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Die Bhagavad Gītā erzählt von einem wahrhaft tiefen Dialog zwischen Arjuna, einem Krieger, der sich in einem Konflikt befindet, und seinem demütigen Wagenlenker, der in Wirklichkeit der Herr selbst ist. Die Botschaft, die Kṛṣṇa vor mehr als 5.000 Jahren auf einem Schlachtfeld übermittelte, ist heute genauso bedeutsam wie damals, weil sie es der Seele ermöglicht, die wahre Natur und den wahren Grund des menschlichen Seins zu erkennen. Lord Kṛṣṇas Anweisungen haben sich über lange Zeit hinweg als hilfreich erwiesen und vermitteln uns ein Wissen, mit dem wir Schwierigkeiten im Leben überwinden können.
Paramahamsa Sri Swami Vishwanandas Kommentar erfüllt diesen zeitlosen Diskurs mit neuem Leben, macht ihn verständlich und ermöglicht dem Herzen des Lesers so einen direkten Zugang.
Nur selten hat ein Buch das Potenzial, lebenslanger Begleiter für spirituelle Sucher zu werden. Die Essenz der Bhagavad Gītā soll genau dies sein: ein wesentlicher Teil deines Lebens.
Klein genug, um es überallhin mitzunehmen, ist dieses Werk tiefgründig genug, um dich bis zu Gott zu tragen; prägnant genug, um es in wenigen Stunden zu lesen, und dennoch von einer Tiefe, um über Jahrzehnte darüber nachzudenken.
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Seitenzahl: 470
Veröffentlichungsjahr: 2021
Die Essenz der Bhagavad Gita
Bhakti Marga Publications
Copyright © 2020, 2021 Bhakti Event GmbH
Alle Rechte vorbehalten.
Erste Auflage, Deutsch
ISBN: 978-3-96343-059-6
Gedruckt in Deutschland
ebook ISBN: 978-3-96343-072-5
Bhakti Marga Publikationen
c/o Shree Peetha Nilaya
Am Geisberg 1-8,
65321 Heidenrod – Springen, Deutschland
bhaktimarga.org/publications
Die Essenz der
Bhagavad Gītā
Vorwort
Die Reise der Suchenden
Über Paramahamsa Vishwananda
Über dieses Buch
Besondere Anmerkung von Paramahamsa Vishwananda
Einleitung
Kapitel EinsArjuna-viṣāda-yoga: Die Klage Arjunas
Kapitel ZweiSāṅkhya-yoga: Die ewige Natur der Seele
Kapitel DreiKarma-yoga: Karma-Yoga verstehen
Kapitel VierJñāna-vibhāga-yoga: Der Weg des Wissens
Kapitel FünfKarma-sannyāsa-yoga: Wahre Entsagung
Kapitel SechsDhyāna-yoga: Kṛṣṇa erklärt Meditation
Kapitel SiebenJñāna-vijñāna-yoga: Das von Kṛṣṇa vermittelte Wissen
Kapitel AchtAkṣara-brahma-yoga: Der ewige Aufenthaltsort
Kapitel NeunRāja-vidyā-guhya-yoga: Das Geheimnis der Hingabe
Kapitel ZehnVibhūti-yoga: Kṛṣṇas Herrlichkeit
Kapitel ElfViśvarūpa-darśana-yoga: Die kosmische Form
Kapitel ZwölfBhakti-yoga: Yoga der Liebe
Kapitel DreizehnKṣetra-kṣetrajña-yoga: Materie und Geist
Kapitel VierzehnGuṇatraya-vibhāga-yoga: Die drei Formen der Natur
Kapitel FünfzehnPuruṣottama-yoga: Erkennen des höchsten Wesens
Kapitel SechzehnDaivāsura-sampad-vibhāga-yoga: Göttliche und dämonische Eigenschaften
Kapitel SiebzehnŚraddhātraya-vibhāga-yoga: Die drei Arten von Glauben
Kapitel AchzehnMokṣa-sannyāsa-yoga: Der Weg zur Befreiung
Schlüsselbegriffe
Mach den nächsten Schritt!
Referenzen
Vor Tausenden von Jahren, inmitten von Chaos, Unsicherheit und Angst, auf einem riesigen Schlachtfeld, wurde der Menschheit das höchste Wissen gegeben. Wir kennen es heute als die Bhagavad Gītā.
Die Gītā ist das Zwiegespräch zwischen Gott und einem Krieger namens Arjuna, der in einem inneren Konflikt steht. Der höchste Herr in der Gestalt Kṛṣṇas spielt die bescheidene Rolle eines Wagenlenkers, der Arjuna meisterhaft in die tiefen Geheimnisse des Lebens einweiht.
Die Welt, in der wir heute leben, ist in Wahrheit eben dieses Schlachtfeld, auf dem sich auch Arjuna befand. Der einzige Unterschied besteht darin, dass der Kampf, dem jeder von uns gegenübersteht, nicht im Außen stattfindet, sondern innerlich. Angesichts dieser Prüfungen benötigen wir eine Quelle größerer Weisheit, die uns hilft, die verheerenden Auswirkungen auf unser Denken, unsere Gefühle und Reaktionen zu überwinden. Zu unserem Glück haben sich Kṛṣṇas Anweisungen über die Zeit hinweg bewährt und liefern uns das Wissen, das uns hilft, die Hindernisse zu überwinden, denen wir gegenüberstehen.
Paramahamsa Vishwanandas Kommentar zu den Lehren Kṛṣṇas eröffnet uns die Weisheit der Bhagavad Gītā und ermöglicht uns, diese auf unser heutiges Leben anzuwenden. Letztlich hilft uns Sein Kommentar zu verstehen, dass wir eine Beziehung zu Gott haben und es das Ziel unseres Lebens ist, uns dieser sehr persönlichen und göttlichen Verbindung voll bewusst zu werden.
Wenn wir die Lehren der Bhagavad Gītā und den Kommentar von Paramahamsa Vishwananda auf diese Weise verinnerlichen und anwenden, beginnen wir eine einzigartige persönliche Reise, die vom Verstand zum Herzen führt. Angesichts der Herausforderungen auf diesem Weg kann Seine Führung uns helfen, ihn mit Vertrauen und Mut zu beschreiten.
-RC
Es gibt Menschen, die glauben, das Leben sei völlig zufällig oder müsse wissenschaftlich erklärbar sein. Andere spüren, dass es noch etwas darüber Hinausgehendes gibt, was göttlichen Sinn und Zweck hat. Letzten Endes aber will jeder einfach nur geliebt werden und dauerhaftes Glück erfahren.
Um dies zu erreichen, versuchen die meisten von uns, ihr Vergnügen in der materiellen Welt zu maximieren und ihr Unbehagen zu minimieren. Viele suchen Erfüllung in Beziehungen oder Karriere. Andere wenden sich Sex, Drogen, Essen, Shopping oder Nervenkitzel zu, um sich lebendig zu fühlen. Das Problem dabei ist, dass diese Wünsche auf natürliche Weise den Drang in uns nähren, immer mehr und mehr zu konsumieren, um die innere Leere zu füllen.
Leider verblasst mit der Zeit sogar dieses hart erarbeitete Glück. Trotz aller Bemühungen hinterlassen die Ergebnisse oft ein Gefühl der Leere, der Desillusionierung und sogar der Depression im Menschen. Die Menschen stellen sich die Frage, ob das wirklich alles im Leben ist.
Viele begeben sich auf eine spirituelle Reise, wenn ihnen bewusst wird, dass die leeren Versprechungen der materiellen Welt ihre Bedürfnisse nicht befriedigen können. Sie begeben sich auf die Suche nach der einzigen Quelle echter bedingungsloser Liebe – der Beziehung zu Gott.
Der spirituelle Weg ist jedoch keineswegs einfach. Materielle Wünsche können uns dazu verleiten, zurück in alte, unproduktive Verhaltensmuster zu verfallen. Freunde, Bücher, Filme, Workshops oder Religionen geben nicht immer verlässliche Antworten, und selbst mystische Erfahrungen reichen möglicherweise nicht aus, um dauerhafte Veränderungen im Leben zu erzielen. Ohne eine „Landkarte“ können wir uns am Ende verloren und allein fühlen.
Die Bhagavad Gītā, gegeben vom Herrn selbst, liefert spirituell Suchenden diese Karte zur Quelle der Göttlichkeit. Zu unserem Glück hilft uns der Kommentar von Paramahamsa Vishwananda bei jedem Schritt, den wir auf diesem Weg gehen.
PARAMAHAMSA SRI SWAMI VISHWANANDA
Paramahamsa Vishwananda trägt die Gnade zweier bhakti-Traditionslinien, die die liebende Hingabe an Gott zum Ziel haben.
Er ist ein ācārya der Śrī Vaiṣṇava-Tradition, die bhakti anhand von Ritualen und hingebungsvollem Dienen fördert. Er ist auch ein kṛyā-Meister und direkter Schüler von Mahavatar Babaji in der kṛyā Yoga-Tradition. Mit dem Segen Seines guru führte Er Atma Kriya Yoga ein, welches bhakti durch Meditation fördert.
Paramahamsa Vishwananda verbindet beide Traditionen – eine äußere und eine innere – gekonnt mit den Lehren über bhakti in den Schriften und den Inspirationen der bhakti-Heiligen, um uns zu zeigen, wie wir eine einzigartig persönliche, liebevolle Beziehung zum Göttlichen kultivieren können.
Da Paramahamsa Vishwananda ein satguru ist, der die Devotees zur Gottverwirklichung führen kann, kann durch Ihn die Herrlichkeit Gottes offenbart werden. Er macht, auf Seine bescheidene und humorvolle Art, den unergründlichen, unerkannten Herrn nicht nur real, sondern auch praktisch greifbar und persönlich. Er bringt die tiefsten und subtilsten Wahrheiten auf den Boden der Tatsachen, so dass ein Weg, der traditionell nur von wenigen beschritten wurde, nun für alle zugänglich ist.
Paramahamsa Vishwananda widmet Sein Leben der Erhebung der Menschheit. Seine Lehren finden sich in Seinen Büchern, Videos, der spirituellen Praxis, Livestream-satsangs (spirituelle Fragen und Antworten), Online-darshan-Segnungen und Seiner weltweiten Mission und Organisation, die als Bhakti Marga (der Weg der Hingabe) bekannt ist.
paramahamsavishwananda.com
Nur selten hat ein Buch das Potenzial, lebenslanger Begleiter für spirituelle Sucher zu werden. Die Essenz der Bhagavad Gītā soll genau dies sein: ein wesentlicher Teil deines Lebens. Klein genug, um es überallhin mitzunehmen, ist dieses Werk tiefgründig genug, um dich bis zu Gott zu tragen; prägnant genug, um es in wenigen Stunden zu lesen, und dennoch von einer Tiefe, um über Jahrzehnte darüber nachzudenken.
Die Essenz der Bhagavad Gītā entstand aus zwei Live-Kursen, die von Paramahamsa Vishwananda gehalten wurden: ein 18-tägiger Kurs im Jahr 2014 und ein 7-tägiger Kurs im Jahr 2016. Die Essenz dieser Kommentare wurde zusammengetragen, um die tiefere Bedeutung der zeitlosen Schrift zu enthüllen. Alle 700 Saṅskṛt-Verse der Bhagavad Gītā werden vorgestellt, wie auch die Übersetzung der Verse, die von der Schönheit von bhakti durchdrungen sind – von Liebe und Hingabe zu Gott.
Dieses Buch wurde speziell so gestaltet, dass du das Beste aus den Versen und Kommentaren herausholen kannst:
• Jedes Kapitel beginnt mit den Höhepunkten des darin enthaltenen Wissens und stellt die wichtigsten Punkte vor, die dabei helfen, sich auf der eigenen Reise zurechtzufinden.
• Innerhalb jedes Kapitels sind die Verse in betitelten Gruppen zusammengefasst, die dir helfen, mit den jeweiligen Themen in Verbindung zu bleiben.
• Jede Kommentarauswahl ist mit Nummern gekennzeichnet, so dass du die jeweilige Quelle im Abschnitt „Referenzen“ am Ende des Buches finden kannst.
• Schließlich wurden am Ende jedes Kapitels Definitionen wichtiger Saṅskṛt-Begriffe aufgenommen, damit du die Philosophie hinter den Versen und Kommentaren besser verstehen kannst.
Wie man dieses Buch lesen sollte
Die Bhagavad Gītā bietet einen höchst kostbaren Schatz: den zeitlosen Diskurs von Lord Kṛṣṇa, der durch Paramahamsa Vishwanandas Kommentar entschlüsselt wird und direkt ins Herz geht.
Was du aus der Bhagavad Gītā für dich herausholst, hängt davon ab, welchen Wert du ihr beimisst. Wenn du die Gītā mit diesem Wissen empfängst, kannst du das Beste aus ihrer Weisheit schöpfen.
Es gibt viele Möglichkeiten, wie du dieses Buch auskosten kannst:
• Du kannst es von vorne bis hinten durchlesen, was dir einen Überblick über die gesamte Schrift gibt.
• Liest du nur die Verse, erlaubt es dir, neben Arjuna zu stehen und direkte Anweisungen vom Herrn selbst zu erhalten.
• Du kannst dich auf den einleitenden Text und die Kommentare der einzelnen Kapitel konzentrieren. Das hilft dir dabei, die in den Versen verborgenen Geheimnisse zu enthüllen.
• Schlägst du irgendeine Seite des Buches auf, kann dir das Göttliche in diesem Augenblick etwas offenbaren. Nimm es als ein Geschenk und kontempliere über das, was du findest.
Ganz gleich, ob du einen Vers pro Tag, ein Kapitel pro Woche, nur die Verse, nur den Kommentar liest oder ob du das Buch nur aufschlägst, um zu sehen, was dir in diesem Augenblick offenbart wird, du wirst dieses Buch sicher in deiner Nähe behalten und zu einem Teil deines täglichen Lebens machen wollen.
„Die Bhagavad Gītā ist kein Roman. Sie ist nicht nur ein Buch, das man liest, wenn man gerade Zeit dafür hat. Man sollte seinen Geist darin baden, sie nicht nur einmal lesen.“
„Du solltest in sie eintauchen, denn jede Zeile der Bhagavad Gītā, jeder Satz, den Kṛṣṇa gesprochen hat, hat eine tiefere Bedeutung in deinem Leben. Nichts davon ist fern von deinem Leben. Er hat nichts gesagt, was dir fremd wäre. Tatsächlich ist das, was Er vor 5.000 Jahren gesagt hat, auch jetzt noch relevant. Sieh dir an, was Arjuna durchgemacht hat – jeder macht das Gleiche durch. Lasse dich deshalb darauf ein! Lies sie einmal, zweimal, dreimal, Hunderte Male. Werde eine lebende, wandelnde Bhagavad Gītā.“
Die Bhagavad Gītā gibt Anleitungen und bietet uns echte, praktische Lehren über Yoga, Selbstbeherrschung und das Erreichen von Perfektion. Diese Hilfe brauchen wir, weil unsere unaufhörlichen Gedanken und Wünsche unweigerlich zu Leid führen. Indem wir unseren Geist jedoch kontrollieren und ihn dem Göttlichen hingeben, können wir frei werden von materiellen Konditionierungen. Wir kehren zu unserem wahren Selbst zurück und erfahren eine ewige liebende Beziehung zu Gott. Durch ihre Lehren stellt die Gītā die endgültige Lösung für die Herausforderungen des Lebens dar und ist gleichzeitig eine Schatzkarte zum kostbarsten Juwel von allen – dem Wissen darüber, wie man wahre Liebe und dauerhaftes Glück erlangen kann.
Obwohl sie mehr ist als eine Philosophie, kann es hilfreich sein, sich einen Überblick über einige der philosophischen Prinzipien zu verschaffen, die diese Schrift verkörpert.
Philosophische Grundlagen der Bhagavad Gītā
Sanātana-dharma (Hinduismus) basiert auf der Idee, dass es eine Wahrheit, eine Realität, eine Persönlichkeit gibt, die sich auf verschiedenste Arten und Weisen offenbart. Dies erklärt die immense Vielfalt und Pluralität, die innerhalb dieser Lebensweise existiert. Diverse gurus und Heilige kamen zu den Menschen und offenbarten eine Reihe von Traditionen und Wegen, auf deren Basis das suchende Individuum Gott aus erster Hand erfahren konnte. Hierdurch entstand eine immens reiche und tiefgründige spirituelle Kultur, die bereits Tausende von Jahren besteht.
Aber unter all diesen Bestandteilen ist es die Bhagavad Gītā, die sich als Aushängeschild der Schriften herauskristallisiert hat. In nur 700 Versen schafft sie es, alle wichtigen spirituellen Wahrheiten zu erklären. Die göttliche Natur des Selbst, Reinkarnation, karma, die Natur Gottes und vieles mehr werden in einem einzigen Diskurs sauber miteinander verwoben. Trotz der immensen Gedankenvielfalt innerhalb des Sanātana-dharma bleibt die Gītā eine einzigartige Quelle der Autorität in philosophischen Angelegenheiten. Dies wird durch die beträchtliche Zahl an Kommentaren verschiedener gurus, Lehrer und Gelehrten belegt.
Obwohl die Lehren der Bhagavad Gītā vor 5.000 Jahren gegeben wurden, beschreiben sie ewige Wahrheiten, die für unsere heutige Zeit absolut relevant sind. Jeder Vers ist von Bedeutung durchtränkt und sollte nicht als bloße philosophische Aussage gesehen werden, sondern als eine geistige Versenkung, eine Meditation, die allein dazu dient, Unwissenheit zu vertreiben. Beschäftigt man sich regelmäßig mit diesen Lehren, kann man eine Weisheit entwickeln, die einen im Leben vorankommen lässt.
Gott in der Gītā
Jede Tradition innerhalb des Sanātana-dharma hat eine andere Sichtweise auf Gott. Der Vaishnavismus ist eine Tradition, die Viṣṇu (Nārāyaṇa) als den höchsten Herrn betrachtet. Er ist das ursprüngliche Wesen, die Quelle der Schöpfung, der Ursprung von allem, was existiert. Kṛṣṇa ist ein avatāra, eine vollständige Inkarnation des höchsten Herrn, der in diese materielle Welt gekommen ist, um die Menschheit zu erheben. Die Gītā ist also im Grunde eine Vaiṣṇava-Schrift. Sie erinnert uns wieder und immer wieder daran, wie alles von Kṛṣṇa abhängt, wie Er der Welt an sich immanent ist und wie Er gleichzeitig jenseits von allem ist.
Die Gītā zeigt durch Kṛṣṇa, dass Gott eine Form hat, in der Er Seinen Devotees liebevoll antwortet. Gleichzeitig wohnt Er nicht in einem fernen Himmel, Seine Gegenwart durchdringt diese materielle Existenz und Er wohnt in jedem lebenden Menschen. Diese ganze Welt sowie die einzelnen Seelen sind ewige Teile Seines Wesens. All dies wird im elften Kapitel deutlich, wenn Arjuna die kosmische Form Kṛṣṇas erblicken darf.
Im Bereich der materiellen Existenz sind nur Kṛṣṇa und Seine himmlische Wohnstatt vom endlosen Kreislauf von Geburt und Tod, Schöpfung und Zerstörung ausgenommen. Kṛṣṇa ist die höchste Realität, da Er alles unterstützt, besitzt und kontrolliert und alles, was existiert, nur ein Teil Seines kosmischen Körpers ist.
Für weitere Informationen über den Hinduismus empfehlen wir den Kurs „Hinduismus verstehen“ und das Büchlein „Understanding Hinduism“ (vorläufig nur in englischer Sprache erhältlich) der Bhakti Marga-Academy.
Der Krieg zur Wiederherstellung der Rechtschaffenheit
Die Bhagavad Gītā ist Teil einer weit größeren Schrift, bekannt als das Mahābhārata, das die Geschichte der Könige der alten Kuru-Dynastie beschreibt.
Das Ganze spielte sich vor etwa 5.000 Jahren in Indien ab. Pāṇḍu regierte das Königreich Hastināpura, zog sich jedoch aufgrund eines Fluches mit seinen Frauen in den Wald zurück und überließ seinem blinden Bruder Dhṛtarāṣṭra den Thron. Den Brüdern wurden Kinder geboren. Die fünf Söhne Pāṇḍus (Yudhiṣṭhira, Bhīma, Arjuna, Nakula und Sahadeva) waren bekannt als die Pāṇḍavas, während die hundert Söhne Dhṛtarāṣṭras als die Kauravas bezeichnet wurden.
Ununterbrochen wurden die rechtschaffenen Pāṇḍavas vom eifersüchtigen Duryodhana, dem ältesten ihrer Kaurava-Cousins, verfolgt. Diese andauernde Fehde führte schließlich dazu, dass das Königreich unter den beiden Familienzweigen aufgeteilt wurde. Doch unfähig, den wachsenden Erfolg der Pāṇḍavas zu tolerieren, arrangierte Duryodhana ein betrügerisches Glücksspiel, dessen Ausgang die fünf Brüder und ihre Frau Drapaudi ins Exil zwang.
Nach dreizehn langen Jahren kehrten die Pāṇḍavas zurück, um ihr Königreich einzufordern, doch trotz wiederholter Bemühungen um eine friedliche Lösung weigerte sich Duryodhana, einen Kompromiss einzugehen. Um Gerechtigkeit wiederherzustellen und der Tyrannei der Kauravas ein Ende zu machen, hatten die Pāṇḍavas keine andere Wahl, als Krieg zu führen.
An dieser Stelle versammeln beide Seiten vorbereitend ihre Verbündeten. Trotz ihrer Zuneigung zu den Pāṇḍavas schließen sich viele Älteste und Verwandte, wie z. B. ihr Großvater Bhīṣma und ihr Lehrer Droṇa, der Kaurava-Armee an. Sie alle sind sich der Arroganz und des ungerechten Verhaltens Duryodhanas zutiefst bewusst, sind jedoch aus Pflichtgefühl für das Königreich bereit, mit ihm zu kämpfen. Folglich steht auf dem Schlachtfeld von Kurukṣetra eine geteilte Familie.
Arjuna und Duryodhana wenden sich beide an Kṛṣṇa und bitten um Hilfe in der kommenden Schlacht. Zu ihrer großen Überraschung hat Kṛṣṇa den Schwur abgelegt, für keine der beiden Seiten zu kämpfen. Stattdessen stellt Er den beiden zwei Möglichkeiten dar. Auf der einen Seite bietet Er Seine ungemein mächtige und glorreiche Armee an, auf der anderen Sich selbst, allein und unbewaffnet. Arjuna darf zuerst wählen und entscheidet sich ohne zu zögern für Kṛṣṇa. Duryodhana ist sowohl geschockt als auch erleichtert. Bedenkenlos und hämisch nimmt er die Armee an, von der er glaubt, dass sie ihm den Sieg sichern wird.
Duryodhana geht davon aus, dass Kṛṣṇa ein gewöhnlicher Sterblicher ist, fehlbar und begrenzt. Er sieht Ihn als ein Mittel zur Erfüllung seiner Wünsche. Arjuna hingegen sieht Kṛṣṇa als seinen teuren Freund, als seine ganze Welt. Ihm geht es nicht um die Armee, das Königreich oder um irgendeinen Sieg, er will nur Kṛṣṇa. Es ist dieses Band der Liebe, das den Herrn veranlasst, Arjuna zu dienen. Und so übernimmt Kṛṣṇa, der ursprüngliche Schöpfer des Universums, die allgegenwärtige, allmächtige Persönlichkeit, die Rolle eines demütigen Wagenlenkers.
Der Herr übernimmt die Führung
Arjunas Verwirrung und Elend zu Beginn des Kampfes bieten Kṛṣṇa den Raum, über seine Position als Wagenlenker, Cousin und Freund hinauszugehen. Stattdessen übernimmt Er die Rolle des spirituellen Meisters und somit die Verantwortung für Arjunas spirituelle Entwicklung. Wir, als Leser und Leserinnen dieses zeitlosen Dialogs, nehmen Arjunas Platz ein.
Kṛṣṇa ist niemand anderes als der höchste Herr, Nārāyaṇa. Aus Seinem eigenen Willen tritt Er in Seine Schöpfung ein, um Gerechtigkeit wiederherzustellen und die Herzen Seiner Devotees zu erwecken. Innerhalb dieser einen Form Gottes liegt jedoch das Potenzial für jede Art von Beziehung zu Gott. Ein Beispiel: Kṛṣṇa wuchs im Wald von Vṛndavāna auf und hütete die Kühe. Wohin Er auch ging, eroberte Seine über alle Maßen anziehende Persönlichkeit das Herz der Menschen. Seine Mutter Yaśodā erlangte durch mütterliche Zuneigung die höchste Form der Liebe. Seine Kuhhirtengefährten wuchsen durch die Freundschaft mit Ihm. Die einfachen gopīs (Kuhhirtenmädchen) sahen Ihn als ihren Liebhaber und erreichten ekstatische Zustände der Hingabe.
Doch das Geheimnis Seiner göttlichen Natur wird nicht jedem offenbart. Durch Seine yogamāyā, die Kraft der Illusion, verbirgt Er Seine wahre Identität. Nur jene, die die Gnade haben, Ihn zu sehen, können Ihn erkennen, wie Er wirklich ist. Durch Kṛṣṇas Gnade werden Arjuna in Kapitel Elf die „Augen zu sehen“ gegeben.
Die Bhagavad Gītā ist auf dieser tiefen Beziehung aufgebaut und verdeutlicht, wie Ergebenheit und ein Geist der Hingabe es einem erlauben, die Wahrheit zu sehen.
Dein Anteil an der Geschichte
Der Dialog zwischen Arjuna und Kṛṣṇa ist eine alte Hymne, die seit Tausenden von Jahren gesungen wird. Die 700 poetischen Saṅskṛt-Verse beschreiben eine Geschichte tiefgreifender persönlicher Transformation. Aber es ist nicht nur die Geschichte des Kriegers Arjuna. Es ist die Geschichte eines jeden Menschen auf dem Weg zu Gott.
Der Krieg von Kurukṣetra dauerte 18 Tage; jedes der 18 Kapitel der Gītā spiegelt einen dieser Tage wider. Zusammen werfen die in Versen erzählte Geschichte und der Kommentar des guru ein strahlendes Licht der Liebe auf die Reise in 18 Schritten, die jeder aufrichtig spirituell Suchende auf sich nimmt, um den Herrn zu erreichen.
Ein paar Worte der Weisheit: Lies nicht nur die Geschichte. Nutze dieses Gespräch zwischen Kṛṣṇa und Arjuna als Leitfaden für deine eigene spirituelle Reise. Steig in den Wagen und nimm neben Arjuna Platz, zu Füßen des guru. Werde auch du Sein Schüler. Nimm diese Weisheitslehren mit deinem ganzen Wesen auf und entdecke die Geheimnisse des Lebens, die ewigen Wahrheiten der Schöpfung und den wahren Zweck der menschlichen Existenz.
Wenn du die Weisheit Kṛṣṇas verstehst und anwendest und über den aufschlussreichen Kommentar von Paramahamsa Vishwananda meditierst, kannst du neben Arjuna stehen und gemeinsam mit ihm den wichtigsten Kampf aller Zeiten kämpfen.
Die Bhagavad Gītā ist ein Ruf, die Seele zu erwecken. Sie ist eine Karte für die Navigation auf der gefährlichen Reise vom Kopf zum Herzen, wo wir den wertvollsten Schatz von allen finden werden: den Herrn selbst.
Der Schauplatz ist geschaffen für eine der größten Begegnungen, die die Welt je gesehen hat.
Das Abenteuer kann beginnen…
Die Gītā beginnt mit einer anschaulichen Beschreibung der Szene auf dem Schlachtfeld von Kurukṣetra. Die bedeutendsten Krieger auf beiden Seiten werden benannt. Das Blasen der Muschelhörner und Trommelschläge signalisiert den Beginn eines schrecklichen Krieges. An diesem Punkt wendet sich unser Blick Arjuna und Kṛṣṇa zu. Begierig darauf, die feindlichen Reihen einzuschätzen, bittet Arjuna Kṛṣṇa, ihn in die Mitte des Schlachtfeldes zu bringen, damit er genauer sehen kann, gegen wen er kämpfen soll.
Inmitten der gegnerischen Armee sieht er Verwandte, Freunde und von ihm verehrte Älteste. Der Anblick derer, die ihm einst so lieb waren, bringt Arjuna um seine Entschlossenheit. Er kann keinen Sinn mehr in einem Kampf sehen, der seine Familie unweigerlich zerstören wird. Verwirrt darüber, was seine Pflicht ist, und überwältigt von Mitgefühl für seine Feinde beginnt er, Kṛṣṇa sein Herz auszuschütten. Sicherlich, so argumentiert er, könne dieser Krieg nicht auf Rechtschaffenheit basieren. Er macht immer wieder darauf aufmerksam, dass das Töten der eigenen Familie, um eines Königreichs willen, verheerende Folgen für die Zukunft haben wird. Nachdem er seine Argumente vorgetragen hat, endet das Kapitel damit, dass Arjuna in Trauer seinen Bogen niederlegt.
VERS 1: DHṚTARĀṢṬRAS FRAGEN
dhṛtarāsṭra uvāca dharma-kṣetre kuru-kṣetre samavetā yuyutsavaḥ | māmakāḥpāṇdạvāścaiva kim akurvata sańjaya || 1 ||
Dhṛtarāṣṭra spricht: Oh Sańjaya, was haben meine Söhne und die Pāṇḍavas getan, nachdem sie sich, begierig auf den Krieg, auf dem heiligen Schlachtfeld von Kurukṣetra versammelt haben? (1)
„Dieser Vers beginnt mit dem Wort ‚dharmakṣetra’. ‚Dharma’ bedeutet rechtschaffen, ,kṣetra’ bedeutet Feld – es ist also das Feld der Rechtschaffenheit.”
„Eine der Bedeutungen dieses Krieges ist das Leben, in dem die ‚gute’ mit der ‚nicht guten’ Seite kämpft. Dieser Krieg findet nicht im Außen statt. Er findet auch im Inneren des menschlichen Körpers statt. Dein physischer Körper ist das dharmakṣetra. Du bist inkarniert, um dein dharma (deine Pflicht) auf diesem Feld zu erfüllen.”
„Auch das Leben ist dharmakṣetra. Du bist gekommen, um deine göttliche Absicht zu erfüllen. Wenn du im Einklang mit deinem wahren Selbst bist, erkennst du dein wahres Ziel im Leben… Genau daran erinnert dich das Wort ‚dharmakṣetra’. Erfülle dein dharma! Erwache! Dieses dharma kann mit Hilfe des größten Geschenkes erfüllt werden, das uns Gott gegeben hat – mit diesem Feld, diesem Körper. Und wenn du beginnst, dein dharma zu erfüllen, wirst du gute Verdienste erwerben! Wenn du aber vor deinem dharma davonläufst, dann wendest du dich der dunklen Seite zu.”[1]
„Der blinde König Dhṛtarāṣṭra repräsentiert den Verstand – den Verstand, der blind ist und immer blind bleiben möchte. Der Verstand hängt so sehr am Äußeren, dass er nur dann Macht hat, wenn er auf etwas Äußeres gerichtet ist: auf das Materielle, auf Beziehungen, darauf, dieses oder jenes zu erlangen. Das ist die Natur des Verstandes. Der Verstand ist blind.”
„Beide Familien stammten aus der Kuru-Dynastie. Aber der König weigerte sich, die Pāṇḍavas anzuerkennen. Der Verstand erkennt die guten Qualitäten nicht, die in einem selbst gegenwärtig sind. Der Verstand kann nur auf die Sinne schauen, er schaut immer auf das Äußere. Das Selbst, die positiven Qualitäten, die im Inneren präsent sind, werden vom Verstand nicht erfasst.”[2]
VERSE 2-13: DIE KRIEGER WERDEN VORGESTELLT
sańjaya uvāca drṣtṿā tu pāṇdạvānīkaṁvyūdḥaṁduryodhanas tadā | ācāryam upasaṅgamya rājā vacanam abravīt || 2 ||
Sańjaya spricht: Oh König! Duryodhana, der die Armee der Pāṇḍavas in militärischer Formation sah, trat an seinen Lehrer Droṇa heran und sprach folgende Worte: (2)
paśyaitām pāṇdụ-putrāṇām ācārya mahatīṁcamūm | vyūdḥāṁdrupada-putreṇa tava śiṣyeṇa dhīmatā || 3 ||
Duryodhana spricht: Oh Meister, sieh das mächtige Heer der Pāṇḍavas, angeführt vom Sohn Drupadas, der dein kluger Schüler ist. (3)
atra śūrā maheṣvāsā bhīmārjuna samā yudhi | yuyudhāno virātạśca drupadaśca mahārathaḥ || 4 ||
In dieser Armee sind Helden und große Bogenschützen wie Bhīma und Arjuna. Da sind auch mächtige Krieger wie Yuyudhāna, Virāṭa und Drupada. (4)
dhrṣtạketuś-cekitānaḥkāśi-rājaśca vīryavān | purujit-kunti-bhojaśca śaibyaśca nara-puṅgavaḥ || 5 ||
Dort sind Dhṛṣṭaketu, Cekitāna, und der tapfere König von Kāśī, Purujit, Kuntibhoja, und Śaibyā, die allesamt zu den besten unter den Männern zählen. (5)
yudhāmanyuśca vikrānta uttamaujāśca vīryavān | saubhadro draupadeyāśca sarva eva mahārathāḥ || 6 ||
Dort ist der tapfere Yudhāmanyu und der starke Uttamaujas. Dort ist auch der Sohn Subhadrās sowie Draupadīs Sohn. Sie alle sind mächtige Wagenkrieger. (6)
asmākaṁtu viśisṭā ye tān-nibodha dvijottama | nāyakāḥmama sainyasya saṁjńārthaṁtān bravīmi te || 7 ||
Oh, bester unter den brahmanas, lass mich dir nun unsere Hauptkrieger vorstellen, die die Kommandanten meiner Armee sind. Ich nenne sie, um sie dir in Erinnerung zu rufen. (7)
bhavān bhīṣmaśca karṇaśca kṛpaśca samitińjayaḥ | aśvatthāmā vikarṇaśca saumadattis tathaiva ca || 8 ||
Da sind: du selbst, Bhīṣma und Karṇa, der siegreiche Kṛpā, Aśvatthāmā, Vikarṇa und Jayadratha, der Sohn Somadattas. (8)
anye ca bahavaḥśūrā madārthe tyakta-jīvitāḥ | nānā-śāstra praharaṇāḥsarve yuddha-viśāradāḥ || 9 ||
Es gibt viele weitere Helden, die entschlossen sind, ihr Leben für mich zu lassen. Sie alle sind Experten der Waffentechnik und erfahren in der Kunst der Kriegsführung. (9)
aparyāptaṁtad asmakaṁbalaṁbhīṣmābhirakṣitam | paryāptaṁtvidam eteṣāṁbalaṁbhīmābhirakṣitam || 10 ||
Unsere Streitkraft, kontrolliert von Bhīṣma, ist unermesslich, während ihre Kraft, geleitet von Bhīma, begrenzt ist. (10)
ayaneṣu ca sarveṣu yathā-bhāgam avasthitāḥ | bhīṣmam evābhirakṣantu bhavantaḥsarva eva hi || 11 ||
Ihr alle solltet daher jede Anstrengung unternehmen, Bhīṣma zu schützen, während ihr euch an euren jeweiligen Positionen in der Armee befindet. (11)
tasya sańjanayan harṣaṁkuru-vṛddhaḥpitāmahaḥ | siṁhanādaṁvinadyoccaiḥśaṅkhaṁdadhmau pratāpavān || 12 ||
Sańjaya spricht: Dann blies Bhīṣma, der tapfere Ahnherr, der Älteste des Kuru-Clans, brüllend wie ein Löwe sein Muschelhorn, um Duryodhana zu ermutigen. (12)
tataḥśaṅkhāśca bheryaśca paṇavānaka-gomukhāḥ | sahasaivābhyahanyanta sa śabdas-tumulo’bhavat || 13 ||
Plötzlich brachen Muschelhörner und Pauken, Trompeten, Trommeln und Hörner aus, und der Klang war gewaltig. (13)
„Duryodhana repräsentiert den Stolz, der dem Verstand entspringt. Wenn der Verstand sehr aktiv ist, wird man stolz, stolz auf viele Dinge, stolz auf sein Wissen, stolz auf das, was man besitzt.”
„Die Armee der Pāṇḍavas war in einer ganz speziellen Formation aufgestellt. Als er diese geordnete Formation sah, fühlte Duryodhana Nervosität und Angst in sich aufkeimen. Angst kommt auf, wenn man stolz ist. Auch wenn Stolz nach außen hin sehr stark erscheinen mag, birgt er in Wirklichkeit große Schwächen in sich. Warum entsteht Stolz? Glaubt ihr, er entsteht aus Stärke? Nein! Tatsächlich entsteht Stolz aufgrund innerer Schwäche. Selbst wenn jemand sagt: ‚Ja, ich bin sehr stolz auf dieses und jenes’, kann man fühlen, dass dieser Stolz in Wahrheit Schwäche ist. Wenn Stolz aufkommt, denken die Menschen: ‚Ich bin sehr selbstsicher!’ Nein. Es ist der Verstand, der Stolz als Selbstsicherheit wahrnimmt. In Wirklichkeit läuft man vor etwas davon, was dem Gegenteil von Stolz entspricht – vor Demut. Läuft man vor der Demut weg, scheint man sehr erhaben und selbstsicher, ist es jedoch nicht wirklich.”
„Wenn du den spirituellen Weg beginnst, sieht dein Stolz all deine guten Eigenschaften, doch dann bekommt der Verstand Angst. Der Stolz versucht dich dazu zu bringen, alles zu überdenken, möchte dich auf hinterlistige Weise vom Weg abbringen. Deshalb eilt Duryodhana zu Droṇācārya, dem großen Lehrer sowohl der Kauravas als auch der Pāṇḍavas.”
„Dronacharya repräsentiert die Anhaftung an das Materielle. Er repräsentiert die Gier im Menschen. Droṇācārya hatte auch gute Eigenschaften. Er war ein großer Lehrmeister der militärischen Wissenschaft. Manchmal beriet er sogar Bhīṣma. Er war der guru der königlichen Familie. Doch als Duryodhanas Stolz die Gier in Droṇācārya sah, sagte er zu sich: ‚Ich werde zu ihm gehen und seine Gier füttern. Ich werde ihn verderben.’”[3]
„Dann preist er Bhīṣma. Bhīṣma repräsentiert das Ego. Er war sehr mächtig. Er war der Großonkel der Kauravas und der Pāṇḍavas und galt in der Kuru-Dynastie als der Größte. Er war sehr tugendhaft. Er war ein Entsagender… Er war seinen Eltern sehr ergeben. Er wusste über die Schriften Bescheid. Er war seinen Lehrern treu ergeben. Vor allem aber war er sehr gottesfürchtig. Daher hatte er ein großes Ego.”[4]
„Das Ego lässt dich denken und fühlen, dass Du der Beste von allen bist. Du bist der Klügste von allen. Du weißt über alles Bescheid. Und das macht dich blind. Selbst wenn du viele gute Eigenschaften hast, haben all diese guten Eigenschaften keinen Wert, wenn du egoistisch bist, weil dann alles egozentrisch ist.”[5]
„Duryodhana fährt fort: ,Es gibt noch viele weitere Helden, die ihr Leben für mich geopfert haben.’ Ihr seht, Stolz hat viele Freunde, und die meisten dieser Freunde haben ähnliche Qualitäten wie er. Aufgrund seiner Arroganz hat Duryodhana ähnliche Menschen mit ähnlichen Eigenschaften angezogen. Seine eigenen neunundneunzig Brüder, die ihn unterstützen, verkörpern die meisten dieser Qualitäten.”[6]
„Die Kauravas stehen für die äußere Realität, die Ausschau hält, kämpft, immer etwas will, was jedoch alles materiell ist. Alles ist äußerlich, und das bringt oberflächliche Freude – Freude für eine sehr kurze Zeit und Elend für eine längere Zeit.”[7]
„Wenn du deinen spirituellen Weg beginnst, bist du in einem Kampf: Du nimmst all die negativen Eigenschaften in deinem Inneren stärker wahr. Manchmal magst du eine Qualität erwecken, die vorher noch nicht da war. Aber das ist der Reinigungsprozess, den man durchläuft. Das ist das Kurukṣetra, durch das man geht, das dharmakṣetra, das man durchläuft. Du entwurzelst eine Qualität nach der anderen und verwandelst sie. Du verwandelst sie, bis du schließlich die Liebe Gottes hast, die bestehen bleibt. Das ist Verwirklichung – Seine Gnade zu empfangen, Seine Liebe zu manifestieren und Seine Liebe auszustrahlen! Und das ist die Pflicht eines jeden menschlichen Wesens.”[8]
VERSE 14-20: KṚṢṆA WIRD EINGEFÜHRT – DIE MUSCHELHÖRNER WERDEN GEBLASEN
tataḥ śvetair-hayair-yukte mahati syandane sthitau | mādhavaḥ pāṇḍavaścaiva divyau śaṅkhau pradadhmatuḥ || 14 ||
Dann bliesen Śrī Kṛṣṇa und Arjuna in ihrem großen, von weißen Pferden gezogenen Wagen ihre Muschelhörner. (14)
pāńcajanyaṁhrṣīkeśo devadattaṁdhanańjayaḥ | pauṇdṛaṁdadhmau mahā-śaṅkhaṁbhīma-karmā vṛkodaraḥ || 15 ||
Śrī Kṛṣṇa blies Sein Muschelhorn Pāńcajanya, Arjuna blies seines, Devadatta genannt, und Bhīma, bekannt für seine furchterregenden Taten, blies das große Muschelhorn Pauṇḍra. (15)
ananta-vijayaṁrājā kuntī-putro yudhisṭhiraḥ | nakulaḥsahaDevaśca sughoṣa maṇi-puṣpakau || 16 ||
König Yudhiṣṭhira, der Sohn Kuntīs, blies sein Muschelhorn Ananta-vijaya, und Nakula and Sahadeva bliesen ihre Hörner Sughoṣa and Mani-Puṣpaka. (16)
kāśyaśca parameṣ-vasaḥśikhaṇḍī ca mahārathaḥ | dhrṣtạdyumno virātạśca sātyakiś-cāparājitaḥ || 17 ||
Dann bliesen der oberste Bogenschütze, der König von Kāśī, und der mächtige Krieger Śikhaṇḍī, Dhṛṣṭadyumna, Virāṭa und der unbesiegbare Sātyaki ihre eigenen Muschelhörner. (17)
drupado draupadeyāśca sarvaśaḥpṛthivī-pate | saubhadraśca mahā-bāhuḥśaṅkhān dadhmuḥpṛthak pṛthak || 18 ||
König Drupada, die Söhne Draupadīs und der schwer bewaffnete Sohn Subhadrās bliesen alle wieder und wieder ihre verschiedenen Muschelhörner. (18)
sa ghoṣo dhārtarāsṭrāṇāṁhṛdayāni vyadārayat | nabhaśca pṛthivīṁcaiva tumulo’bhyanunādayan || 19 ||
Dieses stürmische Getöse, widerhallend auf Erden und im Himmel, zerriss die Herzen der Söhne Dhṛtarāṣṭras. (19)
atha vyavasthitān drṣtṿā dhārtarāstṛān kapi-dhvajaḥ | pravṛtte śastra-sampāte dhanur udyamya pāṇdạvaḥ || 20 ||
Nachdem er die Söhne Dhṛtarāṣṭras in ihrer Formation zum Kampf aufgestellt sieht, nimmt Arjuna, der Hanumān in seinem Wappen hat, in Vorbereitung auf den Krieg seinen Bogen auf. (20)
„Kṛṣṇa sitzt auf Seinem Wagen, hält die Zügel in der Hand und lenkt die fünf Pferde. Er ist der Lenker von allem. Arjuna hat zusammen mit Ihm im Wagen Platz genommen, und sie blasen ihre göttlichen Muschelhörner. Das bedeutet, wenn jemand Interesse an Veränderung zeigt, wenn der Herr wahrnimmt, dass man sich bemüht, sich zu verändern, gibt der Herr selbst diesem Menschen Stärke, Kraft, Energie und Glauben, um sich zu ändern. Er verleiht jedem Kraft, die Sinne zu kontrollieren. Die fünf Pferde, die den Wagen ziehen, stehen für die fünf Sinne.”[9]
„Stellt euch all diese Menschen vor, die ihre Muschelhörner blasen. Der Klang muss so kraftvoll und stark gewesen sein, dass alles zu erzittern begann – und das nicht nur dort auf dem Schlachtfeld, sondern auch im Himmel! Es geschah nicht nur in dieser physischen Welt, es geschah ebenfalls in der geistigen Welt.”[10]
„Sie nutzten die Muschelhörner, um den Beginn und das Ende eines Krieges zu verkünden. Dieser Klang ist oṁ. Dieser vibrierende Klang verdeutlicht, dass am Ende ein jeder, egal wie groß die Schlacht ist, wie hart oder schwierig sie ist, seinen Weg findet. Am Ende erklingt alles im kosmischen Klang. Am Ende ist es durch diesen kosmischen Klang, dass man Verwirklichung erreicht. Dieser kosmische Klang ist das Wort Gottes selbst. Muschelhorn und Glocke sind nicht einfach nur Instrumente. Bläst man das Muschelhorn, erweckt dies die Göttlichkeit im Inneren. Es erweckt Klarheit im Inneren. Es entstehen Schwingungen, die auch in deinem Gehirn vibrieren. Dasselbe gilt für die Glocke.”[11]
„Wenn du den spirituellen Weg mit ganzer Kraft gehst, kann dich nichts verrücken! Nichts, was die Leute sagen, nichts, was die Leute tun, kann dich von deinem Weg abbringen. Das ist es, was Christus über den Glauben sagt. Er spricht davon, den Glauben auf Fels zu bauen, so dass dich nichts abbringen kann. Wenn du dein Haus auf Sand baust, wird es zusammenbrechen. Wenn du dein Haus hingegen auf einem Felsen erbaust, wird es sehr stabil sein. Dieser Klang, über den wir sprechen, ist die innere Stärke. Wenn du innere Stärke hast, ist diese nicht nur im Herzen. Dein gesamtes Wesen ist voller Energie! Vom Kopf bis in die Zehen bist du voller Energie, denn diese Energie kommt nicht von außen, sondern tief aus dem Inneren. Diese Energie ist von Gott selbst, von Kṛṣṇa selbst, sie strahlt und gibt dir Unterstützung, gibt dir die Kraft, voranzuschreiten. Du solltest also nicht auf deine Schwäche schauen, auch wenn du sie siehst. Sie ist Teil von dir, ja, aber halte an deiner Stärke fest!”[12]
VERSE 21-24: ZWISCHEN DEN ARMEEN
hrṣīkeśaṁtadā vākyam idam āha mahī-pate | arjuna uvāca senayor-ubhayor madhye rathaṁsthāpaya me’cyuta || 21 || yāvad etān nirīkṣe’haṁyoddhu-kāmān avasthitān | kair-mayā saha yoddhavyam asmin raṇa-samudyame || 22 ||
Oh König, diese Worte spricht Arjuna zu Śrī Kṛṣṇa: Oh Kṛṣṇa, bringe meinen Streitwagen zwischen die beiden Armeen. Ich möchte genau wissen, wer sich hier versammelt hat und gegen wen ich in dieser großen Schlacht kämpfen soll. (21-22)
yotsyamānān avekṣe’haṁya ete’tra samāgatāḥ | dhārtarāsṭrasya durbuddher yuddhe priya cikīrṣavaḥ || 23 ||
Ich bin begierig, die zu sehen, die sich versammelt haben, um den bösartigen Sohn Dhṛtarāṣṭras (Duryodhana) zu unterstützen. (23)
sańjaya uvāca evam ukto hrṣīkeśo gudākeśena bhārata | senayor-ubhayor madhye sthāpayitvā rathottamam || 24 ||
Sańjaya spricht: Oh Dhṛtarāṣṭra, nachdem Arjuna sich an Ihn gewandt hatte, positionierte Śrī Kṛṣṇa diesen besten aller Streitwagen zwischen den beiden Armeen. (24)
„Arjuna sagte zu Kṛṣṇa: ‚Bringe meinen Streitwagen in die Mitte.’ Diese ‚Mitte’ steht für Neutralität. Du bist weder auf der einen noch auf der anderen Seite. Du bist weder auf der guten noch auf der schlechten Seite. Damit du beobachten kannst, musst du in einem neutralen Zustand sein, dich an diesem neutralen Punkt befinden. Oft treffen Menschen Entscheidungen im Leben, während sie auf einer bestimmten Seite stehen. Steht man auf einer Seite, wird man immer urteilen, gibt es immer Verwirrung.”[13]
„Zeiten des Tests können in Form von Schwierigkeiten auftreten. Oft will man sie nicht durchleben, und man versucht, sie zu umgehen, einen anderen Weg einzuschlagen. Aber so ist das Leben. Das Leben ist eine große Lektion. Wenn du dich deinen Problemen nicht stellst, dich deinen negativen Eigenschaften nicht stellst und ihnen nicht in die Augen blickst, wirst du nie stark werden. Wenn du immer versuchst, sie zu umgehen, wirst du nichts lernen. Arjuna sagt: ‚Bringe mich in die Mitte. Lass mich sehen – von Angesicht zu Angesicht, Auge in Auge – was sind diese Eigenschaften, was ist dieser Schmerz? Lass mich darüber hinauswachsen, ihn überwinden, ihn meistern! Ich möchte sehen, gegen wen ich kämpfe.’ Hier geht es nicht ums Kämpfen, sondern darum, etwas zu transzendieren. ‚Was transzendiere ich? Welche Qualität?’ Das ist Selbstanalyse. Das ist der Punkt, an dem Arjuna analysiert. Arjuna repräsentiert hier die Selbstbeobachtung. Beobachte all deine Eigenschaften – die ‚guten’ und ‚nicht guten’ Eigenschaften – dann kann dir klar werden, wie du sie überwinden, transzendieren und transformieren kannst.” [14]
VERSE 25–47: ARJUNA WEIGERT SICH ZU KÄMPFEN
bhiṣma droṇa pramukhataḥsarveṣāṁca mahīkṣitām | uvāca pārtha paśyaitān samavetān kurūn iti || 25 ||
Vor Bhīṣma, Droṇa und all den anderen Königen stehend, spricht Kṛṣṇa: „Oh Arjuna, sieh alle Kurus, die sich hier versammelt haben.” (25)
tatrāpaśyat sthitān pārthaḥpitṝn atha pitā-mahān | ācāryān mātulān bhrātṝn putrān pautrān sakhīṁs tathā || 26 || śvaśurān suhṛdaścaiva senayor-ubhayor api | tān samīkṣya sa kaunteyaḥsarvān bandhūn avasthitān || 27 || kṛpayā parayā’’viṣṭo viṣīdann idam abravīt | arjuna uvāca drṣtṿemaṁsvajanaṁkrṣṇa yuyutsaṁsamupasthitam || 28 || sīdanti mama gātrāṇi mukhaṁca pariśuṣyati | vepathuśca śarīre me roma harṣaśca jāyate || 29 ||
Arjuna sah dort Väter, Großväter, Lehrer, Onkel, Brüder, Söhne, Enkel und Freunde stehen. Als er all seine Freunde und Verwandten sah, war Arjuna von tiefem Mitgefühl erfüllt und sprach in Verzweiflung folgende Worte: Nachdem ich meine eigene Familie und meine Freunde gesehen habe, die bereit sind, zu kämpfen und sich gegenseitig zu töten, werden mir die Glieder schwach und mein Mund trocknet aus. Mein Körper bebt und mir stehen die Haare zu Berge. (26-29)
gāṇḍīvaṁsraṁsate hastāt tvak caiva pari-dahyate | na ca śaknomy-avasthātuṁbhramatīva ca me manaḥ || 30 ||
Gāṇḍīva, mein Bogen, gleitet mir aus den Händen und mir brennt die Haut. Ich bin nicht in der Lage, mich zu kontrollieren, ich bin verwirrt und mein Verstand gerät ins Taumeln. (30)
nimittāni ca paśyāmi viparītāni keśava | na ca śreyo’nupaśyāmi hatvā svajanam āhave || 31 ||
Oh Kṛṣṇa, ich sehe nur Unheil für die Zukunft. Ich kann nichts Gutes daran finden, meine eigene Familie im Kampf zu töten. (31)
na kāṅkṣe vijayaṁkrṣṇa na ca rājyaṁsukhāni ca | kiṁno rājyena govinda kiṁbhogair jīvitena vā || 32 ||
Ich wünsche mir auch nicht den Sieg, ein Königreich oder Glück. Was nützt ein Königreich, Vergnügung oder gar das Leben selbst? (32)
yeṣām arthe kāṅkṣitaṁno rājyaṁbhogāḥsukhāni ca | ta ime’ vasthitā yuddhe prāṇāṁs tyaktvā dhanāni ca || 33 ||
Die Menschen, um derentwillen wir solche Dinge wollen, sind bereit zu kämpfen, bereit, ihr Leben und ihren Reichtum für diesen Krieg aufzugeben. (33)
ācāryāḥpitaraḥputrās tathaiva ca pitāmahāḥ | mātulāḥśvaśurāḥpautrāḥśyālāḥsambandhinas tathā || 34 ||
Vor mir stehen Lehrer, Väter, Söhne und auch Großväter, Onkel, Schwiegerväter und Enkel, Schwäger und andere Verwandte. (34)
etān na hantum icchāmi ghnato’pi madhusūdana | api trailokya rājyasya hetoḥkiṁnu mahīkṛte || 35 ||
Oh Kṛṣṇa, sie mögen wünschen, mich zu erschlagen, doch ich habe nicht den Wunsch, sie zu töten, nicht einmal, wenn es um die Herrschaft über die drei Welten ginge, und noch weniger über diese Erde. (35)
nihatya dhārtarāsṭrān naḥkā prītiḥsyāj-janārdana | pāpam evāśrayed asmān hatvaitān ātatāyinaḥ || 36 ||
Welche Freude sollten wir haben, wenn wir die Söhne Dhṛtarāṣṭras erschlagen, oh Kṛṣṇa? Einzig und allein Sünde wird uns beflecken, wenn wir die Angreifer töten.(36)
tasmān nārhā vayaṁhantuṁdhārtarāsṭrān svabandhavān | svajanaṁhi kathaṁhatvā sukhinaḥsyāma mādhava || 37 ||
Deshalb ist es nicht richtig, die Söhne Dhṛtarāṣṭras umzubringen. Woran können wir uns erfreuen, oh Kṛṣṇa, wenn wir unsere eigenen Verwandten töten? (37)
yady-apyete na paśyanti lobhopahata cetasaḥ | kula-kṣaya-kṛtaṁdoṣaṁmitra-drohe ca pātakam || 38 || kathaṁna jńeyam asmābhiḥpāpād asmān nivartitum | kula-kṣaya-kṛtaṁdoṣaṁprapaśyadbhir janārdana || 39 ||
Auch wenn diese Menschen, deren Verstand von Gier überwältigt ist, kein Übel darin sehen, ihre Familie zu zerstören und ihre Freunde zu verraten, warum sollten wir, oh Kṛṣṇa, die dieses Übel erkennen, solch sündige Taten begehen? (38-39)
kula-kṣaye praṇaśyanti kula-dharmāḥsanātanāḥ | dharme nasṭe kulaṁkṛtsnam adharmo’bhibhavaty-uta || 40 ||
Wird die Familie zerstört, so gehen ihre uralten Traditionen unter, und wenn Traditionen untergehen, wird der gesamte Clan von Unrecht heimgesucht. (40)
adharmābhi-bhavāt krṣṇa praduṣyanti kula-striyaḥ | strīṣu dusṭāsu vārṣṇeya jāyate varṇa-saṅkaraḥ || 41 ||
Wenn Unrecht herrscht, oh Kṛṣṇa, werden die Frauen des Clans verdorben. Wenn die Frauen verdorben werden, werden zukünftige Generationen dem folgen. (41)
saṅkaro narakāyaiva kula-ghnānāṁkulasya ca | patanti pitaro hyeṣāṁlupta-piṇdọdaka-kriyāḥ || 42 ||
Die Vermischung sozialer Schichten schafft für die Familie und für diejenigen, die sie zerstören, die Hölle auf Erden. Folglich werden die Ahnen einer solchen Familie stürzen, weil sie ihrer rituellen Opfer beraubt werden. (42)
doṣair etaiḥkula-ghnānāṁvarṇa-saṅkara-kārakaiḥ | utsādyante jāti-dharmāḥkula-dharmāśca śāśvatāḥ || 43 ||
Die sündigen Taten derer, die ihre Familie zerstören und soziale Klassen mischen, ruinieren die alten Traditionen unseres Clans. (43)
utsanna-kula-dharmāṇāṁmanuṣyāṇāṁjanārdana | narake’niyataṁvāso bhavatīty-anuśuśruma || 44 ||
Es heißt, oh Kṛṣṇa, dass ein Platz in der Hölle jenen sicher ist, die solche Familienpraktiken zerstören. (44)
aho bata mahat pāpaṁkartuṁvyavasitā vayam | yad rājya sukha lobhena hantuṁsva-janam udyatāḥ || 45 ||
Ach! Wir haben uns entschlossen, ein großes Verbrechen zu begehen, indem wir bereit sind, unsere eigene Familie zu erschlagen, nur um zu herrschen und die Freuden eines Königreichs zu genießen. (45)
yadi mām apratīkāram aśastraṁśastra-pāṇayaḥ | dhārtarāsṭrā raṇe hanyus tan-me kṣemataraṁbhavet || 46 ||
Würden die schwer bewaffneten Söhne Dhṛtarāṣṭras mich im Kampf erschlagen, wenn ich unbewaffnet wäre und keinen Widerstand leisten würde, so wäre das besser für mich. (46)
sańjaya uvāca evam uktvā’rjunaḥsaṅkhye rathopastha upāviśat | visṛjya saśaraṁcāpaṁśoka saṁvigna mānasaḥ || 47 ||
Sańjaya spricht: Nachdem er diese Worte auf dem Schlachtfeld gesprochen hatte, warf Arjuna Pfeil und Bogen beiseite und setzte sich auf den Sitz seines Wagens. Sein Herz war von Trauer überwältigt. (47)
„Ihr wurdet aus einem Grund geboren, und dieser Grund besteht darin, das Selbst zu verwirklichen, die Göttlichkeit in eurem Inneren zu erwecken und sie an andere weiterzugeben, nicht einfach nur, um zu sagen ‚Okay, ich habe ein gutes Leben.’”[15]
„Ihr kommt mit all euren negativen Eigenschaften auf die Welt. Sie schlummern in euch. Über viele Leben hinweg habt ihr sie mit euch herumgetragen, aber wenn die Zeit kommt, sie loszuwerden, sitzt ihr da und sagt: ‚Nein, ich kann das nicht!’ Dasselbe gilt für Arjuna. Er sitzt dort und sagt: ‚Ich kann das nicht’, weil er noch immer an seinen Schwächen festhält.”[16]
„Arjuna ist von Emotionen überwältigt, was ihn davon abhält, zu kämpfen. Er wird feige und sehr schwach. Wenn man schwach ist, kann man niemandem helfen, denn dafür muss man stark sein. An dieser Stelle ruft Kṛṣṇa Arjuna in Erinnerung, dass er nicht vorwärtskommt, wenn er schwach ist. Um ihn zu reinigen, lässt Kṛṣṇa dieses Gefühl jedoch in Arjuna erwachen. Er zeigt ihm: ‚Sieh dir die Sache genau an. Das alles ist nicht außerhalb von dir, sondern in dir. Warum fühlst du eine Verbindung mit diesen Menschen, die du außerhalb von dir siehst? Weil sie in deinem Herzen sind.’ Die negativen Eigenschaften, die du im Außen siehst, in anderen Menschen siehst, diese negativen Eigenschaften sind in dir selbst. Wenn du sie überwinden willst, musst du sie aus deinem Inneren hervorholen. Du musst sie in den Tiefen in dir beseitigen, nicht oberflächlich, indem dein Verstand sagt: ‚Ah ja, ich habe mich verändert, es ist vorbei! Gut! Jetzt liebt Gott mich! Und ich liebe Gott!’ Nein, so funktioniert es nicht. Gott zu lieben muss von innen kommen. Damit Er Sich manifestiert, damit Er zu dir kommt, zu dir eilt, muss ganz viel Aufrichtigkeit, Kraft und Stärke in dir sein!”[17]
„In seiner Verwirrung versucht Arjuna, alle möglichen Ausreden zu finden, nicht zu kämpfen. Er sieht, dass Kṛṣṇa ihn nur anschaut, ohne sich um seine Argumente zu kümmern. Arjuna benutzt alle möglichen Agumente, um Kṛṣṇa günstig zu stimmen, um Kṛṣṇa dazu zu bringen, ihm zuzustimmen. Wie ich bereits erklärt habe, wenn man depressiv ist, sucht man bei allen anderen nach einer Bestätigung der eigenen Depression. Arjuna ist niedergeschlagen und will Kṛṣṇa sagen hören: ‚Du Armer! Wir werden nicht kämpfen.’ Er versucht, Kṛṣṇa dazu zu bringen, dass Er anerkennt, dass es richtig ist, was er sagt. Er ist in einem Zustand tiefster Verwirrung und der große Arzt sitzt dort bei ihm! Denkt ihr, der große Arzt würde einfach dort sitzen, mit ihm lamentieren und sagen: ‚Oh mein Gott! Ach Arjuna, du hast Recht, lass uns zurück gehen’? Nein, so ist das nicht!”[18]
„Kṛṣṇa hört nur zu und wartet darauf, dass Arjuna aufhört zu klagen. So ist es im Leben. Es hat keinen Zweck, mit einer Person in einem solchen Zustand vernünftig reden zu wollen. Der Herr schaut nur zu und sagt: ‚Okay, mach weiter. Hast du mehr? Schieß los! Ich höre zu. Ich bin geduldig.’”[19]
„Dein Leben lang ist dein guru bei dir, egal ob du auf der linken oder rechten Seite stehst, aber du musst lernen zuzuhören. Hier steht Kṛṣṇa mit ihm in der Schlacht. In der Schlacht des Lebens ist der Meister bei dir, hilft dir, deinen Weg aus der Verwirrung zu finden.”
„Die innere Verwirrung, die Arjuna durchmacht, ist in uns allen… Du kannst die Welt da draußen nicht verändern. Was du verändern kannst, bist du selbst. Aber der Wille zur Veränderung muss da sein. Denn wenn du nicht den Willen hast, dich zu ändern, wird selbst das Lesen oder Hören der Bhagavad Gītā nichts in dir bewirken. Doch wenn du nur ein wenig dazu bereit bist, wird die Veränderung eintreten.”
„Arjuna ist in eine wirklich schreckliche Verfassung geraten… Wir sehen viele Menschen im täglichen Leben, die durch solch einen Zustand gehen. Es ist jedoch ein sehr wichtiger Zustand, durch den man die Grundlage für die eigene Spiritualität aufbaut. Wenn du schwach bist, kannst du auf dem spirituellen Weg nicht bestehen. Du musst stark werden… Schau nicht nur auf die äußere Situation. Oft geschehen Dinge im Leben, die wir nicht sehen möchten. Hier sagt Kṛṣṇa: ‚Sieh es dir an! Blicke dem ins Auge und wachse darüber hinaus!’”
„Am Anfang deines spirituellen Wegs ist es nicht leicht. Du musst den Verstand bekämpfen.”
„Wenn du auf diesem Schlachtfeld des Lebens eine Illusion erschaffst, um dich glücklich zu fühlen, wirst du versuchen, Wege zu finden, um das zu umgehen, was vor dir auftaucht oder sich dir in den Weg stellt. Es ist Feigheit, es zu umgehen, es ‚in eine Schublade zu stecken’. Du kannst niemals frei sein, weil du früher oder später erneut mit derselben Sache konfrontiert sein wirst. Wenn du dich ihr aber einmal gestellt hast, kommt sie nie wieder zu dir.”[20]
Obwohl Kṛṣṇa Arjuna drängt, seine Schwäche abzuschütteln, bringt dieser weiterhin seinen Widerwillen zu kämpfen zum Ausdruck. Schließlich, in einem hilflosen Zustand, gibt sich Arjuna Kṛṣṇa hin und bittet um Seine Führung. An diesem Punkt nimmt Kṛṣṇa die Rolle des satguru [1] an und belehrt ihn über die Natur des Selbst – das ātma [2], das in jedem Individuum gegenwärtig ist. Er beschreibt, dass das ātma unzerstörbar, ewig und jenseits von dieser materiellen Welt ist. So wie wir alte Kleider ablegen und uns mit neuen schmücken, wirft die Seele alte Körper ab und nimmt neue an. Als kṣatriya (Krieger) soll Arjuna daher keine Bedenken bezüglich der Erfüllung seiner Pflicht haben, da letztlich niemand getötet werden kann.
Nachdem Kṛṣṇa Arjuna in dieses philosophische Verständnis eingeführt hat, fährt Kṛṣṇa fort, ihn eines der grundlegenden Konzepte der Gītā zu lehren: karma-yoga. Er erklärt, dass Menschen mit geringerer Intelligenz ihre verschiedenen Aufgaben in der Hoffnung auf eine begrenzte Belohnung erfüllen. Es ist diese Anhaftung an Ergebnisse, die karma [3] erzeugt. Doch Kṛṣṇa drängt Arjuna, seine Pflicht als Krieger ohne jegliche Anhaftung an das Ergebnis zu erfüllen. Durch rechtschaffenes Handeln ohne Streben nach Gewinn kann man von jeglichen karmischen Konsequenzen befreit werden. Wenn man die Sinne beherrscht und den Verstand kontrolliert, wird man nicht von der Welt abgelenkt. In diesem wunschlosen Zustand erreicht ein yogī vollkommene Weisheit und Frieden.
Dieser Überblick über karma-yoga [4] bildet den Kern für die Lehren Kṛṣṇas in den nächsten vier Kapiteln. Wir lernen die wahre Bedeutung des Handelns kennen und erfahren, was wahre Entsagung und der letztendliche Zustand ist, den man erreicht, wenn man dieses yoga praktiziert.
Schlüsselbegriffe des Kapitels Zwei – Einleitung
[1] Satguru – Es gibt viele Arten von gurus (Lehrern), die einem auf dem spirituellen Weg helfen, doch der satguru wird als der höchste angesehen. Er ist der Herr selbst, der gekommen ist, um die Menschheit zum endgültigen Ziel zu führen.
[2] Ātma – synonymer Begriff zu „Selbst” und „Seele”, bezieht sich auf den ewigen, nicht-materiellen Teil Gottes.
[3] Karma – jede Handlung, die mit dem Körper oder im Geist ausgeführt wird und die weitere Konsequenzen erzeugt.
[4] Karma-yoga – der Weg, auf dem man in der Welt ohne Anhaftungen handelt. Derartige Handlungen bewirken daher keine weiteren Konsequenzen.
VERSE 1-9: ARJUNA SUCHT BEI KṚṢṆA ALS GURU ZUFLUCHT
sańjaya uvāca taṁtathā kṛpayāvisṭaṁaśrū pūrṇā-kulekṣaṇam | viṣīdantam idaṁvākyam uvāca madhusūdanaḥ || 1 ||
Sańjaya spricht: Als Er Arjuna sah, der von Mitleid überwältigt, niedergeschlagen, verwirrt war und Tränen in den Augen hatte, sprach Kṛṣṇa: (1)
śrī bhagavān uvāca kutas tvā kaśmalam idaṁviṣame samupasthitam | anāryājusṭam asvargyam akīrtikaram arjuna || 2 ||
Lord Kṛṣṇa spricht: Woher kommt diese Schwäche, oh Arjuna? Sie ist eines edlen Menschen wie dir nicht würdig. Solcher Kleinmut führt nicht dazu, den Himmel zu erreichen, sondern zu Schande. (2)
klaibyaṁmā sma gamaḥpārtha naitat-tvayyupapadyate | kṣudraṁhṛdaya daurbalyaṁtyaktvottisṭha parantapa || 3 ||
Gib dich nicht dieser Unmännlichkeit hin, oh Arjuna, das gehört sich nicht für dich. Weise diese Schwäche von dir und erhebe dich, oh Bezwinger der Feinde! (3)
arjuna uvāca kathaṁbhīṣmam ahaṁsaṅkhye droṇaṁca madhusūdana | iṣubhiḥpratiyotsyāmi pūjārhāv-arisūdana || 4 ||
Arjuna spricht: Oh Kṛṣṇa, Zerstörer der Feinde, wie kann ich im Kampf Pfeile auf Bhīṣma und Droṇa richten? Diese Männer sind meiner Verehrung würdig. (4)
gurūn ahatvā hi mahānubhāvān śreyo bhoktuṁbhaikṣyam apīha loke | hatvārtha kāmāṁs tu gurūn ihaiva bhuńjīya bhogān rudhira-pradigdhān || 5 ||
Es wäre besser, ein Leben als Bettler zu führen, als diese großen Seelen zu töten, die meine Lehrer sind. Auch wenn sie von der Begierde nach Wohlstand verunreinigt sind, so würde ich mich doch nur blutbefleckter Vergnügen erfreuen, wenn ich sie töten würde. (5)
na caitad vidmaḥkataran no garīyo yadvā jayema yadi vā no jayeyuḥ | yān eva hatvā na jijīviṣāmas te’vasthitāḥpramukhe dhārtarāṣṭrāḥ || 6 ||
Wir wissen nicht, was besser für uns ist – sie zu töten, oder durch sie getötet zu werden. Nachdem wir die Söhne Dhṛtarāṣṭras getötet haben, die hier vor uns stehen, hätte es keinen Sinn mehr zu leben. (6)
kārpaṇya doṣopahata svabhāvaḥ pṛcchāmi tvāṁdharma samūdḥa cetāḥ | yacchreyaḥsyān niścitaṁbrūhi tan me śiṣyas ’haṁ śādhi māṁtvāṁprapannam || 7 ||
Da mein Herz von Schwäche überwältigt und mein Verstand bezüglich meiner Pflicht verwirrt ist, bitte ich Dich sehr, mir zu sagen, was gut für mich ist. Ich bin Dein Schüler und nehme Zuflucht zu Dir. Bitte lehre mich. (7)
na hi prapaśyāmi mamāpanudyād yacchokam ucchoṣaṇam indriyāṇām | avāpya bhūmāv-asapatnam-ṛddham rājyaṁsuraṇām api cādhipatyam || 8 ||
Selbst wenn ich ein Königreich gewänne, wohlhabend und auf dieser Erde unangefochten wäre, selbst wenn ich über die Götter herrschen würde, kann ich nicht sehen, wie der Kummer, der meine Sinne austrocknet, zerstreut werden kann. (8)
sańjaya uvāca evam uktvā hrṣīkeśaṁgudạkeśaḥparaṅtapa | na yotsya iti govindam uktvā tūṣṇīṁbabhūva ha || 9 ||
Sańjaya spricht: Nachdem er so zu Śrī Kṛṣṇa gesprochen hatte, sagte Arjuna, der über den Schlaf gesiegt und seine Feinde bezwungen hat: „Ich werde nicht kämpfen” – und schwieg. (9)
„Im letzten Kapitel haben wir gesehen, wie verwirrt Arjuna sich fühlt und wie niedergeschlagen er ist, denn wenn der Geist auf das Negative fokussiert und konzentriert ist, wird alles negativ. Wir werden sehen, wie Lord Kṛṣṇa Arjuna das Wissen der Gītā gibt und wie Er beginnt, mit Arjuna über das Wissen des Selbst zu sprechen.”
„Kṛṣṇa ist ein großartiger Psychologe; Er gibt Arjuna nicht sofort alles. Er geht es langsam an, Schritt für Schritt. Er verändert Arjuna nicht, sondern erlaubt ihm, sich allmählich selbst zu verändern.”[21]
„In diesem Kapitel wird Kṛṣṇa zum guru. Die ganze Zeit hat Arjuna Kṛṣṇa als seinen Cousin und Freund betrachtet. Doch jetzt, da Kṛṣṇa diesen schrecklichen, bedauernswerten Zustand Arjunas sieht, beginnt Er, ihn zu lehren. In diesem Moment wird Kṛṣṇa zum guru und Arjuna zum Schüler. Arjunas Bereitschaft, auf Kṛṣṇa zu hören, ist allerdings sehr wichtig!”
„Wie kann Kṛṣṇa Arjuna etwas sagen, wenn Arjuna nicht zuhören will? Im ersten Kapitel haben wir gesehen, dass Kṛṣṇa nicht viel spricht. Er schweigt und hört Sich an, was Arjuna zu sagen hat. Aber als Arjuna des Redens müde ist, offenbart ihm Kṛṣṇa die Gītā. Nur wenn man zuhören kann, kann man sich ändern! Wie will man sich verändern, wenn man nicht zuhören kann? Man wird sich nie ändern. So ist das Leben: Wenn du nicht lernst, zuzuhören und zu beobachten, wirst du dich nicht verändern.”[22]
„Die Unterweisung des guru ist wie ein Samen, der in fruchtbares Land gepflanzt wird. Wenn das Herz des Schülers hart wie Stein ist, wird nichts darauf wachsen.”
„Wenn ein Schüler Zuflucht beim guru nimmt, muss der Schüler die Überlegenheit des Meisters vollständig akzeptieren. Das ist es, was Arjuna tut.”[23]
„Wenn man zum Meister kommt, muss man wie ein leeres Gefäß sein, damit man gefüllt werden kann. Der Geist muss geleert werden, um zu empfangen. Man muss die Bereitschaft zur Veränderung haben, um den vollen Nutzen daraus zu ziehen.”
„Beginnt man, darüber nachzudenken, was man verliert, kann man nicht gewinnen, denn auf dem spirituellen Weg kann man äußerlich alles verlieren, während man in Wirklichkeit alles gewinnt.”[24]
„Arjunas Augen leuchten und sein Geist ist völlig verwandelt. Seine ganze Einstellung hat sich verändert. Arjuna steht mit gefalteten Händen da und weiß, wenn er die Rolle des Schülers annimmt, nimmt der Herr, der allmächtige Gott, der Allwissende und Kenner aller Herzen, die Rolle des höchsten Meisters ein. Er, der voller Liebe, Größe, Tugend und Wissen ist, Er, der nicht anhaftet, der weder von karma noch von irgendetwas berührt werden kann, ist sein lieber Freund. Und sein bester Freund ist jetzt zum höchsten Führer und zur höchsten Göttlichkeit geworden.”
„Das ist die Größe des guru. Der guru hat nicht nur eine Rolle. Er ist nicht nur ein Lehrer. Er nimmt verschiedene Formen an, eine Vielzahl von Aspekten. Denn das Leben des guru ist nicht für sich selbst, sondern für andere. Die Hilfe und Unterstützung, das Wissen, die Macht und die Zuneigung, die der guru für seine Devotees hat, ist wunderbar und unübertrefflich.”[25]
VERSE 10–30: DIE EWIGE NATUR DER SEELE
tam uvāca hrṣikeśaḥprahasann iva bhārata | senayor ubhayor madhye viṣīdantaṁidaṁvacaḥ || 10 ||
Oh König, als Arjuna zwischen den beiden Armeen klagte, sprach Kṛṣṇa folgende Worte, und Er lächelte dabei. (10)
śrī bhagavān uvāca aśocyān anvaśocas tvaṁprajńāvādāṁśca bhāṣase | gatāsūn agatāsūṁśca nānuśocanti paṇdịtāḥ || 11 ||
Lord Kṛṣṇa spricht: Du trauerst um jene, die nicht betrauert werden sollten, und doch erscheinen deine Worte weise. Aber die Gelehrten klagen weder um die Toten noch um die Lebenden. (11)
na tvevāhaṁjātu nāsaṁna tvaṁneme janādhipāḥ | na caiva na bhaviṣyāmaḥsarve vayamataḥparam || 12 ||
Nie gab es eine Zeit, in der Ich, du oder einer dieser Könige nicht existierten. Und es wird auch keine Zeit in der Zukunft geben, in der wir aufhören zu existieren. (12)
dehino’smin yathā dehe kaumāraṁyauvanaṁjarā | tathā dehāntara prāptir dhīras tatra na muhyati || 13 ||
Wie das verkörperte Selbst durch Kindheit, Jugend und Alter geht, so geht es auch im Tod in einen anderen Körper über. Ein weiser Mann lässt sich durch diese Ereignisse nicht verunsichern. (13)
mātrā sparśās tu kaunteya śītoṣṇa sukha-duhḳhadāḥ | āgamāpāyino’nityās tāṁs titikṣasva bhārata || 14 ||
Der Kontakt der Sinne mit ihren Objekten, oh Arjuna, ruft Gefühle von Kälte und Wärme, Freude und Schmerz hervor. Diese kommen und gehen; sie sind vergänglich, also ertrage sie, ohne dich davon stören zu lassen. (14)
yaṁhi na vyathayantyete puruṣaṁpuruṣarṣabha | sama duhḳha sukhaṁdhīraṁso’mṛtatvāya kalpate || 15 ||
Jemand, der davon unberührt ist, oh bester aller Männer, für den Schmerz und Vergnügen dasselbe sind, solch ein unerschütterlicher Mensch allein ist der Unsterblichkeit würdig. (15)
nāsato vidyate bhāvo nābhāvo vidyate sataḥ | ubhayor api drṣtọ’ntas tvanayos tattva darśibhiḥ || 16 ||
Das Unwirkliche kann niemals entstehen, und das Wirkliche hört nie auf zu sein. Dies ist die Schlussfolgerung derer, die die Wahrheit gesehen haben. (16)
avināśi tu tad viddhi yena sarvam idaṁtatam | vināśam avyayasyāsya na kaścit kartum arhati || 17 ||
Es ist unzerstörbar und durchdringt das gesamte materielle Universum. Niemand kann das unvergängliche Selbst zerstören. (17)
antavanta ime dehā nityasy-oktāḥśarīriṇaḥ | anāśino’prameyasya tasmād yuddhyasva bhārata || 18 ||
Die materiellen Körper des Selbst haben ein Ende, während das eigentliche Selbst ewig, unzerstörbar und nicht erfassbar ist. Deshalb kämpfe, oh Arjuna. (18)
ya enaṁvetti hantāraṁyaścainaṁmanyate hatam | ubhau tau na vijānīto nāyaṁhanti na hanyate || 19 ||
Wer glaubt, das Selbst könne töten, und wer glaubt, dass es getötet werden könne – beide sind unwissend, da das Selbst weder tötet noch getötet wird. (19)
na jāyate mriyate vā kadācin nāyaṁ bhūtvā bhavitā vā na bhūyaḥ | ajo nityaḥ śāśvato’yaṁ purāṇo na hanyate hanyamāne śarīre || 20 ||
Das Selbst wird weder geboren noch stirbt es. Es hat immer existiert und wird nie aufhören zu existieren. Es ist ungeboren, ewig, unvergänglich und existiert von Anfang an. Es stirbt nicht, wenn der Körper getötet wird. (20)
vedāvināśinaṁnityaṁya enam ajam avyayam | kathaṁsa puruṣaḥpārtha kaṁghātayati hanti kam || 21 ||
Oh Arjuna, wenn man weiß, dass dieses Selbst unzerstörbar, ungeboren, unveränderlich und ewig ist, wie und wen könnte man töten? (21)
vāsāṁsi jīrṇāni yathā vihāya navāni gṛhṇāti naro’parāṇi | tathā śarīrāṇi vihāya jīrṇāny-anyāni saṁyāti navāni dehī || 22 ||
Wie ein Mensch getragene Kleidungsstücke ablegt und neue anzieht, so legt das verkörperte Selbst „abgetragene” Körper ab und tritt in neue ein. (22)
nainaṁchindanti śastrāṇi nainaṁdahati pāvakaḥ | na cainaṁkledayanty-āpo na śoṣayati mārutaḥ || 23 ||
Waffen zerschneiden das Selbst nicht, Feuer verbrennt es nicht, Wasser nässt es nicht und der Wind trocknet es nicht. (23)
acchedyo’yam adāhyo’yam akledyo’śoṣya eva ca | nityaḥsarva-gataḥsthāṇur acalo’yaṁ sanātanaḥ || 24 ||
Es kann nicht zerschnitten werden, es kann nicht verbrannt werden, es kann nicht durchnässt werden, es kann nicht trocknen. Es ist ewig, alles durchdringend, feststehend, unveränderlich und immerwährend. (24)
avyakto’yam acintyo’yam avikāryo’yam ucyate | tasmād evaṁviditvainaṁnānuśocitum arhasi || 25 ||
Man sagt vom Selbst, es sei unsichtbar, unvorstellbar und unwandelbar. Verstehst du dies, so trauere nicht länger. (25)
atha cainaṁnitya jātam nityaṁvā manyase mṛtam | tathāpi tvaṁmahābāho naivaṁśocitum arhasi || 26 ||
Selbst wenn du glaubst, dass das Selbst wiederholt durch Geburt und Tod geht, oh Arjuna, solltest du nicht klagen. (26)
jātasya hi dhruvo mṛtyur dhruvaṁjanma mṛtasya ca |
