, und ließen mich mit nichts weiter als einem faden Geschmack im Mund zurück.

Schließlich riss ich die Zettel vom Boden hoch und stopfte sie in den Altpapierkorb hinter der Küchentür – nur um sie keine drei Minuten später hektisch wieder hervorzukramen und auf dem Tisch auszubreiten.

Ich strich die zerknitterten Bögen glatt und überflog die ersten Zeilen.

Mein Herz begann zu rasen und die Buchstaben tanzten vor meinen Augen wie irrgewordene Derwische, während ich mich immer schneller durch die Seiten arbeitete. Unbekannte junge Frau, etwa siebzehn Jahre alt – gefunden in den Ruinen der Beelitzer Heilstätten nahe Berlin – Todesursache ungeklärt – Freitod wird ausgeschlossen.

Und dann der Zusatz, bei dem sich mein Magen zusammenkrampfte: Erkrankt an Tuberkulose!

TBC. Deshalb also hatte Simon Mirella zu mir geschickt. Deshalb war ich überhaupt wieder zur Sprache gekommen in dieser Akademie, deren Tore sich vor zwei Jahren scheinbar für immer hinter mir geschlossen hatten.

Ich legte die Papiere zur Seite. Das Holz der Stuhllehne drückte schmerzhaft in meinen Rücken, doch ich beachtete es kaum. An manchen Tagen störten mich die hochsensiblen Wahrnehmungen jeder Kleinigkeit. An anderen Tagen gingen sie unter. An Tagen wie heute.

Erkrankt an Tuberkulose …

Ohne dass ich es verhindern konnte, öffneten sich Türen in die Vergangenheit. Bilder. Die Leichen dreier junger Frauen, gefunden in Berlin. Alle erkrankt an Tuberkulose. Und ich, den man gerufen hatte, weil die Polizei sich von einem Hochsensiblen Hilfe erhoffte. Weil sie gedacht hatten, dass einer aus der Akademie vielleicht etwas finden würde, was alle anderen übersehen hatten.

Was für ein Irrtum. Ich fand nicht, was ich finden sollte. Dafür etwas anderes, etwas weitaus Brisanteres. Es hatte mich meinen Job gekostet. Und Mirellas Liebe. Ich weiß, dass es regnete an diesem Tag. Und ich weiß, dass ich Schatten sah. Der Rest ist nichts als eine verwaschene Collage aus zertrümmerten Hoffnungen, Prinzipienreiterei und hohlem Gelächter.

Ich blickte aus dem Fenster und nagte auf meiner Unterlippe, während sich die Flut der Erinnerungen den Weg durch neuronale Verzweigungen bahnte. Manchmal glaubte ich die Stoßwellen an Informationen während ihrer Verarbeitung regelrecht flirren zu hören, glaubte zu spüren, wie die Netzwerke sich untereinander neu verknüpften und immer feinere Gespinste bildeten, während ich hilflos dasaß und das Denken seinen Lauf nahm. Ich bin mir sicher, dass ich niemals selbst denke. Ich bin es nicht, der denkt. Es denkt mich. Und es denkt ohne mein Zutun.

Manchmal hasse ich mich dafür. Und für dieses Fühlen, das ich nicht verhindern kann, für dieses Denken, das mich in Geiselhaft hält. Mein persönliches Stockholm-Syndrom. Ich sympathisiere mit meinem Entführer. Und verachte unsere illustre Gemeinschaft zugleich.

Mirella hat mich einmal als genial bezeichnet. Das ist viele Jahre her und es ist Unsinn. Ich bin nicht genialer als jeder andere. Ich bin nur ein wenig unfähiger, die ganz normale Genialität zu verbergen.

Ich beobachtete, wie sich das rußige Tuch der Dämmerung langsam über die Stadt senkte. Im Häusermeer flammten Lichter auf. Einige, mehr, dann viele. Ich blieb im Dunkel meiner Wohnung sitzen und dachte nach. Tuberkulose also. Eine neue Frauenleiche. Eine alte Geschichte. Und ich mittendrin, ob ich nun wollte oder nicht. Die Vergangenheit hatte mich eingeholt.

*

Mitten in der Nacht schreckte ich hoch und rang nach Luft. Mein Herz raste, ich war schweißgebadet und hatte den bitteren Geschmack eines schlechten Traumes noch auf den Lippen. Lose Bilderfetzen hingen über mir wie drohende Wächter. Die Erinnerungen. Wieder da. Nach über zwei Jahren.

Die jungen Frauen. Ihre Blicke aus starren, leeren Augen, die so viel gesehen zu haben schienen. Die stummen Münder, denen niemand mehr des Rätsels Lösung entlockte. Und die Tuberkulose, die sich keiner erklären konnte. Es waren die schwersten TBC-Fälle in Berlin seit Jahrzehnten. Doch daran waren sie nicht gestorben. Woran nur? Woran nur …

Alle Akten geschlossen. Alle Lippen versiegelt.

Stöhnend richtete ich mich auf. Die Lamellen der Jalousie pressten das Licht der Straßenlaternen zu schmalen Streifen an der Wand. Ich strich mir die verschwitzten Haare aus der Stirn und griff nach der Flasche, die neben meinem Bett stand. Kühl rann das Wasser meine Kehle hinunter.

Auf dem Weg ins Badezimmer rieb ich mir die Augen. Mein Herzschlag beruhigte sich nur langsam. Ich hatte geglaubt, die Zeit der Albträume sei vorüber. Seit Monaten hatte ich Ruhe gehabt, endlich wieder friedlich geschlafen. Ich hatte nicht mehr jeden Morgen ausgesehen wie ein umnachteter Halbtoter. Das Einzige, was hartnäckig blieb, war ein leichter Spannungskopfschmerz und gelegentliche unerklärliche Migräneanfälle, die aus dem Nichts zuschlugen. Dennoch hatte ich langsam wieder angefangen, das Leben zu genießen. Auf meine – zugegeben – etwas verschrobene Art.

Und dann reichte ein Besuch meiner Ex-Frau nebst ein paar Blättern Papier und das ganze Kartenhaus aus geheuchelter Seelenruhe fiel in sich zusammen.

Ich beugte mich über das Waschbecken und ließ mir kaltes Wasser über Arme und Gesicht laufen, bis auch die letzte Benommenheit des Schlafes verschwunden war. Dann richtete ich mich auf.

»Wer bist du …?«, murmelte ich, während ich dem Blick des Mannes standhielt, der mir aus den Tiefen des Spiegels entgegensah. Manchmal wünschte ich, nur ein einziges Mal die Gedanken sehen zu können, die ihm durch den Kopf gingen. Zu ergründen, was während des Schlafes hinter dieser hohen Stirn geschah, wenn die Zahnräder der Träume ineinandergriffen.

Diese Träume. Alle üblichen Strategien versagten, wenn es um diesen alten Fall ging. Wann immer mich sonst Träume quälten, wusste ich damit umzugehen. Sie waren wie Pforten, die ich schließen konnte, wann immer ich es wollte. Ich hatte mir antrainiert aufzuwachen, sobald ein Traum zu unangenehm wurde. Was zur Folge hatte, dass ich öfter unausgeschlafen war als mir lieb sein konnte. Doch es verhinderte, dass ich den Albträumen wehrlos ausgeliefert war.

In dieser Nacht aber hatte mein geschultes »Frühwarnsystem« erstmals seit Langem wieder versagt, und das war mehr als bedenklich. Es bedeutete, dass mir keine Wahl blieb. Wenn ich mir am Abend noch eingebildet hatte, den neuen Fall einfach ablehnen zu können, dann war diese Selbsttäuschung nun enttarnt. Sicher, ich konnte die Zusammenarbeit mit der Akademie ablehnen, aber den Fall wurde ich nicht mehr los. Ich hatte einen Blick in die verdammten Akten geworfen und damit ein Monster aus dem Käfig gelassen. Mea culpa.

Was blieb? Die Möglichkeit, die Chance zu nutzen und zu sehen, ob sich nicht doch eine neue Spur auftat. Eine Lösung, die meine Träume endgültig verjagte und sie nicht nur aussperrte wie hungrige Wölfe.

Ich musterte mein Spiegelbild. Die Spuren des Lebens begannen sich zu zeigen. Feine Linien der Erfahrung auf meiner Stirn, in den Augenwinkeln. An den Schläfen mischten sich graue Strähnen zwischen das satte Dunkelbraun. Das war sicher auch Mirella nicht entgangen … Und ich ging schon lange nicht mehr an Frauen vorbei, ohne dabei den Bauch einzuziehen.

Der Lack ist ab, Jakob, dachte ich. Das lässt sich nicht mehr verstecken.

Seltsamerweise löste dieser Gedanke Leichtigkeit in mir aus. Älter werden – na und? Ich war jetzt Anfang vierzig und richtig jung hatte ich mich eigentlich nie gefühlt. Zur Hölle also mit dem Älterwerden!

Ich lächelte dem Mann im Spiegel zu und er lächelte schief zurück.

Wenn einem schon keine Wahl blieb, dann war die Flucht nach vorn die beste aller Verzweiflungstaten. Und solange der Mann im Spiegel noch zurücklächelte, gab es keinen wirklichen Grund zur Sorge.

Kapitel 2

Mein Herz schlug dumpf, als ich durch die großen Flügeltüren der Akademie schritt. Es war so lange her … Ein ganzes Leben schien vergangen zu sein, seit ich dieses Gebäude zum letzten Mal verlassen hatte.

In der Eingangshalle blieb ich stehen und ließ den Blick hoch zu der gewaltigen Glaskuppel und dann weiter über die lichtdurchfluteten Galerien wandern. Menschen jeden Alters und jeder Herkunft hasteten geschäftig durch die Gänge, ab und zu wehte ein Lachen zu mir herunter. Niemand beachtete mich und doch packte mich die Atmosphäre der Akademie erneut innerhalb von Sekunden.

Die Akademie – das war ein weltoffenes, freundliches Biotop, das Menschen wie mir und Mirella ein Zuhause gab. Hier hatten wir die Möglichkeit, unsere Sonderbegabungen zu nutzen, mit dem großen Ziel, aus dieser Welt einen besseren Ort zu machen.

Die Luft schien regelrecht zu flirren vor Inspiration und erneut spürte ich eine seltsame Mischung aus Trauer und Wut in mir aufsteigen. Wieso hatte mir damals niemand geglaubt? Wieso war es so einfach gewesen, mich von all dem hier auszuschließen? Ich hatte weit mehr verloren als nur eine Arbeit und der Schmerz dieses unerwarteten Verlustes drückte noch immer wie eine zu eng gewordene Haut. Beim Anblick der Menschen, die hier ganz selbstverständlich ein und aus gingen, rissen alte Wunden schmerzlich wieder auf. Doch da war noch etwas anderes. In die Sehnsucht, wieder dazuzugehören, mischte sich ein Gefühl achtsamer Vorsicht. So, als traute ich den Wänden aus weißem Marmor ihre Stabilität plötzlich nicht mehr zu.

Ich griff mir an die Schläfe, schloss für einige Sekunden die Augen und atmete tief durch. Meine Nerven waren überreizt, das war alles. Und sicher würde es eine Weile dauern, bis die alte Selbstverständlichkeit zurückkehrte. Das konnte mir niemand verübeln.

Ich straffte die Schultern und trat an eine große Tafel mit einem Lageplan, um mich im Gebäude zu orientieren. Die Hörsäle, die Büros, die Bibliotheken und Labore, die Mensa – nichts hier schien sich verändert zu haben. Außer mir.

*

»Und jetzt, Jakob? Soll ich dich wieder einstellen? Nach allem, was passiert ist?«

Simon Brenner blickte mich so sicher über die randlosen Gläser seiner Brille an, als hätte er die ganze Zeit mit meinem Auftauchen in seinem Büro gerechnet.

Für einen Augenblick ärgerte mich das selbstgerechte Auftreten meines früheren Chefs. Simon Brenner war wohl das, was man als einen eloquenten Mann bezeichnen konnte. Er war zielstrebig, gewissenhaft, ein hervorragender Leiter der Abteilung für paranormale Kriminaldelikte – und gelegentlich ein menschliches Arschloch, wie ich es in meinem Leben selten erlebt habe.

Ich verzog die Mundwinkel.

»Soweit ich weiß, hast du mich wegen dieses Falls rufen lassen. Nicht umgekehrt. Ich dränge mich nicht auf. Ich habe längst neue Aufgaben in meinem Leben.«

»Davon wüsste ich.«

Simon lehnte sich in seinem bequemen Ledersessel zurück.

»Natürlich drängst du dich auf. Du bist kurz davor, mir um den Hals zu fallen, und das weißt du genau. Dein Fehler war, dass du die Unterlagen gesichtet hast. Diesen Fall kannst du einfach nicht ignorieren.«

Er lächelte.

»Außerdem war es eine wirklich gute Idee, Mirella zu dir zu schicken, nicht wahr? Wir sind eben alle emotionale Volltrottel.«

Ich schluckte schwer. Simon kannte die wunden Punkte besser als mir lieb war. Und er verstand es auszuteilen. Aber ich war darin mindestens ebenso gut.

»Richtig. Mirella und ich sind ein hervorragendes Team. Großartige Frauen geben sich nur mit Männern ab, die ihre Anwesenheit verdienen.«

Das Lächeln auf Brenners Gesicht erstarb. Ich kam mir fast schäbig vor, diesen billigen Joker aus dem Ärmel gezogen zu haben. Aber er hatte es nie verwunden, dass er bei Mirella nicht landen konnte, während ich eine jahrelange Beziehung mit ihr geführt hatte – Scheidung hin oder her.

Simon Brenner und ich kannten uns schon viele Jahre. Wir waren zeitgleich in das Ausbildungsprogramm der Akademie eingestiegen, wobei sich schnell gezeigt hatte, dass unsere Talente auf gänzlich unterschiedlichen Gebieten lagen. Während er eine Affinität zu Führungsaufgaben hatte, zog ich es vor, alleine zu arbeiten und mit möglichst wenigen Menschen in Kontakt zu kommen. Wenn das irgendwo möglich war, dann hier in der Akademie. Die Akademie bot die Chance, Begabungen zu entwickeln und sinnvoll einzusetzen. Das Spektrum reichte von allgemein nützlichen Talenten wie zum Beispiel für Finanzmärkte, Diplomatie und Politik bis hin zu einem Institut wie dem unsrigen: der Abteilung für das Lösen paranormaler Phänomene. Dass unser Team vor der Öffentlichkeit geheim gehalten wurde, erleichterte uns das Arbeiten. Bis auf wenige staatliche Behörden, die gelegentlich mit uns zusammenarbeiteten, wusste niemand, dass es uns gab. Ein Fakt, um den ich immer froh gewesen war.

Simon starrte mich mit zusammengepressten Kiefern an. Dann stand er plötzlich auf, trat ans Fenster und zog mit einem Ruck die Jalousie hoch. Ich keuchte leise und schlug mir geblendet die Hand vor die Augen.

»Muss das sein?«

Dann tastete ich in meiner Jackentasche nach der Sonnenbrille, zog sie hervor und setzte sie auf.

Ein grimmiges Lächeln umspielte Brenners Lippen.

»Verzeihung. Ich vergaß, wie empfindlich du auf so ganz alltägliche Dinge wie Sonnenschein reagierst. Was für ein spaßfreies Leben das sein muss … Schläfst du eigentlich in einem Sarg?«

Er ließ die Jalousie wieder herunterrasseln. Angenehme Dämmerung legte sich über den Raum. Ich atmete unmerklich aus und blinzelte, doch ich nahm die Brille nicht ab. Ein wenig Deckung gegen unerwünscht direkte Blicke war nicht das Schlechteste, was einem in Simons Büro passieren konnte.

»Jakob, lass uns nicht lange drum herumreden. Ich sage es nicht gerne, aber du bist der ideale Mann für diesen Fall. Du kennst das Gelände in Beelitz, das hat Mirella mir erzählt. Was auch immer du in der Vergangenheit in den Ruinen zu suchen hattest, interessiert mich nicht. Ich möchte keine Zeit verlieren. Also, nutz die Chance, steig wieder bei uns ein und mach die Fehler vom letzten Fall wieder gut. Jeder von uns verbockt mal was. Kein Grund, sich bis in alle Ewigkeit zu Hause zu verschanzen.«

Ich habe nichts verbockt! Doch ich schluckte den Gedanken hinunter und räusperte mich.

»Ich habe die Akten gesichtet. Die Ähnlichkeit zu den damaligen Fällen könnte purer Zufall sein.«

Simon lächelte und ließ sich auf seinen Stuhl zurückfallen.

»Das ist Unsinn und das weißt du! Außerdem geht es hier weniger um die Ähnlichkeiten zu den damaligen Fällen als vielmehr um eine neue Dimension. Aber das wird dir Hades mit Begeisterung selbst erklären.«

»Hades ist noch in der Akademie?«

Simon hob die Brauen.

»Wieso sollte er nicht? Für einen Rechtsmediziner lässt sich nur schwer ein interessanterer Job auf diesem Planeten finden.«

Ich unterdrückte ein Lächeln. Die Nachricht, dass James Reilly, genannt Hades, noch immer die Leitung der Pathologie innehatte, hellte meinen Tag merklich auf.

Hades war ein schräger Typ, aber absolut verlässlich. Jemand, der einen aus Versehen über Nacht in seinem Büro einschloss, dafür aber am nächsten Morgen Frühstück mitbrachte. Mir war das passiert. Hades war mitten in der Nacht eingefallen, dass er mich sozusagen vergessen hatte. Es war ihm allerdings zu umständlich erschienen, nochmals ins Institut zu fahren, um mich zu befreien, wenn er doch ohnehin in wenigen Stunden wieder dorthin musste. Stattdessen hatte er die Gelegenheit genutzt und ein Rezept seiner irischen Großmutter wieder ausgegraben. Die besten Frühstücksbrötchen, die ich je gegessen habe. Zumindest in den Räumlichkeiten eines pathologischen Instituts.

»Ich nehme an, du willst sie sehen?«

Simons Stimme riss mich aus meinen Erinnerungen. Irritiert und mit den Gedanken noch bei den Brötchen sah ich ihn an.

»Wie bitte? Wen?«

»Die Leiche des Mädchens. Sie ist in der Pathologie. Du kennst ja den Weg.«

Ansehen … ja …unbedingt, dachte ich.

Mein Magen krampfte sich zusammen. Leichenschauen waren mir immer zuwider gewesen. Und die letzte war immerhin schon einige Jahre her.

»Gut, dann wäre das ja geklärt. Eins noch, bevor du gehst …«

Simon erhob sich, ging zu einem Schrank im hinteren Teil des Büros und öffnete ihn. Dann kam er zurück und legte eine Waffe und den dazugehörigen Pistolengürtel auf den Tisch.

Ich schluckte schwer. Meine alte Waffe. Eine Walther P99.

»Die hat auf dich gewartet«, sagte Simon leise und zum ersten Mal legte sich ein weicherer Ausdruck über sein Gesicht.

Mit zitternder Hand griff ich nach dem Gürtel, legte ihn um und steckte die Waffe in das Halfter. Dann nickte ich Simon zu und verließ das Büro ohne ein weiteres Wort. Ich musste zu dieser Leiche, ob es mir nun gefiel oder nicht. Aber ein Gutes hatte es: Wo Leichen waren, da war auch Hades.

*

»Ein Jammer, oder? So eine Schönheit.«

Ich löste meinen Blick von dem leblosen Körper des Mädchens und wirbelte herum. Mirella lehnte im Türrahmen der Pathologie und musterte mich. Ihre braunen Locken trug sie straff nach hinten gebunden, die dunkelgraue Uniformjacke über der schwarzen Hose exakt geknöpft und die strenge Kühle ihres Auftretens stand im irritierenden Widerspruch zu dem sanften Lächeln in ihren Augen.

»Ja«, sagte ich und verschränkte die Arme vor der Brust. »Wirklich furchtbar.«

Das Mädchen lag wie eine entrückte Elfe auf dem kühl schimmernden Stahl des Seziertisches. Ihre bleiche Haut wirkte zart wie chinesisches Papier und selbst die unübersehbaren Totenflecken konnten ihr nichts von der zerbrechlichen Schönheit nehmen. Lange blonde Haare schmiegten sich um Gesicht und Schultern. Sie wirkte so friedlich, als schlummere sie. Und auch der Geruch, der mich ansonsten immer einen großen Bogen um die Pathologie machen ließ, hielt sich in Grenzen. Das Mädchen konnte noch nicht lange tot sein.

Mirella lächelte.

»Ich freue mich, dass du wieder an Bord bist«, sagte sie, während unsere Blicke aneinanderhingen, als könnten sie sich nie wieder voneinander lösen.

»Ich bin nicht wieder an Bord«, entgegnete ich ruhig. »Ich mache das nur wegen der Tuberkulose. Ein Zwischenspiel. Danach ist endgültig Schluss.«

Mirellas Augen blitzten. Langsam trat sie einen Schritt auf mich zu. Ich spürte ihre Gegenwart wie das aufgeladene Prickeln der Atmosphäre kurz vor einem Gewitter und es wurde umso stärker, je näher sie mir kam. Dicht vor mir blieb sie stehen. So nah, dass sich unsere Körper fast berührten.

»Und was wird das jetzt?«, fragte ich leise und ärgerte mich über das heisere Reiben in meiner Stimme.

»Ich muss wissen, woran ich bin«, entgegnete Mirella, ohne den Blick von mir zu lösen.

Sie legte die Hand auf meine Brust und strich wie in Zeitlupe an meinem Oberkörper nach unten. Ich nahm ihre Berührung wahr wie ein Glühen, nur durch den dünnen Stoff eines Hemdes von meiner Haut entfernt. Sah den scharlachroten Lack auf ihren Fingernägeln wie zum ersten Mal und schluckte schwer, doch ich rührte mich keinen Millimeter. Mirellas Hand glitt seitlich unter meinen Mantel, bis ihre Finger das kühle Metall der Pistole streiften. Ein ironisches Lächeln huschte über ihr Gesicht.

»Soso, du bist also nicht wieder an Bord«, flüsterte sie mir ins Ohr. »Dafür sind das hier aber mächtig überzeugende Argumente …«

Ich unterdrückte das Beben, das sich in mir ausbreitete.

»Ich kann die Waffe jederzeit wieder abgeben. Und den Fall auch. Und ich werde beides ohne mit der Wimper zu zucken tun, wenn ich das für richtig halte.«

Mirella musterte mich, noch immer ein rätselhaftes Funkeln in den Augen.

»Tatsächlich?«

»Ja, tatsächlich. Und jetzt fahre ich nach Beelitz. Kommst du mit?«

Mirellas Mundwinkel zuckte.

»Dass du mich das fragst«, sagte sie leise. »Ausgerechnet.« Dann nickte sie. »Ja, ich komme mit. Simon hat uns ohnehin zusammen eingeteilt. Aber vorher muss ich dir noch etwas zeigen.«

Ich runzelte die Stirn. Simon hatte – was?

Mirella wandte sich um und ging zu einem Schrank hinüber. Das Glühen auf meiner Haut ließ nach und ich nutzte den Moment, um tief durchzuatmen.

Mirella zog einen Plastikbeutel aus einer Schublade.

»Hier, die Kleidung des Mädchens.«

»Seltsame Sache. Ich habe es im Bericht gelesen«, sagte ich, während ich mir Handschuhe anzog. Dann nahm ich die Kleidungsstücke aus dem Beutel.

Das Mädchen hatte ein weißes Spitzenkleid getragen, wie es zur Kaiserzeit vor einem Jahrhundert üblich gewesen war, eine Korsage darunter und passende Schuhe.

»Sieht nach Fasching aus.«

»Im April?« Mirella zog eine Augenbraue hoch. »Netter Scherz, Jakob! Aber das ist kein billiges Karnevalskostüm. Die Stoffe und Spitzen sind hochwertig. Originale.«

»Sie ist so in der Ruine herumgelaufen?«

Ich rieb mir gedankenverloren das Kinn.

»Vielleicht ein Treffen mit Gleichgesinnten? Kaiserliche Kostümpartys? Wer weiß, auf welche Ideen Jugendliche so kommen … Und solche Klamotten gibt’s bestimmt im Secondhandshop. Oder im Internet. Oder sie hat sie von ihrer Uroma, was weiß ich …«

Mirella blickte mich irritiert an.

»Hast du die Akten nicht gründlich gelesen?«

Ich runzelte die Stirn.

»Doch, natürlich. Was meinst du?«

»Dann solltest du wissen, dass es Originale sind.«

Sie machte eine bedeutungsvolle Pause und ich spürte ein unangenehmes Kribbeln im Magen. Hatte ich etwas übersehen? Das konnte nicht sein. Ich war mir vollkommen sicher, alle Akten gründlich gesichtet zu haben. Es war nicht meine Art, etwas zu übersehen.

»Und warum sollte ich das bitte schön wissen?«

Mirella griff in die Plastiktüte und zog ein schmales, in Leder gebundenes Buch hervor. Der Einband war abgewetzt und rissig und sie musste vorsichtig sein, damit das Buch nicht vollkommen auseinanderfiel.

»Das hier wurde bei ihr gefunden. Ein Tagebuch.«

Ich hob die Brauen.

»Nicht besonders ungewöhnlich, oder? Wahrscheinlich hat so gut wie jedes Mädchen ein Tagebuch, dem es seine Träume, Wünsche und Ängste anvertraut.«

Mirella lächelte matt.

»Da spricht der Experte … Ja, ein Tagebuch ist der beste Freund, den man haben kann. Und so verschwiegen. Außer jemand findet es über einhundert Jahre später in den Händen einer Leiche …«

Sie heftete den Blick auf mich.

»Das Tagebuch ist aus dem Jahr 1911.«

Ich starrte für einen Augenblick wie paralysiert auf das schmale Bändchen, das sie mir hinhielt. Dann griff ich danach. Als Mirellas und meine Hand sich berührten, durchzuckte es mich wie ein Stromschlag. Die Zeit schien plötzlich rückwärts zu laufen. Erinnerungen stiegen auf: Mirella an meiner Seite – ein Sonntagmorgen – ihre weiche Haut an meiner.

Dann lösten sich unsere Finger voneinander und Mirella trat einen Schritt zurück. Es lag ein merkwürdiges Schimmern in ihren grauen Augen. Oder bildete ich mir das nur ein?

Das Leder des Bucheinbandes lag rau und brüchig in meiner Hand. Rau und brüchig mein Herzschlag. Ich schluckte schwer und suchte nach Worten, von denen keines passend zu sein schien. Zum Teufel mit der Vergangenheit! Was, wenn ich Mirella einfach fragte, ob …

In diesem Augenblick erklang ein Räuspern hinter uns. Wir wirbelten herum, als hätte man uns bei etwas Verbotenem ertappt.

»Es ist seltsam …«

Hades lehnte lässig mit dem Rücken an einem der Kühlfächer, deren silbrig glänzende Türen die hintere Wand des Raumes vollkommen einnahmen.

Der Rechtsmediziner musste hereingekommen sein, während Mirella und ich in das Gespräch über das Tagebuch vertieft gewesen waren. Ich hatte keine Ahnung, wie lange er schon da war. Ich hatte nicht einmal bemerkt, dass er den Raum betreten hatte. In Mirellas Anwesenheit war ich einfach nicht bei der Sache. Kein gutes Zeichen.

Hades ließ den Blick von mir zu Mirella und wieder zurück schweifen und grinste breit. Für einen Augenblick wünschte ich, seine Gedanken lesen zu können. Es gab Mitglieder der Akademie, die dazu fähig waren. Ich gehörte nicht dazu. Leider.

Ich riss mich zusammen.

»Was ist seltsam?«

Hades streckte sich genüsslich. Dann zog er die durchsichtigen Einmalhandschuhe von den Fingern, ließ sie sorgsam in einen dafür aufgestellten Behälter fallen und schlenderte zum Waschbecken. Während er das Wasser aufdrehte und seine Hände gründlich mit Seife wusch, fuhr er fort zu sprechen: »Eure Leiche. Wirklich seltsam. Sie unterscheidet sich von den anderen Frauen, die vor zwei Jahren gefunden wurden. Und das gleich in mehrfacher Hinsicht. Aber interessiert euch das überhaupt? Oder soll ich wiederkommen, wenn ihr eure Hormone sortiert habt?«

Wie auf Befehl traten Mirella und ich einen Schritt zur Seite. Voneinander weg.

»Erzähl nicht so einen Blödsinn«, murmelte ich und konnte doch nicht verhindern, dass mir ein Prickeln über den Rücken glitt. Die leichte Röte auf Mirellas Wangen konnte Zufall sein. Oder?

Vergiss es, Jakob! Sie hat dir nicht vertraut. Sie hat sich scheiden lassen. Sie hat dich nicht ein einziges Mal angerufen in all der Zeit. Der Zug ist abgefahren. Sowas von abgefahren.

Ich trat neben Hades an den Seziertisch.

»Also, schieß los! Was ist so besonders an ihr?«

Hades lächelte breit.

»Das solltest du doch am besten wissen.«

Als ich irritiert die Brauen hob, zuckte er zusammen.

»Oh, du meintest die Leiche!«

Mirella stellte sich schweigend neben mich. Weit genug weg, um unverbindlich zu wirken. Nicht weit genug, um unverbindlich zu sein.

»Wie gesagt, sehr beeindruckend.«

Hades tippte auf die Schulter der Leiche.

»In ihrem Körper habe ich eine Substanz gefunden, die ich mir nicht erklären kann. Also nicht, dass es neu wäre, dass wir hier Fälle nicht erklären können …«, fügte er hastig hinzu, eilte zurück zum Waschbecken und seifte sich ein zweites Mal die Hände ein. »Aber das hier ist wirklich faszinierend.«

»Jetzt mach’s nicht so spannend!«, sagte Mirella. Sie klang nervös. Ob auch sie merkte, dass unsere Zusammenarbeit nicht ganz einfach werden würde?

Hades trocknete sich seelenruhig ab. Dann drehte er sich zu uns um und zog grinsend eine kleine Glasphiole aus seiner Kitteltasche.

»Das hier«, sagte er, während er sie auf die Platte des Seziertisches stellte, »enthält die gleiche Substanz, die ich im Gewebe der Leiche gefunden habe. Wie ihr unschwer sehen könnt, handelt es sich um ein hochgeschätztes Stück aus unserem Medizinhistorischen Museum. Und darin ist …«

Er machte eine bedeutungsvolle Pause.

»Argentum vivum. Quecksilber. Und hier – wie im Gewebe der Leiche – in nicht gerade homöopathischer Dosierung, das könnt ihr mir glauben.«

Mit diesen Worten ging er ein drittes Mal zum Waschbecken.

Mirella runzelte die Stirn.

»Du hast dir doch eben erst die Hände gewaschen.«

»Und ich werde es mit Sicherheit noch häufiger tun. Man kann nicht vorsichtig genug sein. Übrigens …«, fuhr er fort. »Arsenverbindungen waren auch nachweisbar. Wahrscheinlich wurde sie im Rahmen der Therapie mit der Fowlerschen Lösung behandelt. Kaliumarsenit. Und Lavendelwasser für den besseren Geschmack. Hochgiftig, aber früher hat man es Patienten gerne zur Kräftigung oder als Fiebersenker verabreicht. Aus heutiger Sicht natürlich vollkommener Irrsinn.«

»Womit sich zumindest der Verdacht erhärtet, dass die junge Frau tatsächlich vor über einhundert Jahren gelebt hat«, sagte Mirella.

»Und trotzdem sieht sie aus wie der frische Frühling. Also, wenn man auf blassen Teint steht …«, fügte Hades hinzu.

»Quecksilber wurde früher zur Behandlung der Syphilis benutzt«, sagte ich.

Hades‘ Finger schnellte vor.

»Exakt. Aber hier leider total daneben. Diese junge Dame litt nicht an der Syphilis. Dafür an einer Tuberkulose – wie auch die anderen Frauen, die tot aufgefunden wurden. Steht alles im Bericht, wisst ihr also schon.«

Er grinste breit.

»Das waren damals wirklich Sternstunden meiner Karriere. Traumhaft! Solche Schneegestöber in beiden Lungenflügeln habe ich selten gesehen. Hach, TBC! Wunderschön, nicht wahr? Wenn sich die Infiltrate so abbilden auf den Röntgenaufnahmen – wie ein mit Puderzucker bestäubter Winterwald. Hübsch. Wirklich hübsch.«

Er knipste das Licht des Röntgenbetrachters an der Wand an und zog ein paar bereitliegende Folien aus einem Regal.

»Das hier«, sagte er, während er die erste Folie auf der Plexiglasscheibe befestigte, »ist eine Röntgenaufnahme von der Lunge des ersten Opfers. Ihr erinnert euch?«

»Larissa Sidorenko«, murmelte ich heiser.

Wie könnte ich die junge Frau jemals vergessen? Mit ihr hatte der ganze Wahnsinn schließlich angefangen. Ein plötzlicher Würgereiz überkam mich und ich musste mich sehr zusammenreißen, um ihn niederzukämpfen.

»Auf dem Bild sieht man sehr deutlich, dass sie an Lungentuberkulose litt. Auch für Laien ohne Probleme erkennbar. Außerordentlich formschön. Und eindeutig nicht abgeheilt, sondern eine akute Form der Erkrankung.«

Dann heftete er zwei weitere Röntgenbilder an die durchscheinende Tafel.

»Hier die beiden anderen Frauen. Olga Kusmina und Ewa Petrowa. Auch bei ihnen: hochaktive tuberkulitische Nachweise im Röntgenbild. Und übrigens auch in Sputum und Magensaft, das habe ich in den Akten nachgeprüft. Die Damen waren so infektiös, die helle Freude für jeden Mikrobiologen.«

»Ja, alle Frauen hatten eine offene TBC.«

Ich trat unruhig von einem Fuß auf den anderen. Ich hatte das Gefühl, zu dicht neben Mirella zu stehen und doch die Distanz zwischen uns niemals überbrücken zu können.

»Dass hier drei solcher Fälle auftauchen, ist merkwürdig, in der Tat. Da aber alle Damen aus dem früheren Ostblock stammten, ist es auch wiederum nicht so ungewöhnlich. Denn das ist nur eines der Gebiete weltweit, in denen die TBC wieder an Boden gewinnt.«

»Richtig«, sagte Hades. »TBC ist auf dem Vormarsch und übertritt auch die Grenze zu uns. Manchmal in etwas hübscherer Form, als man es erwartet.«

Ich erinnerte mich nur ungern an das Chaos, das die Leichenfunde vor knapp zwei Jahren ausgelöst hatten. Die Polizei tappte im Dunkeln, die Medien spielten verrückt und bauschten die Fälle zu einer neuen Tuberkulose-Epidemie auf, sodass kurzfristig ganz Berlin von Panik vor einem neuen Aufflammen der Krankheit erfasst worden war. Von resistenten Keimen war die Rede, sogar von terroristischen Biowaffen. Nichts davon hatte sich bestätigt, doch es hatte gedauert, bis die Identität der Frauen geklärt war. Es handelte sich um illegale Einwanderinnen aus Weißrussland und der Ukraine. Der Hinweis war aus dem Rotlichtmilieu gekommen. Doch damit verlor sich die Spur. Alle Hinweise führten ins Nichts. Fast alle … Denn zeitgleich mit der Aufdeckung der Identitäten führten auch ungeheuerliche Anschuldigungen zu mir. Zwei Tage darauf war ich aus der Akademie geflogen. Zwei Monate danach war Mirella nur noch meine Ex-Frau. Und mein Leben ein Scherbenhaufen.

Ich schüttelte die düsteren Erinnerungen ab.

»Und was ist an diesem Fall jetzt anders?«

Meine Stimme zitterte.

»Zum einen die Funde von Quecksilber und Fowlerscher Lösung. Beides war bei den anderen Leichen nicht auffindbar«, antwortete er. »Und dann das Röntgenbild. Aus diesem Grund ist die Leiche bei uns gelandet und nicht in der Kühlkammer irgendeines Institutes. Hier!«, sagte er und heftete ein weiteres Röntgenbild an den Betrachter. »Fällt euch etwas auf?«

Mirella stellte sich so dicht neben mich, dass sich unsere Arme fast berührten.

Während wir beide das Bild ansahen, spürte ich ihre Gegenwart als schmerzliches Ziehen in meinem Herzen. Ich biss mir auf die Unterlippe und starrte auf die Tafel, als offenbare sich uns dort im nächsten Augenblick eine Erscheinung.

Erwartungsvoll blickte Hades uns an.

»Na? Toll, oder?«

Ich hatte nicht die leiseste Ahnung, wovon er sprach. Für mich sah es aus wie jedes andere Röntgenbild. Aber ich war auch nicht bei der Sache. Er hätte mir eine Aufnahme komplett ohne Lunge vorlegen können, wahrscheinlich wäre es mir in diesem Moment nicht einmal aufgefallen.

Mirella zog scharf die Luft ein und beugte sich vor, um das Bild genauer zu betrachten.

»Das gibt’s ja gar nicht!«

Es schwang eine fassungslose Aufregung in ihrer Stimme mit.

Hades lachte leise.

»Richtig, so könnte man das sagen. Guter Blick. Sollten sich die paar Semester Medizinstudium doch gelohnt haben?«

Mirella schnaubte leise, ignorierte aber ansonsten die Anspielung. Ich wusste, dass sie nicht gern an das abgebrochene Studium erinnert wurde. Sie haderte noch immer damit, damals die Wahl zugunsten der Akademie getroffen zu haben. Und für mich. Was unsere Beziehung nicht immer einfach gemacht hatte.

»Könnte mir mal jemand sagen, was hier so Hervorragendes zu sehen ist?«, fragte ich gereizt. »Oder soll ich rausgehen, damit ihr in Ruhe fachsimpeln könnt?«

»Er meint es nicht so«, raunte Mirella Hades zu und streifte mich dabei mit einem Blick.

»Doch, ich meine das sehr wohl so! Und fang nicht wieder mit diesem Er-will-doch-nur-spielen-Tonfall an!«

Mirella runzelte die Stirn.

»Ich fange mit überhaupt nichts an. Wieso sollte ich auch?«

Während wir uns anstarrten, wurde die Stille im Raum zum Schneiden dicht. In mir rangen die widersprüchlichsten Gefühle miteinander. Sie hatte mich verlassen. Sie hatte mir nicht geglaubt. Und dennoch …

Hades seufzte und schüttelte den Kopf.

»Tut mir den Gefallen und geht zusammen essen, ja? Oder … nein, besser: Springt miteinander in die Federn, aber schleunigst! Dann ist wenigstens Ruhe. Und jetzt würde ich mich gerne wieder dem Fall widmen, wenn ihr nichts dagegen habt.«

Mirella funkelte mich wütend an, dann drehte sie sich dem Rechtsmediziner zu.

»Ich bitte darum. Es gibt Wichtigeres als die Befindlichkeiten meines überspannten Ex-Mannes.«

Ich hatte einen bissigen Kommentar auf der Zunge, doch ich schluckte ihn runter. Es brachte nichts. Nicht jetzt.

»Gut, dann erklär doch bitte dem emotional verwirrten Vollidioten neben dir, was es mit dieser Leiche auf sich hat«, sagte ich stattdessen betont liebenswürdig.

Mirella verzog keine Miene. Sie tippte auf das Röntgenbild.

»Hier, siehst du? Kavernen in beiden Lungenflügeln. Das sind Höhlen im Lungengewebe, die aufgrund von entzündlichen Einschmelzungen im Rahmen eines jahrelangen Verlaufs der TBC entstehen können.«

Sie wandte sich an Hades.

»Solche Kavernen habe ich allerdings noch nie gesehen. Sie sind nur noch als leichte Umrisse zu erkennen, so, als hätte sich das Gewebe wieder erholt und die Löcher hätten sich geschlossen. Ein Fehler im Röntgenbild?«

Hades lächelte sanft.

»Mitnichten, Schönste. Die Kollegen haben die Leiche so oft geröntgt, dass sie mit Sicherheit aufgrund von Strahlenschäden von uns gegangen wäre, hätte der Tod sie nicht schon vorher in seine gnädig sanften Arme geschlossen. Es sind tatsächlich Überreste von Kavernen. Die Lunge sah aus wie ein Schweizer Käse. Bis irgendetwas dafür gesorgt hat, dass die TBC abheilte. Komplett abheilte. Und neues Lungengewebe entstand.«

»Das Gewebe ist nachgewachsen?« Ich hob die Brauen. »Das ist jetzt nicht wirklich normal, oder?«

»Nein, das ist nicht wirklich normal«, antwortete Hades schlicht.

Ein leichter Schwindel erfasste mich. Das also war es, was uns diesen Fall eingebracht hatte! Die unerklärliche Gesundung einer Schwerkranken. Es gab keine Neubildung von Lungengewebe. Nicht einmal mit den heutigen medizinischen Möglichkeiten konnte man das erreichen. Wie war es im Jahr 1911 möglich gewesen?

»Sie ist also nicht an der TBC gestorben?«

Hades schüttelte den Kopf.

»Nein. Was immer sie getötet hat, die Tuberkulose war es definitiv nicht.«

»Und was könnte dafür gesorgt haben, dass die Lunge sich so eindrucksvoll erholt hat?«

Hades zuckte mit den Schultern.

»Wenn ich das wüsste, wäre ich ein reicher Mann.«

Mein Herzschlag beschleunigte sich.

»Moment mal! Soll das heißen, wir haben hier nicht nur eine Leiche, die eventuell aus dem Jahr 1911 stammt – die hatten damals auch ein Mittel gefunden, um die TBC zu heilen?«

Meine Stimme überschlug sich fast.

Hades blickte mich an.

»Möglich. Oder es war ein Wunder. Mein Glaube an Wunder ist allerdings rudimentär.«

Er griff nach einem kleinen Fläschchen mit Desinfektionsmittel und balancierte es wie beiläufig auf einem Zeigefinger.

»Es gibt übrigens noch einen weiteren Fund im Gewebe. Ein wenig rätselhaft, muss ich zugeben. Es ist ein Alkaloid, von dem ich nicht sagen kann, woher es kommt. Und da begegnen sich unsere Fälle, denn dieses Alkaloid gab es auch im Gewebe der drei anderen Frauen. Allerdings mit leicht veränderter molekularer Struktur.«

Ich ließ den Blick aus dem Fenster schweifen. Dieser Fall wurde immer verzwickter.

»Und die Herkunft des Alkaloids ist nicht zu klären?«

Hades stellte das Fläschchen auf einem Regal ab.

»Nicht zweifelsfrei. Leider. Es passt zu keiner Zuordnung in unseren Datenbanken.«

Ich unterdrückte ein Stöhnen und spürte, wie sich ein leichter Druck hinter meinen Schläfen aufbaute.

»Wissen wir denn sicher, dass diese junge Dame hier Patientin in den Heilstätten war? Es wäre logisch, aber … hat das jemand überprüft? Vielleicht ist das einfach nur ein Trick, um die Tat zu verschleiern? Vielleicht ein Irrer, der ihr das Tagebuch dazugelegt hat, ihr Quecksilber und anderes gruseliges Zeug injiziert, die Kleider angezogen hat? Wir sollten sichergehen.«

»Bisher hat das niemand geprüft«, antwortete Mirella. »Wir haben auf dich gewartet. Das ist doch etwas für dich. Du kannst dich im Archiv vergraben und die schöne bunte Welt ausschließen.«

Ich begegnete ihrem Blick und war mir für einen Moment nicht sicher, ob sie sich über mich lustig machte oder mir einfach nur einen Job überlassen wollte, der mir entgegenkam. Archive waren nichts für Mirella. Waren es noch nie gewesen. Zu staubig, hatte sie einmal gesagt. Zu dunkel und zu tot. Ich dagegen genoss die Gesellschaft der schweigenden Akten. Und wenn ich mich recht erinnerte, gab es im Archiv noch Katherine …

Ich nickte förmlich.

»Gut, ich kümmere mich darum. Aber zuerst fahre ich nach Beelitz. Willst du noch immer mit? Oder hast du es dir anders überlegt?«

Mirella schwieg für einen Moment, dann zuckte ein Lächeln um ihre Mundwinkel.

»Natürlich komme ich mit. Dann muss ich später wenigstens nicht mit dir essen gehen. Außerdem habe ich ein Auto – im Gegensatz zu dir.«

Sie drehte sich um und verließ den Raum.

Hades streifte den Kittel ab, der ihn bei der Arbeit schützte, und ließ ihn in einem Abfallschacht in der Wand verschwinden.

»Wirklich schön, dass du wieder da bist, Jakob«, sagte er. »Spannender Fall. Aber wenn ihr mir einen Gefallen tun wollt, dann beeilt euch nicht zu sehr.« Er klopfte mit der flachen Hand auf den Seziertisch. »So faszinierende Leichen habe selbst ich nur selten zu Besuch.«

Kapitel 3

Ich konnte mir nicht helfen, die Aura der Beelitzer Heilstätten jagte mir kalte Schauer über den Rücken. Immer. Einerseits vor Faszination. Andererseits war die Atmosphäre so dicht und so speziell, dass ich sie manchmal kaum ertragen konnte.

Die frühere Klinik für Lungenerkrankungen lag völlig verlassen in der Einöde. Ein schlummerndes Tier, dem Verfall preisgegeben. Und über allem lag der Hauch von Tod und Verwesung.

»Faszinierend«, konstatierte Mirella, während sie neben mir die bröckelnden Stufen zur ehemaligen Frauenheilanstalt hinaufstieg. »Das ist ja wie im Film.«

»Ja, und gleich kommen tuberkulitische Halbtote aus den Ecken. Oder Zombies«, murmelte ich und stieß die quietschende Flügeltür des Eingangs auf.

Insgeheim schüttelte ich den Kopf über mich selbst. Wieso nur hatte ich mich auf diesen Unsinn eingelassen? Ich war mit Sicherheit nicht der Einzige, der diesen Fall bearbeiten konnte. Warum hatte Brenner unbedingt mich gewollt? Es fühlte sich seltsam an. Und irgendwie wurde ich den Eindruck nicht los, dass man mir noch nicht alles gesagt hatte, was ich wissen sollte.

Drinnen war das Licht fahl, gebrochen vom Schmutz auf den ausladenden Fensterscheiben. Der Geruch von Moder und Staub lag in der Luft.

»Wow!« Mirella ließ den Blick durch die Eingangshalle schweifen. »Das ist wirklich mondän. Also, ich meine, es muss mondän gewesen sein …«

Ihr Blick traf meinen.

»Kein Wunder, dass du hier nicht mehr weggekommen bist vor Begeisterung. Du hattest schon immer eine Leidenschaft für den Verfall.«

Ich verzog die Mundwinkel. Mirella kannte mich einfach zu gut – und das gefiel mir nicht. Nein, das gefiel mir ganz und gar nicht.

»Ich bin gerne hier gewesen, weil es so schön ruhig ist«, antwortete ich kühl. »Keine Menschen, keine Autos, keine Störungen. Hier gibt’s nicht einmal ein Handynetz. Das reinste Paradies für jemanden wie mich.«

Dass ich immer wieder auch vor allem wegen der seltsamen Erscheinungen hergekommen war, wegen des Gefühls, dass mich flüchtige Seelen umgaben, behielt ich für mich.

Mirellas Gesicht blieb unbewegt.

»Und jemand wie du hat noch immer nicht gelernt, besser mit diesen Fähigkeiten umzugehen? Oder sollte ich lieber sagen: mit der Behinderung?«

Bei ihren Worten zuckte ein Flackern durch meinen Kopf.

»Das ist es, was mich an dir wahnsinnig macht!«

Ich wirbelte herum und deutete mit dem Zeigefinger auf Mirella, als wäre er eine Speerspitze.

»Deine Kommentare! Du verstehst nicht, wie das ist!«

Mirella hob die Brauen.

»Meine Güte.« Sie schlenderte zum Geländer der Freitreppe, deren zerfallene Stufen in einem weiten Bogen in die oberen Stockwerke führten. Dabei ließ sie mich nicht aus den Augen. »Du solltest dich beruhigen. Das war ein Witz, okay? Nur ein Witz.« Sie warf einen Blick auf ihre Armbanduhr. »Wir müssen noch einen Moment warten.«

Ich runzelte die Stirn.

»Warten? Warum?«

»Weil noch jemand kommt. Hat Simon dir das nicht gesagt?«

»Nein.«

Ich spürte, wie eine düstere Ahnung mir den Rücken hinaufkroch.

»Was hätte er mir denn sagen sollen?«

»Wir warten auf Ernesto. Ernesto Sanchez«, antwortete sie und wich meinem Blick aus. »Er ist Berater der Akademie. Innere Abteilung.«

»Was macht die Innere hier?«

Ich brauchte einen Moment, dann fiel es mir wie Schuppen von den Augen.

»Simon lässt mich überwachen? Von irgend so einem internen Verräterschnösel? Das ist jetzt nicht euer Ernst, oder?«

Mirellas Gesicht zuckte kurz, dann fing sie sich wieder.

»Niemand redet hier von einer Überwachung. Ernesto kommt lediglich zu deiner Begleitung her. Zu unserer Begleitung. Drei Augenpaare sehen mehr als zwei.«

»Was für ein unfassbarer Blödsinn! Das glaubst du doch selbst nicht!«

Meine Stimme hallte laut durch die gewaltigen Rundbögen des Foyers, brach sich an den verrotteten Wänden und kehrte als schillerndes Echo zu mir zurück. Für einen Moment standen wir inmitten von Wortfetzen, die sich wie feine Häute über uns legten. Dann verklangen sie.

Mirella stemmte die Hände in die Seiten. In ihrem Blick lag dieses unterdrückte Glimmen, das ich in all den Jahren ohne sie schon fast vergessen hatte.

»Was kann ich dafür, dass du so einen Mist gebaut hast?«, schrie sie mir entgegen.

»Zum hundertsten Mal«, brüllte ich zurück, »ich habe keinen Mist gebaut! Warum glaubt mir das eigentlich keiner?«

Das akustische Chaos war unbeschreiblich. Echos hagelten wie spitzer Eisregen auf uns hinab, kreuzten sich und brachen sich schließlich in den Ecken das Genick. Erst als der letzte Hall ver-klungen war, legte sich eine beklemmende Stille über das Foyer.

Und in diese Stille hinein sagte eine samtige Männerstimme: »Doch, das haben Sie. Sie haben sogar unfassbaren Mist gebaut, Jakob Roth. Und genau deshalb werden wir beide sehr viel Spaß miteinander haben.«

Ich fuhr herum. Am Türrahmen lehnte ein großer, schwarzhaariger Mann. Er trug einen dunklen Anzug, der ihm perfekt auf den Leib geschneidert war, und schien sich köstlich über die Show zu amüsieren, die Mirella und ich ihm eben geliefert hatten. Ein feines Lächeln umspielte seine Mundwinkel.

Ich straffte mich.

»Ernesto Sanchez, nehme ich an?«