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»Das kraftvolle In-Erscheinung-Treten einer Künstlerin.« Kenzaburo Oe, japanischer Literaturnobelpreisträger.
Eine Hausfrau wird zur Bodybuilderin, aber ihrem arbeitssüchtigen Ehemann fallen die neuen Muskeln nicht einmal auf. Eine Verkäuferin in einer Boutique wartet stundenlang auf eine Kundin, die sich in der Umkleide verschanzt hat und die vielleicht auch ein Alien ist. Eine junge Frau bemerkt, wie sich das Gesicht ihres frischgebackenen Ehemanns plötzlich beginnt, ihrem eigenen anzugleichen.
In diesen 11 preisgekrönten Storys gewähren die Figuren einen Blick hinter die Kulissen ihrer scheinbar langweiligen Leben. Zum Vorschein kommt das Bizarre, das Groteske, das Fantastische, das Fremde. Und die - hinter all dem verborgen - Freiheit.
Yukiko Motoya ist die aufsehenerregende neue Stimme aus Japan, die die Sehnsucht nach dem Zauber des jungen Murakami endlich wieder stillt.
»Ich wünschte, ich könnte in Motoyas Buch leben. Ihre Wahrnehmung und ihre Weisheit lassen das alltägliche Leben magisch und aufregend erscheinen, und die merkwürdigsten Erfahrung fühlt sich plötzlich ganz vertraut an.« Etgar Keret.
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Seitenzahl: 219
Veröffentlichungsjahr: 2021
»Das kraftvolle In-Erscheinung-Treten einer Künstlerin.« Kenzaburo Oe, japanischer Literaturnobelpreisträger
Eine Hausfrau wird zur Bodybuilderin, aber ihrem arbeitssüchtigen Ehemann fallen die neuen Muskeln nicht einmal auf. Eine Verkäuferin in einer Boutique wartet stundenlang auf eine Kundin, die sich in der Umkleide verschanzt hat und die vielleicht auch ein Alien ist. Eine junge Frau bemerkt, wie sich das Gesicht ihres frischgebackenen Ehemanns plötzlich beginnt, ihrem eigenen anzugleichen.
In diesen 11 preisgekrönten Storys gewähren die Figuren einen Blick hinter die Kulissen ihrer scheinbar langweiligen Leben. Zum Vorschein kommt das Bizarre, das Groteske, das Fantastische, das Fremde. Und die – hinter all dem verborgen – Freiheit.
Yukiko Motoya ist die aufsehenerregende neue Stimme aus Japan, die die Sehnsucht nach dem Zauber des jungen Murakami endlich wieder stillt.
»Ich wünschte, ich könnte in Motoyas Buch leben. Ihre Wahrnehmung und ihre Weisheit lassen das alltägliche Leben magisch und aufregend erscheinen, und die merkwürdigsten Erfahrung fühlt sich plötzlich ganz vertraut an.« Etgar Keret.
Über Yukiko Motoya
Yukiko Motoya, geboren 1979, ist Dramaturgin, Autorin und Regisseurin. Sie hat zahllose Literaturpreise gewonnen, darunter den Kenzaburo-Ōe-Preis und Japans wichtigsten Literaturpreis Akutagawa. Ihr Bücher wurden ins Französische, Norwegische, Spanische, Chinesische und Englische übersetzt. »Die einsame Bodybuilderin« ist ihr erstes Buch auf Deutsch.
Ursula Gräfe hat Japanologie, Anglistik und Amerikanistik in Frankfurt am Main studiert. Seit 1989 arbeitet sie als Literaturübersetzerin aus dem Japanischen und Englischen und hat neben zahlreichen Werken Haruki Murakamis auch Autoren wie Yasushi Inoue und Hiromi Kawakami ins Deutsche übertragen.
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Yukiko Motoya
Die einsame Bodybuilderin
Storys
Aus dem Japanischen von Ursula Gräfe
Inhaltsübersicht
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Die einsame Bodybuilderin
Die Umkleidekabine oder warum ich beim Anblick einer Picknickdecke immer lächeln muss
Taifun
Ich rief deinen Namen
Ehe mit einer fremden Spezies
Paprikajiro
How to Burden the Girl
Die Freundinnen
Q & A
Die Hunde
Was raschelt im Stroh?
Impressum
Als ich nach Hause kam, guckte mein Mann Boxen.
»Ach? Ich wusste gar nicht, dass du dich für so was interessierst. Hätte ich nicht gedacht.« Ich stellte die Einkaufstüten auf dem Wohnzimmertisch ab. Er blieb auf dem Sofa sitzen und murmelte eine Antwort, wobei er weiter wie gebannt auf den Bildschirm starrte, als könne er sich nicht eine Sekunde losreißen.
»Wer gewinnt? Der Kleine oder der Große?« Ich nahm meinen Schal ab und setzte mich zu ihm aufs Sofa. Eigentlich hatte ich mich gleich an die Vorbereitungen fürs Abendessen machen wollen, war aber zu erledigt. Die Gangschaltung an meinem Fahrrad hatte unterwegs den Geist aufgegeben. Ich würde mir eine kleine Pause gönnen. Ein Viertelstündchen.
Ohne den Blick vom Bildschirm zu lösen, erklärte mir mein Mann, der Kleine sei bislang der Überlegene. Ein lauter Gong ertönte, die Runde war zu Ende. Die Kontrahenten bluteten, und kaum saßen sie in ihrer Ecke, spritzten ihnen die jeweiligen Trainer Wasser ins Gesicht.
»Kaum zu fassen! Als würden sie Tiere abspritzen, irgendwie barbarisch.« Ich bemühte mich, das Wort »barbarisch« nicht allzu abfällig klingen zu lassen, aber mein Mann nahm den Unterton wahr.
»In Wirklichkeit hättest du bestimmt gern so einen Mann, oder?«
Wie bitte? Was sollte das denn?
»Du tust immer so harmlos, aber ich weiß Bescheid. Eigentlich willst du mal einen richtigen Kerl, der mit dir umspringt, wie es ihm passt.«
»Was redest du? Du weißt genau, dass ich kultivierte Männer bevorzuge. Unsensible Kraftprotze interessieren mich nicht.«
Mein Mann legte die Fernbedienung auf den Tisch und umfasste sein Handgelenk. Natürlich war es wesentlich zarter als die Handgelenke der Boxer.
»Du hast eben Künstlerhände«, zog ich ihn auf. Nichts war ihm so verhasst wie Mitleid, deshalb schlug ich diesen scherzhaften Ton an.
»Du würdest also nicht schwach werden, wenn so ein Kerl hinter dir her wäre?«, fing er wieder an. Er ließ einfach nicht locker.
Jetzt hätte ich etwas sagen müssen, das sein Selbstbewusstsein aufbaute, aber der Anblick der Männer auf dem Bildschirm zog mich völlig in Bann. Mir wurde heiß, das Blut schoss mir in den Kopf. Unaufhaltsam lief mir das Wasser im Mund zusammen.
»Natürlich nicht! Außerdem würde sich sowieso keiner von denen für mich interessieren.«
Wie schön diese Boxer waren. Wunderbar gebaut. Stramm und fest die Körper, kein Gramm zu viel.
»Wie findest du meinen Körper?«, drängte mein Mann weiter.
»Er gefällt mir, deine Haut ist hell und geschmeidig.« Ach, warum hatte ich mir so etwas noch nie angeschaut? Boxen, Wrestling, Kampfsport – immer hatte ich gedacht, ich hätte dafür nichts übrig. Ein Riesenfehler! Aber das war typisch für mich. Wenn ich mich einmal entschieden hatte, so oder so zu sein, zog ich gar keine anderen Möglichkeiten mehr in Betracht. Schon in der Schule war das so gewesen. Deshalb hatte ich auch an dem Tag mit meinen Freundinnen im Vergnügungspark beschlossen, ein braves Mädchen wie ich würde auf keinen Fall in eine Achterbahn steigen, und war als Einzige nicht mitgefahren. Mädchen wie ich nahmen an kulturellen Aktivitäten teil. Fühlten sich in Handarbeitskursen wohl. Suchten sich eine Arbeitsstelle in der Nähe ihrer Eltern. Doch was wäre geschehen, wenn ich damals Achterbahn gefahren wäre? Vielleicht wäre ich einem unbekannten Ich begegnet. Und mein Leben wäre völlig anders verlaufen.
Wieder ertönte der Gong, und die Männer erhoben sich. Ich hatte geglaubt, sie würden einfach nur Schläge austeilen, doch weit gefehlt, die Boxer behielten jede Bewegung ihres Gegners im Auge und wichen so seinen Angriffen aus. Hätte ich nur auch einen so scharfen Blick! Dann würde ich nicht so vieles übersehen. Der Kampf war entschieden, und der bisher lauteste Gongschlag ertönte.
Am nächsten Tag fing ich mit Bodybuilding an. Eigentlich wäre ich gern Profi-Boxerin geworden, doch leider vermochte ich nicht den geringsten Kampfgeist in mir zu entdecken. Ich verspürte so gar keine Lust, jemanden niederzuschlagen. Es waren nur die Körper der beiden – kahl geschorenen – Boxer im Fernsehen, die mir nicht aus dem Sinn gingen. Ihr Bild hatte sich mir regelrecht ins Gehirn gebrannt. Nicht einmal an der Kasse des Bioladens, in dem ich arbeitete, konnte ich den Anblick der tänzelnden Boxer vergessen. Sogar wenn ich Kundinnen ein Produkt anpries, sah ich sie vor mir. »Hier haben wir eine Granatapfel-Feuchtigkeitscreme, die schon lange in der Kräutermedizin verwendet wird.« Wie hart ihre Muskeln sich wohl anfühlten? »Unser Haaröl stammt aus dem Konzentrat seltener biologisch angebauter Pflanzen.« Wie sah es aus, wenn ein durchtrainierter Körper alles gab? Sehnte ich mich nach einer Affäre? Auf keinen Fall. Ich liebte meinen Mann. Er verhielt sich zwar mitunter taktlos und kindisch, aber das lag auch an seiner vielen Arbeit. Die tat ihm nicht gut. Ich musste nur Geduld haben, bis er den vor ihm liegenden Berg abgearbeitet hatte. Ich sehnte mich nicht danach, andere Männer zu berühren. Alles, was ich wollte, war, mich nach Herzenslust an festen Muskeln zu ergötzen. Fast hätte ich einen Luftsprung gemacht, so beflügelt fühlte ich mich. Auf dem Heimweg kaufte ich mir gleich ein Proteinpräparat in der Apotheke.
Es war das erste Mal, dass ich Proteine einnahm, und ich mochte den Geschmack. Ich beschloss, mich in einem Bodybuilding-Studio anzumelden. Es durfte nicht so teuer sein, dass es die Haushaltskasse belastete, aber ich entdeckte ein kleines privates Fitnessstudio, das auf seiner Homepage mit dem Slogan »Hundert Probestunden gratis. Erfolg garantiert« warb und nur zwei Haltestellen von uns entfernt lag. Ich hatte keine Vorstellung, was hundert Trainingsstunden bewirken konnten, immerhin hatte ich bisher nie ernsthaft Sport getrieben.
»Ich möchte Bodybuilderin werden«, eröffnete ich dem Coach in der ersten Stunde. Er trug ein Polohemd und war ungefähr Mitte zwanzig, also viel jünger als ich. Er hielt beim Ausfüllen des Formulars inne und musterte mich erstaunt.
»Es geht um Bodybuilding? Nicht ums Abnehmen?«
»Auf Ihrer Website steht, Sie hätten ein besonderes Trainingsprogramm.«
»Haben wir, aber Damen um die dreißig kommen für gewöhnlich, weil sie abnehmen wollen, also dachte ich …«
»Ist Bodybuilding sehr schwierig?«
»Eigentlich nicht, aber es genügt nicht, mit Gewichten zu trainieren. Das Entscheidende ist die Ernährung. Wären Sie imstande, sagen wir, 4000 Kalorien am Tag zu sich zu nehmen? Also ungefähr doppelt so viel wie durchschnittlich ein erwachsener Mann.«
»Über den ganzen Tag verteilt könnte ich es schaffen.«
»Zusätzlich müssten Sie Proteine einnehmen.«
»Damit habe ich schon angefangen.«
»Haben Sie ein besonderes Ziel? Möchten Sie an Wettbewerben teilnehmen?«
»Nein, es ist nicht nötig, dass mich jemand sieht. Ich wünsche mir nur mehr Muskeln für mich selbst.«
»Das ist ziemlich ungewöhnlich.« Der junge Mann tippte mit dem Kugelschreiber auf sein Klemmbrett. Ich fürchtete schon, er würde ablehnen, aber zu meiner Überraschung war er einverstanden. »Also gut«, sagte er. »Dann wollen wir uns mal ein Trainingsprogramm für Sie überlegen.«
Ich erfuhr, dass er bereits als Kind viel Sport getrieben hatte. An der Universität hatte er Rugby gespielt und ernsthaft überlegt, Delphintrainer zu werden, aber dank gewisser Beziehungen war er als Coach in diesem Fitnessstudio gelandet. Er war ein gut aussehender Junge mit arglosem Gesicht und vorstehenden Eckzähnen. Zwölf Jahre jünger als ich. Vermutlich kleidete er sich bieder. Zumindest schloss ich das aus seinem Haarschnitt. Klar, wenn er die ganze Zeit Rugby gespielt hatte. Wahrscheinlich bevorzugte er Mädchen in seinem Alter. Mein Mann und ich waren auch gleich alt. Wir hatten uns in einer Tierschutzgruppe an der Uni kennengelernt.
Als der junge Coach im roten Polohemd meine freudige Erregung bemerkte, sah er mich ernst an.
»Sie müssen sich darüber im Klaren sein, dass Bodybuilding im Allgemeinen nicht gerade Begeisterung erregt. Darauf sollten Sie gefasst sein. Außerdem brauchen Sie die Unterstützung Ihrer Familie. Es wäre gut, wenn sie einverstanden wäre.«
Doch am Ende erzählte ich meinem Mann nichts. Es war das erste Mal in den sieben Jahren unserer Ehe, dass ich ihm etwas Wichtiges verheimlichte. Allerdings starrte er neuerdings, wenn er zu Hause war, sowieso meistens auf den Computer und redete nur mit mir, wenn er wollte, dass ich ihn irgendwie aufbaute. Eheliche Intimität fand so gut wie nicht mehr statt.
Als Grund für meine veränderten Ernährungsgewohnheiten gab ich an, eine Kundin im Laden habe mir eine Proteindiät empfohlen. Da ich schon die ein oder andere Modediät ausprobiert hatte, schöpfte mein Mann keinen Verdacht. Den Plan, den der junge Trainer – ich nannte ihn jetzt Coach, und wir duzten uns – für mich ausgearbeitet hatte, hielt ich gewissenhaft ein. Hinter dem Rücken meines Mannes, der sich stets in seinem Arbeitszimmer vergrub, absolvierte ich Push-ups, Sit-ups und Kniebeugen. Angespornt von meinen wachsenden Kräften ging ich mittlerweile vier Mal in der Woche ins Studio, wo ich mich vor allem auf Klimmzüge, Hantelübungen und Bankdrücken konzentrierte. Übungen wie Reverse Crunches, Crunches mit Gymnastikball, T-Bar-Rudern und Topside Deadlifts dienten dazu, den Muskeln eine ausgeprägtere Struktur zu verleihen. Zusätzlich nahm ich alle paar Stunden Proteine und stopfte doppelt so viel Kalorien in mich hinein wie ein erwachsener Mann.
Die Ausbildung eines schönen Muskelreliefs erforderte viel mehr Ausdauer, als ich es mir vorgestellt hatte. Sooft man an seine Grenzen zu stoßen glaubte, musste man noch zwei oder drei Schritte weiter gehen. Allein hätte ich wahrscheinlich aufgegeben, aber ich hatte ja meinen Gratis-Coach für 100 Stunden. Beim Bodybuilding ist ein Helfer unentbehrlich, denn wenn man zum Beispiel beim Gewichtheben abrutscht und das Gewicht auf den Hals fällt, kann das den Tod bedeuten. Damit so etwas nicht geschah, war der Coach immer an meiner Seite, passte auf und feuerte mich an. »Und noch einmal! Und jetzt das letzte Mal! Super!«
Am Ende hatte ich immer Schaum vorm Mund, weil ich die Zähne so stark zusammenbiss. Aber auch das gehörte für mich zu einer Reihe von Neuentdeckungen. Ich war ein Mensch, der vor Eifer schäumen konnte. Als ich frisch verheiratet war, hatte ich nicht gewusst, wie man ein Haushaltsbuch führte, weshalb mein Mann, der sich sogar sonntags Arbeit mit nach Hause nahm, mir angesichts der sich häufenden herumliegenden Quittungen mangelnde Willenskraft vorwarf.
»Hast du überhaupt in deinem Leben jemals etwas zu Ende gebracht?«, fragte er missbilligend, und das nicht nur einmal.
Mein zunehmend breiterer Nacken war nicht mehr zu verbergen. Um den Kundinnen die feuchtigkeitsspendende Wirkung unserer Seifenmousse zu demonstrieren, verteilte ich stets etwas von dem Schaum auf meinem Handrücken. Doch inzwischen erschraken die Kundinnen beim Anblick meiner Handgelenke, die doppelt so dick waren wie ihre und voller gut ausgebildeter Sehnen und Adern. Während sie vortäuschten, meinen Ausführungen über die Vorzüge von Jojobaöl zu folgen, musterten sie verstohlen meinen Hals, der fast so breit war wie mein Gesicht, und es war ihnen deutlich anzusehen, dass sie rätselten, was sich unter meiner Schürze verbergen mochte. Es machte mich ganz nervös, wie sie mich mit ihren neugierigen Blicken förmlich auszogen. Sie hätten mich gern betastet, aber das wäre doch zu weit gegangen.
Schließlich rief die Chefin mich zu sich, um zu fragen, was mit mir los sei.
»Du hast dich neuerdings ziemlich verändert. Ist irgendetwas?«
»Ja, schon.«
»Du hast, wie soll ich sagen, deinen Umfang verdoppelt oder verdreifacht, nicht? Ich dachte schon, du wärst schwanger … Nimmst du vielleicht was ein, das dir nicht bekommt? Etwas gegen die Wechseljahre? Könnten das Nebenwirkungen sein?«
»Nein.«
»Aber das muss doch eine hormonelle Störung sein?«
Also vertraute ich ihr an, dass ich trainierte. Zuerst wirkte sie skeptisch, aber als ich ihr erklärte, ich sei noch nie derart in einer Sache aufgegangen, zeigte sie sich beeindruckt. »Du scheinst fest entschlossen«, sagte sie. Meine Chefin war eine sehr unabhängige Person. Sie hatte drei Kinder allein großgezogen und führte mehrere Läden. Bisher hatte sie in mir nur eine mittelmäßige Frau ohne Selbstbewusstsein gesehen, doch nun gefiel ich ihr viel besser, und sie unterstützte mich, so gut sie konnte.
Auch die anderen Kolleginnen versprachen, mir bei meinem neuen Leben zu helfen. Eine brachte mir sogar am nächsten Tag ihre ausgediente Yogamatte mit, so dass ich, wenn keine Kundschaft da war, hinter dem Regal mit den Haarpflegeprodukten nach Herzenslust trainieren konnte. Und keine verzog das Gesicht, wenn ich in meiner Pause aus einem Becher rohes Eiweiß schlürfte. Mitunter besprühten Kinder die Mauer vom Parkplatz mit Graffiti wie »Vorsicht Muskelfrau! Quetschgefahr!«. Die meisten Kundinnen reagierten positiv, nachdem sie sich an meinen Anblick gewöhnt hatten. Alleinerziehende Mütter und berufstätige Frauen mit Kindern erklärten, sie fühlten sich durch mich ermutigt.
Bodybuilding war eine besondere Form von Schönheitskult, und vielleicht versiegte deshalb das Lächeln auf den Gesichtern der Bodybuilder nie, auch wenn sie mitunter Schmerzen hatten.
Nur mein Mann merkte nichts von alledem. Und das, obwohl meine Brust sich mittlerweile so stählern anfühlte, als hätte ich eine Eisenplatte unter der Haut, und meine Arme so muskulös waren, als könnte ich einen Baumstamm entzweibrechen, und ein Sixpack meinen Bauch zierte. Ganz zu schweigen davon, dass ich von Weitem aussah wie ein wandelndes mit der Spitze nach unten zeigendes Dreieck. Also fragte ich meine Kolleginnen um Rat. »So sind doch alle Männer«, trösteten sie mich. »Meiner merkt nie, wenn ich beim Friseur war.«
Meine Frisur hatte ich bisher unangetastet gelassen, da mein Mann langes Haar bevorzugte. Ich legte mir eine starke Sonnenbräune zu, um gesund auszusehen, und ließ mir bei einem Zahnarzt, den eine Kundin mir empfahl, zum Freundschaftspreis die Zähne weißen. Doch mein Haar trug ich noch genauso lang wie vor meiner Bodybuilding-Zeit.
Nachdem ich über achtzig meiner Gratisstunden absolviert hatte, schlug mein Coach mir vor, bestimmte Posen einzuüben. »Ich weiß, es fühlt sich gut an, wenn die Muskeln wachsen, aber an einem Wettkampf teilzunehmen wäre ein weiterer Ansporn«, sagte er. Mehrmals lehnte ich höflich ab. Solche Auftritte seien nichts für mich, aber er gab nicht nach.
»Ich finde, wir sollten etwas gegen deinen tief verwurzelten Mangel an Selbstbewusstsein tun«, sagte er schließlich.
»Meinen Mangel an Selbstbewusstsein?«
»Ja, genau. Du merkst es gar nicht, aber du sagst dauernd solches Zeug wie ›ach, na ja, macht nichts‹ oder ›das ist wieder mal typisch für mich‹ und so. Keine Ahnung, warum du das machst, aber du solltest dein Selbstbewusstsein zurückgewinnen.«
Bei seinen Worten wurde mir etwas klar. Der Perfektionismus meines Mannes hatte nach und nach in mir den Eindruck hervorgerufen, ein Mensch ohne besondere Vorzüge zu sein. Vor meiner Hochzeit hatte ich mich nicht so empfunden, doch da ich ständig meine Fehler aufzählte, um das Selbstbewusstsein meines Mannes zu stärken, hatte ich mir angewöhnt, mich selbst herabzusetzen.
»Ich weiß nicht, ob ich das kann. Vor Leuten auftreten, meine ich«, sagte ich, als ich zum ersten Mal vor dem Spiegel eine der Standard-Posen einnahm, wobei ich zaghaft die Arme hob und sie in jenem Winkel anspannte, in dem die Muskeln am eindrucksvollsten hervortraten.
»Nicht so angestrengt schauen«, riet mir der Coach, also zog ich die Mundwinkel zu einem verkrampften Lächeln nach oben, während ich meine Muskeln so fest wie möglich anspannte. Außerstande, mich selbst im Spiegel zu ertragen, ließ ich die Arme sinken.
»Keine Eile. Wir machen das ganz in Ruhe.« Der Coach legte mir ein Handtuch um die Schultern.
Eines Tages, ich verteilte gerade Jojobaöl-Pröbchen vor dem Laden, kam es zu einem Zwischenfall. Die Hunde zweier Kundinnen gingen vor meinen Augen aufeinander los. Der eine, ein Yorkshireterrier, riss sich von der Leine los und stürzte sich laut kläffend auf den anderen, viel größeren Hund, der ihn daraufhin im Genick packte. Eigentlich war der große ein furchtsames Tier, das ängstlich um sich blickte, sobald andere Hunde es beschnupperten, und nie aggressiv wurde. Jedenfalls drosch die Besitzerin des Yorkshireterriers in dem verzweifelten Versuch, ihr Hündchen zu retten, mit der Leine auf den großen Hund ein, woraufhin dieser den kleinen zunehmend verwirrt in seinem Maul herumschleuderte, bis dessen Gebell immer schwächer wurde und schließlich verstummte. Als der große endlich losließ, war der kleine tot.
Niemand sagte etwas, aber es war klar, was alle dachten. Warum war ich, die in nächster Nähe stand, mit meinen baumstarken Armen nicht dazwischengegangen? Wozu in aller Welt sollte man Muskeln bejubeln, die zu nichts nütze waren, wenn es hart auf hart kam? Aber ein Bodybuilder ist kein Kämpfer, seine Muskeln sind zum Posieren gedacht. Sie dienen der ästhetischen Präsentation. Kein Bodybuilder, der etwas auf sich hält, setzt seine Kraft praktisch ein. Deshalb war ich nicht einmal auf die Idee gekommen, die Hunde zu trennen. Doch wäre ich eingeschritten, wäre so etwas nicht passiert. Alle hatten das liebe muntere Tierchen gemocht und gehätschelt, und ich hatte den kleinen Hund selbst mehrmals im Arm gehalten.
»Ab morgen trainiere ich nicht mehr im Laden«, verkündete ich, bevor ich an dem Abend nach Hause ging, und meine Chefin meinte, für eine Weile sei das wohl das Beste. Im Umkleideraum redete niemand mit mir. Die Atmosphäre war bedrückend. Mein Abschiedsgruß wurde zwar von allen erwidert, doch als ich hinten am Laden vorbeiging, sah ich die lilafarbene Yogamatte auf dem zum Verbrennen gedachten Müll liegen.
Nach dem Abendessen wollte mein Mann wie üblich sofort in seinem Arbeitszimmer verschwinden. »Im Laden ist heute etwas vorgefallen«, begann ich und erzählte ihm die ganze Geschichte. Der Tod des kleinen Yorkshireterriers hatte mich unvermutet stark mitgenommen. »Ich weiß nicht, ob ich weiter dort arbeiten kann«, sagte ich bedrückt, worauf er wie üblich »aha« und »ich verstehe« antwortete und aufstand, um in sein Zimmer zu gehen, während ich die Krümel vom Tisch fegte und das Geschirr abräumte. Plötzlich stieg Wut in mir hoch. »Übrigens war ich heute beim Friseur.« Ich hielt ein kurzes Büschel Haare hoch. »Ich habe es ziemlich kurz schneiden lassen.«
Ich war ewig nicht beim Friseur gewesen. Mein Mann, der gerade seinen Stuhl zurück unter den Tisch schieben wollte, hielt inne und musterte mich. Ich konnte mich nicht erinnern, wann er mich zuletzt so angesehen hatte. Er hatte ein paar Falten mehr im Gesicht, sich aber sonst seit unserem Studium kaum verändert. Er sah fast so aus wie mit neunzehn bei einem unserer ersten Dates im Capybara-Streichelzoo. Es entstand ein kurzer Moment des Schweigens.
»Steht dir gut«, sagte er dann.
»Wirklich? Ich dachte, du magst langes Haar?«
»Aber so ist es auch nicht schlecht.«
»Was meinst du, wie viel ich abgeschnitten habe?«
»Hm, vielleicht zehn Zentimeter?«, antwortete er und kratzte sich an der Nase. Er lächelte. Vielleicht bemerkte er meinen angespannten Ausdruck und wollte mich aufheitern. Ich hatte sein Lächeln von Anfang an gemocht. Weshalb ich seinen hartnäckigen Bemühungen, mit mir auszugehen, nachgegeben hatte, obwohl es damals jemand anderen gab.
»Aber was hast du denn?«, fragte mein Mann, erschrocken über die Tränen, die mir übers Gesicht rannen. Wegen des Bräunungsöls, das ich den ganzen Tag über reichlich auftrug, perlten sie davon ab und troffen ungehindert auf meine Arme.
»Ach, nichts.«
»Aber du weinst doch. Ist im Laden etwas passiert?«
Er hatte meine jammervollen Klagen von eben schon ganz vergessen. Als ich den Kopf schüttelte, kam er um den Tisch herum und streichelte mir ausnahmsweise die durch meine Klimmzüge wunderschön definierte Schulter, so dass es sich anfühlte, als bewundere er meine Muskeln. Nein, ich konnte nicht mehr mit ihm zusammen sein. Ich ergriff seine kleine Hand. »Du interessierst dich nur noch für dich selbst«, sagte ich. »Wenn ich mit dir zusammen bin, schwindet mein Selbstvertrauen. Bin ich denn ein so uninteressanter Mensch?«
Mein Mann verstand augenscheinlich nicht, wovon ich auf einmal redete. Ich presste die Lippen zusammen, drängte die Tränen zurück und zog meinen dünnen Pullover und meinen Rock aus. Der Anblick des winzigen Bikinis, den ich beim Posing trug, brachte meinen Mann sichtlich aus der Fassung. »Was ist das?«, fragte er bestürzt. »Reizwäsche?«
Ich lief aus dem Haus. Das Studio hatte bestimmt noch geöffnet. Coach! Coach! Coach!
Obwohl er gerade schließen wollte, ließ er mich sofort hinein, als ich atemlos in meinem Bikini angerannt kam. »Ich will trainieren«, flehte ich. Denn nur so würde ich mich beruhigen.
»Aber zu viel Training kann schädlich sein. Du solltest unbedingt die Ruhezeiten einhalten.«
»Ich weiß. Nur drei Sätze Bankdrücken. Dabei kann ich mich entspannen.« Ich bat so verzweifelt, dass der Coach mich auf die Bank ließ. Während ich im menschenleeren Studio die Stange hochdrückte und absenkte, strömten mir die Tränen nur so aus den Augen.
»Er versteht überhaupt nichts.«
»Dein Mann?«
»Ja genau. Er kapiert rein gar nichts!«
»Hast du mal richtig mit ihm geredet?«
»Kann ich nicht. Er interessiert sich nicht für mich.«
»Solltest du trotzdem. Bodybuilder sind sowieso schon einsam.«
Einsam. Das Wort versetzte mir einen Stich.
»Ich weiß nicht, wie ich zu ihm durchdringen soll.« Ich löste meine Hände von der Stange und bedeckte mein Gesicht. Dann entschlüpfte mir etwas, das ich nicht hätte sagen sollen.
»Wenn ich doch nur mit dir zusammen wäre.«
Der Coach nahm meine Bemerkung schweigend auf. Da ich wusste, dass er mich als Schülerin schätzte, sagte ich nichts mehr. Dennoch hatte ich bei unseren Trainingseinheiten immer wieder gedacht, wie gut es wäre, einen Mann wie ihn zu haben. Er brachte mich dazu, über meine Grenzen hinauszugehen. War eifriger auf meine Fortschritte bedacht als ich selbst.
»Fühlst du dich besser?«
Er war so taktvoll, meinen Gefühlsausbruch als Folge meiner Verwirrung hinzustellen. Ich nickte und schaffte es, meine Hände wieder um die Stange zu legen.
»Von allen Sportlern habe ich vor Bodybuildern den meisten Respekt, denn niemand ist einsamer als sie. Und trotz all ihrer Einsamkeit tragen sie immer ein Lächeln im Gesicht, als würden sie kein anderes Gefühl kennen als Heiterkeit. Ich sehe darin ihre Entschlossenheit, die Härte des menschlichen Daseins zu überwinden.«
»Aber verliert man nicht den Bezug zu sich selbst, wenn man immer nur lächelt? Ist es denn richtig, für andere zu lächeln, auch wenn man in Wirklichkeit so traurig ist, dass man heulen möchte? Ich würde meinem Mann am liebsten all meine Gesichter zeigen. Es sind so viele mehr als das Gesicht, das er zu Hause sieht.«
Ich würde mich von meinem Mann scheiden lassen und nicht mehr ins Studio gehen. Mich als normale langweilige Frau langsam auf meinen Tod zubewegen und mich bis dahin ununterbrochen fragen, ob vielleicht alles ganz anders gekommen wäre, wenn ich damals in die Achterbahn gestiegen wäre.
Bum, bum, bum, dröhnte es vom Fenster, und der Coach ging nachsehen. Ich setzte mich auf. Vor dem Fenster stand mein Mann und hämmerte mit den Fäusten gegen die Scheibe.
»Ist er das?«, fragte der Coach. Ich nickte verwirrt. Woher wusste er, dass ich hier war? Er kannte das Studio doch gar nicht? Noch nie hatte ich ihn so aufgewühlt gesehen.
»Ich öffne ihm die Hintertür.« Der Coach ließ mich ratlos zurück. Was sollte ich jetzt tun? Mein Mann hatte mich allein mit dem jungen Trainer gesehen. Er war so aufgeregt. War er mir gefolgt, um mich zur Rede zu stellen? Noch immer schlug mein Mann von außen gegen die Scheibe. Ich stand auf und posierte zaghaft vor ihm. Beide Arme angewinkelt neben dem Kopf, die Brust herausgestreckt, um die V-Form meines Körpers zu betonen. Mein Mann starrte ungläubig auf mich in meinem Bikini. Als ich die Fäuste in die Hüften stemmte und eine andere Pose einnahm, schüttelte er gequält den Kopf. »Bitte, hör auf« sollte das wohl heißen. So wollte er seine Frau bestimmt nicht sehen. Aber das war mein wahres Ich. Ich posierte weiter, während ich ihm all die Gesichter zeigte, die er nicht kannte. Mein Gesicht, wenn ich einsam oder traurig war oder mich langweilte. Mein Gesicht, wenn der Sex schlecht war. Sieh mich an, bat ich ihn stumm. Ich bin keine gewöhnliche Hausfrau. Keine langweilige Ehefrau, die von ihrem Mann missachtet werden kann.
Anscheinend rief der Coach nach ihm, denn mein Mann drehte sich um und ging in Richtung Hintertür. Meine Kräfte verließen mich, und ich sank vor der Scheibe auf den Boden. Ich konnte nichts denken, bis der Coach an die Tür des Trainingsraums klopfte.
»Ich bringe deinen Mann. Ihr müsst mal richtig reden. Ihr seid euch nämlich gar nicht so unähnlich.«
Ich fragte mich, was er damit meinte, als mein Mann bereits hinter ihm auftauchte. Unwillkürlich wappnete ich mich, aber er war nicht wütend. Er weinte auch nicht, sondern trat mit unsicherer, besorgter Miene auf mich zu.
»Mir ist tatsächlich nicht aufgefallen, dass du so … zugelegt hast, bis ich deine Mitgliedskarte vom Studio gefunden habe.« Er nahm mich in die Arme und strich mir immer wieder zärtlich übers Haar.
