Die Falle - Günter Dönges - E-Book

Die Falle E-Book

Günter Dönges

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Beschreibung

Exzellent – das ist er im wahrsten Sinne des Wortes: einzigartig, schlagfertig und natürlich auch unangenehm schlagfähig. Wer ihn unterschätzt, hat schon verloren. Sein Regenschirm ist nicht nur sein Markenzeichen, sondern auch die beste Waffe der Welt. Seinem Charisma, Witz und Charme kann keiner widerstehen. Der exzellente Butler Parker ist seinen Gegnern, den übelsten Ganoven, auch geistig meilenweit überlegen. In seiner auffallend unscheinbaren Tarnung löst er jeden Fall. Bravourös, brillant, effektiv – spannendere und zugleich humorvollere Krimis gibt es nicht! Erst hinter dem Trafalgar Square bemerkte Josuah Parker, daß er hartnäckig verfolgt wurde. Dichter Nebel stand wie gezupfte Watte um ihn her. Von der nahen Themse war das klagende Tüten der Dampfer zu hören. Es roch penetrant nach Rauch, nach Motorgasen, nach Feuer und nach fauligem Wasser. Parker machte das nichts aus. Ja, er freute sich sogar, endlich wieder mal in London zu sein. Es paßte ihm nur nicht, daß er verfolgt wurde. Er wollte die Tage und Wochen in London ruhig und friedlich verbringen. Mit Gangstern aller Art hatte er sich drüben in den Staaten genug herumgeschlagen. Parker kam von Soho. Er hatte dort einige Lokale und Antiquitätengeschäfte besucht. Er hatte einige Andenken erstanden und den typischen Geruch von London in sich hineingeschnuppert. Nun war er auf dem Weg zurück ins Hotel. Doch hinter ihm bewegten sich zumindest zwei Gestalten, die er im dichten Nebel kaum ausmachen konnte. Warum sie ihm folgten, wußte er nicht. Parker hatte sich in Soho würdig und mit Haltung bewegt. Er hatte keinem Menschen auf die Füße getreten und es genossen, nicht angestarrt zu werden. Hier in London fiel er mit seiner Kleidung nicht auf. Drüben in den Staaten war das anders. Seine schwarze steife Melone allein genügte vollkommen, um mittlere bis schwere Heiterkeitserfolge zu erringen.

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Seitenzahl: 138

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Der exzellente Butler Parker – 88 –Die Falle

Unveröffentlichter Roman

Günter Dönges

Erst hinter dem Trafalgar Square bemerkte Josuah Parker, daß er hartnäckig verfolgt wurde. Dichter Nebel stand wie gezupfte Watte um ihn her. Von der nahen Themse war das klagende Tüten der Dampfer zu hören. Es roch penetrant nach Rauch, nach Motorgasen, nach Feuer und nach fauligem Wasser. Parker machte das nichts aus. Ja, er freute sich sogar, endlich wieder mal in London zu sein. Es paßte ihm nur nicht, daß er verfolgt wurde. Er wollte die Tage und Wochen in London ruhig und friedlich verbringen. Mit Gangstern aller Art hatte er sich drüben in den Staaten genug herumgeschlagen.

Parker kam von Soho. Er hatte dort einige Lokale und Antiquitätengeschäfte besucht. Er hatte einige Andenken erstanden und den typischen Geruch von London in sich hineingeschnuppert. Nun war er auf dem Weg zurück ins Hotel. Doch hinter ihm bewegten sich zumindest zwei Gestalten, die er im dichten Nebel kaum ausmachen konnte.

Warum sie ihm folgten, wußte er nicht. Parker hatte sich in Soho würdig und mit Haltung bewegt. Er hatte keinem Menschen auf die Füße getreten und es genossen, nicht angestarrt zu werden. Hier in London fiel er mit seiner Kleidung nicht auf.

Drüben in den Staaten war das anders. Seine schwarze steife Melone allein genügte vollkommen, um mittlere bis schwere Heiterkeitserfolge zu erringen. Sein Regenschirm und der dunkle, altväterliche Covercoat riefen dort Staunen und Lachsalven hervor. Hier in London aber war Parker einer von vielen. Der steife Hut und der Regenschirm gehörten einfach zum korrekten Anzug eines Gentleman. Warum also, so fragte er sich, werde ich hartnäckig verfolgt?

Parker ließ sich selbstverständlich nichts anmerken. Angst kannte er nicht. Nur die Neugier stieg langsam in ihm hoch, eine Neugier, die er einfach nicht mehr länger zu unterdrücken vermochte. In Gedanken witterte der Butler wieder ein Geheimnis. Und es gehörte zu seinen Steckenpferden, Geheimnisse aller Art schnell und erfolgreich zu lösen.

Butler Parker hatte den Strand bereits überquert und näherte sich dem Victoria Embankment. Nun befand er sich in unmittelbarer Nähe der Themse. Es wurde kühler. Der Geruch von faulem Wasser verstärkte sich. Er begegnete kaum noch Passanten, die im Nebel ohnehin nur als Schemen zu erkennen waren. Das nahe Themseufer lud förmlich dazu ein, irgendeine kleine Rechnung mit unfairen Mitteln zu begleichen. Parker fragte sich, ob seine beiden Verfolger zu Handgreiflichkeiten übergehen würden. Fast wünschte er sich das. Dann wußte er wenigstens Bescheid und konnte seinerseits Fragen stellen.

Er blieb am Gitter des gemauerten, steilen Themseufers stehen und verschaffte sich Rückendeckung. Dann wartete Parker geduldig ab. Er hörte, daß die Schritte seiner Verfolger langsamer und zögernder wurden. Sie nahmen wohl Maß und legten es darauf an, ihn in die Zange zu nehmen. Eine Taktik, die dem Butler weiß Gott nicht unbekannt war.

Plötzlich sah Parker eine Gestalt, die sich langsam und bedächtig an ihn heranschob. Der Butler verhielt sich abwartend. Es gehörte zu seinen Grundprinzipien, niemals einen Kampf zu eröffnen. Er verteidigte sich nur, griff nur selten an.

»Haben Sie ’ne Ahnung, wo ich hier bin?«

Die rauhe Stimme des näherkommenden Mannes klang harmlos. Handelte es sich wirklich nur um einen Passanten, der sich im Nebel verirrt hatte? Oder war das ein Trick, um Parkers Aufmerksamkeit einzuschläfern?

»Wenn mich nicht alles täuscht, müßten wir auf dem Victoria Embankment sein«, gab der Butler freundlich zurück.

»Und wie komm’ ich nach Covent Garden?«

Parker brauchte nicht lange zu überlegen. In London kannte er sich noch immer wie in seiner Westentasche aus. Der Butler wies mit dem erhobenem Regenschirm in den Nebel hinein.

»Ich schlage vor, Sie gehen in diese Richtung.«

Dann aber, ohne eine Reaktion abzuwarten, wirbelte der Butler blitzschnell herum. Sein großer, altertümlich aussehender Regenschirm verwandelte sich in eine Art Beidhänder, wie sie im Mittelalter auf den Schlachtfeldern verwendet wurden. Und dieser improvisierte Beidhänder traf genau sein Ziel. Das untere Drittel des Schirms prallte gegen die Brust eines Mannes, der sich von der Seite her an den Butler hatte heranschleichen wollen. Obwohl dieser Mann die Ausmaße eines mittleren Kleiderschranks besaß, wurde er stark erschüttert. Mit anderen Worten, er ging leicht in die Knie und schnappte nach Luft.

Der andere Mann, der sich nach Covent Garden erkundigt hatte, eröffnete nun die Feindseligkeiten. Er sprang den Butler an und wollte ihn mit einem kurzen Stück Bleikabel zu Boden schlagen.

Josuah Parker war damit aber keineswegs einverstanden. Er riß den Regenschirm nach oben und dieser prallte gegen den Unterarm des Schlägers. Das Bleikabel löste sich aus dessen Hand und flog in hohem Bogen durch die Luft. Es landete schließlich aufklatschend in der Themse.

Der Angreifer steckte nicht auf. Ja, er geriet sogar in Zorn und Wut. Er versteifte sich darauf, den Butler um jeden Preis zu Boden zu schicken.

Parker blieb ruhig und gelassen. In seinem glatten, gut rasierten Gesicht zuckte kein Muskel. Man sah Parker nicht an, über welche Tricks er verfügte, wie hart er als Gegner sein konnte.

Als der Angreifer erneut auf ihn eindrang, bückte Parker sich nur. Es zeigte sich, wie geschmeidig und durchtrainiert dieser Mann war, dessen wahres Alter nur sehr schwer zu erraten war.

Der Schläger landete ungewollt auf dem Rücken des Butlers. Doch er hatte keine Zeit, es sich dort bequem zu machen. Parker richtete sich nämlich sehr schnell auf. Damit verlor der Angreifer sein Gleichgewicht. Er stieß einen entsetzten Schrei aus, fuchtelte mit den Armen in der Luft herum und folgte seinem Bleikabel. Das Ende seiner kurzen Luftreise war die Landung in der aufspritzenden Themse.

»Ich hoffe, daß Ihr Begleiter wenigstens schwimmen kann«, sagte Parker zu dem zweiten Angreifer, der endlich wieder so viel Luft in den Lungen hatte, um sich auf richten zu können. »Würden Sie die Freundlichkeit haben und mir verraten, weshalb Sie mir nachstellten?«

Der Angreifer lehnte sich gegen das Geländer des Steilufers und massierte sich die Brust. Es dauerte einige Sekunden, bis er antworten konnte.

»Gegen Sie … geben Sie die Plastik ’raus.«

»Welche Plastik meinen Sie?« Parker schüttelte erstaunt und fragend den Kopf. Dann erinnerte er sich. In einem Antiquitätengeschäft in Soho hatte er sich eine ungewöhnlich erregende Holzplastik gekauft, die seiner Schätzung nach aus Njassaland stammen mußte.

»Wir bekommen sie, so oder so!«

Der Angreifer löste sich von der Brüstung und kam langsam auf Parker zu. Er funkelte Parker aus eng zusammenstehenden, kleinen, mißtrauischen Augen an.

»Ich möchte unterstellen, daß Sie mich mit einer anderen Person verwechseln«, sagte Parker höflich. »Es dürfte Ihnen nicht entgangen sein, daß Sie es mit einem friedlichen, alten Mann zu tun haben.«

Der Angreifer antwortete nicht. Er belauerte den Butler. Es schreckte ihn nicht ab, daß sein Partner bereits in der Themse schwamm. Die Plastik, von der er gesprochen hatte, mußte für ihn ungemein wertvoll sein.

»Also, rücken Sie schon das Ding ’raus«, wiederholte er noch mal. »Von mir aus können Sie dann Leine ziehen.«

»Ihr Ton mißfällt mir«, stellte der Butler fest. »Falls Sie die Negerplastik meinen, die ich redlich und ehrlich erstanden habe, so ist sie nach Tätigung des Kaufs mein Eigentum. Ich sehe keinen Grund, sie Ihnen zurückzugeben.«

»Schön, ich gebe Ihnen den doppelten Preis zurück«, meinte der Mann. Er blieb stehen und massierte sich nachdenklich seinen Kinnwinkel. Er hoffte, daß sein Angebot angenommen wurde.

»Ich bin kein Wucherer«, bemerkte Parker würdevoll. »Ich hätte allen Grund, beleidigt zu sein.«

»Dann eben nicht.«

Der Mann warf sich blitzschnell nach vorn und wollte Josuah Parker mit seinem Angriff überrumpeln. Um ein Haar wäre ihm das auch gelungen, doch er hatte es immerhin mit Butler Parker zu tun.

Dort, wo der Butler gerade noch stand, befand er sich nicht mehr. Der Angreifer griff in den zähen Nebel und verspürte im gleichen Moment einen harten Schlag auf dem Gesäß. Er quiekte wie ein Ferkel, das zur Schlachtbank geführt wird, verlor den Halt und landete mit dem Bauch auf dem feuchten kalten Boden. Als er sich wieder aufrappelte und wütend nach Parker Ausschau hielt, war der Butler im dichten Nebel verschwunden.

»He! Sie –!«

Der Angreifer brüllte in die zähe graue Suppe hinein, seufzte und wußte nicht, in welche Richtung er laufen sollte. Von sich schnell entfernenden Schritten war nichts zu hören. Parker schien sich im grauen Nebel aufgelöst zu haben.

Der Angreifer stieß eine lange Kette von Flüchen aus und tastete sich schließlich zum Schutzgeländer des Ufers vor. Dann rief er nach seinem Partner.

Keine Antwort! Unten im Wasser blieb alles still. Nur das Gurgeln der ablaufenden Flut war zu vernehmen. Und das schaurige Tuten einiger Dampfer, die auf dem breiten Strom herumkrochen. Der Schläger schüttelte den Kopf. Er zündete sich eine Zigarette an und erlitt wegen des Nebels einen bösartigen Hustenanfall. Als seine Bronchien sich wieder beruhigt hatten, drehte der Mann ab und trottete zurück in Richtung Soho. Er gab sein Spiel verloren.

Darauf hatte Josuah Parker aber nur gewartet.

Der Butler hatte sich nicht abgesetzt, sondern hinter einem Baum verborgen. Jetzt verfolgte er seinen Angreifer, was wegen des Nebels überhaupt keine Schwierigkeiten bot. Mit der Lautlosigkeit einer erfahrenen Katze blieb Parker auf der Spur des seltsamen Mannes, der an seiner gerade gekauften Negerplastik ein derartig großes Interesse bekundet hatte. Parker wollte herausbekommen, wohin der Mann ging und wer ihn wohl auf diese Verfolgung angesetzt hatte.

Nach etwa zwanzig Minuten hatte der Mann Soho erreicht. Vom Soho Square aus bog er in die Greek Street ein und verschwand in einem kleinen Restaurant, das sich »Cheese Gardens« nannte.

Parker sah sich dieses Restaurant sehr genau an.

Es handelte sich um ein durchaus seriös wirkenden Lokal, dessen bleiverglaste Butzenscheiben gemütlich und freundlich wirkten. Der Schläger paßte ganz sicher nicht in diese Umgebung.

Bevor Josuah Parker einen weiteren Entschluß fassen konnte, ereignete sich ein Zwischenfall, der ihm jetzt und später einige böse Kopfschmerzen bereitete.

Parker verspürte nämlich einen sehr harten Schlag auf die Melone. Die runde, mit Stahlblech gefütterte Kopfbedeckung wurde ihm tief in die Stirn getrieben. Parkers Knie wurden weich und nachgiebig. Er taumelte gegen die Hauswand und spürte kurz vor seiner Ohnmacht einen zweiten, bösen Schlag auf die Melone. Dann wurde es schwarz vor seinen Augen. Josuah Parker rutschte an der Hauswand herunter, was allerdings nicht ohne Korrektheit und Würde vonstatten ging. Dann blieb er regungslos vor der Türschwelle liegen und wußte nicht mehr, was mit ihm passierte.

*

Zwei Männer standen vor einem Kamin, in dem ein kleines Kohlefeuer schwelte und rauchte. Einer der beiden Männer war klatschnaß und nieste ununterbrochen. Sein Gegenüber war jener Mann, mit dem der Butler sich unterhalten hatte.

»Wo mag dieser komische Vogel die Plastik gelassen haben?« fragte der durchnäßte Mann. Sein Gesicht sah verwüstet wie eine Kraterlandschaft aus. In jungen Jahren mußte er von den Windpocken böse erwischt worden sein.

»Sobald er wieder zu sich gekommen ist, werden wir ihn fragen«, meinte der zweite Mann. Er sah sehr südländisch und glatt aus. »Geben wir ihm noch ein paar Minuten. Wenn der Chef kommt, muß die Sache klar sein.«

»Was ist eigentlich mit der Plastik los?« fragte Dick, der Mann mit dem Pockengesicht.

»Sie ist vertauscht worden«, gab Frank zurück. Er fuhr sich durch das dunkle, pomadisierte Haar und strich es sich an den Schläfen glatt.

»Na und?« Dick schüttelte den Kopf. »Von dem Zeug gibt’s doch Mengen im Geschäft.«

»Frag’ den Chef, wenn du’s genau wissen willst.« Frank warf seinen Zigarettenstummel in den Kamin und beschäftigte sich wieder mit seinem Haar. Er schien sehr eitel zu sein.

»Ob wir jetzt ’rübergehen und nach ihm sehen?« Dick nieste und fluchte dann. »Mit dem Kerl habe ich sowieso noch eine Rechnung zu begleichen. Mich einfach ins Wasser zu werfen!«

»Hauptsache, du warst zur Stelle, als er hier vor dem Lokal stand.« Frank grinste. »Damit hatte der Bursche bestimmt nicht gerechnet.«

»Der wird sich überhaupt noch wundern.« Dick drückte sich mit dem Rücken von der Wand ab und ging auf eine Tür zu, die er vorsichtig öffnete. Er warf einen schnellen, prüfenden Blick durch den Türspalt und meldete dann:

»Der ist immer noch ohnmächtig. Ob ich ihm ’nen Guß Wasser verpassen soll?«

»Mal sehen.« Frank war Dick gefolgt, stieß die Tür nun vollends auf und betrat einen kleinen Raum, der nicht größer als eine Besenkammer war. Er blieb neben Parker stehen, der regungslos und mit geschlossenen Augen auf dem Boden lag. Er stieß ihn vorsichtig mit dem Fuß an. Dann wandte er sich an Dick.

»Hol ’nen Eimer Wasser«, sagte er grinsend. »Du wirst dich wundern, wie schnell er dann wieder zu sich kommen wird.«

Als Dick sehr schnell und eilfertig Weggehen wollte, begann Parker leicht zu stöhnen. Langsam löste sich seine Hand vom Boden. Er faßte vorsichtig nach seinem Kopf.

»Mann, ziehen Sie keine Show ab«, sagte Dick, der Mann mit dem Pockengesicht. »Wo ist die verdammte Negerplastik, he?

Je schneller Sie reden, desto weniger Ärger werden Sie haben.« Frank bemühte sich, korrekt und vornehm zu sprechen. Wie eitel er war, zeigte sich daran, daß er sich erneut über die Schläfenhaare fuhr.

»Oh, ich fürchte …« Parker wollte den Kopf heben. Kraftlos sank er aber wieder zurück auf den Boden. Dann wiederholte er noch mal. »Ich fürchte, ich war ohnmächtig, nicht wahr?«

»’raus mit der Sprache. Wo ist die verdammte Plastik?« Dick pfiff auf alle Diplomatie. Er wollte endlich Klarheit haben. »Machen Sie schon das Maul auf, oder Sie werden Ihr blaues Wunder erleben!«

»Die Plastik?«

»Mann, sind Sie schwerhörig?« Frank schnaufte ärgerlich. »Wir meinen das Ding, das Sie im Antiquitätengeschäft gekauft haben.«

»Warten Sie! Lassen Sie mich erinnern!« Parker richtete sich nun endgültig auf und erhob sich langsam. »Richtig, die bewußte Plastik, von der Sie sprechen, befindet sich in einem Restaurant.«

»Wollen Sie uns verkohlen?« Dick krempelte sich bereits die Ärmel seines durchnäßten Anzugs auf und nieste ausgiebig.

»Wenn meine Erinnerung mich nicht trügt, hinterließ ich sie in einem kleinen Lokal. Ich wollte sie später wieder abholen.«

»Ach so.« Frank glaubte verstanden zu haben. Er grinste glatt und fast freundlich. »Das erleichtert das Verfahren. Und in welchem Lokal haben Sie die Plastik zurückgelassen?«

»In der Frith Street«, erwiderte Parker prompt. »Ich glaube, das Lokal heißt ›Dirty Track Inn‹.«

»Hoffentlich haben Sie sich nicht getäuscht.« Dick blieb drohend vor Parker stehen, der einen sehr mitgenommenen und strapazierten Eindruck machte. Jetzt sah der Butler tatsächlich wie ein Mann in mittleren Jahren aus, dem man körperlich zuviel zugemutet hatte.

»Ich hoffe es ebenfalls nicht.« Parker ordnete mit fahrigen Bewegungen die Falten seines dunklen Covercoats und hielt dabei vorsichtig Ausschau nach Melone und Regenschirm, die auf einem Stuhl lagen.

»Ich werd’ ’rübergehen und das Ding holen.« Frank fuhr sich glättend durch das Haar. »Und du, Dick, wirst diesen Burschen nicht aus den Augen lassen. Ist das klar?«

»Kleinigkeit.« Dick nieste und grinste. »Mit dem Jammerlappen werde ich spielend fertig. Brauchst dich gar nicht zu beeilen.«

Frank verließ den kleinen Raum und warf die Tür hinter sich ins Schloß. Dick zündete sich eine Zigarette an und lehnte sich mit dem Rücken gegen die Wand. Er ließ den Butler nicht aus den Augen.

Josuah Parker taumelte leicht schwankend zum Stuhl, nahm Melone und Regenschirm und setzte sich. Er schloß die Augen und litt sichtlich. Dick grinste.

»Hab’ ganz flott zugelangt, was?«

»Beachtlich, würde ich sagen.« Parker öffnete die Augen und blinzelte das Pockengesicht an. »Diese bewußte Plastik, von der Ihr Freund und Sie sprechen, scheint für Sie von beachtlichem Wert zu sein, oder?«

»Kann man wohl sagen.«

»Warum verkaufte man mir dann diese Plastik?«

»Muß ein dummer Irrtum sein.«

»Ich hoffe, man wird sich bei mir entschuldigen.«

»Mann, Sie haben vielleicht Nerven!« Dick lachte leise auf. »Sie können froh sein, daß Sie noch leben.«

»So wichtig und bedeutend ist diese bewußte Plastik?«

»Darauf können Sie Gift nehmen. Umsonst hat der Chef uns nicht in Marsch gesetzt.«

»Sie haben einen Chef?« Parkers Fragen kamen wie zufällig. Sie wirkten unkonzentriert und belanglos wie die Fragen eines alten Mannes, der nur redet, um die Zeit totzuschlagen.

»Sie etwa nicht?« Dick sah den Butler mit schiefem Kopf an. »Ich wette, Sie schinden sich als Butler ab, wie?«

»Ihre Menschenkenntnis ist erstaunlich.« Parker nickte. »Ich muß gestehen, daß mein Leben bisher recht friedlich verlaufen ist. Dieser, um es milde auszudrücken, also, dieser Überfall hat mich äußerst verschreckt.«

»Unten an der Themse sah das aber anders aus.« Dick grinste nicht mehr. »Wollen Sie mir das vormachen?«

»Ich bemühe mich auf jeden Fall.« Parker seufzte und griff nach seiner altertümlich aussehenden Zwiebeluhr, die an einer dicken, goldenen Kette hing. »Schon fast 18 Uhr. Was wird mein Herr sagen?«

»Sie haben Sorgen. Beten Sie zu Gott, daß mein Partner die Plastik findet.«

»Und wenn nicht?«

»Dann werden wir Sie so lange unter Druck setzen, bis Sie singen! War das deutlich genug?«

»Und wenn die Plastik gefunden worden ist?«