Die Esra-Apokalypse -  - E-Book

Die Esra-Apokalypse E-Book

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Beschreibung

Die Esra-Apokalypse wurde um das Jahr 100 n.Chr. in einem jüdischen Umfeld in einer Zeit der höchsten Not geschrieben. Nach der Zerstörung des Jerusalemer Tempels im Jahr 70 n.Chr. schien es kaum eine Zukunft für das verzweifelte Volk zu geben. Aus dieser Situation heraus schreibt ein jüdischer Gelehrter den vorliegenden Text. Er projiziert die Ereignisse seiner Zeit in die Zeit des Babylonischen Exils (nach 597 v.Chr.), in der das Volk schon einmal vor dem Untergang stand und Rettung aussichtslos schien. Die bedrückende Lage der Besiegten ist somit nicht einzigartig, sondern es zeigt sich deutlich, dass wir es mit grundlegenden Fragen der Menschen zu tun haben, die zeitlos sind und folglich ebenso für unsere heutige Zeit gelten. Beharrlich stellt der Protagonist der Erzählung einem Engel, der als Gesandter Gottes auftritt, die Frage, wie das Böse in die Welt gekommen ist und warum die Gerechten zu leiden haben, während die Bösen im Glück leben. Gottes Handeln erscheint so offensichtlich als ungerecht, dass er immer wieder auf Antworten drängt, Erklärungen fordert und um Einsicht ringt. Nachdem diese Fragen zunächst in drei Episoden diskutiert werden, werden ihm in den vier darauf folgenden Visionen die Ereignisse vor dem endzeitlichen Gericht Gottes offenbart. Bildhaft werden Aufstieg und Niedergang der letzten Reiche angedeutet, das Kommen des Messias vorhergesagt und schließlich die Verheißung gegeben, dass der Gerechte, der sein Vertrauen auf Gott setzt, gerettet wird.

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Seitenzahl: 107

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Kleine Bibliothek der antiken jüdischenund christlichen Literatur

Herausgegeben von Jürgen Wehnert

Vandenhoeck & Ruprecht

Die Esra-Apokalypse

Übersetzt und eingeleitetvon Bonifatia Gesche

Vandenhoeck & Ruprecht

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in derDeutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sindim Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

ISBN 978-3-647-99702-5

© 2015, Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen/Vandenhoeck & Ruprecht LLC, Bristol, CT, U.S.A.www.v-r.deAlle Rechte vorbehalten. Das Werk und seine Teile sind urheberrechtlichgeschützt. Jede Verwertung in anderen als den gesetzlich zugelassenen Fällenbedarf der vorherigen schriftlichen Einwilligung des Verlages.

Inhalt

Einführung

Der Text und seine Überlieferung

Ort und Zeit der Handlung

Gattung und Gestalt des Textes

Die Handlung

Die Bedeutung des Textes

Hinweise zur Übersetzung

Literatur

Übersetzung

Abkürzungen der biblischen Bücher

Einführung

Der Text und seine Überlieferung

„Esra-Apokalypse“1 ist die übliche Bezeichnung für einen Text, der in den Kapiteln 3–14 des vierten Esra-Buches überliefert ist, das seit dem Konzil von Trient (1545–1563) im Anhang der Vulgata, der lateinischen Übersetzung der Bibel, erscheint. Dieser Text wird hier in deutscher Übersetzung vorgelegt.

Die Bezeichnung der verschiedenen kanonischen und apokryphen Esra-Bücher ist etwas verwirrend. Die Zählung, die zu der heute gebräuchlichen Bezeichnung 4. Esra geführt hat, geht auf eine von mehreren mittelalterlichen Vulgata-Traditionen zurück, in der das Buch Esra, wie es in deutschen Bibelübersetzungen genannt wird, als 1. Esra gezählt wird, das Buch Nehemia als 2. Esra, die Übersetzung des zunächst griechisch überlieferten Buches Esdras A als 3. Esra und schließlich das lateinisch überlieferte Esra-Buch als 4. Esra.

Das vierte Esra-Buch ist nicht als Einheit entstanden; vielmehr wurde zunächst die Esra-Apokalypse abgefasst und ins Lateinische übersetzt. Später wurde der Esra-Apokalypse je ein ursprünglich Lateinisch geschriebener Text vorangestellt bzw. angehängt. In der wissenschaftlichen Literatur ist eine eigene Zählung für diese Bücher üblich geworden, die auf einer Tradition beruht, die bis ins Mittelalter zurückreicht. Im Überblick sieht das folgendermaßen aus:

1. Esra

2. Esra

3. Esra

5. Esra

4. Esra

6. Esra

Die Esra-Apokalypse ist vollständig nur in lateinischer Übersetzung erhalten, die, wie allgemein angenommen, auf einer griechischen Vorlage beruht, von der keinerlei Reste erhalten sind. Weitere Übersetzungen auf der Vorlage des griechischen Textes sind auf Arabisch, Syrisch, Äthiopisch, Armenisch, Georgisch und in einem Fragment auf Koptisch überliefert. Diese Versionen bieten an einigen Stellen Varianten zum lateinischen Text, die zur Wiedergewinnung des ursprünglichen Textes beitragen können. Die sprachliche Gestalt der lateinischen Übersetzung lässt darauf schließen, dass der griechische Text ebenfalls eine Übersetzung ist und zwar aus einem ursprünglich hebräisch oder aramäisch geschriebenen Text.

Die im Text beschriebenen Ereignisse beziehen sich auf die Zeit nach der Zerstörung des Jerusalemer Tempels (70 n. Chr.), sodass man davon ausgehen kann, dass der Text ungefähr um 100 n. Chr. geschrieben wurde.

Für die Überlieferung des lateinischen Textes in der Tradition der lateinischen Bibel war das 13. Jahrhundert von großer Bedeutung. In dieser Zeit erlebte die Bibelproduktion einen sprunghaften Anstieg. Seit etwa 1230 kamen sogenannte Taschenbibeln in Gebrauch, handliche Bücher, die die gesamte Bibel handschriftlich in lateinischer Sprache enthielten, wobei eine bestimmte Textfassung und eine bestimmte Reihenfolge der biblischen Bücher geläufig waren. Einige Exemplare dieser Bibeln enthielten neben den üblichen drei Esra-Bücher auch das Buch 4. Esra. Entscheidend für die weitere Überlieferung des vierten Esra-Buches war schließlich, dass Johannes Gutenberg für seinen Bibeldruck (1452/1454) eine Vorlage verwendete, die alle vier Esra-Bücher der lateinischen Tradition als kanonische Bücher enthielt. Auf diese Weise wurde der Text allgemein verbreitet.

Beim Trienter Konzil (1545–1563) kam man zwar zu dem Beschluss, weder 3. Esra noch 4. Esra als kanonisch anzuerkennen, gänzlich ausschließen wollte man sie aber auch nicht. So ordnete man sie in den Anhang der seither für die Kirche verbindlichen Vulgata-Ausgabe ein. Freilich geht deren Text von 4. Esra auf einen Bibelkodex des 9. Jahrhunderts zurück, in dem ein Blatt fehlt, sodass man über Jahrhunderte hinweg diesen unvollständigen Text verwendete, bis im 19. Jahrhundert das fehlende Stück gefunden wurde.

Ort und Zeit der Handlung

Der Schlüssel für die Datierung der Abfassung des Textes findet sich im ersten Vers (4. Esra 3,1), in dem das dreißigste Jahr nach dem Untergang der Stadt Jerusalem als Datum der Handlung genannt wird. Zwar ist die Erzählung in eine frühere Zeit, nämlich in die des Untergangs Jerusalems im Jahr 587 v. Chr., zurückprojiziert, gemeint ist aber sicher die Zerstörung des Jerusalemer Tempels durch die Römer im Jahr 70 n. Chr. Somit lässt sich die Entstehung des Textes etwa auf das Jahr 100 n. Chr. in jüdischem Kontext festlegen. Über den Ort der Abfassung besteht hingegen in der Forschung keine Einigkeit. Infrage kommen vor allem Rom oder Palästina.

Gattung und Gestalt des Textes

Die Bezeichnung „Apokalypse“ (griechisch: „Enthüllung“, „Offenbarung“) steht normalerweise für eine prophetische Schrift, in der einem Menschen die Ereignisse im Vorfeld des Untergangs der Welt und des göttlichen Gerichtes am Ende der Zeiten offenbart werden. Die Esra-Apokalypse zeigt zahlreiche Charakteristika, die typisch für diese Literaturgattung sind. So handelt es sich um eine sogenannte pseudepigraphische Schrift, d. h. um einen Text, der von einer bedeutenden historischen Gestalt verfasst worden sein soll, im vorliegenden Fall von dem Gelehrten Esra, der nach dem Ende der babylonischen Gefangenschaft (nach 539 v. Chr.) einen großen Anteil an der Wiederherstellung des Kultes und der sozialen Ordnung in Jerusalem hatte.

Da die in Apokalypsen geschilderten künftigen Ereignisse nur schwer beschreibbar sind, wählt man zu ihrer Darstellung meist literarische Bilder und bedient sich vieler Metaphern, um eine theologische Deutung der offenbarten Vorgänge zu ermöglichen. Dies gilt zum Teil auch für die Esra-Apokalypse, die jedoch in ihren ersten drei Abschnitten die sonst unübliche Form des Dialoges verwendet, möglicherweise in Anlehnung an das biblische Buch Hiob (Ijob).

Beim Lesen des Textes wird schnell deutlich, dass er vor oder in der vierten Episode einen Bruch enthält. An dieser Stelle wechselt die Darstellung von der Dialogform zur Beschreibung von Visionen, wie man sie von anderen apokalyptischen Texten kennt. Auch ändert sich plötzlich die Einstellung Esras zu den Ereignissen, die er erlebt. Es stellt sich daher die Frage, ob in dem Text, wie er uns heute vorliegt, mehrere Überlieferungen zusammengeflossen sind oder ob es sich um eine einheitliche Komposition handelt. Da starke Argumente dafür sprechen, dass der Text als Einheit entstanden ist, geht die hier vorgelegte Deutung von der vorliegenden Textgestalt aus.

Apokalyptische Schriften entstehen oft in direkter Reaktion auf historische Ereignisse, deren traumatische Wirkung auf diese Weise verarbeitet wird. Da es solche zu allen Zeiten gibt, hat das vierte Esra-Buch auch heutigen Menschen etwas zu sagen, auch wenn als Zielgruppe dieser Apokalypse ausdrücklich nur die „Weisen im Volk“, die das Geschriebene verstehen können, genannt werden (12,37; 14,46).

Die Handlung

Das Buch besteht aus sieben Episoden. Die ersten drei sind in der Form von Dialogen gestaltet, die vier folgenden beschreiben Traumvisionen, die Esra offenbart werden.

1. Episode (3,1–5,20): Esras bittere Klage angesichts des Bösen

Mit der Schöpfung beginnend, zeichnet Esra die Geschichte der Welt entsprechend der biblischen Darstellung nach. Resigniert stellt er fest, dass Gott immer wieder Gerechte erwählt hat, zunächst Adam, dann Noah, Abraham und seine Nachkommen und schließlich David, und dennoch immer wieder das Böse Überhand nahm. Er sieht, wie das sündige Babylon im Wohlstand lebt, während sein eigenes, das von Gott erwählte Volk, zugrunde geht. Nun kommt der von Gott gesandte Engel Uriel ins Spiel, der Esra verspricht, ihm Gottes Willen zu offenbaren. Zunächst muss Esra jedoch erfahren, dass diese Dinge für den Menschen nicht zu fassen sind. Er wird erleben müssen, dass das Böse noch mächtiger wird. Erst wenn die vollständige Zahl der Gerechten erreicht ist, wird er Antwort auf seine Fragen nach dem Sinn des Leidens Unschuldiger erhalten (4,35–37).

2. Episode (5,21–6,34): Gottes Gedanken sind nicht unsere Gedanken

Esra lässt nicht nach in seinem Klagen und fordert Gott mit der Frage heraus, wie er es zulassen könne, dass sein eigenes Volk von denen unterdrückt wird, die Gott nicht fürchten. Wieder stellt ihm der Engel vor Augen, dass die Entscheide Gottes außerhalb des menschlichen Verstehens liegen. Gleichzeitig deutet er an, dass Gott zu gegebener Zeit seine Verheißung erfüllen (5,40) und selbst auf die Erde kommen wird (6,18–19).

3. Episode (6,35–9,26): Ankündigung des endzeitlichen Gerichts

Immer noch verbittert wegen der Ungerechtigkeit, die nach seiner Meinung dem Volk widerfährt, ruft Esra ausführlich die biblische Schöpfungsgeschichte in Erinnerung, um zu zeigen, dass die gesamte Schöpfung in der Erschaffung des Menschen, genauer in der Erschaffung des auserwählten Volkes ihren Höhepunkt hat. Voll Unverständnis fragt er, wieso dieses nicht Erbe der Welt geworden sei (6,57–59). Der Engel erklärt Esra, dass dies die Strafe für die Sünde Adams sei und die Menschen auf engen Pfaden gehen müssen. Es sei besser, dass viele verlorengehen, als dass Gottes Gebote missachtet werden (7,20). Damit macht er klar, dass der Mensch selbst für sein Schicksal verantwortlich ist.

Esra ist mit der Antwort nicht zufrieden, weil Gott dem Menschen ja auch das böse Herz gegeben hat, das ihn zu seinem Handeln treibt, sodass nur wenige gerettet werden (7,45–48). In dem Gespräch beklagt Esra weiterhin das Schicksal des Menschen, das er nach wie vor als ungerecht ansieht; er hält geradezu die ganze Schöpfung für verfehlt, während ihm der Engel deutlich zu machen versucht, dass der größte Teil der Menschheit diese Strafe verdient, weil sie aus freiem Willen gegen Gottes Gebote verstoßen hat. Umso kostbarer seien in Gottes Augen die wenigen Gerechten. Doch alle Argumente können Esra letztlich nicht davon überzeugen, dass Gottes Handeln richtig ist. Immerhin gibt ihm die Aussicht auf ein endzeitliches Gericht einen Ansatz von Hoffnung.

4. Episode (9,27–10,59): Vision über das Himmlische Jerusalem

Noch während Esra über die Herrlichkeit des Gesetzes und das Verhängnis der Sünder nachdenkt, erscheint ihm in einer Vision eine Frau, die um ihren Sohn trauert. Doch statt sie zu trösten, führt er ihr das Leid Zions vor Augen, das ihre Klage viel mehr verdiene als ihr Sohn. Sie aber verwandelt sich plötzlich in eine Stadt. Der Engel Uriel offenbart ihm, dass dies das ewige Zion ist, das Himmlische Jerusalem, das nicht von Menschenhand erbaut ist. Diese hoffnungsvolle Vision wird ihm als Gerechtem zuteil, und weitere Offenbarungen werden ihm in Aussicht gestellt.

5. Episode (11,1–12,51): Adlervision

Esra sieht im Traum einen dreiköpfigen Adler mit zwölf Flügeln aus dem Meer steigen, der die Reiche und Herrscher der Welt repräsentiert, die nach und nach zugrunde gehen. Plötzlich bricht aus dem Wald ein Löwe hervor, der ein Bild für den kommenden Messias ist. Er vernichtet den Adler und rettet die Gerechten. Dies ist ein großer Trost für Esra, der erkennt, dass Gott sein Volk nicht vergessen hat.

6. Episode (13,1–13,58): Der Mann aus dem Meer und die Sammlung Israels

In der nächsten Vision sieht Esra, wie ein Mann aus dem Meer steigt. Die Menge, die Krieg gegen ihn führt, vernichtet er und versammelt um sich die zu ihm gehörende Menschenschar. Die Vision wird dahingehend gedeutet, dass der Sohn des Höchsten das ganze Volk Israel in Zion zusammenführt, auch die Stämme des Nordreichs, die in ihrem eigenen Land Arzaret gesetzestreu gelebt haben. Nun ist der Punkt erreicht, dass Esra befriedigt ist und Gott preisen kann.

7. Episode (14,1–14,48): Die 94 Bücher

In der letzten Vision hört Esra wie früher Mose (vgl. Ex 3) Gott aus einem Dornbusch zu ihm sprechen. Er bekommt den Auftrag, anderen von seinem Wissen mitzuteilen. Die Menschheit soll von der Gnade Gottes erfahren, sodass sie sich auf das Kommen des neuen Zeitalters vorbereiten kann. Der Heilige Geist wird ihm eingeben, was er niederschreiben soll, und zwar in 24 Büchern, die für alle bestimmt sind, und in siebzig Büchern, die den wenigen Weisen vorbehalten bleiben.

Die Bedeutung des Textes

Unglück, Unrecht und offenbar sinnloses Leiden, gleichgültig, ob es einen selbst oder andere trifft, können den Glauben an einen gerechten und liebenden und gleichzeitig allmächtigen Gott auf eine harte Probe stellen. Die Frage, wie Gott das Leid Unschuldiger zulassen kann und warum er nicht eingreift, hat wohl schon jeder gehört oder sich selbst gestellt. Die naheliegende Antwort, dass Gott entweder ungerecht sei oder eben nicht allmächtig, befriedigt aber keineswegs, eher schon die ebenfalls nicht unproblematische Verheißung auf Lohn nach dem Tod.