Die Einsamen und die Toten - A.K. Buchmann - E-Book

Die Einsamen und die Toten E-Book

A.K. Buchmann

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Beschreibung

LasVegas, Stadt der Gegensätze. Die Gewinner genießen die Annehmlichkeiten der Glitzermetropole. Die Verlierer hausen in Tunneln unter den Straßen. Aber vor dem Virus sind alle gleich. In einem geheimen Forschungslabor mitten in der Mojavewüste arbeitet Professorin Nina Jüngst an der Entschlüsselung der Natur von Wolfsmenschen und dem Vampir-Virus. Ihre Arbeit wird jäh unterbrochen, als im nahen Las Vegas ein unbekannter Erreger ausbricht, der alle Infizierten binnen weniger Minuten in gewalttätige Fleischfresser verwandelt. Schnell gerät die Lage in der Stadt außer Kontrolle. Professorin Jüngsts einziger Hoffnungsschimmer ist der Indexpatient. Anhand der Proben aus seinem Körper will sie den Aufbau des Erregers verstehen. Auf der Suche nach ihm wagt sie sich mit einem Einsatzteam mitten ins Zentrum von Las Vegas. Doch die Zeit spielt gegen sie. Die Regierung will eine Ausbreitung des Virus um jeden Preis verhindern und die ersten Infizierten haben bereits die Stadt verlassen … Würdest du eine ganze Stadt opfern, um die Welt vor einer Pandemie zu schützen?

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Seitenzahl: 447

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Die

Einsamen

und die

Toten

von

A. K. Buchmann

Alle Rechtevorbehalten.

Das Buchcover darf zur Darstellung des Buches unter Hinweis auf den Verlag jederzeit frei verwendet werden.

Eine anderweitige Vervielfältigung des Coverbilds ist nur mit Zustimmung des Verlags möglich.

Die Handlungen sind frei erfunden.

Evtl. Handlungsähnlichkeiten sind zufällig.

www.verlag-der-schatten.de

Erste Auflage 2025

© A. K. Buchmann

© Coverbilder: Depositphotos sazori, Jezper

Covergestaltung: Verlag der Schatten

© Bilder: Depositphotos, ElemenTxDD (Wolfsaugen), Jezper (Virus), somchaij (Schild Las Vegas)

A. K. Buchmann (Autorenfoto)

Lektorat: Shadodex – Verlag der Schatten

© Shadodex – Verlag der Schatten, Bettina Ickelsheimer-Förster, Ruhefeld 16/1, 74594 Kreßberg-Mariäkappel

[email protected]

ISBN: 978-3-98528-060-5

Las Vegas, Stadt der Gegensätze.

Die Gewinner genießen die Annehmlichkeiten der Glitzermetropole.

Die Verlierer hausen in Tunneln unter den Straßen.

Aber vor dem Virus sind alle gleich.

In einem geheimen Forschungslabor mitten in der Mojavewüste arbeitet Professorin Nina Jüngst an der Entschlüsselung der Natur vonWolfsmenschen und dem Vampir-Virus. Ihre Arbeit wird jähunterbrochen, als im nahen Las Vegas ein unbekannter Erreger ausbricht, der alle Infizierten binnen weniger Minuten in gewalttätige Fleischfresser verwandelt. Schnell gerät die Lage in der Stadt außer Kontrolle. Professorin Jüngsts einziger Hoffnungsschimmer ist derIndexpatient. Anhand der Proben aus seinem Körper will sie denAufbau des Erregers verstehen. Auf der Suche nach ihm wagt sie sich mit einem Einsatzteam mitten ins Zentrum von Las Vegas. Doch die Zeit spielt gegen sie. Die Regierung will eine Ausbreitung des Virus um jeden Preis verhindern und die ersten Infizierten haben bereits die Stadt verlassen …

Würdest du eine ganze Stadt opfern, um die Welt vor einer Pandemie zu schützen?

Inhalt

Prolog

ERSTER TEIL: PARALLELWELTEN

Indexpatient

Bekenntnisse

Fluten

Geheimnisse

Code Black

Aufbruch

ZWISCHENSPIEL

ZWEITER TEIL:KAMPFGEBIETE

Allein

Kollateralschäden

Moralvorstellungen

Feindgebiet

Entzug

Wölfe und Kojoten

In der Falle

ZWISCHENSPIEL

DRITTER TEIL: DUNKLE BÜNDNISSE

Lagebesprechungen

Bewacher

Panik

Letzte Hoffnung

Visionen

Plan Zero

ZWISCHENSPIEL

Epilog

Danksagung

Über die Autorin

Personenverzeichnis

Buchverweise

Was ist das, was in uns hurt, lügt, stiehlt und mordet?

Georg Büchner: Dantons Tod

Prolog

Kanada, British Columbia

Winters hatte von einer brennenden Welt geträumt, von gesplitterten Fensterfassaden in skelettierten Wolkenkratzern, die in einen dunklen Himmel aufragten. Der Brandschein warf von unten ein rotes Licht gegen die Wolken. Der Wind trug die Asche menschlicher Überreste durch die Straßen. Die wenigen Überlebenden waren mehr tot als lebendig. Mit ihrem schwankenden Gang und den klobigen Bewegungen glichen sie Dämonen aus einer anderen Welt. Ihre Haut war mit Blasen übersät und von Wunden gezeichnet.

Winters selbst war ein stiller Beobachter, fand sich in einem Moment in der Vogelperspektive, im nächsten streifte er durch die Straßen, getragen von einem merkwürdigen Gefühl der Erlösung. Dabei war nicht er derjenige, der erlöst war. Vielmehr fühlte er sich als Retter der Welt. Aber wenn er neben sich sah, war der Wolf bei ihm. Die Muskeln unter seinem nachtschwarzen Fell waren angespannt. In seinen bernsteinfarbenen Augen loderte die Verzweiflung. Sein Blick zuckte umher, und Winters verstand, dass er sein Kind suchte.

Diese Erkenntnis ließ ihn auch an diesem Morgen aus dem Schlaf hochfahren. Das rotblonde Haar klebte ihm an der Stirn, die Laken seines Bettes waren von Schweiß getränkt.

Der Traum war ihm altbekannt, er träumte ihn seit über dreißig Jahren in zersplitterten Bildern. In den vergangenen Wochen hatten sich die Teile aber Nacht für Nacht zu einem Ganzen verwoben und an Intensität gewonnen.

Täglich hing Winters der Traum mehr nach, haftete noch während der Vormittage zuverlässig an ihm, wenn er im Wald und am Fluss die Fallen kontrollierte, und schürte in seinem Innern das Feuer der Gewalt. Auch an diesem Mittag war er ihn noch nicht losgeworden.

Er stapfte durch den dicht bewachsenen Wald, der in erster Linie aus Schwarzfichten bestand, und verfluchte dabei diese langen, dünnen Kieferngewächse. Ihre Äste wiesen stets nach unten, als könnten sie der Schwerkraft nicht trotzen.

Schwarzfichten, wohin er auch sah.

Hinter ihm knackte es.

Er blieb stehen, war sicher, dass seine eigenen Füße in den schweren Stiefeln das Geräusch nicht verursacht hatten.

Er atmete einmal tief durch und widerstand dem Drang, sich umzudrehen. Vorsichtshalber öffnete er das Holster am Gürtel, in dem der alte Dolch steckte, ohne den er in seiner menschlichen Gestalt niemals das kanadische Outback betrat.

Ein klirrendes Geräusch.

Metall auf Metall.

Winters zog die Nase hoch. Jetzt wusste er, was geschehen war.

Er ging in die Richtung, aus der er nun ein Schleifen hörte, als würde etwas hastig über den Waldboden gezogen. Sein herausragendes Gehör führte ihn zuverlässig. Schnell wurde er fündig.

Ein Wapiti war mit dem rechten Vorderlauf in ein Tellereisen geraten und versuchte sich zu befreien. Beim Anblick des großen, drahtigen Mannes erstarrte das Tier für einen Augenblick, nur um sogleich wieder in Panik auszubrechen. Es zerrte an der Falle, übersprang sie in verschiedene Richtungen und glitt schließlich aus. Sein Bein knackte. Noch einmal versuchte es aufzustehen, aber der Vorderlauf stand nun in einem unnatürlichen Winkel ab.

Winters seufzte laut. »Ist schon gut! Beruhig’ dich!«

Der Wapiti beobachtete ihn, hastig in die Flanken atmend, während er langsam näher kam.

»Da hast du dich ja vielleicht in was reinmanövriert, und ich fürchte, das wird nicht gut für dich ausgehen.« Er warf einen Blick auf das Tellereisen, dessen halbkreisförmige Metallfänge den Vorderlauf umklammert hielten. Einmal mehr fragte er sich, warum irgendjemand noch diese Art von Lebendfalle benutzte, die nur für unnötiges Leid sorgte und das Fleisch der Tiere ungenießbar machte, weil es mit Adrenalin überflutet war. Er kannte nur einen Menschen, der diese Dinger gebrauchte, und der war ihm bei jeder der wenigen Begegnungen gehörig auf die Nerven gegangen.

Er stand noch zwei Meter von dem Wapiti entfernt, der keine Versuche mehr unternahm, aufzustehen. Vermutlich hatte er sich selbst sämtliche Beingelenke ausgerenkt.

Langsam näherte er sich die letzten Schritte, zog dabei sein Hemd aus und warf es dem Tier über die Augen. Er kniete sich auf den Hals, zog den Dolch und schlug ihm mit der spitz zulaufenden Metallkante des Griffs gegen den Schädel. Der Knochen brach knackend, der Wapiti erschlaffte unter ihm, aber das Herz des Tieres schlug noch. Winters zog das karierte Hemd wieder über das T-Shirt und durchtrennte ihm die Kehle.

Das erste Blut, das aus der Wunde schoss, fing er mit der Hand auf und trank einen Schluck. Es schmeckte fäkal. Der junge Hirsch hatte zu viel Angst empfunden.

Winters seufzte wieder. Eine Schande, das Blut vergeuden zu müssen!

Er öffnete die Falle und zog den Vorderlauf heraus. Anschließend grub er mithilfe des Dolchs den metallenen Anker des Tellereisens aus und verstaute das Ding in seinem Rucksack, um es seinem Besitzer bei der erstbesten Gelegenheit an den Kopf zu werfen. Er schulterte Rucksack sowie Hirsch und trat den Rückweg zur Hütte an. Bei jedem Schritt schaukelten die Läufe des Tieres auf der einen Seite gegen seinen Bauch, auf der anderen gegen seinen unteren Rücken. Ein Teil des Rumpfs lehnte an seiner Wange und dem Hals. Er hörte das Herz zunehmend leiser schlagen.

So eine Sauerei! Diese verdammten Schlageisen!, dachte er.

Den Hirsch an Ort und Stelle auszunehmen, würde ihm ein paar Kilo Marschgepäck ersparen, aber Winters war stark und ausdauernd. Außerdem würden der intensive Blutgeruch und die Eingeweide nur die Bären anlocken, und er legte keinen Wert darauf, mit einem Bären darüber zu diskutieren, wem dieser tote Wapiti gehörte. Das Fleisch schmeckte zwar nicht, aber es stellte immerhin eine Abwechslung zu den ewigen Bibern dar, die Reinhard als ihr gemeinsames Grundnahrungsmittel auserkoren hatte.

Wo steckte der eigentlich?

Erst jetzt fiel Winters auf, dass er Reinhard seit Tagen nicht zu Gesicht bekommen hatte. Sollte er sich Sorgen um ihn machen?

Er wischte die Überlegung beiseite, als er den Hang hinaufging. Reinhard würde durch die Wälder streifen. Das tat er gelegentlich, und bisher war er immer wieder aufgetaucht, aber so lange wie jetzt war er noch nie verschwunden.

In Winters blitzte der Gedanke auf, die Gelegenheit nicht ungenutzt zu lassen und die Flucht vor Reinhard zu ergreifen.

Umgehend erinnerte er sich aber daran, dass ihre Schicksale unauflöslich miteinander verwoben waren. Er und Reinhard waren mit unsichtbaren Fesseln aneinandergekettet, und er selbst hatte sie damals auf dem Nordatlantik geschmiedet.

Er erreichte einen Trampelpfad. Rechts und links davon erhoben sich die Schwarzfichten, als wollten sie ihn einpferchen. Ein bekannter Geruch streifte ihn, und er rümpfte die Nase. Hinter der kommenden Kehre, die der Pfad beschrieb, wartete jemand auf ihn. Winters lief unbeirrt weiter.

Wie er bereits vorausgerochen hatte, tauchte Red auf. Seine Schrotflinte lehnte über seiner Schulter auf der fleckigen Army-Weste. Er war ein großer, breiter Kerl, der wie er und Reinhard als Trapper in den Wäldern British Columbias lebte und einen Hang zum Dramatischen hatte.

»Hey, Winters! Das ist mein Gebiet und mein Hirsch!«

»Hey, Red! Ich hab dir schon hundertmal gesagt, dass du nicht diese verdammten Tellereisen verwenden sollst!«

»Und ich hab dir schon hundertmal gesagt, dass du dich nicht in meine verdammten Angelegenheiten einmischen sollst, du räudiger Kojote!«

Winters biss die Zähne aufeinander und blieb stehen. Fünf Meter trennten ihn und Red, der seelenruhig die Schrotflinte von der Schulter zog. Er war ein schießwütiger Bastard und ein Sadist obendrauf, der jagte, weil er Spaß daran hatte. Selbst wenn er in einer der großen Städte Arbeit fände, würde er die Jagd nicht einstellen. Vermutlich würde er sich dann nur eine andere Beute suchen. Winters konnte sich lebhaft vorstellen, wie er Kätzchen ausweidete und Prostituierte missbrauchte. Er war in der Wildnis besser aufgehoben. Daran bestand kein Zweifel. Die Öffentlichkeit musste vor Typen wie ihm geschützt werden.

Winters entfuhr ein spitzes Lachen, als ihm einfiel, dass auch er aus genau diesem Grund in dieser Einöde lebte, die in zahlreichen Dokumentationen und Reiseberichten zur Idylle verklärt wurde. Dabei war British Columbia eine grüne Hölle.

»Worüber lachst du?«

»Ist doch schon lustig, dass wir uns ausgerechnet hier mitten im Nirgendwo begegnen, was Red?«

»Ja, ja. Sehr lustig! Und jetzt gib mir den Hirsch!«

Winters grinste und ging langsam auf Red zu, der die Schrotflinte in den Anschlag zog. Die Mündung zeigte auf Winters’ Herz.

»Sachte, sachte! Leg ihn einfach ab! Ich traue dir nicht!«

Winters machte einen weiteren Schritt. Spitze Eckzähne schoben sich aus seinem Kiefer. Er presste die Lippen aufeinander, damit Red sie nicht sah. Erst im letzten Moment wollte er sie präsentieren, kurz bevor er sie Red in den Hals treiben und ihm so ein für alle Mal das Maul stopfen würde.

Er ging einen weiteren Schritt vorwärts.

Schräg hinter Red raschelte der Waldboden.

Winters blieb stehen und lauschte.

Red musterte ihn misstrauisch. Er hatte das Geräusch nicht wahrgenommen. Wie auch? Menschliche Sinne waren stumpf.

Aus dem Schutz einer Schwarzfichte löste sich ein dunkler Schatten, trat langsam auf den Pfad hinter Red.

Winters’ Miene blieb ausdruckslos, als sein Blick den Wolf mit dem nachtschwarzen Fell streifte.

»Was ist jetzt? Leg einfach den verdammten Hirsch ab und dann sieh zu, dass du aus meinem Revier verschwindest!«

Obwohl er um die unterlegenen Sinne der Menschen wusste, beeindruckten sie Winters doch. Der Typ hatte wahrlich keine Ahnung, was hinter seinem Rücken vor sich ging! Er hob beide Brauen, sah an Red hinab, hinter dem der Wolf die Lefzen hob. Die Fänge leuchteten in der Mittagssonne, in den bernsteinfarbenen Augen brannte die Entschlossenheit.

Winters wusste, dass die Drohung ihm galt und nicht etwa Red.

Er presste sein Ohr gegen den Rumpf des Hirschs auf seiner Schulter. Das Herz schlug nicht mehr. Langsam ließ er das Tier zu Boden gleiten.

Red grinste überlegen. »Und jetzt sieh zu, dass du verschwindest … Und lass dich hier ja nicht wieder blicken!«

Winters ballte die Fäuste und verengte die Augen zu schmalen Schlitzen.

»Na, na!«, mahnte Red, als spräche er mit einem ungezogenen Kind, und ließ die Mündung des Schrotgewehrs hin und her schwenken.

Winters rümpfte die Nase. Er wusste, dass er Red die Waffe entreißen konnte, bevor dieser überhaupt verstand, was geschah. Menschen hatten nicht nur tumbe Sinne, sie waren auch langsam und begriffsstutzig.

Sein Blick streifte wieder den Wolf, dem sich das Fell sträubte. Erneut zeigte er die Zähne, die Schnauze darüber lag in Wutfalten. Winters hob in einer versöhnlichen Geste beide Hände und ging langsam rückwärts. Nach einigen Schritten drehte er Red und dem Wolf den Rücken zu und marschierte den Pfad zurück.

»Winters?«

Er erstarrte. Was zum Teufel wollte Red jetzt noch von ihm?

»Ich gehe doch davon aus, dass du meine Fallen an Ort und Stelle gelassen hast! Das hast du doch, nicht wahr?«

Er atmete tief durch, aber die Wut ließ sich kaum zurückdrängen. Wenn dieser großkotzige Redneck nicht gleich das Maul hielt, würde er die Kontrolle über seine Gestalt verlieren. Er ließ den befriedigenden Gedanken zu, wie sich seine Reißzähne in die Haut des Kerls gruben. Er würde ihm die Kehle rausreißen, und davon würde ihn auch der Wolf nicht abhalten können.

»Also? Sind alle meine Fallen noch da, wo sie hingehören?«

Winters ließ den Rucksack von der Schulter gleiten, zog das Tellereisen heraus, drehte sich um und warf es.

Red machte einen Satz zur Seite, der Wolf verschwand hinter einer Schwarzfichte.

»Daneben!«, höhnte Red.

Winters zeigte ihm den ausgestreckten Mittelfinger und dachte: Ich habe gar nicht auf dich gezielt, du gottverdammter Bastard!

Er drehte sich um und stapfte davon, ohne Red eines weiteren Blickes oder gar eines Wortes zu würdigen.

Bald schon verließ er den Pfad und lief ziellos unter den Fichten entlang. Es dauerte nicht lange, bis sich der Wolf an seine Seite gesellte. Winters blieb stehen und sah das Tier an. Die Wut in ihm war noch immer nicht verebbt. Der Wolf gab ein gutturales Knurren von sich.

Winters brauste auf. »Ach komm schon! Du willst mir doch nicht allen Ernstes erzählen, dass irgendjemand auf diesem Planeten einen Typen wie Red vermissen würde! Du weißt, dass er ein Perversling ist!«

Der Wolf knurrte erneut.

»Du und deine verdammten Moralvorstellungen, Reinhard! Menschen sind nicht automatisch schützenswert, bloß weil sie schwache Geschöpfe sind.«

Dieses Mal knurrte der Wolf nicht, sondern ließ sich auf die Hinterbeine nieder und verengte die Augen zu Schlitzen.

»Du willst reden! Dann rede auch!« Winters stemmte die Hände in die Hüften und wartete.

Mit dem Wolf ging eine Veränderung vor sich. Sie begann an den Pfoten. Das Fell verschwand, gleichzeitig streckten sich die Ballen und fächerten sich zu Fingern und Zehen auf. Bald schon war der gesamte Körper der eines Menschen. Zuletzt wechselten Augen und Ohren ihre Position. In dieser kurzen Zeit war Reinhard taub und blind, wie Winters aus eigener Erfahrung wusste.

Er sah auf den jungen Mann hinab, der nun nackt vor ihm saß. Die dunklen Haare wirkten ungekämmt, auf den Wangen und der Oberlippe zeigte sich ein Bartschatten. Er zog das Hemd aus und reichte es ihm. Er selbst trug noch ein verwaschenes T-Shirt mit dem Logo der US Navy.

Reinhard schlüpfte schweigend in das Hemd, bedächtig schloss er die Knöpfe und sah schließlich zu Winters auf.

»Was ist los mit dir, Jeremiah?«

»Was soll schon mit mir los sein?« Winters’ Antwort fiel schärfer aus, als er geplant hatte.

»Wir waren uns doch einig, dass wir keine Menschen anrühren. Wir sind zwei harmlose Trapper, die hier draußen leben, schon vergessen?«

»Das sind deine Vorstellungen eines gelungenen Lebens, Reinhard. Nicht meine!«

»Und du weißt, welche Konsequenzen deine Überzeugungen hatten, als du versucht hast, sie durchzusetzen.«

»Das ist über dreißig Jahre her!«

»Es tut nichts zur Sache, wie lange es her ist! Denk doch …« Reinhard unterbrach sich. Er musste es nicht aussprechen.

Winters’ Gedanken glitten auch so für einen Moment in die Vergangenheit, als er die Kontrolle über sich verloren hatte. Seitdem passte Reinhard auf ihn auf. Dieser Umstand war eine Tatsache, die genauso unausgesprochen war wie das Gefühl von Gefangenschaft, das Winters jeden Tag seines Lebens beinahe erdrückte. Sein Gefängnis hatte keine Gitterstäbe, es bestand aus der Einöde Kanadas, den Wäldern, den Flüssen, den Bergen und der Einsamkeit. Früher war er in der Armee gewesen. Auch dort war es nicht gerade freiheitlich zugegangen, aber immerhin hatte er mit seinen Männern manchmal Dampf ablassen können. Sie hatten gesoffen, gevögelt und Menschen im Namen der Regierung getötet, um ihr Blut zu trinken. Jetzt ernährte er sich von Bibern und Wapitis und Lachsen, die ihm allesamt zu den Ohren heraushingen.

Winters war, wie Reinhard auch, zur einen Hälfte Wolf, zur anderen ein Vampir. Wie Reinhard den Blutdurst ertragen konnte, der mit dem Vampirismus einherging, wusste er nicht. Er konnte sich die Sache nur so erklären, dass sein Aufpasser niemals reines Menschenblut getrunken hatte und daher nicht wusste, was ihm fehlte.

»Was ist los mit dir, Jeremiah?«, wiederholte Reinhard seine anfängliche Frage.

Winters zwinkerte seine Gedanken fort. »Ich bin unzufrieden, das ist doch nichts Neues.«

»Ich weiß. Aber deine Unzufriedenheit scheint zu wachsen.«

Anstatt die Wahrheit zu sagen, drehte Winters den Spieß um. »Und du? Was ist mit dir? Seit Tagen stromerst du durch die Wildnis, legst kaum das Wolfsfell ab.«

»Das Wolfsfell ist mir näher als die menschliche Gestalt. Das weißt du.«

»Lenk nicht ab!«

Reinhard war ein aufrechter Mann, der für gewöhnlich bei einer direkten Frage nicht umhinkam, die Wahrheit zu sagen.

Seufzend fuhr er sich mit einer Hand durch die Haare. »Kurz nachdem ich mich damals im Ersten Weltkrieg zum ersten Mal in einen Wolf verwandelt habe, hatte ich einen Traum. Er war sehr intensiv, visionär. Du weißt ja, dass die Träume von uns Wölfen real werden können.«

Winters nickte.

»Jedenfalls hat mich dieser Traum durch mein gesamtes Leben begleitet. Er ist immer wieder aufgetaucht. Seit einigen Wochen träume ich ihn jede Nacht und dabei ist er so … drängend.«

Winters erinnerte sich an seine eigenen Albträume in der vergangenen Zeit. »Wovon genau träumst du?«

Reinhard sah ihn aus Augen an, in denen die Angst schwamm. Winters schluckte. In den gemeinsamen Jahren hatte er niemals Furcht an ihm bemerkt.

»Ich sehe eine brennende Welt«, sagte Reinhard leise. »Alles liegt in Schutt und Asche. Die Städte verheert. Die Menschen, kaum mehr als brandgezeichnete Schatten. Früher habe ich ein Wolfsjunges an meiner Seite gesehen. Ich bin diesem Traum nachgejagt auf der Suche nach einem Kind, und du weißt ja, was ich dabei alles erlebt habe.«

Winters runzelte die Stirn. Konnte es sein, dass er und Reinhard jede Nacht einen ähnlichen Traum erlebten? Aber das war doch unmöglich! Bis jetzt hatten sie noch nie darüber gesprochen.

Reinhard fuhr fort: »In den letzten Jahrzehnten tauchte kein Wolfsjunges im Traum mehr bei mir auf, sondern Nina.«

»Du suchst sie im Traum, nicht wahr?«

»Ja«, flüsterte Reinhard. »Ich suche im Traum nach ihr.«

Winters setzte sich auf den Waldboden. »Ich habe den gleichen Traum. Und ich sehe dich dort an meiner Seite, und ich sehe, dass Nina nicht da ist, und immer, wenn ich das realisiere, dann wache ich schweißgebadet auf.«

»Sie ist in Gefahr, Jeremiah!« Reinhard griff nach seiner Hand. »Wir müssen zu ihr!«

»Auch wenn du sie so siehst. Sie ist schon lange kein Kind mehr. Außerdem hast du selbst einmal gesagt, dass diese Träume zwar irgendwie prophetisch sind, aber täuschen können und auch nicht so wahr werden, wie wir Wölfe sie träumen.« Winters versuchte zu lächeln, aber ein schales Gefühl hatte längst von ihm Besitz ergriffen. Er glaubte seinem eigenen Beschwichtigungsversuch nicht.

Reinhard fing seinen Blick ein. Die orangefarbenen Sprenkel in seiner Iris leuchteten. Als er sprach, wirkte seine Stimme hohl. »Es geht nicht nur um Nina. Die Welt …« Reinhard unterbrach sich und Winters erstarrte. Die Leerstelle lag schwer zwischen den Schwarzfichten und zwischen ihnen, beschwor die dunklen Bilder einer verheerten Welt wieder herauf.

Nach einem langen Augenblick räusperte Winters sich umständlich. »Dann sollten wir zu ihr gehen. Wenn es in Anbetracht der drohenden Apokalypse irgendwo sicher ist, dann ja wohl auf der Air-Force-Basis, auf der sie arbeitet.« Er zwinkerte. Es sollte ein Scherz sein.

Reinhard lachte nicht.

ERSTER TEIL: PARALLELWELTEN

Indexpatient

Las Vegas

Die glitzernde Fassade von Las Vegas lag hinter Dr. Brandon Gong. Um dem Dunstkreis der Videoüberwachung durch die Hotelcasinos zu entkommen, hatte er bis zum Humphrey-Bogart-Drive das Auto genommen. Die Lichter der Vergnügungsmeile der Stadt, dem Strip, glitzerten im Rückspiegel. Er hätte die Strecke von seinem Hotel aus auch laufen können, aber er wollte sich nicht verdächtig machen. In Amerika wurde nach wie vor gefahren, nicht gelaufen.

Er zog den Rucksack vom Beifahrersitz und ließ einen Toyota passieren, ehe er ausstieg. Die trockene Hitze der Mojavewüste schlug ihm entgegen. Auch nach Einbruch der Dunkelheit hielt sie sich hartnäckig in den Straßen.

Bis zu seinem Ziel waren es nur wenige Meter. Er sah sich um. Zwischen Brachland und Hinterhofcasinos waren keine Passanten unterwegs. Sein Herz hämmerte ihm gegen die Brust. Nicht mehr als fünf lange Schritte trennten ihn von der Beendigung der ersten von zwei Aktionen, an deren Ende nicht weniger stand als die Vernichtung der Stadt. Vielleicht sogar des ganzen Landes oder auch der gesamten Welt. Das kam darauf an, wie schnell die Behörden reagierten. Er würde es nicht mehr erleben, sondern sich vorher selbst ins Feuer werfen, aus dessen Asche auf die eine oder andere Weise eine neue Ära geboren werden würde. Dabei war Gong im eigentlichen Sinne nicht lebensmüde. Er hatte sich schlicht damit abgefunden, ein Feigling zu sein, denn wenn er die Steine erst einmal ins Rollen gebracht hatte, würde er Professorin Jüngst nie wieder unter die Augen treten können.

Auf dem Bodengitter mit den gut fünfzehn Zentimeter voneinander entfernten Metallstäben blieb er stehen. Darunter lag eine eigene Welt, die er nur vom Hörensagen kannte. Hineingewagt hatte er sich nie. Warum auch? In den Überflutungstunneln lebten die Gescheiterten. Drogenabhängige, Säufer, Irre, Menschen, die niemand vermisste und die einen Teufel tun würden, sich in irgendeiner Form an die Behörden zu wenden. Die Tunnel waren das perfekte Biotop, in dem es sich ausbreiten konnte.

Bei dem Gedanken lächelte Gong fadendünn, bis er wieder an Professorin Jüngst dachte mit ihrem weichen Herz für den Bodensatz der Gesellschaft, ja überhaupt für alle Menschen.

Sein Lächeln gefror. Sie wusste nicht um ihre Einzigartigkeit oder ihre wahre Stärke. Aber er würde ihr helfen, ihre wahre Bestimmung zu finden.

Er zog das Smartphone aus der Hosentasche, aktivierte die Taschenlampenfunktion und leuchtete durch die Stäbe nach unten. Abgesehen von Beton war nichts zu erkennen. Das machte die Sache natürlich einfacher, irgendwie unpersönlicher, obwohl er gerne mit eigenen Augen gesehen hätte, was ihm bevorstand.

Die Experimente hatte er vorsichtshalber nicht an Menschen durchgeführt, weil er fürchtete, die Situation könne ihm zu Hause in seinem improvisierten Labor entgleiten. Aber das Virus wirkte bei Menschen. Da war er sich ganz sicher. Natürlich hätte er gerne Professorin Jüngsts Meinung zu dieser Frage eingeholt. Ihr nichts davon zu erzählen, war ihm mehr als schwergefallen, genau wie es ihm seit Jahren schwerfiel, ihr nicht einen einzigen Hinweis darauf zu geben, dass sie auf Schritt und Tritt heimlich überwacht wurde. Und dass er und alle anderen menschlichen Labormitarbeitenden daran beteiligt waren. Dabei war sie nicht gefährlich. Ganz im Gegenteil. Ihr fehlte die Einsicht in die Tatsache, dass Erneuerungen durch Opfer erzeugt wurden, die den Prüfstein für den Fortbestand der menschlichen Rasse darstellten. In Individuen zu denken, hielt Dr. Brandon Gong für einfältig. Die Menschen würden zusammenhalten müssen oder untergehen. So einfach war das. Professorin Jüngst war hingegen nicht abzubringen von ihrer sentimentalen Sichtweise, die so viel Wert auf Einzelschicksale legte. Ironischerweise war sie das einzige Individuum, dessen Leben ihm etwas bedeutete. Jüngst war auserwählt. Und er würde ihr helfen, endlich ans Licht zu treten. Er konnte nicht in Abrede stellen, dass er gerne ihr Gesicht sehen würde, wenn es so weit war, wenn sie endlich verstand. Ihren milden Blick, der sich voller Dankbarkeit auf ihn richtete. Obwohl er das nicht mehr erleben würde, verschaffte ihm der Gedanke eine tiefe Zufriedenheit. Aber bis es so weit war, tat er gut daran, ihr nicht mehr unter die Augen zu treten. Vielleicht würde sie ihm seine Taten aber auch niemals vergeben, selbst wenn das ihren Schlüssel in die Freiheit darstellte. Aber Professorin Jüngst war sich des Gefängnisses, an das sie ihre kostbare Existenz verschwendete, offenbar nicht bewusst. Darin glich sie den Menschen, die sie stets zu schützen versuchte.

Ruhig sah er sich nochmals um, ehe er den Rucksack öffnete. Die Atemschutzmaske lag oben auf. Er zog sie über, kontrollierte ihren Sitz zweimal, ehe er die groben Handschuhe überstreifte. Vorsichtig nahm er eines der beiden gläsernen Behältnisse heraus. Die Ratten darin sprangen gegen die Wände ihres transparenten Gefängnisses. Sie fletschten die spitzen Zähne.

Die Tiere zu transportieren, stellte die größte Herausforderung dar. Das Behältnis musste luftdicht verschlossen sein. Das gab ihm ein nicht allzu großes Zeitfenster, bis sie darin erstickten. Wenn er jetzt zögerte und seinen Zeitplan damit durcheinanderbrachte, war sein gesamtes Vorhaben in Gefahr.

Er stellte das Gefäß mitten auf das Gitter, griff erneut in den Rucksack, holte einen Hammer hervor und zerschlug das Glas des Deckels. Das ging schlicht schneller, als die Verklebung zu lösen. Achtlos ließ er den Hammer fallen, der durch das Gitter rutschte und scheppernd auf dem Betonboden aufkam. Er packte das Gefäß, drehte es herum. Und wie erwartet purzelten die Ratten mitsamt den Glassplittern heraus und folgten dem Weg des Hammers.

Auf dem Boden angekommen, schüttelten sie sich, drehten sich einmal schnuppernd um die eigene Achse und trippelten davon.

Gong starrte noch einige Augenblicke lang in den Tunnel, dann packte er hastig den Rucksack und spurtete zurück zum Auto. Erst hinter der geschlossenen Tür gestattete er sich, einige Sekunden lang durchzuatmen, bis er seine vor Aufregung zitternden Hände wieder unter Kontrolle bekam.

Das war schon einmal gut gegangen!

Phase zwei konnte beginnen.

Dazu musste er zurück ins Hotel, in das er bereits am Morgen eingecheckt hatte. Er verstaute die Handschuhe sowie die Atemschutzmaske wieder im Rucksack und startete den Motor.

Auf der Fahrt entglitten ihm die Lichter der Stadt und die mondäne Fassade seines Hotels, einem riesigen Gebäudekonstrukt, dessen Architektur an der europäischen Klassik orientiert war. Dabei hatte er das Hotelcasino nicht nur wegen seiner Lage im Zentrum des Strips ausgewählt, sondern auch aufgrund des Luxus, den es bot. Nobel ging die Welt zugrunde. Das nahm sich Gong heraus. Sein gesamtes Leben war er bodenständig und zurückhaltend gewesen. Er flog privat der Umwelt zuliebe so wenig wie möglich, bewohnte nur ein verhältnismäßig kleines Haus und hielt sich mit Konsumartikeln zurück. Fleisch aß er fast nie. Nach Jahrzehnten der Askese sollte am Anfang vom Ende ein mondänes Hotelzimmer für ihn drin sein. Bald endete nicht nur für ihn der große Rausch.

Für die Übergabe des Wagens an den Hotelservicemitarbeiter setzte er eine höflich-zurückhaltende Miene auf, die er auch auf dem Weg in sein Zimmer zur Schau stellte.

Endlich entriegelte er die Tür zu seiner Suite und atmete auf. Die Klimaanlage des Classico verströmte eine Duftmischung aus Apfel und Wasserlilie. Der helle Marmorboden des Eingangsbereichs spiegelte das Licht der Schirmlampe, die auf dem schmalen Glastisch stand. Darüber hing ein runder Spiegel. Er sah hinein und betastete die dunklen Ringe unter seinen Augen. Ein paar Strähnen seines schwarzen Haares hatten sich verselbstständigt. Er strich sie zurück in die Scheitelfrisur. Wenn er in einer halben Stunde in das Casino ging, durfte er sich erneut weder die Anspannung noch die Erschöpfung anmerken lassen. Jeder Winkel des italienisch angehauchten Classico wurde videoüberwacht. Zeigte er Nervosität, würde die Security auf ihn aufmerksam werden, bevor er seinen Plan umsetzen konnte. Vermutlich behielten sie ihn aufgrund seines asiatischen Aussehens ohnehin genauer im Auge, wie alle Sicherheitskräfte der Welt außerhalb Asiens.

Er knipste die Lampe aus, ging im Dunkeln in den angrenzenden Wohnbereich und stellte den Rucksack vorsichtig auf dem ockerfarbenen Viersitzer in der Mitte des Raums ab. Er zog die Vorhänge auf, mit deren Hilfe er das Zimmer am späten Nachmittag verdunkelt hatte. Jetzt gab es nichts mehr zu verbergen. Es war alles vorbereitet.

Die glitzernde Fassade des südlichen Strips von Las Vegas warf sich ihm entgegen, in seinem Zentrum der von unzähligen Lichtern erhellte Nachbau des Eiffelturms, daneben eine riesige, blaue Kuppel, die Darstellung eines alten Heißluftballons. Paris stand darauf, der Name des Hotelcasinos, zu dem beide Attraktionen gehörten und das in schlichter Eleganz dahinter in die sternenklare Wüstennacht aufragte. Paris und Classico. Frankreich und Italien lagen auf der Vergnügungsmeile nur einen Steinwurf voneinander entfernt – wie so vieles. Las Vegas war eine Stadt der Gegensätze. Sieger und Verlierer, reich und arm, Verschwendung und Mangel. Es war gleichermaßen ein Babylon und ein Slum.

Nicht einmal als er vor fünfzehn Jahren in die Stadt gezogen war, hatte Gong sich von der Scheinwelt täuschen lassen, er sah hinter Fassaden, versuchte Zusammenhänge zu verstehen und war schließlich zu dem Schluss gelangt, dass alles ein Ende haben musste. Vegas war nur das Symbol für eine ausgeuferte, dekadente Welt.

An den Entscheidungsmoment konnte er sich noch genau entsinnen: Er hatte aus dem Fenster der Passagiermaschine die Landebahn der Stadt näher kommen sehen. Dahinter die Lichter. Jeden Tag pendelte er an seine Arbeitsstelle, die Air-Force-Basis 51, die mitten in der Mojavewüste lag. Jeden Tag sah er Vegas aus dem Flugzeug und jeden Tag verachtete er seine Scheinheiligkeit mehr. Der Entschluss, diesem Treiben ein Ende setzen zu müssen, war wie eine Offenbarung über ihn gekommen.

Plötzlich wusste er, was er zu tun hatte. Sein gesamtes Leben erschien ihm nicht mehr wie eine zufällige Abfolge von Ereignissen, sondern als langer Weg zu einem einzigen Ziel.

Er würde die Welt erneuern.

Gong fuhr sich durch die Haare. Obwohl ihn weder die Nachbauten europäischer Traditionen noch die in Downtown zur Schau getragene amerikanische Lebenskultur jemals beeindruckt hatten, verspürte er kurz vor seinem Ende das Bedürfnis, etwas Schönes zu sehen, auch wenn es nicht real war. Also hatte er sich am Nachmittag seines großen Tages dem Schein hingegeben. Ausgiebig hatte er den Spa-Bereich des Hotels genossen, war in das Arboretum gegangen, hatte sogar im Casino gespielt. Dann hatte er die Ratten aus seinem Haus am Stadtrand abgeholt und zum Humphrey-Bogart-Drive gebracht.

Er warf einen Blick auf seine Armbanduhr. Es war kurz vor 22 Uhr. Gleich würden die bunten Laser auf dem weitläufigen Hotelvorplatz einen Tanz aufführen. Früher hatte es auf dem Gelände Wasserspiele gegeben, aber nachdem das Hotelcasino vor einigen Jahren renoviert worden war und den Besitzer gewechselt hatte, waren sie abgeschafft worden. Selbst die Hotelgiganten mussten sich der zunehmenden Trockenheit der Mojavewüste fügen. Niederschlag folgte inzwischen ganz eigenen Regeln. Entweder es gab schlicht keinen oder die Sintflut brach aus.

Um das Gelände der Show herum hatten sich bereits zahlreiche Besucher eingefunden. Dicht an dicht standen und saßen sie entlang eines kniehohen, aus hellem Naturstein gefertigten Mäuerchens. Gong sah auf ihre spielzeugkleinen Konturen hinab. Ein leiser Zweifel meldete sich zu Wort. Sollte er das wirklich tun? Wer war er, dass er über ihre Schicksale bestimmte?

Unwirsch drängte er den Gedanken beiseite. Jetzt klang er schon wie Professorin Jüngst! Er war weder Richter noch Henker, sondern er gab der Welt eine Chance! Diese Wahrheit hatte ihm der alte Indianer souffliert, als er noch ein Kind gewesen war. Der Alte hatte ihm damals nicht einfach eine Geschichte erzählt, er hatte die Zukunft geweissagt. Diese Tatsache verstand er erst viele Jahre später, in dem Moment, als er Tivaciund Sinawava begegnete, dort draußen in der Wüste auf Area 51. Sie waren anders als in seiner kindlichen Vorstellung, in der noch das Mythische regierte. Trotzdem erkannte er sie. Und als er endlich verstand, dass er der Erneuerer war, machte er sich auf die Suche nach dem dunklen Feuer, das der Welt ihre verkehrten Werte ausbrennen würde.

Draußen begannen die Laser einen wilden Tanz zu den Klängen von Elvis Presleys Viva Las Vegas. Im Takt des donnernden Basses jagten die Strahlen vorbei an dem Fenster seiner Suite im zehnten Stock in den Nachthimmel. In Gongs Gedanken drangen sie dabei nicht vor. Diese waren in die Vergangenheit abgeglitten, hin zu der Begegnung mit dem alten Indianer. Er hörte ihn über den Wolf, den Tivaci, sprechen. Er sei ein geschickter, weiser Jäger. Und Sinawava, der Kojote, sei ein Lehrer der Menschen. Ja, dieser alte Mann hatte ihm den Weg gewiesen.

Mit Erschrecken stellte der fünfundfünfzigjährige Biotechnologe Dr. Brandon Gong fest, dass draußen vor dem bodentiefen Fenster bereits ein neues Lied die roten, gelben, grünen und blauen Strahlen der Lasershow des Hotelcasinos begleitete. June Brightman und Andrea Bocelli sangen Time to say Goodbye. Das Licht wiegte sich mal in Kreisen, mal in Linien zu dem langsamen Rhythmus, und Gong schluckte einen schweren Kloß in seinem Hals hinunter. Einen Moment lang beobachtete er den Tanz und lauschte den durch die Scheibe gedämpften Klängen des Lieds. Wie von Ferne hörte er die Stimme des Alten aus seiner Vergangenheit flüstern: »Die Menschen werden schlimmer wüten als die furchtbarsten Kreaturen!«

Das würden sie! Dafür trugen die Ratten in diesem Moment Sorge. Seine kleinen Helfer waren damit beschäftigt, die Welt aus den Angeln zu heben. Nun war es auch für ihn an der Zeit, »Auf Wiedersehen!« zu sagen.

Er wandte sich vom Fenster ab und ging zu dem Esstisch auf der rechten Seite des Raums, auf dem er seinen Computer abgestellt hatte. Sein Blick strich den Rucksack.

Bald dürft auch ihr in die Freiheit!, dachte er und meinte damit die restlichen Ratten, die sich in einem weiteren Gefäß in seinem Rucksack verbargen.

Der Laptop brauchte nur wenige Sekunden, um hochzufahren. Er öffnete das E-Mail-Programm. Eine schriftliche Begründung hatte er sich verkniffen, stattdessen ein Video aufgenommen, in dem er sich erklärte und das sich nun im Anhang befand. Die Mail ging an zwei Adressen. Er wartete einige Sekunden, bis ihm der Rechner mitteilte, dass seine Nachricht erfolgreich verschickt worden sei, und atmete tief durch, während die letzten Klänge vor dem Fenster verhallten.

Langsam ging er in das angrenzende Schlafzimmer, das nur von den Lichtern des falschen Eiffelturms auf der gegenüberliegenden Straßenseite erhellt wurde. Sein verschwitztes T-Shirt und die kurzen Hosen tauschte er gegen Hemd und Anzug und griff nach einer ledernen Umhängetasche. Dann lief er zurück in den Wohnraum, knipste das Deckenlicht an und öffnete den Rucksack. Achtlos warf er die Atemschutzmaske auf den Beistelltisch, während die übrigen Ratten im Innern des Rucksacks gegen den Deckel ihres Gefängnisses sprangen. Die Luft musste ihnen langsam ausgehen. Sie während seines Abstechers im Hotelzimmer zurückzulassen, war ihm zu riskant erschienen. Neugieriges Raumpflegepersonal könnte seinen Plan zunichtemachen oder ihn zumindest davon ausschließen. Das hatte er vermeiden wollen.

Vorsichtig hob er den Glasbehälter aus dem schwarzen Stoff heraus. Gong musste erhebliche Kraft aufwenden, um den Deckel aus der Verklebung zu lösen. Vorerst beließ er ihn an Ort und Stelle. Höbe er ihn ab, liefe die Uhr für ihn rückwärts. Etwa dreißig Minuten würden ihm dann noch bleiben. Jedenfalls legten seine Experimente, die er mit den Nagetieren durchgeführt hatte, dieses Zeitfenster nahe. Er unterdrückte ein Schluchzen, das sich sowohl aus dem Gefühl, endlich das Ziel erreicht zu haben, als auch aus dem Bedauern dieses Umstands speiste.

Schließlich öffnete er den Deckel einen Spaltbreit. Vorsichtig tastete er mit der linken Hand hinein. Sofort bohrten sich die Zähne der fünf Ratten in seine Finger. Schmerzhaft verzog er das Gesicht. Er überlegte, die Nagetiere abzuschütteln, aber das wäre vermutlich vergebliche Liebesmüh. Außerdem blieb ihm schlicht keine Zeit. Mit dem ersten Biss verkürzte sich die Zeitspanne auf rund zehn Minuten. Also zog er die Hand, an der die fünf Ratten hingen, aus dem Gefäß.

Es war gar nicht so einfach gewesen, an unauffällige Exemplare heranzukommen. Die meisten Laborratten waren weiß oder gescheckt, die wildfarbenen hatte er extra draußen gefangen, dort, wo er die anderen vorhin wieder ausgesetzt hatte. Sie sollten nicht bereits durch ihre Fellfarbe bei ihren Artgenossen Aufsehen erregen.

Gong hielt seine Hand über die geöffnete Ledertasche, mit der anderen Hand zog er eine Ratte nach der anderen von den Fingern und stopfte sie in die Tasche, achtete dabei darauf, dass sie nicht entwischten. Nicht eine ließ freiwillig von ihm ab. Er musste sie alle mitsamt dem Fleisch, in dem ihre Zähne steckten, abreißen. Ein paarmal stöhnte er vor Schmerzen auf, die selbst das Adrenalin in seinem Blut nicht vollends unterdrücken konnten.

Nachdem er auch die letzte Ratte verstaut hatte, schloss er schnell den Reißverschluss und wischte seine blutigen Finger am Polster ab. Jetzt musste er sich beeilen. Er legte sich den Riemen der Tasche über die Schulter und verbarg seine verletzte Hand in der Hosentasche.

Erst im Hauptfahrstuhl nach unten fasste er wieder einen klaren Gedanken, bedauerte, dass ihm nicht mehr genug Zeit blieb, um das Arboretum des Hotelcasinos noch einmal zu besichtigen, jenes gläserne, opulent bepflanzte Habitat. Seine Künstlichkeit stieß ihn plötzlich nicht mehr ab, zu sehr stand die Sehnsucht nach etwas unschuldig Lebendigem wie den Pflanzen im Vordergrund.

Ihm wurde heiß, beinahe im selben Moment lief ihm ein kalter Schauer über den Rücken. Unwillkürlich schüttelte er sich. War das eine Reaktion auf sein bevorstehendes Ende? Hatte sein Immunsystem den sinnlosen Kampf aufgenommen? Wenn die Immunabwehr angesprungen war, würde das Fieber innerhalb weniger Minuten in die Höhe schießen, aber keine Chance haben, das Virus abzuwehren.

Die Türen des Fahrstuhls glitten im Erdgeschoss auseinander, und er trat mit bleischweren Beinen hinaus. Er ließ die Tasche von der Schulter rutschen, stellte sie hinter einen nahen Mülleimer, öffnete den Reißverschluss und ließ sie zurück, ohne sich nochmals nach ihr umzusehen.

Plötzlich fühlte sich die Welt wie ein Fiebertraum an. Seine Sinneseindrücke entglitten ihm. Der Schriftzug Hermés über dem Shop zu seiner Rechten, nicht mehr als eine Anhäufung beleuchteter Linien. Die Geräusche des nahen Casinos zu seiner Linken, das Zirpen und Piepen der einarmigen Banditen, die Roulettekugeln, die leise Hintergrundmusik schienen von weither zu kommen, fast schon, als nähmen sie ihren Ursprung in einem anderen Leben. Einem, mit dem er nun nichts mehr zu tun hatte.

Aber plötzlich fiel alle Sicherheit von ihm ab, ließ nichts zurück als nackte Panik. Sein Mund wurde trocken, seine Nase schwoll zu. Er konnte nur noch durch den Mund atmen. Er wollte frische Luft! Das hatte er zwar nicht geplant, aber er konnte sich seinen Vorsätzen von einer auf die andere Sekunde nicht mehr beugen und steuerte auf die Lobby zu. Seine Beine trugen ihn. Waren sie vor wenigen Augenblicken noch träge und schwer gewesen, spürte er sie nun nicht mehr.

Irgendwie erreichte Gong die Hotellobby. Sein Blick glitt an die Decke, verirrte sich in der Nachbildung des berühmten Deckengemäldes aus der Sixtinischen Kapelle. Die Erschaffung des Adam. Innerhalb kurzer Zeit vergaß er, dass es sich um ein Bild – nicht um die Realität – handelte. Er vergaß sogar seine Angst vor dem Sterben und die Erwartung auf die Wiedergeburt, während er so lange an die Decke starrte, bis der Hunger ihn ganz vereinnahmt hatte, den nur noch Fleisch stillen konnte.

Bekenntnisse

Area 51

Das Blut der Wölfin schimmerte auf dem Objektträger.

Professorin Nina Jüngst hielt ihn gedankenverloren mit den behandschuhten Fingern gegen das weiße Licht unter dem geschlossenen Abzug des Hochsicherheitslabors.

»Zur Hölle noch mal!«, flüsterte sie.

Quinn verstand sie trotzdem. Wie sie trug er ein Headset unter seinem Quarantäneanzug. Er verstaute gerade vorschriftsgemäß den Rest der Probe zur Archivierung in einem Behälter mit flüssigem Stickstoff.

»Alles in Ordnung, Professorin?« Er drehte ihr den Kopf zu.

»Ja … Nein! Warum haben wir noch mal einen Test vorgenommen?«

Selbst durch das transparente Plastik seiner und ihrer eigenen Kopfbedeckung hindurch sah sie seinen verwirrten Gesichtsausdruck.

»Na ja. Sie haben den Test angeordnet«, sagte Quinn.

Sie schürzte die Lippen. »Ja, das habe ich. Aber machen wir uns nichts vor! Unsere Forschung tritt auf der Stelle. Mein Gott! Wie oft habe ich mein eigenes Blut jetzt schon untersucht? Ich weiß es nicht! Und jedes Mal dasselbe Resultat. Bin ich bei der Blutentnahme eine Wölfin, zeigen alle Marker in den Untersuchungen hinterher auch eine Wölfin an. Wähle ich die menschliche Gestalt, ist mein Blut menschlich. Aber das Zwischenstadium bekomme ich einfach nicht zu fassen! Es ist zum Verrücktwerden!« Energisch entsorgte sie den Objektträger in dem dafür vorgesehenen Behältnis und zog die Hände aus den Handschuhen, die in den Abzug eingelassen waren. »Eine erneute DNA-Sequenzierung können wir uns vermutlich sparen«, sagte sie zerknirscht. »Der Aufwand ist es nicht wert! Am Ergebnis wird sich nichts ändern!«

Quinn schwieg. Vielleicht war es eine pietätvolle Geste. Sie kannte ihn nicht gut genug, um das beurteilen zu können. Für gewöhnlich arbeitete sie mit Dr. Brandon Gong zusammen, aber der hatte Urlaub, und so hatte sie Quinn vor zwei Stunden gebeten, ihr Blut zu entnehmen. Sie wusste selbst nicht, wo sie vor jeder Blutentnahme die Hoffnung hernahm, dem Rätsel ihrer eigenen Natur endlich auf die Spur zu kommen. Aber auch dieses Mal war ihr Optimismus nun am Boden. Dabei interessierte sie seit ihrer Jugend nichts brennender als die Frage, wie es möglich sein konnte, dass sich ein derart komplexes Lebewesen wie der Mensch innerhalb einer Minute in einen Wolf verwandeln konnte.

Sie dachte wieder an Brandon Gong. Alles in allem war er ein ziemlich verschrobener Typ, der sich für alte Legenden interessierte und in letzter Zeit eine Obsession für Fledermäuse und Ratten entwickelt hatte. Aber er hätte in dieser Situation ein aufmunterndes Wort übrig gehabt und ihr gesagt, dass sie an sich glauben solle. Oder aber er hätte ihr gesagt, dass sie aufhören müsse, die Wunder dieser Welt unbedingt in menschliche Kategorien pressen zu wollen. Und dann hätte er angefangen, etwas über indianische Mythologie zum Besten zu geben und sie beinahe ehrfürchtig Tivaci, Wolf, genannt.

Bei dem Gedanken entfuhr ihr ein Lachen.

Quinn drehte ihr den Kopf zu, aber schwieg weiterhin.

Sie beobachtete, wie er den Behälter mit dem flüssigen Stickstoff schloss. Der feine Nebel, der eben noch herausgewabert war, verflüchtigte sich. Anschließend durchquerte er in dem mit Luft aufgeblasenen Schutzanzug das Labor und begann unter einem weiteren Abzug seiner üblichen Arbeit nachzugehen, die in der weiteren Erforschung und Überwachung des V-Virus bestand.

»Warum arbeiten Sie ausgerechnet hier?«, fragte sie.

»Gibt gutes Geld.«

Sie sog scharf die Luft ein. Wie konnte er derart leidenschaftslos sein? Sie war froh, dass sie nicht öfter mit ihm zusammenarbeiten musste. Er konnte weder gut Blut abnehmen noch war er eine moralische Stütze! Anstatt irgendetwas Nettes zu sagen, ging er einfach seiner Arbeit weiter nach. Da lobte sie sich Gong, auch wenn der zuweilen etwas wunderlich war.

Sie seufzte. Hinter ihren Schläfen pulsierte ein dumpfer Schmerz. Sie nahm sich vor, eine Schmerztablette zu nehmen, sobald sie das Hochsicherheitslabor verlassen hatte, und sich noch einmal hinzulegen. Sie war müde … Obwohl, wenn sie es recht bedachte, schlief sie nicht schlecht. Sie hatte keine Albträume oder wachte zwischendurch auf. Genau genommen schlief sie wie eine Tote. Sofern sie träumte, konnte sie sich am nächsten Tag nicht daran erinnern. Dieser Umstand war zwar ungewöhnlich, aber mehr auch nicht. Sorgen bereitete ihr eher die unerklärliche Unruhe, die sie fortwährend umklammert hielt und sie zum Handeln antrieb, zu weiteren sinnlosen Tests, die stets die immer gleichen, nichtssagenden Resultate hervorbrachten. Die Wolfsmetamorphose war und blieb ein Rätsel, das sich selbst mit den ihr zur Verfügung stehenden Mitteln nicht lösen ließ. Und diese Mittel waren gewaltig. THIRTEEN STRIPES, die Organisation für die sie arbeitete, scheute keine Kosten und Mühen, um ihre Forschungen voranzutreiben. Und um sie – genau wie die Vampire – vom Rest der Welt zu isolieren. Niemand hatte es ihr gegenüber je laut ausgesprochen, aber Professorin Jüngst war sicher, dass ihr Labor nicht ohne Grund mitten in der Mojavewüste lag, eingekesselt zwischen rostroten Bergen, gut einhundertfünfzig Kilometer außerhalb von Las Vegas. Die Öffentlichkeit nannte die Air-Force-Basis, auf der sich ihr Arbeitsplatz befand, Area 51. Eine Zeit lang hatte es einen regelrechten Hype um die Anlage gegeben. Menschen aus aller Welt waren in die Wüste gepilgert, weil sie glaubten, die Regierung halte dort Außerirdische und Ufos versteckt und forsche an ihnen. Besonders Mutige versammelten sich sogar vor dem Haupttor mit Schildern, auf denen absurde Slogans zu lesen waren, die wirkten, als wären sie einer Mystery-Fernsehserie entsprungen. »Ich will glauben!« und so ein Quatsch stand darauf. Irgendwann in den 2010er-Jahren war der Trend merklich abgeflaut, die Pilger von damals wurden als Irre abgestempelt und die Welt war sich im Großen und Ganzen darüber einig, dass auf Area 51 Waffensysteme getestet wurden.

Bei dem Gedanken lächelte Professorin Jüngst unwillkürlich.

Selbstverständlich testete die Air Force hier Waffen! Und sie gestattete THIRTEEN STRIPES, ihre Wolfsnatur zu erforschen und die der Vampire. Darüber war bisher jedoch kein einziges Wort nach draußen gedrungen. Wenn sie ehrlich war, überraschte sie dieser Umstand. Die Leute glaubten an Ufos, aber nahmen keine Notiz von den Vampiren, die unter ihnen lebten und keinesfalls immer unauffällig blieben, wie Jeremiah Winters eindrücklich bewiesen hatte. Aber selbst davon war nichts in den Zeitungen gelandet. THIRTEEN STRIPES war ein Meister der Vertuschung.

Auf ihrem Laptop kündigte ein kurzes Plingen den Eingang einer Nachricht an. Sie drehte sich zu dem silbernen Beistelltisch um, auf dem der Computer abgestellt war, und wählte den Posteingang aus. Die E-Mail war von Gong. Neben ihrer Adresse war noch die vom Weißen Haus eingetragen. Der Betreff klang alarmierend. »Das Ende« stand dort.

Professorin Jüngst schluckte. Gong hatte durchaus einen Hang zur Pathetik. Immer wieder hatte er von alten Mythen geredet und ihr gut gemeinte Ratschläge erteilt. Sie solle sich bei dem Rätsel um ihre Wolfsnatur lieber auf das alte Wissen, anstatt auf Blutproben und DNA-Sequenzierungen, konzentrieren. Irgendwann war ihr der Kragen geplatzt und sie hatte ihm mehr als deutlich mitgeteilt, dass sie sich auf die Fakten konzentrieren wolle.

Sie öffnete die Mail, in der nur ein einziger Satz stand: »Sehen Sie sich das Video im Anhang an!«

Was in aller Welt sollte das alles? Und warum schickte Gong eine derart unprofessionelle Mail an sie und das Weiße Haus? Unwillkürlich straffte sie die Haltung und rückte den Bildschirm zurecht. Sie öffnete das Video und schaltete den Ton an.

Wider Erwarten erschien nicht Gongs Gesicht auf dem Bildschirm, sondern zwei wildfarbene Ratten. Die eine saß in einem Terrarium, die andere klemmte in Rückenlage zwischen den Fingern einer behandschuhten Hand. Eine Spritze mit einer grünen Flüssigkeit senkte sich auf sie herab. Als die Spitze in ihren Bauch eindrang, begann die Ratte sich zu winden. Professorin Jüngst sah zu, wie die wenigen Milliliter Flüssigkeit in ihrem Körper verschwanden, ehe die Ratte ebenfalls in das Gefäß gesetzt wurde. Das Tier lief Schutz suchend zu seinem Artgenossen und drückte sich an ihn.

Professorin Jüngst hielt das Video an und warf einen Blick über die Schulter zu Quinn, der vor dem Abzug saß und in seine Arbeit vertieft war.

Sie drückte erneut auf Play.

Gongs Stimme erklang aus dem Off. »Die indigenen Völker dieses Landes leben teilweise bis heute in Einklang mit der Natur. Sie verneigen sich vor ihr. Gleichzeitig empfinden sie Furcht vor ihr. Und das aus gutem Grund! Die Natur ist unsere Herrin, auch wenn wir in Zeiten von Wissenschaft, Forschung und Fortschritt glauben, es sei anders. Wir Menschen denken, wir könnten sie unterwerfen. Aber dem ist nicht so! Ihre Warnungen ignorieren wir. Der steigende Meeresspiegel, die gehäufte Anzahl der Extremwetterereignisse, das Sterben der Arten.«

Eine kurze Pause folgte, in der Gong geräuschvoll einatmete und Professorin Jüngst mit den Augen rollte. Natürlich stellte sie nicht den Raubbau des Menschen an der Natur in Abrede, aber warum musste Gong einen derart pathetischen Vortrag halten und ein Video davon nicht nur an sie, sondern auch an das Weiße Haus schicken?

»Mein Name ist Doktor Brandon Gong. Ich bin Biotechnologe und arbeite unter Professorin Nina Jüngst auf der Ihnen allen bekannten Air-Force-Basis in der Mojavewüste. Lange habe ich versucht, die Professorin von meinem Weltbild zu überzeugen, aber sie wollte mir nicht glauben, dass wir genug wissen. Jetzt ist es an der Zeit, Taten sprechen zu lassen, um uns Menschen die Hierarchien dieser Welt zu verdeutlichen. Meine Seite habe ich gewählt. Es ist die der Natur. Und ich verneige mich vor ihr und helfe ihr, nicht nur die Stimme gegen uns Menschen zu erheben, sondern ihre geballte Faust!«

Professorin Jüngst gefror das Blut in den Adern. Das war das Geschwätz eines Irren!

»Sehen Sie sich die Ratten an. Sehen Sie genau hin! Noch sitzen sie nahe beieinander, aber schon bald werden sie aufeinander losgehen. Sie werden nichts anderes mehr kennen als Hunger, der sie vorantreibt. Ihr Hunger wird auch uns befallen, denn in diesem Moment habe ich das Virus bereits in Las Vegas ausgesetzt, in der Stadt, die wie kaum eine andere hungrig ist. Hungrig nach Geld, nach Rausch, nach Superlativen. Sie ist ein Symbol unserer vom Kapitalismus geprägten Welt. Ich selbst werde mir das Vorrecht aufsparen, der erste Mensch einer neuen Welt zu werden! Einer Welt, in der wir Menschen einander für unsere Untaten bestrafen.« Wieder verstummte er einen Augenblick lang. Als er erneut zu sprechen begann, hatte seine Stimme an Schärfe verloren. »Ich hasse uns Menschen nicht, nein, wirklich nicht. Aber wir müssen endlich lernen, dass etwas über uns steht und wir nur ein kleiner Teil dieser Welt sind. Nicht ihr Herrscher und auch nicht ihr Schöpfer. … Professorin Jüngst?«

Sie zuckte zusammen, als Gong sie durch den Äther der Aufzeichnungen hinweg ansprach.

»Sie haben die Geschichten und Mythen der Altvorderen immer vom Tisch gewischt. Aber ich habe das Virus wiedergefunden, das diese hungrige Welt von der menschlichen Hybris heilen wird. Sie haben richtig gehört. Ich habe es wiedergefunden. Es war die ganze Zeit über da und hat in den Fledermäusen auf seine Auferstehung gewartet.«

Ratten und Fledermäuse!

Der Zusammenhang fiel Professorin Jüngst plötzlich wie Schuppen von den Augen. Das vampirische V-Virus stand im Verdacht, erstmals von einer Fledermaus auf einen Menschen übergegangen zu sein. Der Fall hatte sich in den Südstaaten ereignet. Belegt war, dass Ratten das Virus weitertragen konnten. Gong musste noch nicht einmal heimlich an den Fledermäusen forschen. Das Team hatte dazu ganze Studienreihen mit Dutzenden Versuchstieren durchgeführt. Offensichtlich hatte er dabei ein Virus gefunden. Und die Ratten nutzte er als Wirte.

»Sie sind der Wolf, Professorin. Ob Sie das nun wahrhaben wollen oder nicht. In Ihnen liegt der Schlüssel. Es kann nicht anders sein. Sie müssen mir vertrauen und sich selbst.«

Sie erschauderte. Offensichtlich war Gong völlig übergeschnappt! Gerne hätte sie die Worte ihres Assistenten abgetan, aber ihr schwante Böses.

Sie zwang sich dazu, ihre Aufmerksamkeit wieder auf das Video zu richten.

Eine der Ratten löste sich und suchte plötzlich das Weite. Aber einen Fluchtweg bot das Gefäß nicht. Die andere folgte ihr wenige Sekunden später mit weit aufgerissenem Maul, zunächst träge, dann zunehmend schneller. Sie verbiss sich in dem Artgenossen, die Ratten verwandelten sich in ein kämpfendes Knäuel aus Fell und Zähnen. Immer wieder versuchte sich das panikhelle, unterlegene Tier zu lösen, aber die Bisse seines Angreifers waren unerbittlich, entrissen dem kleinen Körper Fellfetzen mitsamt Fleisch. Die Ratte würde unweigerlich von ihrem kurz zuvor noch friedlichen Artgenossen totgebissen werden.

Zu ihrer Überraschung endete der Kampf jedoch so unvermittelt, wie er begonnen hatte. Das unterlegene Tier verkroch sich blutend und zitternd in eine Ecke, das andere streifte umher, als sei es auf der Suche nach etwas. Professorin Jüngst beugte sich näher an den Bildschirm heran. Ein grünliches Sekret hatte sich um Nase und Maul dieses Tieres gebildet.

Und jetzt?, dachte sie. Was passiert als Nächstes, Gong?

Aber die Stimme ihres Assistenten erklang nicht noch einmal aus dem Hintergrund.

Sie benötigte einige Augenblicke, bis sie die wenigen Fakten aus dem Video zusammengekratzt hatte. Gong hatte gesagt, dass es sich um ein Virus handelte, das offensichtlich mindestens durch Bisse übertragbar war. Die Inkubationszeit war erstaunlich kurz, bestenfalls ein paar Minuten. Jedenfalls bei einer Infektion durch eine Injektion. Da das Video nicht abriss, ging sie davon aus, dass Gong ihr zeigen wollte, wie schnell es sich in einem Wirtskörper nach einer regulären Ansteckung verbreitete. Während sie mehr fürchtete als erwartete, dass bei der zweiten Ratte ebenfalls Symptome auftraten, überdachte sie weiter die wenigen Fakten. Die Krankheit führte zu einer Absonderung von grünlichen Sekreten und zu Aggressionen gegenüber den eigenen Artgenossen. Selbst bei sozialen Tieren wie Ratten. Das konnte sie anhand des Bildmaterials zwar nicht sicher generalisieren, aber sie nahm es aufgrund von Gongs Erklärungen an. Er hatte gesagt, dass es Hunger hervorrufe. Sie schluckte schwer, als sie realisierte, um welche Art Hunger es sich offenbar handelte. Aber warum hatte die eine Ratte die andere dann nicht aufgefressen, sondern irgendwann von ihr abgelassen?

Vielleicht ist das Opfer nur so lange interessant, bis das Virus unwiderruflich übertragen ist?

Sie atmete tief durch. Auf dem Bildschirm kam erneut Bewegung in die Szene. Gongs behandschuhte Finger ließen langsam eine weitere Ratte hinab. Das Tier war noch nicht ganz auf dem Boden des Behältnisses angekommen, als ihre beiden Artgenossen es angriffen und ihre spitzen Zähne in seinem Fell vergruben.

Professorin Jüngsts Gedanken begannen zu rasen. Was zur Hölle war das für ein Virus? Vage fühlte sie sich an die Tollwut erinnert, die sich final im Hirn der Infizierten festsetzte und Persönlichkeitsveränderungen nach sich zog, die der Infektion bei der Weiterverbreitung halfen. Dazu zählten: Angst vor Wasser, damit sich der Erreger im Speichel ungehindert vermehren konnte, Lichtempfindlichkeit, Aggressionen und Bisse. Aber die Inkubationszeit der Tollwut war deutlich länger als das, was sie gerade bei den Ratten beobachtet hatte. Wenn Gong dieses Virus wirklich in Las Vegas ausgesetzt hatte und es auf Menschen übertragbar war, würden sie es binnen kürzester Zeit mit einer Epidemie zu tun bekommen. Im schlimmsten Fall breitete sich das Virus nicht nur auf die gesamte Stadt, sondern auf das ganze Land aus. Selbst eine Pandemie war nicht auszuschließen. Nach Las Vegas kamen Menschen aus der gesamten Welt. Die Stadt war ein Superspreaderevent!

Sie ging zu einer Kommunikationskonsole, die an der Wand angebracht war, und zögerte einen Moment. Wen sollte sie zuerst anrufen? Den General? Das Weiße Haus? Sie entschied sich für Dick Resnick, den Bürgermeister von Las Vegas. Sie waren sich ein paarmal begegnet und er hatte immer wieder versucht, sie auf einen Drink einzuladen. Er wusste, dass sie auf der Area arbeitete, und sie hoffte, dass er ihr vertraute. Schnelles Handeln war gefragt, und dazu benötigte sie einen Verbündeten. Sie stellte eine Verbindung zur Kommunikationszentrale der Basis her und ließ sich mit dem Büro des Bürgermeisters verbinden. Resnicks Sekretärin wollte sie abwimmeln, aber sie nannte ihren Namen, ihre Dienstnummer und den Code für eine Bedrohungslage, dann nahm der Bürgermeister endlich das Gespräch an.

»Nina! Wie schön, dass du dich meldest! Hast du es dir überlegt – mit dem Drink, meine ich?«