Die eigene Mitte wiederfinden - Anselm Grün - E-Book

Die eigene Mitte wiederfinden E-Book

Anselm Grün

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Beschreibung

Extreme Stimmungsschwankungen. Seelische Instabilität. Das Gefühl innerer Zerrissenheit, von Chaos und innerer Leere. Selbstzweifel und Selbstüberschätzung: Was Menschen mit Borderline aufzeigen und woran sie leiden, das ist für uns alle ein Spiegelbild. Es gibt viele Menschen, die ihre Mitte verloren haben und die sich ständigen Stimmungsschwankungen ausgesetzt fühlen, auch wenn man sie nicht mit dem Begriff Borderline beschreiben würde. So ist dieses Buch - geschrieben von einer Ärztin und einem Seelsorger - auch eine Hilfe für die Menschen, die an ihrer inneren Zerrissenheit leiden. "Viele sagen mir im Gespräch: "Ich habe meine Mitte verloren. Ich kenne mich selber nicht mit mir aus. Oft geht es mir gut. Aber dann geschieht aus heiterem Himmel ein Einbruch. Und ich weiß nicht mehr, was mit mir geschieht." Auch für sie soll dieses Buch eine Hilfe sein, ihre Mitte wieder zu finden. Sie können selber etwas für sich tun und Wege finden, die die Hoffnungslosigkeit verwandeln." (Anselm Grün)

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Anselm Grün/Donata Müller
© Verlag Herder GmbH, Freiburg im Breisgau 2017
Alle Rechte vorbehalten
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
Beweggründe für dieses Buch
Perspektiven aus der medizinischen Praxis
Ziel unseres Buches
1. Was ist Borderline?
Aus der Geschichte der Erforschung
Eine besondere Persönlichkeitsstörung
Kausales und finales Krankheitsmodell
2. Wie umgehen mit der inneren Zerrissenheit?
Leben zwischen den Extremen
Gegensätze annehmen, Polaritäten aushalten
Demut und Mut: Sich vertraut machen mit den Schattenseiten
Umarmung der Gegensätze
Kreuzzeichen: ein heilendes Ritual
3. Antwort auf das innere Chaos und die innere Leere
Innere Anspannung und Selbstverletzung
Sich spüren und annehmen
Spirituelle Wege, sich selber zu spüren
Liebe und Wärme im Raum der Stille finden
Chaos integrieren und verwandeln
4. Die Unfähigkeit, mit den eigenen Gefühlen umzugehen
Chaotische Gefühlswelten – Wenn Emotionen nicht mehr reguliert sind
Emotionen verstehen
Emotionen in Energie verwandeln
Bedeutung der Rituale
Vom Segen behütet
5. Die Unfähigkeit, sich selbst auszuhalten
Soziale Schwierigkeiten, Ablehnung und Unverständnis
Spirituelle Wirklichkeit: Der Engel als Begleiter
Heilung des Besessenen von Gerasa
6. Die mangelnde Bindung
Aus Bindungsstörungen werden Persönlichkeitsstörungen
Heilsame Beziehungen
Geborgenheitserfahrungen – Gottesbilder
Gemeinschaftserfahrungen und Zugehörigkeit
7. Die Vergebung – Antwort auf die Schuldgefühle
In der Klammer von Hass und Wut: das Schuldthema und Vorwürfe loslassen
Hilfen für Eltern
Wege aus dem Schuldgefühl
Erfahrung der Vergebung
Gottes großes Herz
8. Das wahre Selbst – Antwort auf die Selbstzweifel
Wer bin ich eigentlich? Gestörte Identität und unsicheres Selbstbild
Das Bild des wahren Selbst: Spirituelle Hilfe gegen die Spaltung
9. Mangelnde Tagesstruktur – Rituale als Heilmittel
Chaotisches Innenleben und fehlende äußere Struktur
Heilsame äußere Ordnung, heilsamer Rhythmus
Strukturierende Rituale
In Berührung mit sich selber kommen
10. Sendung und Sinn – Antwort auf das chronische Gefühl der Leere
Das belastende Gefühl der Sinnlosigkeit
Was das Leben sinnvoll macht
Was ist meine Sendung?
Auch die Leere darf sein
11. Das Eingeständnis des Petrus – Antwort auf das Beschuldigen der anderen
Die Schwierigkeit, eigene Schuld einzugestehen
Schuldeingeständnis, Angst und Selbstvertrauen
Biblische Beispiele für Umgang mit Schuld
12. Das rechte Maß finden – Antwort auf die Maßlosigkeit
Schwanken zwischen Extremen
Der Weg der Mäßigung
Mitte zwischen den Extremen
Schule der Schwachheit
Das Gleichnis vom Festmahl
13. Das Bezogensein auf das Geheimnis – Antwort auf unbeständige Beziehungen
Unausgeglichenheit zwischen Nähe und Distanz
Sehnsucht nach Nähe, Angst vor Nähe
Unerfüllte Sehnsucht nach Liebe
14. Vertrauen finden – Antwort auf die Angst
Wenn der Boden unter den Füßen weggezogen wird
Schritte zum spirituellen Umgang mit der Angst
Innere Zuflucht suchen
Worte, die die Angst verwandeln
15. Der exzentrische Mensch – Die Abgründe annehmen
Angst vor der Bodenlosigkeit unter der Oberfläche
Hilfreiche spirituelle Bilder: der Fels
Das Bild der liebenden Hände
Die Vorstellung des All-eins-Seins
16. Wut und Ärger – Negative Energien verwandeln
Wenn starke Aggressionen plötzlich ausbrechen
Die Wut anschauen
Verwandlung der destruktiven Energie
Schluss
Medizinische Hinweise zur Borderline-Behandlung
Literatur
Über die Autoren
Einleitung
Beweggründe für dieses Buch
Manchmal erwähne ich in meinen Vorträgen das Verhalten von Borderline-Klienten, die keine Mitte haben und daher ständig zwischen extremer Zuwendung und Ablehnung, zwischen Rigorismus und Laxismus schwanken. Immer wenn ich etwas von Borderline sage, kommen nach dem Vortrag Leute auf mich zu und fragen, ob ich darüber etwas geschrieben hätte. Denn auch ihre Tochter, ihr halbwüchsiger Sohn oder ihr Ehemann sei davon betroffen, und sie wüssten sie sich keinen Rat, wie sie damit umgehen könnten. Die Therapie habe bisher auch nicht geholfen. Oder aber sie erzählen, dass die Betroffenen die Therapie ablehnen und sagen, sie seien gar nicht krank. Nichtsiehätten Probleme, sondern die anderen.Diesewürden die Realität falsch sehen.
Ich habe lange gezögert, etwas über Borderline zu schreiben, weil ich nur einige Male unmittelbar mit Borderline-Betroffenen zu tun hatte. Doch dann sprach ich öfter mit meiner Nichte Donata Müller, die Ärztin ist und in der Kinder- und Jugendpsychiatrie arbeitet. Bei den Jugendlichen, mit denen sie zu tun hat, ist Borderline weit verbreitet. So wage ich es, zusammen mit ihr und basierend auch auf ihrer Erfahrung doch ein Buch darüber zu schreiben. Ich selber möchte und kann mich im Folgenden natürlich nicht über die psychologische Therapie von Borderline auslassen. Darüber gibt es viel Fachliteratur. Aber meine Nichte wird in ihren Beiträgen (die durch den kursiven Satz zu erkennen sind) über die psychologische Dimension und über die Therapie von Borderline schreiben und so immer wieder fachliche Bezüge herstellen.
Für mich gab es zwei Beweggründe, dieses Buch zu schreiben: Der erste war, aufzuzeigen, dass die typischen Krankheitssymptome, die wir bei sogenannten »Borderline-Persönlichkeiten« vorfinden, ein Spiegel sind für uns alle. Viele Menschen erleben ähnliche emotionale Schwankungen. Sie wundern sich, dass ihre Stimmung auf einmal von Hoch auf Tief umkippt und dass sie einen Menschen, den sie lieben, auf einmal beschimpfen oder ihn in der Phantasie sogar umbringen könnten. Und sie haben ähnlich wie Borderline-Klienten ihre eigene Mitte verloren. Sie sagen mir im Seelsorgegespräch: »Ich habe meine Mitte verloren. Ich habe mich selbst verloren. Ich kenne mich selber nicht mehr aus mit mir. Ich weiß nicht mehr, wer ich bin. Und ich erschrecke manchmal vor mir selber, wenn ich spüre, wie schnell meine Stimmung kippen kann.«
Auch für diese Menschen, die nicht im medizinischen Sinn krank sind, ist dieses Buch geschrieben. So können Leser und Leserinnen, die sich für die eigene Seele interessieren, in diesem Buch sich selber besser kennen lernen und auch für sich Wege der inneren Heilung finden.
Der zweite Beweggrund für dieses Buch war, den Menschen mit einer Borderline-Störung Wege aufzuzeigen, die sie selbst gehen können. Die beschriebenen Wege und spirituellen Hinweise sind kein Gegensatz zur Therapie. Sie wollen eine Ergänzung sein. Der erste Schritt der Heilung besteht in dem demütigen Eingeständnis, dass ich therapeutische Hilfe brauche. Aber genauso wichtig ist, dass die Menschen, die Borderline-Merkmale zeigen, mit ihren eigenen Ressourcen in Berührung kommen. Wenn man den Kranken sagt, dass nur der Therapeut ihnen helfen kann, greift das nicht nur der Sache nach zu kurz, man entmündigt sie dadurch auch. Die fachgerechte Therapie ist für Borderline sicher wichtig. Aber wir würden den Kranken ihre Würde nehmen, würden wir ihnen nicht zutrauen, dass sie selbst etwas für sich tun können. Auch in der Seelsorge ist es heute oft üblich, dass die Menschen alles vom geistlichen Begleiter erwarten. Doch da gilt ebenso: Vieles können wir selber tun. Wir müssen uns allerdings klar darüber werden, was in unserer eigenen Hand liegt. Ich möchte hier spirituelle Wege angeben, die jeder Mensch mit einer Borderline-Störung für sich gehen kann. Es ist gut, wenn die Kranken das Gefühl haben: Ich kann auch selbst etwas tun, was mir hilft, was die Heilung unterstützt, die ich in der Therapie erfahre. Ich bin meiner Krankheit nicht einfach ausgeliefert. Ich kann Wege gehen, die mir gut tun. Ich kann Übungen machen, die meine Krankheit verwandeln oder mir zumindest helfen, anders mit ihr umzugehen, sodass die belastenden Symptome schwächer werden. Wenn Kranke erkennen, dass sie selbst etwas tun können, dann verfallen sie nicht in Hoffnungslosigkeit. In ihnen wächst vielmehr die Hoffnung, dass sie auch mit der Erkrankung ein gutes Leben führen können und dass sie ihre Krankheit nicht mehr verstecken müssen. Sie sind ihr nicht hilflos ausgeliefert, sondern können sie selbst gestalten und verwandeln.
Die spirituellen Wege, die ich aufzeige, wollen den Borderline-Klienten helfen, ihre eigene Mitte und eine innere Stabilität zu gewinnen. Denn Borderline-Betroffene zeichnen sich aus durch eine extreme Instabilität und durch ständiges Schwanken in ihren Emotionen und Reaktionen. Auch biblische Bilder mögen dabei helfen, einen Weg zur inneren Heilung zu finden. Diese biblischen Bilder wollen sich in den Leser, in die Leserin einbilden. Sie können im besten Sinn, einem Wort von Franz Kafka entsprechend, zu einer »Axt« werden »für das gefrorene Meer in uns«, für die vereisten Gefühle, für all das Erstarrte in uns. Schon das Lesen und Meditieren dieser Bilder kann heilend wirken. Allerdings dürfen wir die Wirkung der Bilder auch nicht überschätzen. Ein Mensch mit Borderline wird durch den biblischen Text allein nicht geheilt werden von seiner inneren Zerrissenheit. Das zu glauben wäre eine magische Vorstellung. Aber die Bilder können den therapeutischen Prozess unterstützen. Und vor allem können sie mich mitten im Alltag begleiten. Sie sind etwas, woran ich mich festhalten kann. Und ich darf darauf vertrauen, dass solche Bilder mich mit den heilenden Bildern in meiner Seele in Berührung bringen. In jedem von uns sind solche heilenden Bilder. Und in jedem von uns ist die Weisheit der Seele. Die geistlichen Impulse wollen uns zur Weisheit unserer Seele führen. Denn tief in unserer Seele, unterhalb all der inneren Zerrissenheit, wissen wir, was für uns gut und heilsam ist.
Perspektiven aus der medizinischen Praxis
In meiner beruflichen Tätigkeit, sowohl früher in der Erwachsenen- als auch seit einigen Jahren in der Kinder- und Jugendpsychiatrie, begegnet mir das Krankheitsbild »Borderline« sehr häufig.Verlässliche Statistiken sprechen davon, dass etwa fünf Prozent der Bevölkerung unter dieser Störung leiden, mit einem Schwerpunkt auf dem weiblichen Geschlecht, und etwa 15 Prozent der Patienten in der stationären Behandlung weisen demnach diese Diagnose auf.
Auch wenn wir im Kinder- und Jugendbereich dazu angehalten werden, die Diagnose einer Borderline-Persönlichkeitsstörung noch nicht zu voreilig zu stellen, drängen sich manchmal schon im Erstgespräch die Symptome auf, mit denen sich die Jugendlichen bei uns vorstellen. Oft sind es starke Stimmungsschwankungen, die dazu führen, einen Kinder- und Jugendpsychiater zu konsultieren. Anfangs wird diese Launenhaftigkeit meist noch als typisch pubertäres Verhalten bagatellisiert. Ein Beispiel aus meiner klinischen Arbeit: Vor mir sitzt eine sehr besorgte Mutter und erzählt, das Verhalten ihres halbwüchsigen Sohnes habe ein solches Ausmaß und Formen angenommen, dass die ganze Familie auf Trab gehalten werde. Sie berichtet, dass die Stimmung Ihres Kindes – zwischen himmelhochjauchzend und zu Tode betrübt – innerhalb weniger Stunden wechsele. Nicht selten komme es aufgrund von vermeintlichen Banalitäten oder kleinen, eher unbedeutenden Bemerkungen der Mitmenschen zu heftigen Wutanfällen, in denen ihr Sohn auch schon mal das Messer gegen ein Elternteil oder gegen sich selbst richte.
Das ist dann meist der Auslöser dafür, dass eine Unterbringung auf der Krisenstation der Psychiatrie veranlasst wird.Auch wenn das ein Extrembeispiel sein mag, so sehen wir in der Psychiatrie derartiges Verhalten immer wieder. Ob die Borderline-Erkrankung ein typisches Phänomen unserer Gesellschaft ist, so wie jede Zeit ihre eigenen Störungen (bzw. die Wahrnehmung oder »Konstruktion« bestimmter Störungen) haben mag, man denke beispielsweise an »die hysterische Frau« zu Zeiten Sigmund Freuds, darüber streiten manche Experten. Sicher ist jedoch, dass dieses Störungsbild immer häufiger im psychiatrischen Alltag und in psychotherapeutischen Praxen zu finden ist. Es stellt sowohl die Betroffenen, als auch die Angehörigen vor große soziale und persönliche Probleme, und auch die zuständigen Ärzte, Therapeuten und Betreuer werden nicht selten an ihre Grenzen gebracht.
Die Diagnose einer Borderline-Erkrankung bedeutet eine große Herausforderung sowohl für die Betroffenen selbst als auch für deren Angehörige und das nahe soziale Umfeld. Der Alltag von Menschen, die unter dieser Erkrankung leiden, ist geprägt von Extremen jeglicher Art: von Stimmungsschwankungen, von Ängsten, depressiven Einbrüchen, von selbstverletzendem Verhalten bis hin zu dem immer wiederkehrenden Wunsch zu sterben. Oftmals liegen lange Klinikaufenthalte, viele Therapieabbrüche, schwierige Beziehungen und ein chaotisches Leben hinter den Betroffenen und deren Familien.
Mein Onkel und ich haben uns öfters über diese Erkrankung unterhalten und dabei festgestellt, wie verzweifelt Betroffene und deren Angehörige nach Hilfe suchen, um den Alltag zu bewältigen, dass sie meist über viele Jahre hinweg die verschiedensten therapeutischen und spirituellen Wege für sich ausprobieren, um entweder selbst als Erkrankte mit dieser Beeinträchtigung besser fertig zu werden, oder um mit den Auffälligkeiten ihrer Angehörigen zurecht zu kommen, ohne die Beziehung abzubrechen, was manchmal unausweichlich scheint.
In unseren Gesprächen über diese Krankheit ist uns zudem aufgefallen, dass sie nicht nur »hinter den Toren« der Psychiatrie zu finden ist, sondern dass sehr viele Menschen aus den unterschiedlichsten Gesellschaftsschichten von dieser Erkrankung oder zumindest einem Teil der Symptome betroffen sind.
Auf der Suche nach Hilfe finden die Betroffenen meist vor allem therapeutische Ratgeber, die für Laien nicht selten schwer verständlich sind. Wir hoffen, mit diesem Buch betroffenen Menschen eine Hilfestellung bieten zu können, um nicht aufzugeben, für sich oder für den betroffenen Menschen einen Weg zu finden, mit dieser Erkrankung in Zukunft besser zurecht zu kommen, manche Verhaltensweisen besser verstehen und dadurch künftig in schwierigen Situationen adäquater reagieren zu können, um für sich und für das Umfeld ein weniger belastetes Leben zu ermöglichen.
Ziel unseres Buches
Das eigentliche Ziel unseres gemeinsamen Buches ist es also, sowohl den Menschen mit Borderline als auch den Angehörigen Hilfen anzubieten. Wir wollen zeigen, was sie selbst tun können, damit das, was in der Therapie besprochen wird, in den konkreten Alltag umgesetzt wird. Es soll Hilfe zur Selbsthilfe geboten werden. Der Seelsorger und die Therapeutin machen eine ähnliche Erfahrung: dass Menschen mit Borderline oft verzweifelt sind und das Gefühl haben, dass niemand ihnen helfen kann. Dann gehen sie von einem Therapeuten zum andern, von einer Klinik zur nächsten. Doch sie vergessen ihre eigenen Ressourcen, die eigenen Möglichkeiten, auf ihre Erkrankung zu reagieren.
1. Was ist Borderline?
Aus der Geschichte der Erforschung
Bevor aus der fachlichen Sicht der Psychiatrie das Phänomen Borderline beschrieben und erklärt wird, möchte ich etwas von der Geschichte der Borderline-Forschung erzählen. Der Begriff »Borderline« wurde zum ersten Mal im Jahre 1938 von Adolph Stern geprägt. Er beschreibt mit diesem Begriff Patienten, die man nicht in die üblichen Krankheitsbilder von Neurose oder Psychose einordnen kann. Sie stehen gleichsam zwischen Neurotikern und Psychotikern, an einer Grenzlinie also. »Diese Patienten waren offenbar kränker als neurotische Patienten […], aber dennoch interpretierten sie die reale Welt nicht wie die psychotischen Patienten ständig falsch.« (Kreisman 243) Beim Psychotiker ist die Wahrnehmung der Realität stark verzerrt. Borderline-Klienten können die Wirklichkeit durchaus realistisch wahrnehmen. Aber sie schwanken oft zwischen einer pessimistischen und optimistischen Sicht. Sie teilen die Welt in schwarz-weiß ein. Borderline-Klienten sind aber kränker als Neurotiker. Sie haben kein wirkliches Ichgefühl. Daher tun sie sich schwer, sich in der Welt zurechtzufinden. Sie wissen nicht, wer sie eigentlich sind.
Die amerikanischen Psychiater Kreismann und Straus sprechen von vielen möglichen Ursachen für Borderline-Erkrankungen. Dabei haben sie nicht nur die persönliche Lebensgeschichte und die Erfahrungen mit den Eltern im Blick, sondern auch die veränderte Gesellschaft. Die beiden Autoren beschreiben diese Auswirkungen der Gesellschaft vor allem im Blick auf die amerikanische Gesellschaft. Sie meinen: »Für viele hat die amerikanische Kultur den Kontakt mit der Vergangenheit verloren und hat keine Verbindung zur Zukunft.« (Kreisman 99) Sie vertreten die These, Borderline sei eine pathologische Reaktion auf die Zustände in der Gesellschaft, vor allem auf eine Gesellschaft, »der es an Beständigkeit und Verlässlichkeit fehlt« (Ebd 99): Weil die Gesellschaft ihre Stabilität verloren hat, »werden Borderline-Symptome wie Schwarzweißdenken, Selbstzerstörung, extreme Stimmungsschwankungen, Impulsivität, schlechte Beziehungen, ein beeinträchtigtes Identitätsgefühl und Zorn verständliche Reaktionen auf die Spannungen innerhalb unserer Kultur. (vgl. ebd. 100)
Ein anderer Grund für das Entstehen von Borderline ist für diese Autoren, dass die Vergangenheit negativistisch gesehen, also generell und pauschal abgewertet wird. »Die Abwertung der Vergangenheit zerstört die Wahrnehmungsverbindung mit der Zukunft, die zu einem riesigen, unbekannten Faktor wird, eine Quelle nicht nur der Hoffnung, sondern auch der Angst.« (Ebd. 105f.) Was Kreisman und Straus von der amerikanischen Gesellschaft schreiben, gilt zum großen Teil auch für die deutsche oder europäische Gesellschaft. Daher ist bei den Heilungsfaktoren nicht nur an persönliche Therapie zu denken, sondern auch an die Schaffung gesünderer gesellschaftlicher Strukturen und an ein neues Gespür für die Wurzeln, aus denen wir leben.
Neben Kreismann und Straus hat sich in den USA vor allem Otto F. Kernberg mit dem Phänomen Borderline auseinandergesetzt. Er geht – in Anlehnung an Sigmund Freud – davon aus, dass es sich um eine Ichspaltung handelt. Das Ich spaltet sich in verschiedene Zustände. Und diese Ichspaltung hat eine schützende Funktion für den Patienten. Sie schützt ihn vor der Angst, sich dem eigenen Chaos zu stellen. Daher ist die Ichspaltung für Kernberg immer auch »ein aktiver, sehr starker Abwehrvorgang« (Kernberg 18). Der Klient wehrt sich offensichtlich gegen das innere Chaos, das er nicht aushalten könnte, wenn er es anschauen würde. Kernberg hat die Erfahrung gemacht, dass die extremen Reaktionen dem Therapeuten, aber auch den Angehörigen gegenüber Übertragung frühkindlicher Erfahrungen sind. Kernberg erzählt von einem Mann, der ihn einige Sitzungen lang extrem beschimpfte, dann schlug seine Reaktion ins Gegenteil um. Er lobte ihn und nannte ihn den besten Menschen, den er je getroffen, der so viel Geduld mit ihm habe. Doch nach einiger Zeit begann der Klient erneut, ihn zu beschimpfen. In der positiven Phase war er darauf nicht ansprechbar. Und in der negativen Phase wollte er nicht an seine lobenden Worte erinnert werden. Kernberg meint nun, diese unterschiedlichen Reaktionen seien Übertragungen gewesen. Wenn der Klient ihn beschimpfte, übertrug er das Bild seiner Mutter, die er oft als ablehnend und vernachlässigend erfahren hatte, auf den Therapeuten und umgekehrt, wenn er ihn mit Lob überschüttete, sein inneres Bild einer idealisierten Mutter und die Erfahrung »eines schwachen, aber beschützenden Vaters« (Kernberg 19).
Zugleich wurden in den extremen Reaktionen auf den Therapeuten zwei verschiedene Selbstbilder offenbar. Da war einmal das Bild »von dem zurückgewiesenen, verachteten, angegriffenen kleinen Jungen« und das Bild von dem »sehnsüchtigen, schuldbeladenen Kind«. (Ebd. 19) Beide Selbstbilder wechselten sich ständig ab. Das Problem bei Borderline-Klienten ist, dass sie diese beiden Selbstbilder nicht zusammenbringen wollen oder können. Die Spaltung in die beiden Selbstbilder und die extremen Reaktionen sind ein Versuch, die verschiedenen Erfahrungen mit den Eltern und mit sich selbst zu bewältigen. Jede psychische Erkrankung hat immer auch einen Sinn. Sie ist ein Versuch, mit der inneren Zerrissenheit zurechtzukommen. Aber oft sind sie eben, wie die Psychologie sagt, suboptimale Wege oder aber – wie bei Borderline – zerstörerische Wege, mit denen man sich selbst und seiner Umwelt schadet. Die Therapie würde darin bestehen, andere Wege zu finden, um die innere Zerrissenheit anzunehmen und bei allen extremen Erfahrungen zur eigenen Mitte zu finden.
Eine besondere Persönlichkeitsstörung
Borderline gehört zu den Persönlichkeitsstörungen und ist eine Unterform des emotional-instabilen Typus. Eine Persönlichkeitsstörung wird definiert als tief verwurzeltes, anhaltendesVerhaltensmuster und äußert sich in starren Reaktionen auf unterschiedliche persönliche und soziale Lebenslagen. Betroffene Menschen zeigen Auffälligkeiten im Wahrnehmen, Denken, Fühlen und in den Beziehungen zu anderen Menschen. Die Erkrankung beginnt in der Kindheit bzw.Adoleszenz und dauert bis in das Erwachsenenalter an. Typische Symptome sind emotionale Instabilität, Störung des eigenen Selbstbildes, der inneren Präferenzen (inkl. der sexuellen), Neigung zu sehr intensiven, jedoch instabilen Beziehungen, Ängste vor dem Alleinsein bzw. dem Verlassenwerden, chronisches Gefühl der inneren Leere, häufige Stimmungsschwankungen, emotionale Krisen, impulsive Handlungen, Selbstverletzungen bis hin zur Suizidalität.
Häufig werden wir von den Betroffenen oder den Angehörigen nach den Ursachen gefragt, denn meistens lassen sich Erkrankungen besser ertragen und man kann mit den Auffälligkeiten besser umgehen, wenn man weiß, warum sie entstehen, wem oder was man die Schuld für ihren Ausbruch geben kann. Oft hoffen sie, es gebe ein Molekül, das man einfach austauschen, oder ein Medikament, das einem verschrieben werden könne. Immer wieder suchen Eltern in der Biographie ihres erkrankten Kindes verzweifelt nach »der Ursache«, nach einem spezifischen Ereignis, das die jetzige Situation erklären würde. Häufig lässt sich das auslösende Ereignis jedoch nicht so einfach finden, denn »die« auslösende Ursache gibt es nicht. Meist ist es ein ungünstiges Zusammenspiel mehrerer Faktoren, es wird von einem sogenannten »multifaktoriellen Entstehungsmodell« gesprochen.