Verlag: Ullstein eBooks Kategorie: Krimi Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2018

Die Eishexe E-Book

Camilla Läckberg  

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Bestseller

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E-Book-Beschreibung Die Eishexe - Camilla Läckberg

»Die erfolgreichste Schriftstellerin Schwedens.« Brigitte Als die kleine Linnea Berg vermisst gemeldet wird, starten die Bewohner von Fjällbacka eine Suchaktion in den umliegenden Wäldern. Schon einmal wurde ein Mädchen dort getötet. Dreißig Jahre ist das nun her. Damals fand man Stella Strand an dem einsam gelegenen Waldsee. Zwei 13-Jährige bekannten sich zur Tat – um wenig später ihr Geständnis zu widerrufen. Der Fall wurde nie geklärt. Kurz darauf beging der Chef der Polizeistation Tanum Selbstmord. Hauptkommissar Patrik Hedström findet keine Ruhe. Und plötzlich reden alle von der Eishexe. Dem bodenständigen Kommissar widerstrebt es, dass eine Legende um ein misshandeltes Mädchen aus dem 17. Jahrhundert die Ermittlungen beeinflusst. Doch im Ort herrscht Hysterie. Nur seine Frau, Schriftstellerin Erika Falck, scheint einen kühlen Kopf zu bewahren. Schon lange recherchiert sie in dem alten Fall. Gemeinsam versuchen sie, Licht in das Dickicht aus Geschichten und Gerüchten zu bringen. Der neue Fjällabacka-Krimi, der Nummer eins-Bestsellererfolg aus Schweden!

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E-Book-Leseprobe Die Eishexe - Camilla Läckberg

Das Buch

Vor dreißig Jahren verschwand ein kleines Mädchen aus Fjällbacka. Damals wurden zwei Dreizehnjährige verdächtigt, das Mädchen entführt und getötet zu haben. Sie wurden von einem Gericht verurteilt, mussten die Haftstrafe aber nicht antreten. Heute lebt die eine zurückgezogen im Ort, die andere – inzwischen eine gefeierte Schauspielerin – ist gerade zum allerersten Mal in ihre alte Heimat zurückgekehrt, zu Dreharbeiten eines Films über Ingrid Bergman.

Da verschwindet wieder ein Mädchen, Linnea Berg heißt sie. Fjällbacka ist in Aufruhr: Sind vielleicht noch andere Kinder in Gefahr? Ist es ein Fluch aus der Vergangenheit? Die Angst vor der Wahrheit hat schreckliche Folgen ...

Die Autorin

Camilla Läckberg

EISHEXE

Kriminalroman

Aus dem Schwedischen

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Die Originalausgabe erschien 2017

unter dem Titel Häxan

bei Forum, Stockholm.

ISBN 978-3-8437-1596-6

© 2017 by Camilla Läckberg

© der deutschsprachigen Ausgabe

2018 by Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin

Umschlaggestaltung: zero-media.net, München

Umschlagmotiv: © Bianca van der Werf /

Niemand konnte wissen, wie das Leben des Mädchens ausgesehen hätte. Wer sie geworden wäre. Welchen Beruf sie ergriffen, wen sie geliebt, um wen sie getrauert, wen sie verloren hätte und wen erobert. Ob sie Kinder bekommen hätte und zu was für Menschen diese wiederum geworden wären. Auch wie das Mädchen als erwachsene Frau ausgesehen hätte, ließ sich nicht sagen. Im Alter von vier Jahren war alles noch unfertig. Die Augen changierten zwischen grün und blau, das bei der Geburt noch dunkle Haar war nun hell, aber das Blond hatte einen leichten Rotstich und konnte sich bestimmt wieder ändern. Im Moment war es besonders schwer zu erkennen. Sie lag mit dem Gesicht auf dem Grund des Sees. Ihr Hinterkopf war mit geronnenem Blut bedeckt. Nur die wogenden langen Strähnen vorne am Haaransatz wiesen hellere Nuancen auf.

Man konnte nicht behaupten, dass eine unheimliche Stimmung über der Szenerie lag. Nicht unheimlicher, als wenn das Mädchen nicht im Wasser gelegen hätte. Die Geräusche des Waldes klangen genauso wie immer. Das Licht wurde durch die Bäume gefiltert, wie immer, wenn um diese Tageszeit die Sonne schien. Das Wasser, das sie umgab, bewegte sich kaum, und nur wenn hin und wieder eine Libelle auf der Oberfläche landete, breiteten sich Ringe auf dem Wasserspiegel aus. Die Verwandlung hatte eingesetzt, und allmählich würde das Mädchen ein Teil des Waldes und des Wassers werden. Wenn niemand sie fand, würde die Natur das Ihre tun und sich das Kind wieder aneignen.

Noch wusste niemand, dass sie nicht mehr da war.

»GLAUBST DU, DEINE Mutter heiratet in Weiß?« Erica drehte sich im Doppelbett zu Patrik um.

»Sehr witzig, echt«, sagte er.

Erica knuffte ihn lachend in die Seite.

»Wieso belastet es dich so, dass deine Mutter heiratet? Dein Vater ist schon lange wieder verheiratet, und das findest du doch auch nicht seltsam.«

»Ich weiß, es ist albern von mir.« Patrik schüttelte den Kopf, schwang die Beine aus dem Bett und zog sich die Socken an. »Ich mag Gunnar und freue mich, dass Mama nicht allein sein muss …«

Er stand auf und schlüpfte in seine Jeans.

»Wahrscheinlich ist es nur ein wenig ungewohnt für mich. Mama war allein, seit ich denken kann, und wenn man das gründlich analysiert, spukt bestimmt irgendein Mutter-und-Sohn-Ding in mir herum. Ich finde es nur so … merkwürdig … meine Mutter hat ein … Liebesleben.«

»Du findest es also merkwürdig, dass sie und Gunnar miteinander schlafen?«

Patrik hielt sich die Ohren zu.

»Hör auf!«

Erica warf ihm lachend ein Kissen an den Kopf. Es flog umgehend zurück, und kurz darauf herrschte Krieg. Patrik stürzte sich auf sie, aber die Rauferei ging schnell in Zärtlichkeiten und tiefe Atemzüge über. Sie strich sanft über seine Hosenknöpfe und öffnete den oberen.

»Was macht ihr?«

Majas helle Stimme ließ sie innehalten. Sie schauten zur Tür. Dort stand nicht nur Maja, sondern sie wurde flankiert von ihren kleinen Zwillingsbrüdern, die genau wie sie belustigt die Eltern im Bett beobachteten.

»Wir haben uns nur ein bisschen gekitzelt.« Außer Atem stand Patrik auf.

»Reparier endlich diesen Haken!«, zischte Erica und zog die Bettdecke über ihren nackten Oberkörper.

Dann setzte sie sich auf und zwang sich, die Kinder anzu­lächeln.

»Geht schon mal runter und deckt den Frühstückstisch, wir kommen gleich.«

Patrik, der sich mittlerweile vollständig angezogen hatte, scheuchte die Kinder vor sich her.

»Wenn du es nicht schaffst, diesen Haken anzubringen, frag doch Gunnar. Der ist doch allzeit bereit mit seiner Werkzeugkiste. Falls er nicht gerade an deiner Mutter rumschraubt …«

»Es reicht.« Lachend ging Patrik aus dem Zimmer.

Mit einem Lächeln auf den Lippen legte Erica sich wieder ins Bett. Sie konnte es sich erlauben, sich mit dem Aufstehen noch ein wenig Zeit zu lassen. Dass sie nicht zu einem bestimmten Zeitpunkt irgendwo erscheinen musste, war einer der Vorteile daran, sein eigener Chef zu sein, konnte aber auch als Nachteil betrachtet werden. Die Arbeit als Schriftstellerin erforderte Charakterstärke und Selbstdisziplin, und manchmal fühlte man sich etwas einsam. Trotzdem liebte sie ihren Beruf, sie liebte das Schreiben, und sie liebte es, den Geschichten, die sie erzählte, Leben einzuhauchen, tief in die menschlichen Schicksale einzutauchen und herauszufinden, was eigentlich wirklich passiert war und warum. Den Fall, an dem sie zurzeit arbeitete, hatte sie lange im Auge gehabt. Dass die kleine Stella entführt und anschließend von Helen Persson und Marie Wall getötet worden war, bewegte noch immer ganz Fjällbacka.

Und nun war Marie Wall wieder da. Der gefeierte Hollywoodstar spielte die Hauptrolle in einem Film über Ingrid Bergman. Im Ort brodelte die Gerüchteküche.

Jeder hatte eine von beiden oder zumindest ihre Familien gekannt, und alle waren gleich bestürzt gewesen, als an diesem Julinachmittag 1985 Stellas Leiche in dem Waldsee gefunden wurde.

Erica drehte sich auf die Seite und fragte sich, ob die Sonne damals auch so schön geschienen hatte. Wenn sie so weit war, die wenigen Meter zu ihrem Arbeitszimmer hinüberzugehen, würde sie das sofort überprüfen. Aber das musste noch ein bisschen warten. Sie schloss die Augen und döste noch einmal ein, während sie unten in der Küche die Stimmen von Patrik und den Kindern hörte.

Helen beugte sich vor und sah sich um. Sie stützte sich mit den schweißnassen Händen auf den Knien ab. Obwohl sie später als sonst gelaufen war, hatte sie einen persönlichen Rekord aufgestellt.

Das Meer lag blau und still vor ihr, aber in ihr tobte ein Sturm. Helen richtete sich auf und schlang sich die Arme um den Leib, sie konnte nicht aufhören zu zittern. »Da ist jemand über mein Grab gegangen«, hatte ihre Mutter immer gesagt. Und vielleicht stimmte das auch ein bisschen. Nicht, dass jemand über ihr Grab gegangen wäre. Aber über ein Grab.

Die Zeit hatte ihren Schleier über die Vergangenheit gelegt, die Erinnerungen waren diffus. Am deutlichsten waren ihr die Stimmen im Gedächtnis geblieben, die genau wissen wollten, was geschehen war. Sie sagten so lange immer wieder das Gleiche, bis sie nicht mehr wusste, was deren Wahrheit war und was ihre eigene.

Damals war es ihr ausgeschlossen erschienen, hierher ­zurückzukehren und sich ein Leben aufzubauen. Doch sowohl das Getuschel als auch die Rufe wurden mit den Jahren verhaltener, verwandelten sich in ein leises Murmeln und verstummten schließlich ganz. Sie hatte das Gefühl gehabt, wieder ein ganz normales Mitglied der Gesellschaft zu sein.

Nun würde wieder geredet werden. Alles noch einmal ans Licht gezerrt werden. Und wie so oft im Leben kamen mehrere Dinge zusammen. Nach dem Brief von Erica Falck, in dem diese schrieb, dass sie an einem Buch arbeite und sich gern mit Helen treffen wolle, hatte sie wochenlang kein Auge zugetan. Am Ende musste sie sich ein neues Rezept für die Tabletten, auf die sie seit Jahren verzichten konnte, ausstellen lassen. Die nächste Neuigkeit hätte sie ohne das Medikament nicht verkraftet: Marie war wieder da.

Dreißig Jahre waren vergangen. Still und unauffällig hatten sie und James ihr Leben gelebt, James wollte es nicht anders, das wusste sie. Irgendwann wird das Gerede aufhören, hatte er gesagt. Und recht behalten. Bald lagen die finsteren Zeiten hinter ihnen, und sie brauchte nur noch dafür zu sorgen, dass alles seinen geregelten Gang ging. Und ihre Erinnerungen hatte sie in ein Versteck verbannt. Bis jetzt. Bilder blitzten in ihr auf. Ganz deutlich sah sie Maries Gesicht vor sich. Und Stellas fröhliches Lachen.

Helen wandte sich wieder dem Meer zu und versuchte, den Wellen mit dem Blick zu folgen. Doch die Bilder ließen ihr keine Ruhe. Marie war wieder da und mit ihr der Untergang.

»Entschuldigung, wo finde ich hier die Toilette?«

Sture aus der Kirchengemeinde sah Karim und die anderen, die in der Flüchtlingsunterkunft in Tanum zusammengekommen waren, um Schwedisch zu lernen, aufmunternd an.

Alle wiederholten den Satz, so gut sie konnten. »Entschuldigung, wo finde ich hier die Toilette?«

»Was kostet das?«, fuhr Sture fort.

Erneut im Chor: »Was kostet das?«

Krampfhaft versuchte Karim, die Laute, die Sture vorne an der Tafel von sich gab, mit dem Text vor ihm in Zusammenhang zu bringen. Alles war so anders. Die Buchstaben, die sie entziffern, und die Laute, die sie bilden sollten.

Er sah sich im Raum um. Außer ihm hatten sich sechs Personen aufgerafft. Die anderen waren entweder draußen in der Sonne und spielten Ball, oder sie lagen in ihren Hütten im Bett. Einige versuchten, den Tag und ihre Erinnerungen zu verschlafen, während andere an Freunde und Verwandte in der Heimat mailten, die noch erreichbar waren, und einige verfolgten ständig Onlinenachrichten. Nicht dass viele Informationen verfügbar gewesen wären. Die Regierung verbreitete lediglich Propaganda, und die internationale Presse hatte Schwierigkeiten, Korrespondenten dorthin zu schicken. Karim war in seinem früheren Leben selbst Journalist gewesen und wusste, wie schwierig es war, sich aus einem im Krieg befindlichen Land, das innerlich und äußerlich so stark zerstört war wie Syrien, korrekte und aktuelle Nachrichten zu beschaffen.

»Danke für die Einladung.«

Karim rümpfte die Nase. Für diesen Satz würde er niemals Verwendung haben. Wenn er eins blitzschnell gelernt hatte, dann, dass Schweden reserviert waren. Abgesehen von Sture und den anderen Leuten, die in der Flüchtlingsunterkunft arbeiteten, hatten sie alle keinerlei Kontakt zu Schweden.

Es war, als wären sie in einem kleinen Land innerhalb des Landes gelandet, abgeschottet von der Außenwelt. Sie hatten nur mit Landsleuten Umgang, leisteten sich gegenseitig Gesellschaft und teilten ihre Erinnerungen. Die schönen, aber vor allem die schlimmen. Die viele von ihnen immer wieder durchlebten. Karim selbst versuchte, alles zu verdrängen. Den Krieg, der Alltag geworden war. Die lange Reise in das gelobte Land im Norden.

Er hatte es überstanden. Genau wie seine geliebte Amina und ihre beiden Kinder Hassan und Samia. Er hatte es geschafft, sie in Sicherheit zu bringen und ihnen eine Zukunft zu ermöglichen. Nachts in seinen Träumen plagten ihn die Leichen im Wasser, aber wenn er die Augen aufmachte, waren sie weg. Er und seine Familie waren hier. In Schweden. Alles andere war bedeutungslos.

»Wie man sagt, wenn man Sex mit jemand?«

Adnan lachte über seine eigenen Worte. Er und Khalil waren die Jüngsten hier. Sie saßen nebeneinander und stachelten sich gegenseitig auf.

»Etwas mehr Respekt!«, sagte Karim auf Arabisch und warf den jungen Männern einen strengen Blick zu.

Dann sah er Sture entschuldigend an, Sture nickte.

Khalil und Adnan hatten sich allein bis hierher durchgeschlagen, ohne Familie, ohne Freunde. Sie hatten es geschafft, aus Aleppo herauszukommen, bevor die Flucht aus der Stadt zu gefährlich geworden war. Fliehen oder bleiben. Beides hatte sie in Lebensgefahr gebracht.

Trotz ihrer offensichtlichen Respektlosigkeit wurde Karim nicht ärgerlich. Sie waren Kinder. Verängstigt und allein in einem fremden Land. Unverschämtheit war das Einzige, was ihnen geblieben war. Alles war ihnen fremd. Karim hatte sich nach dem Unterricht mit ihnen unterhalten. Ihre Familien hatten ihr letztes Geld zusammengekratzt, damit die Jungs hierherkommen konnten. Es lastete einiges auf ihren Schultern. Sie waren nicht nur in eine fremde Welt hineingeworfen worden, es wurde auch von ihnen erwartet, dass sie dort so schnell wie möglich eine Existenz aufbauten und den Rest der Familie vor dem Krieg retteten. Doch auch wenn er die beiden Jungs verstehen konnte, war Respektlosigkeit gegenüber dem neuen Heimatland inakzeptabel. Sosehr sich die Schweden auch vor ihnen fürchteten, sie hatten sie immerhin aufgenommen. Hatten ihnen ein Dach über dem Kopf und genug zu essen gegeben. Und Sture opferte seine Freizeit, um ihnen beizubringen, wie man nach einem Preis oder der Toilette fragte. Karim blieben die Schweden zwar fremd, aber was sie für seine Familie getan hatten, würde er ihnen ewig danken. Das sahen leider nicht alle so, und diejenigen, die ihr neues Land nicht mit Respekt behandelten, brachten alle in Schwierigkeiten, denn sie riefen bei den Schweden Misstrauen hervor.

»Was für ein schönes Wetter heute«, artikulierte Sture vorn an der Tafel deutlich.

»Was für ein schönes Wetter heute«, wiederholte Karim lächelnd.

Nach zwei Monaten in Schweden wusste er, warum die Schweden für Sonnenschein dankbar waren. »Scheißwetter« war eins seiner ersten schwedischen Wörter gewesen. Das »Sch« bekam er allerdings noch immer nicht richtig hin.

»Wie viel Sex man wohl in dem Alter hat?« Erica trank einen Schluck Weißwein.

Anna lachte so laut, dass die anderen Gäste im Café Bryggan sie anstarrten.

»Im Ernst, Schwesterherz? Über so was denkst du nach? Wie oft Patriks Mutter Geschlechtsverkehr hat?«

»Na ja, man fragt sich das ja auch aus Eigeninteresse.« Erica schob sich einen Löffel Bouillabaisse in den Mund. »Wie viele Jahre mit einem erfüllten Liebesleben bleiben einem noch? Verliert man irgendwann das Interesse? Weicht die Lust am Sex dann einem unbezwingbaren Drang, Kreuzworträtsel oder Sudokus zu lösen und Schokolinsen zu essen, oder bleiben die Triebe konstant?«

»Also …«

Kopfschüttelnd lehnte Anna sich zurück und versuchte, eine bequeme Position zu finden. Ericas Magen krampfte sich zusammen, als sie ihre Schwester so sah. Vor nicht allzu langer Zeit hatten sie einen Autounfall gehabt, bei dem Anna ihr ungeborenes Kind verlor. Die Narben in ihrem Gesicht würden nie verschwinden. Doch nun brachte sie bald ihr und Dans Kind der Liebe zur Welt. Das Leben hielt wirklich Überraschungen bereit.

»Glaubst du zum Beispiel, dass …?«

»Solltest du es wagen, jetzt ›Mama und Papa‹ zu sagen, stehe ich auf und gehe.« Anna machte eine abwehrende Geste. »Daran will ich nicht mal denken.«

Erica grinste.

»Okay, dann müssen eben Kristina und Bob der Baumeister als Beispiel herhalten. Wie oft haben sie Sex?«

»Erica!« Anna bedeckte das Gesicht mit den Händen und schüttelte den Kopf. »Außerdem müsst ihr endlich aufhören, den armen Gunnar Bob der Baumeister zu nennen, nur weil er nicht zwei linke Hände hat und auch noch nett ist.«

»Okay, lass uns lieber über die Hochzeit sprechen. Bist du auch zur Stilberatung für das Kleid einberufen worden? Ich muss doch wohl nicht als Einzige gute Miene machen und einen grässlichen Tantenfummel nach dem anderen abnicken.«

»Nein, mich hat sie auch gefragt.« Anna beugte sich mühsam vor, um ihr Krabbenbrötchen zu essen.

»Leg dir das Brötchen doch auf den Bauch«, schlug Erica grinsend vor und wurde mit einem bösen Blick belohnt.

Dan und Anna hatten sich zwar sehnlichst ein Baby gewünscht, aber bei dieser Hitze war eine Schwangerschaft trotzdem kein Vergnügen, und Annas Bauch war, gelinde gesagt, riesig.

»Sollten wir das Ganze nicht ein wenig steuern? Kristina hat so eine tolle Figur, sie hat ja eine schmalere Taille und hübschere Brüste als ich – sie traut sich nur nie, sie zu zeigen. Stell dir mal vor, wie gut sie in einem hautengen Spitzenkleid mit ein bisschen Ausschnitt aussehen würde!«

»Wenn du dich an einer Verwandlung deiner Schwiegermutter versuchen willst, halt mich da bitte raus«, sagte Anna. »Ich werde sagen, dass sie umwerfend aussieht, egal, was sie uns präsentiert.«

»Feigling.«

»Kümmere du dich um deine Schwiegermutter, ich kümmere mich um meine.«

Anna biss genüsslich in ihr Krabbenbrötchen.

»Weil Esther ja auch so furchtbar anstrengend ist.« Erica sah Dans süße Mutter vor sich, die nie im Leben Missfallen oder Kritik geäußert hätte.

Das wusste Erica aus eigener Erfahrung, weil sie vor Urzeiten selbst mit Dan zusammen gewesen war.

»Da hast du recht, ich habe Glück mit ihr.« Anna fluchte, weil ihr das Krabbenbrötchen auf den Bauch gefallen war.

»Mach dir nichts draus, bei deiner Oberweite fällt der Bauch sowieso nicht auf.« Erica zeigte auf Annas G-Körbchen.

»Halt die Klappe!«

Anna wischte sich, so gut es ging, die Mayonnaise vom Kleid. Erica beugte sich vor, nahm das Gesicht ihrer kleinen Schwester in die Hände und küsste sie auf die Wange.

»Was war das?«, fragte Anna verdutzt.

»Ich mag dich.« Erica hob ihr Glas. »Auf uns, Anna. Auf dich und mich und unsere verrückte Familie. Auf alles, was wir durchgemacht haben, auf alles, was wir überlebt haben, und darauf, dass wir keine Geheimnisse mehr voreinander haben.«

Anna blinzelte ein paarmal, dann hob sie ihr Colaglas und stieß mit Erica an.

»Auf uns.«

Einen Moment lang glaubte Erica, einen Schatten in Annas Blick zu sehen, aber Sekunden später hatte er sich verzogen. Sie musste ihn sich eingebildet haben.

Sanna ging ganz nah an den Jasmin heran und atmete seinen Duft ein, aber er beruhigte sie nicht so wie sonst. Sie war umgeben von Kunden, die Pflanzen und Säcke mit Blumenerde auf Schubkarren luden, aber sie nahm sie kaum wahr. Das Einzige, was sie vor sich sah, war Marie Walls falsches Lächeln.

Sanna konnte nicht fassen, dass sie zurückgekommen war. Nach all den Jahren. Als langte es nicht, immer wieder Helen über den Weg laufen zu müssen.

Sie hatte sich damit abgefunden, dass Helen in der Nähe lebte, und nickte ihr zumindest zu, wenn man sich im Ort traf. In Helens Augen sah sie die Schuld, die sie von innen zerfraß. Marie hingegen hatte nie Reue gezeigt, sie strahlte in jedem Promimagazin.

Und nun war sie wieder da. Die falsche, schöne, lachende Marie. Sie waren in dieselbe Klasse auf der Kyrkskola gegangen, und Sanna hatte sie nicht nur um die langen Wimpern und das lange blonde Haar beneidet, das in sanften Wellen bis auf den Po herunterfiel, sondern auch ihre schwarze Seite gesehen.

Zum Glück blieb Sannas Eltern erspart, die lächelnde Marie im Ort zu treffen. Sanna war dreizehn gewesen, als ihre Mutter an Leberkrebs starb, und fünfzehn, als ihr Vater aufhörte zu atmen. Die Ärzte hatten ihr keine genaue Todesursache genannt, aber Sanna wusste auch so, was passiert war. Ihr Vater hatte sich zu Tode getrauert.

Als Sanna den Kopf schüttelte, machten sich die Kopfschmerzen bemerkbar.

Sie war gezwungen worden, zu Tante Linn zu ziehen, aber zu Hause hatte sie sich dort nie gefühlt. Die eigenen Kinder von Tante Linn und Onkel Paul waren viel jünger als Sanna und wussten nichts mit einem verwaisten Teenager anzufangen. Sie hatten sie nicht geärgert, sondern sich Mühe gegeben, aber sie waren Fremde geblieben.

Sie hatte sich in der Oberstufe für den landwirtschaftlichen Zweig entschieden und nach dem Schulabschluss sofort zu arbeiten angefangen. Seitdem lebte sie für ihren Beruf. Sie betrieb eine kleine Gärtnerei gleich außerhalb von Fjällbacka, die zwar nicht viel, aber genug abwarf, um sie und ihre Tochter zu ernähren. Mehr brauchte sie nicht.

Ihre Eltern hatten sich in lebende Tote verwandelt, nachdem Stella ermordet worden war, und in gewisser Weise konnte Sanna sie verstehen. Manche Menschen strahlten von Geburt an heller als andere, und Stella war so jemand gewesen. Immer fröhlich, immer lieb und proppenvoll mit Küsschen und Zärtlichkeiten, die sie an alle in ihrer Umgebung austeilte. Hätte Sanna an diesem warmen Sommermorgen ihr Leben für das von Stella geben können, wäre sie für sie gestorben.

Doch es war Stella gewesen, die in dem Waldsee trieb. Danach war nichts mehr, wie es gewesen war.

»Entschuldigung, haben Sie eine Rose, die weniger Pflege braucht als andere?«

Sanna zuckte zusammen und schaute die Frau an, die auf einmal vor ihr stand.

Als die Frau sie freundlich anlächelte, glätteten sich die Kummerfalten in ihrem Gesicht.

»Ich liebe Rosen, aber ich habe leider keinen grünen Daumen.«

»Ist die Farbe wichtig?«, fragte Sanna.

Sie hatte die Fähigkeit, Leute mit den richtigen Pflanzen zusammenzubringen. Manche Menschen hatten ein Talent für Blumen, die besonders viel Fürsorge und Aufmerksamkeit benötigten. Sie konnten eine Orchidee dazu bringen, immer wieder zu blühen, und viele glückliche Jahre mit ihr verleben. Andere waren kaum in der Lage, sich um sich selbst zu kümmern und brauchten genügsamere und robuste Pflanzen. Es mussten nicht unbedingt Kakteen sein, die sparte sich Sanna für Härtefälle auf, aber sie schlug dann vielleicht eine Friedenslilie oder ein Fensterblatt vor. Sie war stolz darauf, für jeden Menschentyp die passende Pflanze zu finden.

»Rosa«, sagte die Dame verträumt. »Ich liebe Rosa.«

»Wissen Sie was, da habe ich genau das Richtige für Sie, eine Dünenrose. Das Wichtigste ist, dass Sie das Einpflanzen gut vorbereiten. Graben Sie ein tiefes Loch, und wässern Sie es kräftig. Ein bisschen Dünger rein, den gebe ich Ihnen gleich mit, und dann die Rose. Alles mit Erde auffüllen und noch mal gießen. Während die Pflanze Wurzeln schlägt, braucht sie viel Wasser. Danach müssen Sie nur noch dafür sorgen, dass sie nicht austrocknet. Und schneiden Sie sie ruhig im Frühjahr zurück. Man sagt, der richtige Zeitpunkt ist gekommen, wenn die Birken Mäuseohren haben.«

Hingerissen betrachtete die Dame den Rosenbusch, den Sanna ihr in den Einkaufswagen gestellt hatte. Sie konnte sie gut verstehen. Rosen waren etwas Besonderes. Oft verglich Sanna Menschen mit Blumen. Stella wäre definitiv eine Rose gewesen. Eine Rosa gallica. Schön und prächtig.

Die Frau räusperte sich.

»Geht es Ihnen gut?«

Sanna schüttelte den Kopf, als sie merkte, dass sie in Erinnerungen versunken war.

»Ja, alles in Ordnung, ich bin nur müde. Diese Hitze …«

Die Frau nickte nachdenklich.

Aber es war nicht alles in Ordnung. Das Böse war zurückgekehrt. Sanna nahm es genauso deutlich wahr wie den betörenden Geruch der Rosen.

Urlaub mit Kindern hatte nicht das Geringste mit Erholung zu tun, dachte Patrik. Eine seltsame Mischung aus purem Glück und totaler Erschöpfung. Vor allem, wenn man wie er allein für drei Kinder sorgen musste, während Erica mit Anna mittagaß. Außerdem hatte er die Kinder wider besseres Wissen an den Strand geschleppt, weil sie in ihren vier Wänden alle einen Rappel bekommen hätten. Normalerweise ließen sich Konflikte unter ihnen leichter vermeiden, wenn sie beschäftigt waren, aber er hatte verdrängt, dass gerade das Strandleben alles verkomplizierte. Zunächst einmal bestand die Gefahr, dass eins der Kinder ertrank. Ihr Haus lag direkt oberhalb der Badestelle in Sälvik, und er war schon oft schweißgebadet hochgeschreckt, weil er geträumt hatte, eins der Kinder wäre aus dem Haus geschlichen und hätte sich an den Strand verirrt. Dann war da der Sand. Noel und Anton bewarfen nicht nur mit Begeisterung andere Kinder damit, so dass Patrik sich böse Blicke von deren Eltern einfing, aus unerfindlichen Gründen steckten sie sich auch mit Vorliebe den Sand in den Mund. Wobei der an sich nicht das größte Problem war. Patrik schüttelte sich bei dem Gedanken an all die widerlichen Dinge, die in ihren kleinen Mündern landeten. Er hatte bereits eine Zigarettenkippe aus Antons sandiger Faust geklaubt, und es war nur eine Frage der Zeit, wann sie die erste Glasscherbe im Mund hatten. Oder ein vollgesab­bertes Beutelchen Snus.

Gott sei Dank gab es Maja. Manchmal hatte Patrik ein schlechtes Gewissen, weil sie so viel Verantwortung für ihre kleinen Brüder übernahm, aber Erica sagte immer, Maja gefiele das. Genau wie es ihr gefallen hatte, sich um ihre kleine Schwester zu kümmern.

Nun passte Maja auf, dass die Zwillinge nicht zu tief ins Wasser gingen, lotste sie ein ums andere Mal ins Flache, kontrollierte, was sie sich in den Mund stopften, und klopfte die Kinder ab, die von ihren kleinen Brüdern mit Sand beworfen worden waren. Patrik wünschte sich hin und wieder, sie wäre nicht immer so brav. Er befürchtete, dass ihr das eine oder andere Magengeschwür bevorstand, wenn sie so weitermachte.

Seit er einige Jahre zuvor Herzprobleme gehabt hatte, wusste er, wie wichtig es war, sich nicht zu übernehmen und sich immer wieder Ruhe zu gönnen. Obwohl er seine Kinder mehr als alles andere liebte, musste er zugeben, dass er sich manchmal nach der Stille in der Polizeidienststelle Tanum sehnte.

Marie Wall lehnte sich im Liegestuhl zurück und streckte die Hand nach ihrem Glas aus. Ein Bellini. Sekt mit Pfirsichsaft. Nicht so köstlich wie im Harry’s in Venedig, leider. Echte Pfirsiche gab es hier nicht. Es war die schnelle Variante aus dem billigen Sekt, mit dem die Geizhälse von der Produk­tionsfirma ihren Kühlschrank gefüllt hatten, und dem Saft aus Konzentrat von Proviva. Aber damit musste sie sich begnügen. Sie hatte darauf bestanden, dass bei ihrer Ankunft alle Zutaten für reichlich Bellini vorrätig waren.

Es war ein höchst sonderbares Gefühl, wieder da zu sein. Nicht im Haus natürlich. Das war schon lange abgerissen. Immer wieder fragte sie sich unwillkürlich, ob die Besitzer des neuen Hauses, das auf dem alten Grundstück gebaut worden war, nach allem, was sich dort abgespielt hatte, nicht von bösen Geistern heimgesucht wurden. Vermutlich nicht. Das Böse hatten ihre Eltern wohl mit ins Grab genommen.

Marie trank einen Schluck von ihrem Bellini. Sie hatte keine Ahnung, wo sich die Eigentümer dieses Hauses hier befanden. In einer Augustwoche mit strahlendem Sommerwetter hatte man doch eigentlich am meisten Freude an einem Haus, dessen Kauf und Einrichtung Millionen gekostet haben mussten. Auch wenn man sich nicht oft in Schweden aufhielt. Wahrscheinlich waren sie in dem schlossartigen An­wesen in der Provence, das Marie bei ihrer Google-Recherche entdeckt hatte. Reiche Leute gaben sich selten mit weniger als dem Maximum zufrieden, und dazu gehörte auch ein Ferienhaus.

Sie war trotzdem froh, dass sie ihr das Haus vermieteten. Hierhin zog sie sich zurück, sobald die Dreharbeiten abends beendet waren. Sie wusste, dass sie sich nicht ewig verkriechen konnte. Eines Tages würde sie Helen begegnen und wieder spüren, wie viel sie einander einst bedeutet hatten. Aber sie war noch nicht so weit.

»Mama!«

Marie schloss die Augen. Seit Jessies Geburt versuchte sie vergeblich, das Mädchen dazu zu bringen, anstelle dieser grässlichen Bezeichnung ihren Vornamen zu benutzen. Das Kind ließ sich nicht davon abhalten, sie Mama zu nennen, als könnte sie Marie auf diese Weise in eins dieser rundlichen Muttertiere verwandeln.

»Mama?«

Da die Stimme direkt hinter ihr erklang, war Marie klar, dass sie sich nicht verstecken konnte.

»Ja.« Sie griff nach ihrem Glas.

Die Bläschen kratzten ein wenig im Hals. Der Körper wurde mit jedem Schluck weicher und geschmeidiger.

»Sam und ich wollen eine Runde mit seinem Boot rausfahren, darf ich?«

»Na klar.« Marie trank noch einen Schluck.

Sie blinzelte ihre Tochter unter der Krempe ihres Sonnenhutes an.

»Möchtest du auch was?«

»Ich bin fünfzehn, Mama«, seufzte Jessie.

Ach Gott, verhielt sich dieses Mädchen vorbildlich. Kaum zu glauben, dass sie ihre Tochter war. Zum Glück hatte sie in Fjällbacka wenigstens einen Jungen kennengelernt.

Marie sank zurück in den Liegestuhl, machte die Augen zu und öffnete sie sofort wieder.

»Worauf wartest du noch?«, fragte sie. »Du stehst mir in der Sonne. Ich versuche hier, ein wenig braun zu werden. Nach der Mittagspause drehe ich, und sie wollen mich mit natürlicher Bräune. Ingrid war immer knusprig braun, wenn sie im Sommer auf Dannholmen Urlaub gemacht hat.«

»Ich …« Jessie wollte etwas sagen, doch dann drehte sie sich einfach um und ging.

Marie hörte die Haustür mit einem Knall ins Schloss fallen und grinste in sich hinein. Endlich allein.

Bill Andersson klappte den Picknickkorb auf und nahm eins der belegten Brote heraus, die Gun geschmiert hatte. Er schaute nach oben und machte den Korb schnell wieder zu. Die Möwen waren flink, und wenn man nicht aufpasste, war das Lunchpaket weg. Hier draußen auf dem Steg war man besonders angreifbar.

Gun stupste ihn an.

»Es ist eine gute Idee«, sagte sie. »Verrückt, aber gut.«

Bill schloss die Augen und biss von seinem Brot ab.

»Meinst du das ernst, oder sagst du es nur, um deinen Alten glücklich zu machen?«, fragte er.

»Seit wann sage ich Dinge, nur um dich glücklich zu machen?«, fragte Gun ihrerseits, und Bill musste ihr in diesem Punkt recht geben.

In ihrer vierzigjährigen Ehe hatte es nur wenige Momente gegeben, in denen sie nicht schonungslos ehrlich gewesen war.

»Seit ich diesen Dokumentarfilm gesehen habe, geht mir die Idee einfach nicht aus dem Kopf, und ich denke, es müsste hier auch funktionieren. Ich habe mit Rolf von der Flüchtlingsunterkunft gesprochen, und besonders viel Spaß haben die da oben nicht. Die Leute von hier haben noch nicht mal den Mumm, sich den Unterkünften zu nähern.«

»In Fjällbacka ist es ja schon schlimm, wenn einer aus Strömstad kommt, der bleibt immer ein Zugezogener. Kein Wunder, wenn die Syrer nicht mit offenen Armen empfangen werden.«

Gun nahm sich noch ein frisches Brötchen von der Bäckerei Zetterlind aus der Tüte und bestrich es dick mit Butter.

»Es wird Zeit, dass die Leute ihre Einstellung ändern.« Bill breitete die Arme aus. »Das sind Menschen, die mit ihren Kindern und all ihrer Habe vor Krieg und Elend geflohen sind und unterwegs noch mal genauso viel Schrecken erlebt haben, da müssen wir doch wenigstens dafür sorgen, dass die Leute hier mit ihnen reden. Wenn man Somalis beibringen kann, Schlittschuh zu fahren und Unihockey zu spielen, muss es doch auch möglich sein, Syrern das Segeln beizubringen. Liegt Syrien eigentlich am Meer? Vielleicht können die schon segeln.«

Gun schüttelte den Kopf.

»Keine Ahnung, mein Herz, das musst du googeln.«

Bill griff zum iPad, das er nach seinem morgendlichen Sudoku beiseitegelegt hatte.

»Doch, Syrien hat auch Küste, aber es ist schwer zu sagen, wie viele von denen schon mal dort waren. Ich habe immer gesagt, jeder kann segeln lernen, und jetzt ist die Gelegenheit, es zu beweisen.«

»Reicht es denn nicht, zum Vergnügen zu segeln? Muss es gleich eine Regatta sein?«

»Das war doch gerade der Witz an dem Film Nette Leute. Die Herausforderung hat sie motiviert. Das war ein Statement.«

Bill grinste. Es machte ihn stolz, dass er sich so weltgewandt und klug ausdrücken konnte.

»Wozu denn unbedingt – wie hast du das genannt – ein Statement?«

»Weil es sonst nicht die gleiche Wirkung hat. Wenn noch mehr Leute davon inspiriert werden, genau wie ich, dann zieht die Aktion Kreise, und dann wird es für alle Flüchtlinge leichter, sich zu integrieren.«

Bill malte sich aus, wie er eine nationale Bewegung in Gang setzte. Große Veränderungen mussten schließlich irgendwo anfangen. Und das, was mit einer Unihockey-WM für Somalis angefangen hatte und mit einer Regatta für Syrer weiterging, konnte überallhin führen!

Gun legte ihm die Hand auf die Schulter und lächelte ihn an.

»Ich werde Rolf noch heute besuchen und mit ihm reden, und dann veranstalten wir ein Treffen in der Flüchtlingsunterkunft.« Bill nahm sich noch ein Brötchen.

Nach kurzem Zögern griff er erneut in die Tüte und warf den Möwen auch eins zu.

Eva zog an dem Kraut und legte es in den Korb. Wie immer, wenn sie den Blick über das Grundstück schweifen ließ, machte ihr Herz einen Sprung. All das gehörte ihnen. Die Geschichte des Hofes hatte sie nie belastet. Weder sie noch Peter waren übermäßig abergläubisch. Natürlich hatte es Gerede gegeben, als sie vor zehn Jahren den Hof von Familie Strand kauften, und die Leute hatten sich wieder von den vielen Unglücksfällen erzählt, die der Familie zugestoßen waren. Aber soweit Eva es verstanden hatte, war das Ganze eine große Tragödie gewesen, die alles andere nach sich gezogen hatte. Der Tod der kleinen Stella hatte zum tragischen Schicksal der Familie Strand geführt, doch mit dem Hof hatte das nichts zu tun.

Eva bückte sich wieder und suchte weiter nach Unkraut, ihre Knieschmerzen ignorierte sie. Für sie und Peter war das neue Zuhause ein Paradies. Sie kamen aus der Stadt, sofern man Uddevalla als Stadt bezeichnen konnte, hatten aber immer vom Landleben geträumt. Der Hof außerhalb von Fjällbacka war in jeder Hinsicht perfekt gewesen. Und da der Preis auf Grund der Vorfälle hier so niedrig war, hatten sie ihn sich auch leisten können. Eva hoffte, dass sie den Ort mit genügend Liebe und positiver Energie gefüllt hatten.

Das Beste daran war, dass Nea sich hier so wohl fühlte. Sie war auf den Namen Linnea getauft worden, hatte sich jedoch selbst immer Nea genannt, und deshalb war es auch für Eva und Peter selbstverständlich geworden, sie so zu nennen. Sie war vier Jahre alt und sehr eigensinnig und mit einem derart starken Willen ausgestattet, dass Eva jetzt schon vor ihrer Pubertät graute. Doch da es bei diesem einen Kind zu bleiben schien, konnten Peter und sie Nea zumindest ihre gesamte Aufmerksamkeit schenken, wenn es einst so weit war. Noch wuselte ein immer gutgelauntes kleines Energiebündel auf dem Hof herum. Das blonde Haar und die helle Haut hatte Nea von ihrer Mutter geerbt. Eva befürchtete immer, sie würde sich einen Sonnenbrand holen, aber stattdessen schien sie nur immer noch mehr Sommersprossen zu bekommen.

Sie setzte sich auf und wischte sich mit dem Handgelenk den Schweiß von der Stirn, um sich nicht mit den Gartenhandschuhen das Gesicht schmutzig zu machen. Sie liebte es, im Gemüsebeet Unkraut zu zupfen. Es war ein wunderbarer Kontrast zu ihrem normalen Bürojob. Diese kindliche Freude darüber, dass aus den Samen, die sie säte, Pflanzen wurden, die gediehen und schließlich geerntet werden konnten. Sie bauten nur Gemüse für den eigenen Bedarf an, leben konnte man von dem Ertrag nicht, aber sie konnten sich mit ihren Gemüsebeeten, dem Kräutergarten und dem Kartof­felacker praktisch selbst versorgen. Manchmal hatte sie ein schlechtes Gewissen, weil es ihnen so gut ging. Ihr Leben war schöner, als sie es sich je hätte vorstellen können, Peter, Nea und ihr Zuhause waren alles, was sie auf dieser Welt brauchte.

Eva zog Karotten aus der Erde. In der Ferne sah sie Peter. Er arbeitete bei Tetra Pak, aber seine Freizeit verbrachte er am liebsten auf dem Traktor. An diesem Morgen war er vor Tau und Tag hinausgefahren, hatte sich belegte Brote und eine Thermoskanne Kaffee mitgenommen und sie schlafen lassen. Zum Hof gehörte auch ein Stück Wald, in dem er einige morsche Bäume fällen wollte, und daher wusste sie, dass er am Abend, verschwitzt, verdreckt, erschöpft und glücklich, mit Brennholz für den Winter zurückkommen würde.

Sie legte Karotten für das Abendessen in den Korb. Dann zog sie die Gartenhandschuhe aus und ging auf Peter zu. Sie kniff die Augen zusammen und versuchte, Nea auf dem Traktor zu erkennen. Sie war bestimmt eingeschlafen, das tat sie dort immer. Nea war für ihre Verhältnisse früh aufgestanden, aber sie war besonders gern mit Peter im Wald. Ihre Mutter liebte sie vielleicht, aber Peter verehrte sie.

Peter fuhr auf den Hof.

»Hallo, Liebling«, sagte Eva, nachdem er den Motor ausgeschaltet hatte.

Ihr Herz machte einen doppelten Schlag, als er sie an­lächelte. Nach all den Jahren bekam sie immer noch weiche Knie.

»Hallo, mein Herz! Hattet ihr einen schönen Tag?«

»Ja …«

Was meinte er mit »ihr«?

»Und ihr?«, fragte sie schnell.

»Wieso ihr?« Peter gab ihr einen verschwitzten Kuss.

Er sah sich um.

»Wo ist Nea? Hält sie Mittagsschlaf?«

Es rauschte in ihren Ohren. In weiter Ferne hörte sie sich selbst sagen: »Ich dachte, sie wäre bei dir.«

DER FALL STELLA

Linda sah Sanna an, die aufgeregt auf dem Beifahrersitz her­umrutschte.

»Was Stella wohl sagt, wenn sie deine neuen Sachen sieht?«

»Ich glaube, sie freut sich.« Sanna lächelte auf eine Weise, dass sie für einen Moment genau wie ihre kleine Schwester aussah. Dann runzelte sie auf ihre typische Art die Stirn. »Vielleicht ist sie auch neidisch.«

Lächelnd fuhr Linda auf den Hof. Sanna war immer eine fürsorgliche große Schwester gewesen.

»Wir erklären ihr, dass sie auch etwas Schickes zum Anziehen bekommt, wenn ihre Einschulung ansteht.«

Sie hatte kaum den Motor abgeschaltet, als Sanna aus dem Auto sprang und ihre Einkaufstüten von der Rückbank holte.

Die Haustür ging auf, und Anders kam heraus.

»Tut mir leid, dass wir so spät dran sind«, sagte Linda. »Wir haben noch ein Stück Kuchen gegessen.«

Anders sah sie mit merkwürdigem Gesichtsausdruck an.

»Ich weiß, dass es bald Zeit fürs Abendessen ist, aber Sanna wollte so gern ins Café.« Zärtlich schaute Linda ihrer Tochter hinterher, die ihrem Vater ein Küsschen gab und ins Haus rannte.

Anders schüttelte den Kopf.

»Kein Problem, aber … Stella ist nicht nach Hause gekommen.«

»Nein?«

Anders’ Blick ging ihr durch Mark und Bein.

»Nein, und bei Marie und Helen habe ich schon angerufen. Sie sind beide auch noch nicht zu Hause.«

Linda atmete aus und schlug die Autotür zu.

»Weißt du, sie haben wohl die Zeit aus den Augen verloren. Du kennst doch Stella, sie wollte bestimmt durch den Wald gehen und den Mädchen alles zeigen.«

Sie küsste Anders auf den Mund.

»Da hast du wahrscheinlich recht.« Er klang nicht überzeugt.

Das Telefon klingelte, und Anders lief in die Küche.

Stirnrunzelnd bückte sie sich und zog die Schuhe aus. Es passte gar nicht zu Anders, sich solche Sorgen zu machen, aber er wartete natürlich auch schon seit einer Stunde und fragte sich, was los war.

Als sie sich aufrichtete, stand Anders vor ihr. Als sie ihm in die Augen sah, verkrampfte sich alles in ihr.

»Das war KG. Helen ist jetzt zu Hause, und sie essen gleich zu Abend. KG hat bei Marie angerufen und behauptet, die beiden hätten Stella gegen fünf hier abgeliefert.«

»Was sagst du da?«

Anders schlüpfte in seine Turnschuhe.

»Auf dem Hof habe ich alles abgesucht, aber vielleicht hat sie sich im Wald verirrt.«

Linda nickte.

»Wir müssen sie suchen.«

Sie ging zur Treppe und rief nach oben.

»Sanna? Papa und ich gehen noch mal raus und suchen Stella. Sie ist bestimmt im Wald. Du weißt ja, wie gern sie dort herumstreunt. Wir kommen bald wieder!«

Sie sah ihren Mann an. Sanna sollte von den Sorgen, die sie sich machten, nichts merken.

Doch eine halbe Stunde später konnten sie sie nicht länger voreinander verbergen. Anders umklammerte das Lenkrad so fest, dass seine Knöchel weiß hervortraten. Nachdem sie den an das Grundstück grenzenden Wald durchsucht hatten, waren sie die Straße hoch- und runtergefahren und hatten im Schritttempo Stellas Lieblingsorte abgeklappert. Doch sie war spurlos verschwunden.

Linda legte Anders eine Hand aufs Knie.

»Wir müssen zurück.«

Anders nickte und sah sie an. Die Angst in seinen Augen spiegelte die ihre.

Sie mussten die Polizei rufen.

GÖSTA FLYGARE BLÄTTERTE in dem Papierstapel, der vor ihm lag. An einem Montag im August war dieser nicht besonders hoch. Er hatte nichts dagegen, im Sommer zu ar­beiten. Abgesehen von einer Runde Golf ab und zu gab es sowieso nichts Besseres zu tun. Zwar kam Ebba hin und wieder vorbei, aber seit dem neuen Baby waren ihre Besuche seltener geworden, und er konnte das verstehen. Ihm reichte es, zu wissen, dass er bei Ebba in Göteborg immer willkommen war. Ein kleines bisschen Familie war besser als nichts. Und er gönnte Patrik, der ja kleine Kinder hatte, den Urlaub im Sommer. Um das, was anfiel, konnten er und Mellberg sich kümmern. Von Zeit zu Zeit schaute Martin herein, um sich zu erkundigen, wie es den »alten Recken« ging, aber Gösta vermutete, dass er sich nur nach ein wenig Gesellschaft sehnte. Martin hatte seit dem Tod seiner Pia noch keine neue Frau kennengelernt, und Gösta fand das schade. Martin war ein feiner Kerl. Und seiner Tochter würde ein bisschen weibliche Fürsorge guttun. Er wusste, dass Annika, die Sekretärin der Dienststelle, sich manchmal um das Mädchen kümmerte. Unter dem Vorwand, ihre eigene Tochter Leia wolle mit ihr spielen, holte sie Tuva hin und wieder zu sich. Doch das reichte natürlich nicht. Das Mädchen brauchte auch eine Mutter. Aber Martin war noch nicht bereit für eine neue Beziehung, und dann konnte man es eben nicht ändern. Die Liebe machte, was sie wollte. Für Gösta selbst hatte es nur eine einzige Frau gegeben. Er fand nur, dass Martin zu jung war, um so zu leben.

Dass es nicht leicht war, sich neu zu verlieben, verstand er. Gefühle ließen sich nicht erzwingen, und in einem kleinen Ort war das Angebot ein wenig begrenzt. Außerdem war Martin eine Art Frauenschwarm gewesen, bevor er Pia kennenlernte, und riskierte daher die eine oder andere Wiederholung. Und so, wie Gösta die Dinge sah, wurde es beim zweiten Mal selten besser, wenn es nicht gleich geklappt hatte. Doch was wusste er schon? Seine große Liebe war seine Ehefrau Maj-Britt gewesen, mit der er sein ganzes Leben als Erwachsener verbracht hatte. Weder vorher noch nachher hatte es eine andere Frau für ihn gegeben.

Ein schrilles Telefonklingeln riss ihn aus seinen Grübeleien.

»Polizeidienststelle Tanum.«

Konzentriert lauschte er der Stimme am anderen Ende.

»Wir kommen. Wie lautet die Adresse?«

Gösta machte sich Notizen, legte auf und stürzte, ohne anzuklopfen, ins Nebenzimmer.

Zuckend erwachte Mellberg aus dem Tiefschlaf.

»Was soll das?« Er starrte Gösta an.

Die spärlichen Haare, die er sich über den kahlen Schädel gelegt hatte, fielen zur Seite, aber er strich sie rasch und geübt zurück.

»Verschwundenes Kind«, sagte Gösta. »Vier Jahre alt. Seit heute Morgen wie vom Erdboden verschluckt.«

»Heute Morgen? Und die Eltern rufen erst jetzt an?« Mellberg sprang auf.

Gösta warf einen Blick auf seine Armbanduhr. Es war kurz nach drei.

Verschwundene Kinder waren eine Seltenheit. Im Sommer hatten sie es in erster Linie mit Besäufnissen, Einbrüchen, Diebstahl, Körperverletzung und möglicherweise einer versuchten Vergewaltigung zu tun.

»Beide dachten, das Kind wäre beim anderen Elternteil. Ich habe gesagt, wir kommen sofort.«

Mellberg steckte die Füße in die Schuhe, die neben dem Schreibtisch standen. Sein Hund Ernst, der ebenfalls wach geworden war, ließ den Kopf wieder sinken, nachdem er sich davon überzeugt hatte, dass bei der ganzen Aufregung weder ein Spaziergang mit seinem Herrchen noch etwas Essbares für ihn herauskam.

»Wo müssen wir hin?«, fragte Mellberg, während er Gösta im Laufschritt zur Garage folgte.

»Zum Hof Berg«, sagte Gösta. »Wo früher Familie Strand gewohnt hat.«

»Ach du Scheiße«, sagte Mellberg.

Er kannte den alten Fall, der sich lange vor seiner Zeit in Fjällbacka ereignet hatte, nur vom Hörensagen. Gösta hingegen hatte alles miterlebt. Und das Ganze kam ihm nur allzu bekannt vor.

»Hallo?«

Patrik klopfte seine Hand ab, bevor er ans Telefon ging, aber das Handy wurde trotzdem sandig. Mit der freien Hand winkte er die Kinder zu sich und zog eine Schachtel Butterkekse und eine Dose Apfelschnitze aus der Tasche. Noel und Anton stürzten sich auf die Kekspackung und rissen sie sich gegenseitig aus den Händen, was natürlich dazu führte, dass ein Großteil der Kekse im Sand landete. Mehrere andere Eltern sahen inter­essiert zu, und Patrik spürte förmlich, wie sie die Nase rümpften. Dafür hatte er durchaus Verständnis. Er fand, dass er und Erica zwar relativ kompetente Eltern waren, aber die Zwillinge benahmen sich trotzdem manchmal wie die Wilden.

»Warte mal, Erica.« Seufzend hob er ein paar Kekse vom Boden auf und pustete die Sandkörner ab.

Noel und Anton hatten bereits so viel Sand verputzt, dass ein bisschen mehr auch keinen Schaden anrichten würde.

Maja setzte sich mit den Apfelschnitzen auf dem Schoß hin und blickte über die Badestelle. Patrik betrachtete ihren schmalen Rücken und die feuchten Locken im Nacken. Obwohl ihm der Zopf mal wieder misslungen war, sah sie ungeheuer hübsch aus.

»So, jetzt kann ich reden. Wir sind unten am Strand und hatten gerade mit einer Kekskatastrophe zu kämpfen.«

»Okay«, sagte Erica. »Und sonst ist alles in Ordnung?«

»Klar, alles super«, log er, während er erneut versuchte, seine sandigen Hände an der Badehose abzuwischen.

Noel und Anton klaubten Kekse aus dem Sand und mampften trotz des hörbaren Knirschens zwischen den Zähnen unverdrossen weiter. Über ihnen kreiste eine Möwe, die nur darauf wartete, dass sie die Kekse einen Moment aus den Augen ließen. Doch da hatte sich der Vogel geschnitten. Eine Packung Butterkekse vernichteten die Zwillinge im Handumdrehen.

»Ich bin vom Mittagessen zurück«, sagte Erica. »Soll ich zu euch runterkommen?«

»Gerne«, antwortete Patrik. »Und bring mir doch bitte Kaffee in der Thermoskanne mit, den habe ich, ungeübt, wie ich bin, vergessen.«

»Verstanden. Your wish is my command.«

»Danke, Liebling. Du ahnst gar nicht, wie sehr ich mich gerade nach einer Tasse Kaffee sehne.«

Lächelnd legte er auf. Welch ein Segen, dass er nach fünf Jahren und drei Kleinkindern immer noch Schmetterlinge im Bauch hatte, wenn er die Stimme seiner Frau am Telefon hörte. Erica war das Beste, was ihm je passiert war. Abgesehen von den Kindern natürlich, aber andererseits hätte er die ja ohne Erica auch nicht gehabt.

»War das Mama?« Blinzelnd drehte sich Maja zu ihm um.

Aus manchen Blickwinkeln sah sie ihrer Mutter unwahrscheinlich ähnlich. Patrik war außerordentlich froh darüber. Für ihn gab es keine schönere Frau als Erica.

»Ja, das war Mama, sie kommt gleich.«

»Jaaa!«, rief Maja.

»Moment, ich muss schnell ans Telefon, das sind die Kol­le­gen.« Er drückte mit einem sandigen Finger auf den grünen Hörer.

Auf dem Display stand: »Gösta«, und der würde ihn im Urlaub nicht stören, wenn es nicht wichtig war.

»Hallo, Gösta«, sagte Patrik, »einen Augenblick. Maja, kannst du den Jungs auch was von den Apfelstücken abgeben? Und nimm Noel mal schnell den alten Lutscherstiel aus der Hand, bevor er ihn sich in den Mund steckt. Danke, Süße.«

Er hielt sich das Handy wieder ans Ohr.

»Entschuldige, Gösta, jetzt höre ich zu. Ich bin mit den Kindern am Strand, und Chaos ist gar kein Ausdruck …«

»Tut mir leid, dass ich dich mitten im Urlaub störe«, sagte Gösta, »aber ich dachte, du möchtest vielleicht wissen, dass ein Kind vermisst gemeldet wurde. Ein kleines Mädchen, das seit heute Morgen verschwunden ist.«

»Wie bitte? Seit heute Morgen?«

»Näheres wissen wir auch nicht, aber Mellberg und ich sind jetzt unterwegs zu den Eltern.«

»Und wo wohnen die?«

»Das ist es ja. Sie ist vom Hof Berg verschwunden.«

»Oh, Scheiße.« Patrik lief ein kalter Schauer über den Rücken. »Wohnte da nicht Stella Strand?«

»Ja, genau der Hof ist es.«

Patrik schaute seine Kinder an, die nun einigermaßen friedlich im Sand spielten. Bei dem Gedanken, eins von ihnen könnte verschwinden, wurde ihm schlecht. Er brauchte nicht viel Zeit, um einen Entschluss zu fassen. Gösta hatte es zwar nicht direkt gesagt, aber Patrik begriff auch so, dass er sich Unterstützung von jemand anderem als Mellberg wünschte.

»Ich komme«, sagte er. »Erica müsste in einer Viertelstunde hier sein, dann mach ich mich auf den Weg.«

»Findest du den Hof?«

»Aber sicher«, antwortete Patrik.

Natürlich wusste er, wo der Hof lag. Er hatte in letzter Zeit zu Hause viel darüber gehört.

Während Patrik auf das rote Symbol drückte, spürte er, wie sich sein Magen verkrampfte. Er beugte sich hinunter und drückte seine drei Kinder an sich. Sie wehrten sich lautstark, und er wurde über und über mit Sand bedeckt, aber das war ihm vollkommen egal.

»Du siehst lustig aus«, sagte Jessie.

Er strich sich die Haare aus dem Gesicht, die ihm der Wind immer wieder vor die Augen wehte.

»Wieso lustig?« Sam blinzelte in die Sonne.

»Du siehst gar nicht so aus wie ein … Typ mit Boot.«

»Wie sieht denn ein Typ mit Boot aus?«

Sam drehte am Steuerrad und wich einem Segelboot aus.

»Du weißt schon, was ich meine. Die tragen Segelschuhe mit Bommeln, dunkelblaue Shorts und Polohemden und legen sich lässig ihre Wollpullover mit V-Ausschnitt um.«

»Du hast die Schirmmütze vergessen.« Sam grinste. »Woher weißt du das alles? Du warst doch noch nie auf See.«

»Nein, aber ich habe Filme gesehen. Und Fotos.«

Sam tat nur so, als wüsste er nicht, was sie meinte. Natürlich sahen die typischen Bootfahrer nicht so aus wie er mit seiner abgerissenen Kleidung, dem pechschwarzen Haar und den dicken Lidstrichen. Und den abgekauten, schwarz lackierten Fingernägeln. Doch das war keine Kritik. Er war der schönste Junge, den sie je gesehen hatte.

Ihre Äußerung über Typen mit Boot war bescheuert gewesen. Sobald sie den Mund aufmachte, kam etwas Dämliches heraus. Das bekam sie auf all den Internaten zu hören, zwischen denen sie hin und her geschubst wurde. Dass sie dumm sei. Und hässlich.

Sie hatten ja recht, das wusste sie.

Sie war dick und unbeholfen, hatte ein pickliges Gesicht, und ihr Haar sah fettig aus, egal, wie oft sie es wusch. Jessie spürte, dass ihr Tränen in die Augen stiegen, und blinzelte rasch, damit Sam es nicht merkte. Sie wollte sich vor ihm nicht lächerlich machen. Noch nie hatte jemand mit ihr befreundet sein wollen, aber Sam war ein Freund, seit er sich vor dem Centrumkiosk zu ihr in die Schlange gestellt hatte. Er hatte gesagt, er wisse, wer sie sei, und sie hatte begriffen, wer er war.

Und wer seine Mutter war.

»Scheiße, ist das voll hier.« Sam hielt Ausschau nach einer Bucht, in der nicht bereits zwei oder drei Boote vertäut oder vor Anker lagen.

Die meisten Stellen waren schon am Vormittag besetzt.

»Idioten«, murmelte er.

Es gelang ihm, auf der Rückseite von Långskär noch ein freies Plätzchen zu finden.

»Hier legen wir an. Springst du mit dem Tampen an Land?«

Sam zeigte auf das Tau, das vorne auf dem Boot lag.

»Springen?«, fragte Jessie.

Sprünge machte sie nie. Schon gar nicht von einem Boot auf eine Klippe.

»Keine Angst«, sagte Sam ruhig. »Ich bremse direkt davor. Geh in die Hocke und spring einfach vom Bug an Land. Es geht ganz leicht. Vertrau mir!«

Vertrau mir! Konnte sie das überhaupt? Jemandem vertrauen? Sam?

Jessie holte tief Luft, kletterte ganz nach vorn, griff nach dem Tampen und hockte sich hin. Als die Insel kam, bremste Sam, indem er den Rückwärtsgang einlegte, und sie glitten sacht auf die Klippe zu. Sie stieß sich zu ihrem eigenen Erstaunen vom Boot ab und landete sanft auf dem Felsen. Mit dem Tampen in der Hand.

Sie hatte es geschafft.

Es war der vierte Besuch bei Hedemyrs innerhalb von vier Tagen. Aber ansonsten konnte man in Tanum nicht viel machen. Khalil und Adnan streiften im Kaufhaus ziellos zwischen den Kleidungsstücken und Accessoires im Obergeschoss her­um. Anfangs hatte er sich den Blicken schutzlos ausgeliefert gefühlt, dem Misstrauen darin. Mittlerweile hatte er sich dar­an gewöhnt, dass sie auffielen. Sie sahen nicht aus wie Schweden, redeten nicht wie Schweden und bewegten sich nicht wie Schweden. Wäre ihm in Syrien ein Schwede begegnet, hätte er ihn vermutlich auch angestarrt.

»Was glotzen Sie denn so?«, zischte Adnan einer Frau um die siebzig zu.

Sie fühlte sich anscheinend zur Zivilpolizistin berufen und passte auf, dass sie nichts klauten. Khalil hätte ihr erklären können, dass sie sich niemals an fremdem Eigentum vergriffen hätten. Im Traum nicht. So waren sie nicht erzogen. Doch als sie naserümpfend zur Treppe ging, begriff er, wie sinnlos das war.

»Was denken die nur von uns? Es ist immer das Gleiche.«

Adnan fluchte auf Arabisch vor sich hin und stieß beinahe eine Lampe um.

»Lass sie doch! Sie haben eben noch nie Araber zu Gesicht bekommen.«

Endlich hatte er Adnan zum Lachen gebracht. Adnan war zwei Jahre jünger als er, erst sechzehn, und kam ihm manchmal wie ein Kind vor. Er hatte seine Gefühle nicht im Griff, sie hatten ihn im Griff.

Khalil fühlte sich schon lange wie ein Erwachsener. Seine Jugend hatte an dem Tag geendet, als die Bombe ihm seine Mutter und die kleinen Brüder nahm. Sobald er an Bilal und Tariq dachte, kamen ihm die Tränen. Khalil blinzelte, damit Adnan sie nicht sah. Bilal hatte ständig Unsinn gemacht, war aber immer so fröhlich gewesen, dass man ihm nicht böse sein konnte. Tariq war eine Leseratte gewesen, dem alle eine große Zukunft voraussagten. Von einem Augenblick auf den anderen waren die beiden verschwunden. In der Küche hatte man sie gefunden. Ihre Mutter hatte sich auf sie geworfen, aber sie hatte ihre Kinder nicht beschützen können.

Er ballte die Fäuste und sah sich um. Das war jetzt sein Leben. Er verbrachte seine Tage in einem kleinen Raum in der Flüchtlingsunterkunft oder stromerte durch die Straßen des seltsamen Orts, in dem sie gelandet waren. So still und öde und vollkommen geruch-, geräusch- und farblos.

Die Schweden lebten alle in ihrer eigenen Welt, sie grüßten einander kaum und machten einen beinahe erschrockenen Eindruck, wenn man sie ansprach. Und außerdem redeten sie ganz leise und gestikulierten nicht.

Adnan und Khalil gingen die Treppe hinunter und traten hinaus in die Hitze. Auf dem Bürgersteig vor dem Geschäft blieben sie stehen. Jeden Tag das gleiche Problem. Irgendeine Beschäftigung finden. In der Flüchtlingsunterkunft fiel ihnen die Decke auf den Kopf und schien sie ersticken zu wollen. Khalil wollte nicht undankbar sein. Er hatte diesem Land ein Dach über dem Kopf und genug zu essen zu verdanken. Und Sicherheit. Hier fielen keine Bomben. Hier wurde man weder von Soldaten noch von Terroristen bedroht. Doch auch wenn man sich sicher fühlte, war es schwer, sein Dasein in einer Art Vorhölle zu fristen. Ohne Zuhause, ohne Aufgabe, ohne Ziel.

Das war kein Leben, das war nur pure Existenz.

An seiner Seite seufzte Adnan. Schweigend gingen sie zurück in die Flüchtlingsunterkunft.

Eva war zu Eis erstarrt und hatte die Arme um sich geschlungen. Peter rannte noch herum. Er hatte jetzt überall gesucht, vier-, fünfmal sogar. Immer wieder hob er dieselben Bettdecken hoch, schob Kisten zur Seite und rief Neas Namen. Eva wusste, dass es sinnlos war, Nea war nicht hier. Sie spürte körperlich, wie sehr ihr das Kind fehlte.

Sie kniff die Augen zusammen und erahnte in der Ferne einen Fleck, der immer größer wurde und schließlich weiße Farbe annahm. Endlich kam die Polizei. Bald konnte sie auch die blau-gelben Streifen erkennen, und in ihr öffnete sich ein Abgrund. Ihre Tochter war nicht mehr da. Die Polizei kam, weil Nea weg war. Seit heute Morgen. Sie versuchte fieberhaft, das im Kopf zu verarbeiten. Wie konnten sie nur so schlechte Eltern sein, einen ganzen Tag lang nicht zu merken, dass ihre Vierjährige weg war?

»Sie haben angerufen?«

Ein älterer Mann mit silbergrauem Haar stieg aus dem Streifenwagen und kam auf sie zu. Sie nickte stumm und gab ihm die Hand.

»Gösta Flygare. Und das ist Bertil Mellberg.«

Ein Polizist ungefähr im gleichen Alter, aber mit einem sehr viel größeren Leibesumfang streckte ebenfalls die Hand aus. Er schwitzte kräftig und wischte sich die Stirn mit dem Ärmel seines Hemds ab.

»Ist Ihr Mann da?«, fragte der schmalere Polizist mit dem graueren Haar und sah sich auf dem Hof um.

»Peter!«, rief Eva und erschrak, weil ihre Stimme dünn klang.

Sie versuchte es erneut, und Peter kam aus dem Waldstück herausgestürzt.

»Hast du sie gefunden?«, rief er.

Als sein Blick am Streifenwagen hängenblieb, sackte Peter in sich zusammen.

Das Ganze erschien ihr so unwirklich. Es konnte doch gar nicht sein. Sie würde jeden Moment aufwachen und erleichtert feststellen, dass sie geträumt hatte.

»Können wir bei einer Tasse Kaffee reden?«, fragte Gösta Flygare ruhig und fasste Eva am Ellbogen.

»Ja, kommen Sie, wir gehen in die Küche.« Sie ging voraus.

Peter blieb mit hängenden Armen mitten auf dem Hof stehen. Sie wusste, dass er weitersuchen wollte, aber allein war sie zu diesem Gespräch nicht in der Lage.

»Komm, Peter.«

Schwerfällig folgte er ihr und den beiden Polizisten ins Haus. Eva wandte ihnen den Rücken zu, während sie an der Kaffeemaschine herumfuhrwerkte, aber die Anwesenheit der Männer war körperlich spürbar. Die Uniformen schienen den Raum auszufüllen.

»Milch? Zucker?« Beide nickten.

Sie stellte Milch und Zucker auf den Tisch, während ihr Mann in der Tür stehen blieb.

»Setz dich«, sagte sie in etwas zu scharfem Ton, aber er gehorchte.

Wie ferngesteuert holte sie Tassen und Löffel und legte eine Packung Ballerinakekse auf den Tisch. Nea liebte Ballerinakekse. Bei dem Gedanken zuckte sie zusammen und ließ einen Löffel fallen. Gösta beugte sich runter, um ihn aufzuheben, aber sie kam ihm zuvor. Sie legte den Löffel in die Spüle und nahm einen neuen aus der Besteckschublade.

»Wollen Sie nicht anfangen, Fragen zu stellen?« Peter starrte auf seine Hände. »Sie ist seit heute Morgen verschwunden, jede Sekunde zählt.«

Sie schenkte allen Kaffee ein und setzte sich.

»Wann haben Sie das Mädchen zuletzt gesehen?«, fragte der dicke Polizist, während er die Hand nach der Kekspackung ausstreckte.

In ihrem Kopf brauste die Wut auf wie ein Sturm. Sie hatte Kekse serviert, weil man das so machte, wenn man Besuch hatte, aber dass der Kerl es wagte, einen Schokokeks zu essen, während er sie zu Nea befragte, machte sie wahnsinnig.

Eva holte ein paarmal tief Luft, sie wusste, dass ihre Reaktion irrational war.

»Gestern Abend. Sie ist zur selben Zeit wie immer ins Bett gegangen, in ihrem eigenen Zimmer. Ich habe ihr noch eine Gutenachtgeschichte vorgelesen und dann das Licht gelöscht und die Tür zugemacht.«

»Und seitdem haben Sie sie nicht mehr gesehen? Sie ist nachts nicht aufgewacht? Es ist keiner von Ihnen aufgestanden und hat sie gesehen? Oder etwas gehört?«

Göstas sanfte Stimme tröstete sie beinahe darüber hinweg, dass sein Kollege erneut zu den Keksen griff.

Peter räusperte sich.

»Nein, sie schläft durch. Ich war heute Morgen als Erster auf, wollte mit dem Traktor in den Wald und habe nur schnell eine Tasse Kaffee getrunken und ein Brot gegessen, dann hab ich mich auf den Weg gemacht.«

Seine Stimme klang flehentlich. Als ließe sich in seinen Worten eine Antwort finden. Eva streckte die Hand aus und legte sie auf seine. Sie hatten beide kalte Hände.

»Aber Linnea haben Sie am Morgen nicht gesehen.«

Peter schüttelte den Kopf.

»Nein, ihre Zimmertür war zu. Und ich bin ganz leise daran vorbeigeschlichen, um sie nicht zu wecken. Ich wollte Eva noch ein bisschen schlafen lassen.«

Sie drückte seine Hand. Das war ihr Peter, wie er leibte und lebte. Immer besorgt um sie und Nea.

»Und Sie, Eva? Wie haben Sie den Morgen verbracht?«

Göstas sanfte Stimme rührte sie fast zu Tränen.

»Ich habe lange geschlafen, bis halb zehn. Keine Ahnung, wann ich zuletzt so spät aufgewacht bin. Es war still im Haus, und ich habe als Erstes nach Nea geschaut. Ihre Zimmertür stand offen, und das Bett war zerwühlt. Da sie nicht da war, dachte ich …«

Eva schluchzte. Peter legte die andere Hand auf ihre Hände und drückte sie.

»Ich nahm an, sie wäre am Morgen mit Peter in den Wald gefahren. Sie tut das für ihr Leben gern und oft. Also habe ich mich nicht eine Sekunde gewundert.«

Eva konnte die Tränen nicht länger zurückhalten.

»Ich hätte das Gleiche gedacht.« Er hielt noch immer ihre Hände.

Sie wusste, dass er recht hatte. Und trotzdem. Wenn sie doch nur …

»Könnte sie bei einer Freundin sein?«, fragte Gösta.

Peter schüttelte den Kopf.

»Nein, sie bleibt immer auf dem Hof. Sie hat noch nie versucht, das Grundstück zu verlassen.«

»Irgendwann ist immer das erste Mal«, sagte der dicke Polizist. Er hatte bisher so still dagesessen und Kekse gemümmelt, dass Eva vor Schreck zusammenzuckte. »Sie könnte sich in den Wald verirrt haben.«

Gösta warf Mellberg einen unergründlichen Blick zu.

»Wir werden den Wald mit einem Suchtrupp durchkämmen«, sagte er.

»Glauben Sie wirklich, sie hat sich im Wald verlaufen?«

Der Wald war riesig. Allein bei dem Gedanken, dass Nea sich darin verirrt hatte, drehte sich ihr der Magen um. Bis jetzt hatten sie sich wegen des Waldes nie Sorgen gemacht. Und Nea war nie auf eigene Faust hineingegangen. Aber vielleicht waren sie naiv gewesen. Naiv und verantwortungslos. Eine Vierjährige unbeaufsichtigt auf einem Hof am Waldrand her­umlaufen zu lassen. Nea hatte sich verlaufen, und es war die Schuld ihrer Eltern.

Als hätte er ihre Gedanken gelesen, sagte Gösta:

»Wenn sie im Wald ist, finden wir sie. Ich mache jetzt sofort ein paar Anrufe, und dann stellen wir in null Komma nichts eine Suchmannschaft zusammen. Innerhalb von einer Stunde können wir hier eine Kette bilden und das restliche Tageslicht ausnutzen.«

»Übersteht sie eine Nacht da draußen?«, fragte Peter tonlos.

Er war leichenblass.

»Noch sind die Nächte warm«, beruhigte ihn Gösta. »Sie erfriert nicht, aber natürlich tun wir alles, um sie vor Einbruch der Dunkelheit zu finden.«

»Was hatte sie an?« Bertil Mellberg streckte die Hand nach dem letzten Keks aus.

Gösta wirkte verwundert.