Die Fahrt der Anneliese - Bodo Lampe - E-Book

Die Fahrt der Anneliese E-Book

Bodo Lampe

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Beschreibung

Ein satirischer Roman über die Bundespolitik; Fortsetzung des Romans 'Große Kreise', welcher in der Kommunalpolitik angesiedelt ist. Aus dem Inhalt: -wie Erwin Henke bei Holzbrink vorstellig wird und um Aufnahme in die Partei bittet -wie er in Berlin den Bundestag besichtigt und vorher im Stundenhotel landet -wie er einen bedeutenden Großkünstler sowie auch den Bundeskanzler kennenlernt -wie man auf einfachstem Wege Abgeordneter wird -warum der Künstler einen Schwächeanfall erleidet und was es mit der Fußball-WM im kongolesischen Urwald auf sich hat -welche Rolle ein Pharma-Milliardär in Erwin Henkes und ein Fußball-Gott in Berenike Piepenkötters Leben spielt -wie ein deutscher Popstar Bundeskanzler wird und wie wichtig seltene Erden für uns alle sind

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Seitenzahl: 337

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Inhaltsverzeichnis

Kapitel

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1.

Es ist ein bewölkter, aber sonst ganz angenehmer Frühsommertag, und die Uhren zeigen auf 11 Uhr vormittags. Im Lübbecker CDU-Bürgerbüro hockt Holzbrink und träumt vor sich hin. Eben hat er mit einem alten Kumpel aus Diepholz telefoniert.

Tja, die Diepholzer haben es gut. Keine nervigen Veränderungen weit und breit, und die CDU sitzt jahrzehntelang fest im Sattel. Guck dir Piepenkötter an. Zwei, drei Jahre Kreisvorsitzender in Diepholz, und schon bist du Bundesminister. Und seine Angetraute hat er gleich eingestellt als Referentin, obwohl sie ihr Juraexamen angeblich nur mit Ach und Krach bestanden hat. Sonst werden da bekanntlich nur Einserjuristen genommen.

Die hatte sowieso keine Lust auf Diepholz, behaupte ich mal. Subventionen für den Bauernhof ja, jederzeit, aber die Gülle ausfahren, nee du. Die doch nicht.

Naja, ihr könnten selbst die Subventionen egal sein. Als Tochter von Franz Humbert hat eine Frau immer ihr Auskommen. Ich an ihrer Stelle würde mich in keinem Ministerium krumm machen. Lieber das Leben genießen. Nachdem der Vater schon vor Jahren den Großteil seiner Firmen zu Geld gemacht hat, ohne einen müden Euro Steuern zu bezahlen. Weil als Schweizer Staatsbürger kann dir der deutsche Fiskus nichts tun. Und als Milliardär kannst du jederzeit Schweizer werden. Brauchst nur hingehen und sagen: einen Schweizer Pass, silwuplee, und ruckzuck, schon hältst du ihn in der Hand. Da sind sie superschnell, die sonst so bedächtigen Schweizer.

Ein paar Milliönchen wird sie von dem Erbe wohl abkriegen. Man überblickt gar nicht, wie viele Töchter Humbert hat aus wie vielen Ehen. Nur Töchter, keinen Sohn, das ist das Tolle. Neulich stand in der Bunten mal eine Liste. Alles attraktive Blondinen, da kann man nicht meckern. Gut, einige sollen einen ziemlichen Spleen haben, aber das ist bei Reichen normal, glaube ich. Momentan ist er mit einer Krankenschwester verheiratet, die halb so alt ist wie er. Das passt natürlich. Wenn einer über 80 ist und nicht mehr ganz so agil, sind Krankenschwestern das Beste.

Dass sie die Subventionen genommen haben, war natürlich ein Fehler. Die Piepenkötters, meine ich. Aber sowas weiß man erst hinterher. Piepenkötter wollte das elterliche Erbe nicht weggeben, was ich wiederum auch verstehen kann, und hat es vorsichtshalber seiner Frau überschrieben, kurz bevor er Minister wurde. Dafür haben sie jetzt die Tierschützer am Hals. Die Truppe, die mit ihren Filmchen im Internet die ganze Welt verrückt macht. Wer das wohl gedreht hat, schauerlich. Piepenkötter kann froh sein, dass es nur im Regionalprogramm gelaufen ist statt in der Tagesschau.

Die Beiden sollen es in Berlin ganz schön krachen lassen. Sogar von Scheidung ist die Rede, was in der Kreis-Grafschaft normal überhaupt nie vorkommt. Ich glaube, die Diepholzer wissen gar nicht, was eine Scheidung ist. Die haben mit die niedrigste Scheidungsrate von ganz Deutschland. Aber das kommt davon, wenn man statt Nachbars Lieschen eine Auswärtige heiratet. Töchter von Milliardären sind ziemlich selbstbewusst. Die will wahrscheinlich dauernd bespaßt werden. Kasinobesuche in Bad Oeynhausen, Yachtausflüge auf dem Mittellandkanal, oder sie fliegen abends kurz nach Paris; was weiß denn ich.

Auf der Strecke hält sie sich blendend, schießt kaum mal daneben. Dabei sehr attraktiv für ihr Alter, dass sich die Männer die Finger nach lecken und selber gern mal zum Schuss kämen.

Nee also, das Schießen muss man ihr wahrlich nicht beibringen. Und ihr Mann, der Piepenkötter, ist so verrückt, der würde am liebsten die ganze Zeit mit dem Gewehr herumlaufen und jeden Tag Halali blasen. Sogar den Kanzler soll er angesteckt haben mit seiner Jagdleidenschaft, dass der gern mit ihm loszieht und sich im Kanzleramt angeblich einen eigenen supermodernen Waffenschrank hat einbauen lassen. Seitdem haben die Waffenkritiker bei der Regierung einen ganz schweren Stand. Vielleicht kommt Lahmeier auch mal zum Jagen nach Lübbecke, das wär was. Wir haben hier ein paar nette kleine Reviere, die man ihm zeigen könnte.

-

So sitzt Holzbrink im Bürgerbüro und träumt vor sich hin. Für ihn wäre eine Millionärstochter auch nicht schlecht gewesen. Dann ist man doch etwas ungebundener und kann sich mal was außer der Reihe gönnen. Oder ganz die Brocken hinschmeißen, wenn einen die Mindener zu sehr nerven. Außer natürlich sie lässt sich scheiden, dazu tendieren Millionärstöchter wahrscheinlich eher als, ich sage mal, Beamtentöchter. Und wenn dann Gütertrennung ausgemacht ist, geht man doch wieder leer aus.

Scheidung oder nicht, das kann der Diepholzer CDU allerdings egal sein. Die werden sowieso immer wieder gewählt. Getz gerade, sagen die Landwirte. Oder glaubst du, wir lassen uns von den grünen Bonzen und Umweltchaoten vorschreiben, wen wir wählen sollen.

Die Bauern wissen doch auch, wo die Glocken hängen. Die wollen in ihren Ställen möglichst viele Tiere stehen haben, und nicht sinnlos Platz verschenken. Was soll das auch. Riesengebäude, und das Vieh verläuft sich da hinterher drin. Langweilt sich. Da fühlt sich kein Schwein wohl, wenn ihm kein anderes auf die Hufe tritt. Und auch der Bauer fühlt sich nicht wohl, wenn die Kasse nicht klingelt, weil er seine Schnitzel nicht mehr nach Afrika exportieren kann, weil seine Kosten ihm davon galoppieren, und kein Afrikaner kann sie sich noch leisten.

Aber da ist Piepenkötter vor. Der hält seine Hand über die Bauern wie noch was. Und der Kanzler hält seine Hand über Piepenkötter, egal was auf dessen Hof passiert ist und was der Minister gewusst hat von den kleingehäckselten Ferkeln. Eine unappetitliche Geschichte ist das schon. Besonders wenn man sie per Video serviert bekommt, bleibt einem die Frühstückssalami im Halse stecken, und man isst hinterher nur noch Rindfleisch. Aber unser Bundeskanzler ist zu klug, um der rotgrünen Endlosschleife nachzugeben. Der weiß ganz genau, ein Trainer muss seine Mannschaft zusammenhalten. Wenn ein Stammspieler fällt, fällt bald auch der nächste. Fehler? Kennen wir nicht.

So hat er, Holzbrink, jahrelang auch im Kreis Lübbecke regiert, und die Wähler waren zufrieden. Die SPD hat vielleicht die Umfragen gewonnen, aber wenn es darauf ankam, haben die Lübbecker das Kreuzchen doch meist bei Holzbrink gemacht.

Nur leider, nach der Lübbecker CDU kräht heute kein Hahn mehr. Seit der Gebietsreform hat im neuen Großkreis Minden die SPD das Sagen. Sie stellt den Landrat, und die CDU kann froh sein, dass sie wenigstens noch über einen Bundestagsabgeordneten verfügt. Derweil sind die Diepholzer froh, dass sie zu Niedersachsen gehören - nachher wären sie auch noch eingemeindet worden.

Das Thema CDU-Bundestagsabgeordneter könnte sich ebenfalls schnell erledigen, denn nächstes Jahr sind Wahlen, und der jetzige Amtsinhaber ist ein Totalausfall, das muss man mal ganz deutlich sagen. Eine einzige Peinlichkeit, die bestimmt nicht wiedergewählt wird. Holzbrink weiß gar nicht, wie er jemals auf die Idee gekommen ist, diese Peinlichkeit als Kandidaten vorzuschlagen. Politiker, die einen Polizisten beleidigen, weil sie bei einer Verkehrswidrigkeit erwischt worden sind und Angst haben, ihren Lappen zu verlieren, um nur mal ein Beispiel aus Strot-Ottes Repertoire zu nennen, das kommt sonst nur bei den Linken vor. Oder bei der FDP. Aber so ist das, wenn man Leute aufstellt, die man kaum kennt. Halbes Jahr Parteimitglied, plus Empfehlung eines Staatssekretärs, der ihm von irgendwelchen Privatgeschäften her nahestand, schon war der Abgeordneter.

Das nächste Mal bist du klüger, und stellst dich selber auf, wie oft hat Holzbrink das schon gedacht, und die Idee aber gleich wieder verworfen. Zu unbeliebt ist er in Lübbecke seit dem Coltran-Skandal - von Minden ganz zu schweigen. Was kann er denn dafür, dass er damals Aufsichtsratsvorsitzender bei der Sparkasse war und aber keinen Schimmer von Heinz' Geschäften hatte und was darin für Risiken schlummerten. Weil er nicht hinsehen wollte, weil er Heinz vertraute, nach allem, was man füreinander getan hatte. - Aufsichtsrat der Sparkasse, eine solche Position lehnt doch keiner ab, fehlendes Fachwissen hin oder her. Wenigstens ist er, Holzbrink, damals straflos aus den Prozessen herausgekommen.

Trübsinnig sitzt er hinter der milchigen Glasscheibe des CDU-Bürgerbüros am Wittepol, einer kleinen, etwas verlotterten Seitengasse der Langen Straße, und gedenkt der glorreichen Zeiten, in denen er Landrat des Kreises Lübbecke war. Heute ist Bürgersprechstunde, doch das Interesse hält sich ziemlich in Grenzen. Nicht mal ein Bauer da, der sich beschwert, weil er sein wichtigstes Pflanzenschutzmittel neuerdings im Ausland kaufen muss, oder der Ernteausfälle erstattet haben möchte. Letzteres regelt heutzutage zentral der Bauernverband, dessen Vorsitzender praktischerweise wie Piepenkötter aus Diepholz stammt. Die zwei sollen irgendwie verwandt sein. Sie sehen sich auch dermaßen ähnlich, dass man sie für Zwillinge halten könnte. In Diepholz gab es anscheinend jahrhundertelang keine Ehen mit Auswärtigen, so dass die Diepholzer sich jetzt alle irgendwie gleichen. Wenn sie im Fernsehen zusammen interviewt werden, also ich meine der Ernährungsminister und der Bauernpräsident, weiß man nie, wer wer ist. Sie könnten sich auch leicht gegenseitig vertreten, besonders weil sie meist sowieso einer Meinung sind.

Der Bauernverband setzt sich für seine Leute ein, das muss man zugeben. Und dabei ist ein kurzer Draht zum Minister natürlich Gold wert, wenn man sich praktisch von Hofstelle zu Hofstelle zurufen kann, was man so braucht an Ernteausfallsentschädigung. Ja, da funktioniert das vielgepriesene westdeutsche Wirtschaftsmodell noch, das von den Ostdeutschen gerne 1 zu 1 kopiert und verinnerlicht worden ist. Während in Holzbrinks Bindestrichlandkreis Minden-Lübbecke gar nichts mehr funktioniert.

Schlau eingefädelt haben das die Genossen in Düsseldorf. Das ländliche Lübbecke mit dem städtischen Minden zusammenlegen, und schon verlieren fähige Leute ihren Posten. Fähige Leute wie Holzbrink, um Ross und Reiter mal beim Namen zu nennen. Denn dass der neue Landrat mehr kann als er, das glaubst du doch selbst nicht. Der hat sich im Kreistag schon mehrmals blamiert, weil er absolut keine Ahnung hat.

Genau wie Püffkemeier, den Lübbecker Bürgermeister, lässt Holzbrink den neuen Landrat öfter mal auflaufen. Wer hat denn die ganzen EU-Connections? Wer ist denn mit Bundesministern per du? Kennt alle Bauern, Handwerker, Unternehmer aus dem Effeff und weiß, wie die ticken? Freilich: vor der Amtsübergabe mussten im alten Lübbecker Kreishaus ordentlich Akten geschreddert werden. Man konnte ja vieles nicht einfach so liegen lassen. Nicht auszudenken, wenn das in falsche Hände geraten wäre.

Worüber Holzbrink sich am meisten ärgert: ein Jahr länger, und er hätte die doppelte Pension nach Hause gebracht. Aber dann kam die Kommunalwahl. Und so sind sie Holzbrink, und all die anderen CDUler ebenso kostenlos wie elegant losgeworden. Nur der neue Landrat, der hat gleich zwei Besoldungsstufen übersprungen. Oder fünf, je nachdem, wie man rechnet. Hat sich einen ordentlichen Schluck aus der Pulle genehmigt. Vorher war er Verkehrsdezernent. Sogar Püffkemeier hat sich aufgeregt, obwohl er zur selben Partei gehört, und sich damit bei seinen Mindener Genossen nachhaltig unbeliebt gemacht. Aber Püffkemeier ist eben Püffkemeier. Der hat sich auch bei Holzbrink immer nur unbeliebt gemacht.

Ja, der Püffkemeier. Der ging natürlich in Sahne, als er Holzbrink so am Boden sah, obwohl er selbst von der Gebietsreform gar nicht profitiert hat. Püffkemeier ist nach wie vor derselbe unbedeutende Provinzbürgermeister, der er vorher war, trumpft aber auf wie Gerd Schröder. Oder sagen wir wie früher Heinz. Naja klar, SPDler werden leicht überheblich, wenn sie in einer CDU-Gegend überraschend zum Bürgermeister aufsteigen und sich dann dort sogar halten können. Angeblich kommt das sowieso nur, weil die Frau so gute Bratkartoffeln macht. Jeder Eingeweihte weiß doch, dass Püffkemeier nicht viel auf dem Kasten hat.

Der Sohn soll ja Säufer sein. Und hat durch sein Säufertum nicht unwesentlich zu Heinz' Bankrott beigetragen. Lange nichts gehört von dem. Wenn der man nicht endet wie Haseloh. Quartalstrinker, viele Jahre ging es gut, und neulich ganz plötzlich: Nierenversagen. Und weg war er.

Die Leute trinken einfach zuviel. Eigentlich kein Wunder bei dem Job, den Haseloh hatte, da fängt jeder das Saufen an. Der junge Püffkemeier hat, soviel man weiß, gar keinen Job. Aber die hübsche Bauunternehmerstochter schwängern bis zum geht nicht mehr, die sichere Beamtenlaufbahn bei der Kreisverwaltung in den Sack hauen und stattdessen Soziologie studieren, oder sonst so ein brotloses Fach. Das konnte nicht gut gehen. Okay, Heinz kann sich nicht mehr aufregen über sein Schwiegersöhnchen. Aber die Tochter, die wird sich jeden Tag ärgern. Wär sie man bei dem Immobilienheini geblieben, wie hieß der noch? Cleveres Kerlchen. Hat seinen Laden in Lübbecke dicht gemacht und ist den Wölfen hinterher gezogen nach Minden. Der würde sie heute garantiert nicht mehr wollen, mit ihren Blagen am Hals und dem Insolvenzverwalter im Nacken.

Holzbrink sortiert seine Stifte. In aller Ruhe, muss man sagen, denn nach der beachtlichen Karriere, die er hingelegt hat, kann ihm eigentlich nichts mehr passieren. Es sind ziemlich viele bunte Stifte, die er da sortiert. Von der letzten Wahl übriggeblieben. Kann man aber nächstes Mal noch genauso gut verteilen.

War das eben Henke, der da vorüberging? Tja, wer an Haseloh denkt, kommt an Henke nicht vorbei. Wie siamesische Zwilligen waren die. Genaugenommen Drillinge, denn Dekemeier muss man auch dazurechnen. Nur, Henke kann mehr vertragen, wesentlich mehr, und hat sich besser unter Kontrolle.

Wieso hat der frei heute? Leute wie Henke, die es gerade eben in den Stadtrat geschafft haben, müssen an ihrer Karriere noch arbeiten. Eigentlich hat der Mann ganz vernünftige Ansichten. Gut, er redet ziemlich viel Blech. Hört sich gern reden. So viel, dass er bei den Püffkemeiers keine Bratkartoffeln mehr abkriegt, und schon gar keinen Cognac. Auch der OKD kann ihn aus irgendwelchen Gründen nicht ausstehen. Aber sonst: ganz vernünftige Ansichten. Henke ist eindeutig in der falschen Partei. Mit diesen Ansichten wird er bei den Roten nicht weiterkommen, trotz Gebietsreform. Oder glaubst du, dass die Mindener das anders sehen? Oder dass Düsseldorf ruft? Nee, du, nee. Bestimmt nicht.

Da, schon wieder, was schleicht der hier eigentlich rum?

Ihn, Holzbrink, hat Düsseldorf leider auch nicht gerufen, nicht mal in der Zeit von Rüttgers Club und obwohl er in der Lübbecker CDU, und auch in der Mindener, schon so lange das Heft in der Hand hat. Keine staatliche Funktion mehr inne, aber die Strippen ziehen im Kreisverband, das ist immerhin etwas. Denn fleißig Strippen ziehen, das kann Holzbrink. Das konnte er schon immer. Fast so gut wie früher Helmut Kohl.

Nix los heute, wirklich. Nicht EIN Bauer, der EU Hilfen beantragen will, für Flächenstillegung oder so. Oder der abgelehnt worden ist und sich darüber aufregt, weil sein Nachbar anscheinend jeden Fliegenschiss genehmigt kriegt und seine ganzen Felder mit Mais vollstellen darf. Mais anbauen, und schon bist du ein gemachter Mann, hat ein Landwirt neulich zu Holzbrink gesagt. Er ärgere sich halb tot, dass er damals nicht wie sein Nachbar auf den Zug mit den Biogasanlagen aufgesprungen sei. Die Euros seien dem Nachbarn danach nur so entgegengepurzelt.

-Mensch, was treibt dich hierher, entfährt es Holzbrink, als Henke plötzlich vor ihm steht.

Henke im CDU Bürgerbüro - da darf man freudig gespannt sein. Ein Pläuschchen mit Henke garantiert Unterhaltung auf Fernsehniveau. Wie der damals den Kongolesischen Außenminister für die Lübbecker Sache eingespannt hat, das war schon sehenswert. Henke braucht nur irgendwo aufzuschlagen, schon passiert etwas Interessantes. Und sei es nur, dass die Ehefrauen sich aufregen, weil er auf jeder Gartenparty zu fortgeschrittener Stunde in die Büsche pinkelt. Er tut das, um sein Revier zu markieren, hat Anneliese mal gemeint und hinzugefügt, dass sie es ihm unbedingt abtrainieren wolle. Geschafft hat sie das aber nur die wenigen Male, wo er in ihrer Begleitung aufgetaucht ist. Sonst ist er immer noch ganz der Alte und meist allein unterwegs, ein gestandener Mann, der sich selbst durch eine glückliche neue Beziehung nicht deformieren lässt.

Nein, wo Henke auftaucht, ist immer etwas im Busch. Auch jetzt hat Holzbrink gleich so ein gewisses Gefühl. Obwohl Henke ganz harmlos daherkommt, klingelt bei Holzbrink der Wecker.

Zuerst reden sie über das neue Baugebiet, wo Henke schon von halb Lübbecke angesprochen worden sei, ab wann und wie man sich seinen Bauplatz reservieren könne und ob da wieder so gemauschelt werde wie beim letzten Mal. Es gehe nicht an, sagt Henke, dass die Bürger von den Entscheidungsprozessen der Stadt so wenig mitbekämen. Seit Püffkemeier regiere, laufe in Sachen Kommunikation und Bürgerbeteiligung gar nichts mehr. Bauanträge würden meist abgelehnt, und Vergabekriterien hinter verschlossenen Türen verhandelt. Henke macht dann noch einige andere abfällige Bemerkungen über den Lübbecker Bürgermeister, wie Holzbrink erfreut nickend zur Kenntnis nimmt.

-Thomas Wildmann hat mich auch angesprochen. Er will gleich 3 Plätze für seine erwachsenen Kinder. Ich kann ihn verstehen, sagt Henke und verweilt noch ein paar Takte bei Wildmann. Leitender Regierungsdirektor sei der inzwischen, und überhaupt nicht eingebildet.

-Ein feiner Kerl, sagt auch Holzbrink. Wenn ich mit ihm rede, habe ich immer das Gefühl, er steht hundertpro hinter der CDU. Obwohl er gar nicht Mitglied ist. Wir haben schon überlegt, ihn als Parteifreien im Kreistag aufzustellen. Der würde gut zu uns passen. Und ordentlich Stimmen würde der holen, so beliebt, wie er in Lübbecke ist. Jeder kenne doch den Tommy als angenehmen, immer hilfsbereiten und kompetenten Mitbürger.

In Henke arbeitet es. Seine Backenknochen fangen an zu mahlen.

-Er ist fast so beliebt wie du, schiebt Holzbrink vorsichtshalber nach. Einen wie dich könnten wir auch gut gebrauchen. Aber du bist ja vergeben.

Henke zögert.

-Er würde gern die Berlinreise mitmachen, sagt er dann unvermittelt. Zum Bundestag, um sich von Strot-Otte den Bundestag zeigen zu lassen. Stichwort politische Bildung. - Er habe sich im Internet bereits angemeldet.

-Ach, die jährliche Fahrt nach Berlin, sagt Holzbrink nicht wenig überrascht. Warum machst du die nicht mit deiner eigenen Partei?

Was will Henke denn von Strot-Otte, diesem Nullbong? Strot-Otte, immer Strot-Otte. Holzbrink wird ganz schlecht. Wenn die Presse, also besonders das berüchtigte Bielefelder Linksblatt, das Holzbrink jahrelang immer niedergeschrieben hat, Wind von Strot-Ottes neuesten Mätzchen bekommt, ist es ganz aus mit der Minden-Lübbecker CDU. Das kann Holzbrink sich an 5 Fingern abzählen.

-Er müsse da etwas klarstellen, erwidert Henke. Also erstens sei der Wildmann garantiert SPD-Sympathisant. So wie der rede. Das wisse auch die SPD-Stadtratsfraktion, die ihn auch schon aufstellen wollte. Und zweitens sei er, Henke, gar kein SPD-Mitglied. Nie gewesen. Er sei als Parteiloser auf Püffkemeiers Liste gestanden. Das müsstest du eigentlich wissen.

Ja, das müsste Holzbrink wohl. Man wird älter, sagt er aber bloß.

-Püffkemeier hat mich damals überredet, weil er wusste, dass ich Stimmen für ihn hole. Im Presbyterium, beim Karneval, im Schützen-, Garten- und Wanderverein, überall bin ich im Vorstand. Obwohl ich zum Wandern zeitlich gar nicht mehr komme. - An der SPD, sagt Henke betont deutlich, habe ihn von jeher einiges gestört. Sie sei doch eher eine Partei der Arbeitslosen, also der Faulen, statt der Fleißigen.

Dem mag Holzbrink nicht widersprechen. Er holt den Cognac aus dem Regal, auf den Henke schon die ganze Zeit wartet. Dann sucht er nach 2 Gläsern und pustet einmal kurz rein, damit der Staub rausfliegt. Den Kalkrückstand, oder was das Weiße da unten ist, wird man damit leider nicht los. Er stellt die Gläser auf den Schreibtisch und gießt sie mit geübtem Schwung ordentlich voll.

-Als die SPD im Bund mit am Ruder war, haben sie ständig den Sozialhilfesatz erhöht, sagt Henke, während er das erste Schlückchen genießt. Aber keiner hat gefragt, wer das bezahlen soll. Die Leistungsträger werden immer mehr zur Kasse gebeten und die Minderheitenschutzprogramme ausgeweitet. - Tu ruhig noch mal nachschütten, ja so, ordentlich rin da! - Dieser Trend hat unter Lahmeier glücklicherweise nachgelassen. Wir können doch nicht dauernd unsere Wettbewerbsfähigkeit aufs Spiel setzen. Das sind doch alles Gelder, die der Steuerzahler erst erwirtschaften muss. - Zum Beispiel Gender Studies, sagt Henke, und Holzbrink fragt sich, wie Henke jetzt darauf kommt und woher er diese komplizierte Vokabel überhaupt kennt. In Henkes Papierfabrik gibt es das vermutlich nicht, einen Genderbeauftragten. Obwohl, das kommt bestimmt auch noch.

-Jeder normale Akademiker, sagt Henke, also Anwalt, Steuerberater oder Mediziner, kann nach dem Abschluss seine Ausbildungsschulden leicht zurückzahlen. Aber wer über Wittgensteins Bedeutung für die gegenwärtige Genderdebatte promoviert hat, wie beispielsweise Detlev Püffkemeier junior, dem fällt das naturgemäß schwer. Außer er wird Grünenvorsitzender, dann ist es etwas anderes.

-Grünenvorsitzender wird der nicht mehr, wirft Holzbrink ein.

Henke lässt sich jedoch nicht irritieren, sondern fängt mit den Alleinerziehenden an. Die Alleinerziehenden sind ein Thema, über das sich Henke immerzu ärgern kann. Zu jeder Tageszeit ärgern ihn die Alleinerziehenden, und nachts bringen sie ihn um den Schlaf mit ihrer Anspruchshaltung, nach einer gescheiterten Ehe dem Staat auf der Tasche zu liegen. Das heißt, wenn sie überhaupt vorher verheiratet waren.

-Wenn die sich ihr Geld vom Erzeuger holen würden, statt vom Staat alimentiert zu werden, ginge es uns auch besser, sagt Henke.

Auf die Alleinerziehenden hat er es wirklich abgesehen. Alleinerziehende erkennt Henke auf den ersten Blick, und er sieht sie mittlerweile an jeder Ecke. Besonders stören ihn ausländische Alleinerziehende oder solche, die ihr Kind von einem Ausländer haben, der dann, obwohl angeblich politisch verfolgt, in sein Heimatland zurückflieht, um der Alimentenzahlung zu entgehen. Solche Stories liest man ja ständig in der Zeitung, wenn auch nicht gerade in der linksbürgerlichen Presse, denn da werden sie gnadenlos wegzensiert.

Obwohl er meint, in Henke eine verwandte Seele zu entdecken, will Holzbrink das Thema lieber nicht vertiefen. Vor allem jetzt, wo die CDU für sein Dafürhalten viel zu weit nach links abgedriftet ist, muss er ein bisschen aufpassen, was er in der Öffentlichkeit von sich gibt. Denn das wichtigste - das weiß Holzbrink von zig Wahlkämpfen - ist, dass eine Partei immer geschlossen auftritt. Wenn eine Partei sich streitet oder sonst ein Schatten auf sie fällt, wird sie nicht gewählt. So einfach ist das.

Okay, das war früher anders. Früher wurde die CDU gewählt, ganz egal was sie anstellte, und in Diepholz zum Beispiel ist das heute noch so, dass die Partei aufstellen kann, wen sie will, und er kriegt auf jeden Fall die absolute Mehrheit. Wenn nicht zwei Drittel. Aber in Lübbecke, näh. Mit einem Strot-Otte kann die CDU keinen Staat machen. Strot-Otte soll man am besten auf den Mond schießen, ohne Rückfahrschein. Strot-Otte kommt ja auch aus Minden, das hätte sich Holzbrink mal früher klarmachen sollen.

-Auch er trete eindeutig dafür ein, säumige Unterhaltszahler mit aller Entschiedenheit zur Kasse zu bitten, sagt Holzbrink möglichst neutral. Jedem Vater müsste bekannt sein, dass er Kindesunterhalt zu zahlen habe.

Holzbrink hofft, dass Henke nicht noch weiter ausholt und etwa mit der Bundeswehr anfängt, wo man sich mehr um werdende Mütter und Kitaplätze kümmere als um die Kampfkraft der Truppe, oder mit Flüchtlingen, die angeblich dauernd Frauen vergewaltigten.

-Ich denke, dass diese ganzen Probleme nur unter Lahmeier gelöst werden können und will daher in die CDU eintreten, sagt Henke völlig überraschend. Wenn wieder Rotgrün an die Macht komme, dann gute Nacht.

-Ist das wirklich dein Ernst? - Ich meine ... das wird Püffkemeier schwer treffen. Der wird toben.

-Den lass man toben. Mit mir und Püffkemeier, das ist schon lange nichts mehr. Wie oft habe ich zuletzt im Stadtrat gegen ihn gestimmt. Und als ich neulich bei ihm zuhause war, hat er mir nicht mal einen eingeschüttet, das musst du dir mal vorstellen.

-Du willst also Mitglied der Christlich Demokratischen Union werden, gut, sagt Holzbrink. Und wie soll das dann weitergehen? Willst du als Stadtrat zurücktreten oder die Fraktion wechseln?

-Er wäre stolz darauf, in der CDU-Fraktion mitarbeiten zu dürfen, erwidert Henke, indem er seinen Oberkörper strafft. Ich meine, all das Große, was ihr in den letzten Jahren im Landkreis erreicht habt, selbst aus der Opposition heraus...

Holzbrink denkt nach.

-Er könne das nicht allein entscheiden, doch werde man Henkes Ansinnen wohlwollend prüfen, sagt er dann, seine Worte sorgfältig wägend. Henke sei ihm schon länger positiv aufgefallen. Ein Bringer eben, der auch Wählerstimmen zur CDU herüberbringen werde. Allein wie du beim Blasheimer Markt auftrittst. Mit allen bist du per du. Jeder zischt mit dir gern ein Briegelpils und wird ganz locker, wenn er dich sieht. Weil du selber so locker bist.

Wieder denkt er kurz nach.

-Wahrscheinlich musst du dich bei uns im Stadtverband vorstellen. Danach entscheiden wir über deinen Aufnahmeantrag. Und du sollst mit allen CDU-Räten reden. Von meiner Seite sehe ich eigentlich keinen Hinderungsgrund.

-Darauf trinken wir, sagt Henke und lässt sich von Holzbrink noch einen einschenken.

Still und einträchtig putzen sie die Flasche leer. Auch Holzbrink ist jetzt auf den Geschmack gekommen, obwohl er eigentlich weniger trinken wollte. Aber er kennt das schon: wer sich mit Henke trifft, kommt an einem Vollrausch nicht vorbei. Bevor er völlig dicht ist, drückt er Henke noch das Aufnahmeformular in die Hand, welches beim Einstecken gleich einen Schnapsfleck abbekommt.

Sonst ist Henke durchaus noch Herr seiner Sinne.

-Wie viele denn mit nach Berlin fahren, will er jetzt nämlich wissen.

-Also, im Moment bist du der einzige Interessent, reißt sich Holzbrink zusammen. Wir hatten vor Jahren immer eine rege Beteiligung, aber die Meisten von uns sind inzwischen schon mal dagewesen.

Für einen wie Henke, der nicht gut allein sein kann und immer irgendwelche Leute um sich braucht, auf die er einreden kann, ist das keine gute Nachricht.

-Du musst das positiv sehen, versucht Holzbrink die Situation ein bisschen schönzureden. Strot-Otte kann sich ganz allein um dich kümmern.

Er sagt dies in das nachdenkliche Gesicht von Henke, der sich schon überlegt, ob die CDU Lübbecke, die ja anscheinend auf dem absteigenden Ast ist, für ihn wirklich der richtige Anker sein kann.

-Du könntest in Berlin gleich mal nach dem Rechten sehen. Mit Strot-Otte gibt es immer wieder Probleme. Hast du vielleicht schon von gehört.

-Du kannst auf mich zählen, sagt Henke und lacht, denn er muss an den einen Zeitungsartikel denken, wo Strot-Otte gehörig durch den Kakao gezogen wurde.

Außerdem freut er sich über Holzbrinks Vertrauen. Holzbrink und Strot-Otte, das Verhältnis scheint auch nicht mehr zu stimmen. Da braucht man nicht viel Grips, um die Abneigung zu spüren, höchstens ein bisschen Sozialverstand, und davon hat Henke die Menge. Mit seinem Gespür gelingt es ihm sogar, noch einiges mehr an Informationen aus Holzbrink herauszukitzeln.

Der will eigentlich zu dem Thema nichts weiter sagen, doch das Problem Strot-Otte beschäftigt ihn einfach zu stark. Und so lädt er seine ganze Verbitterung, den jahrelangen Ärger über diesen Versager bei Henke ab. Dass Strot-Otte in seinem Wahlkreis kaum noch auftauche, sich höchstens mal privat in Minden aufhalte, ohne es für nötig zu befinden, mit der Parteispitze - also Holzbrink - in Kontakt zu treten. Dass er anscheinend keine Lust mehr auf Politik habe, vielleicht weil er anderswo bessere Verdienstchancen sehe. Jemand, der sich in der Öffentlichkeit derartig rar mache und wenn dann mit Negativschlagzeilen in der Presse erscheine, könne doch nicht ernsthaft hoffen, wiedergewählt zu werden.

Henke kann Holzbrink in allem nur recht geben.

-Ich sehe das ja bei uns in der Papierfabrik, sagt er. Wenn ein Arbeiter keine Lust hat und sich oft krankmeldet, aber abends in der Stadt siehst du ihn bei Köpsel am Tresen. So ähnlich sei das ja wohl mit Strot-Otte.

-Richtig, sagt Holzbrink. In gewisser Weise sei auch ein Bundestagsabgeordneter ein Arbeiter. Und wenn die Leistung auf Dauer nicht stimme, werde es Zeit, sich zu trennen, das habe schon Heinz früher immer über seine Arbeiter gesagt.

In dem Moment, wo Holzbrink Heinz erwähnt, kommt Henke eine Idee. Eine Karriereidee, so genial, dass es ihm erst mal den Atem verschlägt und er anfängt zu stottern.

Was das denn? Dass Henke stottert, kommt normalerweise nur alle Jubeljahre vor. Denn meist läuft, wie die Lübbecker wissen, und auch Holzbrink weiß das zu genüge, Henkes Zunge wie geschmiert.

Henke hat sich denn auch schnell wieder gefangen und fragt ganz harmlos, wen die CDU bei der nächsten Wahl eigentlich aufstellen wolle, wenn man mit Strot-Otte so unzufrieden sei.

-Das sei allerdings ein Problem, muss Holzbrink zugeben. An Nachwuchstalenten fehle es der Lübbecker CDU. Von der Mindener ganz zu schweigen. Obwohl doppelt so viele Einwohner, habe Minden weniger Mitglieder als Lübbecke.

Darüber sollte sich Holzbrink allerdings besser nicht beklagen. Wenn Minden mehr Mitglieder hätte, säßen er und seine Lübbecker Getreuen in der nordostwestfälischen CDU bestimmt nicht mehr so fest im Sattel, sondern wären schon längst abgewählt. Das weiß Henke sehr wohl, und geht Holzbrink trotzdem nach Kräften um den Bart, a la dass sie in Lübbecke offensichtlich gute Basisarbeit leisteten, während Püffkemeier die Leute wegliefen.

Holzbrink ist sich da nicht so sicher. Nach seiner Erfahrung wollen junge Menschen heutzutage einfach nicht in die CDU eintreten, sondern sich lieber den ganzen Tag vergnügen. Also, was das noch werden soll, wenn sich keiner mehr für unser Staatswesen interessiert!

Darüber will Holzbrink aber auf keinen Fall reden, sondern meint nur, dass sie ja jetzt einen motivierten Neuzugang zu verzeichnen hätten.

Eifrig nickt der Henker.

-Genau. Die CDU habe das bessere Programm. Und ganz klar die besseren Leute. Außerdem keine Frauenquote. In der SPD, wo auf Bundesebene Quotenfrauen, Quotenschwule und Quotenausländer das Ruder übernommen hätten, schlage das inzwischen massiv auf die Qualität der Politik durch. Abgesehen davon, dass normale weiße Männer kaum noch Aufstiegschancen hätten.

-Wenn du das so siehst, hättest du schon längst Mitglied bei uns werden sollen, sagt Holzbrink.

In Wirklichkeit hat er ein bisschen Angst, dass sie die Quote bald auch in der CDU einführen werden.

-Deswegen sei er hier, meint Henke ganz locker.

Eigentlich war er seiner Sache gar nicht so sicher, aber jetzt ist er Feuer und Flamme, nachdem er weiß, dass der Posten des Minden-Lübbecker CDU-Bundestagsabgeordneten mehr oder weniger vakant ist. Und damit kommt er gleich auf den Punkt:

-Ein bisschen denke er dabei auch an sich. In der CDU könne man als Mann noch etwas bewegen. Mit seinen Erfahrungen im Stadtrat und den ehrenamtlichen Einsätzen für alle möglichen Vereine sei er den hohen Anforderungen selbst eines Bundestagsmandates ohne weiteres gewachsen.

-Na also Bundestag, sagt Holzbrink skeptisch. Ich will dich ja nicht entmutigen; aber in der Politik ist es so: zuerst kommst du in den Stadtrat; dann musst du sehen, dass du auch in den Bezirksrat kommst. Mit viel Glück wartet danach der Landtag auf dich. Aber da musst du ordentlich kämpfen. Viele wollen in den Landtag, weil das ein gut bezahlter Job ist; doch nur wenige schaffen es. Dabei bist du in der Politik erst ab Landtagsabgeordneter ein richtiger Mensch. Erst im Landtag fängt das wahre Leben an. Als Kommunalpolitiker wirst du meist nicht für voll genommen. Du kannst also nicht einfach mehrere Stufen überspringen. Bundestag, das ist die nationale Oberliga.

-Und das Beispiel Strot-Otte? Der habe doch auch mehrere Stufen übersprungen.

-Ja eben, sagt Holzbrink. Quereinsteiger. Und schau, was dabei herausgekommen ist. Außerdem war Strot-Otte hochrangiger Manager in einem Finanzkonzern. Da kannst du nicht mithalten, als Vorarbeiter in eurer Papierfabrik.

-Er sei seit kurzem Lead-Dispatcher, sagt Henke leicht verschnupft. Und der sogenannte Finanzkonzern inzwischen aufgelöst. Außerdem habe er im Gegensatz zu Strot-Otte weder Polizisten beschimpft noch Frauen in den Hintern gezwickt.

Jetzt schweigt Holzbrink. Ihm ist eingefallen, was Henke letztes Mal Stimmen für die SPD-Liste geholt hat. Massig Stimmen waren das, die Püffkemeier vermutlich das Bürgermeisteramt gerettet haben. Henke ist zwar sozusagen ein staatlich anerkannter Dummschwätzer, aber in seinem Sprengel sehr beliebt. Weil er mit jeder umherschweifenden Mannsperson bei Bedarf einen Cognac süffelt. Und mit Frauen kann er auch gut, siehe Anneliese, und vorher seine Mutter, mit der es niemand außer ihm ausgehalten hat. Und das Jahrzehnte lang! Die alte Henke war schon eine Nummer. Sie hat jede potenzielle Bewerberin auf Henkes Herz gnadenlos weggebissen.

Bei seiner Mutter ist Henke jedes Mal eingeknickt. Weil er im Grunde leicht zu steuern ist. Wenn du einmal sein Vertrauen gewonnen hast, frisst dir Henke aus der Hand. Gut, er säuft dir auch deinen Cognac weg. Aber kein Problem, dann musst du eben Billigen hinstellen. Wenn Henke 2, 3 Gläser Cognac gesoffen hat, wird er total anhänglich. Dann macht es ihm nichts aus, dass ihm ein Bundestagsmandat verweigert worden ist.

Auch jetzt blickt sich Henke suchend nach einer neuen Flasche Cognac um.

Holzbrink kennt ja seine Pappenheimer. Beamte, die befördert werden wollen, und Landwirte, die in Deutschland ja auch eine Art Beamtenstatus genießen, sie alle trinken gern Cognac, wenn sie bei Holzbrink vorbeikommen, und darum hat er immer einen Ersatzvorrat in der Schublade stehen.

-Ihr seid ja wohl arm wie die Kirchenmäuse, sagt Henke zu Holzbrink, als der sich an seinem 70er Jahre Schreibtisch zu schaffen macht. Wenn ich mir den Sperrmüll angucke, der hier herumsteht.

-Alt, aber große Schubladen, sagt Holzbrink und holt triumphierend eine 2-Liter-Flasche von dem billigen Fusel vor.

-Hier hast du noch was zu nuckeln.

-Jau, sagt Henke. Wenn das nicht umweltfreundlich ist.

2.

Am Tag der Abreise steht Henke am Bahnhof und muss sich Annelieses Moralpredigten anhören. Es geht um Alkohol, käufliche Mädchen und nicht zuletzt auch um die krank machende Feinstaubbelastung in der Hauptstadt.

-Das weiß ich doch alles, sagt Henke immer wieder, während er nervös von einem Bein auf das andere tritt.

Nach dem Tod seiner Mutter ist Anneliese fast übergangslos in deren Fußstapfen getreten. Inzwischen kennt sie alle seine Schwachstellen und weiß, wie damit umzugehen ist. Henke hält das nur aus, weil er es erstens noch von seiner Mutter gewohnt ist, dass die Frauen einen immer nur gängeln wollen, und zweitens, weil er gleich weg sein wird und dann ein paar Tage seine Ruhe hat.

Leider haben sie ihm voriges Jahr den Führerschein weggenommen. Darum kann er nicht einfach mit dem Opel nach Berlin düsen, sondern wird sich gleich zu all den Rentnern, Ausländern und Kinderreichen in einen proppenvollen Zug zwängen. Das einzig Gute ist, dass der neue Wagen geschont wird, weil Henke ihn seit dem Verlust des Lappens nur noch in der Garage stehen hat.

Um ehrlich zu sein, ist sich Henke keineswegs sicher, ob er überhaupt mit dem eigenen Auto nach Berlin gefahren wäre. In Berlin werden schöne neue Autos bekanntlich von aggressiven Fahrradfahrern demoliert und im Extremfall von linken Chaoten sogar angezündet.

Anneliese ist der einzige Mensch auf der Welt, der mehr redet als Henke. Genaugenommen sagt Henke meist gar nichts, wenn Anneliese dabei ist. Anneliese redet beinahe ununterbrochen und in jeder Lebenslage. Sie redet fast ebenso viel wie die eine Ex-Grünenvorsitzende, der sie auch äußerlich ähnlich sieht. Zum Glück interessiert sich Anneliese nicht für diese Art von Politik, sonst wären sie und Henke wohl kaum zusammengekommen. Anneliese steht zwar auf ökologische Themen, ist aber nicht so esoterisch wie die meisten Grünen mit ihrem Weltverbesserungswahn, sondern geht mehr in die wertkonservative Richtung.

Während seine Lebensgefährtin ununterbrochen weiterblubbert, blickt sich Henke angestrengt auf dem Bahnhofsgelände um, das auch schon bessere Tage erlebt hat. Besonders das Hauptgebäude müsste dringend saniert werden, aber dafür haben sie anscheinend kein Geld mehr, seit die Bahn privatisiert worden ist und die Managergehälter die ganzen Steuergelder wegfressen. Obwohl Henke der Privatisierung von Staatsunternehmen meist positiv gegenübersteht, kann er die Folgen in diesem Fall nicht gutheißen. Er erinnert sich noch daran, wie er als kleiner Junge hier gestanden hat und seiner Mutter zuwinkte, als diese mit der so ziemlich letzten deutschen Dampflok und massig Dampf zu einem Kuraufenthalt aufbrach. Damals war der Bahnhof, der im Krieg ziemlich gelitten hatte, gerade picobello in Schuss gebracht worden.

Die Promillegrenzen im Straßenverkehr sind ja lächerlich niedrig heutzutage, darüber kann sich Henke immer neu aufregen. Ein paar Tropfen Cognac, und du bist dran mit Riesentrara und kannst von Glück sagen, dass du als Stadtrat nicht in die Zeitung kommst. Wie sollen Leute wie Henke, die es gewohnt sind, bei jeder sich bietenden Gelegenheit mindestens eine halbe Flasche von dem Zeugs zu verspachteln, da den Tag überstehen! Früher hat es ihn nicht weiter gejuckt, wenn er den Lappen für ein paar Wochen abgehen musste, aber seit er als Kommunalpolitiker im öffentlichen Leben steht, kann er es nicht mehr riskieren, ohne Führerschein erwischt zu werden. Obendrein haben sie ihm Fahrstunden und eine Prüfung aufgebrummt. Die Fahrstunden haben aber nichts genutzt, er ist bei der Prüfung zweimal durchgefallen. Besonders der theoretische Teil verlangt einem Einiges ab heutzutage; das ist nach Henkes Ansicht fast so schlimm wie Abitur machen. Während jedoch das Abitur immer leichter wird und die klassische Bildung immer mehr abnimmt und die meisten Jugendlichen die einfachsten Regeln der Orthographie nicht mehr beherrschen, weil sie Lesen und Schreiben mit antiautoritären Trial-and-Error Methoden lernen müssen, und viele von ihnen sowieso eigentlich auf die Hauptschule gehören, lässt sich der Staat bei der theoretischen Fahrschulprüfung immer neue Schikanen einfallen, so dass einem Mann in den besten Jahren, der Prüfungen ohnehin nicht mehr gewohnt ist, weil er mit den bewährten Methoden der Sozialkommunikation normalerweise bestens durchs Leben kommt, beim Ausfüllen der Fragebögen die korrekten Antworten einfach nicht einfallen und ihm der Führerschein womöglich auf immer versagt bleibt. Da nützt es wenig, wenn man den Prüfer mehrmals darauf hinweist, dass man Lübbecker Stadtrat ist und auf die Genehmigung von Bauanträgen Einfluss nehmen kann. Neuerdings erwägt Henke, einen Ferienkurs in Polen oder England zu buchen. Die sollen äußerst effektiv sein, und dabei voll entspannend mit Thai-Massagen zwischendurch. Vielleicht ist dies aber auch wieder nur eine Masche, um an sein sauer verdientes Geld zu kommen. Im Moment bleibt ihm jedenfalls nichts anderes übrig, als sich von Anneliese durch die Gegend chauffieren zu lassen.

Als er den Zug besteigt, fallen alle diese negativen Gedanken sofort von ihm ab, und er konzentriert sich darauf, einen vielversprechenden Platz in einem Großraumabteil zu finden. Neben eine jüngere Frau kann er sich nicht setzen, solange Anneliese am Fenster steht, aber da hinten, die Fußballfans, vielleicht sind die das Richtige für ihn. Es sind Dortmunder, die zu einem Spiel gegen die Martha wollen.

Ja, da fühlt sich Henke wohl. Fußball ist auch so ein Steckenpferd von ihm. Für ein ordentliches Fußballspiel mit Bratwurst und Bier lässt Henke jede Politik sausen. Da können ihn die Grünen noch so ärgern. Wenn Fußball im Fernsehen kommt, ist ihm alles andere egal.

Schnell ist er mit den Fans per du und in Fachsimpeleien über den aktuell deprimierenden Zustand der deutschen Nationalmannschaft verwickelt, so dass er gar nicht mitbekommt, dass Anneliese ihm zuwinkt und der Zug schon abfährt. Wann erlebt man schon mal eine Zugfahrt, die sich von Anfang an so zufriedenstellend gestaltet? Henke ist bereits ganz in seinem Element und bringt sich voll ein in die lebhafte Diskussion um die deutsche Elfer-Auswahl. Dass der Bundestrainer jetzt ja wohl zurücktreten muss, nach der vergeigten WM, darüber ist man sich einig. Aber nicht, wer den Posten übernehmen soll.

-Bloß kein Ausländer, sagt einer und die meisten nicken. Die Nationalmannschaft sei per Definition eine rein deutsche Angelegenheit.

-Der Bundestrainer macht auch so viel Werbung, sagt ein Anderer. Das muss aufhören.

Plötzlich ist Henke abgelenkt. Er hat in der Gepäckablage Bier und Cognac entdeckt. Das hätte er diesen Leuten gar nicht zugetraut, dass die so einen ordentlichen Weinbrand dabei haben.

-Wofür der alles Werbung macht, kommt der Andere wieder auf den Bundestrainer zu sprechen. Und über seine Berater ist er mit einigen Spielern verfilzt. Das geht doch nicht.

-Nein, das geht gar nicht, bestätigt auch Henke. Darum hat er die gegen Russland aufgestellt, anstelle von dem Olli. Prompt haben wir das Spiel verloren.

-Der Olli ist doch so alt; der könnte selbst schon Trainer sein, sagt jemand. Der hätte auch Lust dazu.

-Du meinst den Ulli.

-Nein, den Olli.

-Ach, den Olli Stachowiak.

So reden sie, und Henke fühlt sich ganz wie zuhause. Er dreht voll auf, so wie er es vom Blasheimer Markt gewohnt ist, und bringt den ganzen Zug in Stimmung. Nur einmal ist er kurz irritiert, weil einer von denen scheint mit den Grünen zu sympathisieren. Aber kein Problem, Henke hat schon gehört, dass sich sogar manche Grüne für Fußball interessieren.

Auch bei den Prostituierten am Oranienplatz steigt abends die Stimmung, weil Henke das Geld, was ihm für die Berlin-Tage von Anneliese zugeteilt worden ist, innerhalb von 2 Stunden auf den Kopf haut. Dazu noch das Geld, was die Fußballfans da lassen, die extra ein bisschen Erspartes mitgenommen haben und einen Tag früher angereist sind, weil sie sich in Berlin etwas gönnen wollten. Als einer von ihnen gemeint hat, er kennt den besten Puff der ganzen Stadt, ist Henke sofort dabei gewesen. Wozu hat man schließlich ein Zweitkonto, von dem die Partnerin nichts weiß und auf das man im Notfall jederzeit zugreifen kann.

-Die Zeit des Sparens ist vorbei, sagt Henke zu den ihm zuprostenden Prostituierten. Sparen kannst du bis 30, oder meinetwegen auch bis 40, und sogar einen Bausparer abschließen, aber irgendwann willst du auch einmal etwas von deinem Leben haben. Was habe ich gespart, als meine Mutter noch lebte, alles auf die hohe Kante gelegt. Gut, ich hatte auch wenig Gelegenheit zum Ausgeben. Aber jetzt Berlin, das ist natürlich ein Grund zum Feiern. Immer nur Golf oder Opel fahren, statt mir wie Heinz zwei Geländewagen und einen Mercedes auf den Hof zu stellen, ist auf die Dauer deprimierend und langweilig.

Die Prostituierten stellen ihre Lauscherchen auf. Sie kommen zwar irgendwo aus Osteuropa, aber im Massieren sind sie spitze, muss man zugeben.

-Jau, Heinz, der hatte echt Pulver, sagt Henke. Hat als Bauunternehmer sein Glück gemacht, nicht so wie ich kleiner Angestellter.

-Was denn für Pulver? fragen die ausländischen Prostituierte einigermaßen interessiert und möchten wissen, wie man diesen Heinz denn am besten erreichen kann.