Die Eiskönigin und der Womanizer - Maren C. Jones - E-Book

Die Eiskönigin und der Womanizer E-Book

Maren C. Jones

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Beschreibung

Eine schräge Lovestory zum Schmunzeln und Träumen! Ronnie hat im Leben alles erreicht, was sie sich immer wünschte. Als Leiterin der psychiatrischen Abteilung wird sie von ihren Kollegen respektiert und geschätzt. Den Übernamen "Eiskönigin" trägt sie mit Stolz, schließlich lässt sie sich weder beruflich noch privat von Emotionen leiten. Sie ist Single aus Überzeugung und mit fünfunddreißig Jahren noch immer Jungfrau. Eine Tatsache, von der nur einer weiß: Ihr langjähriger Freund Max, ein Philosophieprofessor, der keine Gelegenheit auslässt, um eine seiner hübschen Studentinnen flachzulegen. Ronnie kümmern seine Affären nicht, da sie sich für Sex und Liebe noch nie interessierte. Nur leider hört sie in letzter Zeit immer ein Ticken. Es ist ihre biologische Uhr, die abläuft. Sie wünscht sich ein Kind, aber um ein solches zu zeugen, braucht sie einen Samenspender. Marten, der neue Assistenzarzt, käme dafür infrage. Oder doch eher Max? Wer auch immer der Vater sein soll, sie entscheidet sich, das Kind auf natürlichem Wege zu empfangen. Leider läuft nicht alles wie geplant, denn Ronnie verliert nicht nur ihre Jungfräulichkeit, sondern auch noch ihr Herz. Weitere Bücher dieser Reihe: - Die Sanftmütige und der Pechvogel Über die Autorin: Maren C. Jones schreibt moderne und unkonventionelle Lovestorys mit spannenden Charakteren - mal humorvoll, mal dramatisch, aber immer mit Herz!

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Maren C. Jones

Die Eiskönigin und der Womanizer

Liebesroman

BookRix GmbH & Co. KG80331 München

1

Ronnie blätterte in der Patientenakte. Rosarot waren die der Frauen. Blau die der Männer. Sie hatte eine blaue Akte aufgeschlagen. Diagnose? Othello-Syndrom.

Der Mann war um die sechzig, trug den Allerweltsnamen Hans Schmidt und litt an einem Eifersuchtswahn. Er war immer wieder überzeugt davon, dass seine Frau fremdging. Spuren im Schnee um sein Haus herum schienen ihm ein ausreichender Beweis dafür, dass der ominöse Liebhaber seiner Gattin einen Besuch abstattete, wenn der Hausherr nicht da war. Oft, wenn er auf der Couch fernsah, glaubte er Schritte von zwei Fußpaaren zu hören, sobald seine Frau im Schlafzimmer das Bett machte. Dann stürmte er erbost nach oben, zerrte die Laken vom Bett, auf der Suche nach verdächtigen Flecken, bevor er alle Schränke aufriss, in der Hoffnung, den Liebhaber seiner Frau dort nackt vorzufinden, sodass sich sein Verdacht bestätigte. Bislang hatte sich noch kein fremder Mann in seinen Schränken versteckt.

Nachdenklich blickte Ronnie auf den blinkenden Cursor auf ihrem Computerbildschirm. Sie war gerade dabei, den Arztbrief zu verfassen, und überlegte sich noch einmal die bestmögliche medikamentöse Therapie. Es lag in ihrer Verantwortung, dass der werte Herr nicht denselben Pfad beschritt wie Othello im Shakespeare-Stück, der aus krankhafter Eifersucht seine Ehefrau und dann sich selbst tötete.

Der Cursor blinkte immer noch und sie blätterte wieder in der Krankenakte.

Ach, die Liebe.

Selbst bei gesunden Menschen führte sie häufig zu irrationalem Verhalten.

Das Othello-Syndrom gehörte zu den wahnhaften Störungen und trat meist bei älteren Menschen auf. Männer waren öfter davon betroffen als Frauen. Wie sich die Ehefrau des Patienten wohl fühlte? Miserabel, wie Ronnie bald erfuhr. In der Krankenakte befanden sich nämlich mehrere Protokolle der paartherapeutischen Sitzungen. Die Frau hatte vergeblich immer wieder beteuert, ihren Mann nicht zu betrügen. Und irgendwann hatten sich die Gespräche in den Sitzungen nur mehr um die sexuellen Bedürfnisse des Mannes gedreht, die er in seiner Ehe nicht mehr erfüllt sah. Der starke Konsum von Pornografie hatte ihn auf Ideen gebracht und in ihm Erwartungen geweckt, mit denen seine strenggläubige, christliche Frau überfordert war.

Ronnie wollte gerade die empfohlene Dosierung der Medikamente im Befundbericht einfügen, als sie ein Klopfen an der Tür vernahm.

»Ja?«, sagte sie laut. Gleich darauf trat Marten ein, der neue Assistenzarzt, der zwei Jahre jünger war als Ronnie und sich erstaunlich schnell an seinem neuen Arbeitsplatz eingelebt hatte. Er vögelte mit einer der Krankenschwestern und jeder auf der geschlossenen Station wusste davon. Vielleicht sogar einige der Patienten. Dabei war er verheiratet und Vater eines kleinen Sohnes. Vermutlich hatte seine Frau nicht mehr genügend Zeit, sich um seine Bedürfnisse zu kümmern, sondern war mit Stillen und Windelnwechseln beschäftigt.

»Darf ich dich kurz stören, Veronica? Ich brauche deine Meinung zu einem Fall.« Er hielt eine rosa Mappe in der Hand, also handelte es sich um eine weibliche Patientin.

»Klar doch! Wer ist es?«

»Du hast sie vor drei Monaten behandelt. Denise Hartmann.«

»Denise? Sie ist hier? Wann wurde sie eingeliefert?«, fragte Ronnie überrascht. Bei der Morgenvisite war die Patientin nicht erwähnt worden.

»Sie ist gerade in einer Therapiesitzung. Ihr Therapeut hat mich kontaktiert. Er meinte, sie wäre selbstmordgefährdet.«

Ronnies Miene veränderte sich nicht. Genau deswegen, weil ihr Gesicht eine undurchdringbare Maske war, hatte sie schon vor Jahren den Spitznamen Die Eiskönigin erlangt. Hinter vorgehaltener Hand hieß es immer wieder: Frag mal die Eiskönigin, die weiß sicher einen Rat.

Der Übername war wenig schmeichelhaft, aber für Ronnie zählte nur eins: Dass sie eine Koryphäe auf ihrem Gebiet war. Die Eiskönigin wusste nämlich tatsächlich immer einen Rat.

»Lass mal sehen«, sagte sie nüchtern und streckte ihre Hand aus, damit Marten ihr die Akte reichte. Er tat es und sie blätterte rasch darin. 

Der Begriff »Drehtürpsychiatrie« kam nicht von ungefähr. Denise Hartmann hatte die nach neuestem Stand der Wissenschaft optimale Behandlung erhalten – und nun war sie trotzdem wieder hier. Psychische Störungen waren meist chronisch, genau deswegen behandelte Ronnie viele Patienten schon seit Jahren.

»Das sind nicht die Medikamente, die ich ihr verschrieben habe«, sagte sie.

»Sie wurde von Doktor Kerschmann weiterbehandelt. Er hat die medikamentöse Therapie geändert.«

Doktor Kerschmann … ein Narzisst, wie er im Buche stand. Leider waren viele Psychiater Narzissten. Sie spielten sich gerne als allwissende Götter auf. An der eigenen Karriere zu basteln, war meist wichtiger, als die Krankenakte einer zweiundzwanzigjährigen Theaterschülerin wie Denise eingehend zu studieren. Aber ihm wurde kein Übername wie Eiskönig verliehen, auch wenn er im besten Falle nur ein Eisprinz war. Er konnte Ronnie nicht das Wasser reichen.

»Diese Medikamente wirken aktivierend. Aktivierende Medikamente können ihre Depression zwar abmildern, aber bis es so weit ist, erhöhen sie ihre Bereitschaft, sich das Leben zu nehmen. Gib ihr das hier …« Sie notierte sich das Medikament und die angemessene Dosierung auf einem kleinen Zettel und sagte: »Behalte sie ein paar Tage zur Beobachtung auf der geschlossenen Abteilung.«

Dann schloss sie die Akte und hielt sie Marten samt dem Notizzettel hin, der beides sofort an sich nahm.

»Danke«, sagte er in einem beinahe ehrfürchtigen Ton. Ronnie hatte noch nicht die Zeit gehabt, sich mit ihrem Assistenzarzt näher zu befassen. Sie wusste nicht, was sie von ihm halten sollte, auch wenn in der Stationsküche bereits getuschelt wurde. Dass er sexuellen Aktivitäten mit einer der Krankenschwestern frönte, sagte nichts über seine berufliche Kompetenz aus.

»Es stimmt also, was hier jeder sagt …«, begann Marten plötzlich. Ronnie hatte sich bereits wieder ihrem Patienten Hans Schmidt gewidmet, als sie aufsah. Warum stand Marten noch immer in ihrem Büro? Sie legte keinen Wert auf freundliche Plauschs mit Kollegen. Während der Arbeitszeit schon gar nicht.

»Was sagt wer?«, fragte sie scharf und die Farbe wich ihm augenblicklich aus dem Gesicht.

»Nichts. Ich meine, … man hört eben, dass du gut bist. Nicht nur gut, sondern die Beste.«

Es gab in diesem Krankenhaus genau sechs Psychiater, drei – sie eingeschlossen – arbeiteten auf der geschlossenen Station, die anderen drei waren für die ambulante Betreuung zuständig. Die Beste von sechs zu sein, war keine große Errungenschaft. Vielleicht hatte Marten auch nur gemeint, sie wäre die Beste auf der geschlossenen Abteilung? Das bedeutete noch weniger. Überhaupt basierte seine Aussage nur auf einer subjektiven Einschätzung – oder schlimmer noch: auf Hörensagen. Ronnie war für derartige Komplimente nicht empfänglich. Da spielte es auch keine Rolle, ob sie von einem Mann kamen, der den Frauen auf der Abteilung schon jetzt die Köpfe verdrehte. Marten war nämlich attraktiv, intelligent und charmant. Letzteres war wohl seine größte Stärke.

»Nun gut, also … danke«, sagte er und demonstrierte ihr sein charismatisches Lächeln.

»Keine Ursache«, erwiderte Ronnie nüchtern und warf wieder einen Blick in die Patientenakte von ihrem Othello, die sie schon viel zu lange studierte. Marten schien endlich zu begreifen, dass sie für weitere Gespräche, die nichts mit einem Patienten zu tun hatten, nicht zur Verfügung stand. 

»Ich schulde dir was«, sagte er noch schnell, bevor er die Tür öffnete und sich zum Gehen anschickte. 

»Warte!«, rief sie hastig.

»Hm?« Überrascht und beinahe eingeschüchtert blickte er sie an.

»Klaus löst mich erst in einer Stunde ab, kannst du bis dahin die Stellung halten? Ich möchte heute früher gehen.«

»Ähm, klar! Natürlich! Ich meine …«, stammelte er.

»Wunderbar«, fiel sie ihm ins Wort. Dann blickte sie auf ihren Computerbildschirm und fügte noch rasch die medikamentöse Therapie ein, bevor sie auf Drucken klickte. Marten stand noch immer wie angewurzelt da und sie wollte ihn fragen, ob er denn noch etwas auf dem Herzen - oder viel eher auf der Zunge – hatte, aber dann verließ er ihr Büro. 

Erleichtert las sie sich den Arztbrief noch einmal durch. Anamnese, Diagnose und Behandlung waren vollständig. Damit war ihre Arbeit für heute erledigt.

Die Krankenhausleitung hätte sie schon längst in den Zwangsurlaub geschickt, wenn sie nicht so dringend gebraucht werden würde! Die Urlaubstage, die sie angesammelt hatte, reichten, um eine Weltreise zu unternehmen. Vielleicht sollte sie demnächst wirklich kürzertreten?

Ihr Handy klingelte und sie zog es überrascht aus der Tasche ihres weißen Arztkittels.

Es war ihre Schwester Carolin. Ihre zehn Jahre jüngere Schwester, die bereits ihr zweites Kind erwartete. Sie hatte sie nicht angerufen, nein, sie hatte ihr eine SMS geschickt. Babysachen wollte sie am Nachmittag einkaufen und Ronnie sollte sie begleiten.

Ich kann nicht weg, sorry. Ein Notfall, schrieb sie zurück. Es war eine Lüge. Notfälle gab es auf der Psychiatrie kaum. Hinter den Türen der geschlossenen Station war der Wahnsinn selten lebensbedrohlich. Konnte die Sicherheit des Patienten nicht zweifelsfrei gewährleistet werden, wurde er ans Bett gegurtet. So einfach war das. Und dann wurde er ruhiggestellt.

Carolin antwortete sofort.

Ach, Ronnie, es gibt im Leben auch noch etwas Anderes als Arbeit!

Ja, das stimmte. Aber Ronnie fühlte sich nicht gut dabei, wenn sie ihrer jüngeren Schwester beim Aussuchen von Babysachen half. Sie hatte dann das Gefühl, eine Versagerin zu sein.

Ronnie war nämlich kinderlos. Auch partnerlos, aber das war in ihren Augen ein Segen und kein Übel.

Sie steckte das Handy wieder in die Tasche ihres Arztkittels, schloss alle Krankenakten, die auf ihrem Schreibtisch lagen, und fuhr ihren Computer herunter.

Im Moment wollte sie nur nach Hause und sich ein Glas Weißwein gönnen. Vielleicht würde sie sich noch einen B-Movie ansehen. Jedenfalls hatte sie nicht vor, ihr Hirn heute Abend mehr anzustrengen als nötig.

Als sie mit dem Aufzug in die Tiefgarage fuhr, wo ihr protziger Wagen stand, den sie sich nur aus Prestigegründen zugelegt hatte, - schließlich konnte sie als Oberärztin der Psychiatrie nicht mit einer alten Rostlaube vorfahren -, klingelte erneut das Telefon. Carolin schrieb ihr:

Überleg’s dir, Ronnie! Tobias hat keine Zeit und ich will meine Freude mit jemandem teilen!

Die Freude teilen … Ronnie verzog das Gesicht. Sie war ein schlechter Mensch, weil der Neid ihre Eingeweide auffraß. Seit Kurzem hörte sie nämlich permanent ein Ticken.

Tick, tack, tick, tack …

Es war nicht in ihren Ohren, es war in ihrem ganzen Körper. War es das Klopfen ihres Herzens?

Tick, tack, tick, tack …

Auch jetzt glaubte sie es wieder zu hören. Es war wohl eher ihre biologische Uhr, die ablief.

Ronnie war fünfunddreißig Jahre jung. Ab diesem Alter konnten Schwangerschaften mit Komplikationen verbunden sein. Es hieß also: jetzt oder nie. Wenn sie die Freuden des Mutterseins noch erleben wollte, dann musste sie jetzt handeln.

Nur, wie sollte sie es anstellen? Schließlich fehlte ihr ein Mann.

Tut mir leid, Caro, schrieb sie zurück.

Neid war eine der hässlichsten Emotionen, das wusste Ronnie nur zu genau. Aber es kümmerte sie nicht. In ihrem Beruf hatte sie die Hässlichkeit der menschlichen Seele zur Genüge kennengelernt. Der Übername Eiskönigin hatte durchaus seine Berechtigung. Ronnie war eine Meisterin darin, alles unaufgeregt hinzunehmen. Das Gute wie das Schlechte im Menschen. Egal, ob es sich um einen Patienten, einen Freund oder sie selbst handelte.

Seufzend stieg sie in ihr Auto, machte den Motor an und hoffte, dessen surrendes Geräusch würde das Ticken in ihrem Kopf verdrängen.

Sie hatte die Karriere der Familie immer vorgezogen. Und erstmals fragte sie sich, ob dies nicht ein Fehler gewesen war. Beruflich hatte sie alles erreicht, was sie sich wünschte. Als Leiterin der psychiatrischen Abteilung trug sie zwar große Verantwortung, aber das Berufsleben hielt nicht mehr viele Überraschungen für sie bereit. Die Patienten kamen und gingen … und kamen wieder. Manche kannte sie länger als ihre engsten Freunde.

Freunde …

Sie hatte keine Freunde. Sie hatte nur einen Freund. Und dieser machte ihr in der Regel das Leben schwerer und nicht leichter. 

Sie fuhr aus der Tiefgarage und begab sich auf den Weg zu ihrer Wohnung. Sie war noch nicht abbezahlt, aber das wäre bei dem Preis auch unmöglich gewesen. Zweihundert Quadratmeter eines Luxusappartements konnte sie ihr Eigen nennen! Sie war stolz darauf, es in ihrem Leben zu etwas gebracht zu haben. Trotzdem wurde sie das Gefühl nicht los, Carolin, die als Volksschullehrerin arbeitete und einen Zimmermann geheiratet hatte, hätte mehr Grund stolz zu sein. Sie lebte mit ihrem Ehemann in einem kleinen Reihenhäuschen – ohne Luxus. Als Ronnie sie das letzte Mal besucht hatte, war sie in Kinderkotze getreten, kaum, dass sie über die Türschwelle geschritten war.

Nun bog sie die Einfahrt hoch und stieg aus. Ihre Wohnung befand sich im zweiten Stock. Sie schloss den Mantel fest um ihren Körper, als sie das Auto verließ und zur Eingangstür schritt. Es war kühl heute. Sie nahm die Stufen im Treppenhaus in Angriff und freute sich auf ein warmes Bad.

Seufzend trat sie in ihre Wohnung, drückte die Tür ins Schloss und lehnte sich dagegen. Tief atmete sie ein und aus. Sie wollte die Ruhe genießen, als …

Als sie lautes Stöhnen vernahm.

Reflexartig rollte sie mit den Augen. Das Stöhnen wurde immer hemmungsloser und es kam aus dem Gästezimmer. Wem die männliche Stimme gehörte, wusste sie. Bei der weiblichen konnte sie nur eine vage Vermutung anstellen. Aber aufgrund der hohen Stimmlage nahm sie an, es handelte sich um eine zwanzigjährige Studentin.

Ein helles »Jah! Jah! Oh Gott, jah!« drang bis zu ihr in den Flur. Und Max, dem die männliche Stimme gehörte, antwortete mit einem »Süße, du bist so heiß!«

Mit Mühe unterdrückte sie einen Würgereiz. Ob die Kleine ahnte, dass er vermutlich erst gestern dasselbe im Bett zu einer Anderen gesagt hatte?

Ronnie holte sich eine Flasche Weißwein aus der Küche, bevor sie sich samt Flasche und Weinglas auf die Couch fläzte. Die Fernbedienung war griffbereit und die Chips ebenso. Letztere bewahrte sie in der Schublade des Couchtisches auf. Sie gehörte nämlich nicht zu den Frauen, die regelmäßig an Salatblättern nagten. Ihre etwas zu dicken Oberschenkel waren der Beweis dafür.

Das laute Kaugeräusch, das sie verursachte, als sie in die köstlichen Chips biss, übertönte das Stöhnen im Gästezimmer beinahe – leider nur beinahe.

»Oh ja, Süße!«, hörte sie schon wieder. Und nun folgte ein Schrei. Ronnie hob überrascht die Augenbrauen. Die junge Studentin war vermutlich gekommen und tat dies sehr lautstark. Es schien ihr wichtig zu sein, Max von ihrer Ekstase in Kenntnis zu setzen. Kopfschüttelnd griff Ronnie nach der Fernbedienung und machte den Fernseher an. Es lief Grey’s Anatomy. Ärzte und Liebe. Zwei Themen, mit denen sie sich privat nicht beschäftigen wollte.

Als sie sich durch die Kanäle zappte, bemerkte sie rasch, dass sie sich zu früh gefreut hatte. Offenbar waren die beiden noch lange nicht mit ihrem Liebesspiel fertig. Nachdem das Stöhnkonzert wieder losgegangen war, stand sie verärgert auf und ging zur Tür des Gästezimmers.

Sie hämmerte geradezu dagegen.

»Geht das auch leiser?!«, rief sie forsch. Augenblicklich wurde es still im Zimmer. Dann hörte sie eine sehr junge Stimme schüchtern fragen: »Wer ist das?«

Max antwortete nach kurzem Zögern: »Eine Freundin.«

»Ich dachte, du wohnst allein!«, empörte sich die Kleine, die sicher einen Knackpo hatte und blonde Haare, die ihr bis zu den Ellenbogen reichten. Max stand auf solche Frauen: blond, süß, jung und knackig. Vor allem jung und knackig. Das war auch der Grund, warum ihn seine Freundin, Anita, vor die Tür gesetzt hatte. Er konnte nämlich nicht die Finger von anderen Frauen lassen.

»Ich wohne allein. Sie hat … ach, weißt du … sie hatte Streit mit ihrem Freund und nun lasse ich sie bei mir wohnen …«

Ronnie verdrehte die Augen. Wer ließ hier wen bei sich wohnen? Und warum in aller Welt stand sie wie versteinert vor der Tür ihres Gästezimmers?

»Ich hau jetzt lieber ab«, sagte die Kleine und Ronnie ging zurück ins Wohnzimmer. Von der Couch aus konnte sie einen kurzen Blick auf das Mädchen erhaschen, als dieses geradezu aus ihrer Wohnung floh. Sie passte, wie erwartet, genau in Max‘ Beuteschema.

Kurze Zeit später erschien der Frauenverführer höchstpersönlich im Wohnzimmer. Sein Oberkörper war nackt und er war gerade dabei, den Reißverschluss seiner Jeans zuzuziehen.

»Was machst du denn hier?«, fragte er. Vermutlich war es ihm peinlich, dass sie ihm beim Ficken erwischt hatte. Seine geröteten Wangen bestätigten ihren Verdacht.

»Was ich hier mache? Ich wohne hier«, erwiderte sie nüchtern und stopfte sich einen Chip in den Mund. Dann stand sie auf und stellte sich ihm anklagend gegenüber.

»Ach, mein Fehler. Das ist ja deine Wohnung!«, sagte sie und piekte mit ihrem Zeigefinger gegen seine nackte Brust, die voller Schweiß war. Angeekelt ließ sie es bleiben.

»Meine Güte, Ronnie, ich musste der Kleinen doch irgendwas erzählen!«, entschuldigte sich Max.

Die Hose hatte er endlich geschlossen und sein Gesicht war nicht mehr ganz so rot wie noch vor zwei Sekunden.

»Ist sie eine Studentin? Die werden dich noch von der Uni schmeißen, wenn du so weitermachst.«

Daraufhin zuckte er nur mit den Schultern und Ronnie setzte sich wieder auf die Couch. Sie klickte sich durch die Kanäle.

»Im Ernst: Warum bist du früher hier?«, fragte Max und setzte sich zu ihr. Sofort rückte sie demonstrativ von ihm weg. Aber nicht weit genug, sodass er nicht in ihre Chipstüte langen konnte.

»Ich bin müde. Manchmal bin selbst ich müde«, erwiderte sie ehrlich. Sie lehnte ihren Kopf nach hinten und starrte durch die halbgeöffneten Augenlider auf den Fernsehbildschirm. Sie hatte sich eine Krimiserie ausgesucht. Crime war immer noch besser als Love.

»Du bist doch nie müde.«

»Das stimmt nicht«, erwiderte sie matt. »Ich dachte, das mit dir und Anita wäre ausnahmsweise was Ernstes? Ich dachte, du liebst sie?«, sagte sie tonlos.

Ronnie kannte Max seit beinahe zehn Jahren. Sie waren sich bei einer Studentenveranstaltung begegnet. Es war eine Literaturvorlesung gewesen, zu der sie von einer Freundin eingeladen worden war. Sie konnte sich weder an den Autor noch den Inhalt des Werkes erinnern, welches vorgelesen wurde, aber die Diskussion, die im Anschluss folgte, war ihr im Gedächtnis geblieben. Sie hatten über das klassische Leib-Seele-Problem gesprochen und Max war der festen Überzeugung gewesen, - er war es noch heute! -, dass das Bewusstsein nicht physiologisch erklärt werden konnte. Als Medizinerin und Naturwissenschaftlerin hatte sie ihm entgegengehalten, dass nur real war, was beobachtbar und messbar war. Eine Seele hatte noch niemand gesehen. Trotzdem konnte sie die Existenz eines Bewusstseins, eines Ichs nicht leugnen. Wo genau im Gehirn das Bewusstsein saß, hatte die Wissenschaft leider noch nicht beantworten können. 

Es hatte ihr imponiert, dass er ihr widersprochen hatte. Das wagten nicht Viele.

»Natürlich liebe ich Anita«, sagte er salopp und langte erneut in ihre Chipstüte, die sie leider zu spät aus seiner Reichweite zog.

»Warum schläfst du dann mit deinen Studentinnen?«, fragte sie beiläufig. Eigentlich war es ihr egal, mit wem er schlief, aber die Art und Weise, wie er dachte und fühlte, hatte sie von jeher interessiert. Und noch immer hatte sie nicht begriffen, warum er sich beim Fremdgehen erwischen ließ. Anita war nicht seine erste Freundin. Sie war auch nicht die erste Freundin, die er betrogen hatte und die ihm auf die Schliche gekommen war. Dabei konnte es doch nicht so schwierig sein, eine Affäre geheim zu halten. Marten gelang das schließlich auch!

Nein, eigentlich gelang es ihm nicht. Sonst würde nicht in der Stationsküche darüber getuschelt werden. Vermutlich war es nur eine Frage der Zeit, bis seine Frau davon erfuhr.

»Du willst wissen, warum ich mit jungen, bildhübschen Mädchen schlafe?« Ein spöttisches Lachen verließ seine Kehle. »Als ob ich das einer Jungfrau wie dir erklären könnte!«

Ronnie verzog augenblicklich das Gesicht.

Max war der Einzige, der wusste, dass sie noch Jungfrau war. In einer modernen und liberalen Gesellschaft war es weithin akzeptiert, bereits in jungen Jahren Sex zu haben. Da wurden in Jugendmagazinen Tipps für Oralverkehr aufgelistet, unter der vielsagenden Überschrift Wie geht Blasen?

Eine ihrer ehemaligen Studienkolleginnen hatte ihre Jungfräulichkeit im zarten Alter von dreizehn Jahren verloren! Der Verzicht auf Sex hingegen war verpönt. Genau deswegen hatte Ronnie niemandem davon erzählt – außer Max. Nicht, weil es ihr peinlich war, sondern weil Sex generell ein Thema war, über welches sie nicht gerne sprach. Sie fand es schlichtweg langweilig.

Dass sie sich Max anvertraut hatte, bereute sie seit Jahren. Denn er zog sie gerne damit auf. Er tat es aber nur, wenn sie alleine waren. Sie rechnete es ihm hoch an, dass ihr Geheimnis bei ihm sicher war. Sie hatte es ihm ohnehin nur erzählt, da sie, wie so häufig, einen philosophischen Disput hatten. Max war nämlich überzeugt, Sex und Intimität wären Grundbedürfnisse, ohne die kein menschliches Wesen zu einer tiefgreifenden Lebenszufriedenheit gelangen konnte. Wie eine Pflanze, die nicht gegossen wird, würde jeder Mensch ohne körperliche Liebe eingehen und verdorren. Natürlich war sie da anderer Meinung. Aber sie war immer anderer Meinung. Ihr stichhaltigstes Argument war sie selbst gewesen. Schließlich hatte sie nicht das Gefühl, bereits »verdorrt« zu sein.

»Wofür hat uns die Evolution zwei Hände geschenkt, hm?«, sagte sie.

»Um eine Frau anzufassen, sie zu liebkosen, ihre sanften Brüste zu streicheln …«, erwiderte Max ungeniert.

»Zum Masturbieren!«, fiel sie ihm ins Wort und wedelte mit ihren Händen in der Luft herum. Die Chipstüte hatte sie mittlerweile zur Seite gelegt, dorthin, wo Max sie nicht mehr in die Finger kriegen konnte. Es reichte, dass sie ihm Unterschlupf gewährte. Er sollte nicht auch noch alle ihre Lebensmittel auffuttern.

Max lachte lauthals, und als er sich beruhigt hatte, sagte er: »Du hast ja keine Ahnung, was dir da entgeht, Ronnie.«

»Oh ja … einen schwitzenden Körper über mir zu haben, von Körperflüssigkeiten innen und außen besudelt zu werden … großartig …«

»Du weißt, dass sich bei Erregung die Hemmschwelle senkt und Dinge, die als eklig empfunden werden, plötzlich ganz geil sind?«

»Natürlich weiß ich das. Ich kenne mich mit der Hirnchemie bestens aus«, erwiderte sie schnippisch. Genau deswegen wusste sie auch, dass Liebe auf die Ausschüttung von Hormonen im Hypothalamus zurückzuführen war.

»Trotzdem würden dir einige praktische Erfahrungen guttun. Natürlich nur aus Forschungsgründen. Du könntest dann deine eigenen Theorien bestätigt sehen.«

»Das sind nicht meine Theorien. Es ist hinlänglich bekannt, dass Liebe eine chemische Reaktion im Gehirn ist. Außerdem …« Sie hielt kurz inne, schlug ihr Beine übereinander und fixierte Max unerbittlich, bevor sie fortfuhr: »Außerdem habe ich die Kunst der Selbstbefriedigung schon vor vielen Jahren gemeistert. Ich bin ausgeglichen und zufrieden.«

»Die Kunst der Selbstbefriedigung …«, wiederholte er ungläubig.

Ronnie hatte es in ihren fünfunddreißig Jahren auf gut tausend Orgasmen gebracht. Bevor sie morgens aus dem Bett kroch, war eine rasche Selbstbefriedigung immer zu empfehlen. Danach schmeckte der Kaffee noch besser und sie war fit für den Tag. Das Ganze war zudem sehr hygienisch, denn sie schwitzte kaum und keine fremden Körperflüssigkeiten befanden sich auf oder in ihr.

»Du solltest es auch mal versuchen«, entgegnete sie keck.

»Ich habe mir mit fünfzehn das letzte Mal einen runtergeholt«, stellte er kopfschüttelnd fest. Ihr entging nicht, wie er sie aus den Augenwinkeln betrachtete. Irgendetwas an seinem Blick gefiel ihr nicht … Er fixierte sie wie ein Stück Sahnetorte, leckte sich über die Lippen und betrachtete sie plötzlich von Kopf bis Fuß.

»Du denkst jetzt doch nicht daran, wie ich mich selbstbefriedige, oder?«, rief sie entsetzt. Sofort griff sie nach einem Kissen und hielt es sich gegen die Brust, als würde sie das Kissen davor schützen, dass Max sie in seinen Gedanken auszog.

»Nein, natürlich nicht!«, erwiderte er rasch, klang dabei aber wenig überzeugend. Schließlich rieb er sich den Nacken und lachte wie ein Schuljunge.

Zum Lachen war ihr im Moment nicht zumute.

Nun, da sie das Kissen gegen ihren Bauch drückte, hörte sie wieder die Uhr ticken.

Tick, tack, tick, tack …

Ihre Miene verdüsterte sich, sie konnte es fühlen.

Warum nur wollte sie plötzlich ein Kind? Sie hatte diesen Wunsch nie zuvor gehegt. War er wie alle anderen Emotionen und Bedürfnisse neurochemisch erklärbar? Natürlich.

Trotzdem fand sie ihren Wunsch nicht lächerlich.

»Was ist mit dir?«, fragte Max und klang besorgt.

»Ich wünsche mir ein Baby«, sagte sie leise. Sie strich zärtlich über das Kissen, das sie immer noch gegen ihren Bauch presste.

»Was?« Er lachte schon wieder, doch dann verstummte er schlagartig, als sie ihn ernst anblickte.

»Ich will ein Kind. Ich denke, ich wäre eine gute Mutter.« Das dachte sie wirklich. Zu gerne hätte sie einen anderen Menschen auf dessen Lebensreise begleitet.

Er machte den Mund auf, pappte ihn dann wieder zu, öffnete ihn erneut. Er sah aus wie ein Fisch auf dem Trockenen. Dann platzte es aus ihm heraus:

»Veralberst du mich?«

»Nein!«, erwiderte sie beleidigt.

»Dazu wirst du aber einen Mann brauchen.«

»Nicht unbedingt!« Sie drückte das Kissen stärker an ihren Bauch und genoss die Wärme, die davon ausging. Sich um ein Kind zu kümmern, war eine spannende Lebensaufgabe, voller Herausforderungen, Höhen und Tiefen. Es war ein Abenteuer. Und sie hatte ein Abenteuer dringend nötig.

»Du denkst an eine Adoption?«, fragte Max neugierig. Er hatte mittlerweile den Arm auf die Couchlehne gelegt und seinen Körper ihr zugewandt. Das Thema fand er wohl spannend.

»Nein. Ich will das Baby selber austragen«, meinte sie.

Jetzt zog er seine Stirn in Falten.

»Also denkst du an künstliche Befruchtung? Und wer soll der Samenspender sein?«

Sie legte das Kissen wieder dorthin, wo es hingehörte, und stand auf, um im Schlafzimmer ihren Laptop zu holen. Max verfolgte aufmerksam jede ihrer Bewegungen.

»Was hältst du davon?«, fragte sie, als sie den Laptop, den sie auf den Couchtisch gestellt hatte, aufklappte. Erst heute Morgen hatte sie sich ein paar Videos von potenziellen Samenspendern angesehen. Sogar Spermien konnte man schon im Internet bestellen!

Sie klickte auf Play und das Video wurde abgespielt. Ein rothaariger Kerl mit blasser Haut war zu sehen. Er war oben ohne nackt. Sie erhöhte die Lautstärke, sodass gut zu hören war, was er sagte:

 

Hi, my name is Phillip. I’m thirty years old and my skin color is white. My ancestors are from Ireland and Germany. I’m six feet tall and my weight is about 190 pounds. I work as a pediatrician and …

 

»Das ist nicht dein Ernst!”, platzte es aus Max heraus.

»Warum nicht?«, fragte Ronnie beleidigt. »Ein dreißigjähriger Kinderarzt mit irischen und deutschen Vorfahren? Außerdem sieht er nicht schlecht aus! Das nenne ich gute Gene!«

»Das ist lächerlich, Ronnie!«, erwiderte Max und klang dabei todernst.

»Warum?«, rief sie herausfordernd.

Er antwortete nicht darauf, er sah sie nur an. Sekundenlang sah er sie an, ohne zu zwinkern.

»Ich muss an meinem Buch arbeiten«, sagte er seufzend und stand auf.

Er unterrichtete Philosophie an der Universität. Den Lehrstuhl hatte er erhalten, da sein letztes Buch die Bestsellerlisten stürmte. Es war ein populärwissenschaftliches Werk gewesen und Max war geschickt darin zu polarisieren. Das Buch war gehasst und geliebt worden - beides förderte den Verkaufserfolg. Der Großteil der Fachwelt hatte sein Buch jedoch gepriesen.

Max war berechnend, umso verwunderlicher war es, dass er privat von einem Fettnäpfchen ins nächste trat.

»Hey, ich könnte deinen Rat gut gebrauchen«, erwiderte sie pampig.

»Seit wann nimmst du meine Ratschläge an?«

»Ich meine es ernst. Was denkst du?« Sie schätzte seinen Intellekt, sonst wäre sie nicht mit ihm befreundet. Es gab zwar kein Thema, wo sie einer Meinung waren, aber genau das machte den Gedankenaustausch spannend.

»Ich denke, du solltest dir nicht Spermien im Internet kaufen, von Männern, über die du nichts weißt, außer dass sie offenbar aus ihrem Samen Kapital schlagen wollen.«

Max deutete auf ihren Laptop. »Der Kerl ist doch nie und nimmer ein Kinderarzt! Warum sollte ein Kinderarzt sein Sperma verkaufen wollen?«

Ihr Blick folgte seiner ausgestreckten Hand. Die Videos waren wirklich ziemlich lächerlich. Die Männer waren zwar überprüft worden, hieß es auf der Website, aber konnte sie sich darauf verlassen?

»Es gäbe noch eine Möglichkeit«, meinte sie kleinlaut. Die Idee war ihr vor Kurzem gekommen.

»Welche denn?«, fragte Max mit einem beinahe weinerlichen Tonfall. »Was kommt jetzt?«

»Es gibt einen neuen Assistenzarzt in der Klinik. Vielleicht sollte ich mit ihm schlafen.«

Sie dachte an Marten. Er war klug, hochgewachsen, hatte dichtes Haar. Er sah besser aus als der Halb-Ire und sie wusste, dass er wirklich ein Arzt war.

Max trat einen Schritt näher.

»Du bist verliebt?«, fragte er und die Überraschung in seiner Stimme war nicht zu überhören.

»Verliebt? Nein. Ich will ein Kind. Ich bin doch nicht verliebt!« Nun war sie irritiert. »Hast du mir nicht zugehört?«, fragte sie unwirsch.

»Ich hör dir zu, Ronnie. Aber heute kommt zum ersten Mal, seit ich dich kenne, nur Blödsinn aus deinem Mund heraus.«

Er hatte die Arme vor der Brust verschränkt und betrachtete sie von oben herab, als würde er an ihrem Verstand zweifeln.

»Marten, der Assistenzarzt, scheint nicht wählerisch zu sein. Er arbeitet seit vier Wochen bei uns und vögelt schon die Krankenschwester, obwohl er verheiratet ist und einen kleinen Sohn hat. Außerdem bewundert er mich. Ich denke, er würde nicht Nein sagen.«

Max schüttelte ungläubig den Kopf und Ronnie fühlte plötzlich Zorn in sich aufkommen.

»Warum verurteilst du mich?«, fragte sie forsch. Sie stand auf und stellte sich ihm kampfeslustig gegenüber. Sie musste aufsehen, da er viel größer war als sie.

»Ich verurteile dich nicht«, erwiderte er nüchtern und löste die Verschränkung seiner Arme. »Aber denkst du, ein Kerl, der seine Frau betrügt, ist eine gute Wahl?«

»Er ist intelligent und attraktiv«, hielt sie dagegen.  

»Aha, und seine Persönlichkeit spielt keine Rolle? In dem Fall könntest du auch mich fragen!« Er schnaubte verächtlich und es war offensichtlich, dass er seine Worte nicht ernst meinte. Ronnie hingegen hatte das Gefühl, die perfekte Lösung für ihr Problem gefunden zu haben. Sie konnte kaum glauben, dass sie nicht selbst darauf gekommen war.

»Das ist … großartig«, sagte sie ehrfürchtig.

»Was ist großartig?« Max zog seine Stirn in Falten und blickte sie nun misstrauisch an.

»Du bist großartig«, erwiderte sie und verkniff sich mit Mühe ein breites Lächeln. Max wäre der ideale Vater für ihr Kind!

»Du willst doch keine Kinder! Das ist perfekt! Du musst keinerlei Verantwortung übernehmen«, sagte sie. Er erbleichte schlagartig.

»Du willst von mir ein Kind?«, fragte er fassungslos. »Von mir?«

»Warum nicht? Du hast gute Gene! Guck dich doch an!«

Er schluckte schwer und sie wartete gespannt auf seine Antwort. Leider wartete sie vergebens.

»Was hältst du davon?«, wollte sie wissen. Ihre Stimme zitterte. Würde er Nein sagen? Es wäre auch zu einfach gewesen …!

»Das … also, ich weiß nicht, was ich sagen soll … Ich meine … Ist das dein Ernst?«, fragte er nach langem, sehr langem Zögern.

»Ja, das ist mein Ernst«, stellte sie klar. »Bitte überlege es dir, aber beeil dich mit deiner Entscheidung. Sonst bestelle ich das Sperma von dem Iren!«

Er schnaubte ungläubig und starrte sie weiterhin an.

»Und wie soll ich das anstellen? Soll ich in einen Becher wichsen oder wie stellst du dir das vor?«

»Hm? Nein, ich dachte, wir tun es auf natürliche Weise. Ich halte nicht viel von künstlicher Befruchtung. Die Chance, bei einer In-Vitro-Fertilisation Zwillinge zu gebären, liegt bei sechs zu eins. Ein Kind reicht mir vorerst, zwei sind zu viel. Schließlich werde ich eine alleinerziehende Mutter sein.«

Jetzt hatte es ihm endgültig die Sprache verschlagen.

»Du willst … du willst … ich meine …«, stammelte er.

»Ich will Sex mit dir. Ist das ein Problem?« Sie sah an sich herunter. »Bin ich dir zu hässlich?«, fragte sie ernst. »So hübsch wie die Kleine, die du gerade eben gevögelt hast, bin ich nicht, aber … hm …« Hübscher wie die Krankenschwester, die Marten in seinem Büro beglückte, war sie allemal.

»Zu hässlich?«, fragte Max und nun schien er noch irritierter als je zuvor. »Das ist nicht das Problem.«

»Was ist dann das Problem?«, sagte Ronnie. »Du musst mich nur befruchten, das ist alles. Was dann passiert, geht dich nichts mehr an.«

»Ich muss was?«, fragte er japsend. Seine Stimme klang ganz schrill.

»Mich befruchten. Wenn es um Sex geht, bist du doch der Experte von uns beiden. Das wirst du doch hinkriegen!«

Erwartungsvoll blickte sie ihn an, doch Max war verstummt. Nach langem Schweigen sagte er endlich in versöhnlichem Ton: »Okay. Einverstanden. Und wann soll’s losgehen? Von mir aus können wir gleich …!«

»Gleich? Gleich ist absolut sinnlos. Wir müssen auf meinen Eisprung warten!«

»Aha, klar, der Eisprung …« Er räusperte sich kurz. Offenbar war er verlegen. Sie konnte nicht fassen, dass sie Max in Verlegenheit gebracht hatte.

»Also werde ich nun an meinem Buch arbeiten und du sagst mir einfach Bescheid, wenn dein Eisprung … also, ich meine … gut, dann gehe ich lieber mal.«

Er drehte sich um und spazierte ins Gästezimmer.

Ronnie konnte ihr Glück kaum fassen. 

2

Max saß an dem kleinen Schreibtisch, der in Ronnies Gästezimmer an der Wand, gleich neben dem Fenster, stand – und tippte.

Er arbeitete gerade an seinem neuen Buch. Die Kunst des philosophischen Denkens, war der Arbeitstitel. Eigentlich hatte er nie daran gedacht, irgendwann einmal an einer Universität zu unterrichten. Er war ein Freigeist, ein Unruhestifter. Einer, der überall aneckte. Er konnte hartnäckig sein, wenn er seinen Standpunkt vertrat, und er liebte es, seine Diskussionspartner in Verlegenheit zu bringen. Rhetorisch machte ihm nicht so schnell einer was vor! Umso verwunderlicher, dass Ronnie es vorhin geschafft hatte, ihn in eine Ecke zu treiben.

Sie wollte also ein Kind von ihm? Hatte sie zufällig etwas von den Medikamenten geschluckt, die sie ihren Patienten verschrieb? Nein, Ronnie doch nicht. Sie hielt nichts von pharmazeutischen Mitteln. Sie hielt auch nichts von emotionalen Befindlichkeiten. Warum sie dann als Psychiaterin arbeitete, hatte er nie begriffen. Aber sie war beruflich sehr erfolgreich. Ihr analytischer Verstand und ihr rationales Wesen bewährten sich im Umgang mit psychischen Störungen.

Denn Ronnie war nicht gestört. Ihr Verstand war ihr höchstes Gut und dieser funktionierte nach wie vor einwandfrei. Das ließ nur eine Schlussfolgerung zu: Sie meinte die Sache mit dem Kind wirklich ernst.

Max schenkte seine Aufmerksamkeit wieder den Zeilen am Bildschirm. Normalerweise tippte er drauflos, ohne besonders angestrengt nachdenken zu müssen. Er war schon immer ein talentierter Schreiber und Denker gewesen. Als Student war er mit schulterlangen Haaren in den Hörsälen gesessen und hatte die Professoren, einen nach dem anderen, zu Diskussionen herausgefordert. Keinen Philosophiezirkel, keine Literaturvorlesung und auch keine Haschisch-Party hatte er ausgelassen.

Er hatte sich für ein Philosophiestudium entschieden, weil er Antworten auf grundlegende Fragen des Lebens suchte. Wer war er? Woher kam er? Wie entstand das Universum? In seinen ersten Studienjahren war er naiv genug gewesen, zu glauben, die Philosophie hätte diese Antworten parat. Bald war ihm jedoch klar geworden, dass an der Universität vor allem Philosophiegeschichte gelehrt wurde. Platon, Aristoteles, Kant, Hegel und Kierkegaard standen auf dem Lehrplan. Die Studenten sollten lernen, was andere große Denker vor vielen Jahren gedacht hatten, sie sollten aber nicht lernen, selbst zu denken. Max wollte das ändern. Sein Unterfangen war äußerst ambitioniert, aber er liebte die Herausforderung. Im besten Fall würde sein Buch in Zukunft als Lehrunterlage an den Universitäten herangezogen werden. Vorausgesetzt, es war nicht zu unorthodox.