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Bis heute ist das Rätsel um den Öltanker Salem und dessen Ladung ungeklärt. 1980 geriet das Schiff vor der Küste des Senegal auf hoher See in Brand. Die Besatzung konnte gerettet werden, der Tanker versank im Meer, doch eine Ölkatastrophe blieb aus. Dieser spektakuläre Betrugsfall ist Anlass für eine literarische Spurensuche des Autors. Phantasievoll und spannend kombiniert er Unbekanntes mit Möglichem, Fiktives mit Realem. Im Tagebuch eines Matrosen erzählt er in eindrücklichen Bildern von der unheilvollen Fahrt der Salem und vom schwierigen Leben an Bord, während im Hintergrund raffinierte Betrüger in großem Stil ihren Profit sichern. Parallel dazu verläuft die Geschichte des Einhandseglers Donald Crowhurst, der 1968/69 am ersten Golden Globe Race teilnahm. Auch er griff zu den Mitteln der Täuschung und verlor sich zwischen Wahn und Wirklichkeit in der unendlichen Weite des Ozeans. Pascal Janovjak hat ein faszinierendes Spiegelkabinett geschaffen, in dem sich Sehnsucht, Hoffnung, Wahrheit und Lüge zu einem überzeugenden, atmosphärisch dichten Roman verbinden.
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Seitenzahl: 168
Veröffentlichungsjahr: 2025
Bis heute ist das Rätsel um den Öltanker Salem und dessen Ladung ungeklärt. 1980 geriet das Schiff vor der Küste des Senegal auf hoher See in Brand. Die Besatzung konnte gerettet werden, der Tanker versank im Meer, doch eine Ölkatastrophe blieb aus.
Dieser spektakuläre Betrugsfall ist Anlass für eine literarische Spurensuche des Autors. Phantasievoll und spannend kombiniert er Unbekanntes mit Möglichem, Fiktives mit Realem. Im Tagebuch eines Matrosen erzählt er in eindrücklichen Bildern von der unheilvollen Fahrt der Salem und vom schwierigen Leben an Bord, während im Hintergrund raffinierte Betrüger in grossem Stil ihren Profit sichern. Parallel dazu verläuft die Geschichte des Einhandseglers Donald Crowhurst, der 1968/69 am ersten Golden Globe Race teilnahm. Auch er griff zu den Mitteln der Täuschung und verlor sich zwischen Wahn und Wirklichkeit in der unendlichen Weite des Ozeans.
Pascal Janovjak hat ein faszinierendes Spiegelkabinett geschaffen, in dem sich Sehnsucht, Hoffnung, Wahrheit und Lüge zu einem überzeugenden, atmosphärisch dichten Roman verbinden.
Pascal Janovjak
Roman
Aus dem Französischen
von Barbara Sauser
Lenos Verlag
Mit Unterstützung der Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia.
Titel der französischen Originalausgabe:
Le Voyage du Salem
Copyright © 2024 by Actes Sud
E-Book-Ausgabe 2026
Copyright © der deutschen Übersetzung
2026 by Lenos Verlag, Basel
Alle Rechte vorbehalten
Coverfoto: Anatoly Menzhiliy / Shutterstock
eISBN 978 3 03925 728 7
www.lenos.ch
Die Fahrt der Salem
10. Dezember 1979
11. Dezember
12. Dezember
13. Dezember
14. Dezember
15. Dezember
16. Dezember
17. Dezember
18. Dezember
19. Dezember
20. Dezember
21. Dezember
22. Dezember
23. Dezember
24. Dezember
25. Dezember
26. Dezember
Durban, 27. Dezember
Durban, 28. Dezember
Durban, 29. Dezember
Durban, 30. Dezember
31. Dezember
1. Januar 1980
2. Januar
3. Januar
4. Januar
5. Januar
6. Januar
7. Januar
8. Januar
9. Januar
10. Januar
11. Januar
12. Januar
13. Januar
14. Januar
15. Januar
16. Januar
Dakar, 21. Januar
Paris, 15. März
Civitavecchia–Tunis, April 2022
QUELLEN
Ich entdeckte die Geschichte der Salem in der Verkaufsbude eines Strassenbuchhändlers in Dhaka, unter einem Stapel englischer Klassiker. Es war ein Taschenbuch voller Eselsohren, eine Sammlung nie gelöster Kriminalfälle, die sich aber laut Klappentext alle im echten Leben zugetragen hatten. »Das Geheimnis der Salem« stand neben Kapiteln wie »Die absonderliche Autobahn«, »Lizzie und das Beil« oder »Der Kaplan und die Gesangslehrerin« – trotz der verlockenden Titel kann ich mich nicht erinnern, diese Geschichten jemals gelesen zu haben, oder vermutlich habe ich sie so schnell gelesen wie wieder vergessen. Von dieser Flut an kuriosen Fällen blieb mir einzig das Abenteuer der Salem in Erinnerung. Es spukte durch meine Phantasie.
Die Salem ist ein Öltanker, der 1980 vor der Küste des Senegal sank. Bevor sie unterging, hatte sie andere Namen getragen, klingende, leuchtende Namen, die zu ihrem früheren Prestige passten: Als sie 1969 vom Stapel lief, taufte man sie Sea Sovereign, sie war eines der weltweit grössten Schiffe und das Aushängeschild der schwedischen Handelsflotte; dann kam sie langsam in die Jahre und zog in den Süden, fuhr neu unter liberianischer Flagge und bekam den Namen South Sun. Ihre Tanks fassten mehr als 200 000 Tonnen Rohöl. Ein Volumen, das man sich nur schwer vorstellen kann – derTanker Erika, der 1999 vierhundert Kilometer französische Küste verschmutzte, transportierte fünfmal weniger Öl. Im Dezember 1979 tauft ein weiterer Käufer den Tanker Salem, bevor er ihn im Hafen von al-Ahmadi in Kuwait mit Rohöl befüllt. Die Salem ist zu schwer für den Sueskanal und setzt zu einer Afrikaumrundung an, die Fracht soll nach Europa geliefert werden. Sie wird ihr Ziel nie erreichen. Vor der Küste des Senegal dringt Wasser in den Maschinenraum ein, Kurzschlüsse lösen einen Brand aus. Die Besatzung muss das Schiff verlassen, es steht in Flammen und droht jeden Moment zu explodieren. Als der riesige Tanker gerade endgültig in den Fluten verschwindet, werden die Überlebenden von einem britischen Schiff aufgenommen. Die erwartete Katastrophe bleibt aus, und das Fehlen eines Ölteppichs weckt erste Zweifel. Man fragt sich, ob die 200 000 Tonnen Rohöl, die sich angeblich in seinen Tanks befinden, noch an Bord sind. Oder ob sie wie durch ein Wunder verdampft sind. Eine derart grosse Menge zähe schwarze Flüssigkeit kann selbst dann schwer zum Verschwinden gebracht werden, wenn sie in kleine Scheine verwandelt wurde: Ihr damaliger Wert beläuft sich auf 50 Millionen Dollar, genug, um einen Lastwagen zu füllen und mehrere Generationen lang im Überfluss zu leben. Die Angelegenheit sorgte in Finanzkreisen für grosse Unruhe – diese sind zwar von Natur aus unruhig, aber als die Nachricht die Runde machte, schmeckte doch so manche Zigarre bitter: Was war mit der Welt los, wenn sich Millionen Barrel so einfach wie eine Spielkarte in Luft auflösen konnten? Das Schicksal der Fracht wurde zum Gegenstand von dreizehn parallelen Untersuchungen, von London über Houston bis Monrovia. Die Zeitungen tauften den Skandal Jahrhundertbetrug. Diese prominente Bezeichnung war sicher etwas übertrieben: Der aufkommende Kapitalismus und der rasant wachsende Handelsverkehr machten das 20. Jahrhundert speziell anfällig für Betrügereien, und der Salem-Skandal war vielleicht nicht der erstaunlichste Fall. Aber er war bereits repräsentativ für eine Zeit, in der die Hoffnung auf Profit die Grenzen der Wirklichkeit zu verschieben vermochte.
Ich bin seit Dhaka oft umgezogen, doch der schmale Band mit den Kriminalfällen kam immer mit, das Gespenst der Salem blieb bei mir. Ich erinnere mich, dass ich sie einmal abends im Dunst des Bosporus und Jahre später bei Sonnenaufgang im Roten Meer sah. Vor zwei Jahren habe ich ihre unwirklichen Umrisse erneut erblickt.
Wir hatten uns ein Zimmer in einem Hotel in Porto Santo Stefano auf der Halbinsel Monte Argentario genommen, zwei Stunden von Rom entfernt. Das war im September 2020, der erste Lockdown war seit einigen Monaten vorbei, wir wollten Chloés Geburtstag feiern und uns noch einmal eine kleine Flucht gönnen, schliesslich war schon klar, dass die Bewegungsfreiheit nicht von Dauer sein würde. Das Hotel war in die Felsen eingebettet, die Zimmer gingen auf das offene Meer, es war noch warm … Wir sassen auf der Terrasse beim Abendessen, Chloé trank ihr erstes Glas Chianti, Sarah noch eines oder zwei dazu, und ihre Augen lachten, wenn sie ihre Tochter ansah. Ich stand auf, um eine Zigarette zu rauchen. Ihre fröhlichen Stimmen gingen im ruhigen Rauschen der Wellen unter, die am Fuss der Terrasse sanft gegen die Felsen brandeten. Und da sah ich es auf einmal, auf der violetten Linie am Horizont: In der Ferne flimmerte ein liegendes L. Kein anderes Schiff war zu sehen, und der Öltanker schien sich eigens für mich in Stellung gebracht zu haben, im letzten Lichtschein eines Sonnenuntergangs: Es war die Salem. Ihr Laderaum barg verschüttete Erinnerungen, im Schiff am Horizont steckten die schwüle Hitze eines Aufenthalts in Bangladesch, der Geruch modrigen Papiers bei einem Strassenbuchhändler – und ein Buchprojekt. Ich verweilte lange dort, lauschte dem Atem des Meeres. Dann verschmolz das Schiff mit der Finsternis, und kein Licht zeugte mehr von seiner Anwesenheit.
Die Erscheinung verfolgte mich am nächsten Tag, als wir über die Küstenstrasse fuhren, die uns zurück in die Hauptstadt bringen würde. Sarah war wieder in ihre Arbeit vertieft, starrte auf das Handy, und im Rückspiegel kreuzte ich manchmal den abwesenden Blick von Chloé, die sich in der Bubble ihrer Kopfhörer verschanzt hatte. Das Radio spuckte schlechte Nachrichten aus, die Epidemie nahm uns mit dem nahenden Sommerende wieder gnadenloser in die Zange, würde uns bald erneut in der von Woche zu Woche engeren Wohnung einsperren. Aber ich hatte für mich einen Fluchtweg gefunden. Jenseits des Lenkrads und des geteerten Stroms, am Horizont der Zeiten, weit entfernt vom besonnenen Mittelmeer, sah ich eine Geschichte flimmern. Eine Geschichte von Menschen, die sich mit dem Ozean abplagen, eine düstere Geschichte über Wegbegleiter von schwarzem Gold.
Der Verkehr wurde dichter, je näher die Stadt kam – und als die Autobahn ins Landesinnere abzweigte, stand mein Entschluss fest, in See zu stechen.
Ich betrieb Nachforschungen, wie man das zu tun pflegt, wenn man einen Roman schreibt: querbeet, ohne nach dem Schuldigen zu suchen und ohne überhaupt sicher zu sein, dass ein Verbrechen begangen worden war. Ich begann mir im Netz aufs Geratewohl Pläne von Öltankern anzusehen, flanierte auf ihren Gängen, erklomm Leitern und lief Rohrleitungen entlang, von der masslosen Grösse dieser Schiffe fasziniert, die die Versorgung unserer Fabriken, unserer Städte sichern. Ihre stolzen Ausmasse entsprachen dem Wert ihrer Ladung, dieser schmierigen, dunklen Kraft, die unsere Träume vom Fortschritt in Gang hielt – ein essentielles Öl aus den Tiefen der Vergangenheit, das unsere Maschinen in Betrieb setzte und unsere Strassen überzog, das den Strom unserer Kabel erzeugte und lenkte und sogar in Lippenstiften und den Fasern unserer Kleider anzutreffen war. Erdöl war nicht nur ein Rohstoff, es war der Lebenssaft einer Zivilisation. Es konnte sich nicht in Luft auflösen.
Der Untergang der Salem führte auch zu seriöseren Berichten als dem Kapitel in meiner Sammlung ungelöster Verbrechen. Der erste umfassende Artikel, den ich fand, stammte von einem ehemaligen Fregattenkapitän, Luis Jar Torre, und war im Juni 2005 in einer spanischen Zeitschrift erschienen, der Revista general de marina. Der Artikel konzentriert sich auf die technischen Aspekte des Unglücks, und ich verlor mich in Beschreibungen von Wechselstromgeneratoren und Verladebojen, aber da der Text grosszügig bebildert war, stiess ich darin auf das erste Bild der Salem, aus ihrer Zeit als Sea Sovereign.
Ein Öltanker: eine lange Konservendose, eine Konstruktion, die ganz auf die zu transportierende Ressource zugeschnitten ist. Alles für die Fortbewegung wurde ins Heck verbannt – dort findet man Propeller, Turbinen, Schornsteine und, in einer mit Fenstern gespickten weissen Schachtel, ein paar Menschen.
Um uns drehten sich Kräne auf dem Terminal. Ihre metallenen Köpfe winkten zum Abschied. Sie glitten Richtung Sonnenuntergang, schrumpften immer mehr. Das Meer wurde unter unseren Füssen weggezogen wie ein Teppich.
Wir klopfen jetzt wieder Rost. Zentimeter um Zentimeter. Manchmal bildet er grosse Blumen. Manchmal erinnert er an einen trockenen Pilz, löst sich auf einen Schlag und zerfällt zu Staub. Das Metall darunter ist ganz zerfressen. Man darf nur dorthin schauen, wo die Stahlborsten scheuern. Das Metall muss zum Glänzen gebracht werden. Man muss Abschnitt um Abschnitt bearbeiten, darf nie aufblicken, sonst verliert man den Mut.
Bilal spottet, wenn er hinter mir vorbeiradelt. Er fährt auf und ab, um Werkzeug zu holen. Tut so als ob, um sich vor der Arbeit zu drücken. Er fährt gegen den Wind an.
Das Deck ist so lang wie die Strasse in unserem Dorf. Wenn jemand ganz hinten steht, sieht man nicht, wer es ist. Es ist dann einfach eine in der Hitze flimmernde Gestalt. Wie in unserer Kindheit, wenn jemand am Dorfeingang auftauchte. Wir gingen hinaus, um zu sehen, wer da ankam. Hofften auf einen Fremden, einen fliegenden Händler. Die Gestalt wurde grösser, man erkannte ihren Gang, die Kleidung. Es war bloss wieder ein Vater oder ein Onkel, der von der Weide zurückkehrte. Jemand, der nichts zu erzählen hatte.
Deshalb sind wir gegangen. In unserem Dorf gab es keine Geschichten mehr zu erzählen.
In seinem Artikel zitiert Luis Jar Torre die Monographie Fraud of the Century eines gewissen Arthur Jay Klinghoffer, die acht Jahre nach dem Unglück erschien. Der Autor, ein Professor für Politikwissenschaft, schildert darin den internationalen Kontext des Jahres 1980, die wirtschaftliche Rezession und die Vormachtstellung der OPEC, um sich dann den finanziellen Aspekten des Betrugs und den davor erfolgten Verhandlungen zu widmen. Infolge der Globalisierung des Handels spielte sich der Salem-Betrug auf vier Kontinenten ab und verletzte die Gesetze von fünfundzwanzig Ländern. Klinghoffers Bericht widerspiegelte diese Komplexität: Als ich das Buch zum ersten Mal las, blieb nur die Erkenntnis hängen, dass ich mich mit den Geheimnissen des Ölhandels vertraut machen musste.
Der erste Makler, den ich kontaktierte, beschloss, mich und meine Anrufe ins Leere laufen zu lassen, sobald ihm klargeworden war, dass ich ein Buch schrieb. Später erklärte sich der Sohn eines Freundes von Sarah zu einem Treffen bereit, wies aber mehrmals auf die Notwendigkeit hin, anonym zu bleiben. Er war in der Schweiz für einen multinationalen Konzern tätig und bestellte mich in eine Bar am Genfer Flughafen, als handelte es sich um das Café von nebenan. Winkelzüge gegen die herbstlichen Einschränkungen machten es möglich, dass ich in einem fast leeren Flugzeug die Alpen überqueren und an einem Flughafen von Bord gehen durfte, der mich an den Tempel einer vergangenen Religion erinnerte. Die Schritte hallten in den sterilen Gängen, einige wenige Gestalten begegneten sich neben unbeleuchteten Schildern. Ich traf auf die letzten Vertreter einer geschäftigen Elite, der Kaste der Menschen mit wichtigen Terminen.
Mein Informant trug zwei Schutzmasken übereinander und eine getönte Brille, daran erkannte ich ihn. Und daran, dass er unter all den leeren Tischen jenen ausgesucht hatte, der am weitesten vom Eingang entfernt war, unweit der grossen Fenster mit Blick auf das Rollfeld. Ich beschrieb ihm den Eindruck, den der Anblick der Pisten auf mich machte, eine präzise Erinnerung an einen identischen Ort anderswo und vor langer Zeit, an grosse Scheiben, auf die sich die Hände eines vom Wunder des Fliegens zutiefst beeindruckten Kindes gelegt hatten. Mein Gegenüber kam lieber direkt zur Sache, offensichtlich hatte er das Alter, in dem man es liebt, Flugzeugen beim Starten zuzusehen, weit hinter sich gelassen – stattdessen forderte er mich auf, mich über das Display seines Handys zu beugen und mir kleine Schiffe anzusehen.
Sie waren durch Unmengen an bunten Pfeilen dargestellt, die sich in Echtzeit die Küsten entlangbewegten und die Kontinente in erstaunlich dichte Schwärme hüllten. Dort also zirkulierte das Öl, weit weg von Städten und Blicken: Das Display zeigte die Dienstkorridore unseres Planeten. Der Trader erklärte mir in groben Zügen den Ölmarkt und versuchte mich mehr oder weniger erfolgreich über die Finessen von shipment und chartering aufzuklären, also die Beziehungen zwischen Reedern, Befrachtern und Ölkonzernen. Vor allem erfuhr ich, dass Ladungen auch gekauft und weiterverkauft werden können, wenn die Schiffe gerade auf hoher See sind, und dass ihr Bestimmungsort eng mit dem Ölpreis zusammenhängt: Spediteure können den Kurs von Schiffen dem Börsengang entsprechend anpassen, sie in einen anderen Hafen, auf einen anderen Kontinent schicken und an den Meistbietenden liefern. Man kann die Schiffe auch für mehrere Wochen stoppen, um einen Verkauf hinauszuzögern – mein Informant hatte gerade drei solche Fälle in der Bucht vor Istanbul, er zeigte sie mir hastig und ohne ihre Namen zu nennen. Auf diese Weise umrundeten wir in wenigen Minuten den Globus, sahen uns den Seeverkehr an und verweilten kurz bei einigen »Vermögenswerten seines Portfolios«. Mit der Lässigkeit eines Schachspielers, der eine Position kommentiert, liess er seine Finger über das Display gleiten. Er liebte seinen Beruf.
»Und die Menschen?«
Mein Gegenüber hob die Augenbrauen. Mich interessiere, erklärte ich, wie das für die Menschen an Bord sei. Wie erlebten sie diese langen Fahrten, wenn sie nicht wussten, wohin sie fuhren und wann sie ankommen würden? Der Trader zuckte mit den Schultern, die Verträge mit der Besatzung seien normalerweise Sache des Verfrachters, das sei alles völlig standardisiert und betreffe ihn nicht. Hingegen habe er von Problemen mit blinden Passagieren gehört, im Zusammenhang mit der ganzen Migration heutzutage. Manchmal würden Leute ins Meer geworfen, um Scherereien mit den Behörden und verspätete Lieferungen zu vermeiden. Ganz schön ärgerlich, was die Migration anrichten könne.
Danach kam ich auf die Salem zu sprechen, ein Betrugsfall, der, nahm ich an, in seinem Milieu legendär sein musste. Aber er hatte noch nie davon gehört. Und es wunderte ihn, dass ich mich für etwas interessieren konnte, das in den achtziger Jahren passiert war – er sprach die Zahl auf eine Weise aus, als ginge es ums Paläolithikum, und mir drängte sich der Gedanke auf, dass sein Desinteresse an der Geschichte der Seefahrt sich grundsätzlich auf alles erstreckte, was vor dem gegenwärtigen Moment passiert war. Er hielt den Betrug aber jedenfalls für unwahrscheinlich, 200 000 Tonnen Öl könnten nicht einfach so verschwinden, Frachten würden immer registriert und man könne die Fahrten von Schiffen genau verfolgen. Der Handel unterliege Protokollen, die todsicher seien, wenn man die Standards einhalte. Das sei zwar zugegeben nicht ganz immer der Fall, schob er nach und räusperte sich, unter gewissen Bedingungen entschieden sich gewisse Händler für Verhandlungen mit nicht ganz so pingeligen Reedereien, etwas weniger professionellen Unternehmen. Wenn man dringend ein Schiff benötige oder aufgrund der Konjunkturlage die Margen optimieren müsse, könne es vorkommen, dass bei manchen Bescheinigungen ein Auge zugedrückt werde. Ich wollte Details wissen, aber er konnte mir nicht helfen, er habe selbst nur vage von solchen Praktiken gehört, bei ihm sei so was selbstverständlich noch nie vorgekommen. Ohnehin werde der Konzern, für den er arbeite, von einer äusserst effizienten Rechtsabteilung geschützt, glaubte er noch ergänzen zu müssen. Dann warf er einen Blick auf seine Uhr, nicht dass ich am Ende noch meinen Rückflug verpasste.
Heute Abend war der Himmel rot. Die Linie, die der Horizont um uns herumzog, hatte keinen Anfang und kein Ende. Die Brise blies von der anderen Seite der Welt her. Auf dem Deck gingen die Nachtlichter an, die Lampen leuchteten in der Dämmerstunde, es war wie ein Fest. Bilal legte mir einen Arm um die Schulter. Er sagte, wir seien jetzt echte Seeleute. Nicht mehr Arbeiter auf einem Frachtschiff. Echte Seeleute, wie in den Geschichten. Wir hätten jetzt in jedem Hafen Anrecht auf eine Frau. Dann lachte er schallend. Er weiss genau, dass weit und breit kein Hafen in Sicht ist.
Er will mir nicht erzählen, was Onas zu ihm gesagt hat. Das war noch vor dem Beladen. Bilal stand rauchend neben den Ladebäumen, Onas stürzte schreiend zu ihm, entriss ihm die Zigarette und zerdrückte sie in der geschlossenen Faust. Bilal zuckte nur mit den Schultern, die Tanks waren ja noch leer, und er ist viel grösser als Onas. Da nahm Onas ihn beiseite. Als Bilal zurückkam, war ihm das Lachen vergangen. Jetzt tut er so, als hätte er die Sache vergessen, aber er sieht sich ständig um. Er trinkt viel.
Zurück in Rom, versuchte ich die Dinge zu ordnen, die mir der Trader erklärt hatte, aber ich verlor mich hoffnungslos in den Mäandern der Geschäfte zwischen Maklern, Befrachtern und Reedern – jedes Mal, wenn ich am Flughafen etwas Konkretes erfasst zu haben glaubte, hatte mich mein Gesprächspartner wieder in der vergeistigten Welt der Zahlen verloren. Von unserem Gespräch blieb bei mir Folgendes hängen: Es gibt Unternehmen, die die genaue Grösse und Geschwindigkeit von Schiffen kennen, andere, die auf die Sekunde genau über den Preis pro Barrel informiert sind, und noch einmal andere, die Bescheid wissen über die Kosten der zurückgelegten Kilometer, des verbrauchten Treibstoffs und des Stroms, die Lohnskala und den Wert einer Stunde auf See. Es gibt Banken, die Zeit in Zinsen umrechnen, Versicherungsgesellschaften, die Risiken in Prämien verwandeln. Genau solche Dinge tauschten Personen untereinander aus, die Tausende Meilen vom Gegenstand ihrer Verhandlungen entfernt in Büros sassen: Daten, Tarife, Schätzungen. Der Trader hatte mir Fotos vom Deck eines Öltankers in der Bucht vor Wladiwostok gezeigt: grosse rote, von einer Eisschicht überzogene Ventile. Mit Fotos dieser Art bebilderte Dossiers würden unter Logistikern und Versicherungen, Lieferanten und ihren Rechtsanwälten hin und her gehen, und je nach tatsächlicher Verspätung und gemäss den Vereinbarungen unter den genannten Personen würde sich eine höhere oder niedrigere Entschädigung ergeben. Keine von ihnen würde durch das gedämpfte Tastaturklappern hindurch hören, wie ein Matrose verbissen mit einem Engländer auf das Eis einschlägt, damit es zerspringt. Keine dieser Personen in ihren behaglichen Büros würde fühlen, wie die Kälte die Finger angreift, in der Bucht vor Wladiwostok.
