Verlag: DUMONT Buchverlag Kategorie: Gesellschafts- und Liebesromane Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2018

Die Ermordung des Commendatore Band 1 E-Book

Haruki Murakami  

4.5 (50)
Bestseller

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E-Book-Beschreibung Die Ermordung des Commendatore Band 1 - Haruki Murakami

Allein reist der namenlose Erzähler und Maler ziellos durch Japan. Schließlich zieht er sich in ein abgelegenes Haus, das einem berühmten Künstler gehört, zurück. Eines Tages erhält er ein äußerst lukratives Angebot. Er soll das Porträt eines reichen Mannes anfertigen. Nach einigem Zögern nimmt er an, und Wataru Menshiki sitzt ihm fortan Modell. Doch der Ich-Erzähler findet nicht zu seiner alten Fertigkeit zurück. Das, was Menshiki ausmacht, kann er nicht erfassen. Wer ist dieser Mann, dessen Bildnis er keine Tiefe verleihen kann? Durch einen Zufall entdeckt der junge Maler auf dem Dachboden ein meisterhaftes Gemälde. Es trägt den Titel ›Die Ermordung des Commendatore‹. Er ist wie besessen von dem Bild, mit dessen Auffinden zunehmend merkwürdige Dinge um ihn herum geschehen, so als würde sich eine andere Welt öffnen. Mit wem könnte er darüber reden? Da ist keiner außer Menshiki, den er kennt. Soll er sich ihm wirklich anvertrauen? Als er es tut, erkennt der Ich-Erzähler, dass Menshiki einen ungeahnten Einfluss auf sein Leben hat.

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E-Book-Leseprobe Die Ermordung des Commendatore Band 1 - Haruki Murakami

Allein reist der namenlose Erzähler und Maler ziellos durch Japan. Schließlich zieht er sich in ein abgelegenes Haus, das einem berühmten Künstler gehört, zurück. Eines Tages erhält er ein äußerst lukratives Angebot. Er soll das Porträt eines reichen Mannes anfertigen. Nach einigem Zögern nimmt er an, und Wataru Menshiki sitzt ihm fortan Modell. Doch der Ich-Erzähler findet nicht zu seiner alten Fertigkeit zurück. Das, was Menshiki ausmacht, kann er nicht erfassen. Wer ist dieser Mann, dessen Bildnis er keine Tiefe verleihen kann? Durch einen Zufall entdeckt der junge Maler auf dem Dachboden ein meisterhaftes Gemälde. Es trägt den Titel ›Die Ermordung des Commendatore‹. Er ist wie besessen von dem Bild, mit dessen Auffinden zunehmend merkwürdige Dinge um ihn herum geschehen, so als würde sich eine andere Welt öffnen. Mit wem könnte er darüber reden? Da ist keiner außer Menshiki, den er kennt. Soll er sich ihm wirklich anvertrauen? Als er es tut, erkennt der Ich-Erzähler, dass Menshiki einen ungeahnten Einfluss auf sein Leben hat. Der Roman wird fortgesetzt in Band 2 ›Eine Metapher wandelt sich‹ (DuMont, April 2018).

Credit: © Markus Tedeskino/Ag. Focus

HARUKI MURAKAMI, 1949 in Kyoto geboren, lebte über längere Zeit in den USA und in Europa und ist der gefeierte und mit höchsten Literaturpreisen ausgezeichnete Autor zahlreicher Romane und Erzählungen. Sein Werk erscheint in deutscher Übersetzung bei DuMont. Zuletzt erschienen ›Von Beruf Schriftsteller‹ (2016) und ›Birthday Girl‹, illustriert von Kat Menschik (2017).

HARUKI MURAKAMI

DIE ERMORDUNGDES COMMENDATORE

Band 1:EINE IDEE ERSCHEINT

Roman

Aus dem Japanischenvon Ursula Gräfe

eBook 2018

Die japanische Originalausgabe erschien 2017 unter dem Titel ›Kishidancho goroshi. Killing Commendatore‹ bei Shinchosha, Tokio.

© 2017 by Haruki Murakami

© 2018 für die deutsche Ausgabe: DuMont Buchverlag, Köln

Alle Rechte vorbehalten

Übersetzung: Ursula Gräfe

Redaktion: Stephan Kleiner

Umschlaggestaltung: Lübbeke Naumann Thoben, Köln

Umschlagabbildung: © plainpicture / Bobo Olsson – aus der Kollektion Rauschen

Satz: Angelika Kudella, Köln

eBook-Konvertierung: CPI books GmbH, Leck

ISBN eBook 978-3-8321-8988-4

www.dumont-buchverlag.de

DIE ERMORDUNGDES COMMENDATORE

Band 1:EINE IDEE ERSCHEINT

PROLOG

Als ich heute nach einem kurzen Mittagsschlaf erwachte, sah ich den »Mann ohne Gesicht« vor mir. Er saß auf einem Stuhl gegenüber dem Sofa, auf dem ich geschlafen hatte, und blickte mich aus seinen nicht vorhandenen Augen an.

Der Mann war groß und sah überhaupt genauso aus wie bei unserer letzten Begegnung. Sein gesichtsloses Gesicht war zur Hälfte von einem schwarzen Hut mit breiter Krempe verdeckt, und er trug einen langen Mantel in einem dunklen Farbton.

»Ich will, dass du mich porträtierst«, sagte der Mann ohne Gesicht, nachdem er sich vergewissert hatte, dass ich wach war. Seine Stimme war leise und frei von jeglicher Intonation oder Wärme. »Du hast es mir versprochen. Erinnerst du dich?«

»Natürlich. Aber damals hatten wir kein Papier, darum konnte ich Sie nicht malen«, erwiderte ich ebenfalls tonlos und ohne Wärme. »Stattdessen hatte ich Ihnen das Pinguin-Amulett als Pfand gegeben.«

»Ja, ich habe es mitgebracht.«

Er hielt mir den Plastikpinguin mit der Rechten entgegen. Er war so etwas wie ein Anhänger für eine Handy-Schlaufe. Der Mann hatte außergewöhnlich große Hände. Es klapperte leise, als er den kleinen Gegenstand auf die Glasplatte des Couchtischs fallen ließ.

»Ich gebe ihn dir zurück, denn du wirst ihn vielleicht brauchen. Er ist ein Talisman und kann die Menschen beschützen, die dir am Herzen liegen. Allerdings will ich, dass du mich dafür porträtierst.«

Ich saß in der Klemme. »Das sagen Sie so einfach, aber ich habe noch nie jemanden ohne Gesicht porträtiert.«

Meine Kehle fühlte sich staubtrocken an.

»Nach allem, was ich gehört habe, bist du ein Meister deines Fachs. Und außerdem hast du mir das alles schon beim ersten Mal gesagt.« Der Mann ohne Gesicht lachte. Oder zumindest glaubte ich, dass er lachte. Es klang wie das Heulen des Windes in einer tiefen Höhle.

Er nahm den schwarzen Hut ab, der sein Gesicht zur Hälfte verdeckt hatte. Dort, wo es hätte sein sollen, kreiste nur langsam ein milchig weißer Nebel.

Ich stand auf und holte ein Skizzenbuch und einen weichen Bleistift aus meinem Atelier, um auf dem Sofa sitzend ein Porträt des gesichtslosen Mannes zu zeichnen. Aber wo ansetzen? Da war ja nichts. Wie in aller Welt sollte ich etwas nicht Vorhandenes zeichnen? Außerdem änderte der milchweiße Nebel, der dieses Nichts umhüllte, unablässig seine Gestalt.

»Aber ein bisschen Tempo, wenn ich bitten darf«, sagte der Mann ohne Gesicht. »Ich kann nicht lange bleiben.«

Mein Herz begann zu hämmern. Ich hatte keine Zeit. Ich musste mich beeilen. Aber meine Finger mit dem Bleistift hingen wie erstarrt in der Luft. Als wäre meine Hand von den Fingerspitzen bis zum Gelenk gelähmt. Er hatte recht, es gab einige Menschen, die ich beschützen musste. Doch alles, was ich konnte, war malen. Und dennoch war ich völlig außerstande, das Gesicht des Mannes ohne Gesicht zu zeichnen. Ratlos starrte ich auf den kreisenden Nebel. »Tut mir leid, aber die Zeit ist um«, sagte der Mann ohne Gesicht kurz darauf, wobei ein breiter Fluss aus weißem Atem seinem nicht vorhandenen Mund entströmte.

»Warten Sie! Nur noch einen Moment …«

Der Mann setzte seinen schwarzen Hut wieder auf, sodass sein Gesicht abermals zur Hälfte verborgen war. »Ich komme wieder. Vielleicht schaffst du es dann, mich zu malen. Bis dahin behalte ich das Pinguin-Amulett.«

Und weg war er. Jäh, als hätte ein plötzlicher Windstoß ihn fortgerissen, war der Mann ohne Gesicht verschwunden. Nur der leere Stuhl und der Glastisch waren zurückgeblieben. Nicht jedoch das Pinguin-Amulett auf dem Glastisch.

Fast hätte ich die Begebenheit für einen kurzen Traum halten können. Aber ich wusste sehr wohl, dass ich nicht geträumt hatte. Denn andernfalls wäre die ganze Welt, in der ich lebte, ein Traum gewesen.

Vielleicht würde es mir eines Tages gelingen, das Nichts zu porträtieren. Ebenso wie es einem gewissen Maler gelungen war, das Bild mit dem Titel Die Ermordung desCommendatore zu malen. Doch dazu brauchte ich Zeit. Ich musste die Zeit zu meiner Verbündeten machen.

1 DIE BESCHLAGENE OBERFLÄCHE POLIEREN

Vom Mai jenes Jahres bis zum Beginn des nächsten lebte ich an einem Berg nahe dem Eingang eines engen Tals, in dem es im Sommer unablässig regnete. Was daran lag, dass der Südwestwind die feuchten Wolken vom Meer in das Tal hineintrieb, wo sie an die Berghänge stießen und abregneten. Oberhalb des Tals hingegen war das Wetter meist schön. Da das Haus, in dem ich wohnte, genau an der Wetterscheide stand, kam es vor, dass im Garten ein starker Schauer niederging, obwohl auf der Vorderseite die Sonne schien. Anfangs verblüffte mich das, aber bald gewöhnte ich mich daran, und es wurde für mich zur Normalität.

Wenn es windig war, waberten die Wolkenfetzen tief an den Hängen der umliegenden Berge entlang wie verirrte Geister aus der Vergangenheit auf der Suche nach verlorenen Erinnerungen. Mitunter tanzten auch weiße Regentröpfchen lautlos im Wind wie winzige Schneeflocken. Und da fast immer ein Wind wehte, war der Sommer hier auch ohne Klimaanlage angenehm.

Das Haus war klein und alt, verfügte jedoch über einen ausgedehnten Garten, in dessen hohem Gras eine Katzenfamilie Unterschlupf gefunden hatte. Aber als der Gärtner kam und mähte, wurde es der gestreiften Kätzin wohl unbehaglich, und sie zog mit ihren drei Jungen fort. Sie hatte ein strenges Gesicht und war mager, ein Zeichen, dass sie gerade genug zum Leben hatte.

Das Haus stand auf dem Kamm des Berges, und von der nach Südwesten zeigenden Terrasse aus sah man zwischen den Bäumen ein Stückchen Meer von der Größe einer Waschschüssel. Ein winziges Fragment des riesigen Pazifischen Ozeans. Einem mir bekannten Makler zufolge stieg der Preis eines Grundstücks, nur weil man ein Fleckchen Meer dieser Größe sehen konnte, doch für mich spielte dieser sogenannte »Meerblick« keine Rolle. Von Weitem wirkte das kleine Stück Wasser wie eine dunkle Masse aus Blei. Warum jemandem an diesem Anblick gelegen sein sollte, war mir unverständlich. Die Aussicht auf die umliegenden Berge, die ihre Erscheinung je nach Jahreszeit und Wetter dramatisch wandelten, gefiel mir viel besser. In jenen Tagen wurde ich dieses atemberaubenden Wechsels niemals müde.

Damals hatten meine Frau und ich uns getrennt, und die Scheidung war offiziell eingereicht, doch danach geschah so vieles, dass wir am Ende beschlossen, unsere Ehe fortzuführen.

Die Hintergründe sind nicht leicht zu verstehen, und ein Satz wie »Wir kamen wieder zusammen« beschreibt das ganze Durcheinander von Ursache und Wirkung, das nicht einmal wir als Betroffene zu begreifen imstande waren, nur unzureichend. Aber die neun Monate zwischen unseren beiden Ehen (also der, die wir zuerst geführt hatten, und der späteren) wirkten so einschneidend wie ein Kanal, den man durch eine Landenge gräbt.

Ob diese neun Monate eine lange oder eine kurze Trennung waren, kann ich nicht beurteilen. Im Nachhinein kommen sie mir manchmal wie eine Ewigkeit vor und dann wieder, als wären sie wie im Flug vergangen. Meine diesbezüglichen Empfindungen ändern sich von Tag zu Tag. Beim Fotografieren legt man bisweilen eine Zigarettenschachtel neben einen Gegenstand, um seine Größe zu verdeutlichen, aber die Zigarettenschachtel, die neben dem Abbild in meinem Gedächtnis liegt, scheint sich entsprechend meiner Stimmung auszudehnen oder zusammenzuziehen. Anscheinend bewegt und verändert sich der Maßstab in meinem Gedächtnis ebenso, wie die Dinge und Ereignisse des Augenblicks ständig in Bewegung sind, sich verändern oder entziehen.

Doch auch wenn meine sämtlichen Erinnerungen in Bewegung sind, heißt das nicht, dass sie sich willkürlich ausdehnen oder zusammenziehen. Im Grunde war mein Leben bis dahin vornehmlich in ruhigen, geordneten und vernünftigen Bahnen verlaufen. Allein diese neun Monate stürzten mich in ein unvermitteltes Chaos. Ich befand mich in vielfacher Hinsicht in einem Ausnahmezustand, den ich erlebte wie ein Schwimmer, der bei ruhiger See unversehens in einen reißenden Strudel gerät.

Wenn ich auf diese Zeit zurückblicke (ja, ich schreibe diese Zeilen, indem ich mir den Ablauf jener nun schon einige Jahre zurückliegenden Ereignisse ins Gedächtnis rufe), schwanken häufig Tragweite, Perspektive und Zusammenhänge, was vielleicht daran liegt, dass einiges nicht sicher ist oder sich die logische Reihenfolge mit zunehmender Distanz verändert. Dennoch bin ich entschlossen, meine Schilderung der Ereignisse so systematisch und logisch voranzutreiben, wie meine Kräfte und Fähigkeiten es erlauben. Vielleicht scheitere ich mit meinem Versuch, aber zumindest will ich mich, so gut ich kann, an den provisorischen Rahmen halten, den ich mir selbst gesetzt habe. So wie jener Schwimmer sich mit letzter Kraft an einen vorübertreibenden Baumstamm klammert.

Nach dem Umzug in mein neues Heim besorgte ich mir zuerst ein preisgünstiges gebrauchtes Auto. Mein bisheriger Wagen hatte vor Kurzem endgültig seinen Geist aufgegeben, weshalb ich ihn verschrotten lassen und mir einen neuen kaufen musste. Wer allein auf einem Berg lebt, braucht unbedingt ein Fahrzeug, um die täglichen Notwendigkeiten einzukaufen. Also suchte ich einen Toyota-Gebrauchtwagenhändler am Stadtrand von Odawara auf und erstand einen praktischen Corolla Kombi bei ihm. Der Verkäufer bezeichnete die Farbe als »taubenblau«, während ich mich eher an die Gesichtsfarbe eines blutarmen Schwerkranken erinnert fühlte. Er hatte erst 36000 Kilometer auf dem Tacho, aber da es sich um einen Unfallwagen handelte, gewährte der Händler mir einen recht ordentlichen Rabatt. Ich machte eine Probefahrt, Bremsen und Reifen schienen in Ordnung zu sein. Da ich nicht häufig auf der Autobahn fuhr, reichte mir das.

Das Haus auf dem Berg hatte ich von Masahiko Amada gemietet. Er war auf der gleichen Kunsthochschule gewesen wie ich und zwei Jahre älter, aber einer der wenigen, mit denen ich mich gut verstand, sodass wir uns auch nach dem Examen noch hin und wieder trafen. Er hatte nach seinem Studium als Grafikdesigner bei einer Werbefirma angefangen.

Als meine Frau sich von mir trennte, hatte ich unsere gemeinsame Wohnung verlassen und nicht gewusst, wohin. Das Haus von Masahikos Vater stand leer, also fragte ich meinen Freund, ob ich es als eine Art Haussitter bewohnen dürfe. Der Vater war der berühmte Maler Tomohiko Amada, und das Haus in den Bergen bei Odawara hatte ihm auch als Atelier gedient. Seine Frau war zehn Jahre zuvor gestorben, aber er hatte weiter dort gelebt. Leider war er in jüngster Zeit an einer rasch fortschreitenden Demenz erkrankt und in eine luxuriöse Seniorenresidenz auf dem Plateau von Izu umgezogen, sodass sein Haus bereits seit einigen Monaten leer stand.

»Es liegt halt ziemlich hoch am Berg, nicht gerade verkehrsgünstig, aber deine Ruhe wirst du dort haben. Die kann ich dir hundertprozentig garantieren. Der ideale Ort zum Malen. Nichts wird dich ablenken«, sagte Masahiko Amada.

Als Miete verlangte er nur einen nominellen Betrag.

»Leer stehende Häuser verwahrlosen, und man ist dauernd in Sorge wegen verlassener Vogelnester und der Brandgefahr. Also ist es für mich eine Beruhigung, wenn jemand dort ist. Aber es wäre dir sicher unangenehm, ganz umsonst dort zu wohnen. Der einzige Haken ist, dass ich dich vielleicht kurzfristig bitten muss auszuziehen.«

Ich hatte nichts dagegen. Außerdem besaß ich ohnehin nicht mehr, als ich auf der Ladefläche meines kleinen Wagens unterbringen konnte. Sobald er mich darum bitten würde, könnte ich am nächsten Tag wieder ausziehen.

Also bezog ich am Ende der Feiertagskette im Mai das hübsche kleine Haus, eine Art Cottage im westlichen Stil. Es hatte nur eine Etage, aber Raum genug für eine Person. Amada wusste nicht genau, wie weit das Grundstück reichte. Es lag auf einem nicht sehr hohen Berg und war von Bäumen umgeben. Im Garten standen hohe Kiefern mit ausladenden Ästen, die in alle vier Himmelsrichtungen ragten. Hier und da lagen Gartensteine, und neben der Hauslaterne wuchs eine prachtvolle Bananenstaude.

Wie mein Freund gesagt hatte, war es sehr ruhig. Doch wenn ich mich jetzt zurückerinnere, kann ich nicht behaupten, dass es keine Ablenkung gab.

In den acht Monaten, die ich nach der Trennung von meiner Frau auf dem Berg verbrachte, hatte ich nacheinander sexuelle Beziehungen zu zwei Frauen. Beide waren verheiratet. Eine war jünger, die andere älter als ich. Beide waren Teilnehmerinnen des Malkurses, den ich in Odawara gab.

Ich hatte meine Chance genutzt, sie angesprochen und eingeladen (normalerweise ist mir so etwas zu peinlich. Als schüchterner Charakter bin ich in derlei Dingen nicht gerade versiert). Und sie waren nicht abgeneigt gewesen.

Warum, weiß ich nicht, aber damals erschien es mir einfach und folgerichtig, sie in mein Bett zu locken. Ich hatte nicht das Gefühl, Schülerinnen zu verführen. Mit ihnen zu schlafen fand ich genauso normal, wie jemanden, der zufällig auf der Straße an mir vorbeilief, nach der Uhrzeit zu fragen.

Die erste, mit der ich ein Verhältnis hatte, war Ende zwanzig, hochgewachsen, mit großen schwarzen Augen. Sie hatte kleine Brüste und schmale Hüften. Ihre Stirn war breit, sie hatte sehr schönes, glattes Haar und im Verhältnis zu ihrem sonstigen Körperbau große Ohren. Nach landläufigen Vorstellungen war sie vielleicht nicht schön zu nennen, aber sie hatte ausgesprochen interessante Gesichtszüge, die mich als Maler reizten. (Tatsächlich fertigte ich auch immer wieder Skizzen von ihr an.) Sie war kinderlos. Ihr Mann war Geschichtslehrer an einer Privatschule, und zu Hause schlug er seine Frau. In der Schule durfte er keine Gewalt anwenden, also reagierte er wohl stattdessen seinen Frust an ihr ab. Aber er schlug sie nie ins Gesicht. Als sie sich auszog, sah ich, dass ihr Körper von Blutergüssen übersät war. Es war ihr zuwider, sich mir so zu zeigen, und wenn wir uns auszogen, musste es immer dunkel im Zimmer sein.

Sie hatte so gut wie kein Interesse an Sex, und da sie nie ausreichend feucht wurde, klagte sie über Schmerzen, sobald ich in sie eindrang. Auch wenn ich mir viel Zeit für ein gründliches Vorspiel nahm und wir Gleitgel benutzten, zeigte das keine Wirkung. Ihre Schmerzen waren heftig und ließen nie nach. Mitunter schrie sie sogar.

Dennoch wollte sie mit mir schlafen. Zumindest verabscheute sie es nicht. Aber warum? Vielleicht verlangte es sie nach dem Schmerz? Oder sie wollte sich für irgendetwas bestrafen? Die Menschen sind in ihrem Leben auf der Suche nach den verschiedensten Dingen. Doch eines suchte sie ganz bestimmt nicht: Intimität.

Da sie sich weigerte, zu mir oder zu ihr zu gehen, fuhren wir stets mit meinem Wagen in ein etwas entferntes, an der Küste gelegenes kleines Hotel für Paare, um dort miteinander zu schlafen. Wir trafen uns auf dem großen Parkplatz eines Familienrestaurants, kamen ungefähr kurz nach eins im Hotel an und verließen es vor drei. Bei diesen Gelegenheiten trug sie immer eine große Sonnenbrille. Doch eines Tages erschien sie nicht zu unserer Verabredung. Auch im Malkurs tauchte sie nicht mehr auf. Das war das Ende unserer kurzen, wenig aufregenden Affäre. Insgesamt war es ungefähr vier oder fünf Mal zum Geschlechtsverkehr zwischen uns gekommen.

Die nächste Dame, mit der ich eine Liaison einging, führte ein glückliches Familienleben. Zumindest schien es ihr an nichts zu fehlen. Sie war damals einundvierzig (wie ich mich erinnere) und somit etwa fünf Jahre älter als ich. Sie hatte ebenmäßige Gesichtszüge, war zierlich und stets geschmackvoll gekleidet. Da sie jeden zweiten Tag in ein Sportstudio ging und Yoga machte, hatte sie kein Gramm überschüssiges Fett am Bauch. Sie fuhr einen brandneuen roten Mini Cooper, den sie gerade erst gekauft hatte. An sonnigen Tagen konnte ich ihn schon von Ferne funkeln sehen. Sie hatte zwei Töchter, die beide eine teure Privatschule in Shonan besuchten. Sie selbst war ebenfalls auf dieser Schule gewesen. Ihr Mann leitete irgendeine Firma, welche, erfuhr ich nicht (natürlich interessierte es mich auch nicht besonders).

Es ist mir unklar, warum sie mein etwas dreistes sexuelles Angebot nicht einfach ausschlug. Vielleicht übte ich zu jener Zeit so etwas wie eine magnetische Anziehungskraft aus, von der ihr Geist (sozusagen) wie Eisensplitter angezogen wurde. Oder es hatte gar nichts mit Geist und Magneten zu tun, sondern es verlangte sie rein zufällig nach körperlicher Befriedigung, und ich war nur »der Typ, der gerade zur Hand war«.

Jedenfalls konnte ich damals ganz selbstverständlich und ohne Hemmungen den gewünschten Partner spielen. Von Anfang an schien sie unsere Beziehung auf eine sehr natürliche Weise zu genießen. Was die körperliche Seite anging (wobei es zwischen uns kaum eine andere gab), hätte unsere Beziehung harmonischer nicht sein können. Wir vollzogen den Akt offen und unverfälscht, und diese Unverfälschtheit erreichte eine beinahe abstrakte Ebene, wie ich zu meiner Überraschung irgendwann feststellte.

Aber natürlich sollte ich eines Tages wieder zu meinem wahren Wesen zurückkehren. Eines trüben Morgens zu Beginn des Winters rief sie mich an. Sie sprach mit tonloser Stimme, als würde sie einen Text ablesen. »Es ist besser, wenn wir uns in Zukunft nicht mehr sehen. Es wäre ohnehin nicht mehr wie früher«, sagte sie. Oder etwas in dieser Art.

Es war genau, wie sie sagte. Wir hatten keine Basis mehr.

Während meines Studiums an der Kunsthochschule hatte ich hauptsächlich abstrakte Bilder gemalt. Dennoch war die Variation sehr groß, und ich war selbst nicht imstande, ihre Form und ihren Inhalt zu erklären. Jedenfalls bildete ich »frei und uneingeschränkt nichtkonkrete Vorstellungen« ab. Ein paarmal gewann ich im Rahmen von Ausstellungen sogar kleine Preise. Einige meiner Bilder wurden in Kunstzeitschriften abgedruckt. Es gab auch ein paar Professoren und Freunde, die sie besprachen und mich ermutigten. Abgesehen von den Erwartungen für meine Zukunft glaubte ich, zumindest über ein gewisses Talent zu verfügen. Allerdings brauchte ich für meine Ölgemälde große Leinwände und viel Material. Also häuften sich die Kosten. Und die Wahrscheinlichkeit, dass ein großzügiger Mäzen auftauchen würde, um eine größere Anzahl riesiger Ölbilder von einem namenlosen Künstler zu kaufen und seine Wände damit zu schmücken, ging vermutlich gegen null.

Natürlich konnte ich von dieser Art Malerei, auch wenn sie mir gefiel, nicht leben, also begann ich nach meinem Examen, Porträts auf Bestellung anzufertigen, um meinen Lebensunterhalt zu bestreiten. Ich porträtierte Firmenchefs, wichtige Persönlichkeiten wissenschaftlicher Gesellschaften, Parlamentsmitglieder, regionale Berühmtheiten, eben Menschen, die man als »Pfeiler der Gesellschaft« bezeichnet (obwohl sie in Umfang und Stabilität durchaus unterschiedlich waren). Gefordert war ein realistischer, profunder und ruhiger Stil. Die Gemälde waren sehr konkret und praktisch und dienten dazu, Ziernischen oder die Wände von Chefzimmern zu verschönen. Das hieß, ich musste bei meiner Arbeit Bilder malen, die meiner Individualität als Maler geradezu entgegengesetzt waren. Auch wenn ich noch so viele davon produzierte, zu künstlerischem Ruhm würde das nie führen.

Eine kleine, auf Porträtaufträge spezialisierte Firma in Yotsuya hatte mich auf persönliche Empfehlung eines Professors aus meiner Studienzeit unter Vertrag genommen. Ich bekam zwar kein regelmäßiges Salär, aber wenn ich genügend Aufträge hatte, reichte es für einen ledigen jungen Mann. Ich konnte mir ein bescheidenes Leben leisten, eine kleine Wohnung an der Seibu-Kokubunji-Linie mieten, drei Mahlzeiten am Tag essen, mir hin und wieder einen billigen Wein gönnen und ein Mädchen ins Kino einladen. Meine Aufträge führte ich termingerecht und sorgfältig aus, und wenn ich ein gewisses Einkommen erreicht hätte, würde ich später noch viele Jahre die Bilder malen können, die ich ernsthaft malen wollte. Natürlich sah ich die Porträtmalerei nur als ein vorläufiges Mittel zum Zweck und hatte nicht die Absicht, diese Tätigkeit bis in alle Ewigkeit fortzuführen.

Als Broterwerb war diese sogenannte Porträtmalerei sogar ziemlich angenehm. Während meines Studiums hatte ich eine Weile für eine Umzugsfirma und in einem Convenience Store gearbeitet. Dagegen war das Malen sowohl körperlich als auch geistig eine Erleichterung für mich. War man einmal mit den Regeln vertraut, musste man nur immer ein und denselben Vorgang wiederholen. Bald brauchte ich auch gar nicht mehr lange, um ein Porträt zu vollenden. Nicht anders als ein routinierter Pilot, der ein Flugzeug steuert.

Und nachdem ich ein Jahr lang unverdrossen gearbeitet hatte, merkte ich, dass meine Porträts unerwartet gut ankamen. Gegen die Zufriedenheit von Klienten ist ja nichts einzuwenden. Hätte es dagegen Beschwerden über die Machart meiner Porträts gegeben, hätte ich natürlich nicht weitermachen können. Oder mir wäre ganz einfach gekündigt worden. Doch da das Gegenteil der Fall war, bekam ich mehr und mehr Aufträge, und langsam, aber sicher stieg auch mein Honorar. Das Porträtieren wurde zu einer ernsthaften Beschäftigung. Und obwohl ich neu in der Firma war, erhielt ich einen Auftrag nach dem anderen, und mein Honorar wurde weiter erhöht. Auch der für mich zuständige Agent bewunderte meine Bilder. Einige der Auftraggeber lobten sogar meinen besonderen Stil.

Ich hatte keine Ahnung, warum ausgerechnet meine Porträts so geschätzt wurden, denn ich hatte die mir erteilten Aufträge klaglos, aber auch ohne großen Enthusiasmus einen nach dem anderen ausgeführt. Ehrlich gesagt, kann ich mich an kein einziges der Gesichter mehr erinnern, die ich damals gemalt habe. Dennoch war es mein Ziel, Maler zu werden, und welche Art von Bild auch immer ich mit meinem Pinsel auf die Leinwand brachte, ich hätte kein absolut schlechtes Bild malen können. Damit hätte ich meine Ehre als Künstler beschmutzt und meine Berufung verraten. Auch wenn dies Werke waren, auf die ich nicht stolz sein konnte, bemühte ich mich doch, keine Bilder zu malen, für die ich mich hätte schämen müssen. Wahrscheinlich nennt man das »Berufsehre«. Jedenfalls konnte ich nicht anders.

Wenn ich ein Porträt malte, bediente ich mich einer bestimmten Arbeitsweise. Zunächst einmal ließ ich die zu malende Person nicht Modell sitzen. Wenn ich einen Auftrag erhielt, führte ich zuerst ein etwa einstündiges Gespräch unter vier Augen mit dem Klienten (dem Menschen, der porträtiert wurde). Es wurde nur geredet. Ich machte keine Skizzen oder Ähnliches. Ich stellte verschiedene Fragen, und die Person antwortete darauf. Wo, wann, in welcher Familie war sie geboren worden, wie hatte sie ihre Jugend verbracht, auf welcher Schule war sie gewesen, was war sie von Beruf, ihre familiären Umstände, oder wie war sie in ihre jetzige Position gelangt? Wir sprachen auch über ihren Alltag und ihre Hobbys. In der Regel gaben die Menschen sehr bereitwillig Auskunft über sich. Manche sogar mit großer Begeisterung (vielleicht weil sie sonst nie jemand nach ihrem Leben fragte). Mitunter wurde aus einem für eine Stunde angesetzten Interview ein zwei- oder dreistündiges. Anschließend ließ ich mir fünf oder sechs Fotos von der Person aus ihrem Alltagsleben geben. Ganz normale Schnappschüsse. Danach machte ich von Fall zu Fall noch mit meiner Kleinbildkamera einige Porträtfotos aus verschiedenen Perspektiven. Mehr brauchte ich nicht.

»Muss ich Ihnen denn nicht in einer bestimmten Pose Modell sitzen?«, fragten mich die meisten Klienten besorgt. Kaum war ihr Porträt beschlossene Sache gewesen, hatten sie sich darauf eingestellt, dass der Maler – trugen die denn heutzutage keine Barette? – mit ernster Miene, den Pinsel in der Hand, vor der Leinwand stehen und sein Modell, das sich keinesfalls rühren dürfte, immer wieder genau in Augenschein nehmen würde. So wie man es häufig in Filmen sieht.

»Möchten Sie, dass wir es so machen?«, fragte ich zurück. »Für jemanden, der es nicht gewohnt ist, Modell zu sitzen, ist das ein hartes Stück Arbeit. Da Sie viele Stunden in derselben Haltung ausharren müssten, würde Ihnen sicher auch langweilig, und Sie bekämen Schmerzen in den Schultern. Aber wenn Sie darauf bestehen, machen wir es natürlich so.«

Selbstverständlich hatten neunundneunzig Prozent meiner Klienten diesen Wunsch nicht. Die meisten waren vielbeschäftigte Männer in den besten Jahren. Oder in fortgeschrittenem Alter und im Ruhestand. Sie zogen es vor, auf sinnlose Strapazen zu verzichten.

»Es genügt, wenn wir uns einmal treffen und ein Gespräch führen«, beruhigte ich sie. »Für das Gelingen Ihres Porträts spielt es absolut keine Rolle, ob ich Sie als lebendes Modell vor mir habe oder nicht. Sollten Sie jedoch unzufrieden sein, trage ich die Verantwortung und werde nachbessern.«

Ich brauchte in der Regel zwei Wochen für ein Porträt (bis das Bild dann ganz getrocknet war, vergingen mehrere Monate). Viel wichtiger, als die Person selbst vor Augen zu haben, war für mich die lebendige, plastische Erinnerung an sie (ihre tatsächliche Anwesenheit hätte mich eher gestört). Diese auf die Leinwand zu bannen war die weitaus bessere Methode. Anscheinend verfügte ich über ein starkes visuelles Erinnerungsvermögen und die Fähigkeit, diese visuellen Erinnerungen abzurufen. Und diese Fähigkeit – man könnte sie vielleicht als »spezielle Technik« bezeichnen – war mein wichtigstes Handwerkszeug.

Ein bedeutender Aspekt für einen Porträtisten ist es, seinen Klienten zumindest ein wenig sympathisch zu finden. Deshalb bemühte ich mich in dem anfänglichen einstündigen Interview, zumindest eine Eigenschaft in meinem Modell zu entdecken, die ich mochte. Natürlich gab es Menschen, bei denen dies absolut nicht möglich gewesen wäre, wenn ich ständigen persönlichen Umgang mit ihnen hätte pflegen müssen. Aber während einer zeitlich und räumlich begrenzten Begegnung einem Klienten die eine oder andere liebenswerte Eigenschaft abzugewinnen, bereitete mir keine großen Schwierigkeiten. In jedem Menschen findet sich, wenn man tief in sein Inneres blickt, unweigerlich ein Licht, das zum Vorschein kommt, sobald man seine beschlagene Oberfläche (und die haben wahrscheinlich viele) mit einem Tuch reinigt und poliert. Und dieser Geist durchdringt dann ganz von selbst das Werk.

So entwickelte ich mich unversehens zu einem Spezialisten für Porträtmalerei und machte mir in dieser eigenen kleinen Branche einen gewissen Namen. Als ich heiratete, kündigte ich den Vertrag mit der Firma in Yotsuya, machte mich selbstständig und nahm nun mithilfe einer Agentur Aufträge unter günstigeren Bedingungen an. Mein Agent war etwa zehn Jahre älter als ich und ein sehr kompetenter und ehrgeiziger Mann. Er empfahl mir, unabhängiger zu sein und meine Arbeit ernster zu nehmen. Ich porträtierte zahlreiche bedeutende Persönlichkeiten (die meisten aus Politik und Wirtschaft, Koryphäen auf ihrem Gebiet, obwohl mir kaum einer ihrer Namen geläufig war) und verdiente dabei nicht schlecht. Dennoch war es nicht so, dass ich ein »Meister« gewesen wäre. Die Welt der Porträts und die sogenannte »Kunstszene« sind völlig verschiedene Sphären. Vergleichbar mit der Welt der Fotografie, in der es nur einige wenige Fotografen gibt, die öffentlich wahrgenommen werden und einen Namen haben. Nur dass so etwas bei Porträtmalern überhaupt nicht vorkommt. Und was nicht in Kunstzeitschriften besprochen wird, kommt auch in keine Galerie. Porträts hängt man höchstens in Empfangs- und Wohnzimmern auf, wo sie verstauben und vergessen werden. Auch wenn gelegentlich jemand ein solches Bild genauer betrachtet (um sich die Zeit zu vertreiben), wird er sich so gut wie nie nach dem Namen des Künstlers erkundigen.

Manchmal kam ich mir vor wie eine Edelprostituierte der Kunst. Ich beherrschte eine gewisse Technik und erbrachte eine ehrliche und solide Dienstleistung im Rahmen meiner Fähigkeiten. Diese Fähigkeiten versetzten mich in die Lage, meine Auftraggeber zufriedenzustellen. Das war meine Gabe. Dabei handelte es sich nicht ausschließlich um einen professionellen oder technischen Vorgang. Es waren auch Gefühle involviert. Mein Honorar war keineswegs bescheiden, aber meine Auftraggeber zahlten, ohne zu murren, da für den Personenkreis, mit dem ich es zu tun hatte, die Höhe der Summe ohnehin keine Rolle spielte. Mein Ruf verbreitete sich durch Mundpropaganda, weshalb es mir nie an Kunden mangelte. Mein Auftragsbuch war immer voll. Von meiner Seite blieb nichts zu wünschen übrig. Nicht das Geringste.

Ich war nie der Typ Maler, der eigene Ambitionen hatte, und gehörte auch als Mensch nicht diesem Typus an. Ich ließ mich lediglich mit den Ereignissen treiben, und unversehens hörte ich ganz auf, für mich selbst zu malen. Der Umstand, dass ich verheiratet war und an die Sicherung unseres Lebensunterhalts zu denken hatte, war ein Grund dafür, aber das war es nicht allein. Eigentlich hatte ich schon vorher keinen starken Wunsch mehr gehegt, »Bilder für mich selbst« zu malen. Vielleicht bot meine Ehe mir nur eine gute Ausrede dafür. Ich hatte ein Alter erreicht, in dem ich mich nicht mehr als jung bezeichnen konnte, und anscheinend war in mir etwas – die Flamme, die in mir gebrannt hatte? – erloschen. Mit der Zeit war ihr wärmendes Feuer immer mehr in Vergessenheit geraten.

Wahrscheinlich hätte ich dem einen Riegel vorschieben sollen. Vorkehrungen dagegen treffen. Aber ich schob es immer wieder hinaus. Am Ende war es meine Frau, die vor mir den Schlussstrich zog. Ich war damals sechsunddreißig Jahre alt.

2 WAHRSCHEINLICH LANDEN WIR ALLE AUF DEM MOND

»Es tut mir sehr leid, aber ich kann nicht mehr mit dir zusammenleben«, eröffnete mir meine Frau ruhig und verfiel dann in ein langes Schweigen.

Ihre Ankündigung brach völlig unvorhergesehen und überraschend über mich herein. So abrupt kam sie, dass es mir die Sprache verschlug und ich nur stumm abwarten konnte, was sie weiter zu sagen hatte. Nicht, dass ich noch auf einen positiveren Ausblick hoffte, aber ich konnte einfach nichts anderes tun, als auf ihre nächsten Worte warten.

Wir saßen einander gegenüber an unserem Küchentisch. An einem Sonntagnachmittag Mitte März. Mitte April würde unser sechster Hochzeitstag sein. Seit dem Morgen fiel ein kalter Regen. Nach ihrer Ankündigung sah ich als Erstes aus dem Fenster, um den Zustand des Regens zu überprüfen. Es war ein unauffälliger, sanfter Regen. Es wehte kaum ein Wind. Dennoch brachte der Regen eine Kühle, die mich frösteln ließ und mir sagte, dass der Frühling noch in weiter Ferne lag. In der diesigen, regenverhangenen Luft glomm orangefarben der Tokio Tower. Kein Vogel flog am Himmel. Die Vögel kauerten wahrscheinlich, Schutz vor dem Regen suchend, unter irgendwelchen Dachtraufen.

»Du fragst mich gar nicht nach dem Grund«, sagte sie schließlich.

Ich legte den Kopf ein wenig schräg, was nicht Ja und nicht Nein bedeutete. Da mir partout nichts zu sagen einfiel, zuckte ich nur reflexartig mit den Schultern.

Sie trug einen dünnen violetten Pullover mit weitem Ausschnitt. Er war an einer Seite verrutscht, und an ihrem Schlüsselbein schaute der weiche Träger ihres weißen Unterhemdes hervor. Er sah aus wie eine besondere Nudelsorte, die man für ein spezielles Pastagericht benutzte.

»Doch, eine Frage hätte ich«, sagte ich endlich, ohne meinen Blick von dem Träger lösen zu können. Meine Stimme klang steif, und es fehlte ihr eindeutig an Wärme und Zuversicht.

»Gern, wenn ich sie beantworten kann.«

»Bin ich daran schuld?«

Sie dachte einen Augenblick lang nach. Dann hob sie den Kopf und holte tief Luft, als wäre sie lange unter Wasser gewesen.

»Nicht direkt, glaube ich.«

»Nicht direkt?«

»Nein, glaube ich nicht.«

Ich erwog den subtilen Beiklang ihrer Worte. Als würde ich das Gewicht eines rohen Eis in meiner Handfläche prüfen. »Das heißt also, indirekt ja?«

Meine Frau antwortete nicht auf meine Frage. »Vor einigen Tagen hatte ich gegen Morgen einen Traum«, sagte sie stattdessen. »Er war so lebendig, dass ich die Grenze zwischen Traum und Wirklichkeit nicht ziehen konnte. Und als ich aufwachte, dachte ich, nein, wusste ich, dass ich nicht länger mit dir zusammenleben kann.«

»Was war das für ein Traum?«

Sie schüttelte den Kopf. »Tut mir leid, aber den Inhalt kann ich dir nicht erzählen.«

»Weil der Traum etwas zu Persönliches enthielt?«

»Kann sein.«

»Kam ich auch in diesem Traum vor?«, fragte ich.

»Nein. In diesem Sinne trägst du auch keine direkte Verantwortung.«

Zur Sicherheit fasste ich noch einmal zusammen, was sie gesagt hatte. Ich hatte es mir schon früh angewöhnt, die Aussagen von Gesprächspartnern zusammenzufassen, wenn ich nicht wusste, was ich dazu sagen sollte (ich brauche nicht zu erwähnen, dass das manchen Leuten ganz schön auf die Nerven fällt).

»Das heißt also, du hattest vor einigen Tagen einen sehr realistischen Traum. Und als du aufwachtest, warst du dir sicher, dass du nicht länger mit mir zusammenleben kannst. Aber den Inhalt dieses Traums kannst du mir nicht mitteilen, da es in diesem Traum um etwas sehr Persönliches ging. Ist es so?«

Sie nickte. »Ja, genau.«

»Aber das erklärt doch gar nichts.«

Sie legte beide Hände auf den Tisch und blickte in den Kaffeebecher, der vor ihr stand, als wollte sie etwas daraus lesen. Ihrem Blick nach zu schließen handelte es sich um einen ziemlich symbolträchtigen und vieldeutigen Text.

Träume hatten für meine Frau schon immer eine große Bedeutung gehabt. Manchmal fasste sie wegen eines Traums einen Entschluss oder änderte ihr Urteil. Aber so wichtig sie ihre Träume auch nehmen mochte, sie konnte doch nicht nur wegen eines besonders lebhaften Traums das Gewicht unserer sechsjährigen Ehe für nichtig erklären.

»Natürlich war der Traum nicht mehr als ein Auslöser«, sagte sie, als hätte sie meine Gedanken gelesen. »Durch ihn sind mir verschiedene Dinge nur ganz deutlich geworden.«

»Wenn man den Abzug drückt, kommt eine Kugel raus.«

»Was meinst du damit?«

»Bei einem Gewehr ist das ein wichtiger Faktor, und ich empfinde den Ausdruck, etwas sei nur ein Auslöser, als unpassend.«

Sie sah mich wortlos an. Anscheinend hatte sie nicht richtig verstanden, was ich sagen wollte. Eigentlich hatte ich es selbst nicht richtig verstanden.

»Hast du jemand anderen kennengelernt?«, fragte ich.

Sie nickte.

»Und schläfst du mit diesem anderen?«

»Ja. Es tut mir sehr leid.«

Wahrscheinlich hätte ich fragen sollen, wer es war und wie lange das schon ging. Andererseits wollte ich das gar nicht so gern wissen. Und auch nicht darüber nachdenken. Also richtete ich meinen Blick wieder aus dem Fenster und schaute in den andauernden Regen. Wieso hatte ich bisher nichts davon bemerkt?

»Aber das ist nur eine Sache von vielen«, sagte meine Frau.

Ich blickte wieder in die Wohnung zurück, die mir seit Langem vertraut war, doch sie hatte sich bereits in eine ferne, kalte, fremde Szenerie verwandelt.

Nur eine Sache von vielen?

Ich dachte angestrengt darüber nach, was sie damit sagen wollte. Sie hatte Sex mit einem anderen Mann als mir. Aber das war nur eine Sachevon vielen. Was in aller Welt waren die anderen?

»Du brauchst gar nichts weiter zu machen, ich ziehe in ein paar Tagen aus. Da ich die Verantwortung trage, werde selbstverständlich ich gehen.«

»Steht schon fest, wohin du gehen wirst, nachdem du mich verlassen hast?«

Meine Frau antwortete nicht, aber anscheinend hatte sie bereits ein Ziel. Wahrscheinlich hatte sie mir die ganze Sache erst eröffnet, nachdem sie schon alle Vorbereitungen getroffen hatte. Bei diesem Gedanken überfiel mich ein solches Gefühl der Ohnmacht, als hätte ich mich in völliger Dunkelheit verirrt. Die ganze Geschichte hatte sich unaufhaltsam und ohne mein Wissen entwickelt.

»Da ich gern möglichst schnell die Scheidung einreichen würde, wäre es gut, wenn du einverstanden wärst. Ich nehme alles auf mich«, sagte meine Frau.

Ich hörte auf, in den Regen zu starren, und sah sie an. Wieder einmal dachte ich, dass ich kaum etwas über diese Frau wusste, obwohl ich nahezu sechs Jahre lang unter einem Dach mit ihr gelebt hatte. So wie die Menschen zwar jeden Abend den Mond am Himmel betrachten, aber nicht das Geringste von ihm wissen.

»Ich habe nur eine Bitte an dich«, sagte ich zu ihr. »Wenn du sie dir angehört hast, kannst du tun, was dir beliebt. Ich werde die Scheidungspapiere ohne Einwand unterschreiben.«

»Was für eine Bitte?«

»Ich möchte derjenige sein, der auszieht, und zwar noch heute. Ich möchte, dass du hierbleibst.«

»Du willst heute noch ausziehen?«, fragte sie überrascht.

»Es ist besser, wir bringen das möglichst schnell hinter uns, nicht?«

Sie überlegte einen Moment lang. »Wenn du es so willst«, sagte sie dann.

Dies entsprach wirklich ganz aufrichtig meiner Empfindung. Alles war besser, als allein im kalten Märzregen an diesem elenden, ruinösen Ort zurückbleiben zu müssen.

»Es ist dir doch recht, wenn ich den Wagen nehme?«

Eigentlich war die Frage überflüssig. Es handelte sich um ein altes Auto mit Handschaltung, das ich vor unserer Hochzeit von einem Freund für fast nichts übernommen und das die 100000 Kilometer bereits überschritten hatte. Außerdem hatte meine Frau gar keinen Führerschein.

»Meine Malutensilien, Kleidung und was ich sonst noch so brauche, hole ich später. Ist das in Ordnung?«

»Natürlich, aber wann wird das ungefähr sein? Wie viel später?«

»Weiß ich nicht«, sagte ich. Im Augenblick stand mir nicht der Sinn danach, über Künftiges nachzudenken. Sie hatte mir den Boden unter den Füßen weggezogen, und mich einfach nur hier und jetzt auf den Beinen zu halten kostete mich bereits meine ganze Kraft.

»Denn wahrscheinlich werde ich nicht mehr so lange hier sein«, brachte sie sichtlich mühsam hervor.

»Wahrscheinlich landen wir alle irgendwann auf dem Mond«, sagte ich.

Anscheinend hatte sie mich nicht verstanden. »Was hast du gerade gesagt?«

»Nichts. Nichts von Bedeutung.«

Bis sieben Uhr abends hatte ich einige Habseligkeiten in eine große Sporttasche gepackt und den Kofferraum meines roten Peugeot 205 beladen. Kleidung zum Wechseln, Waschzeug, einige Bücher und ein Tagebuch. Und die einfache Campingausrüstung, die ich immer auf Bergwanderungen mitnahm. Ein Skizzenbuch und einen Satz Bleistifte. Mir fiel absolut nichts ein, was ich sonst noch brauchen würde. Aber wenn etwas fehlte, konnte ich es jederzeit irgendwo kaufen. Als ich mich anschickte, mit meiner Sporttasche die Wohnung zu verlassen, saß meine Frau noch immer am Küchentisch. Sogar ihr Kaffeebecher stand noch dort. Und sie starrte mit dem gleichen Blick wie zuvor hinein.

»Hör mal, ich hätte auch noch eine Bitte«, sagte sie. »Können wir nicht, auch wenn wir jetzt getrennt sind, Freunde bleiben?«

Was wollte sie mir damit sagen? Schon in Straßenschuhen, die Tasche über der Schulter und eine Hand am Türknauf, blickte ich sie an.

»Freunde bleiben? Wie meinst du das?«

»Ich dachte, wir könnten uns doch hin und wieder treffen und reden.«

Ich verstand noch immer nicht richtig, was sie meinte. Freunde bleiben? Sich hin und wieder treffen und reden? Worüber denn? Es war, als hätte sie mir ein Rätsel aufgegeben. Was in aller Welt sollte das heißen? Dass sie keinen Groll gegen mich hegte?

»Tja, ich weiß nicht«, sagte ich. Mehr fiel mir dazu nicht ein. Ich hätte noch eine Woche lang dort stehen und überlegen können, und mir wäre nichts eingefallen. Also öffnete ich die Tür und verließ die Wohnung.

Ich wusste nicht einmal, was ich anhatte. Selbst wenn ich im Schlafanzug oder Bademantel gewesen wäre, hätte ich es hundertprozentig nicht gemerkt. Später sah ich im Ganzkörperspiegel auf der Toilette einer Raststätte, dass ich meinen Arbeitspullover, eine grell orangefarbene Daunenjacke, Jeans, Arbeitsstiefel und eine alte Strickmütze trug. Der abgetragene grüne Pullover mit dem runden Ausschnitt war voller Farbflecken. Von den Sachen, die ich anhatte, waren nur die Jeans neu, und ihr frisches Blau stach richtig ins Auge. Insgesamt sah ich ziemlich wüst aus, aber nicht völlig daneben. Allein, dass ich meinen Schal vergessen hatte, bereute ich.

Als ich aus der Tiefgarage fuhr, fiel noch immer lautlos der kalte Märzregen. Die Scheibenwischer des Peugeot klangen wie das heisere Räuspern eines alten Mannes.

Da ich keine Ahnung hatte, wohin ich sollte, fuhr ich eine Weile ziellos durch die Stadt, um nachzudenken. Nachdem ich an der Kreuzung Nishi-Azabu die Gaien nishi-dori in Richtung Aoyama gefahren, in Aoyama-sanchome rechts nach Akasaka abgebogen und dort ein wenig herumgekurvt war, kam ich in Yotsuya heraus. Dort fuhr ich zum Auftanken an eine Tankstelle, die ich zufällig an der Straße entdeckte. Außerdem ließ ich Öl und Reifendruck überprüfen und die Scheibenwischanlage auffüllen. Wahrscheinlich würde ich größere Entfernungen zurücklegen. Vielleicht sogar bis zum Mond fahren.

Ich zahlte mit Kreditkarte und reihte mich wieder in den Verkehr ein. An einem regnerischen Sonntagabend wie diesem war kaum etwas los. Ich schaltete das Radio ein, aber es wurde zu viel langweiliges Zeug geredet. Die Stimmen der Sprecher waren zu schrill. Ich legte das erste Album von Sheryl Crow in den CD-Spieler. Nach drei Titeln schaltete ich ab.

Unversehens fand ich mich auf der Mejiro-dori wieder. Es hatte ein bisschen gedauert, bis ich wusste, wohin ich fuhr. Inzwischen hatte ich begriffen, dass ich von Waseda in Richtung Nerima unterwegs war. Da ich die Stille nicht mehr ertragen konnte, schaltete ich den CD-Spieler wieder ein und hörte mir noch einige Titel von Sheryl Crow an. Und wieder schaltete ich aus. Die Stille war mir zu still und die Musik zu laut. Doch letztlich war die Stille weniger unangenehm. Alles, was ich nun hörte, waren das heisere Wischen der vergammelten Gummilippen meiner Scheibenwischer und das unablässige Rauschen der Reifen auf der regennassen Fahrbahn.

In dieser Stille stellte ich mir vor, wie meine Frau in den Armen eines anderen Mannes lag.

Es wäre besser gewesen, wenn ich früher davon gewusst hätte. Warum hatte ich nichts gemerkt? Dabei hatten wir schon seit mehreren Monaten nicht miteinander geschlafen. Bei jedem Annäherungsversuch von meiner Seite hatte sie stets alle möglichen Gründe angeführt, die dagegensprachen. Und schon eine ganze Weile davor war sie nicht gerade begeistert von Geschlechtsverkehr gewesen. Doch damals hatte ich mir eingeredet, dass es solche Phasen eben gab. Sie arbeitete jeden Tag und war müde, und die physische Verfassung spielte auch eine Rolle. Aber natürlich hatte sie mit einem anderen Mann geschlafen. Wann hatte das angefangen? Ich forschte in meinem Gedächtnis. Vermutlich vor vier oder fünf Monaten, also im Oktober oder November.

Allerdings konnte ich mich überhaupt nicht erinnern, was im vergangenen Jahr im Oktober oder November gewesen war. Ich wusste ja kaum, was gestern passiert war.

Während ich darauf achtete, keine Ampel zu übersehen und den Bremslichtern meines Vordermanns nicht zu nahe zu kommen, dachte ich ununterbrochen darüber nach, was im Herbst letzten Jahres geschehen war. Ich konzentrierte mich so stark, dass mir ganz heiß im Kopf wurde. Mit der Rechten schaltete ich, dem Verkehr entsprechend, während ich mit dem linken Fuß die Kupplung trat. Nie hätte ich gedacht, dass ich einmal so dankbar sein würde, einen Wagen mit Handschaltung zu fahren. So war ich neben den Grübeleien über die Affäre meiner Frau physisch mit dem Gebrauch meiner Hände und Füße beschäftigt.

Was in aller Welt hatte sich im letzten Oktober und November zugetragen?

Ein Abend im Herbst. Ich sah vor mir, wie ein fremder Mann meiner Frau auf einem großen Bett die Kleider auszog. Seine Hände. Ich dachte an den Träger ihres weißen Unterhemds. Ich wollte mir so etwas nicht im Detail vorstellen, aber die Abfolge meiner einmal in Gang gesetzten Fantasien war nicht zu durchtrennen. Ich seufzte und fuhr auf den Parkplatz einer Raststätte, die vor mir auftauchte. Ich öffnete das Fenster auf der Fahrerseite, sog die feuchte Luft tief in meine Lungen ein, und nach einiger Zeit beruhigte sich mein Herzschlag. Ich stieg aus. Einen Schirm brauchte ich nicht, meine Strickmütze tief ins Gesicht gezogen, durchquerte ich den feinen Regen, betrat das Lokal und setzte mich in eine Nische.

Der Raum war nahezu leer. Die Bedienung kam, und ich bestellte einen Kaffee und ein Schinken-Käse-Sandwich. Mit geschlossenen Augen trank ich den Kaffee und versuchte mich zu entspannen. Bemühte mich, die Szenen, in denen meine Frau mit dem anderen Mann schlief, aus meinem Kopf zu verbannen. Aber sie ließen sich nicht vertreiben.

Ich ging zur Toilette, wusch mir die Hände gründlich mit Seife und betrachtete mein Gesicht im Spiegel über dem Waschbecken. Meine Augen wirkten kleiner als sonst und waren gerötet. Ich sah ausgezehrt und furchtsam aus, wie ein Waldtier, dem der Hunger allmählich die Lebenskraft raubt. Mit einem Frotteetuch wischte ich mir Gesicht und Hände ab und nahm anschließend in einem großen Wandspiegel mein gesamtes Äußeres in Augenschein. Vor mir stand ein abgewirtschafteter Mann von sechsunddreißig Jahren in einem schäbigen, mit Farbe beschmierten Pullover.

Und wo soll ich jetzt hin?, fragte ich mein Spiegelbild. Oder besser: Wie weit ist es mit mir gekommen? Wo bin ich? Und noch dringlicher: Wer bin ich überhaupt?

Während ich mich im Spiegel betrachtete, dachte ich daran, ein Porträt von mir selbst anzufertigen. Wie würde ich mich malen? Wäre ich imstande, mir selbst gegenüber so etwas wie Sympathie zu empfinden? Würde ich etwas Strahlendes an mir entdecken – und sei es nur eine einzige Sache?

Ohne zu einem Schluss gelangt zu sein, kehrte ich an meinen Platz zurück. Ich trank meinen Kaffee aus und bestellte einen weiteren. Ich bat die Bedienung um eine Papiertüte für mein noch unberührtes Sandwich. Später würde ich bestimmt Hunger bekommen. Aber im Augenblick war mir nicht nach Essen zumute.

Bald nachdem ich die Raststätte verlassen hatte und wieder auf der Straße war, kündigte ein Schild die Auffahrt zur Kan’etsu-Autobahn an, und ich beschloss, auf ihr nach Norden zu fahren. Was ich im Norden wollte, wusste ich nicht. Aber irgendwie hatte ich das Gefühl, es wäre besser, sich nach Norden als nach Süden zu wenden. Ich wollte an einen kalten, reinen Ort. Am wichtigsten war mir jedoch, sei es im Norden oder Süden, zumindest ein wenig Abstand zu dieser Stadt zu gewinnen.

Im Handschuhfach lagen fünf oder sechs CDs. Mendelssohns Oktett, gespielt vom Ensemble I Musici, das meine Frau sehr gern beim Autofahren hörte, war auch dabei. Das Oktett war eine originelle Komposition für ein Streichquartett aus vier Geigen, zwei Bratschen und zwei Celli. Ein Stück mit einer wunderschönen Melodie. Mendelssohn war erst sechzehn, als er es komponierte. Ein Wunderkind. Das wusste ich von meiner Frau.

Was haben Sie mit sechzehn gemacht?

Ich weiß noch, dass ich damals bis über beide Ohren in ein Mädchen aus meiner Klasse verliebt war.

War ich mit ihm zusammen?

Nein, ich habe kaum mit ihm geredet. Es nur von fern angehimmelt. Mir fehlte der Mut, es anzusprechen. Also ging ich nach Hause und zeichnete es. Immer wieder.

»Du hast früher schon die gleichen Sachen gemacht wie heute«, hatte meine Frau gesagt und gelacht, als ich ihr davon erzählt hatte.

»Ja, ich mache seit jeher immer das Gleiche«, hatte ich erwidert.

Ja, ich mache seit jeher immer das Gleiche, wiederholte ich im Geist meine Worte von damals.

Ich nahm Sheryl Crow heraus und legte das Album Pyramid des Modern Jazz Quartet ein. Ein wohltuendes Blues-Solo von Milt Jackson im Ohr, fuhr ich geradewegs nach Norden. Mitunter machte ich an einem Rastplatz halt, um ausgiebig zu urinieren und ein paar Becher schwarzen Kaffees zu trinken, aber abgesehen davon saß ich fast die ganze Nacht am Steuer. Auf die Überholspur wechselte ich nur, wenn ein später Lastwagen allzu langsam vor mir herzockelte. Seltsamerweise verspürte ich nicht die geringste Müdigkeit. Ich war so wach, dass ich mich fragte, ob ich womöglich mein Leben lang nicht mehr schlafen würde.

Noch vor Sonnenaufgang erreichte ich das Japanische Meer.

Von Niigata aus fuhr ich die felsige Küste entlang nach Norden und durch Yamagata nach Akita. Von Aomori setzte ich nach Hokkaido über, wo ich nicht die Autobahn-Route wählte, sondern mich langsam auf Nebenstraßen fortbewegte. Meine Reise hatte nichts Hektisches. Sobald es Abend wurde, suchte ich mir ein billiges Businesshotel oder eine einfache Pension und legte mich dort in ein schmales Bett. Glücklicherweise konnte ich, ganz gleich wo und auf welchem Lager, in der Regel sofort einschlafen.

Am zweiten Morgen hatte ich in der Nähe der Stadt Murakami meinen Agenten angerufen, um ihm mitzuteilen, dass ich eine Zeit lang keine Porträts mehr malen würde. Es waren noch einige Aufträge offen, aber ich war nicht in der Verfassung, um arbeiten zu können.

»Das ist sehr unangenehm für uns. Immerhin haben wir die Aufträge angenommen«, sagte mein Agent in strengem Ton.

Ich entschuldigte mich wortreich. »Aber ich kann nicht anders. Können Sie den Herrschaften nicht sagen, ich hätte einen Autounfall gehabt oder so was? Es gibt ja auch noch andere Maler als mich.«

Der Agent schwieg erst einmal. Bisher hatte ich nicht ein einziges Mal zu spät abgeliefert. Ihm war bewusst, dass ich, was meine Arbeit anging, keineswegs unzuverlässig war.

»Ich werde umständehalber für eine Weile nicht in Tokio sein«, erklärte ich. »Es tut mir sehr leid, aber während dieser Zeit kann ich nicht arbeiten.«

»Was bedeutet ›eine Weile‹? Wie lange wird das sein?«

Auf diese Frage hatte ich keine Antwort. Ich legte auf, schaltete mein Handy aus, suchte mir einen passenden Fluss, hielt auf einer Brücke und warf den kleinen Kommunikationsapparat aus dem Fenster. Es tat mir ein bisschen leid, aber ich hatte keine andere Wahl, als darauf zu verzichten. Keine andere Wahl, als mich auf dem Mond zu wähnen.

In Akita ging ich zur Bank, holte mir Bargeld und rief meinen Kontostand ab. Es war noch einigermaßen genug, um mit meiner Kreditkarte davon zu zehren. Ich war in der Lage, noch eine ganze Weile auf diese Weise unterwegs zu sein, da ich nicht besonders viel Geld für meine täglichen Bedürfnisse brauchte. Nur die Kosten für Benzin, Essen und die Übernachtungen in Businesshotels. Das war alles.

In einem Outlet am Stadtrand von Hakodate kaufte ich mir ein einfaches Zelt und einen Schlafsack. Da es auf Hokkaido auch im Frühling noch kalt ist, nahm ich auch ein warmes Inlet dazu. Falls es in der Nähe eines Ortes einen Campingplatz gab, würde ich dort mein Zelt aufschlagen und übernachten, um Unterkunftskosten zu sparen. Es lag noch immer Schnee, und die Nächte waren kalt, aber gegenüber den erstickend engen Räumen der Businesshotels empfand ich eine Übernachtung im Zelt als willkommene Erfrischung. Unter mir die harte Erde und darüber die grenzenlose Weite des Himmels, an dem unzählige Sterne funkelten. Sonst nichts.

Drei Wochen lang fuhr ich mit meinem Peugeot ziellos durch Hokkaido. Inzwischen war es April, aber in diesem Jahr verspätete sich die Schneeschmelze. Dennoch veränderte sich die Farbe des Himmels merklich, und erste Pflanzenknospen brachen auf. Einmal übernachtete ich in einem kleinen Onsen-Hotel, badete lange, wusch mir die Haare, rasierte mich und aß verhältnismäßig anständig. Dennoch hatte ich seit meiner Abreise aus Tokio fünf Kilo abgenommen.

Ich las keine Zeitung und sah auch nicht fern. Auch der Empfang meines Autoradios war seit meiner Ankunft in Hokkaido schlecht, und bald hörte ich gar nichts mehr. Ich hatte keine Ahnung, was auf der Welt vor sich ging, und war auch nicht sonderlich erpicht darauf, es zu erfahren. Einmal ging ich in Tomakomai in einen Waschsalon, um meine verschmutzte Kleidung ordentlich zu waschen. Während ich wartete, ging ich zu dem Friseur nebenan und ließ mir die Haare schneiden. Ich ließ mich auch rasieren. Im Friseursalon lief der Fernseher, und ich sah seit Längerem wieder einmal die Nachrichten von NHK. Eigentlich hielt ich die Augen geschlossen, aber die Stimme des Sprechers dröhnte mir unangenehm in den Ohren. Die Nachrichten, die er kundtat, hatten nicht den geringsten Bezug zu mir, sodass sie mir wie Ereignisse von einem anderen Stern vorkamen. Oder wie etwas, das sich jemand einfach ausgedacht hatte.

Die einzige Nachricht, die einen Zusammenhang mit mir zu haben schien, war die, dass ein dreiundsiebzig Jahre alter Pilzsammler in den Wäldern von Hokkaido von einem Bären angegriffen und getötet worden war. Gerade aus dem Winterschlaf erwachte Bären stellten, so der Sprecher, eine große Gefahr dar, weil sie ausgehungert und deshalb sehr aggressiv seien. Ich schlief hin und wieder im Zelt und spazierte selbst nach Gutdünken allein durch den Wald, also wäre es nicht verwunderlich gewesen, wäre auch ich von einem Bären angegriffen worden. Es war nur ein Zufall gewesen, dass der Bär den alten Mann und nicht mich erwischt hatte. Doch aus irgendeinem Grund empfand ich kein Mitgefühl mit dem Alten, der von dem Bären zerrissen worden war. Ich konnte weder seine Schmerzen noch seine Angst noch sein Entsetzen nachempfinden. Eigentlich hatte ich sogar eher Mitleid mit dem Bären. Nein, Mitleid war nicht das richtige Wort. Ich fühlte mich auf seiner Seite.

Während ich mich im Spiegel betrachtete, fragte ich mich flüsternd, ob ich womöglich verrückt geworden sei. Es fühlte sich tatsächlich ein wenig so an, als hätte ich den Verstand verloren. In diesem Zustand sollte ich mich vielleicht lieber von anderen fernhalten. Zumindest für eine Weile.

Mitte April hatte ich allmählich genug von der Kälte. Also ließ ich Hokkaido hinter mir und setzte wieder auf die Hauptinsel über. Ich fuhr von Aomori nach Iwate, von Iwate nach Miyagi und die Pazifikküste entlang. Je weiter ich nach Süden kam, desto frühlingshafter wurde das Wetter. Während dieser ganzen Zeit dachte ich an nichts anderes als an meine Frau. An die Arme des Unbekannten, die sie vielleicht gerade auf irgendeinem Bett umfingen. Ich wollte nicht daran denken, aber mir fiel keine einzige andere Sache ein, an die ich hätte denken können.

Wir hatten uns kurz vor meinem dreißigsten Geburtstag kennengelernt. Sie war drei Jahre jünger als ich und eine frühere Klassenkameradin meiner damaligen Freundin. Sie war Holzbau-Architektin in einem kleinen Architekturbüro in Yotsuya-san-chome. Sie hatte langes, glattes Haar, trug kaum Make-up, und ihre Gesichtszüge hatten etwas Heiteres (dass ihr Charakter nicht so heiter war wie ihr Äußeres, sollte ich bald merken, aber davon später). Wir waren uns zufällig in einem Restaurant begegnet und einander vorgestellt worden, und ich hatte mich beinahe augenblicklich in sie verliebt.

Ihr Gesicht war nicht besonders aufsehenerregend. Es war kein Fehler daran zu entdecken, aber es zog auch keine Blicke auf sich. Sie hatte lange Wimpern, eine feine Nase und war insgesamt zierlich. Ihr Haar, das ihr gerade bis zu den Schulterblättern reichte, war sorgfältig geschnitten (sie achtete sehr auf ihr Haar). Sie hatte volle Lippen und im rechten Mundwinkel ein Muttermal, das sich, wenn sie ihren Gesichtsausdruck veränderte, seltsam bewegte, was einen sinnlichen Eindruck vermittelte, aber auch das bemerkte nur, wer aufmerksam hinsah. Aus landläufiger Perspektive war meine damalige Freundin viel hübscher; dennoch stahl meine spätere Frau mir sofort mein Herz. Es war wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Woran das lag? Es vergingen mehrere Wochen, bis es mir auf einmal klar wurde. Sie erinnerte mich an meine verstorbene jüngere Schwester. Und zwar sehr stark.

Nicht, dass die beiden sich äußerlich ähnlich gewesen wären. Hätte man ihre beiden Fotos verglichen, hätten die meisten vielleicht gesagt, es gebe überhaupt keine Ähnlichkeit. Deshalb hatte ich die Verbindung auch zu Anfang nicht bemerkt. Was mich an meine jüngere Schwester erinnerte, waren nicht ihre konkreten Gesichtszüge. Vielmehr waren ihre Mimik sowie der Glanz und die Bewegungen ihrer Augen auf fast unheimliche Weise identisch. Als wäre durch einen Zauber die Vergangenheit wieder lebendig geworden.

Meine drei Jahre jüngere Schwester hatte einen angeborenen Herzfehler gehabt. Als kleines Kind war sie mehrmals operiert worden, und die Operationen waren an sich erfolgreich verlaufen, aber es waren dennoch Nachwirkungen geblieben, von denen die Ärzte nicht mit Sicherheit hatten sagen können, ob sie später tödliche Folgen haben würden oder ob meine Schwester sich davon erholen würde. Am Ende war sie gestorben, als ich fünfzehn Jahre alt war. Kurz bevor sie in die siebte Klasse gekommen wäre. Ihr gesamtes kurzes Leben lang hatte sie unentwegt gegen diesen genetischen Defekt angekämpft und dabei trotzdem nie ihr fröhliches und optimistisches Naturell eingebüßt. Bis zum Schluss hatte sie nie geklagt oder geweint und immer ausgiebig Pläne für später geschmiedet, in denen für ihren Tod kein Platz gewesen war. Sie war von Natur aus intelligent und hatte immer ausgezeichnete Noten (sie war ein viel begabteres Kind als ich). Sie hatte einen starken Willen, und wenn sie sich für etwas entschieden hatte, war sie durch nichts davon abzubringen. Auch wenn wir einmal einen geschwisterlichen Zwist austrugen – was nur selten vorkam –, war zum Schluss immer ich derjenige, der nachgab. Selbst als sie gegen Ende schon sehr stark abgenommen hatte, strahlten ihre Augen noch unverändert vor Lebenskraft.

Diese Augen waren es, die mich an meiner Frau anzogen. Es lag etwas Forschendes in ihnen. Und als ich zum ersten Mal hineinblickte, rührten sie heftig an mein Herz. Natürlich wollte ich, indem ich sie für mich gewann, nicht meine verstorbene jüngere Schwester zurückholen. Und selbst wenn ich es gewollt hätte, hätte ich doch gewusst, dass ich bloß enttäuscht sein würde. Was ich von ihr wollte beziehungsweise brauchte, war ihre vorwärtsgewandte Kraft. So etwas wie eine sichere Energiequelle, die mein Leben speiste. Das war etwas Vertrautes für mich und zugleich auch das, was mir selbst fehlte.

Ich bat sie um ihre Telefonnummer und verabredete mich mit ihr. Natürlich war sie überrascht und zögerte. Immerhin war ich der Freund ihrer Freundin. Aber ich ließ mich nicht so leicht abweisen. Ich erklärte, ich wolle sie nur sehen und mich mit ihr unterhalten. Ob das möglich sei. Mehr würde ich gar nicht verlangen. Wir aßen in einem ruhigen Restaurant und sprachen über alles Mögliche. Die Unterhaltung verlief anfangs ein wenig schleppend, wurde aber bald sehr lebhaft. Es gab einen ganzen Berg von Dingen, die ich von ihr wissen wollte, und es fehlte nicht an Gesprächsstoff. Ich erfuhr, dass ihr Geburtstag und der meiner Schwester nur drei Tage auseinanderlagen.

»Hättest du etwas dagegen, wenn ich eine Zeichnung von dir anfertigen würde?«, fragte ich.

»Jetzt? Hier?«, fragte sie und sah sich um. Wir hatten noch ein Dessert bestellt.

»Bis der Nachtisch kommt, bin ich fertig«, sagte ich.

»Also gut, einverstanden«, sagte sie zögernd.

Ich zog das Skizzenbuch, das ich stets bei mir trage, aus der Tasche und machte rasch eine Zeichnung mit einem 2B-Bleistift. Wie versprochen, war ich fertig, bevor das Dessert serviert wurde. Der wichtigste Teil waren natürlich ihre Augen. Sie waren es, die ich eigentlich hatte zeichnen wollen. Die zeitlose Tiefe, die in ihnen lag.

Ich zeigte ihr meine Zeichnung. Sie schien ihr zu gefallen.

»Sie ist sehr lebendig.«

»Das kommt, weil du selbst lebendig bist«, sagte ich.

Sie betrachtete das Bild lange und interessiert. Als würde sie eine unbekannte Seite an sich selbst entdecken.

»Wenn sie dir gefällt, schenke ich sie dir.«

»Kann ich das wirklich annehmen?«, sagte sie.

»Selbstverständlich. Es ist ja nur eine Skizze.«

»Danke.«

Danach hatten wir noch mehrere Dates, und schließlich waren wir zusammen. Es ergab sich ganz natürlich. Allerdings war es für meine Freundin ein großer Schock, dass ich ihr sozusagen von einer ihrer besten Freundinnen ausgespannt worden war. Ich glaube, sie hatte vielleicht sogar ins Auge gefasst, mich zu heiraten. Natürlich war sie ziemlich wütend auf mich (andererseits hatte ich sowieso nicht vorgehabt, sie zu heiraten). Überdies war meine spätere Frau damals auch noch mit einem anderen Mann zusammen, der sich ebenfalls nicht so leicht abspeisen lassen wollte. Doch ungeachtet aller Hindernisse waren wir im Jahr darauf Mann und Frau. Wir feierten eine kleine Party mit ein paar engen Freunden und richteten uns in einem schönen Apartment in Hiroo ein. Es gehörte einem Onkel von ihr, der es uns zu einem verhältnismäßig niedrigen Preis vermietete. Ich machte das kleinere Zimmer zu meinem Atelier, in dem ich meiner Arbeit als Porträtmaler nachging. Jetzt musste ich mich ein bisschen mehr anstrengen. Als verheirateter Mann brauchte ich ein gesichertes Einkommen, und außer dem Malen von Porträts hatte ich keine Einnahmequelle. Meine Frau fuhr von nun an mit der U-Bahn in das Architekturbüro in Yotsuya-sanchome. Und naturgemäß ergab es sich so, dass ich, der zu Hause blieb, die täglichen Hausarbeiten verrichtete, was mir jedoch keine Mühe bereitete. Ich hatte noch nie eine Abneigung gegen Hausarbeit gehabt, und außerdem bot sie mir eine Abwechslung zur Malerei. Zumindest fand ich es weitaus vergnüglicher, den Haushalt zu machen, als jeden Tag in einem Büro am Schreibtisch zu sitzen.

Ich glaube, die ersten Jahre unseres Lebens verliefen für uns beide heiter und zufriedenstellend. Wir fanden einen Rhythmus für unseren Alltag, in dem wir uns ganz natürlich einrichteten. An Wochenenden und Feiertagen nahm ich mir ebenfalls frei, und wir machten alle möglichen Ausflüge. Wir besuchten Ausstellungen und unternahmen Wanderungen außerhalb der Stadt. Mitunter liefen wir auch ziellos in der Stadt herum. Es war uns eine wichtige und liebe Gewohnheit, intime Gespräche zu führen und Informationen auszutauschen. Wir vertrauten einander rückhaltlos alles an, was wir erlebten, und sprachen ganz offen miteinander. Wir tauschten unsere Meinungen aus und teilten uns unsere Gefühle mit.