Die Ewigkeit ist nur ein Augenblick - Petra Hauser - E-Book

Die Ewigkeit ist nur ein Augenblick E-Book

Petra Hauser

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Beschreibung

Vom Leben der Familie Sömmer, von guten und schlechten Zeiten für jedes einzelne der zehn Kinder, die der Hofmusiker Paul Sömmer und seine Frau Wilhelmine aus Mannheim haben, erzählt Petra Hauser in ihrem neuen Roman. Manchmal verzweifelt Wilhelmine an der lauten und lebhaften Schar ihrer Söhne und Töchter, aber als sie schließlich alle ein eigenes Leben führen, als sich die Familie um Schwiegerkinder und Enkel erweitert hat, am Ende ihrer Tage empfindet sie es als großes Glück, sie um sich zu haben. Der Roman kreist um die Geheimnisse der Familien-Dynamik, um den Wert von Allianzen und die Auswirkungen familiärer Spannungen. Historische Folie ist das Badische Land zwischen Mosbach und Gernsbach im 20. Jahrhundert. Wurzeln und Flügel sollen den Kindern wachsen. Geborgenheit sollen sie fühlen, so dass in ihnen der Mut zur Selbstverwirklichung entsteht. Bewunderung und Liebe verbindet die Familie, es entstehen auch Verletzungen und Enttäuschungen. Aber man kann immer wieder aufeinander zugehen, das ist Wilhelmines Überzeugung, deshalb hält sie sich mit offenen Armen bereit.

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Seitenzahl: 416

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Für meinen Mann,

meine Töchter und meine Enkelkinder

Petra Hauser wurde 1950 in Karlsruhe geboren. Sie studierte Germanistik und Anglistik in Heidelberg und war über 30 Jahre lang als Lehrerin vor allem in der Erwachsenenbildung tätig. Ihren ersten Roman „Das Glück ist aus Glas“ veröffentlichte sie 2009 (6. Auflage, 2015). Es folgten die Novelle „Falsche Wimpern“ (2011), der Roman „Die Tage vor uns“ (2012), der Krimi „Binokelrunde“ (2014), der Roman „Heimatstadt“ (2016, 2. Auflage), „Das Geheimnis vom Weihnachtsgebäck“ (2018) sowie 2020 „Ein herrliches Vergessen“.

Petra Hauser

Die Ewigkeit ist nur ein

Augenblick

Roman einer badischen Familie

Lindemanns

Ein bisschen muss man immer

an der Wahrheit drehen, wenn man sie in eine gute Geschichte verwandeln will.

Man bricht den Lebensstoff in Stücke und fügt ihn wieder zusammen, in anderen, neuen Kombinationen, und manche sind real und manche sind es nicht, manche sind dokumentarisch und manche erfunden. Wer herausfinden will, was daran wahr ist und was nicht, muss schon ein rechter Kleingeist sein. Nichts davon ist wahr und alles davon ist wahr.

Wallace Stegner

Das Glücksgefühl meines Vaters (beim Erzählen) rettete ihn nicht nur, sondern trieb ihn zu Geschichten an und erhält ihn selbst jetzt noch in mir am Leben, wie eine zweite, geduldigere ... Seele in meiner ... Seele.

Sebastian Barry

Richard ...

... Löwenherz. Das denkt man gleich mit. Mancher tut es. Ich zum Beispiel. Weil er für mich das war: ein Mensch mit einem großen Herzen. Gutmütig. Tolerant. Seinen Mut abzuwägen, wäre mir nie eingefallen, weil ich ihn liebte. Ihn entschuldigte, wenn er etwas tat, was keiner verstand. Ihn verstand, weil ich ihn verstehen wollte, weil ich ihn liebte. Er war verschlossen, in sich gekehrt. Aber er konnte erzählen, ausführlich und detailversessen bis zur Schmerzgrenze des Zuhörers. Er legte nie das Vokabular des Soldaten ab, Kraftwörter gingen ihm glatt über die Lippen. Und gleichzeitig liebte er Gedichte, liebte Literatur, auch wenn sie schwierig war. Er liebte Heinrich Heine, Erich Kästner, Ringelnatz und Tucholsky, las alles von Arno Schmidt und Günter Grass, verstand die Theaterstücke von Samuel Beckett. Er hatte das absolute Gehör, konnte Gitarre, Banjo, Ukulele spielen, aber keine Noten lesen. Ich erinnere mich heute noch, wie gern ich ihm dabei zusah, wenn er eine Orange schälte. Geduldig, präzise, so als ob nicht der Verzehr der Orange das Eigentliche wäre, sondern die Befreiung der Frucht von der Schale. Er hasste alles Bürgerliche, musste aber tagtäglich einen Anzug mit Krawatte anziehen, weiße Hemden mit Manschettenknöpfen und zu den Kunden einer Baumaterialfirma fahren, für die er als Werkbüroleiter tätig war. Erfolgreich, denn die kleinen Bauern im Ländle vertrauten auf ihn. Wenn er zu ihnen kam, sich mit seinem schönen Anzug und den glänzend geputzten Schuhen mit den dicken Kreppsohlen auf ihre Baustellen führen ließ, sich dort die Problemzonen anschaute, stumm und aufmerksam zuhörte, wie die verzweifelten Kunden sich in Rage redeten, dann lag die Rettung schon in der Luft allein durch seine Anwesenheit, bevor er ein einziges Wort gesagt hatte. Sein Aftershave vermischte sich mit dem Duft der Reval, die er zu Dutzenden rauchte, immer und überall, auch im Schlafzimmer. Das ergab seinen unverwechselbaren wunderbaren eigenen Geruch, den ich jederzeit an jedem Ort erkannt hätte.

Als wir ihn tot in seinem Bett fanden, hielt er eine abgebrannte Zigarette zwischen Zeige- und Mittelfinger, das fragile Aschetürmchen blieb unversehrt, so lange wir neben ihm saßen und auf den Bestatter warteten. Richard hatte Humor und Charme und wirkte auf Frauen so, dass sie an ihrer Frisur herumzupften oder schnell den Lippenstift nachzogen, wenn er sich näherte. Nie habe ich erlebt, dass er eine Frau angemacht hätte. Er bemerkte ihre Bewunderung ohne darauf einzugehen und liebte nur seine Ehefrau. Sie war die Erfüllung seiner Träume. Und noch viel mehr. Sie heilte ihn von seiner Vergangenheit: der ehrgeizigen Mutter, dem Vater, dem er nie den anderen, verlorenen Sohn hatte ersetzen können, der ganzen Verwandtschaft, die erdrückende Erwartungen hatte an ihn. Seine Liebste, die er am Tag ihres Kennenlernens schon erwählte zur Ehefrau, bis dass der Tod sie scheiden würde, war die Einzige, der er von seinen Kriegserlebnissen erzählte. Sie erteilte ihm Absolution für alles, was er ihr beichtete. Er holte sie dafür aus einem zwölf Jahre schweren Alptraum in das ganz normale Leben zurück. Machte sie zu einer Ehefrau und zu einer Mutter, zu einer Schwägerin und Schwiegertochter. Gab ihr Gelegenheit, seine große Familie anzuerkennen als ein Anhängsel, das zu ihm gehörte, ihm wichtig war, auch wenn sie eigentlich jedes einzelne Mitglied dieser Familie aus irgendeinem Grund verachtete und sich nie zurückhielt, diese Verachtung zu formulieren.

Die Urgroßmutter

1951

Wilhelmine sitzt am Küchentisch. Es wird jetzt schon sehr früh dunkel. Wenn man sich nur mit Schmerzen bewegen und bei künstlichem Licht nicht mehr richtig lesen kann, bleibt fast nichts mehr, um sich die Zeit zu vertreiben.

Vor Wilhelmine liegt ein Brief. Gerade hat sie ihn fertiggeschrieben, ins Kuvert gesteckt, adressiert, eine Marke draufgeklebt. Später wird sie ihre jüngste Tochter Sofie bitten, ihn zum Briefkasten zu tragen. Und dann kann sie sich wieder einmal auf einen Antwortbrief freuen. Es ist ein Dankesbrief an ihre Schwiegertochter Hilde. Dank für die schöne Karte zu ihrem 78. Geburtstag. Über all ihre Kinder und Enkelkinder hat sie Hilde berichtet. Denn so geht es ihr tagtäglich, ihre Gedanken wandern von einem zum andern. Es ist ein Innehalten, Erinnern, Nachdenken, Grübeln, ein Fragen: Wie ist das so gekommen und warum? Wie wird es weitergehen? Erst das, was am Ende ihrer Überlegungen bleibt, ganz zum Schluss, wenn sie sich gezwungen hat dazu, auf Distanz zu gehen, auf den Standort einer alten Frau am Ende ihres Lebens, schreibt sie darüber in ihrer ganz eigenen Weise, fast ohne Satzzeichen mit eingesprenkelten Dialektwörtern, sprunghaft bisweilen aber doch mit einer gewissen Selbstsicherheit. Sie weiß, dass Hilde sich über ihren Brief freut. Die lateinischen Schriftzeichen mit den runden Schnörkeln am großen F, B, H, S und T werden zu Arabesken. Wie gemalt sieht das aus. Sie hat ja so viel Zeit!

Immer noch fällt es Mine nicht so leicht, die lateinischen Buchstaben zu verwenden, denn in der Schule haben sie ganz andere Zeichen gelernt. Aber vor rund zehn Jahren kam eines Tages ihre jüngste Tochter Sofie nach Hause mit einer Broschüre und einem leeren Schreibheft.

„So“, sagte sie mit einem bestimmten Ton, „Mutter, es gibt was zu tun für dich. Wenn du weiter deine vielen Briefe und diese hübschen Weihnachts- und Geburtstagskarten schreiben willst und sicher sein willst, dass auch deine Enkelkinder sie lesen können, jetzt und eines Tages noch einmal, wenn sie sie in ihren Schubladen finden und sich an dich erinnern, dann musst du umlernen.“

Sofie zeigte der Mutter den so genannten Normalschrifterlass. Tja, was man damals so normal nannte. Aber man musste sich ja beugen, wenn man weiterexistieren wollte, oder nicht? Immerhin blieb diese Schrift erhalten, auch nachdem das tausendjährige Reich des Herrn Hitler zu Ende war, nachdem alles in Schutt und Asche lag. Die vielen Toten, die ganzen Verbrechen! Ach, ach! Immer wieder schweifen Mines Gedanken ab in die Vergangenheit und dann zwingt sie sich, wieder in die Zukunft zu denken, an ihre Kinder, an ihre Enkel, mit denen das Leben nun weitergeht.

Mine lebt bei ihrer Tochter Sofie und deren Mann. Sie umsorgen sie liebevoll. Den beiden geht es gut. Ihr Geschäft floriert. Versicherungen! Eigentlich versteht Mine nichts davon, aber sie sieht die zufriedenen Gesichter am Abend, wenn Sofie und Karl sich eine Zigarette anzünden und einen Cognac einschenken. Echten französischen Cognac, das kann man doch fast nicht glauben. Welcher normale Deutsche kann sich das leisten, jeden Abend solch einen Luxus? Noch hat man kaum genug Kohlen, um mehr als die Küche zu heizen. Hier auf dem Küchentisch steht Sofies Schreibmaschine, hier empfangen sie die Leute, mit denen sie zu tun haben. Und die ab und zu solche Sachen mitbringen: Cognac, Seidenwäsche, Kaffee, Pralinen.

Dass ihre jüngste Tochter wieder richtig zufrieden ist, lässt Mine aufatmen. Seit 1945 vier Fehlgeburten! Die arme Sofie. Das letzte Mal sah man es schon deutlich. Es war eine richtige Geburt. Und dann die leeren Arme, die leere Wiege. Aber nun die Entscheidung, dieses Kapitel ihres Lebens für immer zu schließen. Verschenkt wurde, was in dem hellen Eckzimmer schon bereitstand: die Wiege, der Wickeltisch, die vielen kleinen Hemden und Strampelhosen. Ab nach Karlsruhe ging alles zu Mines ältestem Enkel Richard und seiner Frau, die beide noch studierten und jede Unterstützung bitter nötig hatten. Ihr Kindchen kam nur wenige Monate nach Sofies Frühgeburt. Die Kinder wären im selben Jahr geboren worden. Zwei Kinder aus zwei verschiedenen Generationen.

Ihr erstes Urenkelkind durfte Wilhelmine also noch begrüßen auf dieser noch gräulich zugerichteten, aber hoffentlich friedlichen und bald wieder besseren Welt.

Ach, wenn ich nur mit dem Paul darüber reden könnte! Seit 21 Jahren ist Wilhelmine Witwe. Zehn Kinder hat sie geboren. Sechs sind ihr noch geblieben. Sieben Enkelkinder hat sie und schon ein Urenkelkind. Eine große Familie.

Brüderchen und Schwester

1911

Abendstille überall ... jetzt kam ihr Einsatz, zusammen mit dem Knabensopran vom Richardle, müsste sie sich zart und rein zu einer Dezime aufschwingen: „Nur am Ba-hach die Na-hachtigall“ sollten sie singen, aber die Nachtigall war verstummt in ihr. Mit dem Tod von ihrem geliebten Richardle war die Nachtigall verstummt. Helene verschloss ihre Lippen, fest presste sie sie aufeinander und die Tränen liefen ihr aus den Augen, über die Wangen, eine landete im Spalt ihrer Lippen und sie leckte sie auf, sie spürte das Salz, ein Schauer rieselte über ihren Nacken, den Rücken entlang. Der Vater und die Mutter bestanden darauf, dass sie alle zu ihrem Alltagsleben zurückkehren mögen, das hatte er gesagt, hatte den ersten Ton angestimmt, den Dreiklang folgen lassen, der Kanon begann mit der Quint, hinab zur Terz, hinauf zur None, Quint, Terz und mit einem Knicks hinunter zum Grundton. Alle anderen sangen. Zaghaft und traurig, die Mutter, Bertl, Johanna, die sechsjährige Paula, sogar der erst drei Jahre alte Walter stimmte ein; aber Helene weigerte sich mitzusingen. Warum nur, warum hatte das Richardle sterben müssen? Der lustige und schlaue kleine Kerl mit der zuckersüßen Stimme.

Als das Richardle geboren wurde, ging es der Mutter schlecht. Johanna und Helene saßen vor dem Elternschlafzimmer und warteten. Sie hörten das Jammern und Klagen der Mutter, das Geschrei. Es schien, als ob sich da drinnen ein Tier befände, das sich mit diesen irren Tönen gegen das Eingesperrtsein wehrte. Dann plötzlich war die Mutter stumm und stattdessen hörte man das dünne, aber doch schon melodische Stimmchen des Neugeborenen. Und wenige Minuten später öffnete sich die Tür, Johanna sprang weg, denn sie sollten hier nicht sitzen, man hatte sie doch in ihre Zimmer gescheucht schon am späten Nachmittag. Helene stand auf und wandte sich dem Vater zu, der mit hochrotem Kopf aus der Tür trat, das kleine Paket aus Tüchern auf dem Arm. Er sah sie kurz an, dann übergab er ihr das Kind.

„Pass auf deinen Bruder auf, Helene. Den Kopf musst du halten, das kann er noch nicht alleine. Er heißt Richard, das haben die Mutter und ich schon längere Zeit so beschlossen.“

Und Helene trug ihn vorsichtig den langen Gang entlang in das Zimmer, das sie mit Johanna teilte. Dort setzte sie sich auf ihr Bett und versenkte sich in den Anblick des winzigen verknautschten Gesichtes, beobachtete verzückt jede seiner Regungen, wie er zuerst ein, dann auch das andere verklebte Augenlid langsam hob, wie die glänzenden schwarzen Äuglein herumkullerten, unkoordiniert und wie um zu üben, die Nasenflügel sich aufblähten, der Mund sich öffnete, weit, zu einem richtigen ausgedehnten Gähnen. Da musste sie lachen und Johanna lachte mit. Als Willi im Jahr davor geboren wurde, waren sie alle einige Tage bei den Tanten geblieben. Sie kamen zurück, da lag das Baby gut verpackt, tief unter seinem Kissenberg versteckt, hinter dem duftig-zarten Voile der Wiege. Unberührbar für viele Tage und sogar Wochen. Ab und zu ließ man die drei Großen von der Türschwelle aus hinüberschauen zum Bett der Mutter. Sah von dort aus den kleinen Haarschopf. Aber jetzt, jetzt hatte der Vater ihr das neue Kind in die Arme gelegt und sie hielt es fest. Weil es leise zu wimmern begann, stand Helene auf und wiegte es hin und her, bis es ruhig wurde. Sie summte die Melodie von „Schlaf, Kindlein, schlaf ...“, immer wieder, immer wieder, bis sich die Gesichtszüge des Babys entspannten, die Fingerchen zu Fäusten ballten, die der Kleine, wie um sich aufzuräumen, dicht an sein Kinn legte, rechts und links. Da waren sie beide zusammengewachsen, das Richardle und die Helene, zu einer Einheit. Und jetzt war er tot. Es kam Helene so vor, als ob ein Teil ihres Körpers von ihr abgebrochen wäre und eine tiefe schmerzende Wunde dort klaffen würde und sie wollte eigentlich nur noch laut schreien und nie mehr aufhören. Als der kleine Bruder Karl im Jahr zuvor im Krankenhaus an Diphterie gestorben war, hatten sie alle geweint und hatten ihn vermisst und hatten im langen Flur ihrer Wohnung einen kleinen Altar aufgebaut, dort alles gesammelt, was unverwechselbar zu ihm gehört hatte. Seinen Tirolerhut, den Silberlöffel, den er von den Tanten zur Taufe bekommen hatte, auf dem sein Name eingraviert war. Seine roten Lederstiefelchen, die neuen, am Tag bevor er ins Krankenhaus kam, hatte der Lehrling von Schuster Beckmann sie abgegeben und er war den ganzen Nachmittag damit in der Wohnung herumgerannt, hatte sich an den Geräuschen gefreut, die die Metallplättchen auf Spitze und Ferse machten, herumgerannt, bis er einen roten Kopf hatte, bis die Mutter ihm an die Stirn fasste und sagte: „Um Gottes Willen, Bub, du bist ja ganz heiß, du hast Fieber, schnell ins Bett.“

In der Nacht fing er an, um Luft zu kämpfen, am nächsten Morgen wurde er ins Krankenhaus gebracht und zwei Tage später war er im Himmel.

Das war schlimm. Das verfolgte die Kinder in ihre Träume. Aber es war nichts im Vergleich zu dem Schmerz, den Helene jetzt empfand, als das Richardle unbedingt dem Karl hinterherfliegen musste, hinauf in den Himmel. Was wollte er dort denn? Er hätte doch hierher gehört, hierher in ihre Arme.

Der Sohnessohn

1941

Die Großmutter kam schon am frühen Morgen und holte ihn und seine Schwester ab. Die Mutter hatte eine Tasche gepackt, Schlafanzüge, Zahnbürsten, vielleicht Spielzeug, daran konnte er sich natürlich nicht mehr erinnern. Aber an den abwesenden starren Gesichtsausdruck der Mutter und dass er sie fragte: „Warum, Mama, warum sollen wir zur Großmutter mit den Schlafanzügen?“ Sie waren oft bei ihr, aber am Abend kamen sie immer wieder zurück in ihre eigene Wohnung, die doch nur wenige Straßen entfernt lag vom Haus der Großmutter. Die Mutter presste die Lippen aufeinander und schüttelte den Kopf, um seine Frage abzuwehren. Sie wollte nichts sagen. Im Laufe der Jahre, wenn er sich diese Szene vor Augen hielt, und das geschah oft, das geschah immer und immer wieder, als er vielleicht 15 war oder 16, da wusste er plötzlich, dass sie nicht hatte sprechen können. Sie wäre in Tränen ausgebrochen. Denn sie wusste schon, hatte doch schon am Abend zuvor erfahren, dass der Vater tot war. Gestorben. Nicht gefallen. Nicht vermisst. Nicht „im Krieg geblieben“ wie andere Väter. Er war einfach gestorben. An einer Lungenentzündung. Das sagte sie ihnen später, als sie wieder zurückkam, als die Beerdigung hastig vollzogen worden war, als die Nachbarsleute nicht mehr tagtäglich kamen um zu kondolieren, um ihm und seiner Schwester über den Kopf zu streicheln, auch sie mit fest zusammengepressten Lippen. Es war schlimm, aber ein toter Vater war nichts Besonderes. Es gab etliche Halbwaisen ringsum, so der offizielle Ausdruck, den man bei Bedarf in die Formulare eintragen musste. Nur leider brachte Hansi diese Tatsache mit den falschen Leuten zusammen. Dem Albert zum Beispiel, der so dumm war wie lang, einem derben Tölpel, mit dem keiner etwas anfangen konnte, und mit Wilhelm Preuss, dem Sohn des Zahnarztes, einem intriganten Streber, der sich nach dem Tod seines Vaters dem Lehrer, dem alten Herrn Teufel, andiente, dass dem sogar manchmal die Geduld riss und er ihn in den Senkel stellen musste. Die Mutter sprach lange überhaupt nicht mehr über ihren Mann. Sie besuchte regelmäßig sein Grab, legte dort Blumen nieder, erlaubte auch, dass die Kinder etwas zum Grab brachten, einen schönen Stein vielleicht, Hansi sammelte Schrauben, Nägel, kaputtes Werkzeug, wo immer er es fand, und einiges davon trug er zum Grab des Vaters. Die Großmutter schüttelte den Kopf darüber, aber die Mutter ließ ihn gewähren.

Bettys Mutter bestand darauf, dass ihre Tochter die Verwandten des Vaters ihrer beiden Kinder besuchte. Sie wollte wahrscheinlich, dass die Kinder spürten, sie sind nicht allein. Es gibt da eine große Familie. Drei Onkels und den Cousin Richard, der schon erwachsen war. Selbst schon Soldat. Er und der Onkel Bertel hatten die Mutter begleitet, als sie den toten Vater abholen ging in Holland. Sie waren geblieben bis zur Beerdigung. Richard hatte sich neben ihn gesetzt, Schulter an Schulter, den Arm um ihn gelegt, hatte versucht, ihm zu erklären, dass der Vater ein wirklich tapferer Mann gewesen sei. Einer, der sich vor nichts fürchtete. Eine Art Ritter sei er gewesen. Einer, der für das Gute gekämpft hatte und der das Böse hasste. Damit konnte Hansi nichts anfangen.

„Warum hat er eine Lungenentzündung gekriegt? Hatte er keine warmen Kleider?“

Mhm. Ja, vielleicht.

„Weißt du eigentlich, dass dein Vater einen Bruder hatte, der schon mit zehn Jahren an einer Lungenentzündung gestorben ist? Da hatte dein Vater Glück, dass er noch ein Mann wurde, ein Ehemann und ein Vater, bevor ihm das Gleiche passiert ist. So etwas passiert, es passiert immer wieder. Und ...“

„Und es ist Gottes Wille, wie der Pfarrer sagte?“

„Nein. Das glaube ich nicht. Es ist ein unerklärlicher Zufall. Etwas, das geschieht, ohne dass man es je verstehen wird.“

Kein besonders tröstlicher Gedanke.

„Aber ein Teil von deinem Vater ist auch in dir drin und der lebt mit dir weiter. Das spürst du. Vielleicht nicht jetzt gerade, aber du wirst lernen, es zu spüren. Du kannst mit ihm Kontakt aufnehmen und er wird dir Ratschläge geben, wenn du sie brauchst. Er tröstet dich, wenn du dich allein fühlst. Er freut sich mit dir, wenn du glücklich bist. Ich werde dich danach fragen, wenn wir uns das nächste Mal sehen. Bald schon. Ich versprech’s dir, dass wir uns ganz bald schon wiedersehen werden. Du und ich, wir sind Familie, weißt du, Hansi. Das bleibt für immer.“

So hatte ihn das Zusammensein mit Richard trotzdem getröstet. Weil er so schöne Sachen erzählt hatte. Versprechen gegeben. Die Familie beschworen. Der Richard, das war einer, von dem in der Verwandtschaft des Vaters viel geredet wurde. Der Richard dies und der Richard das. Manchmal voller Bewunderung mit leuchtenden Augen. Manchmal, indem man die Augenbrauen aufspannte und bedeutsam die Lippen kräuselte. Zu Richard wie zu jedem anderen Mitglied seiner väterlichen Familie hatte Hansi eine lange wechselhafte Beziehungsgeschichte. Immer auf der Suche nach seinem Vater, zog es ihn zu den Onkels und Tanten, den Cousins und Cousinen. Bis er einen anderen Weg fand, um dem Vater näher zu kommen. Bis er begann, Berichte über den Zweiten Weltkrieg zu lesen. Biographien von Soldaten. Dann sah er sich die Dokumentationen an, die an Jubiläumstagen im Fernsehen gezeigt wurden. Es brachte ihn nicht wirklich weiter. Es nährte jedoch den Verdacht, dass beim Tod des Vaters etwas vertuscht worden war. Etwas, was vielleicht auch die Mutter nie erfahren hatte. Vielleicht auch der Onkel und der Cousin nicht. Oder sie schwiegen aus Kadavergehorsam. Und als er so weit gekommen war mit seinen Überlegungen, fühlte er in sich große Dankbarkeit über den Zeitpunkt seiner Geburt. Er war kein Täter. Er war einer, der das Recht hatte, dieses Land, das neue Deutschland, zu bevölkern. Er war der Sohn einer Kriegerwitwe. Na und! Die Welt stand ihm trotzdem offen. Er war ein guter Schüler, machte eine Lehre als Maschinenbauer, ging dann an die Fachhochschule und studierte dort Maschinenbau. Ohne große Mühe, mit ein bisschen Rückenwind von Onkel Bertel, wurde er bei MAN eingestellt. Spezialgebiet Schiffsmotoren. Er nahm sich einen Privatlehrer für technisches Englisch, ließ sich einen Sommer lang nach Belfast versetzen, bis er alle Redewendungen drauf hatte. Dann absolvierte er ein Zusatzstudium für Betriebswirtschaft und stieg in der Firma auf bis zum Abteilungsleiter, hielt sich dort so lange, bis die jüngere Generation, die Herren Doktoren und Diplomingenieure sich ihm in den Weg oder besser gesagt vor die Nase stellten. Da sagte er Adieu mit 60 Jahren. Sein Schäfchen hatte er im Trockenen.

Nur ein Jahr später allerdings verlor er seine Frau. Sie hatten mehrere Reisen geplant gehabt, wollten ab jetzt viel Zeit miteinander verbringen, sich mehr für die Hobbys des anderen interessieren. Er blieb zurück, vereinzelt und doch nicht allein, denn er hatte seine beiden Töchter. Was für ein vitales Vermächtnis, was für ein bleibendes Glück. Zu dritt blieben sie eine Familie.

Die Wurzeln

Paul Adalbert Karl Sömmer, geboren 1867 im thüringischen Sömmerda, das damals zu Preußen gehörte. Sein Vater Karl Ludwig Sömmer war Prokurist bei der renommierten Metallwarenfabrik Dreyse und Collenbusch gewesen. Der älteste Bruder des Großvaters wurde Priester. Der zweite Bruder wurde Apotheker und starb jung während einer Grippeepidemie. Paul wurde als Nachzügler geboren, seine Brüder waren schon 17 und 15 Jahre alt. Die Eltern fühlten sich alt, zu alt jedenfalls, um sich gegen den Wunsch des jüngsten Sohnes zu wehren, Musiker zu werden. Auf verschlungenen Wegen, die ihn zunächst nach Erfurt, Leipzig und Dresden führten, gelangte er schließlich nach Mannheim ans dortige Theater. Er spielte in der ersten Geige, beherrschte jedoch auch mehrere Blasinstrumente, konnte sowohl einen katholischen als auch einen evangelischen Gottesdienst auf der Orgel begleiten und unterrichtete später am Mannheimer Konservatorium. Er war freundlich, gesellig, hilfsbereit. Bei einer Ausflugsfahrt auf dem Rhein, wo er mit einer kleinen Gruppe Musiker zum Tanz aufspielte, lernte er seine spätere Frau kennen.

Wilhelmine Walker war die jüngste Tochter des Lotsen Johann Jakob Walker. Eine zierliche, stille, zu träumerischen Absencen neigende junge Frau mit sehr hellblauen Augen und blonden feinen Haaren, die sich an der Stirn und im Nacken kräuselten und ihr einen engelhaften Ausdruck verliehen. Sie konnte sich dem Temperament des charmanten fremden Musikers nicht entziehen. Bevor sie Zeit hatte zu überlegen, war sie seine Frau. In 17 Jahren gebar sie ihm zehn Kinder. Nach 35 Jahren Ehe starb ihr Mann und sie lebte noch weitere 25 Jahre.

Als sie 1905 ihre Kinder zur Taufe ihrer dritten Tochter Paula rüstete, den vier Buben die weißen Hemden heraussuchte und die Lederstiefelchen, die Mädchen zu sich rief, um ihnen die Haare zu flechten, hatte sie einen Anfall von Verzweiflung. Sie setzte sich auf den Boden und jammerte: „Ihr seid einfach zu viele, es ist zu eng hier, ich schaffe das nicht mehr.“

Da kam ihr Mann aus seinem Zimmer, in dem er gerade einen Privatschüler betreute – die musste sie ja auch immer noch hinnehmen, die Privatschüler, die sie zwangen, das Temperament ihrer Kinder zu zügeln, ihr Gezänk, ihre Verfolgungsjagden über Tische und Stühle durch alle Räume abzufangen, mit dem schreienden Säugling auf dem Arm.

„Mine“, sagte ihr Mann, hob sie vom Boden auf und versuchte sie in den Arm zu nehmen, „meine liebe gute süße Frau, mein Ein und Alles, mein Morgen- und mein Abendstern, mein Lebenselixier, schau doch mal her.“

Er packte seine Kinder nacheinander um die Taille und setzte sie auf den Bücherschrank, so dass ihre Beine vor den Augen der Mutter zuckten und wippten, den Täufling hielt er hoch über seinen Kopf und stellte sich neben den Bücherschrank.

„Wen, meine Liebe, wen möchtest du denn hergeben? Auf wen kannst du denn am besten verzichten.“

Mine atmete ein und aus, heftig, schnell, schniefend und schluchzend. Langsam beruhigte sie sich, ihr Mund verzog sich zu einem zaghaften Lächeln, in den Augenwinkeln kräuselte sich die zarte Haut. Sie schluckte. Was sie in diesen Minuten dachte, erzählte sie nie und niemandem.

„Kommt da runter“, sagte sie.

Die Größeren konnten selbst von ihrem Hochsitz abspringen, die Kleinen wurden vom Vater befreit, nachdem Bertel, der Älteste, das Baby übernommen hatte. Mine schlang ihre dünnen Arme um sie alle und ein paar letzte Tränen fielen auf ihre immer noch strubbeligen Haare.

„Ich geb’ keinen her. Keinen von euch“, rief sie laut und deutlich. Da waren es erst sieben. Drei weitere Kinder wurden ihnen noch geboren. Aber dazwischen mussten Mine und Paul zwei ihrer Söhne zu Grabe tragen.

Zu diesem Zeitpunkt waren sie deutlich sichtbar, hörbar, fühlbar eine Familie, hatten fast keine Geheimnisse voreinander, das ging nicht, weil man auf so engem Raum zusammenlebte. Was dem einen passierte, ging alle an. Keiner konnte die Flügel aufspannen und wegfliegen, wollte es auch nicht. Dann wurden sie größer und irgendwann mussten sie fliegen, weil es das normale Leben ist, dass man den Vater und die Mutter verlässt und selbst eine Familie gründet. Alle würden es versuchen und nur manchen würde es gelingen. Aber es würde weitergehen. Eine Weile würde man sich noch einander zugehörig fühlen, würde sich Familie nennen. Dann gäbe es den Namen nicht mehr, dann wären die Fäden dünn und brüchig, die sich um sie schlangen, und neue festere Fäden hätten die Nachkommen an andere Menschen gebunden und neue Familien begründet.

Die Schwägerin

2010

Als Elfi starb, kannte Ruth Elfis Cousins und Cousinen väterlicherseits noch nicht sehr gut. Aber sie lernte sie kennen, alle kamen sie, um ihr zu helfen. Dort in München, in Elfis Wohnung, trafen sie zusammen und ertrugen die Fassungslosigkeit gemeinsam mit ihr, den Schrecken über den plötzlichen Tod ihrer geliebten einzigen Verwandten, ihrer Nichte, die wie eine eigene Tochter für sie gewesen war seit ihrer Geburt, damals mitten im Krieg. Es kamen zwei Cousins und zwei Cousinen. Bis dahin waren sie nicht viel mehr als Namen und Gesichter auf Fotografien für sie gewesen. Fotografien, denen Elfi nach und nach mit einzelnen Erzählungen ein bisschen Leben eingehaucht hatte. Hansi, der älteste Cousin. Dann Theo, dann Margot, nur zwei Jahre jünger als Elfi selbst, und Beate.

Ruth hatte stets Vorbehalte gehabt gegen diese Familie. Wenn sie heute überlegte, warum, dann musste sie sich eingestehen, dass sie dieses Misstrauen unreflektiert von ihrer Schwester Lilli, Elfis Mutter, übernommen hatte. Elfi und ihre Tante Ruth waren nach Lillis Tod eine Familie gewesen, vertraut und einander voller Liebe und Fürsorge zugetan. Die eine immer in den Gedanken der anderen präsent. Alles, was man tat, wog man ab in Bezug auf die andere.

Sie waren übrig geblieben, einander geblieben, füreinander da geblieben. Miteinander hatten sie viel Zeit verbracht, Anteil aneinander genommen, einander vertraut, aber sich nicht alles anvertraut, aus Rücksicht aufeinander, aus Liebe zueinander. Jeder hatte auch sein eigenes Leben gelebt.

Als Elfi geboren wurde, da existierte die Ehe ihrer Eltern praktisch nur noch auf dem Papier. Der Vater Walter Soldat, die Mutter Lilli zurückgekehrt in ihr Elternhaus, oder besser gesagt, in das Haus ihrer Mutter und ihres Stiefvaters und zu ihr, zu Ruth, der vier Jahre jüngeren Schwester. Lilli war 21 Jahre alt, als sie Mutter wurde. Nachdem Elfis Vater aus sowjetischer Gefangenschaft zurückkam, erst 1949, müde, dünn, krank, stumm, lebte die kleine Familie noch einmal zwei Jahre mehr schlecht als recht zusammen und dann reichte Ruths Schwester die Scheidung ein. Die elfjährige Elfi verlor den Kontakt mit ihrem Vater. Lilli trennte sich nicht nur von ihrem Ehemann, sondern auch von seiner Familie, wollte nichts mehr mit ihnen zu tun haben, erklärte sie alle zu Unpersonen. Schwiegermutter, Schwäger und Schwägerinnen, auch deren Ehepartner und Kinder. Energisch, kompromisslos, so wie sie eben war. Das letzte Zusammensein mit der Familie war die Hochzeit von Walters Nichte Inge, Tochter seiner älteren Schwester Helene. Ruth hatte die Fotos gefunden, die eine strahlende Braut zeigten, vor dem frisch vermählten Paar drei Blumenkinder, der elfjährige Theo, die achtjährige Elfi und die sechsjährige Margot. Hinter ihnen ihre Großmutter Wilhelmine, eine zierliche Person mit Brille, und leicht distanziertem Blick, neben der Schwiegermutter die strahlende Lilli und Walter mit seinem schönsten Lächeln, ein glückliches Paar? Wenn man genau hinsah, bemerkte man, dass die beiden dicht bei dicht standen, ihre Hände berührten einander fast, aber nur fast. Hätte sich bei einem glücklichen Paar nicht eine Hand in die andere geschmiegt angesichts der Rührung, die doch nahezu jeden überkam, wenn man gerade in einer Kirche war, wo ein Pfarrer die Macht der Liebe und Treue bis in den Tod beschworen hatte?

So trafen Lilli und Elfi das letzte Mal mit diesem Familienzweig zusammen. Erst nach Lillis Tod konnte Elfi sich auf die Suche nach ihrem Vater und seinen Verwandten machen und ihn in seinen letzten Lebensjahren begleiten. Dank Walters Fähigkeit, nicht zurück und nicht nach vorne zu schauen, nur den Augenblick zu betrachten, zu genießen oder an ihm zu leiden, fanden Vater und Tochter schnell zu jenem intimen Verständnis, das nur entstehen kann, wenn man den anderen kennt, weil man ihm ähnelt und weil man auf Schritt und Tritt auf diese Ähnlichkeit gestoßen wird. Wenn man sich selbst liebt, gelernt hat, die eigenen Fehler zu akzeptieren und sich der eigenen Stärken bewusst ist, dann kann man auch diesen anderen Menschen, der so oft denkt, fühlt, handelt, wie man selbst es tun würde oder tat, lieben, achten und hat die nötige Geduld mit ihm.

Als Elfi ihren Vater wiederfand, lebte er schon in einem Altersheim. Sehr zufrieden! Da er jeden Tag etwas zu essen bekam und einige seiner geliebten Bücher mitgenommen hatte, diejenigen, die seiner privaten Insolvenz entkommen waren, weil er sie rechtzeitig bei seiner ältesten Schwester Johanna untergestellt hatte. Bei ihr hatte er auch einige Jahre gelebt, bevor beide zusammen in dieses Heim zogen.

Walter hatte einen kleinen Fernsehapparat, den Elfi gleich, nachdem sie ihn das erste Mal besuchte, durch einen größeren Farbfernseher ersetzte. Außerdem legte sie eine Liste all der Bücher an, die der Vater verloren hatte und an denen er hing, aus denen er zitierte, auf die er sich immer wieder bezog in ihren Vater-Tochter-Gesprächen. Dass auch seine älteste Schwester Johanna in dem Heim lebte, war ein Trost und Rückhalt für ihn, obwohl er gerade mit ihr nie ein enges vertrautes Verhältnis hatte aufbauen können, vielleicht weil sie so verschieden waren.

Johanna glich äußerlich der Mutter und schlug ganz in deren Familie. Sie war korrekt, ehrgeizig, es lag ihr viel daran, einen seriösen Rahmen um sich aufzubauen. Sie nahm in den letzten Jahren die alte Mutter bei sich auf und pflegte sie bis in ihren Tod hinein. Damit war sie und blieb es auch über den Tod Wilhelmines hinaus das Zentrum der ganzen Familie Sömmer. Und noch im Heim hatte sie regelmäßig Besuch von ihren Nichten und Neffen, denn sie überlebte all ihre Geschwister, auch ihren elf Jahre jüngeren Bruder Walter. Sie überlebte sogar sich selbst. Am Ende ihrer lichten Tage, da war sie 92 Jahre alt und die Mauer hatte sich gerade geöffnet, freute sie sich: „Johanna und ich könnten jetzt zusammen rüber reisen nach Sömmerda, wo der Vater geboren wurde.“

Wer sie inzwischen geworden war, wusste man nicht. Hatte sie die Identität einer ihrer anderen Schwestern, die alle schon längst tot waren, angenommen? Hatte sie sich die Seele der Mutter einverleibt, war sie endlich das geworden, was sie sich so sehnlichst immer gewünscht hatte: Mutter?

Auch Ruth besuchte Elfis Tante Johanna dort im Heim, besuchte ihren Schwager Walter bis zu seinem plötzlichen, sanften Tod an einem Nachmittag im Dezember, als draußen die Glocken läuteten, weil der erste Advent bevorstand. Und von da an gewann diese Familie schnell mehr und mehr Profil. Wurde menschlicher, berührbarer. Elfi eroberte sie sich zurück, ohne Gewissensbisse. Ihre Mutter musste sich wohl im Grabe umgedreht haben vor Unmut. Dass das Kind so eigenwillig entschied gegen das von der Mutter verfügte Verdikt.

Nun kamen sie schon seit Jahren zu Ruth, die Cousinen und Cousins, an einem Sonntag im Advent. Auch jetzt noch nach Elfis Tod. In den ersten beiden Dekaden des neuen Jahrhunderts ist Ruth das neue Zentrum der Familie. Man hat sie als Mutter adoptiert. Resolut und liebevoll übernimmt sie diese Aufgabe und ist so immer noch Mutter, obwohl ihr einziges Kind sie verlassen hat, im Stich gelassen. Hat ihr den wichtigsten Grund zu leben genommen. Hat die Naturgesetze umgedreht. Das passiert. Häufiger als man denkt.

Man umarmt sich, man macht ein Gruppenphoto, man packt Erinnerungen aus, man erzählt das Erzählbare, man politisiert ein bisschen, man lacht zusammen und verspricht, dass man sich aber im nächsten Jahr auch zusätzlich noch mindestens einmal im Frühling oder im Sommer sehen wolle. Einer jener guten Vorsätze, die immer wieder nach hinten verschoben werden auf ihrer aller Listen und schließlich ganz von den Listen verschwinden. Nur im Advent, da schaffen sie es alle, so als ob das einfach so sein müsste. Es genügt auch. Diese wenigen gemeinsamen Stunden reichen aus, um sich des Bandes zu versichern, das sie alle zu einem merkwürdigen lockeren Ganzen verbindet, einer Familie.

Mütter und Töchter

2020

Zwei Urgroßtöchter von Wilhelmine sitzen an den Betten ihrer sterbenden Mütter, 700 Kilometer voneinander entfernt, halten die Hände der schlafenden Frauen und lauschen auf ihre Atemzüge.

Der Tod ist ein Hinauf- oder Hinuntergehen, ein Eintreten oder ein Hinausgehen, ins Dunkel oder ins Licht. Wir wissen nichts darüber, wir haben nur Ahnungen, Vermutungen, Phantasien.

Mit ihren letzten Atemzügen hauchen sie ihr Leben aus, unsere Mütter, und wir übernehmen ihre Atmung, atmen weiter für sie, behalten sie – vielleicht nur für eine kleine Weile – noch in uns. Ganz werden sie nicht verschwinden, weil sie so viele Menschen berührt haben und man auf deren Seelen Fingerabdrücke sehen könnte, wenn die Seelen sichtbar wären.

Die beiden Cousinen zweiten Grades trennen 20 Jahre. Parallel dazu ist die eine Mutter eine uralte Frau, die andere muss aus einem aktiven Leben heraus weggehen. Eine wird durch die Alpträume ihres langen Lebens in ihre frühe Kindheit zurückgetrieben, wo sie einmal fröhlich und glücklich war. Die andere lässt sich nicht ein auf dunkle Orte ihrer Erinnerung, weit offen sind ihre Seelenaugen auf einen fernen Punkt gerichtet, wo ihr Liebster auf sie wartet, ein großer blonder Mann mit vorsichtigem Lächeln. „Ich komme“, sagt sie, „ich komme zu dir, endlich werde ich wieder bei dir sein. Mit dir war alles immer gut.“

Schwestern

28. Juni 1914

Sie wurden zusammen konfirmiert und beide wurden mit einem guten Zeugnis von der Schule entlassen. Johanna, weil sie sehr fleißig und pflichtbewusst war, Helene, weil sie intelligent war, schnell die richtigen Antworten parat hatte, weil ihre schwarzen Augen ihre Lehrer beunruhigten auf eine Art und Weise, die sich auch die älteren unter ihnen nicht erklären konnten. Hinter diesen Augen vermutete man eine unergründliche Tiefe an Gefühlen, an Leidenschaften, rahmensprengende Gedanken. Ihre trotzig aufgeworfenen Lippen ließen Eigenwille vermuten. Man horchte auf, wenn man zum ersten Mal ihre Stimme hörte. Das rauchige Timbre. Man musste sich sofort räuspern, weil man instinktiv annahm, das sollte sie eigentlich tun, Helene sollte sich ihre Kratzer von den Stimmbändern weghusten. Dabei ging das nicht und war auch nicht nötig. Ihre Singstimme nämlich klang klar und rein, schwang sich mühelos auf und auch die tiefen Töne kamen nicht gepresst oder gezwungen.

Im Jahr ihrer Konfirmation und Schulentlassung begannen beide eine Schneiderlehre im Mode-Atelier der Madame Wawrina, vermittelt durch ihre Tante Sofie, die dort bereits ihre Lehre gemacht und von Fräulein Wawrina insgeheim als Nachfolgerin auserkoren worden war. Sofie, die seit der Geburt ihres ersten Neffen Bertel Sofietante genannt wurde, war der Wawrina unentbehrlich geworden, eine zwar nur durchschnittlich gute aber äußerst zuverlässige Schneiderin, das hieß, sie beherrschte alle Arten von Nähten, konnte Schnittmuster anfertigen und den jeweiligen körperlichen Besonderheiten der Kundinnen anpassen. Sie vertrat die Ansicht, dass das lange schon Erprobte eine Dame von Stand immer noch am besten kleidete und ihr die Möglichkeit gab, sich auf ihre Kleidung so sehr verlassen zu können, dass sie sich, wenn sie sie einmal anhatte, nicht mehr darum sorgen musste, sondern ihre Energie und ihre Weiblichkeit ganz auf die anderen nicht selten doch wirklich schwierigen Elemente ihres Lebens konzentrieren konnte: Das Repräsentieren neben ihren bedeutenden Männern, das Erzwingen von Vorteilen, überall dort, wo viele Damen in Konkurrenz zueinander standen, das Beherrschen ihres Dienstpersonals, das Regieren ihrer Kinder und nicht zuletzt das Regieren ihres eigenen inneren Wohlbefindens, das sich sodann auf ihrem Gesicht ausdrücken und sie von innen her zum Leuchten bringen würde, so wie es ihr Stand und ihre Position im Leben verlangten. Sofie Walker hatte also ein Auge für das Machbare, das Modische wusste sie einzubeziehen, wenn es erwünscht war, sie war außerdem resolut und hatte kaufmännisches Geschick, sie handelte wie auf einem orientalischen Bazar, wo es den Rahmen des Schicklichen nicht sprengte, sie konnte mit genau dem richtigen Tonfall zu einem Mantel noch Lederhandschuhe, einen kapriziösen Schlangenledergürtel, einen seidenen Schal, vielleicht sogar ein Hütchen anbieten, wie nebenher ein paar Schuhe zeigen, hatte immer einige Modelle zum Anprobieren parat und zuvor mit dem entsprechenden Hersteller eine Provision vereinbart, wenn es ihr gelänge, ihm eine neue Kundin zuzuführen. Am bemerkenswertesten war ihre Wandelbarkeit, blitzschnell stellte sie ihren Tonfall auf ihr Gegenüber ein, schmeichelte oder verbarg das Schmeicheln unter scheinbar nüchternen Fakten, schürte in den Kundinnen, was ihnen gerade ermangelte, einen Sinn für Konkurrenz, für Selbstbewusstsein, für Einsicht in die körperlichen Unzulänglichkeiten und die absoluten Fähigkeiten einer guten Schneiderin, diese zu kaschieren. Sie war redselig oder wortkarg, je nach dem Gebot der Stunde und das Gebot der Stunde erkannte sie im Bruchteil einer Sekunde. Das Fräulein Wawrina hielt ihre Angestellte für ein Multitalent mit dem Schwerpunkt auf Kundenbetreuung und Verkauf. Künstlerinnen konnte man in diesem Beruf nur wenige gebrauchen. Im Modehimmel ging es eng zu, es gab dort viel Ehrgeiz und keine kommerziellen Sicherheiten. Das Fräulein Wawrina wollte und musste sowohl sich als auch ihre Angestellten schließlich ernähren.

Von ihrer Sofietante würden die beiden Nichten sehr viel Nützliches lernen können. Und das taten sie auch. Sie wussten, dass sie der Sofietante diese Lehrstelle in einem angesehenen Schneideratelier Mannheims zu verdanken hatten, ihr allein. Die Dankbarkeit für Erleichterungen aller Art wurde Wilhelmines und Pauls Kindern eingeimpft mit den ersten über das eigene kindliche Wohl hinausgehenden Gedanken; wenn wir höher hinaus oder zumindest nicht die soziale Leiter hinunterfallen wollen, brauchen wir Hilfe, hieß das Credo der Familie, wir sind viele, bei uns geht es eng zu, wir schaffen das Leben nicht allein.

So beugten also Johanna ihren blonden und Helene den kastanienbraunen Kopf über die Kapp-, Biesen, Paspel-, Stürz-, Kräusel- und Kedernähte, stachen sich die Finger blutig, wippten mit dem rechten Fuß nach vorne, dem linken zurück auf dem breiten Pedal, lernten Knöpfe mit und ohne Füßchen anzunähen und Knopflöcher einzusetzen, jedes exakt mit der gleichen Anzahl von Knopflochstichen, die Knötchen eng aneinandergeschmiegt. Aber sie lernten auch mit den anderen Näherinnen zu schwatzen und erweiterten damit ihren Horizont, denn das behütete Leben der Töchter des Hofmusikers und seiner Frau Wilhelmine, die mit einer Reihe sehr angesehener Mannheimer Bürgerfamilien verwandt und verschwägert waren, schloss vieles aus, worüber diese Mädchen und Frauen bestens Bescheid wussten, deren Mitteilungsbedürfnis so elementar war wie Hunger und Durst.

Am Wochenende trafen sie sich, diese Mädchen, wanderten am Rhein entlang oder den Neckar aufwärts, fuhren mit der Bahn in den Odenwald, spazierten, lagerten im Wald auf mitgebrachten Decken, manche brachten einen Bruder mit und vielleicht noch dessen Freund. Es wurde gelacht, geschwatzt, geflirtet.

Johanna tat nichts, was sie nicht jederzeit Mutter und Vater hätte erzählen können, ohne deren Wohlwollen einzubüßen. Sie war sich für manches eben einfach zu gut, das alberne Flirten, das Tratschen, das von einer Zukunft Träumen, die außerhalb jeglicher realer Normen lag.

Helene aber war noch nicht mit dem zweiten Lehrjahr fertig, da hatte sie schon einen echten Verehrer, den Sohn einer guten Kundin, einen Gymnasiasten, der nur einfach mit Stubs angeredet werden wollte, nicht mit Gerold von Stein, wie er eigentlich hieß. Helene kannte ihn vom Atelier. Seit er zu der Wandergruppe gestoßen war. Warum denn eigentlich? Welche Verbindung hatte er? Hatte er ihre Nähe gesucht? Ihre Nähe? Seit er dabei war, erschien er öfter im Atelier als zuvor, vielleicht auch bemerkte sie ihn jetzt erst? Er drängte sich in Helenes Gedanken, tauchte dort auf am Abend, wenn sie müde hinüberglitt in ihre Träume. Am Tag, viele Male, sie begann sich so zu verhalten, als ob er jederzeit neben ihr stehen könnte und sie beobachten würde. Wenn er seine Mutter begleitete, dann blieb es bei kleinen, wie zufälligen Berührungen der Finger, im Vorübergehen, bei einem tiefen Blick, Auge in Auge versenkt, einem Zucken der Lippen, so als ob sie sprechen wollten, oder vielleicht küssen?

Er wartete auf Helene im Schatten der gegenüberliegenden Häuser, noch im November, begleitete sie dann nach Hause. Und im Frühling ließ sie ihn wissen, dass es am Wochenende wieder in den Odenwald gehe.

Johanna bemerkte wohl das Spiel der beiden und sorgte sich um die Schwester.

„Ob das seiner Mutter recht ist?“

„Die weiß doch gar nichts davon.“

„Ob es unserer Mutter recht wäre?“

„Die wird auch nichts davon erfahren, wenn du es ihr nicht verrätst.“

Johanna presste die Lippen aufeinander.

„Er wird dich niemals heiraten, Helene, nie und nimmer wird er das können oder gar dürfen. Sei bloß vorsichtig.“

„Was soll das denn heißen?“

„Du weißt doch, was die Männer wollen. Alle wollen das. Und du weißt auch ganz genau, wo das hinführt. Wir sehen das schließlich seit Jahren. Ich finde es grässlich, dass der Vater die Mutter nicht endlich in Ruhe lässt.“

„Glaubst du denn, dass es die Mutter nicht vielleicht auch will?“

„Immer noch mehr Kinder?“

„Nein, ich meine das andere.“

Die beiden sahen einander stumm an, denn was benannt werden müsste, war doch für sie beide unaussprechbar. Darüber spricht man nicht, hieß das Motto.

Helene und Stubs gingen bald Hand in Hand. Beim nächsten Ausflug lag Stubs Kopf in Helenes Schoß und sie beugte sich über ihn, streichelte sein Gesicht, wuschelte durch sein Haar. Die Tage wurden länger, die Luft duftete im Wald und auf den Wiesen, es wurde heiß, man war so träge beim Wandern, Helene und Stubs blieben weit hinter der Gruppe zurück. Als es bei schon anbrechender Dunkelheit zurückging, hatte Stubs den Arm um Helene gelegt, er flüsterte ihr etwas ins Ohr, oder küsste er ihr Ohr oder hatte sie eben nicht das Gesicht ihm zugedreht und hatten sich nicht ihre Lippen berührt? Das war am Sonntag, den 28. Juni, Helene würde es nicht vergessen. Niemals, denn Stubs hatte ihr an diesem Tag einen Ring an den Finger gesteckt. Ein kleines Herz mit einer Gravur: ein S und ein H ineinander verschlungen. Jedoch dieser Tag brannte sich ohnehin in das Gedächtnis der Menschheit ein. Das österreichische Thronfolgerpaar wurde an jenem Tag von einem serbischen Attentäter ermordet und daraufhin nahmen die europäischen Länder Aufstellung, um sich in die Schlachten des Ersten Weltkriegs zu stürzen.

Stubs meldete sich mit den ersten Freiwilligen zum Dienst für das Vaterland. Die Ehre seiner Familie gebot es ihm. Er schrieb Helene Briefe, schickte Karten und sie trafen sich bei jedem seiner Heimaturlaube, bis er verwundet wurde und in der Zeit seiner Genesung die Freundin seiner ältesten Schwester, eine gewisse Adelheid Hattenberg, die Tochter des Kommerzienrates Hattenberg, ihm Gedichte vorlas, ihn stützte, als er seine ersten Schritte mit dem geschienten Bein versuchte, und überhaupt nicht mehr von seiner Seite wich, und die Eltern der beiden sie schließlich mit sanftem Druck vor den Traualtar lenkten. Das zahlte sich aus für alle Beteiligten, denn der seelisch und körperlich schwer beschädigte Gerold von Stein wurde von seinem Schwiegervater mit einem gut bezahlten und nicht sehr arbeitsintensiven Posten in den Mannheimer Chemiewerken dafür belohnt, die schon über 30-jährige Adelheid zur Ehefrau und Mutter eines kräftigen Sohnes zu machen. Helene blieb ein Ring und die Erinnerung an das Gefühl auf ihrer Haut, wenn Stubs sie berührt hatte, den Duft seiner Haare, den Geschmack seiner Lippen, das Kribbeln an ihrem ganzen Körper, wenn sein Blick und ihr Blick ineinander tauchten. Ihre Tränen wusste nur Johanna zu deuten und sie behielt ihr Wissen für sich: Ein Liebesbeweis unter Schwestern. Helene war unendlich dankbar dafür. Sie bewahrte ihre Dankbarkeit auf und wartete geduldig auf einen Moment, wo auch sie der Schwester einen Liebesdienst würde erweisen können. So einfach ist das allerdings nicht. Die Liebe ist kein Handel. Sie ist sehr eigenwillig, selten geht sie einen Weg hin und wieder zurück. Was sie Gutes bewirkt, kann nicht gespiegelt werden. Es verwandelt den Geliebten und befähigt ihn, auch zu lieben, aber er wird anders lieben oder sogar möglicherweise ein anderes Ziel suchen für seine Gefühle. Niemals kann der Geliebte für den Liebenden sein, was dieser ihm ist. Helene ist Johanna dankbar, aber sie liebt die kleine Paula. An sie verschwendet sie ihr kostbar und selten gewordenes Lächeln. Ihr singt sie mit ihrer warmen weichen Stimme Lieder, erzählt ihr Märchen und Geschichten, zeigt ihr, wie man Knopflöcher versäumt, Knöpfe annäht, wie man einen Hefeteig zubereitet, wie man ein Blumenkränzchen windet, es sich aufs Haar drückt, dass man aussieht wie eine Elfe. Helene wacht über Paula wie einst über das Richardle und lange Zeit braucht sie kein weiteres Liebesobjekt.

Die Großfamilie

Karl Friedrich Walker hatte drei Töchter und zwei Söhne, die das Erwachsenenalter erreichten. Wilhelmine Sömmer war seine jüngste Tochter. Die beiden anderen Töchter und die Söhne blieben ledig. Sofie, die älteste Tochter, war Schneiderin und übernahm das Atelier der Agnes Wawrina, Lene, nur ein Jahr jünger als ihre Schwester Sofie, war zunächst Angestellte im Tabak- und Zeitungsladen Knopf, der, in unmittelbarer Nähe zum Theater gelegen, vor allem die dort Beschäftigten und die Theaterbesucher anzog, eine ganz bestimmte Klientel von bürgerlich gekleideten Exzentrikern. Nach dem Tod des Besitzers übernahm Lene den Laden, versorgte die Witwe ihres Chefs, die noch im Haus wohnte, bis sie starb, und zahlte ihr als Pacht einen Betrag, der den Einkünften angepasst wurde. Das hatte ihr Chef für sie eingerichtet und testamentarisch festgelegt. Man munkelte in der Verwandtschaft, dass Lene ihrem Chef mehr gewesen sei als eine tüchtige, loyale Angestellte und das sogar mit Duldung der Ehefrau, die um einiges älter war als ihr Mann. In Lenes Umgebung jedenfalls gab es keinen anderen Mann, der von ihr als Ehemann in Betracht gezogen worden wäre. Das glaubten ihre Geschwister zu wissen und einer flüsterte es dem anderen immer wieder einmal zu, so laut und unverhohlen, dass es bis zu Wilhelmines Kindern durchdrang. Als sie die Lene-Tante geworden war – das war nach der Geburt ihrer Nichte Helene, Wilhelmines zweitältester Tochter –, war sie schon um die 40 Jahre alt und überaus zufrieden mit ihrem Status als Geschäftsfrau in so einem interessanten Milieu. Die Künstler vom Theater, ganz besonders die männlichen, wussten, dass sie ihre Lieblingstabakwaren vorhielt, die Zeitungen bei vorteilhaften Besprechungen auf der Seite mit den Theaterkritiken aufgeschlagen auf der Theke ausgebreitet hatte und die kleinen Fläschchen mit dem Hochprozentigen griffbereit, wenn man sich mal wieder mit einem Verriss auseinandersetzen musste. Den ersten Ärger darüber wurden die empfindsamen Herren gleich bei Lene los. Ganz oft folgten sie ihrem Rat und lasen gar nicht, was irgendein ignoranter Schreiberling sich aus den Fingern gesaugt hatte.

„Taugt gerade noch zum Anfeuern“, das war Lenes Standardsatz, begleitet von einer wegwerfenden Handbewegung und einem energischen Schubser auf ihren Zwicker.

Lene und Sofie versicherten einander viele Male, dass sie mit der armen Mine niemals würden tauschen wollen. Die vielen Schwangerschaften, all diese Kinder, immer den temperamentvollen Mann um sich rum, der ihr Leben bestimmte, Tag und Nacht! Aber was wollte man machen. Das normale Los einer Frau war die Ehe, das wussten auch Lene und Sofie und priesen sich glücklich, dass sie rechtzeitig abgebogen waren auf ihrem Lebensweg, bevor er in diese Sackgasse geführt hätte.

Sie bedauerten ihre kleine Schwester nicht nur, sie liebten sie auch, sie fühlten sich verantwortlich für jedes der Kinder, die da gepurzelt kamen. Und ganz besonders für die kleine Paula, nach deren Geburt es Wilhelmine so schlecht ging, dass alle fürchteten, sie werde nicht wieder gesund werden, sondern sich als Engel den irdischen Pflichten entziehen und ihren Mann mit der Kinderschar seinem Schicksal überlassen, in das sich die Schwägerinnen dann mal so richtig resolut hätten einmischen wollen. Vorerst rissen sie schon einmal das neugeborene Kindchen an sich und stritten gar darum, wer sie halten, wickeln, füttern durfte, obwohl da noch Paulas Schwestern Helene und Johanna waren, im Kinderhüten schon sehr geübt und nicht unbedingt erbaut über das Eindringen ihrer beiden Tanten in ihre Familie.

Paula lernte früh zu lächeln, sie streckte ihre Ärmchen aus nach jedem, der sich ihrer Wiege näherte, sie bezauberte mit ihren glänzenden dunklen Augen, dem ungewöhnlich dichten kastanienbraunen Haarflaum. Sie entwickelte sich zum Liebling der ganzen Familie, zog die Aufmerksamkeit auf sich und lernte deshalb schneller laufen, sprechen, singen. Sie bewegte sich wie jemand, der sich absolut wohlfühlt in seinem Körper. Jemand, der weiß, dass er nur lächeln muss und schon hat er sein Gegenüber für sich eingenommen. Jemand, der keinerlei Angst hat vor Fehlern oder Versagen. Das gab es einfach nicht in ihrem Weltbild.

Als Paula geboren wurde, war das Karlchen fünf, Willi drei und das Richardle zwei Jahre alt. Diese drei hatten einander zum Spielen, zum Streiten, um einander das Brot wegzuessen oder zuzuschieben. Das Karlchen und der Willi hatten die blauen Augen und hellblonden Lockenhaare ihrer Mutter geerbt, das Richardle schlug eher dem Vater nach, der diese Söhne „mein Glückskleeblatt“ nannte, hauptsächlich dann, wenn er gerade mit dem Geigenkasten unterm Arm und in gehobener Stimmung am späten Nachmittag aus dem Haus ging und er die drei sich selbst und ihren älteren Geschwistern überlassen konnte, weil es bei ihm ja darum ging, Geld zu verdienen, damit die Familie etwas zu essen hatte.